Die Ereignisse eines einzigen Tages in Rom, reich wie eine Lebensreise
Rom, Anfang Dezember: Sie sieht ihn, den Unbekannten, abends, im Dämmer der Kirche Aracoeli. Und verliert ihn später, im Gedränge der Stadt, aus den Augen. Doch wird sie fortan nach ihm suchen, denn er hat auf fast magische Weise ihr Interesse erregt.
Einen Tag lang streift C., die Heldin dieses Romans, durch die Gassen und Plätze der Ewigen Stadt: Belustigt und berauscht, lebenssüchtig und nachdenklich. Menschen, Farben und Geräusche treiben vorbei; Alltagsdramen, Anblicke des Elends und Glücksmomente sammeln sich zu einem Kaleidoskop. So lernt C. einen blinden Obdachlosen kennen, den sie, nach einigen skurrilen Szenen mit den römischen Carabinieri, zu einem alten Kloster begleitet - eine Tour, die mit einer erotischen Eskapade endet. Ein einziger Tag, reich wie eine Lebensreise. C., die eigentlich einen Roman schreiben will, erlebt hier den Roman ihres Lebens. Eine Odyssee, auf der Tod und Sexualität, Kunst und Gewalt, Sehnsucht und Einsamkeit dicht beieinanderliegen. Zum Schluß wird sie ihn noch einmal sehen, eine entscheidende Sekunde lang.
»Das überzeugt mich: In energischer, bildkräftiger Sprache geschrieben, die sich hochschraubt aus dem Straßenstaub über die Wolken und wieder zurück.«
Brigitte Kronauer
Für das Buch Der Nachtblaue hat Elisabeth Binder den Förderpreis zum Fellbacher Mörike-Preis 2004 erhalten.
Ebenfalls von Elisabeth Binder bei Klett-Cotta:
Sommergeschichte
Zum Buch über "Autor/in".
»Ein nachtblauer Seitenwechsel
Vor wenigen Jahren hat Elisabeth Binder (48) Literatur noch kritisch begutachtet. Nun tritt sie erstmals mit einem eigenen belletristischen Text an die Öffentlichkeit.
Bräunlich rotes Riegelwerk ziert die ehemalige Trotte. Tritt man durch die Haustür, so steht man unvermittelt in einem hohen Raum, der für Küche, Esstisch und Schreibpult gleichermassen grosszügig Platz bietet. Nabokov-Bände auf dem Schreibtisch verweisen auf literarische Neigungen. Stiche von Piranesi zeugen von einem Faible für «la bella italia». In diesen vier Wänden wohnt Elisabeth Binder, hier hat sie ihren ersten Roman, «Der Nachtblatie», zu Papier gebracht.
«Eigentlich habe ich schon früh zu schreiben begonnen», erinnert sich die Autorin. Bereits in der Gymi-Zeit und später während des Studiums der Germanistik und Kunstgeschichte habe sie regelmässig Geschichten und Gedichte verfasst. Mit dem Tod ihres Ehemanns Wolfgang Binder, Professor für deutsche Literatur an der Uni Zürich, erfuhr ihre Beschäftigung mit dem Beschriebenen Wort 1986 aber einen abrupten Unterbruch. Erst zu Beginn der Neunzigerjahre kam Binder als Buchrezensentin der NZZ wieder intensiv in Kontakt mit literarischen Texten. Vor nunmehr sechs Jahren hat sie sich für den Beruf der freien Schriftstellerin entschieden; nicht etwa, weil sie unbedingt auch zu den Produzenten belletristischer Texte habe gehören wollen: «Ich muss niemandem etwas beweisen.» Die Kritikertätigkeit habe ihre schriftstellerischen Neigungen nicht erzeugt, sondern nur neu geweckt.
Zum Schreiben braucht Binder die Einsamkeit ihres ländlichen Wohnorts Unterstammheim. Nur ungern verzichtet sie auf den täglichen Waldspaziergang. Besonders fasziniert zeigt sie sich von der Ambivalenz der Natur: «Ein simples Blatt zum Beispiel ist einerseits etwas sehr Zufälliges, anderseits aber auch klar gestaltet. » Doch abgesehen von solch fibonaccischen Betrachtungen: «Bei diesen Spaziergängen kommen mir immer die kühnsten Einfalle. »
Einen Ausgleich zum monastischen, ganz der Dichtung geweihten Autorendasein verdankt Binder ihrer Italienbegeisterung. Besonders der Trubel der Ewigen Stadt hat es ihr angetan. Hier tankt sie - ganz nach klassisch-bewährtem Vorbild von Goethe, Herder, Seume oder Moritz - Sonne und Leben. Rom bildet denn auch die Kulisse für den «Nachtblauen». Der Roman handelt vom urbanen Streifzug der Protagonistin C., von ihren diversen Begegnungen während eines einzigen Tages. Immer wieder kreuzt auch eine geheimnisvoll nachtschattenhafte Gestalt C.s Wege: der Nachtblaue, eine Figur, in der die beiden Motivstränge Erotik und Tod verfliessen. «Das Buch ist gewissermassen die Apotheose eines Tages», erklärt die Autorin. Ein Sinnestaumel durch die Gassen und über die Plätze Roms.
Vier Jahre hat Binder an ihrem Text gefeilt. Noch bevor der Roman vollendet war, kam die Einigung mit dem Verlag zu Stande. «Als Brigitte Kronauer in Hamburg mit dem Hubert-Fichte-Preis ausgezeichnet wurde, habe ich die Laudatio gehalten», sagt Binder. Bei dieser Gelegenheit sei sie mit dem Lektor ins Gespräch gekommen. «Am Schluss habe ich unter Hochdruck geschrieben. Das war ganz gut so. Sonst wäre der Text wohl ebenso Fragment geblieben wie mein erster Roman.»
Wie geht eine ehemalige Rezensentin mit Kritik um? Immerhin eine delikate Situation, plötzlich auf die andere Seite zu wechseln und womöglich zum Abschuss freigegeben zu werden. «Natürlich würde es mich treffen, wenn einer mein Buch zerrisse und ich den Eindruck hätte, er habe es nicht begriffen», bekennt die Schriftstellerin. Doch sie hoffe, diesbezüglich nicht allzu anfällig zu sein, weder für negative noch für positive Kritik.«
Urs Schwarz (Tages-Anzeiger, 07.02.2000)
Leseprobe
Sie sah auf das Gebrodel um einen der Wasserfälle, diesen empfindlichen Hexenkessel, schäumenden Aufruhr, und wie das Beckenwasser, derart getroffen, aufzuckte, mit gischtigen Wasserwerfern aus der Tiefe gegenfeuerte gegen das Trommelfeuer von oben, aufzuckte, aufzischte, und, blasig gepeitscht, sich wegkräuselte, wegkringelte und befriedigt vor sich hinblubbernd verflachte und verebbte. Und noch ganz draußen, ganz am Rand, wo das Brunnenbecken sich zur Oberfläche hochdrängte, so daß nur ein dünner Film noch den Stein deckte, kraulte es sich im animierten Nachspiel und huschte in einem Netzwerk zitternder Lichtbilder über den türkis gestrichenen Grund.
Und wieder sah C. die Meeresweite vor sich, von der sie sich kaum hatte trennen können. Bis zur Dämmerung hatte sie, zusammen mit einem still lesenden Paar, auf der sonst gänzlich verlassenen Terrasse eines Straßencafés gesessen, das sachte Schürfen und Schleifen der Brandung unter sich.
Gegen Abend aber war mit der sinkenden Sonne das Blau immer sprechender geworden, zusammen mit dem glühenderen Sand, als stiege der Geist des Meeres erst jetzt aus der Tiefe, wo er geruht hatte, zur Oberfläche hoch und ein kleines Stück an das ihm angetraute Land, Festland - das unerheblicher wurde vor von Augenblick zu Augenblick, angesichts der Meeresbläue, der nachdunkelnden, wegdämmernden ...
C. richtete sich auf, nahm den Fuß vom Geländer - und machte sich gerade noch rechtzeitig aus dem Schußfeld einer Kamera, womöglich hätte sie sonst für eine halbe Ewigkeit neben einer watschligen Amerikanerin auf einem Erinnerungsbild, höchst unerwünschterweise in die Staaten verschleppt, figuriert.
An einer anderen Ecke des Brunnens posierten, mit weißen Sonnenhütchen, zwei Japanerinnen.