Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte. Band 17

Die Urkatastrophe Deutschlands. Der erste Weltkrieg 1914-1918
Buchdeckel „978-3-608-60017-9
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Der Erste Weltkrieg, die »Urkatastrophe«, steht am Anfang einer Epoche gewaltiger Umwälzungen. In seinem Gefolge ereigneten sich politische und soziale Erschütterungen, die die überkommene bürgerliche Ordnung Europas zerstörten: Mit diesem Niedergang begann der Aufstieg von Faschismus und Nationalsozialismus und die Stabilisierung des sowjetischen Herrschaftssystems.

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Leseprobe


Forschungsstand und Kontroversen in der Forschung

In der Geschichtswissenschaft besteht heute weithin Einigkeit darüber, daß der Erste Weltkrieg, wie George Kennan dies formuliert hat, die "Urkatastrophe" des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen ist. Der Erste Weltkrieg steht am Anfang einer Epoche gewaltiger Umwälzungen, die erst in den letzten Jahren unseres Jahrhunderts einer neuen, freilich immer noch instabilen Weltgesellschaft Platz gemacht haben. Die politischen und sozialen Erschütterungen des Ersten Weltkrieges unterminierten die überkommene bürgerliche Sozialordnung Europas; sie beschleunigten den Niedergang des Bürgertums als führende gesellschaftliche Schicht; sie setzten neue politische Kräfte frei, welche Europa und die Welt bis zur Unkenntlichkeit veränderten, einerseits den Nationalsozialismus und die faschistischen Bewegungen, andererseits das sowjetische Experiment der Errichtung eines marxistisch-leninistischen Herrschaftssystems zunächst "in einem ( - rückständigen - d.Vf.) Lande" und, teilweise als Folge des Zweiten Weltkrieges, seiner zeitweiligen Ausweitung auf ganz Osteuropa. Darüber hinaus sind die Ausstrahlungen des Marxismus-Leninismus namentlich auf die außereuropäische Welt noch heute wahrnehmbar, wenngleich sie seit längerem rückläufig sind. Der Erste Weltkrieg brachte in der Zwischen Kriegszeit die Kulmination westlicher imperialer Herrschaft über weite Regionen des Erdballs. Gleichzeitig wurden in diesen Jahren die Ansätze gelegt, die dann nach dem Zweiten Weltkrieg in einen weltweiten Prozeß der Dekolonisation einmündeten. Vor allem aber wurden die europäischen Gesellschaften und namentlich die deutsche Gesellschaft durch die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und moralischen Auswirkungen des Ersten Weltkrieges tiefgreifend verändert und destabilisiert; überdies war er die Inkubationsphase der extremen völkischen Nationalismen und des Antisemitismus.

Es ist daher nicht erstaunlich, daß sich die Geschichtswissenschaft seit geraumer Zeit mit steigender Intensität der Erforschung der Geschichte des Ersten Weltkrieges zugewandt hat. Angesichts der politischen Relevanz der Deutungen dieses gewaltigen Geschehens setzten die wissenschaftlichen und mehr noch die publizistischen Veröffentlichungen über den Ersten Weltkrieg schon in den frühen 20er Jahren ein. Die Zeit des Nationalsozialismus brachte in Deutschland eine Unterbrechung ernsthafter Forschung, verbunden mit weitgehender Abschottung gegenüber der westlichen Geschichtswissenschaft. In der Bundesrepublik wurde die Debatte über den Ersten Weltkrieg dann von Fritz Fischer 1959 mit einem Aufsatz in der Historischen Zeitschrift über die deutschen Kriegsziele im Ersten Weltkrieg neu eröffnet. Fischer stellte den in den vergangenen Jahrzehnten nicht ohne Einmischung politischer Faktoren erreichten weitgehenden Konsensus über den Ersten Weltkrieg und seine Ursachen radikal in Frage und setzte damit einen Auseinandersetzung in Gang, die bis in unsere Gegenwart hinein anhält, auch wenn sie inzwischen an Schärfe verloren hat. Fischer, der seine Position im Laufe der Debatte immer mehr verschärfte, vertrat die provozierende These, daß das Deutsche Reich seit 1911 oder doch jedenfalls seit dem sogenannten "Kriegsrat" vom 8. Dezember 1912 zielbewußt auf die Herbeiführung eines europäischen Krieges hingearbeitet habe, allerdings unter der Prämisse, daß Großbritanniens Neutralität gewährleistet sein würde. Insbesondere Gerhard Ritter trat Fischer damals scharf entgegen und mit ihm eine ganze Phalanx von Historikern der älteren Generation. Inzwischen hat sich der Kern der These Fritz Fischers, daß nämlich das Deutsche Reich die Hauptverantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges trage, im wesentlichen durchgesetzt, während seine These, daß das Deutsche Reich schon in den letzten Vorkriegsjahren konsequent den Krieg vorbereitet habe und eine Kontinuität der deutschen Kriegsziele unter Einschluß der unmittelbaren Vorkriegsjahre bestehe, heute nur noch von einer Minderheit der Forschung vertreten wird. Die internationale Forschung hat inzwischen den Anteil der anderen Großmächte deutlicher herausgearbeitet; Niall Ferguson hat jüngsthin gar die britische Politik als Hauptschuldigen ausmachen wollen. Aber von einem "Hineinschliddern" der europäischen Mächte in den Krieg kann nicht länger die Rede sein.

Die Akzente in der jüngsten Forschung werden unterschiedlich gesetzt. Diplomatiegeschichtlich ausgerichtete Autoren betonen stärker die Erstarrung der sich vor dem Kriege verhärtenden Bündnissysteme, andere Autoren sehen in dem Kriegsentschluß der Reichsleitung, und in geringerem Maße der österreichischen und der zarischen Regierungen, einen Ausweg aus inneren Schwierigkeiten, wieder andere betonen, daß die Kluft, die sich zwischen den traditionellen Führungseliten und den ausgeprägt nationalistisch eingestellten bürgerlichen Schichten aufgetan hatte, die überalterten Führungseliten teilweise wider besseres Wissen zur "Flucht nach vorn" in den Krieg veranlaßt habe. Die Frage, ob die Zustimmung der Sozialdemokratie zu den Kriegskrediten im August 1914 Verrat an der Arbeiterklasse gewesen sei, hat an Bedeutung verloren; ebenso wird die früher verbreitete Auffassung, daß die loyale Haltung der Sozialdemokratie im Kriege Deutschland vor dem Versinken im Bolschewismus bewahrt habe, heute nicht mehr als aktuell angesehen. Der Ansicht, daß der Krieg zu einer Verschärfung der Klassengegensätze innerhalb der deutschen Gesellschaft geführt habe, steht heute eine differenziertere Deutung gegenüber, die davon ausgeht, daß nicht die Arbeiterschaft, sondern der sogenannte alte Mittelstand und die Unterschichten die hauptsächliche Last des dramatischen Verarmungsprozesses der Kriegsjahre getragen haben, mit langfristigen Auswirkungen für die Stabilität der Nachkriegsordnung.
Klett-Cotta
10. Auflage 2004, 188 Seiten, Leinen mit eingel. Titelschild, Fadenheftung, Lesebändchen, ausf. Anhang, Names- und Ortsregister
ISBN: 978-3-608-60017-9

Wolfgang Mommsen

Jürgen Kocka

Jürgen Kocka, geboren 1941, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Marburg, Wien, Berlin und Chapel Hill (North Carolina), promovierte 1968...

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