Dreißig Jahre benötigte die Grüne Partei, um in Deutschland Wahlen zu gewinnen, also auf demokratische Weise Machtfragen zu ihren Gunsten zu beantworten. Inzwischen stellt sie den Ministerpräsidenten in einem der wichtigsten und wirtschaftsstärksten deutschen Flächenländer. Von den meisten Beobachtern war die erfolgreiche Auseinandersetzung um die Seniorposition in einer Koalitionsregierung jedoch zu Recht als symbolisch oder nachholend gewertet worden. Viel stärker fiel ins Gewicht, dass der Wahlsieg in Baden-Württemberg nur sichtbar machte, wie tief und wie nachhaltig der Habitus dieser Partei die politischen Vorstellungswelten, die neuen Ordnungsmuster und die Gefühlslagen des bundesdeutschen Wahlbürgertums bereits beeinflusst hatte, und zwar ungeachtet klassischer Trennlinien, ob sie nun Einkommensschichtung, kulturelles Milieu, Bildungsstand, Beschäftigungsverhältnis oder traditionelles Wahlverhalten betreffen. Um die Dimension dieser dreißigjährigen Veränderungskraft zu bezeichnen, ist Antonio Gramscis Hegemoniebegriff bemüht worden. Danach wäre es den Grünen gelungen, die eigenen Ziele als solche der Gesellschaft auszugeben: ein strategischer Sieg einer Partei mit weltanschaulichem Anspruch.
Jahrgang 65, Heft 750, Heft 11, November 2011