Werke, Band 2

Jenseits von Schuld und Sühne. Unmeisterliche Wanderjahre. Örtlichkeiten
Buchdeckel „978-3-608-93562-2
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Die bahnbrechenden Essays von einem der bedeutendsten europäischen Schriftsteller und Intellektuellen.

»Zusammen mit der Skepsis ... ist der menschenfreundliche Optimismus der Aufklärung ... unsere einzige Chance, Geschichte zu machen und mit ihr das recht eigentliche humane Geschäft; die Sinngebung des Sinnlosen zu betreiben.«
Jean Améry

Jean Améry zählt zu den bedeutendsten europäischen Schriftstellern und Intellektuellen. Seine bahnbrechenden Essays sind in ihrer Bedeutung wohl nur mit den Schriften Hannah Ahrendts und Theodor W. Adornos zu vergleichen. Améry hat wie kein anderer die deutsche Öffentlichkeit mit französischen Dichtern und Denkern wie Proust und Flaubert, Sartre und Simone de Beauvoir bekannt gemacht; bereits Mitte der sechziger Jahre setzte er sich mit dem französischen Strukturalismus auseinander. Als Romancier allerdings ist Améry zu Lebzeiten noch kaum wahrgenommen worden – seine Romane und Romanfragmente sind erst noch zu entdecken. Zum ersten Mal hat man einen Gesamtüberblick über die Vieseitigkeit dieses europäischen Denkers. Die auf neun Bände angelegte Ausgabe stellt den Kulturkritiker wie den Romancier vor, zum Teil mit noch nie erschienenen Texten. Jeder Band enthält einen Dokumentationsteil und ein eingehendes Nachwort zur Entstehung und Rezeption der jeweiligen Texte.
Der Eröffnungsband enthält »Jenseits von Schuld und Sühne«, mit dem der Autor 1966 schlagartig berühmt wurde. Im Anhang zu dieser Neuausgabe sind frühe, in Auschwitz-Monowitz begonnene Aufzeichnungen abgedruckt – Urtexte zu Amérys Denken über Tortur, Auschwitz und die »Psychologie des deutschen Volkes«. Weiterhin enthalten sind die Sammlungen »Unmeisterliche Wanderjahre« und »Örtlichkeiten«.
Vgl. auch das Nachwort von Irene Heidelberger-Leonard zur Gesamtausgabe und zum Band 2 unter »Leseprobe«.

Hier gelangen Sie zu den übrigen Bänden der Werkausgabe Jean Amérys.

Leseprobe
Irene Heidelberger-Leonard:
Über Améry und Band 2 der Neuen Ausgabe


Jean Améry zählt zu den bedeutendsten europäischen Intellektuellen der sechziger und siebziger Jahre. Seine Essays waren geradezu bahnbrechend, was den Diskurs über Auschwitz und die deutsche Vergangenheit betrifft. Sie sind in ihrer intellektuellen Bedeutung vielleicht nur mit den zeitgenössischen Schriften Hannah Arendts, Theodor W. Adornos oder Alexander Mitscherlichs zu vergleichen. Als Reflexion über die Existenz im Vernichtungslager stehen sie vermutlich Primo Levis Büchern am nächsten. Zugleich jedoch hat Améry wie kaum ein anderer Intellektueller die deutsche Öffentlichkeit mit französischen Denkern und Schriftstellern ebenso bekanntgemacht wie konfrontiert. Die lebenslange, in sich widersprüchliche Affinität zur Philosophie Sartres und die früh einsetzende, scharfe Kritik an den Positionen Foucaults zeigen ihn als geistigen Vermittler, dem das Vermittelte zur sinnlichen Erfahrung wurde. Mit seinen Arbeiten über deutsche, österreichische und französische Autoren und Autorinnen der Vergangenheit und Gegenwart (von Thomas Mann bis zu Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard) gehört er zu den einfühlsamsten und kenntnisreichsten Literaturkriti-kern seiner Zeit. Er selbst blieb als Romancier zeitlebens mißverstanden – seine Romanfragmente, Romane und Roman-Essays sind erst noch zu entdecken oder in ihrer Bedeutung neu zu bewerten.
Die neue große Ausgabe der Werke Jean Amérys bringt nun zum ersten Mal in geschlossener Form alle wichtigen Werke und Schriften, darunter auch das bisher unpuzblizierte, frühe Romanfragment »Die Schiffbrüchigen«. Hinzu kommen eigene Bände mit Briefwechsel und Rezeptionszeugnissen. Die Ausgabe ermöglicht damit die vielfältigen, bisher fast immer nur getrennt wahrgenommenen Arbeiten im Zusammenhang zu sehen und damit auf neue Weise zu verstehen. Durch Abdruck bisher unveröffentlichter oder in Vergessenheit geratener früher Texte kann die Entwicklung von Amérys Denken und Schreiben nachvollzogen werden.
Ein umfangreiches Nachwort soll jeden einzelnen Text erläutern und die Entstehung und Rezeption kommentieren. Die HerausgeberInnen, die mit vielfältigen Arbeiten über Jean Améry bereits hervorgetreten sind, wollen dabei nicht nur den neuesten Forschungsstand vermitteln, sondern seine Werke über eine bloß akademische Auseinandersetzung hinaus vergegenwärtigen und im Zusammenhang heutiger Debatten reflektieren.

Jenseits von Schuld und Sühne; Unmeisterliche Wanderjahre; Örtlichkeiten
Der 2. Band der neuen großen Jean Améry-Ausgabe enthält jenes Werk, mit dem der Autor 1966 im deutschsprachigen Raum und bald auch darüber hinaus bekannt geworden ist: »Jenseits von Schuld und Sühne«. Diese Essays sind ohne Zweifel die gedankliche Grundlage jeder heutigen Diskussion über Auschwitz. Sie sind in ihrer paradigmatischen Bedeutung einzig mit Primo Levis frühem »Ist das ein Mensch?« zu vergleichen. Tatsächlich sind die Erkenntnisse und Gedanken von »Jenseits von Schuld und Sühne« in den gegenwärigen Debatten über die Erinnerungskultur präsent, oft fällt dabei auch der Name Amérys, aber es fehlt seit langem eine intensive Auseinandersetzung mit den Texten selbst. Dafür schafft die vorliegende Ausgabe nun ganz neue Voraussetzungen.
Erstmals werden in der Neuausgabe dieses Buches frühe, bisher völlig unbekannte Aufzeichnungen Amérys aus dem Jahr 1945 publiziert. Manche dieser Aufzeichnungen wie Zur Psychologie des deutschen Volkes und Arbeit macht unfrei nehmen ihren Anfang zum Teil schon 1945 in den Schreibstuben der Buna-Werke von Auschwitz-Monowitz. In jeder Hinsicht frappierend, können sie (spätere Erkenntnisse von Hannah Arendt und Alexander Mitscherlich vorwegnehmend) nicht nur die Sicht und geradezu erschlagende Voraussicht eines Überlebenden von 1945 vergegenwärtigen, sondern sie eröffnen auch völlig neue Blickwinkel auf die Entwicklung von Amérys Denken. Sie sind vor allem auch als Grundlage bzw. Vorarbeit des ersten und dritten Essays (»An den Grenzen des Geistes«, »Ressentiments«) zu betrachten. Hinzu kommen einzelne Abschnitte aus bislang weitgehend unbeachtet gebliebenen, frühen Büchern Amérys z.B. das Deutschland-Kapitel aus Geburt der Gegenwart, in dem der Autor – ganz ähnlich wie Hannah Arendt in dem berühmten Text »Besuch in Deutschland« – seine Reise nach Deutschland im Jahre 1952 darstellt.
Aus der Zusammenstellung dieser Ur-Texte läßt sich über einen Zeitabschnitt von 20 Jahren die Genese von Amérys wichtigsten Essays nachvollziehen. Was der Autor über den Intellektuellen in Auschwitz, die Tortur, die Ressentiments, die Heimat und das Judentum nach Auschwitz niederschrieb, kann als Resultat eines langen, in sich widersprüchlichen Prozesses der Desillusionierung begriffen werden.
Das Nachwort bringt nicht nur eine genaue Dokumentation der Zusammenarbeit mit Helmut Heißenbüttel, in dessen Rundfunkprogramm die Essays ursprünglich gesendet worden sind; es klärt auch über bisher übersehene oder unbekannte Faktoren der Entstehung und Rezeptionsgeschichte auf: Warum ist der ursprünglich unter dem Titel »Ressentiments« angekündigte Band schließlich als »Jenseits von Schuld und Sühne« erschienen? Die verschiedenen Äußerungen des Autors über seinen Text werden hier dokumentiert und kommentiert.
Neben der Entstehung wird im Nachwort auch die Rezeption untersucht: Zum erstenmal wird den Spuren nachgegangen, die Amérys Essays über die Tortur in Adornos Vorlesungen zur Metaphysik und – dadurch vermittelt – in der Negativen Dialektik hinterlassen hat. Zugleich werden die verschieden gelagerten Auseinandersetzungen in den Werken von Bachmann und Andersch, in den Essays von Heißenbüttel, Kesting, Baier bis Todorov, Reemtsma und Finkielkraut rekonstruiert.
Im Band 2 erscheinen auch die beiden späteren Essayreihen »Unmeisterliche Wanderjahre« und »Örtlichkeiten«, in denen Amery auf verschiedene Weise intellektuelle und topographische »Stationen« seiner Biographie vor und nach seiner Zeit in den Vernichtungslagern darstellt, wobei das Ausgesparte ständig präsent bleibt. Darum sind beide Essayreihen auch im engen Zusammenhang mit »Jenseits von Schuld und Sühne« zu lesen. In der Neuausgabe der »Untermeisterlichen Wanderjahre« und der »Örtlichkeiten« werden ebenso Voraussetzungen und Entstehung durch früher entstandene Arbeiten und bisher unveröffentlichte Entwürfe dokumentiert; hinzu kommen Ausschnitte aus der Korrespondenz des Autors, die im Zusammenhang mit beiden Essayreihen stehen oder in denen die Stellung des Autors zu ihnen zum Ausdruck kommt.
Das Nachwort der jeweiligen Schriften analysiert die wechselvollen Beziehungen Amérys zur deutschen und der französischen Studentenbewegung von 1968, die Konflikte mit Adorno und der Frankfurter Schule auf der einen, den französischen Strukturalisten auf der anderen Seite, Zusammenhänge, die für die Perspektive der beiden Essaybände von entscheidender Bedeutung sind. Und es präsentiert und analysiert die wichtigsten Stimmen über die Bücher von Alfred Andersch und Günter Kunert bis zu Hans Mayer und Ernst Fischer.
Mit diesen drei in einem Band erscheinenden Essayreihen und der Dokumentation ihrer Vorarbeiten ist in gewisser Weise schon der Bogen um das ganze Werk gespannt: von den frühen Aufzeichnungen von 1945 bis zu den, nach dem Selbstmordversuch von 1974 geschriebenen und nach dem Freitod von 1978 publizierten Örtlichkeiten.
»... die drei grundlegenden autobiografischen Schriften.«
Karl-Markus Gauss, Neue Zürcher Zeitung, 10.07.2004

»... Dieser von Gerhard Scheit herausgegebene Band enthält auch eine Menge unbekannter Vorläufertexte, deren erste Notizen wohl noch im Lager entstanden sind. Übersichtlich wird die Arbeit an frühen Fassungen, der Prozess der Überarbeitung von 20 Jahren, der dem deutschen Essayisten Jean Améry vorausging. ...«
Wilfried F. Schoeller, Die Zeit, 15.1.2004

»... Deshalb sei hier lediglich festgehalten, dass diese verdienstvolle Edition, die bis 2006 abgeschlossen sein soll, für wesentliche Kapitel der neueren politischen Geschichte, der Literaturgeschichte und Rezeptionsästhetik und sozusagen der intellektuellen Mentalitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts sich als ungewöhnliche Fundgrube erweist. ...«
Heinz Robert Schlette, Die Furche, Wien, 10.4.2003

»... Der Verlag Klett-Cotta würdigt Améry mit einer von Irene Hedelberger-Leonhard überaus gewissenhaft betreuten neunbändigen Gesamtausgabe, die sein Schaffen als Kulturkritiker und Romancier gleichrangig nebeneinander stellt. ... Alle drei Texte (von Band 2) machen deutlich, daß Amérys wegweisende Untersuchungen zur NS-Diktatur vom Gewicht der Arbeiten Hannah Arendts, Peter Weiss’ oder Theodor W. Adornos sind. Anders als diese sperren sie sich jedoch gegen jeden Vesuch einer Rationalisierung durch eine vorgegebene Theorie oder wissenschaftliche Methode, sei es Marxismus oder Totalitarismustheorie, Psychologie oder Geschichtswissenschaften. ...«
Jonathan Scheiner, Jüdische Allgemeine, 21.11.2002
Klett-Cotta Hg. von Gerhard Scheit. Die Ausgabe wird unterstützt von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.
2. Aufl. 2007, 856 Seiten, geb. mit Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-93562-2

Jean Améry

Jean Améry, im Oktober 1912 als Hans Mayer in Wien geboren, zählt zu den bedeutendsten europäischen Intellektuellen der sechziger und siebziger Jahre....

autor_portrait

Irene Heidelberger-Leonard

Irene Heidelberger-Leonard, geboren 1944 in der Emigration in Frankreich. Professorin an der Université Libre de Bruxelles. Zahlreiche Ver...

Gerhard Scheit

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