MERKUR

Heft 02 / Februar 2010

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Wolfgang Wieser

Das neue Drehbuch für den Darwinismus

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Zitate:

Die Fliegen der Gattung Drosophila sind berühmt für ihre komplizierten Balztänze auf den Blättern tropischer Bäume. Da auf solchen Bäumen Dutzende Arten der Gattung leben, müssen sich, um Verwechslungen zu vermeiden, die Tänze der Arten deutlich voneinander unterscheiden. Jede Fliege erkennt an den Reaktionen des Partners sofort, ob dieser zur eigenen oder zu einer fremden Art gehört. Wirbt ein Männchen um ein Weibchen, dann tippt er sie mit den Vorderbeinen an, als wollte er zunächst nur ihre Aufmerksamkeit erregen. Dann folgt er ihr auf Schritt und Tritt und beginnt mit den Flügeln zu singen. Anschließend streckt er seinen Rüssel aus, küsst sie, leckt sie und versucht schließlich zu kopulieren. Das Männchen verfügt über einen erektilen Penis, das Weibchen über eine Vagina, und der Akt dauert üblicherweise zwanzig Minuten. Dieses Balzrepertoire wurde nun von Benzer und Mitarbeitern in Teile zerlegt, indem sie natürliche Mutanten aufspürten oder durch Bestrahlung künstliche erzeugten. Kurz und gut, es stellte sich heraus, dass praktisch jeder einzelne Schritt des Tanzes ererbt und vererbbar ist und auf die Aktivitäten einzelner Gene zurückgeführt werden kann. Ganz augenscheinlich haben wir es somit im Tierreich mit grundlegend verschiedenen Gehirnkonstruktionen zu tun, die jedoch durch die Stränge der biologischen Evolution miteinander verbunden sind. In sämtlichen Fällen steuert das Gehirn das Verhalten des jeweiligen Individuums, aber die Mechanismen der Steuerung können sehr unterschiedlich sein. Im Fall der Taufliege Drosophila ist die Verbindung zwischen dem winzigen Gehirn und dem komplexen Balzverhalten rein genetisch determiniert, entspricht somit zur Gänze demnach Richard Dawkins in Das egoistische Gen entfalteten einzig denkbaren Prinzip der Verhaltenssteuerung: Jedes Verhaltenselement lässt sich auf die Aktivität eines einzigen Gens, eventuell auch auf die Summe der Aktivitäten einiger weniger Gene zurückführen. Ganz anders konstruiert ist die Beziehung zwischen Gehirn und Verhalten im Falle von Homo sapiens, bei dem das Gehirn ein hohes Maß an Autonomie gewonnen hat, individuelles Verhalten somit nur partiell durch genotypische Aktivitäten gesteuert wird. Während am morphogenetischen Aufbau der neuronalen Netzwerke im Gehirn Gene und deren Expressionsprodukte (Proteine, RNA) die entscheidenden Rollen spielen, werden vor allem jene Anteile des Verhaltens von der phänotypischen Aktivität der synaptischen Netzwerke kontrolliert, die zu den höchsten geistigen Leistungen des Menschen zählen: Sprechen, Denken, Dichten, Musizieren, den Nächsten wie das Selbst lieben usw. Eine ähnliche Aufteilung der Verhaltenssteuerung dürfte auch für jene hochentwickelten homoiothermen Tiere gelten, die wir intuitiv oder auf Grund sorgfältiger Studien zu den "intelligenten" Tieren zählen wie nichtmenschliche Primaten, Elefanten, Delfine, Hunde, Raben und einige mehr.

MERKUR Jahrgang 64, Heft 729, Heft 02, Februar 2010
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Karl Otto Hondrich, James Bowman, Christian Caryl, Thomas Frahm, Hansjörg Küster, Jürgen Kocka, Karl Heinz Bohrer, Jan-Werner Müller, Wolfgang Wieser, Eduard Kaeser, Klaus Birnstiel, Wolfgang Schröder, Wolfgang Marx,


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