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Die geheime Geschichte Moskaus

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»Abgründig, dunkel, außergewöhnlich!« Neil Gaiman

Wohin verschwinden die Körper und Seelen der Menschen? Was hat es mit den Vögeln auf sich? Die geheimnisvolle Spur führt in den Untergrund im doppelten Sinn, den einer mythisch dunklen Märchenwelt und den der Moskauer Mafia. Ein dunkler Großstadtroman zwischen Magie und Realität. Episch und verspielt wie Neil Gaiman; kraftvoll und witzig wie Sergej Lukianenko. Eine Sternstunde russischer Fantasy.

»Umilenie nennt man in Russland eine Empfindung zwischen Traurigkeit und Glücklichsein, zwischen Seelenschmerz und Zufriedenheit. Umilenie beschleicht einen, wenn man die letzte Seite dieses Romans umblättert.«
Olga Krouk (Nautilus, 06/2009)

Die Unterwelt der Mythen, bedroht von der Unterwelt der Mafia: Ekaterina Sedias Fantasy-Thriller führt tief in die Tunnel der Moskauer U-Bahn. Dort verbirgt sich der Zugang in ein magisches Reich. Ein altes Reich voll mächtiger Gestalten, im Kampf gegen skrupellose Verbrecher der Gegenwart.

Galina pendelt jeden Morgen aus der grauen Vorstadt ins Moskauer Zentrum. Ihre jüngere Schwester ist hochschwanger - und eines Morgens plötzlich verschwunden. Nur ein Vogel sitzt noch einsam auf dem Fensterbrett. Jakov, ein junger Polizist, beobachtet beim Frühstück, wie sich ein unscheinbarer Passant ganz plötzlich in einen Raben verwandelt und in den Himmel über Moskau davonfliegt. Der Straßenmaler Fjodor sieht, wie ganze Schwärme von Vögeln aus einer Regenpfütze aufsteigen ...
Wohin sind die vermissten Menschen verschwunden? Was hat es mit den Vögeln auf sich? Die geheimnisvolle Spur führt in den Untergrund, in die verborgenen Wälder, Flüsse und Paläste tief unter den Schienen der Moskauer U-Bahn. »Die geheime Geschichte Moskaus« ist ein dunkler Großstadtroman zwischen Magie und Realität. Episch und verspielt wie Neil Gaiman; kraftvoll und witzig wie Sergej Lukianenko. Eine Sternstunde russischer Fantasy.

»Sedias Beschreibungen sind knapp und pointiert, sie braucht wenig Raum um viel zu erzählen, bzw. vieles mitschwingen zu lassen. Die geheime Geschichte Moskaus ist ein melancholischer Roman für verregnete Herbstabende, ein Roman, in dem sich drei Außenseiter wehren, ohne plötzlich zu strahlenden Superhelden zu werden. Es gibt keine Auserwählten und keine geheimen Superkräfte, es geht um Reue und Schuld, um Liebe und Opferbereitschaft, um Einsamkeit. Es ist eine Geschichte, die im Leser nachhallt. Ein beeindruckendes Debüt.«
mephisto, 10/2009

»Trotz der durchgehend phantastischen Kulisse werden daher neben Freunden der modernen High Fantasy auch Freunde des gehobenen Mainstream ihre Freude an dem Band haben.«
Karl Aubach, Fandom Observer, 09/2009

»Die in Russland geborene und aufgewachsene, heute in den USA lebende Autorin hat mit ihrem Romandebüt eine überaus reizvolle Urban Fantasy vorgelegt. Die Geschichte erinnert in ihrer Grundidee an Neil Gaimans "Neverwhere", ist aber dennoch ein eigenständiges literarisches Werk voll Tiefgang. Ekaterina Sedia hat damit bewiesen, dass sie eine der vielversprechendsten neuen Autorinnen ist, die das Genre in den letzten Jahren hervorgebracht hat.«
Hermann Urbanek (Space View, 07/2009)

»Sedias spannenden und höchst originellen Text kann man durchaus auch als russischen Gegenwartsroman lesen.«
Wolfgang Bortlik (www.20minuten.ch)
Leseprobe
2. Jakov
Jakov hatte noch nie leiden können, wie er aussah. Irgend wie zu gewöhnlich, da war nicht einmal der Hauch des englischen Gentleman, den vorzustellen er eigentlich von sich erwartete. Von jeder spärlichen Linie seines kleinen, spießigen Körpers bis hin zum letzten borstigen Haar auf seinem Haupt schrie sein Anblick der Welt entgegen: >Seht her, ein russischer Bauer !< Die Reaktion der Welt darauf war ungehalten, und sie stieß ihn von sich. In Moskau zeig te sich dieses Stoßen besonders heftig.
» Limitschik « - so nannte man Leute wie ihn. In Moskau zu wohnen war den Moskowitern vorbehalten sowie einer begrenzten Zahl von Zugezogenen. Geborene Moskowiter betrachteten die Zugezogenen herablassend und mit Ab scheu, was Jakov überrascht hatte, als er, mit gerade zehn Jahren, hergekommen war. Zwanzig Jahre später schien der Hass sich nicht vermindert zu haben. Allmählich vermutete er, dass er niemals zum Eingesessenen werden würde.
Jakov stand in Unterhose und Feinripp vor dem Fenster und schaute auf die Pappel, die nicht ganz bis zu ihm an den sechsten Stock heranreichte. Obendrauf war ein Krä hennest , und der aufkommende Wind schwenkte es hin und her. Jakov machte sich Gedanken über die Sicherheit der beiden jungen Krähen im Nest. Die Eltern waren nirgends zu sehen, und die Jungen quäkten, als die ganzen Zweige und Äste und gelegentlichen Büschel mit dem Wipfel vor und zurück geschaukelt wurden. Jakov fragte sich, ob den kleinen Vögeln wohl schlecht würde. Was sie im September noch im Nest machten?
»Jascha !« , rief seine Mutter aus der Küche. »Frühstück !«
Er zog sich die an den Knien ausgeleierte Trainingshose mit den ausgewaschenen roten Streifen hoch. In seinem Leben waren zu viele Sachen rot und ausgewaschen - eine davon, in Gestalt des Morgenmantels seiner Mutter, ging mit der verzweifelten Energie eines Uhrwerks zwischen Herd und Küchentisch hin und her.
»Nur die Ruhe, Mama«, sagte Jakov und tätschelte der alten Frau die Schulter. Er betrachtete sie stets als alt, und an ihren Geburtstagen war er immer erschrocken, wenn ihm aufging, dass sie kaum fünfzig war. »Heute ist Sonnabend, kein Grund zur Hektik .«
»Ich wollte mich noch mit Lida treffen, wir gehen zum Friedhof«, sagte sie. »Deine Großeltern besuchen. Und die Gräber müssen auch gesäubert werden, bei dem vielen Laub .«
»Es ist Herbst. Morgen fällt wieder was drauf .«
»Gräber muss man sauber halten«, gab sie störrisch und knapp zurück. »Iss !«
»Warte nicht auf mich. Mach du nur, was du meinst .«
Sie seufzte. »Kommst du denn zurecht ?«
»Na klar doch .« Er brauchte sich nicht aufzuregen. Sie machte sich ständig Sorgen, diese Angewohnheit würde sie nicht mehr los. Geduld , sagte er zu sich. Du bist jetzt hier der Erwachsene, auch wenn sie es nicht bemerkt . »Geh nur, mach das. Viel Spaß. Mit den Gräbern.«
Sie verzog das Gesicht. »Man muss sich um die Toten kümmern .«
Er wusste, dass streiten keinen Sinn hatte. Dass es keinen
Sinn hatte, ihr zu erklären, dass sie die Einzige war, der diese endlose, undankbare, sinnlose Schufterei auf dem Friedhof Trost spendete. Den Toten war das egal. Jakov trank seinen Tee.
Seine Mutter zog sich in ihr Zimmer zurück, klapperte mit den Schranktüren und schob Polyestersachen hin und her. Er schmierte sich ein Brot mit Butter und dicken, stark riechenden Käsestückchen voller Löcher. Hoffentlich war er bald allein, dachte er und schämte sich dafür.
Sie kam, bewehrt mit geblümtem Stoff und strengen, schwarzen Schuhen in die Küche. »Es würde dich nicht umbringen, deine Großeltern einmal zu besuchen .«
Großeltern. An seine Oma konnte er sich schwach erinnern, an seinen Großvater überhaupt nicht. Seine Mutter ebenso wenig. Sie wusste nur, dass er Engländer war. Dann gab es noch halb vergessene Geschichten und Schlussfolgerungen, aber sicher war allein seine Nationalität. Die und die Tatsache, dass er sechs Monate lang, zwischen Mai und November 1938, als englischsprachiger Korrespondent beim Radio gearbeitet hatte. In dieser kurzen Zeit hatte er Oma geheiratet und geschwängert und war prompt exekutiert worden - oder, wie sie es unter Chruschtschow nannten, der Repression zum Opfer gefallen. Keiner wusste so genau, was da in dem Grab mit seinem Namen drauf verscharrt lag und wie es dorthin gekommen war, aber so neugierig war man nun auch wieder nicht.
»Ich bleibe heute lieber zu Hause, Mama«, sagte er. »Vielleicht nächste Woche. Dann können wir auch in die Kirche gehen, wenn du willst .« Sie besänftigen, eine sofortige kleine Unannehmlichkeit gegen eine größere tauschen, die aber erst später kam. Clever.
»Wir schauen mal, Jascha .« Es wirkte. »Ich bin bald wieder da .«
Er trank den inzwischen erkalteten Tee aus und fand sein Fernglas. So konnte er die weit aufgerissenen, mit Eidotter umrandeten Schnäbel in stillem Gekreisch sehen.
Der Wind wurde stärker. In gelben Wirbeln blies er die Blätter aufwärts und ließ sie dann wieder zu Boden sinken. Er wehte durch das trockene Gras auf der Brachfläche hinter der Kinderkrippe, die man von Jakovs Fenster aus sehen konnte, er pfiff durch die leeren Flaschen, die zwischen den abblätternden Bänken herumlagen, zerrte am Fell der Hunde, die durch den getrockneten Schlamm und die Heubüschel in diesem Niemandsland rannten, und ihre Herrchen klappten die Krägen hoch und zündeten sich Zigaretten an, die kleinen Streichholzflammen in der Handfläche geborgen, fachmännisch die Schultern als Puffer gegen den Wind gestellt.
Jakov beobachtete einen jungen Mann, der einem schottischen Terrier nachlief. Der Hund, ein einziges verschwommenes Gewusel, rannte im Kreis und entwischte mit Leichtigkeit seinem Besitzer, obwohl seine kurzen Beine unter dem zotteligen Fell kaum zu sehen waren. Dem jungen Mann flatterte die Jacke, als er dem Hund hinterherjagte , schimpfend seinen Namen rief. Ein Windstoß erwischte ihn im Rücken, brachte ihn in linkisches Stolpern und warf ihm die Jacke über den Kopf. Der Mann wollte sich davon befreien, mühsam wand er sich und schlug mit den Armen, da kam ein neuer Windstoß und hob ihn in die Luft. Jakov ging dichter ans Fenster, so ganz traute er seinen Augen nicht, aber er war viel zu zufrieden über diesen Sonnabend alleine, als dass er wirklich überrascht oder gar erschreckt war. Die Arme des Mannes bewegten sich schneller, die Jacke wurde länger. Seine Füße schrumpften vom Boden weg, wurden zu winzigen Vogelklauen, und er schwebte, halb Mensch, halb .
Jakov beobachtete die anderen Leute und Hunde, aber niemand schien besorgt zu sein oder das seltsame Verhalten des jungen Mannes auch nur zu bemerken. Nur der Ter rier hörte auf zu rennen und setzte sich hin, legte den Kopf fragend schief und verfolgte irgendetwas hoch oben in der Luft. Und dann fiel Jakov auf, dass der junge Mann fort war, und nur eine Krähe flatterte über dem leeren Grundstück mit den Flügeln, verfolgt von einem jaulenden schottischen Terrier, der seine Leine durch den Schlamm zog.
An Montagen hatte er immer so ein Unwohlsein und ein Zerren in der Brust und das Verlangen, sich tief in seine Kissen zu vergraben und einfach zu schlafen. Stattdessen stand er um fünf Uhr morgens auf und ging zur Arbeit. Der Bus war besetzt mit schläfrigen Bürgern, die zu dieser gottlosen Stunde, da die Seele, noch sanft vom Schlaf, anfällig gegen Licht, Lärm oder ein unfreundliches Wort war, niemandem ins Auge sehen wollten. Jakov stellte sich wie seine Landsleute schlafend und verbarg das Gesicht im aufgestellten Kragen seiner Uniform.
Sobald er die Augen schloss, wehte ein Wind, und Jacken drehten sich auf links, Hunde bellten und Krähen krächzten. Diese Szene, die er beobachtet hatte, konnte er einfach nicht einordnen, und er beschloss, sie als Halluzination oder obskure optische Täuschung abzutun. Er verscheuchte den Gedanken und lenkte sich ab, indem er sich um eine der Krähen kümmerte. Sie war aus dem Nest gefallen, und Jakov hatte die Nacht und den ganzen Sonntag damit verbracht, abwechselnd den Vogel zu versorgen und seine Mutter zu überzeugen, dass Krähen einem nicht die Augen auspicken. Jetzt musste er lächeln, als er an die im Kreis verlaufende Argumentation dachte.
8. Die Leiche
[...] Einer von ihnen, Slava , ein großer, schmächtiger Typ, der früher mal mit Sergej in einer Klasse gewesen war und ihm seine gegenwärtige Anstellung verschafft hatte, führte Sergej zu einer abgelegenen und unbewachten Bahnstrecke, einem einzelnen Gleispaar, das durch die wenigen verbliebenen Apfelbaumplantagen und Waldstücke von Birjolewo führte. In der Sommerhitze dünsteten die Holzbohlen den Geruch von Pech und Teeröl aus, und die Steine dazwischen waren übersät mit vereinzelten Grashalmen. Auf diesem Gleis wurde Glasgranulat, kleine Kugeln aus grünem, blauem oder durchsichtigem Glas mit einem Durchmesser von zwei Zentimetern, in eine nahe Glasfabrik transportiert. Dabei lagen die Granulate auf offenen Waggons, die nicht schneller fuhren als in leichtem Laufschritt, so dass sie einfach einzuholen waren.
»Was brauchen wir denn dieses Granulat ?« , fragte Sergej. »Das ist doch nicht mehr wert als ein Haufen Scheiße .«
»Aber das, was man damit machen kann«, sagte Slava . »Die Tschetschenen werde ordentlich Schiss kriegen, wenn sie hören, dass wir solche . Macht haben. Hast du gewusst , dass Glas Seelen einfangen kann ?« Slava war rasch zu einem Fachmann für das Okkulte geworden.
»Nein«, sagte Sergej. »Und wo zum Teufel hast du diese Info her ?«
»Ich habe meine Quellen«, sagte Slava mit verschlagenem Grinsen. »Bist du dabei oder nicht? Wenn die erst mal mitkriegen, dass wir sie nicht nur umlegen können, sondern ihre Seelen für alle Ewigkeit haben können, dann wird sich keiner mehr mit uns anlegen. Nie wieder.« Slava sagte das genüsslich und stieß gegen das Gleis, welches mit tiefer, volltönender Stimme erklang, und Sergej stellte sich vor, dass das Geräusch von Slavas Adidastretern weit reiste, in unbekannte Länder, vielleicht sogar bis nach Europa. »Tschetschenen haben nämlich Angst um ihre Seelen, das sind Christen .«
»Moslems«, berichtigte Sergej. »Armenier und Georgier sind Christen .«
»Alles das Gleiche«, meinte Slava . »Scheißegal, was die auch glauben, solange sie an einen Himmel glauben. Den können wir ihnen verwehren. Wie geil ist das ?«
Ein langsamer Zug rumpelte vorüber, und Slava wartete, bis er fast vorbei war, dann lief er mit und holte einen der offenen Waggons ein. Er machte einen Satz und hielt sich daran fest. Allerdings sprang er nicht auf, sondern griff einmal hinein, ließ dann wieder los und landete in der Hocke zwischen den Gleisen. Er kam zurück und zeigte Sergej eine Handvoll grüner Kugeln. »Geile Scheiße.« Er hielt ihm eine hin und sich selbst eine andere dicht ans Auge, blinzelte hindurch in die Sonne.
Sergej tat es ihm gleich. Die kleinen Einfallstellen und Unreinheiten auf der Glasoberfläche wurden vergrößert, und es kam ihm vor, als schaue er auf die Mondoberfläche , die rätselhaft und glänzend grün war, verzerrt von der leichten Krümmung im Glas, mit schwelenden Kratern übersät. Er entdeckte, dass die grüne Welt mit rotierte, wenn er die Kugel in den Fingern drehte, und ihm ihre verborgenen Berge und tiefen Krater zeigte.
»Ist doch nicht der schlechteste Platz für eine Seele, was meinst du ?« , sagte Slava . »Bist du dabei ?«
Und so arbeitete Sergej in dem, was sie euphemistisch das Glasgeschäft nannten, und er sammelte eine schöne Zahl von Seelen zusammen, während Slava und die anderen ihr Gebiet erweiterten. Jedenfalls, bis er sich auf der falschen Seite des Glasgranulats wiederfand .
Er wurde zunehmend neugierig, woher Slava sein obskures Wissen hatte, und er begann, Fragen zu stellen. Dies erwies sich als fruchtlos, und so schnüffelte er herum. Inzwischen hatte er den Wolga abstoßen können, dieses von Rost und Klassensymbolik belastete Ding, und sich einen Jeep gekauft - aus zweiter Hand zwar, aber in besserem Zustand als alles, was er bis dahin besessen hatte. Slava dagegen tauschte seinen Mercedes gegen einen neuen, sobald der Aschenbecher voll war, und Sergej hatte den Verdacht, dass seine Einkommensquellen sich auf andere Dinge als das Gangstern und Seelenfangen ausdehnten. Er nahm sich vor, Slavas geheimen Machenschaften nachzugehen.
Er bezog Posten am Eingang von Slavas Wohnhaus, ein gut ausgestattetes altes Gebäude auf der Twerskaja . Für diese Expedition lieh er sich einen unscheinbaren Saporoshez von einem Freund aus (die Marke wurde im Volksmund in Russland immer mit einem schwangeren Schulmädchen verglichen, weil beide Schande über die Familie brachten), und er hielt Wache zwischen den ebenso schlichten Autos, die im Hof geparkt waren, mit gutem Blick auf Slavas kastanienbraunen Benz. Er wartete bis weit nach Mitternacht, da kam Slava aus dem Gebäude, allein. Sergejs Herz schlug schneller. Das Fehlen der beiden klobigen Leibwächter, die ihm sonst überallhin gefolgt waren, wies darauf hin, dass er etwas Geheimes vorhatte.
Sergej wartete, bis er vom Hof gefahren war, dann schaltete er seine Lichter ein. Er folgte ihm durch den träge fließenden Verkehr und war sich sicher, dass ein Saporoshez weit unterhalb von Slavas Aufmerksamkeitsschwelle lag. Es war viel los, und ein paar Mal machte Sergej sich Sorgen, dass er seine Beute verlieren würde. Als sie dann aber auf die Sadowoje Koltso eingebogen waren, wurde die Verfolgung einfacher. Sergej fuhr in südöstlicher Richtung, nach Kolomenskoje .
Der Park war geschlossen, aber Slava überstieg mit Leichtigkeit den eisernen Zaun. Sergej parkte sein Auto in einiger Entfernung zu Slavas und folgte ihm über den Zaun. Er folgte auch den sich windenden Pfaden, stolperte in der Dunkelheit und fluchte leise, verlor dabei aber nie Slavas Taschenlampe, die zwischen den Bäumen vor ihm hin- und herschwang , aus den Augen.
Der Mond kam hervor, und es war so hell, dass man einige der Gedenkplaketten erkennen konnte. Sergej mutmaßte, dass sie zur Hütte von Peter dem Großen wollten. Das kleine Holzhaus war Brett für Brett nach Kolomenskoje transportiert worden, damit man es dort in angemessener Form unsterblich machen konnte. Und jetzt, so schien es, gingen dort finstere Machenschaften vor sich.
Slavas Taschenlampe verschwand in der Hütte, und Sergej ging auf Zehenspitzen näher heran. Von drinnen kamen Stimmen - zuerst sagte Slava etwas, dann antwortete eine merkwürdige Stimme. Sergej spürte, wie ihm kalter Schweiß den Rücken hinabrann und die Stille um ihn herum schwer auf ihm lastete. Eine leichte Brise wehte durch die Blätter, und er war fast unangenehm dankbar für diese Zeichen,
dass er immer noch im Park war, in der menschlichen Welt, denn die Stimme, die er soeben gehört hatte, war ganz gewiss nicht von hier.
Er konnte die Wörter nicht verstehen und war zu erschreckt, um nach drinnen zu gucken. Leise zog er sich von der Hütte zurück. Jetzt hatte er sogar noch mehr Angst, ein Geräusch zu machen. Er wusste sehr wohl, zu was Slava fähig war, aber das Wesen, mit dem er sich dort unterhielt, schien ihm ungleich gefährlicher zu sein, unermesslich und von einer anderen Welt.
Also floh er und verfolgte Slava fortan nicht mehr auf dessen nächtlichen Expeditionen. Seine Verhaltensänderung fiel jedoch auf, und nun war er es, der befragt wurde. Er täuschte persönliche Schwierigkeiten vor und erfand sogar eine Freundin, die er geschwängert hätte und die nun keine Abtreibung wollte.
»Na gut«, meinte Slava mit immer noch unbehaglich dunklen Augen. »Sieh nur zu, dass du deswegen nicht nachlässig wirst .«
Sergej schwor es ihm und war erleichtert, dass man ihm nicht auf die Schliche gekommen war.
Das Ende kam, als Slava ihn auf dem Handy anrief. »Ich brauche dich, du musst was für mich erledigen«, sagte er. »Ist total geheim. Da ist ein neuer Fluch, den es hier gibt, und ich will, dass du mir ein Testobjekt besorgst. Ist mir egal, wer oder was es ist, schaff mir einfach irgendeinen Körper her. Und pass auf, dass er am Leben ist .«
Sergej fuhr durch die Straßen in seiner Nachbarschaft zu einem offenen Markt, wo schlehenäugige Kaukasier Rosen und Melonen, kinderkopfgroße Tomaten und Raubkopien amerikanischer Krimis verkauften. In der Dämmerung verliefen sich die Kunden allmählich. Die Beziehungen zu den kaukasischen Gangs waren ohnehin schon gespannt, also wollte er sich einen der Besucher schnappen. Eine Frau mittleren Alters, glücklich behängt mit Plastiktüten voller Südfrüchte, bog in eine schmale Seitenstraße ein, und Sergej folgte ihr. Dann drückte er ihr eine Waffe in die Rippen und überzeugte sie, mit zu seinem Fahrzeug zu kommen. Dass sie es wiedererkennen könnte, kümmerte ihn nicht. Die Testpersonen von Slavas Experimenten konnten nur äußerst selten hinterher von ihren Erfahrungen berichten.
Er rief Slava zurück. »Ich hab eine«, sagte er.
»Dann komm zum Haupteingang«, sagte Slava .
»Bin in einer halben Stunde da .«
Er fuhr nach Kolomenskoje und parkte neben dem im Leerlauf wartenden Benz. Slava saß darin, und zwischen seinen schmalen Lippen glomm eine Zigarette. »Gute Arbeit«, sagte er, als Sergej ihm die tränenüberströmte Frau zeigte, die vor Furcht ganz stumm war. »Komm mit. Ich möchte, dass du dir das ansiehst .«
Sergej und seine Gefangene folgten. Zu der Zeit hatten die Touristen und die Erholung suchenden Stadtbewohner den Park schon geräumt, und die von langen Schatten durchkreuzten Pfade wirkten besonders mysteriös. Slava schwieg, und Sergej wurde allmählich unwohl.
»Für was ist denn dieses neue Ding ?« , fragte er,
»Es verwandelt Menschen in Vögel«, sagte Slava . »Es ist aber nicht für uns. Ich tue nur jemandem einen Gefallen .«
»Denen, die dir diese ganze Magie überlassen haben ?« , fragte Sergej.
Slava blieb stehen und drehte sich um. Die Hände tief in den Taschen seiner kastanienbraunen Jacke sagte er: »Ja .« Er zog eine Hand aus der Tasche und zeigte Sergej eine blaue Glaskugel. »Und die hier ist für dich .«
Mehrere Schläger mit Klebeband und Zangen traten hinter den Bäumen neben dem finsteren Pfad hervor.
Sergej wehrte sich gegen die vielen Hände. »Was habe ich denn getan ?« , fragte er Slava .
»Ich kann Spione nicht leiden .«
»Ich bin kein Spion«, sagte Sergej. »Warum sagst du so was ?«
»Woher hast du denn sonst gewusst, von welchem Haupteingang ich gesprochen habe ?« , antwortete Slava . »Dämliches Arschloch.«
Hobbitpresse Ins Deutsche übertragen von Olaf Schenk (Orig.: The Secret History of Moscow)
1. Aufl. 2009, 329 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93873-9

Ekaterina Sedia

Ekaterina Sedia, geboren und aufgewachsen in Moskau, lebt in New Jersey. Sie unterrichtet Botanik am »State liberal arts college« und schreibt Bücher....


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