»Der amerikanische Autor Mark Z. Danielewski hat nach allen Regeln der Postmoderne das begehbare Buch konstruiert.«
Diedrich Diederichsen (Die Zeit, 03.01.2008)
Der erste große Roman des einundzwanzigsten Jahrhunderts
»... Stephen King trifft Derrida im Folterkeller. ...«
Richard Kämmerlings (FAZ, 10.10.2007)
»... Der abgefahrenste Roman der Saison ...«
Jan Süselbeck (die tageszeitung, 10.10.2007)
»... das extravaganteste Buch der Saison ...«
Werner Fuld (Focus, 24.9.2007)
»Ein großartiger Roman. Ein phänomenales Debüt. Hinreißend lebendig, auf erhabene Weise unheimlich, in erschütterndem Maße furchteinflößend, atemberaubend intelligent - es lässt fast alle anderen Werke bedeutungslos erscheinen ...«
Bret Easton Ellis
Als der Pulitzer-Preisträger Will Navidson mit seiner Frau und den beiden Kindern in das Haus zieht, ahnt er nicht, wie hier sein Leben aus den Fugen geraten wird. Ganz beiläufig filmt er die alltäglichen Vorgänge in den Zimmern und Fluren; ganz beiläufig muss er feststellen, dass dieses Haus über Räume verfügt, die kein Grundriss verzeichnet.
Nachdem er bei einer ersten Erkundung dieser Räume fast den Rückweg nicht mehr findet, holt er Hilfe - ein Ingenieur und ein professioneller Höhlenforscher sollen die unermesslichen Räume im Hausinneren erforschen helfen. Und immer läuft die Kamera mit - und zeichnet auf, was über den Verstand aller Beteiligten geht und ganze Generationen von Filmkritikern und Kinogängern schaudern lassen wird. ...
»Willkommen in der Hölle. Es erwartet Sie das volle Programm.« Mark Z. Danielewski
Die Übersetzerin:
Christa Schuenke lebt und arbeitet in Berlin. Für ihre literarischen Übersetzungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt hat sie eine Neuübertragung von »Gullivers Reisen« vorgelegt.
»Der amerikanische Autor Mark Z. Danielewski hat nach allen Regeln der Postmoderne das begehbare Buch konstruiert.
... Der Autor, der die ganze Zeit alle Konventionen der so konventionell gewordenen Gegenwartsliteratur mit ihren antiexperimentellen Erzähldogmen aushebelt, hat doch zugleich alles unter Kontrolle. Mit der Expansion des Stoffes expandieren eben auch die Mittel. Was für Sterne damals die neuen Mittel der Vervielfältigung, des Buchdrucks und mit ihm ein neuer Begriff der Autorenschaft waren, sind für Danielewski die Möglichkeiten der Computergrafik und der elektronischen Medien insgesamt als Erweiterung des Erzählerischen - und eine neue Idee des Schriftstellers als Büchermacher, ja als Erbauer bewohnbarer Bücher.«
Diedrich Diederichsen (Die Zeit, 03.01.2008, ansehen)
»... Wenn David Forster Wallace mit "Infinite Jest" (1996) den letzten großen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben hat, dann Danielewski den ersten großen des einundzwanzigsten. ... Das Haus ist in Wahrheit ein Text, Stein gewordener Poststrukturalismus: Seine Bedeutung ist nie zu fixieren, immer verschiebt sich eine Wand, entsteht ein neuer Durchgang, tut sich ein neuer Abgrund auf - Stephen King trifft Derrida im Folterkeller. ... So treibt Danielewski mit dem Leser ein ungemein intelligentes, perfides Doppelspiel: Die Horrorstory, ... wird mit ahnungsvollen Vorgriffen und Hinweisen spannend, effektvoll und hart erzählt. ... Tun wir uns doch zusammen und rüsten wir die nächste Expedition aus. Dann kann es von vorne losgehen.«
Richard Kämmerlings (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2007)
»... Der abgefahrenste Roman der Saison ... Seien Sie also gewarnt. Aus Danielewskis Haus gibt es kein zurück. Ich bin auch nicht mehr herausgekommen.«
Jan Süselbeck (die tageszeitung, 10.10.2007)
» Was für ein Buch! Ständig wartet es mit einer neuen Überraschung auf und düpiert den Leser in seiner Erwartung ...«
Wieland Freund (Die Welt, 6.10.2007)
»... "Das Haus" ist kein Buch, bei dem man die Distanz bewahren kann. Oder wenn man kann, wenn man es nicht an sich ranläßt, sich nicht aufsaugen lässt, dann ist man wohl einer von jenen "euchs", für die das Buch nicht ist.
Es ist ein Buch, dass aus der Masse der Veröffentlichungen herausragt, das wirklich eigene Wege beschreitet. Ein Buch, in das man eintauchen kann wie in wenige andere. Spielerisch, mit dem Verstand und auch emotional.
Es ist - bei aller Vorsicht, die man bei diesem Wort an den Tag legen sollte - schlicht gesagt: Ein Meisterwerk.«
(Mephisto, 01/2008)
»... das extravaganteste Buch der Saison
... Ein Horror-Roman also - auf den ersten Blick. Von Edgar Allen Poes Geschichten vom "Untergang des Hauses Usher" bis zu Stephen Kings "Shining" ist das lebende Haus eine beliebte Metapher für die dunklen Kammern in unserem Innern ... Auf den zweiten Blick jedoch entdeckt man unter der Oberfläche des Schreckens einen Roman über die Liebe ... Danielewskis furioses Verwirrspiel, von Christa Schuenke virtuos übersetzt, ist der erzählerische Höhepunkt der gerade in Mode kommenden Semi-Fiction ...«
Werner Fuld (Focus, 24.9.2007)
»... Doch egal in welchem der beiden Haupterzählstränge man sich gerade bewegt: Der unheilvolle Sog, den sie beeide ausüben und in dem sie sich auch gegenseitig verstärken, lässt all das zurück. Anfangs wirken verschlungene Herausgeberfiktion und typographische Gestaltung des Erzählten wie eine Art Geländer durch das Dunkel, das sich ankündigt. Später, wenn längst ringsum nur schwarze Korridore, Treppen und Hallen lauern, versperrt das vermeintliche Beiwerk den Rückweg. ...«
Guido Graf (Frankfurter Rundschau, 2.11.2007)
»...Süßer noch als ein solcher Gleichklang mit den Figuren ist die Identifikation mit dem, der sie erdacht hat. Denn einfach alles was einem wichtig erscheint, in einen 800-Seiten-Wälzer zu packen, die Welt und ihre Vergangenheit, Raum und Zeit, die liebe Kunst samt der nicht ganz so geliebten Kritik der Kunst, das muß sich anfühlen wie Gott-Sein. Mehr noch als ein Horror-Roman erscheint mir "House of Leaves" deshalb ein Künstlerroman. ...«
Georg Klein (Süddeutsche Zeitung, 14. September 2007)
»... Damit ist angedeutet, dass es sich hier um ein Textlabyrinth handelt, in dem man gut - und gerne! - Tage und Wochen verbringen kann; wobei auch Leser, die nicht jeder Fährte folgen mögen, voll auf ihre Kosten kommen. Denn insbesondere die Haupterzählung des Romans ist gedanklich wie gestalterisch ein Meisterstreich. ... Diese Passagen sind ... literarische Virtuosenstücke, in deren Suggestivkraft und Effektsicherheit ... Danielewskis Nähe zum Film evident wird ...«
Angela Schader (Neue Zürcher Zeitung, 29.8.2007)
»... So vermitteln Form und Inhalt gleichermaßen die sprachliche Schönheit, das Staunenswerte und das zutiefst Abgründige eines Romans, der in der neueren Literatur ohne Beispiel und für den kein Superlativ zu hoch gegriffen ist. ...«
Martin Ruf (Nautilus - Abenteuer&Phantastik, Oktober 2007)
»... Das wirkliche Wunder von Danielewskis Buch-Ungetüm ist, dass es auf so vielerlei Weise funktioniert. Als Grusel-Schocker. Als akademische Satire. Als dichterisches Experiment. Als Familiensaga. Und vor allem als talmudischer Text, der endlos von nachkommenden Generationen kommentiert werden kann. ...«
Christian Bos (Kölner Stadtanzeiger, 19.10.2007)
»Danielewski spielt mit dem Leser wie mit einem Flummi.«
Daniel Gilic, subtext.at, 27.8.2012
»... Der ungewöhnlichst, schwierigste und aufregendste amerikanische Roman der Jahrtausendwende liegt somit nach sieben Jahren endlich auch auf deutsch vor. ... Das größte Wunder dieses Buches besteht jedoch darin, dass es bei allen Zumutungen nicht nur faszinierend, sondern vor allem stets fesselnd bleibt. Dies ist den Genre-Elementen zu verdanken, mit der sich der experimentelle Roman in der populären Kultur erdet. Neben David Forster Wallaces bislang noch unübersetztem "Infinite Jest" ist "Das Haus" das wichtigste Beispiel für eine neuartig Literatur, die Avantgarde und Kulturindustrie kenntnisreich kombiniert.«
Jan-Arne Sohns (Eßlinger Zeitung, 13.10.2007)
»... Nicht zuletzt hat Danielewski einen spannenden Roman verfasst. fesselnd setzt er die schauerlichen Erkundungen der mäandernden Gewölbe in Szene. Der "Anblick der Finsternis", das Lauschen nach Stille treibt die Erforscher in den Wahn. Nicht alle kehren zurück. Auch nach dem Ende ist noch nicht Schluss ...«
Jürgen Schickinger (Badische Zeitung, 13.10.2007)
»... Danielewskis Herangehensweise [ist] filmisch, weil er seinen Stoff nicht erzählt, sondern inszeniert. ... dieses Debüt ist nicht nur delirant, es ist auch brillant.«
Uta Beiküfner (Berliner Zeitung, 18.10.2007)
»... "Das Haus" funktioniert meisterhaft, und zwar auf allen seinen Ebenen. Die Geschichte um das mysteriöse Haus mit seinem labyrinthisch unendlichen Innenleben ist eben nicht nur ein intellektuell-verspielter, sondern auch ein beklemmender Thriller, spannender als so manches, was vom King'schen Furchtfließband kommt. ...«
Sebastian Domsch (Der Tagesspiegel, 23.9.2007)
»... Falls das so klingt: "House Of Leaves" von Mark Z. Danielewski ist weder prätentiöse Prosa getarnt als Konkret-Poesie noch eine Beschäftigungstherapie für Fantasy-Leser. Der Roman ist eher, nun ja, ein Haus, das man bewohnen kann. Und das haben so viele versucht, seit das Debüt des damals 34-jährigen Ex-Literaturstudenten im Jahr 2000 in den USA erschienen ist, dass es heute oft als sogenanntes Kultbuch bezeichnet wird, als Beispiel für radikale Typografie und Handlungsführung. ... Das Buch ist eine Sensation, durch die Verschachtelung der Stimmen, aber auch typographisch zieht es eine mit in den Wahnsinn. ... Die Zukunft hat begonnen und "Das Haus" ist ein Paradebeispiel für den von Jeff Noon kurz nach dem Millennium eingeforderten Post-Future-Roman. Nicht die Weigerung zu erzählen, sondern einen Umgang wie bei einem DJ. Oder Cutter. ...«
Matthias Penzel (Rolling Stone, September 2007)
»Das Ultimative Lesebuch: Mark Z. Danielewskis Roman "Das Haus" ist 800 Seiten lang, bodenlos überaus Komplex und kultverdächtig. ... "Das Haus" ist ein höchst raffiniertes Buch über jenen Räume, die sich beim Lesen eröffnen und die unendliche viel größer sind als das, was sich zwischen Buchdeckeln fassen lässt. ...«
Ulrich Baron (Tages-Anzeiger / Zürich, 5.10.2007)
»... Dieses Haus ist die wahre Hölle, der Ort, der uns nicht annimmt und auch nicht spiegelt, der uns aber auch nicht in Ruhe lässt. Vor dem Nichts wird man zum Nichts, eine Drohung, die Menschen in einen Furor des Erkunden- und Erobernwollens versetzt. ...«
Thomas Klingenmaier (Stuttgarter Zeitung, 20.9.2007)
»... Die Geschichte ist kafkaesk und homerisch zugleich, sie handelt von eisiger Furcht und von der Absurdität, die uns befällt, wenn wir unseren Kopf sozusagen anlagegemäß benutzen. ... Das Beängstigende des Romans wird durch ein Dauerfeuerwerk witzigster Einlagen entlang des Kerntextes, in Fußnoten und Unterfußnoten, mal geistreich, mal gekonnt albern, teils ironisch, teils bitter ernst, aufgelockert. So wird das Ganze in seiner absurden Grundstruktur bestätigt und zugleich dekonstruiert. ...«
Harald Loch (Mannheimer Morgen, 6. September 2007)
»... wahrscheinlich auch der kühnste Roman dieses Herbstes. ...»
Thomas Oser (Wiesbadener Tagblatt, 03. September 2007)
»... Zwischen Zampanòs eloquentem Diskurs und Johnny Truants Privatem Dilemma formt Danielewski ein Labyrinth, von dem die Leser, die es erkunden, noch lange träumen werden.
Wolfgang Frömberg (Stadt-Revue/ Köln-Magazin, Nr. 10/Okt. 2007)
»... "House of Leaves" erschien im Jahr 2000, hat in Amerika, den Niederlanden und Frankreich Kritikerbefremden und unter Lesern kultische Verehrung ausgelöst ... Das Buch bietet außer einer Handlung voll ineinandergreifender Zahnräder und unsichtbarer Klammern einen beispiellosen overkill typographischer Besonderheiten, von winzigen Fußnoten bis zu Textkästen in Spiegelschrift. ...«
Dietmar Dath (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.02.2007)
»Mark Z. Danielewskis brillant verrätselter Roman ... Das Spektrum seiner Stimmlagen und Erzähltechniken ist im Ergebnis sinnreiche Fülle statt hohler Prunk ...«
Dietmar Dath (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.09.2001)
»Wie Melvilles 'Moby Dick', Joyces 'Ulysses' und Nabokovs 'Fahles Feuer' ist Danielewskis 'Das Haus - House of Leaves' ein ausgesprochen kühnes vielschichtiges Werk. Sein formaler Einfallsreichtum und das unglaubliche Erzähltempo stellen alles in den Schatten.« San Diego Union Tribune
»Danielewskis wunderbarer erster Roman ist komisch, bewegend, erotisch, großartig erzählt ...«
New York Times Book Review
»Dieser Roman mag zwar aussehen wie Frankensteins Monster, wie ein einziges großes Flickenwerk, aber er lebt. Er lebt!« Washington Post
»Dieser Roman ist ein großes Lesevergnügen, eine Art postmodernes Spiegelkabinett, in dem der Leser zum Komplizen des Autors wird.« Newsweek
Stimmen von Buchhhändlerinnen und Buchhändlern
»Ich bin seit zwanzig Jahren Buchhändlerin, habe wahrlich viel gelesen, mich seit längerer Zeit bemüht, Neuerscheinungen aus Amerika aus dem Weg zu gehen, weil ich da keine wirklich neuen Themen fand und bin dann in der vergangenen Woche über das Haus gestolpert.
Ich habe noch NIE so ein Buch gelesen - was heißt gelesen, richtiger ist:
erlebt! Was ist das für ein geniales Stück Literatur!
Meine volle Hochachtung für den Autoren, den- oder diejenige bei Ihnen, der/die das Buch für Deutschland gefunden hat, Ihre Typographen, die Übersetzerin und nicht zuletzt für die Druckerei, die dieses Stück so außergewöhnlich hergestellt hat.
Vielen Dank für dieses Buch!«
(Daniela Maifrini, Buchhandlung am Kohlenkamp, Mülheim)
»... hat mich in seinen Fängen, ich verstricke mich immer weiter in Danielewskis Labyrinth, das Haus kostet mich all meine Nerven und auch nicht wenig an Kraft, aber es ist GUT. SEHR gut sogar. Noch stecke ich irgendwo zwischen den Seiten 195 und 212, so genau kann man das ja nicht sagen durch den Fußnoten-Overkill, aber für mich ist schon jetzt klar, was für ein Potential zum KULT dieses unglaubliche Ding hat. Später mehr, wenn ich aus den Tiefen des Hauses zurück bin ;)«
(Jürgen Hees, Buchhandlung Herwig, Schwäbisch Gmünd)
Leseprobe
Einleitung
Ich hab immer noch Alpträume. Oft sogar - so oft, dass ich mich langsam dran gewöhnt haben müsste. Hab ich aber nicht. An Alpträume gewöhnt man sich nicht.
Zuerst hab ich's 'ne Zeitlang mit allen nur erdenklichen Pillen probiert. Irgendwas, das die Angst eindämmen kann. Excedrin PM, Melatonin, L-Tryptophan, Valium, Vicodin, jede Menge Sachen aus der Familie der Barbiturate. Die Liste war ganz schön lang, häufig auch gemischt, oft eins zu eins, mit dem einen oder anderen Schuss Bourbon und paar Pfeifen Gras, um die Lunge aufzurauen, oder mitunter sogar mit 'nem wabernden Kokstrip ins Land des Selbstvertrauens. Hat alles nichts gebracht. Eins scheint jedenfalls ziemlich sicher: Das Labor, das clever genug ist, um den Chemikaliencocktail zusammenzurühren, den ich brauche, das gibt's überhaupt noch nicht. Wer dieses Schätzchen mal entwickelt, der hat echt den Nobelpreis verdient.
Ich bin so müde. Der Schlaf treibt mich jetzt schon so lange vor sich her, dass ich mich gar nicht mehr erinnern kann, wann das angefangen hat. Und daran wird sich wohl auch nichts mehr ändern. Leider, denn das ist keine erfreuliche Aussicht. Ich sage "leider", weil es mal eine Zeit gab, da hab ich das Schlafen richtig genossen. Eigentlich hab ich permanent geschlafen. Das war, bevor mein Freund Lude mich früh um drei geweckt hat und meinte, ich soll mal eben rüberkommen. Wer weiß, vielleicht wär ja heute alles ganz anders, wenn ich damals das Telefon nicht gehört hätte. Ich denk da oft drüber nach.
Ungefähr einen Monat vor dieser schicksalhaften Nacht hatte Lude mir nämlich von dem alten Mann erzählt. (Stimmt das eigentlich? Schicksal? Mit Haft hatte es todsicher nichts zu tun. Oder eben doch?) Ich suchte damals grade eine neue Wohnung, weil ich Probleme mit meinem Vermieter hatte, der eines Morgens in der Überzeugung aufgewacht war, er wäre Charles de Gaulle. Als er mir das verkündete, war ich so was von baff, dass ich, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, erwiderte, meiner unmaßgeblichen Meinung nach habe er nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Flughafen, obwohl ich die Vorstellung, mit einer 757 auf ihm zu landen, eigentlich ganz hübsch fände. Worauf er mir prompt gekündigt hat. Ich hätte mich natürlich wehren können, aber das Haus war eh die reinste Irrenanstalt, und ich war froh, dass ich da rauskam. Die Woche drauf hat Chuckie de Gaulle die Immobilie übrigens in Brand gesteckt. Und der Polizei hat er erzählt, dass da eine 757 draufgestürzt ist.
In den folgenden Wochen suchte ich von meinem Sofa aus nach einer neuen Bleibe irgendwo in der Ecke zwischen Santa Monica und Silverlake und ließ mir dabei von Lude erzählen, was mit dem Alten bei ihm im Haus los war. Der Typ wohnte im ersten Stock mit Blick auf einen großen, verwilderten Hof. Er hatte Lude wohl erzählt, dass er bald stirbt. So richtig ernst hab ich das alles nicht genommen, obwohl es eigentlich auch nicht so was war, was man gleich wieder vergessen konnte. Ich hab damals einfach gedacht, Lude will mich verarschen. Er neigt nämlich zu Übertreibungen. Schließlich fand ich eine Wohnung in Hollywood und verfiel wieder in meinen geisttötenden Alltagstrott als Praktikant in einem Tattoo-Studio.
Das war Ende 96. Die Nächte waren kalt. Ich war grade dabei, so nach und nach über diese Frau namens Clara English hinwegzukommen, die mir erzählt hatte, sie will einen Freund, der an der Spitze der Nahrungskette steht. Also ehrte ich unerschlafft ihr Andenken, indem ich mich vom Fleck weg heillos in so eine kleine Stripperin verknallte, die direkt unterm Tanga, knapp zwei Zentimeter über ihrer rasierten Muschi oder ihres - wie sie immer sagte - Himmelreichs auf Erden - ein Tattoo von Thumper, dem Bambi-Kaninchen, hatte. Na, egal, jedenfalls verbrachten Lude & ich die letzten Stunden des Jahres solo und mit einer gnadenlosen Tour durch die Canyons, immer auf der Suche nach neuen Kneipen, neuen Gesichtern, wobei wir uns mächtig Mühe gaben, mit dem ganzen Scheiß, den wir erzählten, das Tiefdunkelblaue vom Mitternachtshimmel runterzuholen. Haben wir aber nicht. Ich meine runtergeholt.
Und dann ist der Alte gestorben.
Nach dem, was ich mir inzwischen so zusammengereimt hab, war er Amerikaner. Wie ich später erfahren habe, hatte er allerdings einen Akzent, der seinen Arbeitskollegen zwar aufgefallen ist, den aber keiner so richtig einordnen konnte. Er selber hat sich Zampanò genannt. Das war der Name, mit dem er seinen Mietvertrag unterschrieben hat und noch verschiedene andere Fragmente, die ich fand. Pass, Führerschein oder sonst irgendwelche amtlichen Schriftstücke sind mir nicht untergekommen, nichts, was eindeutig bestätigen konnte, jawoll, hier habt ihr's mit Brief & Siegel, dieser Mensch hat tatsächlich existiert. Wer weiß, wo sein Name in Wirklichkeit herkam. Kann sein, er war echt, kann sein, er hat ihn sich ausgedacht oder auch ausgeliehen, vielleicht ein nom de plume oder auch, was ich persönlich vorziehen würde, ein nom de guerre.
Nach dem, was Lude sagt, wohnte Zampanò schon ewig bei ihm im Haus und lebte sehr zurückgezogen, kam aber pünktlich jeden Morgen und jeden Abend aus seinem Bau, um auf dem total verwilderten Hof, der von kniehohem Unkraut überwuchert war und auf dem's damals über achtzig streunende Katzen gab, seinen Spaziergang zu machen. Die Katzen schienen den alten Mann regelrecht zu lieben, obwohl er nie irgendwelche Leckerlis für sie dabeihatte; sie kamen jedes Mal an und strichen ihm um die Beine, und dann flitzten sie wieder zurück ins staubige Mittelfeld des Hofes.
Also jedenfalls war Lude mit einer Frau, die er in seinem Salon kennengelernt hatte, aus gewesen und erst spät heimgekommen. Es war schon nach sieben, als er endlich auf den Hof getorkelt kam und trotz seines massiven Restalkohols sofort merkte, dass irgendwas fehlte. Lude kam nämlich oft erst morgens heim, und jedes Mal traf er dann den Alten, der da unten seine Runden drehte, sich durchs Unkrautgestrüpp kämpfte und sich hin und wieder auf einer von den in der prallen Sonne stehenden Bänken ausruhte, bevor er sich auf die nächste Runde machte. Auch einer alleinerziehenden jungen Mutter, die jeden Morgen um sechs raus musste, fiel auf, dass Zampanò nicht da war. Sie ging zur Arbeit, und Lude ging ins Bett, aber als es Abend wurde und ihr alter Nachbar sich immer noch nicht hatte blicken lassen, sind Lude und die junge Mutter zusammen zu Flaze, dem Hauswart, gegangen und haben ihm Bescheid gesagt.
Flaze ist halb Hispano, halb Samoaner. Ein ziemlicher Riese übrigens. Einsneunzig, hundertzwanzig Kilo, und buchstäblich kein Gramm Fett am Leibe. Egal, ob Randalierer oder Junkies oder was auch immer, wenn die auch bloß in die Nähe des Gebäudes kommen, stürzt Flaze sich auf sie wie ein Pitbull, der unter Drogenhändlern großgeworden ist. Aber ihr dürft nicht etwa glauben, dass der Kraft & Körpergröße alleine schon für unbezwingbar hält. Wenn die Eindringlinge bewaffnet waren, zeigt er ihnen seine Kanonensammlung, und der kann auch ziehen, noch schneller als Billy the Kid sogar. Aber als Lude seine Mutmaßungen über den Alten von sich gab, da war's ratzfatz vorbei mit Pitbull & Billy the Kid. Plötzlich konnte Flaze die Schlüssel nicht finden. Er brabbelte irgendwas von wegen den Eigentümer anrufen. Nach zwanzig Minuten war Lude dermaßen bedient von diesem Rumgedruckse, dass er ihm vorschlug, die Sache selber zu regeln. Da fand Flaze auf einmal sofort den Schlüssel und drückte ihn Lude mit breitem Grinsen in die ausgestreckte Hand.
Flaze hat mir später erzählt, dass er damals noch nie einen Toten gesehn hatte, und natürlich ging es um einen Toten, womit Flaze nicht so richtig klarkam. "Wir wussten doch, was uns erwartet", sagte er. "Wir wussten einfach, dass der Mann tot ist."
Die Polizei hat Zampanò genauso vorgefunden, wie Lude ihn vorgefunden hatte, bäuchlings auf dem Boden liegend. Der Notarzt hat gemeint, er kann nichts Ungewöhnliches feststellen, alles ganz normal, über achtzig und Zisch-Bumm, nichts zu machen, das alte Spiel, Kreislaufkollaps, die Lampen flackern und gehn aus, und schon haben wir den Salat, wieder liegt einer da und ist tot und rings um ihn herum lauter Zeugs, das für niemand was wert ist, außer für den, der da liegt und nichts davon mitnehmen kann. Trotzdem, der hier war immer noch besser dran als die Prostituierte, die das Team vom Notarztwagen vor ein paar Stunden gesehn hatte. Die hatte zerfetzt in einem Hotelzimmer gelegen, und Teile von ihr hatte einer dazu benutzt, die Wände und die Decke rot anzustreichen. Dagegen sah der hier ja schon beinah gut aus. Es hat ein bisschen gedauert, bis die ganzen Formalitäten erledigt waren. Polizei kommt und geht, das Notarztteam macht sich an der Leiche zu schaffen, um ganz sicher zu sein, dass der Alte auch wirklich tot ist, die Nachbarn und schließlich sogar Flaze stecken den Kopf zur Tür rein und glotzen, staunen oder weiden sich einfach bloß an diesem Schauspiel, das vielleicht eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrem eigenen Ende haben könnte. Es war schon sehr spät, als endlich alles vorbei war. Lude stand alleine in der Wohnung, der Leichnam war weg, die Staatsmacht auch, sogar Flaze, die Nachbarn und die ganzen übrigen Schaulustigen - alle weg.
Weit und breit keine Menschenseele.
"Scheiße, Mann, mit achtzig ganz alleine in dem Dreckloch da", hatte Lude hinterher zu mir gesagt. "Mann, so will ich aber später nicht abtreten. Keine Frau, keine Kinder, kein gar nix. Nicht mal ein Freund." Da muss ich wohl gelacht haben, weil, plötzlich ging Lude auf mich los. "Ey, Großer, glaub ja nicht, du kannst dir hier irgendwas ausrechnen, bloß weil du jung bist und literweise deine Wichse in der Gegend verspritzt. Guck dich doch mal an, du arbeitest in 'nem Tattoo-Studio und stehst auf 'ne Stripperin, die Thumper heißt." Mit einem hatte er jedenfalls recht: Zampanò hatte keine Familie, keine Freunde und fast keine Kohle.
Am nächsten Tag hat der Vermieter eine Leerstandsmeldung aufgehängt, und die Woche drauf hat er erklärt, das ganze Zeugs da in der Wohnung wär keine 300 Dollar wert, und hat bei so einer Hilfsorganisation angerufen, dass sie alles abholen sollen. Das war an dem Abend, wo Lude seine schreckliche Entdeckung gemacht hat, kurz bevor die Jungs von Goodwill, oder wo die sonst her waren, mit ihren Handschuhen und Sackkarren angefegt kamen.
Ich war im Tiefschlaf, wie das Telefon geklingelt hat. Bei jedem anderen hätt ich aufgelegt, aber Lude ist ein guter Freund, gut genug, dass ich tatsächlich morgens um drei den Arsch ausm Bett bewegt hab und los bin zur Franklin Avenue. Lude stand schon draußen vorm Eingang, er hatte so ein fieses Funkeln in den Augen.
An dem Punkt hätt ich einfach kehrtmachen sollen. Ich hätt's wissen müssen, dass da was nicht stimmt, zumindest hätt ich ahnen können, dass da was in der Luft lag, schon wegen der Uhrzeit, und wegen der Art, wie Lude mich angeglotzt hat, wegen allem halt - Scheiße, Mann, ich muss total bekloppt gewesen sein, dass ich diese ganzen Anzeichen einfach nicht wahrgenommen hab. Ludes Schlüssel, wie die gerasselt haben, als er das Tor aufschloss, wie so ein Knochenglockenspiel, und die Scharniere, wie die plötzlich losgekreischt haben, als ob wir kein normales Wohnhaus mit lauter Mietern drin betreten, sondern irgend so eine steinalte schwammzerfressene Gruft. Oder wie wir den nasskalten, grabfinsteren Flur entlanggestapft sind, wo oben von den Lampen so komische Lichtflitter runterhingen, heute würde ich sagen, dass die das Werk irgendwelcher grauen, urzeitlichen Spinnen waren. Oder, wahrscheinlich das Allerwichtigste, wie Lude geflüstert hat, als er mir so paar Sachen erzählte, Sachen, die mir damals so was von am Arsch vorbeigegangen sind, aber heute, tja, heute wären meine Nächte eine ganze Ecke kürzer, wenn ich mich nicht da dran erinnern müsste.
Ist euch das auch schon mal passiert, dass ihr euch dabei zuguckt, wie ihr in der Vergangenheit irgendwas macht, und ganz egal, wie oft ihr euch da wieder dran erinnert, jedes Mal wollt ihr Halt schreien, den Verlauf der Handlung umlenken, die Gegenwart noch mal neu ordnen? So geht's mir jetzt, wenn ich sehe, wie mich die Trägheit blöde mitschleift oder meine eigene Wissbegierde oder was weiß ich, und es muss was anderes gewesen sein, aber ich hab keine Ahnung, was genau, vielleicht gar nichts, vielleicht ist alles nichts - ziemlich sinnlose Kombination von Wörtern, "alles nichts", aber gefallen tut sie mir trotzdem. Ist sowieso nicht wichtig. Was immer auch die Bahn all meiner Gestern lenkt, in der bewussten Nacht war's stark genug, mich mitzuziehen, vorbei an all den Schlafenden, die da, den Lebenden fein säuberlich vom Leib gehalten, weggesperrt waren hinter dicken Türen, bis ich am Ende des Flurs vor der letzten Tür links stand, die übrigens vollkommen unauffällig war und dennoch eine Tür zum Reich der Toten. Lude waren die beunruhigenden Eigentümlichkeiten unseres kleinen Spaziergangs hinter das Gebäude natürlich entgangen. Er hatte mir berichtet, und zwar reichlich langatmig, was nach dem Tod des alten Mannes passiert war.
"Zwei Sachen, Kumpel", nuschelte er, als das Tor sich öffnete. "Die allerdings groß keine Rolle spielen." Und soweit ich das beurteilen kann, hatte er recht. Mit dem, was später folgte, haben diese zwei Sachen nämlich herzlich wenig zu tun. Im Grunde könnte ich sie auch weglassen, aber zu der Geschichte um den Tod von Zampanò gehören sie nun mal mit dazu. Hoffentlich könnt ihr euch da einen Reim drauf machen, also auf das, was ich hier bloß wiedergeben kann, aber nach wie vor noch nicht richtig kapiert habe.
"Die erste komische Sache", fing Lude also an, während er vor mir herging und einen kleinen Bogen um ein paar Stufen schlug, "ist das mit den Katzen." Wie's aussieht, sind in den letzten Monaten vor seinem Tod nach und nach sämtliche Katzen verschwunden. Als der Alte starb, waren sie jedenfalls alle weg. "Eine hab ich gesehn, bei der war der Kopf abgerissen, und bei 'ner anderen waren die Eingeweide überall aufm Pflaster verteilt. Aber die meisten sind einfach verschwunden. Die zweite komische Sache wirst du gleich selber sehn", sagte Lude und senkte die Stimme, weil wir uns grad an einem Zimmer vorbeischlichen, wo irgendwas vor sich ging, das verdächtig danach aussah, als ob da ein paar Musiker so was wie einen Hexensabbat abhalten, alle hatten Kopfhörer auf, lauschten ganz versunken und ließen dabei eine Tüte rumgehn. "Und im Fußboden, direkt neben der Leiche", fuhr er fort, "da hab ich diese Rillen gefunden, bestimmt fünfzehn, sechzehn Zentimeter lang. Sehr eigenartig. Aber es gab ja bei dem Alten keine Anzeichen von Gewaltanwendung, darum haben die Bullen das auch nicht weiter beachtet."
Er blieb stehen. Wir waren vor der Tür angekommen. Heute schaudert es mich. Damals war ich, glaub ich, ganz woanders. Höchstwahrscheinlich in einem Tagtraum, der sich um Thumper drehte. Bestimmt sagt ihr jetzt, der hat sie doch nicht alle, ist mir egal, aber ich hab mir sogar mal einen Abend Bambi ausgeliehen und dabei n Ständer gekriegt. So doll hat's mich erwischt gehabt. Thumper war was anderes, an die kam Clara English echt nicht ran. Kann auch sein, dass ich mir grade vorgestellt hab, wie das aussehn würde, wenn die zwei sich in der Wolle hätten. Eins ist jedenfalls sicher, sobald ich Lude den Schlüssel rumdrehn und Zampanòs Tür aufmachen hörte, da war von diesen Träumen nix mehr übrig.
[...]