Das letzte Einhorn und Zwei Herzen

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Der Fantasy-Klassiker in günstiger Sonderausgabe

Der Klassiker zusammen mit einer erstmalig auf Deutsch erscheinenden Fortsetzung. Die Leser dürfen sich auf ein Wiedersehen mit dem Zauberer Schmendrick, Molly Grew und - dem berühmtesten Huftier der Fantasyliteratur freuen. Für »Zwei Herzen« wurde Peter S. Beagle mit den beiden wichtigsten Fantasypreisen Nebula- und Hugo-Award ausgezeichnet.

Die vielen alten und neuen Liebhaber des letzten Einhorns können hier den Klassiker zusammen mit einer erstmalig auf Deutsch erscheinenden Fortsetzung lesen. »Das letzte Einhorn« kehrt zu den Menschen zurück ...

Längst gehört »Das letzte Einhorn« zum Kanon der Weltliteratur für Jung und Alt und es hat nichts von seiner Faszination verloren. In dieser erweiterten Ausgabe des Klassikers führt Peter S. Beagle die spannende Geschichte um die verschwundenen Einhörner weiter. Das Dorf, in dem die kleine Sooz lebt, wird von einem gefährlichen und bösen Greif bedroht. Immer wieder entführt er kleine Kinder in den Wald und lässt sie nicht mehr frei. Sooz beschließt, sich heimlich aufzumachen und den alten König Lír um Hilfe für ihr Dorf zu bitten. Aber vermögen Normalsterbliche wirklich etwas gegen ein gefährliches Fabeltier auszurichten? Ein Greif nämlich hat zwei Herzen, das eines Adlers und das eines Löwen. Die Leser dürfen sich auf ein Wiedersehen mit dem Zauberer Schmendrick, Molly Grew und - dem berühmtesten Huftier der Fantasyliteratur freuen.

Durch Zufall hört das letzte Einhorn, dass es das Letzte seiner Art ist
und dass die anderen Einhörner vom roten Stier vertrieben wurden.
Gemeinsam mit dem gänzlich unbegabten Zauberer Schmendrick und der
Räuberbraut Molly Grue macht sich das letzte Einhorn auf zum Hof von
König Hagard, seine Gefährten zu suchen: »Das helle Funkeln der Hörner.
Wie regenbogenschimmernde Masten auf silbernen Schiffen kamen die Hörner
aus dem Meer geritten. Jede Woge trug Hunderte heran, sie bäumten sich
auf und stampften und bogen ihre langen wolkigen Hälse weit zurück.«

Leseprobe
Schmendrick kam kurz vor Tagesanbruch zurück, lautlos wie Wasser zwischen den Käfigen hindurchgleitend. Nur die Harpyie gab Laut, als er vorüberkam. "Ich konnte mich nicht früher freimachen", sagte er zum Einhorn, "sie hat Rukh befohlen, auf mich aufzupassen, und der schläft so gut wie nie. Aber ich habe ihm ein Rätsel aufgegeben, und er braucht immer die ganze Nacht, um eins zu lösen. Das nächste Mal erzähl' ich ihm einen Witz, das wird ihn eine ganze Woche beschäftigen."

Das Einhorn ließ den Kopf hängen. "Ich bin verzaubert", sagte es leise. "Warum hast du es mir nicht gesagt?"

"Ich dachte, du wüßtest es", sagte der Zauberer sanft. "Hast du dich denn gar nicht gewundert, daß die Zuschauer dich erkannten?" Er lächelte, was ihn ein wenig älter machte. "Nein, natürlich nicht. Darüber würdest du dich nie wundern!"

"Ich bin noch nie verzaubert gewesen", erwiderte das Einhorn. Es zitterte und bebte. "Nie gab es eine Welt, in der man mich nicht kannte."

"Ich weiß genau, wie dir zu Mute ist", pflichtet ihm Schmendrick augenblicklich bei. Das Einhorn sah ihn aus dunklen, unergründlichen Augen an, worauf er nervös lächelte und seine Hände betrachtete. "Selten der Mann, den man für das hält, was er wirklich ist. Die Welt steckt voller Fehlurteile. Ich allerdings habe auf den ersten Blick erkannt, daß du ein Einhorn bist, und ich bin mir gewiß, dein Freund zu sein. Und dennoch hältst du mich für einen Clown, einen Hanswurst, einen Verräter, und wenn du mich so siehst, muß ich auch einer sein. Der Bann, der auf dir liegt, ist nur ein Truggespinst und wird sich in Nichts auflösen, sobald du wieder frei bist, die Larve aber, die du mir aus Vorurteil aufgesetzt hast, die muß ich in deinen Augen für alle Zeiten tragen. Wir sind nicht immer, was wir scheinen, und selten nur, was wir erträumen. Aber irgendwo habe ich gehört und gelesen, daß vor langer, langer Zeit Einhörner wohl zu unterscheiden wußten zwischen lachendem Mund und Herzeleid, Hirngespinst und Wirklichkeit." Der Himmel färbte sich hell, und Schmendricks leise Stimme übertönte für kurze Zeit das Gekreische der Käfiggitter und das leise Rauschen der Harpyienschwingen.

"Ich glaube, daß du mein Freund bist", sagte das Einhorn. "Wirst du mir helfen?"

"Wenn nicht dir, dann niemandem", antwortete er. "Du bist meine letzte Hoffnung."

Nacheinander erwachten winselnd, zitternd und niesend die armseligen Tiere der Mitternachtsmenagerie. Das eine hatte von Steinen und Käfern geträumt und von zarten Blättern; ein anderes war im Traum in sonnenheißem, hohem Gras umhergestreift; ein drittes hatte sich in Blut und Schlamm gewälzt. Und eines hatte davon geträumt, wie eine gute Hand es liebevoll hinter den Ohren kraulte. Die Harpyie schlief nie; sie saß jetzt da und starrte in die Sonne, ohne zu blinzeln. Schmendrick flüsterte: "Wenn sie sich zuerst befreit, sind wir verloren!"

In der Nähe hörten sie Rukh rufen - seine Stimme klang immer, als sei sie in der Nähe -: "Schmendrick! He, Schmendrick! Ich hab's! Es ist eine Kaffeekanne! Stimmt's?" Der Zauberer empfahl sich und flüsterte zum Abschied: "Heute Nacht! Trau mir, bis es dunkel wird." Und mit flatternden Rockschößen stob er davon, und wieder schien es so, als ließe er einen Teil von sich zurück.

Gleich darauf galoppierte Rukh am Käfig vorbei, eine geballte Ladung Ehrgeiz und Begeisterung. In ihrem Wagen verborgen, summte Mammy Fortuna Elis Lied:

Heut ist gestern, kalt ist heiß,
alles Hohe zieht's hernieder.
Rätsels Lösung niemand weiß -
was vergangen, kehrt nicht wieder.

Die ersten Zuschauer schlenderten herbei; Rukh lockte sie, indem er wie ein eiserner Papagei "Kreaturen der Nacht!" schrie, und Schmendrick stand auf einer Kiste und zauberte. Das Einhorn sah ihm sehr aufmerksam zu, zweifelte in zunehmendem Maße - nicht an seiner Aufrichtigkeit, sondern an seiner Geschicklichkeit. Aus einem Schweinsohr machte er ein ganzes Schwein, aus einem Glas Wasser eine Handvoll Wasser, aus einer Pikfünf eine Piksieben, und ein Karnickel verwandelte er in einen Goldfisch, der augenblicklich ertrank. Nach jedem mißglückten Trick warf er einen raschen Blick zum Einhorn herüber, und seine Augen sagten: "Oh, aber wenigstens du weißt, was ich wirklich wollte." Einmal verwandelte er eine verwelkte Rose in ein Samenkorn. Das gefiel dem Einhorn, selbst als es sich als Rettichsamen entpuppte.

Aus »Zwei Herzen«
Mein Bruder Wilfrid findet es einfach ungerecht, dass das alles mir passiert ist. Wo ich doch ein Mädchen bin und noch ein Wickelkind und zu dumm, allein meine Sandalen zu schnüren. Aber ich finde es gerecht. Ich finde, es war alles genau richtig so. Bis auf das Traurige, und vielleicht sogar das.
Ich bin Sooz, und ich bin neun. Zehn im nächsten Monat, wenn sich wieder der Tag jährt, an dem der Greif kam. Wilfrid sagt, das war wegen mir, weil der Greif gehört hatte, dass gerade das hässlichste Kind der Welt geboren worden war, und mich fressen wollte, aber ich war zu hässlich, selbst für einen Greif. Also baute der Greif sich ein Nest im Midwood (so nennen wir den Wald, obwohl er eigentlich Midnight Wood heißt, weil es unter den Bäumen so finster ist) und blieb hier, um unsere Schafe und Ziegen zu fressen. Wie es Greife eben tun, wenn es ihnen irgendwo gefällt.
Aber Kinder fraß er nie, bis dieses Jahr.
Ich habe ihn nur einmal gesehen - ich meine, nur einmal vorher -, als er eines Abends über den Bäumen emporstieg wie ein zweiter Mond. Nur dass da kein Mond war an dem Abend. Da war gar nichts auf der ganzen weiten Welt, nur der Greif: die goldenen Federn am Löwenleib und an den Adlerschwingen lodernd, die mächtigen Vorderkrallen wie Zähne und der Monsterschnabel so riesig im Verhältnis zu seinem Kopf ... Wilfrid sagt, ich hätte drei Tage lang geschrien, aber das ist gelogen, und ich habe mich auch nicht im Erdkeller versteckt, wie er behauptet, ich habe die beiden Nächte in der Scheune geschlafen, bei unserem Hund Malka. Weil ich wusste, Malka lässt nicht zu, dass mich irgendwas holt.
Sicher, meine Eltern hätten es auch nicht zugelassen, nicht, wenn sie's hätten verhindern können. Aber Malka ist einfach der größte und beherzteste Hund im ganzen Dorf und fürchtet sich vor gar nichts. Und nachdem der Greif Jehane geholt hatte, die kleine Tochter vom Schmied, konnte man gar nicht nicht merken, wie erschrocken mein Vater war, weil er die ganze Zeit herumrannte, zu den anderen Männern, um eine Art Wache zu organisieren, damit die Leute immer Bescheid wussten, wenn der Greif kam. Ich weiß, er hatte Angst um mich und meine Mutter und tat alles, um uns zu beschützen, nur dass ich mich davon nicht sicherer fühlte, aber bei Malka wohl.
Aber es wusste ja sowieso keiner, was tun. Mein Vater nicht und auch sonst niemand. Es war ja schon schlimm genug, wenn der Greif Schafe holte, weil hier fast jeder davon lebt, dass er Wolle oder Käse oder Schaffelle verkauft. Aber dass er dann im letzten Vorfrühling Jehane holte, das änderte alles. Wir schickten Boten zum König - drei verschiedene - und jedesmal schickte der König jemanden mit ihnen zurück. Das erste Mal war es nur ein Ritter, einer allein. Er hieß Douros und schenkte mir einen Apfel. Er ritt singend los, in den Midwood, um Ausschau nach dem Greif zu halten, und wir haben ihn nie wiedergesehen.
Das zweite Mal - als der Greif Louli geholt hatte, den kleinen Gehilfen vom Müller - schickte der König gleich fünf Ritter. Einer von ihnen kam zwar wieder, aber er starb, bevor er irgendjemandem erzählen konnte, was passiert war.
Das dritte Mal kam eine ganze Schwadron. Das sagte jedenfalls mein Vater. Ich weiß nicht, wie viele Soldaten eine Schwadron hat, aber es waren viele, und sie waren zwei Tage im ganzen Dorf, bauten überall ihre Zelte auf, stellten ihre Pferde in jeden Stall und prahlten in der Schänke, wie sie diesen Greif für uns arme Bauern im Handumdrehen erledigen würden. Sie hatten Pfeifer und Trommler dabei, als sie in den Midwood marschierten - das weiß ich noch, und ich weiß auch noch, wie die Musik abbrach und was für Geräusche wir dann hörten.
Danach schickte das Dorf niemanden mehr zum König. Wir wollten nicht, dass noch mehr von seinen Männern starben, und außerdem waren sie uns sowieso keine Hilfe. Also wurden von da an alle Kinder schnell in die Häuser geholt, wenn die Sonne unterging und der Greif von seinem Tagesschlaf erwachte, um wieder zu jagen. Wir durften nicht mehr zusammen spielen, keine Botengänge für unsere Eltern machen, keine Herden hüten, ja nicht mal in der Nähe von offenen Fenstern schlafen, aus lauter Angst vor dem Greif. Mir blieb nichts anderes zu tun, als Bücher zu lesen, die ich schon auswendig konnte, und mich bei meinen Eltern zu beklagen, die von dem ganzen Aufpassen auf Wilfrid und mich zu müde waren, um sich mit uns zu beschäftigen. Sie passten ja auch noch auf die anderen Kinder auf, immer abwechselnd mit anderen Familien, und auf unsere Schafe und auf unsere Ziegen, deshalb waren sie immer müde, noch zu der Angst, und die meiste Zeit grollte jeder jedem. So ging es allen.
Und dann holte der Greif Felicitas.
Felicitas konnte nicht reden, aber sie war meine beste Freundin, schon seit wir klein waren. Ich verstand immer, was sie sagen wollte, und sie verstand mich besser als irgendjemand sonst, und wir spielten auf eine besondere Art, wie ich nie wieder mit jemandem spielen werde. Ihre Familie hielt sie für einen unnützen Esser, weil kein Bursche ein stummes Mädchen heiraten würde, also ließen sie sie meistens bei uns essen. Wilfrid machte sich immer über das leise Krächzen lustig, das der einzige Laut war, den sie hervorbrachte, aber ich warf einen Stein nach ihm, und da ließ er's dann bleiben.
Ich habe es nicht gesehen, aber im Kopf sehe ich es immer noch. Sie wusste , dass sie nicht raus durfte, aber sie freute sich immer so drauf, abends zu uns zu kommen. Und bei ihr zu Hause wäre ja keinem aufgefallen, dass sie nicht da war. Die bemerkten Felicitas sowieso nie.
Am selben Tag, an dem ich erfuhr, dass Felicitas geholt worden war, machte ich mich zum König auf.
Na ja, eigentlich war es in derselben Nacht , weil ich bei Tag nie von unserem Haus oder vom Dorf weggekommen wäre. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn nicht mein Onkel Ambrose eine Fuhre Schaffelle zum Markt in Hagsgate hätte bringen wollen - und um dort zu sein, wenn der Markt anfängt, muss man schon lange vor Sonnenaufgang los. Onkel Ambrose ist mein Lieblingsonkel, aber ich wusste, ich konnte ihn nicht bitten, mich zum König zu bringen, er wäre schnurstracks zu meiner Mutter gegangen und hätte ihr gesagt, sie solle mir Schwefel und Melasse geben und mich mit einem Senfpflaster ins Bett stecken. Er gibt sogar seinem Pferd Schwefel und Melasse.
Also ging ich an dem Abend früh ins Bett und wartete, bis alle schliefen. Ich wollte einen Brief auf meinem Kopfkissen hinterlassen, aber ich schrieb immer wieder etwas hin und zerriss es dann und warf es ins Feuer, und ich hatte Angst, dass jemand aufwachte oder dass Onkel Ambrose ohne mich losfuhr. Schließlich schrieb ich einfach nur: Bin bald wieder da . Ich nahm keine Kleider mit und auch sonst nichts außer einem Stückchen Käse, weil ich dachte, der König müsse ja wohl irgendwo in der Nähe von Hagsgate wohnen, der einzig größeren Stadt, die ich je gesehen habe. Meine Eltern schnarchten in ihrem Zimmer, aber Wilfrid war schon an der Feuerstelle eingeschlafen, und wenn er das tut, lassen sie ihn immer dort liegen. Wenn man ihn weckt, damit er ins sein Bett geht, schlägt er um sich und heult. Warum, weiß ich nicht.
Ich stand eine Ewigkeit da und guckte auf ihn runter. Im Schlaf sieht Wilfrid nicht halb so gemein aus. Meine Mutter hatte die Glut mit Asche bedeckt, damit am Morgen noch Feuer zum Brotbacken da war, und die Moleskin-Hosen von meinem Vater hingen zum Trocknen da, weil er am Nachmittag in den Viehteich hatte waten müssen, um ein Lamm zu retten. Ich verschob sie ein kleines bisschen, damit sie nicht angesengt wurden. Ich zog die Uhr auf - eigentlich ist es Wilfrids Aufgabe, das abends zu machen, aber er vergisst es immer - und musste dran denken, wie sie sie am Morgen alle ticken hören würden, wenn sie nach mir suchten und vor lauter Angst das Frühstücken vergaßen, und ich machte schon kehrt, um wieder in mein Zimmer zu gehen.
Aber dann drehte ich wieder um und kletterte aus dem Küchenfenster, weil unsere Haustür so quietscht. Ich hatte Angst, dass Malka in der Scheune aufwachen und sofort wissen würde, was los war, denn Malka kann ich nie was vormachen, aber sie wachte nicht auf, und ich hielt fast den ganzen Weg die Luft an, als ich zu Onkel Ambroses Haus rannte und schnell auf seinen Wagen mit den Schaffellen kletterte. Es war eine kalte Nacht, aber unter dem Haufen Schaffelle war es heiß und stinkig, und ich konnte nichts tun als dazuliegen und auf Onkel Ambrose zu warten. Also dachte ich vor allem an Felicitas, damit ich nicht so ein scheußlich schlechtes Gewissen hatte, weil ich einfach von zu Hause und von allen wegging. An Felicitas zu denken war schlimm genug - ich hatte noch nie jemanden, den ich gern hatte, verloren, nicht für immer -, aber es war wenigstens anders.
Wann Onkel Ambrose schließlich kam, weiß ich nicht, weil ich auf dem Wagen einschlief und erst wieder aufwachte, als da so ein Rucken und Knarren war und dieses schlabbrige Schnauben, das ein Pferd von sich gibt, wenn es geweckt wird und ihm das gar nicht passt - und schon waren wir auf dem Weg nach Hagsgate. Der Halbmond sank schon früh wieder, aber ich konnte das Dorf vorbeiholpern sehen, nicht silbrig in dem Licht, sondern unscheinbar und stumpf, keine Farbe, nirgends. Und trotzdem kamen mir fast die Tränen, weil es schon so weit weg schien, obwohl wir noch nicht mal am Viehteich vorbei waren und ich das Gefühl hatte, ich würde es nie wiedersehen. Ich wäre auf der Stelle aus dem Wagen geklettert, wenn ich nicht gewusst hätte, dass das nicht ging.
Weil der Greif immer noch wach und auf der Jagd war. Sehen konnte ich ihn natürlich nicht, unter den ganzen Schaffellen (außerdem hatte ich die Augen sowieso zu), aber seine Flügel machten ein Geräusch, als ob ganz viele Messer auf einmal geschärft würden, und manchmal stieß er einen Schrei aus, der schrecklich war, weil er so sanft und gedämpft klang und fast schon ein bisschen traurig und ängstlich , als ob der Greif den Laut nachmachte, den Felicitas von sich gegeben hatte, als er sie holte. Ich verkroch mich, so tief ich konnte, und versuchte wieder einzuschlafen, schaffte es aber nicht.
Was auch gut war, weil ich nicht bis nach Hagsgate rein mitfahren wollte, wo mich Onkel Ambrose finden musste, wenn er auf dem Marktplatz seine Felle ablud. Also streckte ich, als ich den Greif nicht mehr hörte (sie jagen nie weit von ihrem Nest, wenn es nicht sein muss) den Kopf über die hintere Klappe des Wagens und sah zu, wie die Sterne einer nach dem anderen erloschen, als der Himmel immer heller wurde. Der Morgenwind setzte ein, als der Mond unterging.
Als der Wagen nicht mehr so holperte und wackelte, wusste ich, dass wir auf die Straße des Königs eingebogen sein mussten, und als ich Kühe kauen und leise miteinander reden hörte, ließ ich mich vom Wagen fallen. Ich stand erst mal nur da, wischte mir Staubflusen und Wollbüschel von den Kleidern und schaute Onkel Ambroses Wagen hinterher, der immer weiter davonrollte. Ich war noch nie allein so weit von zu Hause weggewesen. Und noch nie so einsam. Vom Wind strich mir dürres Gras um die Knöchel, und ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich gehen musste.
Ich wusste nicht mal, wie der König hieß - ich hatte nie gehört, dass ihn jemand anders nannte als »der König«. Ich wusste, er wohnte nicht in Hagsgate selbst, sondern auf einem großen Schloss irgendwo in der Nähe, aber in der Nähe kann viel heißen, je nachdem, ob man mit einem Wagen fährt oder zu Fuß geht. Und ich musste immer wieder dran denken, dass meine Familie jetzt aufwachte und mich suchte, und von den Geräuschen, die die Kühe beim Weiden machten, kriegte ich Hunger, und meinen Käse hatte ich schon auf dem Wagen aufgegessen. Ich hätte so gern einen Penny dabeigehabt - nicht um was zu kaufen, nur um ihn in die Luft zu werfen und drüber entscheiden zu lassen, ob ich nach rechts oder nach links gehen sollte. Ich versuchte es mit flachen Steinchen, fand sie aber nicht wieder, wenn sie runtergefallen waren. Schließlich ging ich nach links, ohne bestimmten Grund, nur weil ich an der linken Hand einen kleinen silbernen Ring trage, den mir meine Mutter geschenkt hat. In diese Richtung führte auch eine Art Fußpfad, und ich dachte, vielleicht könnte ich ja um Hagsgate herumlaufen und mir dann überlegen, was weiter tun. Ich bin gut zu Fuß. Ich kann überall hinlaufen, wenn man mir genug Zeit lässt.
Nur dass es auf einer richtigen Straße leichter ist. Der Pfad hörte nach einer Weile auf und ich musste mich zwischen dichten Bäumen durchzwängen und dann durch so viel Brombeergesträuch, dass mir lauter stachlige Zweigstückchen im Haar hingen und meine Arme brannten und bluteten. Ich war müde und verschwitzt und kurz davor - aber nur davor - zu heulen, und sobald ich mich hinsetzte, um mich auszuruhen, krabbelten Käfer und anderes Getier auf mir herum. Dann hörte ich irgendwo in der Nähe Wasser plätschern, und davon kriegte ich sofort Durst, also ging ich dem Geräusch nach. Wobei ich allerdings die meiste Zeit kriechen musste und mir Knie und Ellbogen ganz fürchterlich aufschrammte.
Es war nicht gerade ein großartiger Bach - an manchen Stellen ging mir das Wasser kaum über die Knöchel -, aber ich war so froh, als ich ihn gefunden hatte, dass ich ihn regelrecht küsste und umarmte, mich auf die Knie fallen ließ und das Gesicht im Wasser vergrub wie in Malkas stinkigem alten Fell. Und ich trank, bis nichts mehr in mich reinging, und setzte mich dann auf einen Stein, ließ die winzigen Fische meine wunderbar kühlen Füße kitzeln, fühlte die Sonne auf den Schultern und dachte weder an Greife noch an Könige noch an sonst irgendwas.
Ich sah erst auf, als ich ein Stück bachaufwärts die Pferde wiehern hörte. Sie spielten nach Pferdeart mit dem Wasser, machten Blubberblasen wie kleine Kinder. Ganz gewöhnliche Reitgäule, einer mehr braun, der andere eher grau. Der Reiter des Grauen war abgesessen und guckte sich den linken Vorderfuß des Pferds an. Ich konnte nicht viel sehen - beide Reiter trugen schlichte, dunkelgrüne Mäntel, und ihre Hosen waren so abgewetzt, dass man die Farbe nicht mehr erkennen konnte - deshalb merkte ich nicht, dass einer von ihnen eine Frau war, bis ich dann die Stimme hörte. Eine hübsche Stimme, tief wie die von Silky Joan, über die ich meiner Mutter nicht mal Fragen stellen darf, aber auch irgendwie rau, als könnte die Frau wie ein Falke schreien, wenn sie wollte. Sie sagte: »Da ist kein Stein zu sehen. Vielleicht ein Dorn?«
Der andere Reiter, der auf dem braunen Pferd, antwortete: »Oder eine Druckstelle. Lass mich mal schauen.«
Diese Stimme klang heller und jünger als die der Frau, aber dass der Reiter ein Mann war, wusste ich, weil er so groß war. Er stieg von dem Braunen, und die Frau trat zur Seite, damit er den Fuß ihres Pferdes anheben konnte. Bevor er das tat, legte er dem Pferd die Hände an den Kopf, eine auf jeder Seite, und sagte etwas, das ich nicht verstehen konnte. Und das Pferd sagte etwas zu ihm . Kein Wiehern oder Schnauben oder sonst ein Geräusch, das Pferde machen, nein, es war, wie wenn jemand mit jemand anderem redet. Besser kann ich es nicht ausdrücken. Dann bückte sich der große Mann, hob den Fuß des Pferdes hoch und guckte ihn sich eine ganze Weile an, und das Pferd bewegte sich nicht, schlug nicht mit dem Schweif und nichts.
»Ein Steinsplitter«, sagte der Mann schließlich. »Nur ein ganz kleiner, aber er ist tief in den Huf eingedrungen, und jetzt schwärt es. Ich verstehe nicht, warum ich es nicht gleich gemerkt habe.«
»Nun ja«, sagte die Frau. Sie berührte ihn an der Schulter. »Man kann nicht alles merken.«
Der große Mann schien ärgerlich auf sich selbst, so wie mein Vater, wenn er das Weidegatter nicht richtig zugemacht hat und der schwarze Widder von unserem Nachbarn reinkommt und mit unserem armen alten Brimstone einen Kampf anfängt. Er sagte: »Ich schon. Ich habe es zu können.« Dann drehte er dem Pferd den Rücken zu, beugte sich über den Vorderhuf, wie es unser Schmied tut, und machte sich daran zu schaffen.
Was er machte, konnte ich nicht genau sehen. Er hatte keine Hufmesser oder Hufkratzer wie der Schmied, und ich kann nur sagen, ich glaube , er sang dem Pferd etwas vor. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es richtig gesungen war. Es klang eher wie der erfundene Singsang, den ganz kleine Kinder von sich geben, wenn sie allein im Dreck spielen. Keine Melodie, nur rauf und runter, di-da, di-da-di ... langweilig selbst für ein Pferd, hätte man meinen sollen. Das machte er ziemlich lange, den Huf immer noch in den Händen. Plötzlich hörte er auf zu singen, richtete sich auf, hielt etwas hoch, das in der Sonne glitzerte wie der Bach, und zeigte es als erstes dem Pferd. »Da«, sagte er, »das war es. Jetzt ist es wieder gut.«
Er warf das kleine Ding weg, hob den Huf wieder an, sang aber diesmal nicht, sondern berührte ihn nur leicht mit einem Finger, strich immer wieder drüber. Dann setzte er den Huf wieder ab, und das Pferd stampfte einmal fest auf und wieherte, und der große Mann wandte sich der Frau zu und sagte: »Trotzdem sollten wir hier unser Nachtlager aufschlagen. Sie sind beide müde, und mir tut der Rücken weh.«
Die Frau lachte. Ein tiefes, tönendes, langsames Lachen. So ein Lachen hatte ich noch nie gehört. Sie sagte: »Der größte Zauberer der Welt, und dir tut der Rücken weh? Heile ihn, so wie du meinen geheilt hast, damals, als der Baum auf mich fiel. Ich glaube, dazu hast du ganze fünf Minuten gebraucht.«
»Länger«, antwortete der Mann. »Du warst nicht bei Sinnen, hast es gar nicht mitbekommen.« Er berührte ihr Haar, das zwar fast ganz grau, aber dick und hübsch war. »Du weißt doch, wie ich dazu stehe«, sagte er. »Ich bin immer noch zu gern sterblich, um Zauberkräfte auf mich selbst anzuwenden. Das verdirbt es irgendwie - verwässert das Gefühl. Das habe ich dir doch schon erklärt.«
Die Frau sagte »Mmpff«, so wie ich es von meiner Mutter tausendmal gehört habe. »Also, ich bin schon mein Leben lang sterblich, und es gibt Tage, da ...«
Sie sprach nicht zu Ende, und der große Mann lächelte auf eine Art, die sagte, dass er sie necken wollte. »Da was?«
»Nichts«, sagte die Frau, »nichts, nichts.« Sie klang einen Augenblick lang gereizt, berührte dann aber den Mann an den Armen und sagte mit einer anderen Stimme: »An manchen Tagen - manchmal früh morgens - wenn der Wind nach Blüten riecht, die ich nie sehen werde, und in den nebligen Obstgärten Kitze tollen und du gähnst und brummelst und dich am Kopf kratzt und knurrst, dass wir noch vor dem Abend Regen kriegen werden und wahrscheinlich auch Hagel ... an solchen Tagen wünsche ich mir von ganzem Herzen, wir könnten beide ewig leben, und ich finde, du warst ein Riesennarr, das aufzugeben.« Sie lachte wieder, aber jetzt klang es ein bisschen zittrig. Sie sagte: »Dann wieder erinnere ich mich an Dinge, an die ich mich lieber nicht erinnern würde, und mein Magen muckt und alles Mögliche zwickt und zwackt mich - egal, was es ist und wo es weh tut, ob in meinem Körper, meinem Kopf oder meinem Herzen. Und dann denke ich, nein, wohl doch nicht, vielleicht nicht .« Der große Mann nahm sie in die Arme, und einen Moment lang legte sie den Kopf an seine Brust. Was sie noch sagte, konnte ich nicht hören.
Meiner Meinung nach hatte ich kein Geräusch gemacht, aber der Mann hob die Stimme ein wenig und sagte, ohne in meine Richtung zu schauen oder auch nur den Kopf zu heben: »Kind, hier gibt es etwas zu essen.« Zuerst war ich vor Schreck wie gelähmt. Durchs Gebüsch und die ganzen Erlen konnte er mich nicht gesehen haben. Und dann fiel mir wieder ein, wie hungrig ich war, und ohne dass ich wusste, was ich tat, ging ich auf sie zu. Ich guckte auf meine Füße und sah, wie sie sich bewegten, wie die Füße von jemand anderem, als ob sie diejenigen wären, die Hunger hatten, nur dass sie mich brauchten, um zu dem Essen zu gelangen. Der Mann und die Frau standen ganz still da und erwarteten mich.
Von nahem sah die Frau jünger aus, als ihre Stimme geklungen hatte, und der große Mann älter. Nein, das stimmt so nicht, das meine ich nicht. Sie war überhaupt nicht jung, aber das graue Haar machte ihr Gesicht jünger, und sie hielt sich kerzengerade, so wie die Lady, die kommt, wenn Leute bei uns im Dorf Kinder kriegen. Die hält auch ihr Gesicht ganz steif und starr, und ich mag sie nicht besonders. Das Gesicht dieser Frau hier war wohl nicht schön, aber es war ein Gesicht, an das man sich in einer kalten Nacht ankuscheln möchte. Besser kann ich es nicht sagen.
Der Mann ... im einen Moment sah er jünger aus als mein Vater und im nächsten älter als alle Menschen, die ich je gesehen habe, vielleicht sogar älter als Menschen eigentlich werden. Er hatte kein graues Haar, nur jede Menge Falten, aber das meine ich auch nicht. Es waren die Augen. Seine Augen waren grün, grün, grün , nicht wie Smaragde - ich habe mal einen Smaragd gesehen, eine Zigeunerin hat ihn mir gezeigt - und erst recht nicht wie Äpfel oder Limonen oder sowas. Vielleicht wie das Meer, aber das habe ich noch nie gesehen, deshalb weiß ich's nicht. Wenn man tief genug in den Wald reingeht (nicht in den Midwood natürlich, aber in jeden anderen Wald), kommt man früher oder später wohin, wo selbst die Schatten grün sind, und so waren seine Augen. Zuerst machten sie mir Angst.
Die Frau gab mir einen Pfirsich und sah zu, wie ich reinbiss, zu hungrig, um danke zu sagen. Sie fragte mich: »Was machst du hier, Mädchen? Hast du dich verirrt?«
»Nein, hab ich nicht«, murmelte ich mit vollem Mund. »Ich weiß nur nicht, wo ich bin, das ist was anderes.« Sie lachten beide, aber es war kein gemeines Lachen, kein Auslachen. Ich erklärte ihnen: »Ich heiße Sooz, und ich muss zum König. Er wohnt doch hier irgendwo in der Nähe, oder?«
Sie guckten sich an. Ich konnte ihnen nicht ansehen, was sie dachten, aber der große Mann hob die Augenbrauen, und die Frau schüttelte leicht den Kopf. Sie sahen sich eine ganze Weile an, bis die Frau dann sagte: »Nun ja, in der Nähe nicht gerade, aber auch nicht so weit weg. Wir sind selbst auf dem Weg zu ihm.« [...]
»"Das letzte Einhorn" ist das wunderschönste und anmutigste Fantasybuch aller Zeiten. Nah, melancholisch, fantastisch, stimmungsvoll, bildhaft und traurig.«
Nadine Schomakers, LovelyBooks, 16.12.2015
Hobbitpresse Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schweier und Cornelia Holfelder-von der Tann (Orig.: The Last Unicorn / Two Hearts)
2. Duckaufl. 2016, 304 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-93920-0
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Peter S. Beagle

Peter S. Beagle, geboren 1939 in Manhattan, gehört zu den ganz großen Fantasyautoren unserer Zeit. Er lebt in Oakland, Kalifornien. Seine größten...

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