Detailsuche »

Das Schwein unter den Fischen

Dieses Buch erwerben
17,95 EUR
broschiert (Alternative: E-Book)
versandkostenfrei nach D, CH, A; in D, A inkl. Mwst., in CH evtl. zzgl. in CH anfallender Mwst.

Seine Familie kann man sich nicht aussuchen ...

Eine exaltierte, liebestolle Tante, eine dauerbetrunkene, bauchtanzende Stiefmutter, ein bauernschlauer, Mentholzigaretten rauchender Vater und eine sich an Zwiebelmett zu Tode fressende Katze: Stine hat es nicht leicht, sich in dieser sonderbaren Familie ihren Weg zu bahnen.

Nirgends schmeckt das Zwiebelmett so gut wie bei Reiner Fehrmann. Nach dem Tod seiner geizigen Mutter erfüllt er sich den Traum vom eigenen Imbiss. Gemeinsam mit seiner großen Liebe Ramona, Tankstellenpächtertochter und passionierte Bauchtänzerin, eröffnet er seine eigene Mett- und Frittenbude. Das ist das Umfeld, in dem Celestine, genannt Stine, aufwächst. Ihre Mutter, ein ehemaliges Au-pair-Mädchen aus Frankreich, machte sich kurz nach der Geburt aus dem Staub und ließ Stine bei ihrem Vater im hanseatischen Unterklassen-Milieu zurück. Stine liebt ihren Vater. Doch sie ist klüger und gesitteter als ihre durchgeknallte Familie und will nicht im Imbiss versauern. Und so beginnt sie nach Möglichkeiten zu suchen, ein Leben unabhängig von ihren schrägen Angehörigen zu führen.

Aktuelle (Vorab-)Leseberichte zum Buch finden Sie hier:
»Das Schwein unter den Fischen« Rezensionen auf Vorablesen.de

Logo_vorablesen_de_logo120.jpg

Leseprobe
ERSTER TEIL

NICHT BLOSS HÜBSCH Es war am Morgen meines dreizehnten Geburtstags, als Ramona eine Tiefkühltorte föhnte und sich plötzlich auf den Boden warf: »Pass auf, Stine, ich zeig dir jetzt mal, wie das mit den Tampons geht. Mit Binden brauchst du gar nicht erst anfangen, da fühlt man sich, als hätte man ’ne Windel an! Also, du legst dich hin, wirfst die Beine übern Kopf, ganz weit nach hinten – ungefähr so! Die Füße müssen hinten aufkommen. Dann geht die Watte gerade und mit Schwerkraft rein. Du zählst bis zehn, bis es sitzt, und du kannst abrollen!«

Während sie so redete, lag sie mit den Füßen über Kopf auf dem Küchenboden. Anstelle eines Tampons hielt sie eine Kerze in der Hand. Am Ende scheiterte sie an einer Rolle rückwärts und verrenkte sich dabei einen Halswirbel so schlimm, dass mein Vater mit ihr in die Notaufnahme fahren musste. Ich blieb allein in der Küche sitzen, zündete meine dreizehn Geburtstagskerzen an und pustete alle mit einem Mal aus.

Ein Vierteljahr später bekam ich tatsächlich meine Tage. Ramona erzählte ich kein Wort davon. Es reichte mir, dass sie mich an einem Deodorant üben ließ, wie man ein Kondom abrollt.

Es war Reiner, mein Vater, der schließlich mit mir zum Frauenarzt ging. Ich rechnete es ihm hoch an, dass er mich begleitete. Er hatte noch immer einen roten Kopf, als ich ihn nach der Untersuchung im Wartezimmer abholte.

Von Verhütung wusste er in meinem Alter so gut wie nichts. Auch über meine richtige Mutter wusste er nicht viel – außer dass sie Colombe hieß und aus Frankreich kam. Weil er ihren Vornamen nicht aussprechen konnte, nannte er sie Bombe, und ihren Nachnamen las er dann zum ersten Mal in meiner Geburtsurkunde. Sie arbeitete damals als Au-pair in Deutschland. Au-pair-Mädchen flachlegen war für Reiner und seine Kumpels ein richtiger Sport gewesen. Alle waren sie Hausmeistersöhne und lebten mit ihren Familien in den Souterrains der schönsten Jugendstilhäuser der Stadt. Colombe war die Erste, erzählte Reiner mir mal, die er nicht bloß hübsch fand, sondern sehr hübsch. Noch dazu, wie er stets betonte, sei sie besonders klug gewesen: »Für mich auf jeden Fall zu klug, ich hab bei einer Frau nie groß die Klappe gehalten, aber bei ihr hab ich irgendwann angefangen, mir die Worte im Kopf zurechtzulegen, bevor ich mich getraut hab, was zu sagen! Sie hat immer über meine Witze gelacht – nur war ich mir manchmal nicht ganz sicher, ob sie mehr über den Witz lacht oder über mich. Ich glaub, wenn ich nicht so gut ausgesehen hätte, würde es dich gar nicht geben, Stine. Mein gutes Aussehen, das konnte sie mir nämlich nicht abschwatzen. Irgendwann hab ich sie rumgekriegt und kurz darauf Schluss gemacht, bevor sie’s getan hätte. In dem Punkt zumindest war ich klüger als sie. Mit der Liebe ist das eben so. Erst spielt man verrückt, bis man schließlich vernünftig wird und sich in eine wie Ramona verliebt!«

Ich wusste nie, wann Reiner die Wahrheit sagte.
Wenn er von meiner Mutter sprach, räusperte er sich andauernd, und manchmal bekam er sogar feuchte Augen. Allerdings wurden seine Augen auch dann feucht, wenn er log, weil er sie dabei aufriss, um nicht blinzeln zu müssen. Wer lügt, hatte er einmal in einem Artikel über Körpersprache gelesen, würde unnatürlich oft blinzeln.
Manchmal befürchtete ich, er hätte mich wie ein ausgesetztes Kätzchen in einer Mülltonne gefunden. Als ich ihm davon erzählte, sagte er, ich solle keinen Unfug reden und niemals trauriger sein als nötig.
Wenn es darauf ankam, fing ich als Kind immer sofort an zu heulen, ohne langes Gewimmer. Es war das Einzige, mit dem ich Ramona und Reiner in ihrer seligen Gleichgültigkeit ein wenig Aufmerksamkeit abrang. Mein Vater gab lieber zu allem einen Spruch ab, bevor er eine Träne rollen ließ. Oder er räusperte sich unaufhörlich, kniff die Augen zusammen und verließ die Wohnung, fuhr stundenlang Autobahn, fuhr, als sein Vater starb, bis in die nächste große Stadt.
Ramona war zum Traurigsein immer zu besoffen. Mein Vater hatte sie trotzdem geheiratet – eine Frau, die, wenn ihr doch mal schlecht vom Saufen wurde, laut rückwärts zählte und dabei ihren Scheitel rieb.
Sie hatten sich kennengelernt, als ich vier Jahre alt war und wir noch bei meinen Großeltern lebten. Eines Morgens nach der Frühschicht in der Brötchenfabrik hielt mein Vater an der nächsten Tankstelle, um bei einem stark gezuckerten schwarzen Kaffee und ein paar Mentholzigaretten die Wohnungsanzeigen zu studieren. Ramona hatte gerade Schicht und fauchte auf sein freundliches »Tach, schöne Frau!« heiser zurück: »Schön war ich gestern Nacht!«
Mit laut pochendem Herzen starrte er sie an: dunkel umrandete Lippen, neongelb-schwarz getigertes Stretchkleid mit breitem Schnallengürtel und Palmenfrisur. Sein Herz schlug noch ein bisschen schneller, als er entdeckte, dass eine Schachtel seiner Mentholzigarettenmarke unter ihrem Träger klemmte. Sie schmierte ihm hustend ein Mettbrötchen, drückte mit ihren aufgeklebten Nägeln ein Gürkchen tief hinein, schaute auf und zwinkerte ihn an. Da war es passiert. Er hatte sich verknallt. Sie hatte noch ein bisschen Hack am Finger, schmierte es sich gedankenverloren hinter das Ohr, lächelte und sagte: »Eau de Schwein!« Spätestens da war Reiner hoffnungslos verloren.
Während er mit einem Grinsen die Brötchenhälfte im Ganzen vertilgte, steckte sie ihren Finger tief ins Mett und leckte ihn langsam ab – so wurde daraus Liebe. Ramona schmierte Reiner von da an jeden Tag umsonst so viele Mettbrötchen, wie er wollte, und strich ihm Wohnungsanzeigen an. In der kleinen Wohnung, in der wir schließlich zu dritt miteinander auskommen mussten, hatte ich nicht mal ein eigenes Zimmer. Als ich sieben war, zogen wir in eine Wohnung, die ein halbes Zimmer mehr hatte, eine Kammer, in die gerade so mein Bett hineinpasste.

Mit zehn hatte ich meine erste Panikattacke.
Wir fuhren mit dem Auto in den Urlaub nach Italien, und Reiner brüllte:
»It’s time for music!«
Das sagte er andauernd. Er sagte es, bevor er in die Badewanne stieg oder bevor er den Zündschlüssel umdrehte, bevor er morgens die Imbissbude aufsperrte oder bevor er aufs Klo ging, er sagte es sogar gleich nach dem Aufwachen. Meistens meinte er tatsächlich die Musik, die sich auf seiner Lieblingskassette befand. Die Hülle hatte er selbst beklebt, mit der Abbildung aus einem Reisekatalog, versiegelt mit transparenter Klebefolie. Zu sehen war der überfüllte Strand des Campingplatzes in Italien, auf dem wir jedes Jahr Urlaub machten. Und darüber, mit goldenem Edding in Reiners Kinderschrift: Rock Romance! Auf die Innenseite hatte er Titel und Interpreten geschrieben und dazwischen goldene Herzchen gemalt. Er schob die Kassette meist sofort ein, wenn er ins Auto stieg, und ganz sicher jedes Mal, wenn es auf die Autobahn ging – wir mussten sie dann die ganze Strecke über hören, bis nach Italien. Außerhalb des Autos durfte man Rock Romance! nicht abspielen. Das hatte er verboten. Natürlich war niemand in der Familie interessiert daran, die Kassette freiwillig abzuspielen. Wir konnten sie auswendig, sogar Ramona – und die verstand nicht mal Englisch! Es war eine 120-Minuten-Kassette in mittlerweile übler Qualität. Mein Vater sagte, es sei der perfekte Mix, um nachts Autobahn zu fahren – eine Beschäftigung, die er sein Hobby nannte.
Die Kassette begann mit »Here I Go Again« von Whitesnake, und sie endete mit »Is This Love« von Whitesnake. Dazwischen viel ZZ Top, Scorpions, Bon Jovi, Nazareth, Europe, Van Halen, Alice Cooper – und noch mehr Whitesnake.
Meine Augen tränten längst vom Qualm der Zigaretten, die Reiner und Ramona auch auf dieser Urlaubsfahrt unaufhörlich rauchten, als er »Bad Medicine« von Bon Jovi voll aufdrehte. Ramona trank aus ihrem Flachmann, mein Vater schlug aus Wut über andere Fahrer gegen die Windschutzscheibe und warf mit abgenagten Hühnerknochen um sich. Kurz vor der österreichischen Grenze musste ich dringend aufs Klo. Ramona rief: »Och Mensch, Kinnings! Je mehr Stopp, desto weniger Urlaub! Da is im Schlussendeffekt am Ende ’n ganzer Tach ab!« Deshalb bekam ich im Auto nie was zu trinken. Aber diesmal hatte ich eine Dose Bier zwischen all den Klamotten entdeckt, unter denen ich begraben war. Ich riss mich zusammen, bis meine Blase schmerzte, dann tippte ich Ramona auf die Schulter, und als sie nicht reagierte, fing ich an zu brüllen.
Erst auf Befehl meines Vaters hielt sie an der nächsten Raststätte. Endlich auf der Toilette, dauerte es umso länger, bis etwas kam. Ich benutzte die zwei letzten Blätter des groben grauen Klopapiers und beeilte mich wieder zurück zum Auto zu kommen. Sekunde um Sekunde fürchtete ich mehr, dass Ramonas feindselige Ungeduld wuchs. Und dann ließ der verdammte rostige Schlüssel sich nicht umdrehen, das Schloss blockierte schon nach einer halben Drehung. Ich versuchte, auf dem Bauch liegend, die Beine voran, mich unter der Tür durchzuquetschen, blieb aber mit hochgerutschtem Rock stecken und begann zu hyperventilieren.
Keine Ahnung, wie lange ich dort lag, aber es versammelten sich immer mehr Leute vor der Tür. Einige murmelten unverständliches Zeug, andere kicherten. Jemand streichelte mich am Bein. Plötzlich stach Ramonas Stimme deutlich aus dem Gewirr hervor. Sie fluchte und beschimpfte mich, zerrte an meinen Beinen, ich spürte ihre Fingernägel, als wären sie unter meiner Haut, und wünschte ganz fest, mich in Luft auflösen zu können. Ich schloss die Augen, bildete mir ein zu fallen – und verlor endlich das Bewusstsein.
Nachdem ich wieder zu mir kam, sah ich verschwommen große bunte Federn und glaubte, dass ein zitronig duftender Indianer beschwörend auf mich einredete. Nach einigen Sekunden wurde das Bild schärfer, und die Federn steckten am Hut einer vergnügt lächelnden älteren Dame, die grellroten Lippenstift trug. Über mich gebeugt, sprühte sie mir Eau de Cologne auf die Stirn, strich über meine Wangen, nickte und sagte: »Deine erste Ohnmacht? Man macht eine Menge durch, mein Vögelchen. Manchmal lohnt es sich sogar. Ich wünsch dir was.«
Seufzend legte sie mir ihr Duftwasser in die Hand, schloss meine Finger darum und verschwand, bevor ich mich aufrichten konnte. Die Angst vor verschlossenen Räumen wurde ein fester Bestandteil
meines Lebens. Oft verbrachte ich meine Nachmittage mit geschlossenen Augen und der Vorstellung, in imaginäre Räume ohne Türen eingesperrt zu sein. Doch all meine Versuche, die aufkommende Panik auszuhalten, scheiterten, weil mir der Atem stockte. Nachts träumte ich manchmal davon, wie ein Geist durch Wände hindurchzuschreiten, und wachte schweißgebadet auf, da mir sogar im Schlaf klar war, dass es niemals möglich sein würde. Ich wollte zurück zu dem vormals selbstverständlichen Gefühl, mich jederzeit und überall aus eigener Kraft befreien zu können. War aber eine Kabinentür zu hoch, um im Notfall drüberklettern zu können, wäre ich dort niemals aufs Klo gegangen. Ich machte in dieser ersten akuten Phase meiner Phobie häufig in die Hose, dafür überwand ich die natürliche Angst vor dunklen Gebüschen. Einmal wischte ich mich in einem Park neben der Schule versehentlich mit Brennnesseln ab, woraufhin Ramona mich zu ihrem uralten Frauenarzt Dr. Hahnrei schleppte. Als er anfing, mir Fragen über das Verhältnis zu Männern in meinem Umfeld zu stellen, da er auf eine Geschlechtskrankheit tippte, erzählte ich ihm schnell, was passiert war. Die Überweisung zum Kindertherapeuten verschwand für immer im Loch des Taschenfutters von Ramonas schmutzig weißem Synthetikblazer, den sie die gesamten neunziger Jahre über trug. Ein paar Tage nach dem Besuch bei Dr. Hahnrei sahen wir uns zu dritt im Fernsehen einen Thriller an: Eine junge attraktive Frau richtete auf einer ausgelassenen Party in L. A. ein Blutbad an und wurde von einem Psychologen fälschlicherweise für unzurechnungsfähig erklärt. In der zweiten Werbepause erwähnte Ramona, nachdem sie sich aus der Küche ein weiteres Bier geholt hatte, dass Dr. Hahnrei einen Therapeuten für mich empfohlen hätte. Mein Vater stand auf, schaltete den Fernseher aus, verschränkte die Arme und sagte: »Das wäre ja gelacht, zum Heulen kann ich mein Kind auch allein bringen!« Dann schickte er mich sofort ins Bett.
Am nächsten Morgen schloss er mich in unser Bad ein, bis ich nicht mehr wie am Spieß schrie und verzweifelt nach Luft schnappte. Als Belohnung bekam ich zum ersten Mal Taschengeld. Für jede Minute, die ich es ausgehalten hatte, zehn Pfennig. Ab diesem Tag sperrte Reiner mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Toiletten, Keller, Besenkammern, von außen mit breitem Klebeband umwickelte Telefonzellen oder schloss mich bei schlechtem Wetter auch mal in meinem eigenen Zimmer ein. Er meinte, ich müsste begreifen, dass man noch lange nicht eingesperrt sei, nur weil man gerade irgendwo nicht rauskönne. Mir zuliebe brachte Reiner also Fahrstühle zum Stehen, besorgte sich von Kumpels Schlüssel von
Bauwagen und Kühlräumen, lieh sich von Tante Trixi sogar den alten Fiat 500, obwohl er in den nur mit eingezogenem Kopf hineinpasste. Bei der anschließenden Therapiefahrt nachts auf der Autobahn musste ich auf der Rückbank sitzen. Irgendwann nickte ich ein, weil mein Vater zufrieden vor sich hin summte, und fuhr erschrocken wieder hoch, als er das einzige andere Auto weit und breit beim Überholen anhupte. Hinterher tapezierte er – zur Belohnung –, wie er sagte, sämtliche Wände unseres Wohnzimmers mit einer Fototapete, die einen Traumstrand zeigte. Wegen des vielen
blauen Himmels darauf, wie er verkündete: »Gar keine Türen, und nach allen Seiten offen. Maxi Freiheit, so ein Himmel! Guck ihn dir einfach an, wenn dir mal wieder eng ums Herz wird, Stint!« Er klopfte mit der flachen Hand darauf herum und strich die eine oder andere Luftblase glatt. Ich machte jedes Mal widerspruchslos mit, wenn mein Vater einen neuen Einfall hatte, und irgendwann war es tatsächlich nicht mehr so schlimm. Ich wusste ja, dass er mich wieder befreien würde.
Sogar in den Sarg, den er bei der Auflösung eines Theaterfundus ersteigert hatte, wäre ich gestiegen. Nach einigem Nachdenken hielt aber auch er das für übertrieben. Es könnte Unglück bringen, meinte er, als Kind in einen Sarg zu steigen. Er selbst schlief nächtelang darin, bis Ramona drohte, ihn zu verlassen.

GASTFAMILIE Ich besaß ein vergilbtes Foto, auf dem Reiner lachte und seine Zähne so weiß strahlten, wie in einer Kaugummiwerbung. Seine gesunden, blonden langen Haare wehten ihm ins Gesicht, um den Hals lag der Arm einer Frau, auf seiner Brust ihre große Hand, die Nägel weinrot lackiert. Über seinem Kopf erkannte man ein Stück grau verhangenen Himmel.

Eine schwarze Haarsträhne wehte ihm auf dem Foto für immer ins Gesicht. Den Rest der Frau hatte Ramona abgeschnitten. Die Frau war meine Mutter. Als ich vier oder fünf Jahre alt war, hatte Reiner mir das Foto zum ersten Mal gezeigt. Er hielt es für wichtig, mich so früh wie möglich über meine Herkunft aufzuklären. »Die Identität ist eine Kugel«, sagte Reiner. »Ist sie verbeult, kann sie nicht rollen und in die richtigen Bahnen gelangen!«

Meine Mutter war auf diesem Foto schon schwanger, er aber hatte davon nichts gewusst. Als ich ihn fragte, warum sie nie mehr zurückgekommen ist, antwortete er:

»Mit dir hat das nichts zu tun«.
»Aber warum will sie nicht wissen, wie es mir geht?«
»Sie ist sich eben sicher, dass du es gut bei mir hast, deshalb. Punkt, aus.« Nach einem Streit mit Reiner zeriss Ramona das Foto in unendlich viele kleine Schnipsel und saugte danach wie eine Besessene die ganze Wohnung.

Meine Mutter hatte die Kinder einer reichen Künstlerfamilie gehütet. Bevor sie Deutschland wieder verließ, schenkte sie den Kindern zum Trost ein Katzenbaby, das sie, nach Schiller, Friedrich nannten.

Colombe war nie lange an einem Ort geblieben. Ihr Vater war Diplomat, ein konservativer Globetrotter, und so war sie es von klein auf gewohnt gewesen, nur für kurze Zeit an einem Ort zu bleiben. Fehrmann hatte sie als meinen Nachnamen eintragen lassen und mir den Vornamen Célestine gegeben. Reiner konnte ihn nie richtig aussprechen. Das »C« klang bei ihm wie ein »Z«, und den letzten Vokal sprach er aus, anstatt ihn wie im Französischen wegzulassen. Aber eigentlich kürzte er meinen Namen immer bloß ab und nannte mich eben: Stine. Wenn er sauer auf mich war oder einfach angespannt, nannte er mich auch Stint, wie den kleinen Fisch.

Oft erzählte er mir, wie er meine Mutter zum letzten und mich zum ersten Mal gesehen hatte. Er erzählte es immer ein bisschen anders. Sogar die Farben ihrer Kleidung veränderte er. Ich stellte mir die Szene deshalb irgendwann nur noch in Schwarz-Weiß vor:

Reiner hatte Colombe seit Monaten nicht gesehen, als es ungewöhnlich früh an der Tür klingelte. Er öffnete, und im selben Moment ging das Licht im Treppenhaus aus. Sie drückten beide zur gleichen Zeit auf den Schalter. Ihre Hände berührten sich zum letzten Mal. Colombe trug ihren viel zu großen Kapuzenmantel mit den riesigen viereckigen Knöpfen. Unter der Kapuze schaute eine Wollmütze hervor, die sie sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Ihr Mantel war so lang, dass man nicht einmal ihre Stiefelspitzen sehen konnte.

Mit gesenktem Kopf sagte sie leise: »Excuse-moi, Ränje, hier ist deine Kind, ein Mädschen, ich kann nicht longe bleiben. Alle Unterlagen sind in die Tasche. Meine Flug nach Rom zu meinem Vater ist früh.«

Eilig lief sie davon und verschwand für immer durch die hohe Eingangstür.
Reiner blieb so lange erstarrt stehen, bis das Licht im Treppenhaus erlosch und ich anfing zu schreien.

Die ersten zwei Jahre lebten wir mit meinen Großeltern unter einem Dach. Aber nachdem wir mit Ramona zusammengezogen waren, verbrachten wir außer an den Feiertagen kaum mehr Zeit bei ihnen. Reiner stritt deswegen andauernd am Telefon mit seiner Mutter, Oma Senta. Als mein Opa ein paar Jahre später pensioniert wurde, kauften meine Großeltern sich von ihrem Ersparten voller Stolz eine sechzig Quadratmeter große Haushälfte bei uns um die Ecke.

Nur wenige Wochen später starb mein Opa. Eines Nachmittags wachte er, der nie viel gesprochen hatte und soweit ich mich erinnern kann, nie direkt das Wort an mich richtete, einfach nicht mehr aus seinem Nickerchen im Sessel auf. Er starb, abgesehen von ständiger Verstopfung, als gesunder Mann. Die erste Konfrontation mit dem Tod beunruhigte mich nicht besonders, brannte sich aber, wegen unmittelbar folgender Ereignisse, dennoch in mein Gedächtnis ein.

Reiner erinnerte der Tod seines Vaters daran, dass auch er sterblich war. Nicht dass Reiner die Tatsache, dass er nur aus Fleisch und Blut bestand, aus der Ruhe brachte – ihn bedrückte vielmehr der Gedanke, dass Ramona sich nach seinem Ableben eher selber totsaufen würde, als sich um mich zu kümmern. Oma Senta konnte er nicht besonders gut leiden, und Tante Trixi weigerte sich, auch nur einen halben Abend auf mich aufzupassen.

Obwohl Reiner stets mit der Befürchtung lebte, meine Mutter könnte vorbeikommen und mich wieder mitnehmen – das Jugendamt hätte allein durch Ramona schlagende Argumente gehabt –, entschied er sich pragmatisch im Namen der selbstlosen Liebe, Kontakt mit ihr aufzunehmen.

Ein paar Tage nach der Beerdigung – ich wollte gerade los zur Schule und stand schon in der Tür – rief Reiner aus der Küche: »Stopp, Stint! Wir finden jetzt deine Mutter! Du hast ein Recht darauf!«

Er fuhr zunächst ziellos umher, bis wir Rock Romance! einmal ganz gehört hatten. Dann bog er in die Straße ein, in der er aufgewachsen war. Aber dort, wo einmal das Haus gestanden hatte, in dem die damalige Gastfamilie meiner Mutter gelebt hatte, klaffte nur noch ein großes Loch. Überall war Ruß und Schutt, alles war abgesperrt. Reiner hörte sich dann so lange bei den Leuten aus der Nachbarschaft um, bis er die Geschichte zusammenhatte: Es war eines Sonntagmorgens passiert. Auch der neue, junge Hausmeister war draufgegangen. Eigentlich hatte man ihn wegen des Gasgeruchs aus dem Schlaf klingeln wollen, doch niemand öffnete die Tür. Kurz danach flog das gesamte Haus in die Luft. Seine Leiche fand man im zerstörten Keller, bekleidet mit einem Spiderman-Morgenmantel.

Kein Hausbewohner hatte überlebt, außer Kater Friedrich, da er in den umliegenden Gärten unterwegs gewesen war. Verdutzt und mit einer ganzen Amsel im Maul hatte er plötzlich auf der anderen Straßenseite gesessen, erzählte uns die Kioskbesitzerin heulend. Sie sei ja kein Unmensch, aber langsam würde ihr das reizende Tier zu viel werden, und da wir ja so was wie entfernte Bekannte seien, sollten doch wir uns um ihn kümmern.

Sie hatte Friedrich in ihrem Kiosk untergebracht, und der hatte sich nachts über sämtliche Süßigkeiten hergemacht. Sie übergab uns das schokoladenverschmierte Tier mit einem erleichterten Seufzer. So kam ich zwar nicht zu einer Mutter, aber zu einer unbeirrbaren Katze, die auf sonderbare Weise mit meinem Schicksal verknüpft war.

Die Explosion schien für meinen Vater der endgültige Beweis dafür zu sein, dass die Dinge wohl doch so bleiben sollten, wie sie waren.
Friedrich lebte sich gut bei uns ein. Er war ein gesunder Sieben-KiloKater, diagnostizierte der Tierarzt, und eine noch eigenständigere Katze, als Katzen es für gewöhnlich waren. Er starrte mich oft unentwegt an, ohne zu blinzeln, und fauchte dann, bis ich das Zimmer verließ. Ramona versuchte einmal, ihn auf ihren Schoß zu setzen. Er zerkratzte ihr die Arme und haute ihr die Pfote mehrfach ins Gesicht. Der Kater schnurrte nie und aß niemals unsere Reste, außer er hatte sie zuvor direkt vom Tisch erbeutet. Ließ man ein Getränk kurz unbeaufsichtigt stehen, trank er daraus, egal ob es Wasser, Kaffee, Bier oder Orangensaft war. Nie rührte er aber sein Schälchen an. Oft tötete er aus Gier sogar Krähen, die fast so groß waren wie er selbst. Er hatte nur zu Reiner eine gewisse Bindung. Ich habe ein paarmal belauscht, wie er mit Friedrich sprach. Der Kater antwortete stets kurz, aber klangvoll, obwohl er sonst niemals miaute, sondern bloß kratzte und biss, sobald ihm etwas missfiel, oder er beschallte mitten in der Nacht mit seinem aggressiv-hysterischem Kastratengesang die Nachbarschaft.

UNTER ALLESFRESSERN Nach dem Tod meines Opas lud Oma Senta uns aus schlichter Einsamkeit dauernd in die Haushälfte ein. Es gab meist mehlige Kartoffeln und Fisch, der durch die ewige Kocherei von seinem brüchigen Skelett fiel, die wabbelige Haut aschgrau. Das Fischauge blickte mich tot aber aufmerksam an. Manchmal öffnete sich sein Stülpmaul und gab einen Kommentar ab: »Guck nicht so blöd, hässliches, nichtsnutziges Gör mit fettigen Haaren!«

Oma Senta beobachtete mich oft eine Weile gemeinsam mit dem Fischauge und sagte dann: »Dieser Fisch ist ein Allesfresser, sozusagen das Schwein unter den Fischen. Der Mensch, Zelestine, ist auch ein Allesfresser. Das hat unser Gehirn so groß gemacht. Das hat uns nach Europa gebracht. Sonst säßen wir noch immer im afrikanischen Busch fest und hauten uns die Hängebrüste um die Ohren. Du magst wohl die deutsche Küche nicht, Zelestine?! An Traditionen kann man sich gewöhnen, an alles kann man sich gewöhnen, man kriegt nicht immer das, wozu man Lust hat, da wär ja sonst was los in der Welt, Kind! Das hab ich auch immer zu Beatrix gesagt, aber die wollte ja lieber mit ihrer Krankheit leben. Ich hab mich nicht gescheut, Beatrix zum Doktor zu bringen. Also das kann man mir nicht vorwerfen! Und der Doktor hat ihr was erzählt! Ich bin da extra rausgegangen, damit er sich nicht scheut. Das hab ich alles ertragen – das muss man erst mal aushalten als Mutter! Und was ist der Dank? Sie meldet sich nicht mal, wenn der Vater stirbt! Mein Essen mochte sie auch nie. Sie war schon immer eine Fremde im eigenen Haus gewesen. Nicht wahr, Reinerchen? Du lässt Zelestine doch nicht in die Nähe von Beatrix, oder? Die haben doch hoffentlich nichts miteinander zu tun?«

»Nein, Mutti, natürlich nicht, will ja nicht, dass sie eine Lesbe wird und …«
Da zischte Oma Senta:
»Pssst, Reinerchen, nicht das Wort vor dem Kind sagen! Da kriegt es ja sonst einen Dachschaden. Davon muss man nichts wissen! Kind, schluck mal runter den Karpfen, sonst fängt der gleich wieder an zu leben!«

Ich hielt die Luft an, schluckte unter Omas durchdringendem Blick alles runter und unterdrückte die Übelkeit, bis mir Tränen kamen. Sie lächelte milde: »Nicht weinen, dein Opa wollte ja nicht mehr! Und Oma auch nicht, vielleicht geh ich bald ins Wasser! Ich geh einfach runter zum Kanal um die Ecke. Der ist so schmutzig, da ist man verseucht, bevor man ertrinkt, so ist sie, die Welt von heute!«

»Ach, Mutti, ich würd meines Lebens nicht mehr froh werden, wenn du ins Wasser gehst. Und Trixi würde das auch mitnehmen, das sag ich dir«, log Reiner. Ramona trank Omas Mariacron aus und hielt ausnahmsweise die Klappe.

Oma Senta redete immer von Tante Trixi, wenn wir bei ihr zu Besuch waren. Eigentlich lief jedes Thema früher oder später darauf hinaus, weshalb ich annahm, dass sie sie sehr vermisste. Tante Trixi aber erwähnte Oma Senta mir gegenüber nur ein einziges Mal. Sie sagte, dass mehr oder weniger alle Frauen, die mit Männern ins Bett gehen, den Orgasmus vortäuschen. Und fügte hinzu, ihre Mutter hätte sogar eine ganze Ehe vorgetäuscht.

Tante Trixi erklärte mir oft, wie die Welt und die Menschen funktionierten, genau wie Reiner und Oma Senta, ohne dass ich jemals danach gefragt hätte. Nur ihre Interessensgebiete unterschieden sich voneinander. Im Gegensatz zu Oma Senta erörterte Tante Trixi zum Beispiel andauernd das Thema Sexualität. Sie behauptete einmal, man könnte nicht nur am Tanzstil erkennen, wie jemand im Bett war, sondern erst recht daran, wie jemand lachte.

Oma Senta lachte niemals. Manchmal setzte sie zu einem Lächeln an, doch dann konnte man förmlich sehen, wie sie es sich im letzten Moment doch noch anders überlegte.

Reiner sagte, seine Mutter wäre schon immer eine saure Gurke gewesen und nicht erst, seit sie Mann und Tochter los war. Sie hatte ihre Tochter Beatrix aus dem Haus geekelt, nur weil deren erste große Liebe Blanca hieß.

Oma Senta hatte zunächst wochenlang geglaubt, es handele sich um einen Jungen, da Blanca sich Blanco nannte und zurechtmachte wie ein kleiner Gigolo. Oma Senta hatte eine Schwäche für Julio Iglesias und Rex Gildo. Blanca erinnerte sie ein wenig an beide. Sie hatte wegen ihrer Befürchtungen, Trixi könnte eine Lesbe werden, ja schon einiges unternommen, und war deshalb erleichtert, dass ihre Mühe nicht umsonst gewesen war. Blanco durfte jederzeit über Nacht bleiben. Eines Tages kam Oma Senta, ohne anzuklopfen, ins Zimmer, um Sandkuchen und Hagebuttentee zu bringen. Als sie Blancos Brüste in Trixis Händen sah, fiel sie in Ohnmacht. Kaum hatte sie sich mit Blancos Hilfe wieder auf ihre dürren Beine gestellt und ihre zu großen Strumpfhosen glattgestrichen, plusterte sie sich auf, um ihre Tochter zu verbannen. Tante Trixi zog aus und kam nie wieder zurück. So war Oma Senta damals zumindest ein wenig erfreut, als sie von mir erfuhr. Immerhin schloss ich eine Lücke in der Familie, und ein uneheliches Kind war ihr allemal lieber als Julio Iglesias mit Brüsten.

Ich versuchte Tante Trixi oft zu überreden, mich bei ihr einziehen zu lassen. Sie war zwar auch launisch, aber im Gegensatz zu allen anderen schien sie mir wirklich erwachsen. Ich hoffte, in ihrer Nähe zu sein, falls ein Atomkraftwerk hochging oder der dritte Weltkrieg ausbrach. Leider verstand sie nicht, dass ich ausgerechnet sie für besonders geeignet hielt, meine Fürsorge zu übernehmen. Sie erklärte, sie wolle einfach nicht ständig jemandem beim Frühstück begegnen oder sich das Bad teilen. Wäre ich erst mal in ihrem Alter und von Leben und Liebe gezeichnet, würde ich das schon verstehen. Sie beendete die Diskussion stets, indem sie sagte: »Sieh zu, dass du endlich aufhörst zu nuckeln, erwachsen wirst und einen klaren Kopf behältst, dann kannst du alles machen, was du willst und musst dich nicht mehr von kleinen versoffenen Schlampen nerven lassen!«

Ich nahm den Daumen schnell aus dem Mund. Oft merkte ich gar nicht, dass ich es schon wieder tat.
Seit Friedrich bei uns wohnte, sagte Ramona immer: »Dein Papa ist ein Katzenmann, einer, der sich sogar ins Vieh einfühlen kann, das lieb ich so an ihm!« Keine Ahnung, was sie damit meinte, mein Vater, der Katzenmann? Bis Friedrich zu uns gezogen war, hatte er nie Interesse an lebenden Tieren gezeigt. Ramona behauptete außerdem, Reiner sei ein besonders männlicher Mann, das erzählte sie jedes Mal den anderen Frauen beim Friseur, und dazu noch allerlei Details aus ihrem ach so tollen Sexleben. Ich hielt mir dann immer die Ohren zu oder lief, selbst im Winter, schnell ohne Jacke vor die Tür.

Ich verstand nicht, was das heißen sollte: männlich.
Reiner war sehr groß und hatte zu allem eine Meinung. Sein kaputtes Haar trug er immer lang, der stetig wachsende Bauch passte nicht mehr zu seinen dünnen Beinen. Er entwickelte früh einen Brustansatz und rasierte sich mit Ramonas Ladyshaver Hände und Füße, wenn er in der Badewanne lag. Statt Parfüm benutzte er in den gesamten neunziger Jahren ätherisches Ying-Yang-Öl, weil er in einem seiner Magazine gelesen hatte, der Duft würde die Seele ausbalancieren.
Den Sommer über lief Reiner gern genauso nackt herum, wie es gerade noch legal war. Ich glaube, Ramona und er besaßen während meiner Kindheit keine einzige normale Unterhose. Zu Hause trugen sie am liebsten Tanga und Tierfuß-Puschen, dafür drehten sie schon im Frühherbst die Heizung hoch. Nie verbarg mein Vater sein lückenhaftes Gebiss aus gelben Zähnen. Oft wünschte ich mir, dass er nur mit geschlossenem Mund lachte.
Ramona trug meist T-Shirts oder Pullover mit Tierfellmustern, die sie in ihre bauchnabelhohen Karottenjeans stopfte. Sie trug lange Zeit Kleidergröße 34 und betonte immer ihren platten Hintern und die schmale Taille. Dreimal in der Woche ging sie, seit ich denken kann, zum Bauchtanz. Auf einen Auftritt drängten wir schon lange nicht mehr. Sie behauptete: »Das hilft gegen Rücken.« Wenn sie lächelte, hielt sie im Gegensatz zu Reiner den Mund fest verschlossen. Sie schämte sich für ihren schiefen, vorstehenden Schneidezahn. Nur wenn sie schallend lachte, vergaß sie alles, sogar ihren Zahn.
Abends las mir Ramona gelegentlich etwas vor. Bevor sie mit ihrer heiseren Stimme loslegte, sagte sie: »So, Stinker, jetzt machen wir mal einen auf Mutter und Kind!« Dann begann sie stockend zu lesen, hustete dabei und qualmte mein kleines Zimmer voll. Manchmal hörte sie plötzlich auf, starrte ins Leere und atmete durch den Mund. Ihr Mundgeruch war unerträglich, und ich kniff schnell die Augen zusammen und stellte mich tot. Sie las trotzdem einfach weiter und rauchte an meinem Bett ihre Feierabendzigarette. Seufzend stand sie irgendwann auf, furzte, vergaß, das Licht auszumachen, und knallte die Tür hinter sich zu.
Während ich sie auf dem Flur Schleim abhusten hörte, kletterte ich schon auf die Heizung, um das Fenster zu öffnen. Ich legte mich auf den Rücken, hielt mich an der Fensterbank fest, starrte in den schwarzen Himmel, bis ich müde wurde, und taumelte dann zurück ins Bett. Als Ramona anfing, auch tagsüber zu trinken, klappte es mit dem Vorlesen überhaupt nicht mehr. Man kann als trainierter Säufer mit zwei Promille eine ganze Menge Dinge tun, ohne besonders aufzufallen – aber mit dem Vorlesen war es vorbei. Als sie es auf eine Flasche Apfelkorn pro Tag brachte, machte sie sich nicht einmal mehr die Mühe, das Buch noch aufzuschlagen. Und wenn doch, war sie schon zufrieden, wenn sie einen einzigen Satz ohne größere Zwischenfälle geschafft hatte. Sie bekam entweder Schluckauf oder schlief selbst lange vor mir ein.
Einmal biss sie sich während eines besonders hartnäckigen Schluckaufs auf die Zunge. Es fing furchtbar an zu bluten, sie rannte ins Bad, steckte sich einen Wattebausch in den Mund und presste die Lippen aufeinander. Sie nuschelte, dass ich ihr irgendwas holen sollte, aber ich konnte nicht verstehen, was. Schließlich nahm sie die Watte heraus, streckte mir die Zunge entgegen, sodass ich sehen konnte, wie sehr es blutete. Sie brüllte, ich solle ihr endlich den Wodka zum Identifizieren bringen! Als ich »desinfizieren« sagte, klebte sie mir eine. Ich lief durch die dunkle Wohnung und fand ihre letzte Flasche mit einem Spuckerest drinnen. Ich empfahl ihr, den Alkohol eine Weile im Mund zu lassen, damit er wirkte. Ramona ließ den Wodka über den blutigen Wattebausch laufen und schickte mich auf den Dachboden, wo sich ihr Versteck für Notfälle befand. Als ich mit dem Doppelkorn zurückkam, war sie eingeschlafen, die kaputte Zunge hing ihr aus dem Mund, und die Watte steckte als Pfropfen in der leeren Sektflasche, die mein Vater von Tante Trixi zum Geburtstag bekommen und die er für einen besonderen Anlass aufgehoben hatte. Ramona wachte kurz auf und murmelte mit geschlossenen Augen: »Danke, danke, Süße, sagst du Reiner, es tut mir leid wegen des Schampus, aber es tat so weh, es tat so weh.«
Ein paar Tage später fragte ich meinen Vater, was man macht, wenn man sich plötzlich vor seiner eigenen Zunge ekelt. Wir standen gerade in einer Konditorei. Ich starrte durch die Vitrine auf den dicken Rumpf der Konditorin, der von einem bunt geblümten Kittel umspannt war. Ich kniff meine Augen zusammen, ihre Arme blendete ich aus, formte die Enden ihres Kittels rund, radierte ihre üppigen Brüste seitlich zu einer Linie und sah nur noch ein riesiges Osterei, das sich bewegte, schwebte und meinen Vater antanzte. Ich hatte über dieses Bild meine Furcht vor einem möglichen Zungenekel gerade wieder vergessen, als Reiner in meine Osterei-Trance hineinsprach: »Das passiert nicht, niemand ekelt sich vor sich selbst!«
Das Osterei fügte hinzu: »Das ist aber mal ein phantasievolles Kind!« Mein Vater sagte: »Ja, was die sich manchmal so denkt, das muss sie von ihrer Mutter haben, die hat sich auch zu jedem Quatsch was gedacht!«

In der vierten Klasse bekam ich eine Empfehlung fürs Gymnasium. Reiner war dagegen, mir war es egal. Schließlich bat ihn meine kurzhaarige, aber großbrüstige Klassenlehrerin zum Gespräch. Sie gab zu bedenken, ich könnte bei anhaltender mangelnder intellektueller Herausforderung depressiv werden. Reiner verstand zwar nicht warum, aber ihn überzeugte womöglich, dass meine Lehrerin das gleiche penetrante Ying-Yang-Duftöl trug wie er.

Meinen neuen Mitschülern erzählte ich, meine Mutter sei Miss Universum und deswegen in der ganzen Welt unterwegs, eine Operndiva mit großem Erfolg in Asien und Südamerika, eine herumziehende Seiltänzerin, eine Pferdezüchterin in Kanada, eine Wissenschaftlerin, die an einem geheimen Ort tödliche Krankheitserreger erforscht. Regelmäßig berichtete ich von anderen Karrieren, die sie an einem Besuch hinderten. Als sie mich dabei ertappten, dass ich unterschiedliche Geschichten erzählte, lachten mich einige aus, ein ohnehin ständig gereizter Junge trat mir in den Bauch, und die beliebteste Mädchenclique ignorierte mich über mehrere Wochen hinweg. Von da an verlor ich nie wieder ein Wort über meine Mutter, aber ich stellte mir vor dem Einschlafen noch manchmal vor, wie sie wohl aussah. Später erschien sie mir nur noch im Traum, sie wandte mir den Rücken zu, trug einen Pelzmantel, lachte und unterhielt sich mit jemandem, den ich nicht erkennen konnte. Irgendwann zu Beginn meiner Pubertät verschwand sie auch aus meinen Träumen, und mir blieb nur noch Ramona.

Als wir in der Schule den Zweiten Weltkrieg durchnahmen, fragte ich sie, was mit Hitler passiert sei. Sie antwortete, ohne zu zögern, Hitler sei nach Spanien ausgewandert. Ich fragte, was er denn dort gemacht hätte. Wieder antwortete sie schnell, er würde dort die Stierkampf-Arenen putzen, einen besseren Job hätten ihm die Spanier nicht geben wollen. Das sei wirklich eine harte Arbeit, er sei nun ein gebrochener alter Mann und achte trotzdem noch immer pingelig darauf, dass jedes Sandkorn an seinem Platz und das rote Tuch ordentlich gefaltet bereitliege.

Ich starrte sie eine ganze Weile an und war mir sicher, sie würde gleich loslachen. Doch sie ging zum Glasschrank, holte eine Flasche Amaretto heraus und fügte nach einem großen Schluck seufzend hinzu:

»Ja, das waren Zeiten damals. Wenn du mich fragst, hätten sie ihn einfach den Stieren zum Frühstück geben sollen. So viele Menschen wie der verhext hat; um den Verstand gebracht hat er das Volk, armes Deutsches Reich, zum Glück bin ich eine Spätgeburt.«

Ramona war in jeder Hinsicht ein kleiner Mensch. Bis auf ihre Füße. Ich hatte schon mit dreizehn sehr große Füße, aber meine gehörten so, denn ich war zu diesem Zeitpunkt bereits 1 Meter 75. Ramona maß nur knapp 1 Meter 55 und hatte ständig enorm übel riechende Füße. Sie zwängte sie jeden Tag in zu enge Pumps. Seit ich mich erinnern konnte, legte sie sich nach der Arbeit ein paar Minuten auf den Küchentisch, richtete sich auf und zerrte sie dann von den geschwollenen Füßen. Man sah die weißen Abdrücke auf der nackten Haut. Sie rieb und massierte sich, bis der Fuß ganz rot war. Manchmal schminkte sie sich noch ab und duschte, aber meistens legte sie sich einfach nackt ins Bett.

Ich wusste nur, dass Ramona in einem Heim aufgewachsen war. Sie erwähnte ihre Eltern mir gegenüber nie. Als ich sie einmal fragte, ob sie denn noch lebten, stand sie gerade am Fenster und hielt ihr Gesicht in die Sonne. Sie tat, als hätte sie die Frage nicht gehört, und murmelte etwas von einer riesigen Flasche Bier, die am Himmel schwebte. Wie sich immerhin zu ihren Gunsten herausstellte, war das keine Vision, sondern der Werbeheißluftballon einer Brauerei. Ich habe immer versucht, sie zumindest ab und zu ein bisschen lieb zu haben. Denn, wenn ich entschied, sie einfach nur noch wie die Pest zu hassen, tat sie mir plötzlich leid, und ich hasste stattdessen mich. Ansonsten erschien sie mir trotz ihrer Sucht und Zierlichkeit allerdings nie bemitleidenswert oder gar zerbrechlich, eher wie ein kühnes Insekt. Ob es außer Reiner überhaupt jemanden gab, der Ramona mochte und sie so akzeptierte, wie sie war, kann ich nicht sagen. Und ich konnte mir Ramona beim besten Willen nicht als Kind vorstellen, sooft ich es auch versuchte, dieses Bild wollte einfach nicht entstehen.

Einmal hob mich Ramona, Reiner war gerade nicht in der Nähe, ganz plötzlich auf ihren Schoß, drückte mich fest an sich und weinte leise. Als ich ihr dann vorsichtig über den Kopf strich, fing sie so furchterregend an zu schluchzen, dass sie es nicht einmal bemerkte, als ich mich aus ihrer Umarmung löste. Ich stand vor ihr, tippte ihr auf die Schulter und fragte:

»Wie war denn das, als du ein Kind warst?« Sie hörte abrupt auf zu weinen, zündete sich eine Zigarette an, erhob sich, ging im Zimmer hin und her, sagte lange nichts, öffnete den Mund, runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen. Dann flüsterte sie: »Als ich klein war, war ich eben klein.«

»Aber wie war das?«
»So ähnlich wie jetzt, nur in Klein eben.«
Sie sagte oft zu mir, ich sollte Scheiße noch mal dankbar sein, dass es mir so gutgehe, und gefälligst glücklich sein, den besten Vater der ganzen Welt zu haben.


EIN SAUBERER TOD

Eine öde, adrette Mitschülerin, die mir in der sechsten Klasse versuchte, ihre Freundschaft aufzudrängen, fand meinen Vater damals immer furchtbar witzig. Sie verstand nie, wieso er mich nervte – sie konnte sich scheinbar endlos über jeden seiner Sprüche amüsieren. Das lag wohl daran, dass ihr eigener Vater sie nie besuchen kam. Er überwies ihr nur jeden Monat eine Menge Geld.

Wir dagegen waren oft so pleite, dass Reiner mitten in der Nacht, nach Betriebsschluss, U-Bahn-Waggons putzen ging. Taschengeld erhielt ich immer nur dann, wenn Reiner einen Job bekam oder ich lange genug seine Therapiemaßnahmen ausgehalten hatte.

Ein knappes Jahr nach Opas Tod wurde Reiner mal wieder arbeitslos, weil er in dem Kaufhaus, in dem er als Sicherheitsmann arbeitete, ein Schlangenleder-Portemonnaie geklaut hatte. Als Ramona dann auch noch aus der siffigsten Kneipe unseres Viertels gefeuert wurde, zogen wir zähneknirschend zu Oma Senta. In ihrer Haushälfte führte eine schmale Treppe in den oberen Stock. Die Stufen waren nur halb so breit wie die einer normalen Treppe. Und sie waren so glatt, dass man selbst barfuß darauf ausrutschte. Oma Senta gab mir riesige Filzpantoffeln vom toten Opa, ich fiel gleich in der ersten Woche die Treppe hinunter und brach mir das Bein.

Die obere Etage, in der wir hausten, bestand aus zwei kleinen Zimmern und einem Klo. Dort war es sogar im Sommer düster.
Mein Zimmer diente auch als Abstellkammer. Ich schlief in einer von vergilbten Fotos mit finster dreinblickenden verstorbenen Verwandten umrahmten Ehebetthälfte. Das Bett stand zwischen einem Bügelbrett, einem golden gerahmten Kunstdruck von Botticellis Venus und gestapelten Gartenmöbeln mit schmutzigen Sitzkissen. In einem Schrank aus dunklem Holz bewahrte Oma Senta die Sachen meines toten Opas auf. Die Schranktür knarrte, ächzte und quietschte, und drinnen roch es nach Lavendel und Mottenpulver. Mein Opa hatte nur braune Anzüge besessen. In den oberen Fächern lagen eine Menge Mützen und Hüte – mein Opa hatte schon mit dreißig eine Glatze gehabt. Deswegen ließ Reiner sich auch die Haare wachsen, seit er zwanzig war. Er wollte mit Länge ausgleichen, was einmal an Fülle fehlen könnte.
Ramona trank bei jeder Gelegenheit von dem Whiskey, der für besondere Anlässe bestimmt war. Und egal, wo Oma Senta die mit Schokolade überzogenen Ingwerstäbchen, nach denen sie selbst süchtig war, auch versteckte – Kater Friedrich fand und fraß sie alle.
Als ein neues Gesetz das ganzjährige Wohnen in Kleingartenanlagen erlaubte, warf uns Oma Senta aus ihrer Haushälfte. Allein und schlecht gelaunt zu sein, gefiel ihr dann wohl doch besser. Außerdem glaubte sie, auf diese Weise bei Reiners Jobsuche den nötigen Druck zu erzeugen. Mitten im Herbst quartierten wir uns in dem niedrigen Häuschen ein, um das sich Oma Senta seit Opas Tod nicht mehr gekümmert hatte. Zum Einzug schenkte sie uns zwei Heizlüfter, die vor allem Reizhusten verursachten. Reiner ging wieder U-Bahn-Waggons putzen, konnte sich in dem Häuschen nur gebückt vorwärtsbewegen und erlitt einen Bandscheibenvorfall. Ramona bekam Haarausfall und Quaddeln, und ich litt immer wieder unter Blasenentzündung. Nur Friedrich lebte selig als Chefkater in der riesigen, verlassenen Anlage und brachte uns als Dank mehrmals täglich totes und halbtotes Getier von seinen Streifzügen mit.
Ich lud nun gar keine Freunde mehr nach Hause ein. Nicht einmal meine beste Freundin Liza aus Liberia, obwohl sie mit ihrer Familie in einem Asylbewerberheim wohnte. Selbst dort hielt ich mich lieber auf als in unserer Schrebergartenkaschemme. Bei Liza lebten zwar noch mehr Leute auf noch weniger Raum, aber das Essen war sehr gut, niemand ließ seinen Frust an mir aus, und Lizas Vater half mir bei den Englischhausaufgaben. In unserem Häuschen konnte ich von meiner Matratze aus die Wand des Schuppens sehen, in dem der Grill, das Werkzeug und Ramonas alte Trockenhaube gelagert wurden. Wenn ich es nicht mehr aushielt, zog ich Reiners gelbe Regenjacke an und ging in der Anlage spazieren. Die Jacke hing mir bis über die Kniekehlen, und ich schlurfte mit meinen löchrigen Turnschuhen stundenlang die feuchten Kieswege auf und ab. Niemand außer uns hauste hier den Winter über.
Nur ein Mal traf ich einen seltsamen Mann in einem auffälligen Anorak. Das Ding leuchtete schon von weitem. Dazu trug er einen Fahrradhelm, obwohl er wie ich zu Fuß unterwegs war. Als ich mich nach ihm umdrehte, sah ich ein blinkendes Stoppschild auf seinem Rücken.
Später erfuhr ich aus der Zeitung, dass der Mann Gernot H. hieß. Kurz nachdem ich ihn gesehen hatte, erhängte sich Gernot H. in seinem Häuschen, gleich bei uns um die Ecke. Man fand ihn erst im Frühling – in seinem Anorak, aber ohne Helm.
Es stellte sich heraus, dass Gernot H. geschieden war. Seine Exfrau hatte einen jungen Unternehmensberater geheiratet und all seinen Besitz mitgenommen. Er selbst besaß nur noch seine Kleidung und das Schrebergartenhäuschen. Seine Tochter Felicitas H. hatte, wie ihre Mutter, jahrelang keinen Kontakt mehr zu Gernot H. gehabt. Sie starb kurz nach seinem Tod auf Ibiza an einer Überdosis Pillen.
Es wurde Frühling. Oma Senta rutschte beim Bohnern der Killertreppe aus und brach sich das Genick. Sie war noch viel geiziger gewesen als wir vermutet hatten: Wir erbten genug Geld, um Reiners Traum zu verwirklichen.

LEBEN KURZ


Reiner und Ramona eröffneten einen Imbiss und nannten ihn Fehrmanns Spezialitäten.

Tante Trixi zog in die unerwartet frei gewordene Haushälfte, zerschnitt Badematten und beklebte damit die Stufen der Killertreppe.
Für uns gab es nun eine Drei-Zimmer-Wohnung über dem Imbiss. Ich bekam endlich ein Zimmer, das größer war als vier Quadratmeter, und Reiner musste nie wieder U-Bahn-Waggons putzen.
Bei der Eröffnung glänzten alle Arbeitsflächen, Ramona war nüchtern und trug eine frische Dauerwelle. Reiner hatte den ganzen Tag über ein Grinsen im Gesicht. Die Spülmaschine schnurrte wie Friedrich, der hinten im Vorratsraum in einer Zwiebelkiste schlief. Der ganze Imbiss roch nach frischer Farbe und Zwiebelmett. Ich hörte sogar für einen Moment auf an meinem Daumen zu lutschen, damit Reiner mir einen Esslöffel Mett in den Mund schieben konnte. Ich ekelte mich stumm, hielt die Luft an, versuchte das rohe Fleisch mit möglichst wenig Kontakt zur Zunge in die Speiseröhre zu lenken, und würgte alles hinunter.
Reiner meinte: »Meiner Tochter schmeckt es, guck mal, wie sie schlingt!«
Ich lächelte, wie man mit aufsteigender Magensäure eben lächeln kann, und nahm mir vor, mich an alles, was noch kommen sollte, zu gewöhnen.
So auch an Iris, Ramonas beste Freundin, die mich noch vor der Pubertät von meinem, wie Reiner es nannte, »sichtbaren Defekt« heilen sollte.
Iris war eine Hexe. Jedenfalls verdiente sie als Hexe ihr Geld.
Mein Vater nannte Iris gern »Irrnis« und pflegte zu sagen: »Irrnis braucht mal was zwischen die Beine, dann is Schluss mit Hui Buh!«
Zunächst war er dagegen, dass Iris an mir »rumzaubert«. Er gab erst nach, als Ramona vorschlug, die Sitzungen könnten ja hinten im Vorratsraum des Imbisses stattfinden. Das überzeugte meinen Vater. Hauptsache, er konnte »den ganzen Simsalabim« beaufsichtigen.
Iris war sich sicher, dass am Morgen der Energiefluss am besten sei, und dass sie meine Aura sehen könne. Also radelte sie dreimal die Woche noch vor Schulbeginn mit ihrem Trekkingrad zu uns, und wir setzten uns im Vorratsraum auf zwei Fässer Sauerkraut.
Während ich meinen Kaffee nicht anrührte, exte Iris ihren Becher, wickelte dann die Batiktücher von ihrer weißblonden Stoppelfrisur, stopfte sie in einen Armeerucksack, setzte sich mit ihrer knatschenden Lederhose vor mich auf den Boden und sagte: »Los, Schnucki, nimm wenigstens einen Schluck Kaffee, ich ertrag keine müden Kinder! Augen auf, fucking life get’s you anyway!«
Ich tat, wie mir befohlen, während sie sich Sunblocker ins Gesicht schmierte und den Rest unter dem Shirt an ihrem Bauch abwischte. Dann griff sie nach meinen Händen und tunkte sie in eine grüne Flüssigkeit, die nach Spülmittel roch. Iris rollte mit den Augen, bis man nur noch das
Weiße darin sah, murmelte immer wieder drei Worte in einer mir unbekannten Sprache und schrie zum Schluss auf wie ein Pfau. Reiner schaute herein, schenkte Kaffee nach und schüttelte den Kopf. Wieder leerte sie ihren Becher in einem Zug, zündete sich eine Zigarette an, legte den Kopf in den Nacken und sagte:
»Was für ein scheißfrüher, ultimativ überflüssiger Morgen.« Beim ersten Mal erwiderte ich noch:
»Warum das denn?«
Doch als sie zusammenzuckte und mich mit ihren eisblauen Augen irritiert anstarrte, verstand ich, dass sie nicht mit mir gesprochen hatte. Iris rauchte ihre Zigarette jedes Mal in drei Zügen, sodass es knisterte und die Glut aussah wie ein winziges Laserschwert. Erst nach dem letzten Zug blies sie den gesamten Rauch mit einem lauten Stöhnen wieder aus und zerquetschte die Zigarette auf dem Fass. Meistens riss sie dann noch den Filter ab und schmiss ihn verächtlich in den Aschenbecher. An einem dieser Tage, auf dem Weg zum Imbiss, verknallte sich Iris an einer roten Ampel in einen betagten Fahrradkurier. Wochenlang faselte sie mit Ramona über das Wunder der Liebe auf den ersten Blick. Dann stellte sich aber heraus, dass sich die beiden bereits kannten. Sie war ihm mit Anfang zwanzig schon mal auf Bali begegnet.
Da sie damals beide schon ziemlich lange unterwegs waren, ganztags kifften, fest glaubten, braun wäre ihre natürliche Hautfarbe, und nur noch über das Nötigste und mit jedem Englisch sprachen, war ihnen in diesen Tagen gar nicht aufgefallen, dass sie aus der gleichen Stadt kamen.
Iris hielt ein Wiedersehen mit neununddreißig für Fügung, da sie, wie sie verkündete, wohl erst jetzt bereit sei, die große Liebe anzunehmen. Doch die große Liebe machte sich nach kurzer Zeit wieder aus dem Staub, was Reiner so kommentierte:
»Da würd ich aber auch die Pferde satteln, wenn mir so ’ne Muschi wie Irrnis auf den letzten Metern noch ihre Gene unterjubeln will!«
Seit der Sache mit dem Kurierfahrer rauchte Iris morgens, schon bevor es losging, drei Zigaretten und murmelte vor sich hin: »Was für eine universale Riesenscheiße!« An ihrem vierzigsten Geburtstag saß sie lange mit Reiner und Ramona in unserer Küche, die direkt neben meinem Zimmer lag. Ich wachte im Morgengrauen auf, als Iris brüllte:
»Reiner, du Pisser, was denn, was willst du mir denn damit sagen, du billiger Familien-Macho! Ich spiel hier jetzt nicht die Rolle Singlefrau ab vierzig! Leben nach Zahlen – das ist so fucking scheiß-banal!«
Reiner meinte, Iris könne es nur nicht verknusen, dass sie schon so verschrumpelt aussehe. Das komme »von der ewigen Reiserei, die hat zu viel Mittagssonne aus allen Richtungen auf den Kopf gekriegt!«.

Nach den Rucksacktouren, die sie bis Anfang dreißig unternommen hatte, war außer dem Kurierfahrer eigentlich nichts Gutes in Iris’ Leben passiert. Drogen vertrug sie nicht mehr, andere Interessen hatte sie nicht entwickelt, heiraten fand sie banal, die Liebe nannte sie »einen Furz im Wind«. Also wurde sie esoterisch, arbeitete als Hexe und verdiente gar nicht schlecht an Leuten, die so ähnlich drauf waren wie sie – nur in reich.

Irgendwann kündigte Iris plötzlich ihre Wohnung und reiste als lebender Schutzschild in den Irak, um gegen den Angriff der USA zu protestieren. Ich glaube, den USA war Iris’ Leben genauso egal wie ihr selbst.

Als ihr, wie zu erwarten, die anderen Aktivisten auf die Nerven gingen, reiste sie auf eigene Faust weiter in Richtung Südost, um sich wie früher gedankenlos in die Sonne zu legen. Irgendwo bei Belutschistan wurde sie von einem Leoparden gefressen. Man fand den Armeerucksack und ihren tätowierten Arm: Warrior of Light – darüber zwei springende Delfine.

Bei der Beerdigung war außer uns nur ein Afghane anwesend, den Iris aus politischer Nächstenliebe irgendwann ohne finanzielle Gegenleistung geheiratet hatte. Ihm drohte damals die Abschiebung, da die USA in seiner Heimat den Taliban den Rang abliefen. Er brach bei der Bestattung von Iris’ Arm weinend zusammen. Reiner fing ihn auf und drückte ihn fest an sich, bis er aufhörte zu schluchzen. Später, bei uns zu Hause, aß Rahim mit verquollenem Gesicht eine Unmenge von Schweinefleisch, übergab und bedankte sich.

Ich begleitete ihn noch zur Tür. Er strich mir über den Kopf und sagte: »Leben kurz.«
In diesem Moment verliebte ich mich in ihn. Ramona rief, er solle doch mal wieder auf ein Schnäpschen vorbeischauen. Natürlich besuchte er uns nie wieder.
»Lustig, liebevoll und lebensnah zugleich.«
Birgit Querengäßer, JOLIE, April 2012

»Anrührend und witzig zugleich.«
Frederike Treu, Cosmopolitan, April 2012

»Es ist die witzige und dabei immer warmherzige Schilderung ihres skurrilen Personals, die Ramadans Roman so lesenswert macht. Schon in „Soul Kitchen“ bewies die Autorin anarchischen Humor, sie lässt ihre Figuren treiben, manchmal aus der Bahn fliegen, während sie diesmal die Geschichte nie aus den Augen lässt.«
Maike Schiller, Hamburger Abendblatt, 23.02.2012

»Skurrile Situationen, Tempo, Schnodderschnauze, jede Menge Chaos.«
Carolina Quesada, Radio Bremen, 24.05.2012

Tropen Roman
1. Aufl. 2012, 272 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50120-9
autor_portrait
Ali Salehi Yavani

Jasmin Ramadan

Jasmin Ramadan, geboren 1974, lebt in Hamburg. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Ägypter. Sie studierte Germanistik und Philosophie. 2009 gelang ihr...

Weitere Bücher von Jasmin Ramadan


Warenkorb

0 Artikel

0,00 EUR
Preis inkl. Mwst.
Versandkostenfrei nach D, CH, A
zur Kasse

Sie befinden sich hier: Start » Bücher » Tropen » Gegenwartsliteratur

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de
Facebook Twitter YouTube