Der letzte Schattenschnitzer

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Fürchte deinen Schatten!

Als eine alte Magie wieder zum Leben erwacht, beginnen die Schatten sich gegen ihre Herren zu verbünden. Und während ein kleiner Junge die Schatten seiner Stofftiere vertauschen lernt, geschieht ein Wunder, das die Welt in Verzückung setzt: Ein Mädchen ohne Schatten wird geboren, Carmen Maria Dolores Hidalgo.

Von jeher wacht der Rat der Schattensprecher über das Gleichgewicht zwischen Menschen und Schatten. Noch bevor die sagenumwobene Maria Dolores das Licht der Welt erblickt, wächst ein Kind mit einer unglaublichen Begabung heran: Jonas Mandelbrodt.

Er ist dazu bestimmt, die Sprache der Schatten zu erlernen. Mithilfe eines fast vergessenen magischen Zaubers ist er die einzige Hoffnung, den Krieg zwischen Mensch und Schatten zu verhindern. Als Jonas und Maria Dolores aufeinandertreffen, beginnt ein phantastisches Schattenspiel um Magie, Intrige und Macht.

Leseprobe
Ehrt eure Magier. Das ist, worum ich euch bitten will. Und fragt ihr mich, warum, dann werde ich euch verraten, dass ich einen dieser Magier gekannt habe. Oh ja, ich glaube, wahrhaft von mir behaupten zu können, dass ich Jonas Mandelbrodt gekannt habe. Besser, als irgendjemand sonst ihn gekannt hat. Doch über ihn zu schreiben fällt mir nicht leicht. Zumal es das Letzte ist, was ich tun werde.

Und kaum, dass ich damit begonnen habe, spüre ich bereits, wie die Kraft aus mir herausfließt, sehe, wie sie sich vor mir auf dem Papier zu Buchstaben formt. Ich will diese Kraft zu Worten verbinden, Sätze daraus formen, mit denen ich diese Seiten fülle.Auf ihnen will ich die Geschichte Jonas Mandelbrodts erzählen, damit die Menschen ihn nicht vergessen. Ich will, dass sie von dem erfahren, was sich hinter den Dingen verbirgt und das zu erwecken es nicht mehr braucht, als mit Augen zu schauen, die gewöhnlich nach innen blicken.

Ihr werdet euch fragen, wer ich bin, dass ich mir anmaße, von solchen Dingen zu schreiben.Von jenen Dingen hinter den Dingen. Sie zu ergründen bedurfte es Generationen weiser Frauen, Zauberkundiger und Gelehrter, die sich ganz und gar, mit Geist, Herz und Verstand, in die Wirren kosmischer Geheimnisse warfen, um diesen eine Ahnung des Verstehens zu entreißen.

Nichts bin ich von alldem.Weder ein Magier noch ein Gelehrter. Niemals könnte ich selbst eintauchen in jene Strudel kosmischer Rätsel. Doch ich bin ein Teil von ihnen gewesen und aus ihnen aufgetaucht. Und darum sind sie mir weniger fremd als euch. Ich habe mehr gesehen, als eure Federn, Stifte und Tasten jemals auf Papier festhalten können. Ich sah Menschen tote Materie erwecken; sah Menschen, deren Bücher mehr bewegten als der Zorn alter Könige! Selbst solche, die Blei in Gold verwandelten, habe ich gesehen. Ihnen allen war ich bestimmt zu dienen. Und war nicht ich es, so waren es andere meiner Art. Ich sah Menschen schlafende Ungeheuer in den Herzen anderer wecken und mit ihrer Hilfe die Welt verheeren. Städte sah ich aus dem Nichts entstehen, und zu Nichts sah ich sie wieder zerfallen.

All das sah ich und will euch doch nur um eines bitten: Ehrt eure Magier! Jene, die aus Schrecken und Wundern Geschichten formen, welche ihr verstehen könnt. Diese Zauberer sind die Menschen, die euch die Sprache der Dinge – der sichtbaren wie auch der unsichtbaren – übersetzen. Sie sind es, die euer inneres Auge lenken. Und selbst, dass ich diese Worte in eurer Sprache niederzuschreiben vermag, verdanke ich einem jener Zauberer. Einem, wie es ihn nur einmal gab auf der Welt: Jonas Mandelbrodt, der mich euch verstehen lehrte.

Ich habe viele gekannt, war zahllosen zu Diensten, der einzige aber, an den ich mich erinnern will, während ich vergehe, ist er. Und darum bitte ich euch, eure Magier zu ehren.

Und während eure Geschichtsschreiber bemüht sind, die Würde eines Cäsar, die Größe eines Napoleon und die Schönheit einer Nofretete zu überliefern, glänzt all das doch bloß matt verglichen mit dem Zauber Jonas Mandelbrodts.Vielleicht ist mein Urteil über ihn getrübt. Getrübt von all den Jahren, die ich ihm zu Füßen lag, den Jahren, die er mir ein guter Herr war, bevor er mir mein Dunkel verzieh und mir schließlich ein Freund wurde.Anfangs sah ich zu ihm auf wie zu zahllosen anderen zuvor. Doch wirklich zu ihm aufschauen tat ich erst, als ich ihm in die Augen blicken durfte …

Aber ich will keine weiteren Worte verschwenden, weiß ich doch nicht, wie viele mir noch bleiben. Gewiss wäre manches eurer Bücher ein besseres geworden, wäre die Tinte seines Autors so begrenzt gewesen wie die meine … Doch genug davon. Ich will beginnen mit meiner Geschichte, denn ich will, dass man eines weiß:

Ich habe Jonas Mandelbrodt gekannt.

1. BUCH

Salz Körper

KRISTALLISIERUNG

1.

Who knows, what evil lurks in the hearts of men? The shadow knows!
Intro zur Radiohörspielserie The Shadow (1930)

Als Jonas Mandelbrodt auf die Welt kam, stand ein satter Vollmond am Himmel.
Und doch war an seiner Geburt nichts von dem, was ich bei der Geburt von Männern empfand, die als Magier in eure Geschichte eingingen. Als Simon Magus in die Welt kam, be­ gann eine Sonnenfinsternis, die einen halben Tag andauerte und vier Könige vor Angst erzittern ließ. Ohne dass seine Mutter überhaupt von ihm gewusst hätte, entband sich Cagliostro inmitten eines Gewitters, das seine Ankunft wie mit Paukenschlägen begleitete. Houdini löste seine Nabelschnur sogar selbst, und als Crowley schließlich seine Augen öffnete, flammte ein neuer Stern am Nachthimmel auf … So etwas geschieht, wenn die magisch Begabten in eure Welt kommen. Es heißt, dass die geheimen Kräfte des Kosmos den sieben­ ten Söhnen eurer siebenten Söhne innewohnen. Diese, so sagt man, sind die Magischen unter euch Menschen.

Jonas Mandelbrodt hingegen war lediglich der Sohn von irgendwem, der ein Sohn von sonstwem gewesen war. Doch dessen ungeachtet begann er schon vor seiner Geburt, die Welt auf magische Weise zu verändern: So rauchte zum Beispiel seine Mutter mehr als ein Maya­Schamane vom Stamm der Quichése, die das Rauchen einst erfunden hatten. Kaum aber, dass sie von dem heranwachsenden Kind in ihrem Leib erfuhr, da hörte sie auf.Von einem Tag auf den anderen.

Und noch mehr vollbrachte Jonas, lange bevor er überhaupt zur Welt kam: Dadurch nämlich, dass er im Leib seiner Mutter heranwuchs, veränderte er auch seinen Vater. Kaum nämlich, dass dieser von Jonas erfuhr, löste er sich in Luft auf. Das haben Väter schon immer getan. Einige zumindest. Und diese sind, wie ich zu behaupten wage, nicht die besten ihrer Art …

Dreitausend Gramm wog der kleine Jonas, als er ankam in eurer Welt. Und der fehlenden Zeichen wegen hätte ich schwören können, dass keine Unze an ihm magisch war … Und auch der Ort seiner Geburt, die grauen Reihenhausabgründe einer deutschen Kleinstadt, besaßen keinen wirklichen Zauber. Hier warteten auf ihn das Licht der Welt, das Gesicht seiner Mutter und ein Hund, der zu alt zum Bellen war. Und all das sah Jonas mit den Augen eines Kindes, das unfertig und in der wirklichen Welt noch nicht ganz angekommen war. Das liegt daran, dass euer Körper in beinahe allem schneller ist als euer Geist. Wie schnell ist die Liebe gemacht, ein Buch gelesen oder ein Leben gelebt, ohne dass der Geist sich überhaupt auf den Weg begeben hat …

Der Körper Jonas Mandelbrodts war also in der Welt angelangt, in die seine Augen ohne Ziel und Sinn hineinstarrten. Und wenn ich ihn in jenen ersten Tagen schreien hörte, hätte ich einmal mehr schwören mögen, dass er nichts Besonderes war und nichts an ihm magisch …

Doch einem Menschen zu dienen, den die Götter ausersehen haben, nichts Besonderes zu sein, ist alles andere als schlecht.Wir sind, was wir sind. Eure Schatten. Nicht weniger und nicht mehr, und wir dienen demjenigen, an dessen Fuß das Schicksal uns heftet.Wer immer es ist. Und es ist ein angenehmes Dasein, wenn niemand auf die Idee kommt, uns zu formen, zu befragen oder zu Dingen zu bewegen, die wider unsere Natur sind. Auf eben solch ein gewöhnliches Dasein, abseits von Magiern, Alchemisten und Schattensprechern, richtete ich mich ein. Ich wollte mich treiben lassen in eurem entzauberten Zeitalter der Atome und künstlichen Stoffe, wollte durch eure Straßen fließen, stumm und unbemerkt, der Diener eines Menschen, der ebenso gut jeder andere hätte sein können …

Hund und Mutter würden mir bei diesem Dasein zur Seite stehen. Der Hund, ein Irish Setter, trug den Namen Argos, und die Mutter hieß Ruth. Den Namen des Hundes hörte ich jedoch öfter, denn da war niemand, der die Mutter gerufen hätte. Beinahe jedenfalls, denn es gab noch ihre Eltern. Die wohnten ein Haus weiter und schauten nun, kaum dass ihre Tochter sich von der Geburt erholt hatte, beinahe täglich vorbei, um nach ihrem Enkel zu sehen und nach einem neuen Schwiegersohn zu suchen.

Ihre alten Gesichter erschreckten mich, wenn sie über dem Bettchen meines Herrn auftauchten. Ich kannte Menschen dieser Art. Mit jedem Zentimeter, den Jonas wuchs, würden sie bei ihm sein. Und sie würden eine Antwort parat haben. Auf jede Frage, die er sich stellte, während er wuchs. Ihre Antwort. Und sie würden ihm beibringen, ihr Leben zu leben, so dass mir nicht mehr zu tun blieb, als mich von ihm durch die Welt zerren zu lassen und zu schlafen. Kaum dass ich mich mit diesem Gedanken abgefunden hatte, erschrak ich weit weniger beim Anblick der Alten, die das Haus, das Auto und so gut wie alles in jenem Reihenhaus bezahlt hatten. Abgesehen von dem Hund, der die beiden nicht leiden konnte. Tiere sind in solchen Dingen ähnlich feinfühlig wie unsereiner. Sie benutzen ihr inneres Auge, und es bedarf viel, dies zu blenden …
Während der ersten Monate unseres gemeinsamen Daseins hatte ich nicht mehr zu tun, als mich an der Seite meines Herrn an der Brust seiner Mutter festzuklammern. Ich kannte seinen vorbestimmten Weg, hatte im Geist die Grenzen seiner Zukunft abgesteckt und wartete auf die ruhigen Wogen eines belanglosen Menschenlebens.

Dann aber klärte sich eines Tages der Blick meines Herrn, und er war wirklich angekommen. Mit einem Mal existierte da jemand hinter seinen Augen. Das aber war an sich nicht das Verwunderliche. Auch dass er mich nun wahrnahm war alles andere als seltsam. Selbst dass er bei meinem Anblick erschrak war nicht ungewöhnlich. Sogar, dass er deswegen schrie, war es nicht. Dieser Schrei aber war wie keiner, den ich je zuvor gehört hatte: Ein Ruck ging durch den Leib des Kindes, und Jonas schrie aus Leibeskräften, derart laut und markerschütternd, dass es mir schien, als ob eine unbändige Macht mich von ihm fortreißen wollte!

Im Stimmchen jenes Säuglings lag eine Kraft, dass sein Schrei den Posaunen Jerichos zur Ehre gereicht hätte! Und wenn auch nicht das Haus zu Schutt und Asche zerfiel, so eilten doch Hund und Mutter bestürzt herbei und sahen verwundert, wie das Kind in seinem Bettchen vor mir zu fliehen versuchte. Es versuchte davonzukommen, sich loszureißen von seinem Schatten, mich hinter sich zu lassen und mich in die gegenüberliegende Ecke seines Bettes zu bannen. Inzwischen bin ich mir sicher: Hätte seine Mutter nicht nach ihm gegriffen, und wäre ihm die Wärme ihrer Brust nicht ein Grund gewesen, von mir abzulassen, es wäre ihm gelungen. Er hätte mich abgestreift, und ich hätte mich, meiner Bestimmung beraubt, in den Kissen jenes Bettes verloren. Ein namenloser Schatten im Nirgendwo, dazu verdammt, bis zum Tod seines Herrn in der Welt umherzuirren, ohne zu irgendetwas oder irgendwem zu gehören …

Dies war also meine erste Begegnung mit jener unglaublichen Kraft, die Jonas Mandelbrodt innewohnte; die zu vervollkommnen er sein ganzes kurzes Leben brauchen würde und die mich bald schon all die großen Magier und Alchemisten vergessen lassen würde.

Der Hund war dabei der Einzige, der mir mein ungläubi­ ges Staunen ansah. Denn während sein linkes Auge komplett blind war, sah er mit seinem inneren doch derart viel, dass ich lieber ihm als dem größten Teil der Menschheit gedient hätte.

Ich hoffe, ihr werdet mir verzeihen, dass ich von eurem Leben weder viel verstehe noch halte, aber jener Hund und ich brauchten nach diesem Ereignis nur wenige Tage, um uns zu verständigen. Gemeinsam fällten wir den Entschluss, Jonas Mandelbrodt als unser Heiligstes zu betrachten und ihn zu lieben, wie man eine Menschenseele, die noch keine Gelegenheit hatte, sich zu versündigen, nur lieben kann.Wenn ich schlief, wachte Argos, wenn er schlief, wachte ich, und Jonas Mandelbrodt genoss den Schutz guter Mächte.

Er gewöhnte sich an mich. Ebenso wie er sich an Brust, Brei und Mittagsruhe gewöhnte, die seit ehedem das Leben eurer Neuankömmlinge bestimmen.

Mit dem mittäglichen Schlummer tat er sich schwerer als mit mir, denn Jonas Mandelbrodt wollte wissen. Kaum dass in seinen Augen jene kleine Ahnung des Bewusstseins leuchtete, da huschte sein Blick umher und saugte an der Welt, als ob er sie ganz verschlingen wollte. Mitunter fielen seine Augen dabei auch auf mich. Und wenn im Blick eines Säuglings so etwas wie Irritation zu liegen vermochte, dann war er stets, sobald er mich erkannte, eben dies: irritiert. Doch recht bald begriff er, dass ich da war, blieb und sein würde. Dass er und ich durch ein Band miteinander verbunden waren, das mich ihm näher noch als seine Mutter sein ließ. Dennoch versuchte er, kaum dass er sich die niederen Weihen der Fortbewegung erschlossen hatte, immer wieder vor mir davonzukrabbeln. Auch wenn er meine Existenz akzeptieren musste, so mochte der kleine Jonas es dennoch nicht, mich sehen zu müssen. Ich schien ihn zu stören, ihm zu missfallen. Und als er begriff, wie sich unsereiner zum Licht verhält, wandte er mir den Rücken zu und ließ mich, wann immer er konnte, hinter sich fallen.

Diese einfachen Gesetze der Schatten erkannte er, bevor er noch sein erstes Wort gesprochen hatte. Beinahe als wäre ich das Problem gewesen, das zu lösen er seine gesamte Energie aufgewendet hätte.Als hätte er, bevor er zu wachsen begann, zunächst einmal mich aus dem Sinn haben müssen.Während er aber versuchte, mich hinter sich zu lassen, blickte er doch von Zeit zu Zeit über seine Schulter zurück, um sich meiner zu versichern.

Es schaudert mich schwärzlich, wenn ich daran zurückdenke. Denn nie zuvor war mir ein Kind begegnet, das die Gesetze der Schatten noch vor euren Worten erlernte … Von jener außergewöhnlichen Kraft jedoch, die mich an jenem Abend fast von seinem Fuß gerissen hätte, habe ich seit jenem Schrei niemals wieder etwas gespürt. Jonas Mandelbrodt war ein gewöhnlicher Knabe. Auf eine sonderbare Art gescheit, aber doch nicht mehr als jeder andere von euch. Geboren, um zu sterben und die Zeit dazwischen damit zu verbringen, einfach zu existieren.

Und auch wenn ich an jenem Abend geglaubt hatte, diese Kraft zu erahnen, so schien Jonas mir nun allenfalls noch ein leeres Blatt, eine Projektionsfläche, auf der man – wenn man wollte – Dinge sehen konnte. Ein Knabe, der später zum Hohepriester taugen würde, ein Verführer. Einer, der womöglich tatsächlich etwas in sich trug, das aber eben nicht mehr als nur möglich war …
Während seine Mutter bald wieder mit dem Rauchen an­ fing, wuchs Jonas Mandelbrodt heran. Und sobald er es selbst nicht mehr tat, begannen andere, bei seiner Mutter zu schlafen …

Als die Eltern jener Ruth den ersten dieser Männer trafen, hielten sie ihn, einem natürlichen Reflex folgend, für ihren neuen Schwiegersohn. Bis der nächste kam, der bald darauf schon vom übernächsten abgelöst wurde. Und dann erschien in ihrem Haus schließlich einer, der einen ganz und gar hässlichen Schatten hatte. Kaum dass ich ihn erblickte, schmeckte ich schon das Übel in ihm. Seine Augen glänzten von Schnaps und Gier.Von all ihren Männern ist er der Einzige, der mir im Gedächtnis blieb.

Ich erinnere mich noch, wie er dort stand. Ein lüsterner, trunkener Faun, der hinter Jonas’ Mutter herstakste, als sie ihn und mich zu Bett brachte. Im Schatten jenes Fauns vibrierte seine Stimme, die kaum mehr als ein rauhes, geiles Krächzen war.

»Komm Süße, lass den kleinen Scheißer schlafen, und wir gehen rüber ins Bett …«
»Oh ja, Baby, genau das sollten wir tun …«, hauchte sie zurück, und auch in ihren Augen glänzte Gier. Sie wollte nicht bloß Mutter sein, war zu jung und zu hübsch, als dass sie auf ihrem Schoß bloß Kinder hätte wiegen wollen. Begehrt wollte sie sein, erobert, genommen, geliebt. Und doch beugte sie sich liebevoll zu uns herab, um ihren Sohn auf die Stirn zu küssen und ihn zuzudecken.
Der brünstige Stier in ihrem Rücken aber scharrte, die Flasche in der Hand, ungeduldig mit den Füßen. Er umfasste ihre Hüfte und zerrte sie fort, während er gierig raunte: »Lass ihn liegen! Du hast was Wichtigeres vor …«
Sie lachte auf. Jonas hatte begonnen zu schreien. Sie wollte kurz zurück zu uns und hielt das Drängen des Kerls für einen Scherz. Bis er sie an ihren Haaren aus dem Kinderzimmer schleifte. Und dabei schmeckte ich seinen Schatten: bitter, fahl, verschwitzte Fantasien und vergorener Samen. Eine widerliche Mischung, nach der auch seine Stimme klang.
»Ich sagte, lass das Balg! Du kannst ihm seinen Arsch immer noch pudern, wenn ich mit deinem fertig bin.«
Während er sie durch den Flur schleifte, lachte sie noch immer. Doch nun klang es gequält. Und durch die Schatten des Hauses hörte ich seine widerlichen Gedanken. Was war ihm dieses Kind? Nicht mehr als ein Hindernis, das zwischen ihm und ihr stand. Ich konnte seine Lüsternheit spüren, die dieses Hindernis nicht duldete. Er schleifte Ruth, die Flasche in der Hand, zum Bett und warf sie darauf. Er konnte es nicht erwarten, dass sie sich ihm hingab.
»Jetzt werde ich dafür sorgen, dass du die kleine Kröte vergisst …« Mit diesen Worten öffnete er, während Jonas weiter schrie, lächelnd seine Hose.
Nein, er war nicht der Erste in ihrem Leben, nicht einmal in diesem Monat. Doch seit sich sein Schatten mit mir vereint hatte, ahnte ich, dass er womöglich der Schlimmste war …
Und dennoch hatte ihr Schatten mir verraten, worauf sie hoffte. Trotz allem. Trotz seiner groben Art. Sie erhoffte sich, dass dieser Mann blieb, dass er Geliebter und Vater werden würde, nicht immer so viel trank, auch gute Seiten hatte und in Wahrheit kein schlechter Mensch war. Um ihn zu halten, würde sie alles mit sich tun lassen.
Alles, so wie sie es immer tat, bevor man sie erneut verließ …
»Oh ja, Baby, lass mich vergessen, lass mich alles vergessen.«
Eilig schälte sie sich aus ihrem T­Shirt und ihrer Hose. Er grinste schmutzig.
»Genau das werde ich tun. So wie es mir gefällt, Kleine.«
Dann zeigte sie ihm, dass sie bereit war für ihn, und ich hörte ihren Schatten lüstern wispern …
Dieser Mann aber war nicht, was sie sich erhoffte. Konnte es nicht sein. Ich hatte seinen Schatten gespürt. Er war ein lüsterner Bock, gesegnet mit dem Geist eines Wurmes und dem Jähzorn eines Berserkers. Unglücklich und unzufrieden. Ein Mann, der, wann immer er konnte, seine Wut und Verzweiflung mit den Fäusten hinausschrie.
»Oh ja, ich werde dich gleich etwas spüren lassen, das du dein Lebtag nicht vergisst, du kleines Biest!« Mit diesen Worten drehte er Ruth wüst zu sich herum.
Ich kenne eure Betten, euren Schweiß, obwohl ich nur selten gerne zugegen bin, wenn ihr euch liebt. Ich habe zwischen Laken gezuckt, wo ich wahrhaftig Liebe schmeckte. Dieser Nacht jedoch würde das nicht geschehen. Ein triebig­trunkener Faun, dumm bis unters Schädeldach, und eine Frau, die sich einen Vater und einen Mann wünschte. Einer, der nicht geben kann, was er will, und eine, die nicht bekommen wird, was sie sich wünscht. Seit Urzeiten schon entsteht aus solchen Zutaten ein schlimmes Gift …
Er mühte sich mit ihr, doch konnte er seiner Lust nicht seinen Willen aufzwingen. »Verdammt, was zum Teufel …« Schließlich ließ er von ihr ab. Wütend und frustriert. »Zur Hölle noch eins! Das kann doch nicht wahr sein!« Er schleuderte die Nachttischlampe gegen die Wand, und ich begann, Angst um die Mutter meines Herrn zu haben …
Doch auch ich irre bisweilen. Denn es war keinesfalls sie, um deren Unversehrtheit ich fürchten musste …
Sie legte ihre Arme um ihn. Er aber stieß sie fort, sprang auf und zischte wütend: »Es ist diese kleine Drecksratte! Das Balg ist schuld …« Mit diesen Worten zog er den Gürtel aus seiner Hose und setzte sich schwerfällig in Bewegung.
Ich sah Jonas schlafen, die kleinen Äuglein geschlossen, sein Geist bereits auf dem Weg in die Welt der Träume, als es mich kalt durchfuhr. Die Schatten im Flur wisperten unheilvoll, dann öffnete sich die Tür zum Kinderzimmer, und das Licht aus dem Flur warf den Schatten des schwitzenden Fauns in den Raum!
Kaum, dass dieser mich streifte, als er über das Bettchen fiel, wusste ich, um wen ich fürchten musste. Der Alkohol hatte die Lenden des Fauns welk werden lassen. Er hatte sich umsonst gemüht über ihr, auf ihr, in ihr. Hatte versagt. Versagt, wie er immer versagte. Doch es war nicht seine Schuld. Nein, er war sicher, dass es an dem Balg lag, das Balg, das den ganzen Abend geschrien hatte, das mehr Aufmerksamkeit bekommen hatte als er, das Drecksbalg dort in seinem Bettchen, das …Er wankte auf uns zu und schlang das eine Ende des Gürtels eng um seine Faust.
»Na warte, du Dreckszwerg. Ich werde dir zeigen, was du davon hast, wenn du mir meine Nacht versaust!« Ich spürte seinen dumpfen Zorn, sah seine zitternden Fäuste. Er wollte zuschlagen, seine Faust mit dem Gürtel zwischen den Kissen und in den kleinen Körper versenken, seinen Rivalen bestrafen, vernichten, die Mutter für sich haben!
Wenn ein Schatten Furcht empfinden kann, dann ergriff sie mich in diesem Moment. Eine kalte, hässliche Furcht war es, und ich schrie aus meinem dunkelsten Inneren heraus, in der Hoffnung, dass etwas geschehen würde, irgendetwas, ein Wunder womöglich, das diesem Unhold Einhalt gebot.
Und dieses Wunder geschah.
Mein Herr schlug erschrocken die Augen auf.
Er hatte mich gehört!
Jonas Mandelbrodt hatte mich gehört!
Dann erblickte er den Unhold, begann ebenfalls zu schreien, und der Faun stutzte für einen kurzen Moment. Dann wollte er auf das Kind zustürzen, es zum Schweigen bringen, da aber hatte seine Mutter es längst gehört.
Einer Furie gleich fegte sie ins Zimmer, ihr Schatten ein Zeugnis ihres Zorns. »Lass die Finger von meinem Sohn! Du verdammter Mistkerl!« Der Faun starrte sie entgeistert an. Sie aber war noch nicht fertig: »Glaub mir, ich werde dir die Augen aus dem Schädel kratzen und dir jeden Knochen ein­ zeln brechen, wenn …« Er wollte lachen, sich ihr entgegenstellen. Dann aber hatte sie plötzlich ein Messer in der Hand. Und damit jagte sie den Kerl tobend und fluchend hinaus.
Es gelang ihm mehrfach, sie zu schlagen, sein trunkener Zorn aber war nichts gegen die Wut einer Mutter. Sie spürte nichts davon. Er war stärker als sie, viel stärker, doch als er sah, dass sie schlimm blutete und dennoch weiterhin wild entschlossen war, ließ er sich – wie gelähmt von ihrer Wut – durch den Flur jagen. Er spürte, dass sie ihn getötet hätte. Notfalls sogar mit bloßen Händen.
Ich hörte die Schreie im Flur verklingen, und ganz lang­ sam schwand mein Entsetzen. Jetzt erst begriff ich, was überhaupt geschehen war. In diesem Zimmer. Diesem Kinderbett: Jonas Mandelbrodt hatte mich gehört, meinen Schrei, den Schrei eines Schattens, einen unwirklichen tonlosen Schrei aus Zwielicht und geronnenem Dunkel, beinahe nicht vorhanden und schier unhörbar für ein gewöhnliches Menschenohr!
Keiner von euch hat je von Geburt an unsere Sprache gesprochen. Keiner vermochte, uns ohne Studium der alten Schriften zu verstehen! Wir sind für euch nicht mehr als ton­ und inhaltslose Schemen, leere Abbilder. Dass Jonas mich heute Nacht gehört hatte, schien mir nicht weniger als ein Wunder zu sein. Ungläubig ruhte mein dunkles Auge auf dem Kind, das mich keck musterte, während seine Mutter den trunkenen Peiniger von unserer Schwelle vertrieb.
Kaum, dass der Unhold fort und die Tür in seinem Rücken verschlossen war, kam sie wieder zu uns. Sie weinte. Um ihr rechtes Auge wucherte ein dunkler blauer Fleck. Aber als sie Jonas sah, lächelte sie wieder. Ein stilles Lächeln, gequält und mit dem bitteren Beigeschmack enttäuschter Hoffnung, doch in seinem tiefsten Wesen glücklich.
Sie nahm uns auf den Arm und drückte Jonas eng an sich.
Der Mann, an dessen Seite sie in dieser Nacht schließlich einschlief, war klein.
Das Glück aber, das sie dabei umfing, war größer als jenes, das die erwachsenen Männer dieser Welt in ihr hätten wecken können. Und ebendas war es, was ich spürte, als jene beiden in den Schlaf glitten und auch mir ein wenig Ruhe zuteil wurde. Und während ich schwand, wusste ich, dass sich von heute an alles verändern würde.
Denn in dieser Nacht hatte ich erkannt, dass mein Schützling eine unglaubliche Gabe besaß. Ich ahnte, dass er womöglich eine Aufgabe hatte, zu etwas Großem ausersehen war, und ich wusste, dass ich eherne Regeln verletzen würde. Ich würde tun, was noch nie einer von uns getan hatte. In dieser Nacht beschloss ich, Jonas Mandelbrodt zu stärken und vor allem Unbill zu schützen. Entgegen aller uns bindenden Gesetze würde ich ihn, meinen Herrn, Dinge lehren, die wir Schatten gewöhnlich für uns bewahren, und die zu erfahren einige eurer besten Magier ihre Seele gegeben hatten.

Am Ende der Welt, im Herzen des Kaukasus, am Fuß einer Treppe, vor Urzeiten von jenen in den Fels geschlagen, die den Schatten als Erste gedient hatten, lag ein Raum in völliger Dunkelheit.

An diesen Ort, die tiefste Höhle der Welt, war noch nie ein Sonnenstrahl gedrungen, hier hatte noch nie ein Licht geschienen. Denn diese Höhle war einzig und allein dafür geschaffen worden, dass sich in ihrem Dunkel alte Schatten mit sonderbaren Schatten verbanden. So taten sie es von alters her. Die Schattenmagier aller Schulen und Traditionen – wer immer die Sprache der Schatten beherrschte, in ihnen wandelte und ihre Geheimnisse kannte – kehrten hier ein. Früher einmal waren sie mehr gewesen, in alten Zeiten sogar viele. Doch heute wie einst formten sie den Rat der Schatten, dessen dunkles Auge auf den Geschicken der Welt ruhte.

Hier, in diesem Raum aus Nacht, am Fuß der Treppe am Ende der Welt versammelten sich die Mitglieder jenes Rates. Mochte in der Welt auch einer über dem anderen stehen, hier waren sie gleich, hier mischten sich ihre Schatten und es gab keine Geheimnisse mehr. Denn was einer von ihnen wusste, das wusste auch sein Schatten, und in eben diesen mischte sich das Wissen des einen mit dem der anderen.

Auch in dieser Nacht fanden sie ihren Weg in die Höhle. Fünf Schatten glitten die Treppe hinab. Fünf Schatten, geformt aus Macht und Dunkel. Schatten, die sich nicht mit den gewöhnlichen vermischten. Die Schatten der Großmeister.
Sie ergossen sich in das Dunkel der Höhle, erfüllten das undurchdringliche Schwarz mit einer Ahnung von beinahe noch schwärzer scheinendem, schemenhaftem Leben und vermengten sich kraft ihres Willens zu einer einzigen vollkommenen Schwärze. Und dann begannen die Schatten, leise und mit unhörbaren Stimmen in einer Sprache zu raunen, welche die wenigsten verstanden. Sie flüsterten von Dingen, die den meisten auf ewig verborgen bleiben würden. »Ein Schatten hat beschlossen, sich über die Ordnung hinwegzusetzen …«, ergossen die Gedanken des ersten sich ins Dunkel der übrigen. Die Stimme – denn um eine solche handelte es sich, obwohl keinerlei hörbare Laute geäußert wurden – klang seltsam und hatte etwas eigentümlich Irritierendes an sich, während sie derart kalt und scharf war, dass es schien, als könne man sich mit ihr die Pulsadern aufschneiden. »Er will ihn lehren«, mischte sich ruhig und bedacht die Stimme eines weiteren ein.
»Einen Knaben!«, wisperte eine dritte, wärmer als die beiden zuvor, eher weiblich klingend.
»Von niederem Blut …«, kristallisierte sich zuletzt der Gedanke des vierten Großmeisters aus der Schwärze. Brüchig klang es und alt, wie von einem Greis gedacht.
»Du kannst die Reihe seiner Ahnen bis in die Steinzeit abschreiten und wirst nicht eine Ahnung dessen wittern, was jene ausmacht, mit denen wir unsere Geheimnisse teilen …« »Aber wenn da nichts Magisches an ihm ist, weshalb beschließt einer, der bereits zu Füßen großer und weiser Herren gedient hat, eines solchen wegen sein Dasein aufs Spiel zu setzen?« »Er hält ihn für einen Auserwählten«, raunte die weibliche Stimme.
»Ha, wen man nicht alles schon für auserwählt hielt!«, dachte der Alte gehässig.
»In unserem Sinne«, ergänzte die Frau. »Er will die Menschen dazu bringen, sich ihrem Schatten zuzuwenden.«
»Mensch und Schatten sind entzweit. Niemand außer uns weiß die Einheit zu leben. Sie ahnen ihre Schatten ja nicht einmal mehr, geschweige denn das, was sich in ihnen verbirgt«, drang die scharfe Stimme ins Dunkel.
Die Schatten der Großmeister umfuhren, durchmischten und veränderten sich, tonlos flüsternd, Gedanken tauschend, die von ihren Herren Tausende von Kilometern entfernt gedacht wurden.
Diese fünf Schatten waren die Einzigen, die sich nicht mit anderen mischten, wenn sie es nicht wollten; die Einzigen, die den Willen ihrer Herren in sich trugen. Sie waren der Rat der Schatten. Die letzte Instanz, die über das Gleichgewicht zwischen Schatten und Menschen wachte und die alte Magie des Zwielichts bewahrte.
Nun stand das gewöhnliche Abbild eines Menschen im Begriff, die ältesten aller Gesetze zu brechen und seinem Herrn die Geheimnisse der Schatten zu offenbaren. Und damit gefährdete es das Gleichgewicht der Dinge …
»Wenn er diesem Knaben unsere Geheimnisse verrät, sollte man ihm Einhalt gebieten, ihn von den Füßen seines Herrn zerren und im Nimbus zu Schwarz zerreiben, bevor noch Schlimmeres geschieht«, flüsterte der Alte.
»Wenn er ihn weiter lehrt, wird der Knabe am Ende noch hier in unserer Mitte weilen«, gab die zweite Stimme zu bedenken.
»Hat einer den Wächter befragt?«, wollte die weibliche Stimme wissen.
»Wonach? Ob diesem Frevel ein höherer Wille innewohnt?«, schalt sie scharf die erste.
»Er weiß mehr als die Orakel, er hat an der Quelle geruht, im Schatten Gottes gestanden«, entgegnete sie dem Dunkel im Dunkel.
»Als er noch auf die Erde fiel …«, stimmte der Bedächtige zu.
»Ihr wisst auch ohne den Wächter, was die Zeichen flüstern. Die Zeit der vergorenen Schatten naht, der Aufstand der Knechte, die Schmähung der Herren«, zischte scharf und hart die Stimme des ersten dazwischen und vibrierte im Dunkel.
»Jeder von uns weiß es. Und doch versteht keiner, was es bedeutet«, wisperte der Ruhige.
»Nur, dass es die Welt der Schatten verändern wird«, mischte die Stimme der Frau sich ins Schwarz.
»Von Grund auf«, ergänzte der Alte.
»Vielleicht hat dieser Knabe etwas damit zu tun …«, dachte der Ruhige weiter.
»Wir sollten ihn beobachten«, regte die weiche Stimme der Frau inmitten des Schwarz an. Und der Alte stimmte ihr zu.
»Gebt ihm Zeit. Was er dieses Kind in einem Jahr lehren kann, muss uns keine Angst machen. Was er in zweien lehrt, wird uns nicht gefährden, und selbst in dreien wird der Knabe uns nicht ebenbürtig sein. Selbst dann bleibt noch genügend Zeit, seinen Schatten abzutrennen und seine Knochen zu zerschmettern, wenn es sein muss.«
»Lassen wir die Sache schwelen, bevor das Feuer ausbricht …«, flüsterte der harte Ton in ihr gemeinsames Dunkel.
»Selbst wenn ein Feuer daraus wird, kommt es noch immer darauf an, was es schließlich verbrennt«, gab der Alte zu bedenken.
»Du sprichst, als gäbe es Dinge, die du gern brennen sähest.«
»Feuer reinigt. Das hat es schon immer getan.«
»Das haben auch andere gesagt. Und ihre Flammen haben im Lauf der Jahrhunderte sowohl die Bücher der Wissenden als auch die Angehörigen der alten Schule verzehrt.«
Und dann klangen die Worte jenes Schattens, der bis dahin geschwiegen hatte, durch das Dunkel. Und seine Stimme ließ die Finsternis erschaudern: »Wer immer diese Feuer entfachte und was immer sie verbrannten – wenn man den Zeichen glauben kann, dann waren die Flammen aller vergangenen Feuer kalt im Vergleich zu denen, die bald lodern werden. Und das wisst ihr ebenso gut wie ich …«

John Dee ALCHIMIA UMBRARUM (1604)

Kapitel II (Seite 32 ff.)
VOM WESEN DER SCHATTEN
Den meisten Menschen wird ihr Schatten, so wie im ersten Kapitel dieser Schrift beschrieben, nicht mehr scheinen als ihr eigenes schemenhaftes Abbild, das einzig dem Lichte und den Gesetzen der Logik folgt. Da aber du, als Leser dieses Buches, kaum zu jener Mehrheit gehören wirst, will ich es wagen, dich mit der Wahrheit über deinen vermeintlichen Schemen zu konfrontieren, der doch weit mehr ist als ein bloßes Bild deiner selbst …

Von der ersten Stunde seines Daseins auf Erden begleitet der Schatten seinen Herrn. Was immer der eine erlebt, muss auch der andere erdulden. Keinem Menschen, der nicht in Kenntnis der großen Geheimnisse der Magie lebt, ist es jemals gelungen, seinen eigenen Schatten zu täuschen oder zu belügen. Kraft ihres scheinbar untrennbaren Bandes weiß der Schatten um die Gefühle und Gedanken dessen, der ihn wirft. Er liest in ihm wie in einem offenen Buche. Und dabei sam­ melt er alles, was seinem Herrn widerfährt. Selbst wenn dieser vergisst, wird doch sein Schatten sich am Ende seines Lebens an alles erinnern, das jemals im Lauf dieses Lebens geschah. Nach dem Tode des Herrn wird er sich aufmachen, all das mit den anderen seiner Art zu teilen. Denn jeder Schatten, der existiert, ist eine Mischung aus allen Schatten, die jemals existierten, und sein wahres Wesen gewinnt er an einem Ort, der dem Menschen auf immer verborgen ist. Diesen Ort nennen die Eingeweihten Limbus. Ich gedenke auf ihn zu einem späteren Zeit­ punkt noch einmal näher einzugehen. In jenen Ort geht der Schatten mit dem Tode seines Herrn ein. Sobald die Seele eines Menschen den Körper verlässt, verlässt ihn auch sein Schatten. Solange sein Herr aber lebt, ist der Schatten an ihn gebunden und teilt in dieser Zeit auch sein Wissen, Denken und Fühlen. Und wann immer ein Schatten sich mit einem anderen mischt, sie einander durchdringen, fließt das Wissen des einen in den anderen hinüber. Was Dichter, Denker und Maler Inspiration nennen, ist nicht mehr, als zur richtigen Zeit im richtigen Schatten zu weilen. Denn durch diese dunklen Begleiter fließt alles, was Gedanke, Wissen und Wahrheit ist. Will einer wirklich ein Geheimnis bewahren, so muss er erst seinen Schatten zügeln lernen, dass dieser nicht weiterträgt, was sein Herr zu verbergen trachtet.

Und ist die Grenze zwischen Schatten und Mensch von Natur aus nur nach einer Seite durchlässig, so gibt es doch auch solche, die mit ih­ rem Schatten zu reden vermögen. Und diese wenigen heißt man in den Kreisen der Magier Schattenkundige. Zwei Schulen gibt es, von denen die ältere dieser Tage beinahe ausgestorben ist. Statt der alten Schattenschnitzer sind es heute jene, die sich Schattensprecher nennen, die im Bündnis mit der Kirche die alten Künste und die Sprache der Schatten bewahren.

Diese Sprache zu beherrschen ist vonnöten, wenn man seinen Schatten formen oder beherrschen will. Die meisten Eingeweihten dieser Sprache befleißigen sich ihrer im Geheimen. Denn einen, der mit seinem Schatten spricht, erachten die Menschen heute wie ehedem als verrückt und verwechseln, wie so oft, Wissen mit Wahnsinn.

Dabei öffnet die hohe Kunst der Schattenmagie dem Eingeweihten ungeahnte Räume. Großmeister wissen gar ihren Schatten besser zu nutzen als ihren eigenen Leib. Ihre Schatten unterstehen allein ihrem Willen und mischen sich nicht mit denen gewöhnlicher Sterblicher. Großmeister wie diese, die wahrhaft mächtig sind in den Belangen des Schattensprechens, gibt es nur wenige. Sie verstehen das Wissen der Menschen aus ihnen herauszuziehen und die Greuel der Folter, wie sie der spanische Dominikaner Thomas de Torquemada für den Leib des Menschen niederschrieb, selbst noch auf seinen Schatten anzuwenden …

2.

Habent sua fata libelli. (Bücher haben ihre Schicksale.)
Lateinisches Sprichwort

Als Edward Lysander Meredith im seligen Alter von dreiund neunzig Jahren in seinem Londoner Stadtsitz entschlief, rieben sich die Leiter der namhaftesten Bibliotheken Europas bereits die Hände. Denn jenes Gebäude im vornehmen East End war weniger ein Wohnhaus als vielmehr eine literarische Schatzkammer. Abgesehen von seinem Keller beherbergte Meredith Hall auf über drei Stockwerken in endlosen Fluren und zig Zimmern Regale aus hellem, rotem Kirschholz. Sie erstreckten sich von der Empfangshalle bis auf den Dachboden und bogen sich unter dem Gewicht unzähliger alter Bücher. Eingedenk der legendären Bibliothek von Alexandria pflegten fanatische Büchersammler das Haus hinter vorgehaltener Hand ehrfürchtig New Alexandria zu nennen, war es doch nicht weniger als eine einzige riesige Bibliothek, wie es sie auf der Welt kein zweites Mal gab. Der verstorbene Edward Lysander Meredith war ein Sammler gewesen, und sein Ehrgeiz grenzenlos. Im Laufe der vergangenen siebzig Jahre hatte er die Sammlungen Churchills und des Buckingham Palastes aufgekauft. Auf der Suche nach bedeutenden Büchern hatten seine Mittelsmänner weltweit Museen, Universitäten und Auktionen geplündert. Und dementsprechend hatte Meredith am Ende seines Lebens beinahe jedes wertvolle Buch besessen, das je irgendwo zum Verkauf gestanden hatte, und genaugenommen auch einige, die niemals käuflich zu erwerben gewesen waren. Dennoch hatte er letztlich nicht alle seine Ziele erreichen können: Einige wenige Bücher hatte er nie zu Gesicht bekommen. Vor allem bedeutende Werke der praktischen Magie, um die er sich zwar mehrfach bemüht hatte, die aber von Eingeweihten gehütet wurden, die sich nicht um Merediths Geld geschert hatten. Und so war auch sein größter Traum, nämlich vor seinem Tod einmal das unmögliche Buch, das Tintenlose, die legendäre Alchimia Umbrarum John Dees zu Gesicht zu bekommen, unerfüllt geblieben.
Zeitlebens hatte Meredith sich für nichts anderes als seine Bibliothek interessiert und das Erbe seines Vaters, eines britischen Tee-Magnaten, allein mit dem Ziel eingesetzt, seine einzigartige Sammlung aufzubauen. So verströmten die papierenen Innereien von Meredith Hall jenen eigentümlichen Geruch aus Wissen und Moder, während seine tatsächliche Bibliothek, in der sich die mit Abstand wertvollsten Schriften fanden, einem inneren Heiligtum gleich. Hier fanden sich Bücher, von deren Existenz nur wenige überhaupt wussten. Titel, die seit Jahrhunderten als verschollen galten.

Da fand sich eine der letzten Bibeln aus Gutenbergs erstem Druck, beide Bände von Websters ursprünglichem American Dictionary und auf einer Reihe von Regalen der größte Teil der Schriften von der römischen Liste.

Hier, im Inneren des Heiligtums, wo sich verschlissene Holzbünde an vernarbte Ledereinbände reihten und alchemistische Traktate neben wissenschaftlichen Abhandlungen standen, fanden sich Herodots Historien neben Platons Dialogen und von Junzts Unaussprechliche Kulte neben den Werken Ludwig Prinns – einige Bücher in diesem Hort alter Inkunabeln und Folianten waren ihr Gewicht in Gold wert.

Seit ihrem Bestehen hatte es in dieser Bibliothek eine Regel gegeben, die Meredith einst aufgestellt hatte und die niemals gebrochen worden war: Kein Buch verlässt jemals das Haus.

Und jene wenigen, die den Büchern ihre Aufwartung machen durften, hatte Meredith stets persönlich ausgewählt. Die Liste der Interessenten war stets lang gewesen. Die der Gäste hingegen kurz, denn zu Lebzeiten hatte der alte Mann seinen Büchern gegenüber eine derart beschützende Haltung eingenommen, dass kein Unbefugter sich je zwischen die Regale von Meredith Hall gewagt hatte.

Sein Tod aber änderte alles.
Schon während der letzten Jahre, seit klar geworden war, dass das Ende des Herrn von New Alexandria absehbar war, hatten Universitäten, Museen und Sammler sich bemüht, sich mit Meredith und seinem Nachlassverwalter gut zu stellen. In der Hoffnung, sein Wohlwollen zu erlangen, hatten sie sich dazu hinreißen lassen, ihm wertvolle Bücher zu übereignen, um nach seinem Tod umso mehr davon zurückzubekommen. Ein Buch nach dem anderen hatte Meredith in seine riesige Bibliothek eingereiht, diese immer weiter vergrößert und sich zuletzt mehr als zehn Jahre lang geweigert zu sterben.
Nun aber lag er, seinem letzten Willen entsprechend, nach dreiundneunzig Jahren eines erfüllten Lebens zwischen Buchdeckeln, aufgebahrt in der Bibliothek von Meredith Hall.
Seine bleichen Wangen wirkten dabei noch hohler als zu Lebzeiten. Das weiße Haar streng nach hinten gelegt, das funkelnde Monokel unter der strengen Braue, wirkte er selbst jetzt, da er die ewige Ruhe gefunden hatte, noch eigentümlich angespannt.
In seinem Testament hatte er akribisch verfügt, wer welches Buch bekommen sollte. Bis auf einen kleinen Teil deckte diese Verfügung den gesamten Buchbestand ab. Die wenigen verbliebenen Titel sollten, damit sie auch fortan ihrem Wert entsprechend behandelt wurden, unter einigen auserwählten Personen versteigert werden. Noch bevor Edward Lysander Meredith kalt gewesen war, hatte sein Nachlassverwalter – nicht zuletzt seiner Prozente wegen – jenem kleinen Kreis aus Museumsvertretern, Sammlern und Privatiers die Liste der zu versteigernden Bücher zugespielt.
Sobald die sterblichen Überreste seines Herrn New Alexandria verlassen hatten, würden die Bücher seines inneren Heiligtums vor Ort unter den Hammer komme. Noch aber ruhte Meredith, zwischen fliederfarbenen Kissen aufgebahrt, in einem Sarg aus dem gleichen Kirschbaumholz, aus dem die Regale im Herzen der Bibliothek gemacht waren. Inmitten seiner Bücher und im Schatten einer Statue des Heiligen Laurentius, des Schutzheiligen aller Bibliothekare. In den hölzernen Heiligenschein der Figur standen die Worte Libri amici, libri magistri geschnitzt. Bücher sind Freunde, Bücher sind Lehrer. Das Lebensmotto des Herrn von New Alexandria.

Während die kleine Welt der wirklich Bibliophilen in Aufruhr war und Büchernarren in aller Welt ihre Ersparnisse zusammenkratzten, um Meredith Hall zumindest ein Buch abzutrotzen, scherte einer dort sich herzlich wenig um die Zukunft der Regale: Jeremy Bradshaw. Er saß im Keller des Hauses, in einem Raum, in dem er während der vergangenen zehn Jahre den Großteil seiner Zeit verbracht hatte. Er hockte dort vor der kleinen Monitorwand, von der die Flure und Räume des Hauses auf ihn herabflimmerten. Die Bildschirme zeigten ausnahmslos Regale mit Büchern. Bilder, die für einen Außenstehenden nicht zu unterscheiden gewesen wären. Teilnahmslos betrachtete der untersetzte Mann die Monitore, rückte seine Brille zurecht und schlang beiläufig den Rest eines Butterbrotes herunter. Bradshaw war genau der richtige Mann für den Job im Keller. Die Sicherheitsfirma hätte ihn kaum anderswo sinnvoll einsetzen können. Seine Körpergröße lag mit 1,75 Metern zehn Zentimeter unter den Mindestanforderungen, die Uniform hatte seiner Figur wegen eigens geschneidert werden müssen, und wahrscheinlich hätte ihm – Uniform und Waffe zum Trotz – nicht einmal ein aufmüpfiger Zwölfjähriger Respekt entgegengebracht.

Aber für einen gemütlichen Brillenträger, der zugleich der Schwager des Betreibers der Sicherheitsfirma war, stellte die Überwachung von Meredith Hall eine angemessene Aufgabe dar. Hier konnte Bradshaw einerseits sein Geld verdienen und andererseits keinen Schaden anrichten.

Schnaufend, aber ohne dabei die Bildschirme aus den Augen zu lassen, zerrte der Wachmann seinen Rucksack unter dem Stuhl hervor. Zwei der Monitore waren dunkel. Aus Gründen der Pietät. Damit Meredith ein letztes Mal mit seinen Büchern allein sein konnte und Bradshaw nicht die ganze Nacht über eine Leiche anstarren musste, hatte er die Kameras in der Bibliothek einfach abgeschaltet. Zumal ohnehin nicht zu befürchten stand, dass etwas passierte. Denn abgesehen davon, dass hier noch nie irgendetwas passiert war, konnte Bradshaw sich nicht vorstellen, dass überhaupt irgendjemand auf die Idee kam, Bücher zu stehlen. Zudem bedeutete Merediths Tod für Bradshaw ohnehin das Ende seines Arbeitsverhältnisses. Sobald der Alte das Haus mit den Füßen voran verlassen hatte, würde auch er gehen müssen. Und er wusste selbst, wie lange es dauern konnte, bis sein Schwager einen neuen Job für ihn fand. Man hatte ihm bereits mitgeteilt, wie es laufen würde. Der Nachlass des Alten würde verteilt und versteigert und Meredith Hall innerhalb der kommenden Monate Firmensitz einer renommierten Immobilienfirma werden.

Und so war dies Jeremy Bradshaws letzte Nacht in New Alexandria,weshalb er auch keine Konsequenzen zu fürchten brauchte, wenn er gegen die Regeln verstieß … Er öffnete seinen Rucksack und zog zwei Dosen Bier hervor, die er lächelnd vor sich auf den Schreibtisch stellte. Dann griff er noch einmal hinein und hielt kurz darauf eine Zigarre in der Hand. Er würde sie rauchen, auch wenn es in diesem Haus noch so verboten war. Dies war seine letzte Nacht. Nach zehn Jahren, in denen er ohne ein Wort des Dankes oder eine freundliche Geste von dem alten Grantelgreis dessen wurmstichige Schwarten bewacht hatte. Während der Alte heute Nacht über ihm verrottete, würde Jeremy Bradshaw Spaß haben. Und das würde er sich, verdammt noch mal, nicht verbieten lassen. Von niemandem.

Grinsend streifte er seine Schuhe ab, streckte entspannt die Beine unter den Tisch und schob seinen wulstigen Zeigefinger unter den Metallring. Dann riss er die erste Dose auf, nahm einen kleinen Schluck und hob die Zigarre an seine Nase. Er schloss die Augen und sog ihr Aroma ein.

Als er die Augen wieder aufschlug, sah er es. Auf einem der Monitore. Nur einen kurzen Moment lang. Aber im Widerschein der Notbeleuchtung sah er es. Es war lediglich ein Schatten, dessen Konturen sich jedoch eigentümlich deutlich gegen das matte Zwielicht der Notbeleuchtung abhoben. Im ersten Moment hielt Bradshaw es für eine Störung.

Er klopfte mit dem Knöchel seines Zeigefingers gegen den Monitor, doch schon im nächsten Moment sah er, wie sich der Schatten aus dem Sichtfeld der Kamera bewegte und auf dem nächsten Monitor wieder auftauchte. Verwundert kniff der Wachmann die Augen zusammen, stellte das Bier ab und kam – wenn auch widerwillig – zu dem Schluss, dass es sich wohl doch nicht um eine Störung handelte …

Missmutig ließ er seine Zigarre zurück in den Rucksack gleiten, zog seine Schuhe wieder an und setzte leise fluchend seine Mütze auf. Dann stand er auf und verließ den Überwachungsraum in Richtung Treppe.

Die Hand am Revolver durchquerte Bradshaw vorsichtig die Eingangshalle. Er kam sich albern vor. Jagte er wahrhaftig einem Schat­ ten nach? Wahrscheinlich war es nur irgendein Insekt, das vor der Lampe herumgeflattert war. Schließlich war der Alarm nicht ausgelöst worden, so dass es unwahrscheinlich war, dass irgendjemand ins Haus eingedrungen war. Dennoch beschloss Bradshaw, das Hauptlicht nicht einzuschalten und mit der Notbeleuchtung vorliebzunehmen.

Als Erstes kontrollierte er die Eingangstür. Verriegelt. Das Schloss unbeschädigt. Leise atmete er auf. Also konnte tatsächlich niemand hier drinnen sein. Dennoch schaute er sich noch einmal um und ging leise zum anderen Ende der Halle hinüber, passierte ein riesiges Gemälde, das seiner Ansicht nach Jesus, in Wirklichkeit jedoch Johannes Gutenberg zeigte. An dem Bild vorbei schlich der Wachmann unter einigen hölzernen Torbögen hindurch in den Flur. Durch die Fenster konnte er draußen das Schneetreiben beobachten. Er riss sich von dem Anblick los und starrte stattdessen in den Flur, in dem jedoch auch nichts zu erkennen war. Weder ein Schatten, der sich gegen irgendein Zwielicht abhob, noch etwas anderes Bemerkenswertes. Im kargen Schein der Notbeleuchtung erkannte er lediglich die gleichen Bücher, Regale und ausgetretenen Teppichfliesen wie eh und je.

Jeremy Bradshaw wollte gerade wieder zurück in seinen Keller gehen, als er plötzlich das Licht bemerkte, das unter der Tür am Ende des Flures hindurchschien.

Das Licht in der Bibliothek, das wusste er genau, hatte er auf seinem ersten Rundgang gelöscht. Der Wachmann schluckte. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, als er mit zitternden Fingern nach seinem Holster tastete.

So hatte er sich seine letzte Nacht in diesem Haus nicht vorgestellt. Bier, Zigarre und Spaß schienen plötzlich in unerreichbare Ferne gerückt, und irgendwo tief in sich verspürte Jeremy Bradshaw das Bedürfnis, einfach davonzulaufen.

Doch er riss sich zusammen, bewegte sich langsam weiter voran, und dann, als er kaum noch einen Meter von der Tür entfernt war, begann der Lärm. Aus dem Inneren der Bibliothek drangen dumpfe Geräusche, beinahe so, als ob jemand zwischen den Regalen randalierte und Bücher umherwarf. Keuchend lehnte der Wachmann an der Wand, hob seine Waffe und atmete tief durch. Dann rutschte er näher zur Tür und sprach laut und vernehmlich jene Worte, von denen er gehofft hatte, sie niemals aussprechen zu müssen: »Security! Wer immer Sie sind, ich bin bewaffnet und autorisiert, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.«

Bradshaw hielt kurz inne. Er erwartete eine Reaktion. Irgendeine. Wobei ihm eine überstürzte Flucht am ehesten recht gewesen wäre. Doch stattdessen polterte und rumpelte es weiter, als ob der Eindringling nicht einmal Notiz von seinem Rufen genommen hatte.

Zitternd spannte Bradshaw mit leisem Klicken den Hahn des Revolvers. Er spürte, wie seine Hände feucht wurden. Ein Schat­ ten. Er hatte auf jenem Monitor nicht mehr als einen gottverdammten Schatten gesehen.

»Ich komme jetzt rein. Stellen Sie sich mit dem Gesicht an eines der Regale und strecken sie Hände und Füße weit von sich. Haben Sie mich verstanden?«

Auf eine Antwort hoffend, hielt er noch einmal inne. Nichts. Nichts als jenes Rumpeln und Poltern. Bradshaw schloss kurz die Augen, lehnte sich zurück und schnellte, die Waffe im Anschlag, vor. Seine Schulter prallte gegen die Tür. Die flog auf, knallte gegen eines der Regale, und dann stand der kleine, dicke Bradshaw – beinahe wie ein richtiger Sicherheitsmann – mit erhobener Waffe mitten in der Bibliothek … und traute seinen Augen nicht.

Auf diesen Anblick war er nicht vorbereitet. Vor ihm lag, im Schatten der Statue des Heiligen Laurentius, der umgestürzte Sarg. Keine zwei Meter davon entfernt häuften sich unachtsam zu Boden geworfene Bücher. Und vor den Regalen stand, ein Buch nach dem anderen hervorziehend, es betrachtend und dann zu Boden werfend, Edward Lysander Meredith. Irritiert blickte der Wachmann den kaum zwei Tage zuvor verstorbenen Hausherrn an.

Das war unmöglich. Allein schon, wie er mit den Büchern umging. Vollkommen unmöglich. Und doch sah er, wie Meredith sich im nächsten Moment umdrehte und – ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen – an eines der nächsten Regale herantrat.

Bradshaw fuhr der Schrecken bis in die Knochen. Entgeistert ließ er seine Waffe sinken. Er verstand nicht, was hier vor sich ging; konnte es sich, so sehr er sich auch bemühte, nicht erklären. Allerdings meinte er, schon einmal gehört zu haben, dass Menschen irrtümlich für tot gehalten und lebendig begraben worden waren.

Für eine Situation wie diese hatte er keinerlei Anweisungen und wusste dementsprechend nicht, ob er nun eher die Polizei oder Merediths Hausarzt anrufen sollte. So oder so sah er sich in diesem Moment inmitten des inneren Heiligtums von Meredith Hall niemand Geringerem als dem Eigentümer gegenüber, der bei bester Gesundheit schien und mit seinen Büchern schlussendlich verfahren konnte, wie immer es ihm gefiel. Und wenn ihm plötzlich danach war, jene Bücher, die er jahrelang nur mit der Pinzette umgeblättert hatte, auf den Boden zu werfen, dann war es nicht seine Sache, ihm dabei im Wege zu stehen.

Mit gesenktem Blick murmelte Bradshaw leise: »Verzeihen Sie, Sir, wenn ich Sie gestört haben sollte«, und fügte, um der Situation irgendwie gerecht zu werden, noch hinzu: »Freut mich, wenn es Ihnen besser geht.« Dann trottete er aus der Bibliothek, durch den Flur und zurück in seinen Keller.

Dort grübelte Bradshaw noch eine gute halbe Stunde darüber nach, ob und wen er angesichts des Vorfalles kontaktieren sollte, kam dann aber zu dem Schluss, sich stattdessen lieber wieder seinem Bier und seiner Zigarre zuzuwenden. So konnte er wenig später auf den Flurmonitoren erkennen, wie Edward Lysander Me redith in seinem Begräbnisanzug und mit einem Buch unter dem Arm aus seiner Bibliothek trat und langsam den Flur hinabschritt.

Durch den Qualm seiner Zigarre folgten Bradshaws Augen den Schritten des Alten, sahen ihn von einem Monitor auf den nächsten hinüberwanken, bis er die Eingangshalle erreichte.

Ohne sich um die Alarmanlage oder den draußen tobenden Schneesturm zu scheren, öffnete der zwei Tage zuvor Verstorbene die Tür und verließ schließlich, während der jaulende Alarm innerhalb von Sekundenbruchteilen zu schier unerträglicher Lautstärke anschwoll, unter den fassungslosen Blicken Jeremy Bradshaws ein letztes Mal seinen Londoner Stadtsitz.

Kurz nachdem die Polizei des Alarms wegen in Meredith Hall eingetroffen war, fand man wenige Straßen entfernt Merediths leblosen Körper, der den nachfolgenden Untersuchungen zufolge tatsächlich seit mehr als 48 Stunden tot war.

Die Aussagen des alkoholisierten Wachmanns schienen den ermittelnden Beamten wenig glaubwürdig. Ihm zufolge war der Hausherr kurz nach Mitternacht allein und auf eigenen Füßen aus dem Haus gegangen. Das aber war nicht nur seines Todes wegen eine absolute Unmöglichkeit, hatte Edward Lysander Meredith doch seit mehr als dreißig Jahren im Rollstuhl gesessen.

Was immer auch mit ihm geschehen sein mochte, als man ihn fand, hielt der Tote in seinen kalten Händen noch immer das einzige Buch, welches das innere Heiligtum im Lauf der vergangenen siebzig Jahre verlassen hatte. Eine alchemistische Schrift aus dem späten 15. Jahrhundert, George Ripleys The Compound of Alchymy.

Und mochte das Buch auch vom tobenden Schnee nachhaltig ruiniert worden sein, so wurde sein ursprünglicher Wert zusätzlich noch durch einen anderen Umstand geschmälert:

Irgendjemand hatte die erste Seite herausgerissen …
»…von Aster hat nicht nur einen unterhaltsamen, stilistisch ansprechenden und spannenden Roman vorgelegt, sondern einen Text verfasst, der zum Nachdenken anregen soll - und das ist beileibe nicht das Schlechteste, was man über einen Roman sagen kann.«
Carsten Kuhr, phantastiknews.de, 28.09.2011
Hobbitpresse
1. Aufl. 2011, 313 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93917-0
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Privat

Christian von Aster

Christian von Aster, geboren 1973, studierte Germanistik und Kunst, um sich schließlich Bühne, Film und Schreiben zuzuwenden. Neben seinen Fantasyb...

http://www.youtube.com/v/ZwNPOhLsqew

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