Die toten Frauen von Juárez

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Für die Wahrheit ist es nie zu spät!

Ciudad Juárez, Mexiko, an der Grenze zu Texas. Zahlreiche Frauen verschwinden. Einheimische sagen, es seien mindestens 5000. Nur etwa 400 von ihnen wurden bislang gefunden - vergewaltigt und getötet. Sam Hawken verbindet die wahre Geschichte um die toten Frauen mit der Story von Kelly Courter, einem gescheiterten Boxer, der alles daransetzt, die Wahrheit herauszufinden ...   

Viele, die etwas auf dem Kerbholz haben, flüchten nach Ciudad Juárez: auch Kelly Courter, Boxer aus den Vereinigten Staaten. Sein Geld verdient er mit fragwürdigen Boxkämpfen oder dem Verkauf von Drogen. Estéban, der Bruder seiner Freundin Paloma, versorgt ihn regelmäßig mit Stoff. Bald greift er selbst zur Nadel, driftet ab in die Welt des Rausches und bemerkt nicht einmal, dass Paloma spurlos verschwindet. Als kurz darauf ihre misshandelte Leiche gefunden wird, trifft ihn die harte Realität wie ein Schlag. Er wird verhaftet, gedemütigt und für ein Geständnis halb totgeprügelt. Erst als Rafael Sevilla, ein befreundeter mexikanischer Polizist, sich des Falls annimmt, kommt Licht in das dunkle Geheimnis der Frauenmorde von Ciudad Juárez.

- Spannend von der ersten bis zur letzten Seite
- Nominiert für den »New Blood Dagger«
- Für alle LeserInnen von David Peace, Roger Smith und Don Winslow

Inhaltsverzeichnis



Leseprobe
Erster Teil

Bolillo

e i n s

»Boxen, das heißt verrauchte Sporthallen und Nieren, die geschlagen werden, bis sie bluten«, hat Roger Kahn geschrieben, aber in Mexiko blutete alles im Ring. Von den Schmerzen ganz zu schweigen.

Als Kelly Courter noch in den Staaten gekämpft hatte, war er im Weltergewicht angetreten, doch jetzt kämpfte er nicht mehr in den USA, und er war schwerer geworden. Ganz gleich, wie viel er schwitzte und hungerte, aus der Mittelgewichtsklasse kam er nicht mehr heraus. Dem Zuschauer, der die Kohle hinblätterte, war das egal. Unter Druck hätte er vermutlich von »fairen« Kämpfen gesprochen, aber in Wahrheit handelte es sich um reine Prügeleien ohne Gewichtsklassen oder Regeln, abgesehen vom Geld, das den Besitzer wechselte.

Der mexikanische Junge war schlanker und kräftiger als Kelly, aber genau darum ging es ja: Kelly sollte bloß der Punchingball des anderen Boxers sein. Die Mexikaner sahen gern zu, wie La Raza einen Weißen fertigmachte. Und wenn der Weiße obendrein aus Texas kam, wie Kelly, umso besser.

Sie umkreisten einander. Kellys Blut besudelte die Zeltplane, er hatte eine Platzwunde über dem rechten Auge und seine Nase tropfte. Vidal, der Cutman in Kellys Ecke, hielt nicht besonders viel von Adrenalin, und Druck allein stoppte die Blutung nicht. Aber die Menge wollte den bolillo sowieso bluten sehen.

Kelly ließ die Fäuste fliegen, um den Jungen auf Distanz zu halten. Er landete einen Treffer, aber seine Schläge hatten nicht genügend Wucht, dass sich der Ausgang des Kampfes hätte ändern können. Seine Schultern brannten, ein Wadenkrampf kündigte sich an. Zu Beginn des Kampfes war er herumgetänzelt, aber inzwischen schlurfte er nur noch.

Sie schlugen abwechselnd aufeinander ein. Kelly bekam die gerade Rechte des Jungen auf den Wangenknochen; als sein Kopf nach hinten geschleudert wurde, hörte er die Halswirbel knacksen. Er traf seinen Gegner in die Rippen, doch die anschließende Linke ging ins Leere. Und dann rückten sie wieder voneinander ab und umkreisten einander. Wenn es Kelly gelang, den Kampf in der Mitte des Rings zu halten, könnte er sich vielleicht sechs Runden auf den Füßen halten.

Der Gong ertönte. Die Menge war zufrieden. Unter den Ringscheinwerfern schwebte dicht und grau wie ein Schleier eine Schicht Tabakrauch.
Vidal wischte das Blut von Kellys Gesicht und drückte ein eisgekühltes Tuch auf die größte Wunde. In der anderen Ecke redete der Trainer dem Mexikaner gut zu und versorgte ihn, wie es sich eigentlich gehörte, mit kalten Kompressen und Adrenalinhydrochlorid. Kelly stand kein Trainer zur Seite, denn so wichtig war er nicht, er war nur das Opfer. Vidal hatte einen zehnjährigen Jungen dabei, der sich um den Eimer kümmerte und Kellys Mundschutz kühlte. Kelly bezahlte beiden zehn Mäuse pro Runde.
»Kannst du was wegen meiner Nase machen?«, fragte er Vidal, als der Mundschutz draußen war. »Ich kann nicht richtig atmen.«
»Dann lass dir eben nicht mehr ins Gesicht schlagen«, antwortete Vidal, schob Kelly aber ein saugstarkes Wattestäbchen in das linke Nasenloch und tupfte noch einmal das Blut ab. »Hier, zieh das hoch.«
Kelly schniefte, der Geruch von Alkohol und Blut breitete sich in seinen Stirnhöhlen aus. Ihm wurde übel. Der Junge hielt den Plastikeimer hoch. Aber Kelly spuckte nur hinein, statt sich zu übergeben.
»Schaffst du es?«, fragte Vidal.
»In welcher Runde sind wir?«
»Du kannst dich jetzt jederzeit fallen oder zu Boden schlagen lassen.«
»Er kann mich zu Boden schlagen.«
»Dann bist du dumm.«
Der Gong ertönte. Vidal riss das Wattestäbchen grob aus Kellys Nase, doch sie fing nicht wieder an zu bluten.
Der Kampf war keine große Sache: An die vierzig Männer standen um den Ring herum, der Raum war eng. Alle hatten etwas zu trinken und rauchten jede Menge Zigarren. Alte mexikanische Gesichter, Runzeln, Doppelkinne, dunkle Augen, die im Schatten eines Kampfes noch dunkler wurden, sodass ein Kämpfer, der über die Seile hinausschaute, nur dutzende tote, regungslose Löcher erblickte.

»Délo a la madre!«
Gib ihn der Mutter.
Frei übersetzt hieß das: Tritt ihn in den Arsch. Der mexikanische Junge stürzte sich sofort auf Kelly, sein erster Schlag traf ihn brutal. Vielleicht war Kelly abgelenkt, vielleicht auch langsamer, als er geglaubt hatte, jedenfalls ging der Hieb zwischen seinen Händen hindurch und traf ihn mitten auf die Stirn. Der Treffer hätte ihn nicht so erschüttern sollen, doch er tat es.

Kelly wich einen Schritt zurück. Ein linker Haken erwischte ihn kalt, die rechte Kombination an den Oberkörper schüttelte ihm die Eingeweide durch. Er hielt die Hände hoch, aber nicht dorthin, wo sie sein sollten, daher schlug ihn der Junge links-rechts, links-rechts, und er ging zu Boden, während die alten Männer beim Anblick des Blutes johlten.

In den Staaten hätte der Ringrichter eingegriffen, als Kellys Kopf auf dem Boden aufprallte, aber dies waren nicht die Staaten. Kellys Nase blutete wieder wie ein Sturzbach. Der mexikanische Junge stand über ihm. Ein weiterer Schlag kam von oben herab und löschte bei ihm alle Lichter aus. Erst dann ertönte der Gong. Der Ringrichter hob die Hand des mexikanischen Jungen hoch, und Kelly Courter wurde für jeden im Raum unsichtbar.

zwei

Möglicherweise gab es eine Garderobe in der Arena, aber nicht für bolillos. Für Kelly und Vidal hatte man einen Winkel im hinteren Teil der Herrentoilette reserviert. Während betrunkene viejos ein und aus gingen und regen Gebrauch von der Pissrinne machten, half Vidal Kelly, das Klebeband von den Fäusten zu lösen und sich umzuziehen. Er säuberte Kellys Gesicht so gut er konnte, aber er war Cutman und kein Arzt.

Feuchtigkeit ließ die grüne und weiße Farbe von den Wänden abblättern. Die Männer lachten und beleidigten Kelly auf Spanisch, weil sie glaubten, dass er sie nicht verstehe, doch er verstand sie sehr gut. »Sein Gesicht sieht aus wie ein Teller frijoles refritos«, sagte einer der alten Männer. Kelly hätte darauf etwas erwidern können, sah sich jedoch im Spiegel und wusste, dass sie so falsch nicht lagen; der mexikanische Junge hatte ihm die Fresse poliert.

Vidal drückte mit den Daumen von beiden Seiten auf Kellys Nase, bis der Knorpel knirschte. Ein stechender Schmerz bohrte sich in Kellys Stirn, und nochmals, als Vidal Klebeband über den Nasenrücken zog, damit alles an Ort und Stelle blieb. Kelly würde eine ganze Weile mit zwei Veilchen herumlaufen.

Ortíz kam herein. Der Raum stank nach Urin und Scheiße. Kein Hauch frischer Luft in diesen vier Wänden. Ortíz sah aus, als würde er sich in so einer Klitsche nicht einmal die Hände waschen, selbst wenn das Becken funktioniert hätte. Er holte ein Bündel amerikanischer Banknoten aus der Jackentasche und zählte zweihundert Dollar ab.

»Was hältst du von Federico?«, fragte er.

Kelly gab Vidal zwei Zwanziger. Der alte Mann steckte das Geld ein und packte zusammen. »Ich finde, er schlägt hart zu«, sagte Kelly.
»Oh ja«, stimmte Ortíz zu. »Ohne Handschuhe könnte er einen töten.«
»Dann kann ich ja von Glück sagen, dass er welche anhatte.«
Draußen vor der Toilette drehte die Menge wieder auf. Kellys Kampf war nicht der einzige, der auf der Tagesordnung stand, doch die anderen Kämpfe trugen die Bohnenfresser unter sich aus. Jetzt, da die Zuschauer Blut gewittert hatten, würden die Wettgeschäfte wie geschmiert laufen.
»Soll ich dir ein Taxi rufen lassen?«, fragte Ortíz.
»Ich will kein Geld zum Fenster rauswerfen.«
»He, das geht auf mich, Kelly.«
Vidal war schon zur Tür hinaus. Kelly stand auf. Seine Reisetasche und das Jackett befanden sich in einer Kabine mit kaputter Toilettenschüssel. Ortíz’ Geld verschwand in Kellys Tasche. »Du hast mich schon bezahlt. Und ich bin kein Scheißkrüppel«, sagte Kelly. »Ich find allein raus.«
»He, amigo«, sagte Ortíz, »nächsten Monat hab ich vielleicht was für dich, wenn deine Knochen bis dahin wieder heil sind. Soll ich dir Bescheid geben?«
In einem Monat würden die Platzwunden verheilt, die Blutergüsse abgeschwollen sein. Und das Geld wäre verschwunden. Die einzige unveränderliche Konstante war die Nachfrage nach Gringoblut.
»Ja, okay«, sagte Kelly und ging.

Es war heiß und noch hell auf der Straße. Kelly hätte gleich ins Bett gehen können. Die Leute, die nichts mit den Kämpfen zu tun hatten – zu anständig, um Interesse aufzubringen oder zu gebildet, um es zuzugeben –, verstanden nicht, was ein Kämpfer im Ring alles gab. Jeder Schweißtropfen hatte seinen Preis, genau wie jeder Schlag, den man austeilte oder einsteckte. Kelly war erschöpft, er hatte alles gegeben.

Er ließ die Boxer-Absteige hinter sich. Alte Autos standen auf beiden Straßenseiten dicht an dicht an den bröckelnden Bordsteinen. Neben dem Eingang klebten reihenweise Plakate für die Kämpfe. Kelly konnte die Zuschauer noch hier draußen brüllen hören.

Er besaß kein Auto, weder alt noch neu. Vor fünf Jahren war er mit einem schiefergrauen Buick von El Paso hierhergefahren und hatte ihn für hundert Mäuse und etwas mexikanischen Stoff verkauft. Da war Kelly schon so kaputt gewesen, dass ihm der culero nur die Hälfte des vereinbarten Preises bezahlt und er es erst bemerkt hatte, als es zu spät gewesen war. Und darum ging er jetzt zu Fuß, die Tasche auf dem Rücken, und hielt das geschwollene Gesicht gesenkt.

Zwei Häuserblocks weiter blieb er stehen und beschloss, etwas von seinem Geld auszugeben. Eine kleine Bar, aus deren Musikbox norteño schallte, lockte Kelly hinein. Er trank sechs Flaschen Tecate, das linderte die Schmerzen ein wenig. Der Alkohol brannte auf einer Wunde in seinem Mund. Er war der einzige weiße Mann in der Bar, alle anderen waren Bohnenfresser, die mit ihren bloßen Händen in der Sonne oder mit Maschinen in den maquiladoras arbeiteten. Sie beachteten Kelly gar nicht, was ihm nur recht war.

»Oye«, fragte Kelly den Barkeeper. »Weißt du, wo ich etwas motivosa finden kann? Entiende?«
Der Barkeeper wies ihm den Weg mit dem Finger. Die Bar war lang und schmal, Ketten von Weihnachtslichtern mit großen Glühbirnen bildeten den größten Teil der schummerigen Beleuchtung. Plakate für die corridas, die Stierkämpfe, hingen an den Wänden, zusammen mit Bildern und Nummernschildern und allem, was man an einem Nagel aufhängen konnte. Nischen mit hohen Rückenlehnen erstreckten sich bis zu den baños.
Kelly sah in jede Nische, bis jemand seinen Blicken nicht auswich. Er stellte zuerst die Tasche ab und setzte sich dann daneben. »Motivosa«, sagte er zu der Frau.
»Wie viel suchst du?«, fragte die Frau. Sie war dick und trug keinen BH, dafür aber ein unvorteilhaftes rosa Oberteil, das zu viel Arm und Halsansatz zeigte.
Kelly legte zwei von Ortíz’ Zwanzigern auf den Tisch. »So viel.«
Die Frau nahm Kellys Geld und steckte es in die Bluse. Dann zauberte sie ein flaches Plastiktütchen Gras unter dem Tisch hervor. Kelly steckte es weg. »Du bist der weiße Mann, den sie gern in el boxeo verprügeln, hm?«, fragte die Frau.
»Und wenn?«, fragte Kelly.
»Wenn du das nächste Mal hier bist, komm zu mir.«
»Wozu?«
Die Frau lächelte. Sie hatte ebenmäßige weiße Zähne. Kelly begriff, dass sie unecht waren. »Ich mag boxeadores«, sagte sie. »Wenn du das nächste Mal herkommst, verwöhne ich dich ein bisschen zur Entspannung.«
Kelly stand auf. »Dafür habe ich das Gras.«

Kelly Courter war kein gutaussehender Mann. Er hatte schon hässlichere gesehen, innerhalb wie außerhalb der Kämpferszene, aber ein Model war er nicht gerade, was ihn allerdings nicht weiter störte. Kellys Nase hatte einen Höcker und stand etwas schief. Auch ohne Veilchen sah er immer müde aus, weil er sich immer müde fühlte; sein Körper war älter als er selbst.

Mit dreißig kam er sich wie ein Großvater vor, wenn er morgens aus dem Bett stieg – nichts als Schmerzen, ächzende Gelenke, verkrampfte Muskeln –, und am Tag nach einem Kampf fühlte er sich noch schwächer. Er war zu dick, und die Haare fielen ihm aus, daher rasierte er sich einmal im Monat Gesicht und Kopf und ließ ansonsten alles wachsen.

Er lebte in einem Apartmenthaus zehn Minuten vom Grenzübergang nach Texas entfernt. Nur wenige Meilen, eine Polizeisperre und ein meistens ausgetrocknetes Flussbett trennten Ciudad Juárez von El Paso. Wenn er mit geschlossenen Augen in Juárez auf einer Straße stand, nur den spanischen Worten und dem Verkehrslärm lauschte und den Abgasgestank roch, konnte er sich leicht vorstellen, dass es sich um die gleiche Stadt handelte, aber Kelly ging nie in den Norden.

Ein Balkon aus Beton gehörte zu seinem Apartment. Dort hatte Kelly einen schweren Sandsack hängen, benutzte ihn aber so gut wie nie. Für Ortíz’ Kundschaft musste er nicht in Form sein oder seine Fähigkeiten verbessern, er musste nur mit dem mehr oder weniger richtigen Gewicht erscheinen und sich zusammenschlagen lassen. Das schaffte er. Das war ihm geblieben.

Er verstaute seine Sachen im Schlafzimmer und ging, da es windstill war, auf den Balkon, um sich eine Tüte zu drehen. Dort saß er, mit einem gesprungenen Teller als Aschenbecher, in einem alten Klappliegestuhl und hatte eine wunderbare Aussicht auf eine maquiladora, die Autositze für GM herstellte. Tag und Nacht kamen die Sitze vom Fließband und wurden für den Rücktransport über die Grenze in Lkw-Container verladen. Die Löhne begannen bei einem Dollar pro Stunde und hörten auf, ehe die Marke von drei überschritten wurde.

Mexikanisches Gras, das man abseits der Touristenbezirke kaufte, war immer besser als das, was man auf der anderen Seite bekam. Ein paar Kanadier hatten Kelly einmal gesagt, dass ihr Marihuana erste Klasse wäre, doch das glaubte er nicht. Ob man es nun malva, chora oder nalga de angel nannte, in Mexiko bauten sie das beste Dope an; wenn Kelly acostarse con rosemaria ging, mit Rosemaria ins Bett, dann so, wie es südlich der Grenze üblich war.

Das Marihuana wirkte wohltuend. Er spürte nicht einmal mehr den Herzschlag in der Nase. Kelly kickte die Schuhe weg und ruhte die bloßen Füße auf dem Beton aus. Die Autositzmaquiladora war beleuchtet wie ein Paradewagen in Disney World.

Früher hatte sich Kelly einmal auf härteren Stoff eingelassen und Bekanntschaft mit der Nadel gemacht. Dabei war er geblieben, bis er nicht mehr klar denken konnte und vier Wochen schwitzend, kotzend und schlotternd in einem Krankenhaus in Juárez gelegen hatte. Als er wieder draußen und restlos pleite war, schwor er sich, dass er den Dreck sein ganzes Leben lang nie wieder anrühren würde, und daran hielt er sich. Jetzt beschränkte er sich auf mota.

Das Gras machte ihn schläfrig, doch Kelly war diszipliniert; er rauchte den Joint zu Ende, ehe er ins Bett ging. Er warf sich auf die Matratze, ohne sich auszuziehen, zog die Decke über die Brust und schlief ein.

drei

Über Nacht schwoll sein Gesicht an, und die Nase sah noch windschiefer aus als sonst. Kelly richtete sie, so gut er konnte, unter der lauwarmen Dusche und ließ frisches Blut den Ablauf hinabrinnen. Er verschlang ein Monsterfrühstück, um die verlorenen Kalorien wettzumachen. Die Schiebetür zum Balkon stand offen, er hörte die Sirene der Frühschicht. Auf die arbeitende Bevölkerung von Juárez warteten Arbeitsplätze und Geschäftigkeit, aber Kelly Courter hatte jetzt frei.

Er zog die Turnschuhe an, schloss ab und ging hinaus. Er sah keine Menschenseele, alle waren bei der Arbeit. Die einzigen Leute in Ciudad Juárez, die arbeitslos waren, waren die ganz alten und die ganz jungen, und manchmal arbeiteten auch sie, wenn sich Geld verdienen ließ.

Weiter südlich waren die Menschen ärmer und die Lebensbedingungen dementsprechend schlechter. Juárez ging es ein wenig besser, da es hier seit 1964 die maquiladoras gab: Fabriken, die einfach alles herstellten, von Handtaschen bis hin zu Maschinenteilen, überwiegend für amerikanische Firmen. Kelly benutzte, wie die meisten Kämpfer auf der mexikanischen Seite, Boxausrüstung von Reyes, und auch die wurde voll und ganz in den maquiladoras hergestellt.

Die Löhne in den Fabriken grenzten ans Sittenwidrige, und die Lebenshaltungskosten lagen in einer Stadt wie Juárez höher als im Landesinneren. Deshalb hatte auch Ciudad Juárez seine Elendsviertel und Drecklöcher in Form der colonias populares, doch die maquiladoras verhinderten, dass sie sich allzu sehr ausbreiteten. Die Luft war verschmutzt, die Stadt übervölkert. Natürlich gab es Verbrechen und Tod – heute mehr denn je –, doch es gab auch Parks und Schulen und asphaltierte Straßen. Dennoch verloren viele maquiladoras Kunden oder verlegten die Produktion nach China, da nicht einmal mexikanische Waren mehr billig genug für Supermarktketten wie Wal-Mart waren.

Er hatte sich in Ciudad Juárez niedergelassen, weil es nicht sein Zuhause war, ihn aber hinreichend daran erinnerte, und teils auch, weil es sich einfach so ergeben hatte. Es war eine Zeit, in der sich alles veränderte, da die blutrünstigen traficantes ihre Geschäfte immer weiter nach Norden und Osten ausdehnten.

Er ging eine Meile, es wurden zwei. Er schwitzte, zog das Jackett aus und band die Ärmel um die Taille. Sein Gesicht war durch Mütze und Sonnenbrille verborgen, doch wer ihn genauer betrachtete, sah die Prügel, die er eingesteckt hatte.

Kelly ging zu Fuß bis El Centro und ließ die Busse zugunsten der Beinarbeit links liegen, obwohl sie in regelmäßigen Abständen an ihm vorbeirasten und ihn in ihre heißen Abgaswolken hüllten. Kelly hatte seit dem Verkauf des Buick nicht mehr am Lenkrad eines Fahrzeugs gesessen. Autofahren war sowieso für den Arsch, besonders wenn so dichter Verkehr die Straßen verstopfte, dass er einfach Häuserblock für Häuserblock an den Wagen und Bussen vorbeigehen konnte, die dermaßen in der Sonne brieten, dass den Insassen der Schweiß in Strömen herunterlief. Zu Fuß war er beweglicher. Zu Fuß war er frei. Er wollte weder gefangen sein noch auf dem Präsentierteller sitzen, und Fußgänger schienen für alle Motorisierten unsichtbar zu sein.

Sein Ziel war der El Club Kentucky. Er lief quer über die Straße und handelte sich dadurch wildes Hupen und Fluchen ein. Unter dem grünen Baldachin der Bar war es kühler, im Inneren sogar noch erträglicher. Schwere Holzbalken trugen die hohe Decke. Ein paar Kronleuchter mit gelblichen, Kerzen nachempfundenen Glühbirnen baumelten herab, doch für den größten Teil der Beleuchtung sorgten die Lichter der Straße.

Um diese Zeit, mitten unter der Woche, herrschte kaum Betrieb. Kelly setzte sich auf einen Hocker an der Bar aus nachgedunkeltem Eichenholz, die sich bis in den hinteren Teil erstreckte. Im Fernseher lief fútbol, doch der Bildschirm befand sich direkt über Kellys Kopf; selbst wenn er gewollt hätte, hätte er das Spiel nicht verfolgen können.

Das Kentucky war fast hundert Jahre alt, aber in gutem Zustand, da es an Kundschaft und Geld nicht mangelte. Es hieß, dass Bob Dylan schon hier getrunken hätte und Marilyn Monroe auch. Das Interieur der Bar war so alt wie das Gebäude selbst: groß, wuchtig, Holz und Glas und altersgraue Spiegel. Der Barkeeper war ein alter Mann mit Schürze. Er brachte Kelly eine Flasche Tecate und eine kleine Schale Limettenschnitze.

»Dónde está Estéban?«, fragte Kelly den Barkeeper.
»Quién sabe?«, antwortete der Barkeeper.
Kelly gönnte sich einen Schluck Bier und einen Limettenschnitz und wartete. Wäre es später im Jahr gewesen, hätte er sich nach Eintrittskarten für Stierkämpfe erkundigt, billige Plätze gekauft und an betrunkene turis­ tas weiterverscherbelt, die nicht wussten, dass sie einfach reinspazieren und für weniger Geld bessere Plätze bekommen konnten.

Estéban kreuzte erst eine Stunde und zwei Bier später auf. Er ging an Kelly vorbei, ohne ihn zu sehen, doch als Kelly seinen Namen rief, drehte er sich um, als wäre er nicht im Geringsten überrascht. »He, carnal. Que onda?«, fragte Estéban. »Wo bist du gewesen, Mann?«

Er setzte sich auf einen Hocker. Er war leichter und kleiner als Kelly, seine Haut freilich von Natur aus und durch die Zeit in Strafgefangenentrupps auf der amerikanischen Seite tiefbraun gebrannt. Er trug eine Sonnenbrille, nahm sie hier drin jedoch ab. Kelly behielt seine auf.

»Hier und da«, sagte Kelly. »Ich hab nach dir gesucht.«

»He, ich bin nicht schwer zu finden. Was ist mit deinem Gesicht passiert? Warst du wieder in el boxeo? Wann lernst du es endlich, Mann?«
»Vermutlich nie«, sagte Kelly. »Was trinkst du?«
»Hast heute die Spendierhosen an, hm? Ich nehme eine cerveza, wenn du bezahlst.«
Kelly bestellte ein Tecate für Estéban und noch eins für sich. Der Barkeeper brachte frische Limetten.
»Es ist dieser puto Ortíz«, beklagte sich Estéban bei Kelly. »Die Leute, die er kennt … mit dieser Welt solltest du nichts zu tun haben.«
»Ich will nur boxen«, sagte Kelly. Er wünschte sich, Estéban würde nicht darüber reden. »Ich will nicht mit dem Kerl ficken.«
»Wen er fickt, den fickst du«, entgegnete Estéban.
»Das ist vollkommen sinnloses Geschwätz.«
»Für dich vielleicht.«
Sie tranken. »Hast du sonst noch was zu erledigen?«, fragte Kelly schließlich.
Estéban legte die Hand aufs Herz. »Was denkst du, Mann? Glaubst du, nur weil ich ein paar Tage im Urlaub war, hätte ich dich vergessen? Ich bin kein Arschloch; ich weiß, was Loyalität heißt.«
»Ich hab den Kampf nur angenommen, weil ich dich nicht finden konnte. Die Miete bezahlt sich nicht von selbst«, sagte Kelly.
»Ich war eine Weile unten in Mazatlán, meiner Cousine bei den Hochzeitsvorbereitungen helfen. Paloma und ich. Du beleidigst mich, Mann.«
Kelly trank sein Bier aus. »Ich will nicht streiten, ich will nur Arbeit.«
»Solche Arbeit, wie Ortíz sie dir gibt?«
»Lass den aus dem Spiel.«
»He, schon gut«, sagte Estéban. Er klopfte Kelly auf die Schulter. »Hör mal, ich bin wieder in der Stadt und habe jede Menge für dich. Eigentlich wollte ich dich heute sogar anrufen und fragen, ob du ein bisschen Zeug für mich transportieren kannst.«
»Was für Zeug?
»Das übliche Zeug. Geh mir nicht auf den Sack, okay?«
Kelly bestellte noch ein Bier beim Barkeeper. Er legte etwas Geld auf den Tresen, das der alte Mann verschwinden ließ. Eine frische, vom Kondenswasser der Kühltruhe überzogene Flasche Tecate wurde gebracht. »Okay«, wandte er sich an Estéban. »Sag mir, wann und wo.«

vier

Nicht nur billige Fabrikware überquerte die Grenze von Ciudad Juárez in die Staaten. Zu viele Lastwagen und zu viele Menschen bedeuteten auch zu viele mögliche Verstecke für Drogen. Die Polizei gab sich größte Mühe, die Schmuggler zu fassen, aber es war ein aussichtsloser Kampf. Schlimmer: Es war Routine. Mittlerweile brachten die hartgesottenen traficantes, die in Städten wie Mexico City das Sagen hatten, ihre Kämpfe und ihre Waffen bis nach Arizona, New Mexico und Texas.

Estébans Produkt war Gras, aber von Zeit zu Zeit vertickte er auch ein wenig gumersinda. Er wusste, dass Kelly von den harten Drogen weg war, daher musste sich, wenn eine Lieferung Rohheroin kam, einer seiner einheimischen Kuriere darum kümmern. Auf diese Weise zollte Estéban Kelly seinen Respekt, und darum kamen sie so gut miteinander aus. Und natürlich wegen Paloma.

Kelly hatte eine Reyes-Sporttasche bei sich, Boxausrüstung oben, ein Kilo Gras darunter. Als Mexikaner wäre er nie an den Grenzpolizisten mit ihren Drogenspürhunden vorbeigekommen, aber einen Gringo würdigte hier kein Bulle eines zweiten Blickes. Vielleicht nicht einmal eines ersten, wenn er so durch den Fleischwolf gedreht worden war wie Kelly am Abend zuvor.

Er fuhr mit dem Bus nach Norden und ging den Rest des Weges zu Fuß in ein Viertel, das so nahe an der Grenze lag, dass er die Lichter von El Paso klar und deutlich erkennen konnte. In dieser Gegend war jede Nacht Party angesagt, da weiße junge Männer, der Touristenabschaum, durch die Striplokale und legalen Bordelle zogen und sich dabei immer mehr betranken, bis sie ohne einen Cent zurück über die Brücke torkelten, weil man ihnen Geldbörsen und Taschen leergeräumt hatte.

Die Leute hier kannten Kelly; jedenfalls gut genug, dass sie ihn durchließen und nicht versuchten, ihm falsche kubanische Zigarren, Blumen, Spanische Fliegen und alles mögliche andere Zeug zu verkaufen. Während der Rest von Ciudad Juárez sich fürs Abendessen und Zubettgehen bereitmachte, ging in diesem Viertel die Post ab. Hier glich die Stadt allen anderen turista-Jahrmärkten entlang der Grenze, und darum kam Kelly auch nur her, wenn er dafür bezahlt wurde.

Der Treff hieß La Posada del Indio, das Gasthaus zum Indianer. Ein großer beleuchteter Neonindianer mit Federschmuck, wie man ihn südlich der Grenze nie zu Gesicht bekam, bewachte den Eingang. Das Innere hatte kaum Ähnlichkeit mit einem Gasthaus oder einer Bar: eine winzige Bühne, auf der ein Mädchen tanzte, ein kompakter Tresen, hinter dem zwei Männer als Barkeeper und Zuhälter Dienst schoben, plus ein Dutzend Tische, um die ununterbrochen Mädchen ihre Kreise zogen.

Kelly bestellte an der Bar eine überteuerte cerveza. Er zog keines der Mädchen an – entweder seines Aussehens wegen oder weil sie wussten, was Sache war. Im La Posada del Indio ließen sich gut Geschäfte machen, und die Männer, die des Geldes und nicht der Mösen wegen herkamen, hatten eine bestimmte Ausstrahlung.

»Usted está buscando el hombre gordo?«, fragte der Barkeeper Kelly. »Woher weißt du das?«, fragte Kelly.
»Er hat gewartet. Du bist hier.«
Kelly zuckte die Achseln, aber künftig musste sich Estéban einen neuen Platz für die Übergabe suchen; sie kannten Kelly hier zu gut. »Und wo ist er?«
»Er musste lange warten. Hat sich ein Mädchen genommen.«
Kelly sah sich nach einem dicken Mann um. Mitte der Woche hatten die meisten Kunden unter dem Neonlicht braune Mexikanergesichter und drahtige Arbeiterkörper. Zum Wochenende hin wurde die Hautfarbe heller, die Männer wurden feister. Und es wechselte mehr Bargeld den Besitzer.
»Willst du dir den Schwanz lutschen lassen?«, fragte der Barkeeper. »Wir haben ein neues Mädchen hier. Die stört dein Gesicht nicht.«
»Nein, danke«, sagte Kelly. Unbewusst berührte er das Pflaster auf der Nase. Obwohl er eine Handvoll Aspirin genommen hatte, pochte sein Gesicht noch im Takt des Herzschlags. »Welches Zimmer hat der dicke Mann genommen?«
Der Barkeeper sagte es ihm. Kelly trank das Bier leer und ging zur Tür hinaus. Durch eine schmale Gasse gelangte er zur nächsten Straße, wo ein baufälliges Mietshaus mit rostigen Balkongeländern aus Gusseisen in der Dunkelheit aufragte. Frauen und Mädchen gingen die Betonstufen rauf und runter und führten Männer ins Haus oder brachten sie hinaus.
Kelly beachtete die Frauen so wenig wie sie ihn. In der Bar boten sie sich aufreizend den Männern an, aber hier ging es nur noch ums Geschäft. Er begab sich in den zweiten Stock und klopfte an die letzte Tür. Kein Laut drang aus dem Inneren, bis eine gedrungene, füllige Prostituierte die Tür öffnete und Kelly den Lärm einer Quizsendung im Fernsehen vernahm.
Die Frau war oben ohne und sah mit ihrem kantigen Gesicht fast indianisch aus. Sie lächelte Kelly nicht an. »Was willst du?«, fragte sie.
»Er will zu mir, Süße.«
Kelly sah den dicken Mann auf einem kleinen Bett in dem Zimmer. Im Licht des Fernsehers wirkte er teigig und blau. Er lag mit den Hosen um die Knöchel da, ein dicker Wulst Fett verbarg weitgehend seinen Schwanz.
Als Kelly eintrat, zog er die Hose hoch. Der Mann trug ein halb zugeknöpftes Texas-State-Hemd, darunter ein verschwitztes weißes T-Shirt. Alles an ihm sah groß und schwabbelig aus, einschließlich seiner Hände. Die Frau zog ihre Bluse an.
»Soll ich wiederkommen, wenn du fertig bist?«, fragte Kelly den dicken Mann.
»Nee.«
Der dicke Mann bezahlte die Frau. Sie stritten sich über den Preis, weil er nicht zum Schuss gekommen war. Kelly stand in der Ecke des kleinen Zimmers und sah ins Bad, es war zu klein für eine Badewanne und enthielt nur eine Dusche, in der es von Kakerlaken wimmelte. Ein dicker, brauner Teppich aus Schaben hatte sich in der Mitte um den Abfluss gebildet. »Willst du mir auch nur die Hälfte bezahlen?«, fragte Kelly den dicken Mann.
»Hast du das ganze Kilo?«
»Klar.«
»Dann will ich mich nicht beschweren. Zeig her.«
Sie ließen den Fernseher laufen und machten kein Licht. Im flackernden Schein der Glotze holte Kelly das in vier Plastiktüten eingeschweißte motivosa heraus. Er legte die Päckchen auf das Bett. Der dicke Mann kramte eine Rolle Hunderter aus der Tasche und zählte zwanzig davon ab. Dann zog er das Texas-State-Hemd aus.
»Soll ich das Mädchen wieder reinrufen?«, fragte Kelly.
»Sehr witzig«, antwortete der dicke Mann. Er zog das T-Shirt aus. Sein Oberkörper war unbehaart und sah aus, als würde er schmelzen; dicke Wülste blassen Fleisches hingen an ihm herab. Er hatte größere Brüste als manche Stripperin.
Kelly nahm die zwei Riesen und zählte nach. Er steckte sie in die Brusttasche, zog den Reißverschluss der Tasche zu und wollte gehen. Das war der peinliche Teil, manche Käufer wollten gern plaudern, andere wollten so schnell wie möglich weg. Kelly bevorzugte Letztere. »Du steckst es doch nicht in einen Gürtel, oder?«, fragte er. »Darauf achten sie.«
»Nee«, sagte der dicke Mann. Er nahm ein Päckchen Gras in eine Hand, mit der anderen hob er einen seiner Speckwülste. Kelly stellte sich Moschusgeruch vor. »Ich hab meine eigene sichere Stelle.«
Der dicke Mann verstaute das gesamte Gras und zog die Hemden wieder an. Kelly sah keinen Unterschied.
»War mir ein Vergnügen«, sagte Kelly schließlich. »Ich muss los.«
»Wir sehen uns beim nächsten Mal«, sagte der dicke Mann. »Ich bin Frank.«
»Viel Glück, Frank«, sagte Kelly und ging hinaus.

Die Chance, dass er Frank wiedersehen würde, war gering. Jeder Weiße, der davon träumte, bei einem Abstecher über die Grenze schnelle Kohle zu verdienen, musste versuchen, ein bisschen motivosa zu schmuggeln, und die Chancen standen gut, aber wenn der erste Schwung verkauft war und es Zeit für einen neuen Ausflug wurde, bekamen die meisten Muffensausen. Würden sie es schaffen? Konnten sie es schaffen? Was, wenn sie es nicht schafften? Und damit war es vorbei; Beschaffen war schwerer als Verticken.
Schlaue Dealer und Käufer benutzten Kuriere, um das Risiko zu verteilen. Alle, die selbst rüberkamen, so wie Frank, waren Amateure. Doch solange das Geld stimmte, beschwerte Estéban sich nicht.

Kelly fuhr mit dem Taxi nach Hause, denn es war spät und er hatte Geld in der Tasche. Die Fahrt kostete nur fünf Mäuse.
In dieser Gegend gingen die Leute früh ins Bett und standen vor Sonnenaufgang auf. Durchzechte Nächte waren etwas für Gringos und verkrachte Existenzen. Hier arbeiteten die Menschen für ihren Lebensunterhalt, und sie arbeiteten hart, um nicht in den aus Pappe, Wellblech und Plastik erbauten provisorischen Vororten der Stadt zu enden.
Er schaltete das Außenlicht an, eine nackte Glühbirne ohne Schirm, und wartete drinnen. In dem kleinen Kühlschrank hatte er Bier, das er trank, bis sich seine Beine schwer und entspannt anfühlten.
Paloma klopfte nach Mitternacht. Kelly ließ sie herein.
Sie war vielleicht keine Schönheit, verkörperte jedoch alles, was Kelly schätzte. Sie besaß breite Hüften und einen üppigen Körper, den die dummen Männer im Norden dick genannt hätten. Kelly mochte ihr kurzes Haar und die braune Haut. Er mochte ihren Geruch.
»Hi«, sagte Kelly.
»Dinero«, antwortete Paloma.
Kelly gab ihr das Geld. »Du schuldest mir zusätzlich was für die Taxifahrt.«
»Bezahl dein Taxi selbst«, sagte Paloma. Sie zählte das Geld. Sie trug enge Jeans, die zweitausend Dollar verschwanden in der vorderen Hosentasche. Das Geld für Kelly holte sie aus dem Geldbeutel, den sie danach in die Gesäßtasche stopfte, wie ein Mann.
Kelly bekam doch etwas zusätzlich für das Taxi. »Danke«, sagte er. »Ich fahre nachts nicht gern Bus.«
»Taxen sind Beschiss«, sagte Paloma. »Hast du noch ein Bier?«
»Bedien dich.«
Kelly saß an dem einen Ende einer wackeligen Bettcouch, Paloma nahm am anderen Platz. Sie tranken und betrachteten einander eine Weile. Kelly spürte ihre Blicke auf den Blutergüssen.
»Du siehst beschissen aus, Kelly.«
»Ich muss Geld verdienen. Du und Estéban wart nicht in der Stadt.«
Paloma nickte. Sie trank Bier wie ihr Bruder: ohne mit der Wimper zu zucken direkt aus der Flasche. Kelly hatte nie gesehen, dass sie eine Spritze anfasste oder auch nur einen Joint rauchte. Auch das mochte er an ihr. »Unsere Cousine Ines hat geheiratet.«
»Estéban hat davon erzählt. Wie war es?«
»Besser als dein Wochenende.«
Kelly lachte. Paloma lächelte. Sie hatte Grübchen und außerordentlich weiße Zähne.
Sie blieben eine Weile sitzen, Paloma erzählte ihm von der Hochzeit. Mazatlán lag an der Pazifikküste, wo es das ganze Jahr über schön war. Kelly hatte dort einmal Klippenspringer gesehen und bei einem einwöchigen Besuch so viel Obst gegessen, dass er sich wie ein Amok laufender Gesundheitsapostel vorgekommen war. Im Vergleich zu Ciudad Juárez war es winzig, aber die Luft war sauberer, die Straßen nicht so übervölkert. Kelly hätte es dort aushalten können, aber Mazatlán war ein Rückzugsort, kein Wohnort.
Paloma erzählte von einem Treuegelöbnis im Schatten eines weißen Zelts am Strand, mit Blick auf den alten Leuchtturm. Gefolgt von Tanz, Essen und Trinken, Familienstreits und peinlicher Betrunkenheit. »Ich hätte dich eingeladen«, versicherte Paloma, »aber Estéban sagte, du würdest nicht mitkommen wollen.«
»Nicht mein Ding«, log Kelly.
»Nächstes Mal«, sagte Paloma.
»Auf jeden Fall.«
Das Bier war irgendwann zu Ende, genau wie die Hochzeitsgeschichten. Paloma stand auf, machte das Licht aus und kam zu Kelly auf die Couch. Im Dunkeln schob er ihr die Bluse hoch. Paloma hatte zierliche Brüste; wenn Kelly den Mund darauf presste, spürte er mit der Zunge die kleinen Edelstahlringe in den Brustwarzen. Sie hatte noch andere Piercings – in der Zunge und im Bauchnabel. Der bestickte Stoff ihres grünen Halstuchs schmiegte sich an ihn, als sie sich küssten.
Kellys Körper schmerzte, aber Paloma war vorsichtig. Sie übernahm die ganze Arbeit, führte ihn ein und gab das Tempo vor. Kelly liebte ihren keuchenden Atem im Ohr, der immer schneller ging, und ihr Haar in seinem Gesicht. Er legte die Hände an ihre Hüften und grub seine Finger ins Fleisch.
»Ich bin gleich so weit«, sagte Kelly.
Paloma stieg von Kelly herunter und kniete sich zwischen seine Beine. Ihr Griff war fest, entschlossen, ihr Mund sengend heiß. Er spürte ihr Zungenpiercing. Als er kam, schluckte sie. Danach blieben sie auf der Couch liegen, der trocknende Schweiß kühlte sie ab.
Zum ersten Mal in dieser Nacht berührte Paloma Kellys Gesicht; behutsam. »Wann hörst du endlich mit den Kämpfen auf?«, fragte sie ihn.
»Wenn sie mir nichts mehr dafür bezahlen.«
»Mir gefällt es nicht, wenn deine Nase gebrochen ist. Wie willst du mir da die Muschi lecken?«
Kelly lächelte in der Dunkelheit. »Wer sagt, dass ich das will?«
Paloma schlug ihm auf die Schulter, aber nicht sehr fest. »Das solltest du aber besser, cabrón!«
»Ich weiß. Wenn ich wieder fit bin, besorge ich es dir eine Stunde lang.«
»Wenn du länger als zehn Minuten brauchst, machst du es nicht richtig«, sagte Paloma und lachte. »Vielleicht ist das das Problem.«
»Ach, fick dich.«

Er war müde, der Alkohol wirkte. Seine Gedanken schweiften ab, und er schlief ein. Als er aufwachte, schien die Sonne zum Fenster herein, und er war allein. Sie hatte eine Decke von der Taille abwärts über ihn gelegt.

Kelly duschte und nahm ein Frühstück aus Bier und Eiern zu sich. Paloma hatte keine Nachricht hinterlassen, aber das machte sie nie. Später würde er sie anrufen, vielleicht den Bus nehmen und sie am Nachmittag mit comida corrida überraschen. Mexikaner aßen spät, genau wie Kelly. Bis dahin ging er spazieren.

Am Ende der langen Häuserzeile stand ein Telefonmast, etwa zur Hälfte rosa gestrichen. Schwarze Kreuze aus Isolierband befanden sich daran; unter ihnen flatterte ein Wald von bunten Zetteln, sobald ein Lufthauch sich regte.

Kelly sah eine Frau, die gerade einen neuen Zettel befestigte. Bis er dort ankam, war sie schon wieder fort, doch er nahm sich die Zeit und las, was sie angebracht hatte. Er sah das fotokopierte Gesicht eines lächelnden Teenagers auf grünem Papier. Ihr Name war Rosalina Amelia Ernestina Flores. Sie schien zu jung, um zu arbeiten, doch das dachte nur der Norte­ americano in Kelly; so etwas wie zu jung, um zu arbeiten gab es in Mexiko nicht. Rosalina fertigte in einer maquiladora Blinker für eine deutsche Autofirma. Sie wurde seit zwei Wochen vermisst. Auf dem Zettel stand: Justicia para Rosalina!

Er hing über einer Unmenge weiterer Flugblätter, andere Mädchen, andere Gesichter. Zwei oder drei Schichten. Alle forderten justicia: Gerechtigkeit für Rosalina; Gerechtigkeit für Yessenia; Gerechtigkeit für Jovita. Es waren so viele, dass die Stadt einen eigenen Namen für sie hatte: las mu­ jeres muertas de Juárez. Die toten Frauen von Juárez; denn sie waren mit Sicherheit alle fort, und zwar für immer.

»Excúseme, señor. Usted ha visto a mi hija?«

Kelly wandte sich von Rosalina und ihren Schwestern ab. Er sah die Frau wieder vor sich. Sie trug eine Handvoll Fotokopien auf grünem Papier. Sie sah auf die irreführende Weise alt aus, wie es bei der arbeitenden, bettelarmen Bevölkerung von Juárez häufig der Fall war; vermutlich war sie aber erst um die vierzig.

»Usted ha visto a mi hija?«, wiederholte die Frau.
»No la he visto. Lo siento.«
Die Frau nickte, als hätte sie nichts anderes erwartet. Sie ging den Häuserblock entlang und blieb beim nächsten Telefonmast stehen. Dort würde der Zettel spätestens am Abend wieder abgerissen sein. Denn nur die Zettel an dem rosa gestrichenen Mast waren unantastbar.

»Sein Verdienst ist es, die Geschichte der Frauen von Juárez nicht bloß als pittoresken Hintergrund für einen reißerischen Stoff verwendet zu haben. Gleichzeitig ist ihm dabei ein extrem guter, spannend zu lesender Krimi gelungen.«
Jan Kanter, Literarische Welt, 30.06.2012

»Sam Hawken hat ein eindringliches Buch über zwei Eigenbrötler geschrieben, die ihr Dasein mehr schlecht als recht meistern, aber dennoch nie aufgehört haben, zu kämpfen. Gezeichnet vom Leben, haben sie den Glauben nicht verloren. Und dem Autor ist etwas Außergewöhnliches gelungen. Die Frauen mögen verschwunden sein. Aber vergessen sind sie nicht.«
Die Presse am Sonntag, 22.04.2012

»Das Buch ist nicht nur spannend bis zur letzten Seite und stilistisch gut erzählt. Es entwirft auch ein soziokulturelles Panorama Nordamerikas und seiner urbanen Peripherien, in denen Armut und Gewalt dominiert.«
Florian Schmid, Der Freitag, 15.05.2012

»Überzeugt Hawken in der ersten Hälfte durch intensive, atmosphärische Schilderungen von Juárez, so drückt er in der zweiten auf das für einen Thriller typische Tempo.«
Anett Frank, Der Tagesspiegel, 22.07.2012

»Die Geschichte über eine Stadt in Mexiko, in der Gewalt und Drogen regieren. Im Mittelpunkt steht ein Boxer. Mehr Testosteron geht nicht. Mehr Spannung auch nicht.«
Myself, Juli 2012

»Gelungen und lesenswert.«
Gerrit Bartels, Deutschlandradio Kultur, 18.07.2012

»Mit was für Worten lässt sich ein Roman eigentlich loben. Kraftvoll? Direkt? Prall? Fakt ist: Der gebürtige Texaner Sam Hawken hat mit "Die toten Frauen von Juarez" ein Debüt hingelegt, das mit einer Gewalt über den Leser hereinbricht, als rase da gerade ein Amtrak-Zug - vollbesetzt mit einer bunten Passagierschar und reichlich Alkohol im Bordbistro - durch das Land.«
Martin Münzberger, Wilhelmshavener Zeitung, 07.09.2012

»"Die Stad der toten Frauen" ist eine großartige Mischung aus knallharter Gangsterballade und düsterem Polit-Krimi.«
Stefan Sprang, Hessischer Rundfunk, 30.05.2012

»Hawkens Roman wirkt erschreckend authentisch. Hart, kantig und ungeschönt erzählt er vom Leben in einer der gefährlichsten Städte der Welt und von einer Mordserie, die außer den Hinterbliebenen niemanden zu interessieren scheint.«
Uwe Badouin, Oberhessische Presse, 13.04.2012
Tropen Roman
Aus dem Englischen von Joachim Körber (Orig.: The Dead Women of Juárez)
1. Aufl. 2012, 317 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50212-1
autor_portrait
Sam Hawken

Sam Hawken

Sam Hawken, 1970 in Texas geboren, lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in der Nähe von Washington D.C. Er studierte an der Universität von Maryland...



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