Die Gegend um Oxford im Jahr 1960. David Swain, verurteilter Mörder, bricht aus dem Gefängnis aus. In derselben Nacht wird seine Ex-Freundin ermordet.
Inspektor Trave von der Polizei in Oxford leitet die Suche nach dem entflohenden Häftling David Swain, den er selbst zwei Jahre zuvor vor Gericht gebracht hatte. Alsbald gerät für ihn auch der Onkel der Ermordeten in Verdacht: Titus Osman ist ein reicher Diamantenhändler. Er arbeitet mit seinem zwielichtigen Schwager zusammen, dem Verbindungen mit den Nazis nachgesagt werden ...
Als der entflohene Häftling wieder gefasst wird, tut Trave alles, um dessen Unschuld zu beweisen. Aber wie weit ist er selbst inzwischen in den Fall verstrickt?
Simon Tolkiens Kriminalroman besticht durch Raffinesse und historische Details.
Aus dem Buchhandel
»Außerdordentlich gut gefallen hat mir "Der König der Diamanten" von Simon Tolkien. Wie entspannend mal wieder einen richtigen Krimi zu lesen, ganz ohne neumodische Mätzchen und ausgeklügelte Brutalitäten und Todesarten. Was wie eine Eifersuchtsgeschichte beginnt, wandelt sich zu einem Poltikum, eindringlich, gut geschrieben und stringent erzählt, mit überzeugenden Charakteren und mitreißende Spannung!
Gerne mehr von Simon Tolkien!«
Frank Menden, Stories!Die Buchhandlung, Hamburg
PROLOG
Old Bailey, Kriminalgerichtshof London
1958
»Also, Mr. Swain,
jeder könnte dieses Verbrechen verübt haben. Jeder außer Ihnen. Ist das so
richtig ?«
In der Stimme des Staatsanwalts, Sir Laurence Arne, schwang ein Hauch von Sarkasmus mit, als er sich aus seinem Sitz erhob und gemächlich zu voller Größe aufrichtete, sodass er auf den Angeklagten herabblicken und ihn einschüchtern konnte, noch bevor das Kreuzverhör überhaupt begonnen hatte. Er war ein großer Mann, groß und schlank, mit einer breiten Stirn und kleinen, dunklen Augen. Seine knochige Gestalt und eine lange Adlernase trugen zu der vogelartigen Wirkung bei, die unter Kollegen seit Jahren Gesprächsthema war.
Ein richtiger Raubvogel , ging es Detective Inspector Trave durch den Kopf. Als für den Fall zuständiger Beamter saß er an einem Tisch seitlich zum Richter, gleich hinter einer ganzen Reihe von Beweisstücken der Anklage, die er im Zuge seiner Ermittlungen sorgfältig zusammengetragen hatte: eine handschriftliche Notiz, ein Messer, zerfetzte und blutige Kleidung, jedes Teil fein säuberlich mit einer eigenen Nummer versehen. Und doch verspürte Trave zu seiner Überraschung einen Anflug von Mitleid mit dem Angeklagten. David Swain sah aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Ohne Unterlass wechselte er im Zeugenstand von einem Bein auf das andere, fuhr sich mit den Händen durch den wirren Haarschopf und war außerstande, sich auch nur für einen Moment auf irgendjemand oder irgendetwas zu konzentrieren. Er war kein würdiger Gegner für Arne, und dessen war dieser sich wohl bewusst. Der Staatsanwalt schien mit dem Angeklagten fast schon zu spielen, so wie eine Katze spielt, bevor sie ihr Opfer tötet.
»Denn das ist im Grunde, was Sie bei der Befragung durch die Polizei sagten«, fuhr Arne fort, als der Angeklagte auf seine erste Frage nicht antwortete. »Ich nicht, ich nicht: jeder, nur ich nicht.«
»Aber es ist wahr. Ich war es nicht. Und ich war aufgebracht, verwirrt. Jeder in meiner Situation wäre das gewesen«, sagte Swain. Trave konnte in der Stimme des jungen Mannes etwas Trotziges ausmachen, einen vorwurfsvollen Unterton, den er schon kannte. Damit würde er sich unter den Geschworenen keine Freunde machen.
»Aber genau darum geht es doch«, erwiderte Arne schnell, denn er spürte die entstandene Lücke. »Niemand außer Ihnen war in der Situation. Niemand außer Ihnen hatte ein Motiv. Niemand außer Ihnen hatte die Gelegenheit.«
»Das wissen Sie doch gar nicht. Ethan hat etwas herausgefunden. Deshalb hat er seinem Bruder geschrieben, er müsse ihm etwas mitteilen, es sei aber zu gefährlich, das schriftlich zu tun.«
»Jemand wollte Mr. Mendel zum Schweigen bringen, bevor er den Mund aufmachen konnte, und deshalb hat man Sie wegen Mordes eingebuchtet. Ist es das, was Sie mir sagen wollen ?«
»Ja. Ein Mord genügt einfach nicht – man braucht auch den Mörder
dazu.«
»Ich verstehe. Das haben Sie wirklich schön gesagt«, sagte Arne und
gestattete sich ein säuerliches Lächeln. »Wenn Sie mir die Frage erlauben: Haben
Sie sich das für uns zurechtgelegt, damit uns nicht so langweilig ist ?«
Was für ein billiger Trick, dachte Trave bei sich, doch der gewünschte
Effekt stellte sich ein. Im Gerichtssaal wurde hie und da gekichert, Swain
hingegen lief puterrot an vor Wut.
»Nun, Mr. Swain«, fuhr Arne fort.
»Betrachten wir Ihre Schilderung des Tathergangs, und schauen wir mal, ob das,
was Sie sagen, irgendeinen Sinn ergibt. Vielleicht finden wir ja heraus, wer denn
nun in Wahrheit der Mörder war.«
Swain kaute auf seiner Lippe, schloss und
öffnete dabei abwechselnd seine Hände, die er auf dem Zeugenstand abgelegt
hatte.
Ganz offensichtlich war er nicht imstande, seine Gefühle zu
kontrollieren: Wut und Angst standen ihm mehr als deutlich ins Gesicht
geschrieben. Wenig Hilfe kam auch von den Heizungsrohren – die leisteten nämlich
ganze Arbeit bei ihrem Versuch, die gar nicht zur Jahreszeit passenden
Temperaturen auszugleichen.
Schweißtropfen bildeten sich am Haaransatz und
auf der Stirn des Angeklagten, und unwillkürlich hob er die Hände und rieb sich
die Augen, um für einen Moment dem gnadenlosen Deckenlicht zu entgehen, das den
fensterlosen Gerichtssaal erleuchtete. »Sie geben also zu, dass Sie den Großteil
des vergangenen Jahres ein Verhältnis mit Katya Osman hatten ?«, fragte Arne in
sachlichem Ton.
»Aber natürlich. Sie war meine Freundin«, antwortete Swain,
der immer noch versuchte, seine Fassung wiederzuerlangen. »Bis dann Mr. Mendel
auftauchte.«
»Ja.«
»Und daraufhin haben Sie die Kontrolle verloren
?«
Swain senkte den Blick und verweigerte dem Staatsanwalt so die
Antwort.
»Stimmt das etwa nicht ?«
Swain nickte. »Das alles hat mich
verletzt. Jeder hätte sich mies
gefühlt.«
»Na, da haben wir’s ja wieder,
Mr. Swain: alle und jeder. Aber wir
reden hier nicht über jeden. Wir reden
über Sie.«
»In Ordnung. Ich. Ich habe mich mies gefühlt. So richtig mies.
Ist es das, was Sie wollen ?«
Arne lächelte und antwortete nicht. Es war
dasselbe dürre,
humorlose Lächeln wie vorhin, und Trave bemerkte, wie Swains
Hän de zu zittern begannen.
»Und Sie fühlten sich so mies, dass Sie an
Miss Osman schrieben,
um ihr zu drohen, Sie würden sie und Mr. Mendel
umbringen,
oder etwa nicht, Mr. Swain?«, fragte Arne nach einer kurzen
Pause.
»Nicht einen Brief. Nicht zwei Briefe. Viele Briefe. Und jeder
brutaler als der vorige. Sie erinnern sich doch an die Briefe, nicht wahr?
Miss Osman war so freundlich, sie uns vorgestern vorzulesen.« Der Angeklagte
starrte auf den Boden und vermied es, dem
Staatsanwalt in die Augen zu
sehen.
»Nein ? Sie erinnern sich nicht ? Nun, dann erlauben Sie mir, Ihrem
Gedächtnis anhand einiger Beispiele auf die Sprünge zu helfen. 14. März: ›Ich
werde Dir zeigen, was Schmerzen sind. Du hast keine Ahnung, was das Wort
bedeutet.‹ 8. April: ›Wenn ich Dich nicht haben kann, soll das auch niemand
sonst können. ‹ Und
dann hier, undatiert, aber von Miss Osman am 29.
erhalten: › Das Letzte, was Du auf dieser Welt sehen wirst, werden die leeren
toten
Augen dieses belgischen Dreckskerls sein. ‹ Nicht wirklich zweideutig,
diese Drohungen, nicht wahr, Mr. Swain ?«, fragte Arne und musterte Swain über
die goldgefassten, halbmondförmigen Gläser seiner Lesebrille.
Es war eine meisterhafte Vorstellung. Arne hatte ein Dokument nach dem
anderen von dem Stapel vor sich genommen und dem
Anschein nach wie zufällig
daraus vorgelesen, aber Trave war sich ziemlich sicher, dass der Staatsanwalt
sich die Zitate vorher sorgfältig zurechtgelegt hatte. Er war bekannt für seine
Gründlichkeit, seinen Sinn fürs Detail.
»Hätten Sie denn am Ende auch Miss Osman getötet, wenn Sie dazu
Gelegenheit gehabt hätten ?«, fragte er, da Swain schwieg.
»Denn das ist es
doch, was Sie ihr in diesen Briefen zu verstehen geben.«
»Nein, natürlich
nicht«, erwiderte Swain barsch.
»Nun, da bin ich aber beruhigt. Sie waren
schon zuvor an Mr. Osmans Bootshaus gewesen ?«
»Ja, Katya und ich trafen uns
immer dort.«
»Weil es ein abgeschiedener, verlassener Ort ist, von dem Sie
wussten, dass niemand Sie stören würde ?«
»Genau.«
»Der Onkel von Miss
Osman hatte keinerlei Sachen dort?« »Nein.«
»Und Sie konnten dorthin, ohne
das Haupttor zu benutzen ?« »Ja, man steigt über den Zaun, und dann ist da ein
Fußweg um
den See herum. Es war nicht abgeschlossen.«
»Alles in allem
also der ideale Ort für Ihre Liebschaft mit Miss Osman ?«
»Ganz
genau.«
»Und als sie dann diese Liebschaft beendete, war es für Sie
sonnenklar, dass sie auch Ihren Nachfolger, Mr. Mendel, dort treffen würde
?«
»Nein. Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, sagte Swain und verknotete sich
dabei fast die Zunge.
»Kommen Sie, Mr. Swain, natürlich wissen Sie das. Sie
haben gehört, was Miss Osman gesagt hat – sie hat Sie zwischen den Bäumen
gesehen. Aber das war nicht das einzige Mal, oder? Sie sind sogar bis ans
Fenster herangekommen und haben den beiden zugeschaut. Haben sie zusammen
daliegen gesehen, an der Stelle,
wo wenige Monate zuvor noch Sie mit ihr
zusammen waren. Die zwei lagen da, wo Sie mit ihr gelegen hatten. Taten, was Sie
getan hatten. Wie hat sich das angefühlt, Mr. Swain ? Sagen Sie uns, wie sich
das angefühlt hat.«
»Nein, nein, nein !«, rief der Angeklagte. »Nein, ich
habe es nicht getan. Ich schwöre !« Er schrie die Worte in Arnes Gesicht, doch
der Staatsanwalt antwortete nicht. Das musste er nicht. Er wusste genau, was die
Geschworenen glauben würden.
Ein brillantes Kreuzverhör legt er da hin,
dachte Trave. Arne konnte nicht beweisen, dass Swain beobachtet hatte, wie Katya
Osman und Ethan Mendel auf dem Boden des Bootshauses zum Tier mit den zwei
Rücken wurden, aber das musste er auch nicht. Die unkontrollierte Reaktion des
Angeklagten auf diese Anschuldigung war völlig ausreichend. Das Bild war viel zu
stark, als dass man es hätte ignorieren können. Es genügte, um einen Mann dazu
zu bringen, einen Mord zu begehen.
»Sie haben die beiden gesehen, und etwas
in Ihnen ist zerbrochen, nicht wahr ? Sie beschlossen, Mr. Mendel umzubringen.
Das war die einzige Möglichkeit, den Schmerz zu stillen, nicht wahr
?«
»Nein.«
»Aber dann ging er weg. Das muss hart für Sie gewesen sein, Mr.
Swain – Sie mussten warten.«
Der Angeklagte antwortete nicht, und Arne fuhr
erbarmungslos fort: »Und plötzlich, mir nichts dir nichts, kam er wieder und
bat Sie, ihn an genau demselben Platz zu treffen, an dem er Sie so verletzt
hatte …«
»Ja. Ich verstehe nicht, warum er das tat«, unterbrach Swain laut
und deutlich.
»Ich auch nicht. Ich bin nicht Mr. Mendel. Aber Sie ließen ja
offenbar auch nicht zu, dass er es Ihnen erklärte. Schließlich bot er Ihnen die
Gelegenheit, die Sie suchten. Nur das war Ihnen wichtig.
Die Gelegenheit,
Ihre Rechnung mit ihm zu begleichen. Genau da, wo Sie betrogen wurden. Da, wo
der Himmel Ihnen zur Hölle geworden war. Mit einem Messer im Rücken. Das muss
für Sie eine süße Rache gewesen sein.«
»Nein, das stimmt nicht. Ich habe ihn
nicht getötet. Ich schwöre es.«
»Ich kann Sie nicht hören, Mr. Swain. Sie
müssen lauter sprechen.«
In der Tat war es nicht einfach zu verstehen, was
Swain sagte. Er beugte sich weit über den Zeugenstand, und seine Worte kamen nur
keuchend heraus. Er wirkte wie ein wildes Tier, angeschossen von einem
erfahrenen Jäger, dachte Trave. Ein bisschen würde er noch durchhalten, aber
über kurz oder lang war er erledigt. »Ich habe Ethan nicht ermordet«, sagte er
und sah den Staatsan walt mit geröteten Augen an. »Jemand anders hat das getan.«
»Und zwar fast genau zu dem Zeitpunkt, an dem Sie bei ihm
waren ? Exakt dann
trat nämlich der Tod ein. Sie haben doch die Aussage des Arztes hier vor Gericht
gehört. Oder sind Sie anderer Meinung ?«
»Nein, natürlich nicht.«
»Ich bin
froh, das zu hören. Lassen Sie mich also noch mal klarstellen: Sie stehen neben
der Leiche des Mannes, der soeben ermordet wurde; des Mannes, dem Sie wiederholt
den Tod angedroht haben. Und doch sind nicht Sie der Mörder. Bleiben Sie bei
Ihrer Aussage ?«
»Ja.«
»Aber wenn Sie nicht der Mörder sind, warum rannten
Sie dann weg, als Mr. Claes Sie aufforderte, stehenzubleiben ?«
»Weil ich
genau wusste, wie das aussehen würde. Und weil er eine Waffe hatte.«
»Nein.
Sie hielten an, als Mr. Claes die Waffe abfeuerte. Weggerannt sind Sie, weil Sie
sich schuldig fühlten. Weil man Sie auf
frischer Tat ertappt hatte. Das ist
doch die Wahrheit, Mr. Swain,
oder etwa nicht ? Sie sind schuldig im Sinne
der Anklage.« Arne setzte sich, ohne Swains Antwort abzuwarten. Er hatte das
Notwendige getan. Und die Geschworenen brauchten dann auch nicht lange, um
am nächsten Tag zu ihrem Urteil zu gelangen.
Trave erinnerte sich noch lange
danach an den Ausgang der Verhandlung. Daran, wie Swain in sich zusammengesackt
war; wie er
halb gestützt, halb getragen werden musste, als es von der
Anklagebank die Treppen hinunter zu den Zellen ging, wo seine lebenslängliche
Haftstrafe begann; an die Stille im Gerichtssal, nachdem er fort war.
»Gute
Arbeit, Mr. Trave«, sagte Arne, als er Trave später auf der Treppe des
Gerichtsgebäudes die Hand schüttelte. »Der Junge
kann von Glück sagen, dass
er nicht baumelt. Hätte er geschossen, würde das noch mal anders aussehen.«
Trave nickte nachdenklich und wünschte sich, Arnes Überzeugung teilen zu können.
Allen Indizien zum Trotz nagte etwas an ihm, ein leiser Zweifel, den sonst
niemand mit ihm teilte. Polizeiarbeit ist doch so gut wie immer eine einsame und
erbärmliche Angelegenheit, dachte er, als er die Straße zum Parkplatz überquerte
und seinen Kragen hochschlug, um sich vor dem eisigen Wind zu schützen.
Simon Tolkien, geboren 1959 in Oxford, nach seinem Jura-Studium arbeitete er sowohl als Strafverteidiger als auch als Staatsanwalt. 2002...