Generation A

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Das neue prophetische Werk des literarischen Weltstars Douglas Coupland

»Generation A« spielt in einer Welt ohne Bienen und ohne Liebe, in der die Pharmaindustrie und der Irrsinn herrschen. Douglas Coupland erzählt eine wundersame Geschichte über die große Einsamkeit im digitalen Zeitalter - und zugleich über die Möglichkeit einer neuen Gemeinschaft.

Die Bienen sind ausgestorben. Bis eines Tages an unterschiedlichen Orten der Welt fünf Menschen gestochen werden. Monatelang werden sie in Quarantäne gehalten und von Männern in schlecht sitzenden Anzügen verhört. Nach der Freilassung in eine internetgetriebene Welt erleben sie ihre fünfzehn Minuten Ruhm. Als ein dubioser Wissenschaftler sie überredet, ihm zu Testzwecken auf eine abgelegene Insel zu folgen, kommen sie einander überraschend näher. Mit souveränem Humor führt Douglas Coupland durch die Untiefen und Abgründe dieser bizarren Welt. Die der unseren verdammt ähnlich sieht ...

Leseprobe
Terrorisiere, bedrohe und beleidige deine eigene nutzlose Generation. Plötzlich steht man für eine neue Idee, und irgendwelche Leute wollen mitmachen. Aus dem Nichts ist man wer, alle reden über einen. Mach eine Geschichte draus, die man verkaufen kann.
Malcolm McLaren
Ihr Grünschnäbel wollt also, dass eure Generation einen Namen bekommt? Wohl kaum, ihr wollt bloß Jobs, oder? Tja, die Medien leisten uns allen einen unschätzbaren Dienst, wenn sie euch Generation X nennen. Nur zwei Klicks weiter ist das Alphabet schon zu Ende. Ich erkläre euch hiermit zur Generation A und stelle euch damit an den Anfang einer ebenso langen Reihe spektakulärer Errungenschaften und Reinfälle wie einst Adam und Eva.
Kurt Vonnegut bei seiner Rede vor Absolventen der Syracuse University, 8. Mai 1994
HARJ
TRINCOMALEE, SRI LANKA
Wie können wir leben und uns nicht über die Geschichten wundern, aus denen wir uns diese unsere Welt stricken? Ohne Geschichten ist unser Universum nichts als Steine, Wolken, Lava und Dunkelheit. Ein Dorf, das von warmen Wassern weggewaschen wurde, die keine Spur von dem zurückließen, was gewesen war.
Stell dir vor: ein tropischer Himmel, sechzehn Kilometer hoch und tausend Jahre weit am Horizont. Stell dir vor: Luft, die auf deiner Stirn wie Honig ist; stell dir Luft vor, die kälter aus deinen Lungen kommt, als du sie eingeatmet hast.
Stell dir vor: ein Rauschen draußen vor dem Fenster deines Bürogebäudes. Du trittst an die Jalousie, blickst hinaus und siehst den Gesamtbestand der dir vertrauten Welt in einem überraschend beruhigenden, stillen Wallen von grauem Schlamm an dir vorbeifließen: Palmwedel, den Jeep des hiesigen Fanta-Abfüllers, nicht angekettete Fahrräder, tote Hunde, Bierkästen, Krabbenfischerboote, Stacheldrahtzäune, Müll, Ingwerpflanzen, Öltanks, Mercedes-Tourbusse, Hähnchenlieferwagen Marke Eigenbau.
... Leichen
... Sperrholzplatten
... Delphine
... ein Tennisnetz
... Wäschekörbe
... ein Baby
... Baseballkappen
... noch mehr tote Hunde
... Wellblech
Stell dir vor, ein außerirdischer Besucher steht neben dir im Zimmer, während du diese Stelle liest. Was sagst du zu ihm - ist es ein Er, eine Sie, ein Es? Was einmal lebendig war, ist nun tot. Aber wer weiß, ob Aliens überhaupt zwischen Leben und Tod unterscheiden? Vielleicht erfahren sie etwas anderes, das genauso unerwartet ist wie das Leben. Aber was wäre das? Was würden sie zueinander sagen, um die unerklärlichen Risse im alltäglichen Leben zu übertünchen, von einem Tsunami ganz zu schweigen? Welchen Mythen oder Lügen schenken sie Glauben? Wie erzählen sie Geschichten?
Und nun schau wieder aus deinem Fenster - sieh dir an, was die Götter aus deinem Unbewussten in die Welt rausgekotzt haben, diesen warmen, schlammigen Strom voll toter Katzen, alter Frauen in durchweichten Saris, Propangasflaschen, einer toten Ziege, Fliegen, die unversehrt über dem ganzen Schlamassel dahinbrummen.
... Picknickkühltaschen
... Grassoden
... ein skandinavischer Päderast mit Sonnenbrand
... weiße Plastikgartenstühle
... in ihre Gewehrriemen verhedderte, ertrunkene Soldaten
Und was wirst du dann tun? Wirst du beten? Was anderes ist ein Gebet denn als der Wunsch, dass sich die Ereignisse in deinem Leben zu einer Geschichte verbinden - zu etwas, das Ereignissen, die dir bedeutsam sind, einen Sinn verleiht?
Und deswegen will ich nun beten.
ZACK
MAHASKA COUNTY, IOWA
Maisfelder sind wohl der größte Horror, den es auf dem ganzen Scheißantlitz dieser Erde zu sehen gibt. Und das meine ich nicht in einem Hier-wird-Joe-Pesci-mit-dem-Aluminiumbaseballschläger-totgeprügelt-Sinn, ich meine damit nicht Alien-Kornkreise und auch nicht zerstückelte Tramper. Ich meine es nicht mal in einem Abfallprodukte-von-Alien-Autopsien-werden-als-Kunstdünger-benutzt-Sinn. Nein, ich meine das in Hinsicht Big-Corn-Archer Daniels-Midland / Cargill / Monsanto-Fruktose / Isoglukose-Biomethanol. Mais ist ein gottverdammter Albtraum. Vor tausend Jahren war er bloß ein Grashalm mit einem einzigen lumpigen Samenkorn dran; heute ist er ein aufgeblähter, ellenlanger, buttriger Kohlenhydratdildo. Das muss man sich mal reintun: Maisstärkemoleküle sind anderthalb Kilometer lang. In den Siebzigern hat sich Big Corn ein paar neue Enzyme patentieren lassen, die diese Kilometer in eine Billion einzelner Fruktoseschnipsel zerhacken. Ein paar Jahre später sind diese frisch befreiten Fruktosemoleküle in die nationale Nahrungskette eingefallen. Zackbumm! Eine ganze Nation wird verfettet. Fakt ist, dass der menschliche Körper nicht dafür eingerichtet ist, Angriffen hochdosierter Fruktosesirupe zu widerstehen. Das Zeug gelangt in deinen Körper, und dein Körper sagt sich:
Hmmm ... wandle ich das jetzt in Scheiße um, oder mach ich daraus Wabbelspeck? Au ja, Wabbelspeck! Mais stellt den Scheiße-Schalter aus. Und wie reagiert die Stärkeindustrie darauf? Wie bitte - wir? Wir sollen mit schuld sein an der Fettsuchtepidemie? Ist doch absurd, Mann. Die Leute essen seit den Achtzigern einfach mehr zwischen den Mahlzeiten. Und jetzt sei still und trink schön deine Coke mit der neuen Formel.
Mann, Menschen sind die absolute Albtraumspezies. Wir verdienen wirklich alles, was wir uns selbst antun.
Aber wer zum Teufel lässt sich mitten in einem Maisfeld in Mahaska County, Iowa, auf einem Mähdrescher von einer Biene stechen? Ich Idiot. Herzlich willkommen in Oskaloosa übrigens, mit all den Sehenswürdigkeiten, die den Ort zu einem lohnenden Ausflugsziel machen. Hier gibt es für jeden etwas, angefangen beim historischen Marktplatz mit seinem Musikpavillon über das George Daily-Kulturzentrum, die preisgekrönte Stadtbücherei bis zur William-Penn-Universität und drei Golfplätzen.
Das meiste vom letzten Absatz hab ich im Internet geklaut. Was die Homepage der Stadt zu erwähnen vergaß, ist die Meth-Küche (»Labor« klingt so nach Cletus & Brandeen) meines Vaters, die vor ein paar Jahren von der DEA ausgehoben wurde. Dad und die Drogenfahndung sind nie gut miteinander ausgekommen.
Vor sechs Jahren klaute mein Vater mal völlig verstrahlt in einem Anfall von Paranoia den Büchereibus, dessen Überreste er dann im Sandbunker des vierzehnten Lochs auf dem berühmten Edmundson Park and Golf Course versenkte. In der irrigen Annahme, Überwachungstechnologie der DEA zu vernichten, zündete er den Wagen an und verlor daraufhin seine Augenbrauen, seinen Führerschein, seine Freiheit und sein Besuchsrecht bei meinen beiden Halbschwestern, die in Winnebago County leben.
Kaum raus aus dem Knast ging er gleich wieder an die Arbeit, und als seine Meth-Küche gebustet wurde, grillte eine herumfliegende Dose kochenden Toluols seinen Hinterkopf. Er verbrachte sechs Wochen im Gefängniskrankenhaus, bis er halbwegs wieder auf den Beinen war. Mein Onkel Jay, Rechtsanwalt und Händler für Emissionszertifikate in Palo Alto, konnte die Kaution überweisen und flog Dad zwecks Therapie seiner Zwangsstörung nach Kalifornien ein. Dad fing sich im Flugzeug an schlecht gereinigten Kopfhörern antibiotikaresistente Staphylokokken ein, die seine Brandwunden infizierten; bis zur Landung auf dem San Fransisco International war ungefähr ein Viertel seines Kopfs zerfressen. So begruben wir Dad, Onkel Jay verkaufte die Hälfte der Farm, und ich bekam dafür von ihm Maizie, den geilsten Mähdrescher der Welt.
Seit damals schickt Onkel Jay mir einen recht großzügigen Gehaltsscheck dafür, dass ich das Meth-Kochen sein lasse (und nicht den Weg meines Daddys gehe), eine relativ ruhige Kugel schiebe, während ich mich um die Felder kümmere und regelmäßig vor den Augen des unheimlichsten rumänischstämmigen Laborassistenten in ganz Iowa in einen Erlenmeyerkolben pisse ( nur für den Fall, dass ich die ersten beiden Bedingungen unserer Vereinbarung vergessen haben sollte). Der Urin wird an Ort und Stelle untersucht, um zu klären, ob ich nicht seit dem Dienstag davor irgendwem die Hand gegeben habe, der einen mit Mohn bestreuten Bagel gegessen hat. Es ist nicht direkt ein Vergnügen, wie ein gesperrter Olympionike behandelt zu werden, aber Onkel Jay macht Cleansein zur Bedingung dafür, dass ich Maizie behalten kann. Echt, jeder, den ich kenne - verdammt, die gesamte Nation - ist pausenlos auf Droge, dumm wie Dreck und hat lebensgefährliches Übergewicht. Normalerweise wär ich der perfekte Kandidat für alles drei gewesen, nur darf ich erstens keine Drogen nehmen, wenn ich meinen Scheck will, zweitens bin ich nicht komplett verblödet und doch zumindest flüchtig am Weltgeschehen interessiert, und drittens halte ich Mais für das Böse schlechthin. Versuch mal, in Mahaska County Reis- oder Sojaprodukte zu bekommen. Viel Vergnügen. Man sollte das gleich ins Online-Profil der Stadt aufnehmen: Oskaloosas Lebensmittelhändler bieten Ihnen eine Vielzahl von Produkten, die von ihren Herstellern unsichtbar mit einer großen Auswahl von Molekülen auf Maisbasis angereichert wurden. Sollte Ihr Kind vorhaben, Vegetarier zu werden oder sich einem anderen ernährungsbewussten Lebensstil zu verschreiben, werden unsere Lebensmittelläden und Mini-Marts an jeder Ecke solche fragwürdigen Teenagerwünsche zunichtemachen.
Okay, hier ist das, was ich bei der Geschichte mit der Hausdurchsuchung unterschlagen habe: Die DEA fand außerdem noch eine Kräckerdose im Retrodesign, in der sich die Zeigefinger zweier Toter befanden. Dad hatte sie benutzt, um einem schon lang lau-fenden Scheckbetrug Glaubwürdigkeit zu verleihen, aber es gab noch einen dritten Finger, den ich wenig später einer Computerwartungstechnikerin der DEA, einem Mädchen namens Carly verkaufte, das irgendeinen eigenen Schwindel laufen hatte. Im Tausch gegen den Finger gab sie mir einen Mörderblowjob und Zugriff auf die geostationären Echtzeitüberwachungssatelliten der DEA. Es hätte von meiner Seite durchaus was Längerfristiges mit Carly werden können, doch sie verlangte, dass ich mir meinen Pferdeschwanz abschneide und ihn Locks of Love spende. Und tschüss, Carly! Warum ich Zugang zu einer Echtzeitsatellitenkamera ha-ben wollte? Für meine Kunst natürlich.
An dem Tag also, an dem ich von dieser verdammten Biene gestochen wurde, war ich draußen mit Maizie, einem derart luxuriösen Mähdrescher, dass ein Kreuzfahrtschiff für Schwule daneben arm aussehen würde. Ich war nackt, und warum nicht! Die ergonomisch eingerichtete Fahrerkabine war voll klimatisiert; ihr aus einem Stück gefertigter Rahmen, Gummidichtungen und schallabsorbierende Materialien reduzierten den Geräuschpegel auf nahe null. Rundumverglasung ließ mich einen Besucher früh genug auf meine Farm kommen sehen, um mir schnell ein Paar Shorts überzuziehen.
Außerdem hörte ich gerade irgendeine angesagte Band aus Luxemburg, dem Vatikan, Liechtenstein oder von den Falklandinseln, jedenfalls einem dieser Länder, die so klein sind, dass ein nicht un-wesentlicher Teil ihres Bruttoinlandsprodukts durch den Verkauf von Briefmarken an Sammler und Einnahmen durch nanotrendige Indierockbands zustande kommt.
Ich hatte meine vier Plasmafernseher laufen, auf 1 die NFL , auf 2 irgend so eine durchgeknallte koreanische Gameshow, in der die Leute Tierkostüme trugen, um Preise zu gewinnen, die wie aufblasbare Plastikbuchstaben aussahen, auf 3 die Echtzeitansicht der DEA von meiner Farm und auf 4 eine Satellitenverbindung zu einem Freak namens Charles, der bei BBDO in Singapur arbeitet, wo er Werbeminuten für das Satellitenfernsehen einkauft. Charles zahlt mir hundert Dollar die Stunde dafür, mich nackt in meiner Fahrerkabine arbeiten sehen zu können. Hatte ich vergessen, das zu erwähnen? Willkommen in der New Economy. Wenn ich noch ein paar Extraeinnahmen damit machen kann, irgendeinen Schnuckel auf der anderen Erdhalbkugel aufzugeilen, wisst ihr was? Da bin ich dabei! Charles, mach deinen Reißverschluss auf. Hosen von Zegna , und das weiß ich, weil ich dein geheimes Online-Profil lese: lions-and-tigers-and-bears@labelwhore.org. Wie dem auch sei, der sexuelle Teil von Charles' Tagesprogramm schien erledigt zu sein, und wir beide unterhielten uns. Charles lästerte insbesondere über den Staat Iowa und nannte ihn den »Rechteckstaat«. Ich belehrte ihn sofort, dass genau genommen Colorado der rechteckige Staat ist. Charles meinte dazu: »Gut, die Gesamtform ist zwar recht-eckig, aber wenn du dir eine Karte mit den Countys von Colorado anguckst, sieht das aus wie ein Haufen Papierfetzen, die von Vorschulkindern aneinandergelegt worden sind, während Iowa in genau 113 sorgfältig ausgerichtete Rechtecke unterteilt ist.«
»Hör auf, dich über die räumliche Gliederung meines Staates lustig zu machen.«
»Wach mal auf, CornDog.«
Okay, vielleicht war ich an dem Tag drauf. (Seid ihr schon irgendwann einem rumänischstämmigen Laboranten begegnet, der nicht käuflich war?) Mein Grundsatz ist, mich nur anzuknallen, wenn das Wetter einen neuen Rekord aufstellt, und abgesehen davon heiß ich nicht CornDog, sondern Zack. Und ich hab kein ADS, ich bin bloß Zack. ADS ist ein Etikett, das mir meine Eltern drangeklatscht haben, um das Gesicht zu wahren, als ihnen klar wurde, dass ich kein Stephen Hawking bin.
Ich hör die Leute fragen: Wo ist denn Zacks Mutter? Ist Zack ein tapferer Waisenknabe? Nein, Zack hat einen gar nicht altersgemäßen Stiefvater in spe namens Kyle, der in einer Hütte in St. George, Utah, gemeinsam mit Zacks Mutter Jack-Russell-Terrier mit genetischen Defekten züchtet.
Charles blieb hartnäckig: »Was haben die sich bloß gedacht, CornDog, als sie deinen Staat unterteilt haben?«
Ich spielte am Zoom der DEA-Satellitenkamera, bis ich ganz Iowa auf dem Bildschirm hatte, und legte dann den Grenzverlauf der politischen Karte drüber. Charles hatte recht, Iowa ist der Rechteckstaat.
Viel wichtiger aber war, dass ich über diese Echtzeitkamera mein heutiges Meisterwerk im Auge behielt, einen vier Hektar großen Schwanz mit Eiern, den ich in den Mais mähte, um ihn als längst überfälliges Dankeschön an Gott zu schicken, weil er dafür gesorgt hatte, dass ich ausgerechnet in das kulturelle Äquivalent einer dieser Maschinen reingeboren wurde, mit der sie in Baumärkten die Farbe durchschütteln. Ich musste in diesem Jahr Onkel Jay nicht mit sonderlich hohen Ernteerträgen beeindrucken - das gesamte Getreide war mit einem Gen kontaminiert, an dem zwar keine Bienen (das war Geschichte), dafür aber Motten und Wespen eingingen. In einer ungewöhnlichen Anwandlung von Gemeinsinn hatte die Stärkeindustrie beschlossen, die Ernte zu vernichten. Ich war deswegen nicht übermäßig sauer - man musste auch die gute Seite sehen: Subventionen! Daher konnte ich diese Scheißstengel, obwohl die Quasten austrieben, ummähen, wie ich Lust und Laune hatte.
Der verhängnisvolle Augenblick kam, kurz nachdem mir Charles von einem Lap-Dance erzählt hatte, den er in der Vorwoche in einem Nachtklub mit Pre-op-Transen gewonnen hatte. Eins von Maizies Fenstern klapperte leicht, also rüttelte ich ein bisschen an den Scharnieren. Ich öffnete und schloss es ein paarmal und, zack-bumm , dabei wurde ich gestochen.

SAMANTHA
PALMERSTON NORTH, WANGANUI, NEUSEELAND
Also.
Als ich gestochen wurde, stand ich gerade auf einem Grashubbel neben einem blühenden Ramayana-Strauch, während ein kleiner Schwarm Lachtauben über mich hinwegsauste. Es war beinahe wie früher, als blühende Sträucher und Blumen noch eine Selbstverständlichkeit für uns waren. Dieser bewusste Flecken Gras befand sich an der Ecke Weber Fork Road und Route 52, so abgelegen, wie es auf dieser Insel nur sein kann - zweiunddreißig Kilometer von der Küste entfernt im hügeligen Osten der Provinz Wanganui.
Das war so: Ich hatte eine Scheibe faden Weißbrots aus der Tüte vom Bäcker genommen und auf ein kleines Fleckchen gelben Sands am Boden geklatscht. Ich stand da und wollte die Brotscheibe mit meinem Handy fotografieren. Was soll das denn? , höre ich euch fragen. Ausgezeichnete Frage. Ich machte ein »Erdsandwich«. Was ist denn ein Erdsandwich? Na schön. So nennt man es, wenn man per Online-Karte den vom eigenen Standort aus gesehen genau entgegen-gesetzten Ort auf der Erdkugel lokalisiert und dann jemanden dort in der Nähe kontaktet. Wenn man dann bis auf den Zentimeter genau die GPS-Koordinaten berechnet hat, legt man an die Stelle eine Scheibe Brot, schaltet sich über Handy zusammen und macht gleichzeitig die Fotos: zwei Brotscheiben mit einem Planeten dazwischen. Das ist so ein Internetding. Man macht das Sandwich, stellt es ins Netz, und vielleicht sieht es irgendwer irgendwo. Sobald das passiert, hat man ein Kunstwerk erschaffen. Bingo.
Der Mensch auf der anderen Seite der Erde war ein Mädchen, Simone Ferrero, das um zehn Uhr abends im Zentrum von Madrid an der Ecke Calle Gutenberg und Calle Poeta Esteban de Villegas stand - in Neuseeland war es also zehn Uhr morgens. Wir wussten voneinander nur, dass wir uns im Internet verabredet hatten, um zusammen ein Sandwich zu machen.
Das Blöde ist, dass es uns Neuseeländern schwerfällt, Mitspieler zu finden. Der Großteil der Landmasse unseres Planeten liegt oberhalb des Äquators und hat als möglichen Sandwichpartner bloß Meer. Die andere Seite des nordamerikanischen Sandwichs besteht zum Beispiel gänzlich aus dem Indischen Ozean. Honolulu bringt ein kleines Sandwich mit Simbabwe zustande, aber mehr Brote kriegen die Yankees, Mexikaner und Kanadier nicht geschmiert.
Tatsache ist, dass ich, selbst als ich das Foto machte und gestochen wurde, mit meinen Gedanken woanders war. Ich hatte an diesem Morgen einen komischen Anruf von meiner Mutter bekommen. Es war der einzige Tag in der Woche, an dem ich ausschlafen konnte, aber dummerweise hatte ich vergessen, mein Handy abzustellen. An den sechs übrigen Tagen der Woche stehe ich um fünf Uhr auf, weil ich um sechs im Fitnessstudio sein muss, wo ich als Trainerin arbeite, und an meinem einzigen freien Tag geh ich ans Telefon und ...
»Guten Morgen, Samantha.«
»Mum.«
»Hab ich dich geweckt? Es ist halb neun. Ich war sicher, du wärst schon auf.«
»Was ist denn los, Mum? Warte mal - ich dachte, ihr wärt in Urlaub.«
»Sind wir auch. Wir sind sechzig Fahrminuten außerhalb von Darwin in einem reizenden kleinen Ferienhaus und hatten zum Frühstück Schokoladenbrioches und Milch und - oh, tut mir leid, Kind, ich komme vom Thema ab.«
»Von welchem Thema?«
»Ich ... wir ... dein Vater und ich müssen dir etwas sagen.«
Auweia. Ich machte mich aufs Schlimmste gefasst, meine grauen Zellen schrien bereits nach Kaffee.
»Wir haben uns beraten und beschlossen, dass wir dir etwas sagen müssen.«
Krebs? Offenbarungseid? Doppeltes Auweia. »Was ist los?«
»Dein Vater und ich sind zu dem Schluss gekommen, dass wir an nichts mehr glauben.«
»Ihr seid was ?«
»Was ich gerade gesagt hab.«
»Mein Gott, Mum. Du rufst mich an einem Montagmorgen in aller Herrgottsfrühe an, um mir zu sagen, dass ihr an nichts mehr glaubt?«
»Genau.«
»Du meinst, an Gott und so? Oder Religion?«
»Beides.«
Ich ging in die Küche, um die Braun anzuschmeißen. Mein Sittich Timbo, das fröhliche Andenken an eine gescheiterte Beziehung, saß draußen auf einem Verandastuhl, krächzte unentwegt »die scheußlichste Toilette in Schottland« und wartete auf sein Frühstück. »Schön. Und warum erzählst du mir das?«
»Nun ja, weil ich glaube, dass du immer noch an Dinge glaubst.«
»Was meinst du damit, Dinge ?«
»Gott. Das Leben nach dem Tod. So was in der Art.«
» So was in der Art? « Mein lückenhaftes Glaubenssystem war zu dieser Stunde des Tages nicht verhandelbar, und mein Gehirn war schon damit überfordert, zu ergründen, worauf dieses Telefonat hinauslief.
Ich öffnete das Fenster und warf Timbo einen Pfeilwurzkeks zu. »Und? Woran hast du denn geglaubt, bevor du aufgehört hast, an was zu glauben, Mum?« Im Hintergrund begann die Braun zu zischen, und ich war dankbar, dass das Verschwinden der Bienen nicht die weltweite Kaffeeernte zunichtegemacht hatte.
»Ehrlich gesagt an nicht viel. Aber wir haben beschlossen, es amtlich zu machen.«
»Das ist ziemlich seltsam, Mum.«
»Nicht seltsamer als der Nachmittag, an dem du verkündet hast, du würdest Vegetarierin werden.«
»Da war ich dreizehn. Es gab nur das oder eine Essstörung.«
»Man glaubt, woran man glaubt.«
»Bockmist, Mum, aber ihr glaubt ja an nichts . Hast du doch gerade gesagt. Und ich muss dir eine unhöfliche Frage stellen, aber hast du irgendwas genommen?«
»Sam! Natürlich nicht. Wir nehmen nur Solon. Das ist ungefährlich.«
»Solon? Das Giftzeug, mit dem die Zeit schneller vergeht?«
»Nicht doch. Solon ist ein wundervolles Medikament, von dem mir ganz ruhig im Kopf wird.«
»Okay. Für mich bleibt es eine Droge.«
Meine Mutter seufzte, und das war mein Stichwort, pflichtgemäß etwas Aufmunterndes zu sagen, mein Job als Erstgeborene in der Familie. Also sagte ich: »Es war sehr aufmerksam von euch, mich anzurufen und mir Bescheid zu geben.«
»Danke, Herzchen. Ich weiß ja nicht, wie deine Brüder es aufnehmen werden.«
»Denen wird es egal sein. Die denken über solche Sachen nicht nach.«
»Da hast du recht.«
Tatsache ist, meine beiden Brüder sind Flachwichser und haben meine Gutmütigkeit oft genug auf eine harte Probe gestellt, indem sie mich entweder anpumpten oder erwarteten, dass ich sie nach jeder ihrer zahllosen gescheiterten Beziehungen mit den fiesesten Weibern der Nordinsel wieder aufbaute. Ich goss mir Kaffee ein und verdünnte ihn mit heißem Leitungswasser. »Und, glaubst du, das wird Auswirkungen auf euer Leben haben?«
»Wahrscheinlich keine nennenswerten. Wir wollen ja nicht missionieren - wenn Bekannte von uns weiter an irgendwas glauben wollen, sollen sie das ruhig tun.«
»Und das ist alles?«
»Das ist alles.«
»Gut.«
Wir legten auf, und ich guckte auf meine Laptop-Uhr. Das Erdsandwich würde mich von alldem ablenken. Ich trank meinen Kaffee aus, duschte, zog mich an, schnappte mir das Inhaliergerät für mein Asthma und war schon unterwegs nach - 40. 4083°, 176.3204°.
Die Straße aus Palmy raus nach Osten war frei.
Nach meinem Telefonat mit Mum machte ich mir Gedanken über Eltern und wie sie die eigenen Wertvorstellungen prägen. Egal, was Eltern tun, ob es gut oder schlecht ist, es erlaubt dir, ihnen reinen Gewissens nachzueifern. Daddy klaut Autos? Na, worauf wartest du!? Deine Mum geht jeden Sonntag zur Kirche? Dann machst du das mal besser auch. Das heißt, wenn deine Eltern beschließen, an nichts mehr zu glauben, kannst du kaum dagegen rebellieren, denn das hieße, gegen nichts zu rebellieren; du hängst moralisch in der Luft. Wenn du es machst wie sie und auch an nichts mehr glaubst, ist es dasselbe: Nichts zu kopieren gibt null. In jedem Fall bist du verarscht.
Ich kurvte die Hügel hoch. Woran glaubte ich? Ich hatte mit meinen sechsundzwanzig Jahren fünf verschiedene Freunde gehabt, und sie alle hatten auf dem Kofferraum ihres Wagens die eine oder andere Version des christlichen Fischsymbols zur Schau gestellt. Bloßer Zufall?
Zuerst war da Kevin gewesen, das Katalogmodel mit dem verstrubbelten Haar. Der hatte einen Fisch mit aufgesperrtem Maul auf seinem Honda kleben. Kevin hatte immer irgendwelche religiösen Vorwände gefunden, um sich vor der Realität zu drücken, der denkwürdigste war, dass er mich nicht vom Flughafen abholte, weil er mit einer christlichen Männergruppe ein paar Körbe werfen musste. Trennungsgrund. Dann Miles, der Deadhead und Atheist, in dessen Fisch DARWIN stand. Nach ihm kam Hal; in seinen silbernen Fisch waren noch die Worte »and Chips« geschrieben. Auf Hal folgte Ray, ein totaler Wichser - keine Ahnung, wieso ich mit dem zusammen war. Einen wie Ray hat jeder in seiner Vergangenheit. Rays Fisch war nicht witzig oder ironisch oder so was - er war bloß ein Fisch. Schließlich war da Reid mit seinem Fischskelett in Chrom. Ich hatte geglaubt, Reid würde der fürs Leben sein, aber er unterschied sich in seiner Entschlossenheit, keinerlei feste Bindung einzugehen, in nichts von den anderen.
Mein Gott, seht euch an, wie ich diese Männer über einen Kamm schere. Um fair zu sein - die würden mich wahrscheinlich als zickiges Fitnessstudio-Häschen beschreiben und geltend machen, sie seien schließlich nicht dazu da, mich mit ihrer jeweiligen Fischversion zu speisen wie Jesus die fünftausend.
Na gut, mir ging also einiges durch den Kopf, als ich meine Scheibe Brot an dem nach Schaf stinkenden Straßenrand fotografierte, nicht zuletzt Neid, weil ich auf dieser Hemisphäre war, der Loser-Hemisphäre, genau gegenüber von Madrid, und Traurigkeit, weil mit den Bienen auch so viele Blumen vom Wegesrand verschwunden waren: das Katzenpfötchen, die Rotgefleckte Gaukler-blume, die Laugenblume, die Pechnelke. Ich empfand ein Staunen über die Größe des Planeten und meine sinnlose kleine Rolle darauf beziehungsweise darunter.
Dann klingelte mein Handy, und ich wurde, wie gesagt, gestochen.
Bingo.

JULIEN
12. ARRONDISSEMENT, PARIS, FRANKREICH
Ich finde, Schicksal ist eine echt abgelutschte Vorstellung. Alles auf dieser Welt beruht auf Ursache und Wirkung, ist Prozess, nicht Vorsehung. Der Stich einer Biene? Wie sentimental. Wie altmodisch. Und nachdem wir dann gestochen worden waren, sind sie mit uns umgesprungen wie mit einer Sammlung Wonka-Kinder. Pfft .
Ich wurde gestochen, als ich im Bois de Vincennes neben zwei so alt gewordenen stockkatholischen Gewitterziegen saß, die sich über Identitätsklau bei elektronischen Kreditkarten aufregten, der sie dazu zwingt, alles in winzig kleine Stücke zu reißen, ehe sie es wegwerfen. Na klar, die Rumänen, die Russen, die Triaden können's kaum erwarten, über sie herzufallen. Ja, mit Madame Duclos' Stromrechnung zwingen wir die Sparkasse in die Knie! Ihr Gerede machte mich sauer - sauer auf den inneren Aufbau der Zeit oder was immer dafür sorgt, dass die Zeit sich so zieht, wie sie es tut, dass einem das Leben so lang vorkommt. Am liebsten hätte ich ihnen gesagt, dass ihre Religion dekadent und überholt ist. Ich wollte ihnen beibringen, dass sie vor Tausenden von Jahren erfunden wurde, um Leuten, die das Glück (oder das Pech) hatten, älter als einundzwanzig zu werden, zu erklären, warum das Leben so kurz ist. Ich wollte diesen alten Schabracken sagen, dass ich von einer Religion lieber erfahren würde, warum das Leben so lang ist. Das frage ich mich immer noch.
Vergesst die Religion, ich mutiere lieber. Ich würde so wahnsinnig gern mutieren. Ich saß im Bois de Vincennes in der Sonne und wollte meinen Körper dazu bringen, zu dem zu mutieren, was immer für den Menschen als nächste Daseinsstufe vorgesehen ist. Ob wir riesige Drosophila-Augen kriegen? Flügel? Elefantenrüssel? Ich sehne den Tag herbei, an dem wir uns zu etwas Besserem verwandeln als die gehypten Schimpansen, die wir im Moment sind, eine Horde von Affen, die Blumenkohlcremesuppe von Knorr essen und so tun, als würden sie nicht mitbekommen, dass die Hälfte des Planeten sich im Krieg befindet, im Krieg um ... ja, was? Um das Recht, Fertigsuppen essen zu können, ohne uns emotional mit der dunklen Seite unserer Spezies auseinandersetzen zu müssen. Wir sind eine Horde verkorkster Jasager-Affen. Hausmeister Willie hat uns Franzosen als käsefressende Kapitulationsaffen bezeichnet: Da liegt er nicht weit daneben. Aber es sind nicht nur wir Franzosen - wir als Spezies sind allesamt käsefressende Kapitulationsaffen.
Ich bin normalerweise nicht der Typ, der an einem sonnigen Tag im 12. Arrondissement auf Parkbänken rumhockt. Eigentlich genau im Gegenteil. Ich wusste nicht mal, wie spät es war, als ich eiskalt und grob aus dem Astrolite Gaming Center in der Rue Claude Decaen geworfen wurde. Ich hatte das, was man gemeinhin einen Ausraster nennt. Den hatte ich, weil ich gerade glatte 114 Tage mit World of Warcraft zugebracht hatte und kurz davor war, eine vierundzwanzigstündige Levelling-Orgie zu beenden, als mein Avatar verschwand. Nicht mal eine kleine Rauchwolke - ich, Xxanthroxxusxx, hörte einfach auf zu existieren. Ich tat dann, was man in so einem Fall tut. Ich schloss das Programm. Ich trennte die Verbindung. Ich rebootete. Ich checkte die Options und Preferences. Ich loggte mich wieder ein. Und war immer noch weg .
Bliep .
Ich geb ja gerne zu, dass ich nicht der umgänglichste Mensch bin. Das liegt einfach daran, dass ich mir selbst hohe Maßstäbe setze. Wenn die Leute nicht bereit sind, meinen Maßstäben zu genügen, bin ich nicht bereit, ihnen Respekt entgegenzubringen, besonders nicht Luc, dem klebrigen Scheißer am Empfang bei Astrolite, der den ganzen lieben Tag lang in einen blauen Rubbermaid-Spucknapf rotzt.
In einen Spucknapf .
Er meint, es würde ihn interessant machen; ich halte es für die Bankrotterklärung der Gattung Mensch. Aber sogar der schmierige Luc müsste begreifen, dass niemand es leicht nimmt, wenn sein »Selbst« aus welcher Welt auch immer ohne Grund plötzlich verschwindet. Ja, man hat sogar ein Recht darauf, auszurasten, wenn so was passiert. Luc hätte dafür mehr Verständnis haben müssen, und ich hätte trotz meiner Erregung nicht seine Mangabegeisterung als eskapistischen, bourgeoisen Ökotourismus des Gehirns schmähen dürfen. Oder so was in der Art. Ich weiß nicht mehr genau.
Jedenfalls landete ich so auf der Straße, hinausgestoßen in ein Freiluft-Las-Vegas-Kasino, in dem Zeit keine Bedeutung mehr hatte. Draußen schien die Sonne - würg! Vormittagssonne oder Nach-mittagssonne? Um Mittag rum, schätze ich mal. Ich sah mich um, sah die Autos, die Starbucks-Cafés, die Schaufenster, die Menschen in mittlerem Alter, die zufrieden und reich aussahen, und dachte: Ich hasse diese Welt . Ich hasse es, dass alles eine Oberfläche hat - hart, weich - und dass alles nach irgendwas riecht : nach Kastanienblüten oder Brathähnchen.
Ich hasse die Art, wie sich unsere Körper durch die Welt bewegen, klippklapp, wie Fleischmarionetten. Ich hasse es, dass die Welt sich in eine riesige Hamburgermaschine verwandelt hat, dass die Welt sich heutzutage nur noch um den Menschen dreht - alles Übrige auf unserem Planeten muss sich unserm Willen beugen, weil es keine andere Wahl mehr gibt. Die Fundamentalisten haben gejubelt, als die Bienen ausstarben; sie sahen darin den Beweis, dass der Planet einzig und allein für uns Menschen da war. Wie kann man angesichts solcher Einstellungen nicht den Wunsch haben, rauszulaufen und auf die Straße zu kotzen? Und da fragte ich mich: Julien, bist du jetzt etwa ein Öko geworden? Dann fiel mir wieder World of Warcraft ein, und ich schlurfte den Boulevard Poniatowski runter, bog ab in die Avenue du Général Dodds, wo ich der Hunde- Merde und den Touristen auswich, die zu blöd sind, zu begreifen, dass sie sich im
12. Arrondissement befinden, und bin dann über die Avenue du Gé-néral Laperrine (all diese Generäle, all diese Kriege) rein in den Bois de Vincennes, so würdig, so langweilig, so dauerhaft und ein bisschen zu viel für meinen Kopf in dem Moment. Mein Kopf war ein totales Chaos. Also habe ich mich neben zwei Omas mit Zukunftsängsten auf eine Bank gesetzt. Ich hab mir die Bäume angeguckt. Welche Jahreszeit war gerade? Sommer? Herbst? Die Blätter fallen heutzutage nicht mehr einfach vom Baum, oder? Die hocken eher so auf dem Ast und begehen willkürlich irgendwann vor Januar Selbstmord. Jahreszeiten sind passé. Nur Trottel glauben noch an Jahreszeiten.
Ich starrte auf ein welkes Blatt, während das Gekeife der alten Hexen mein Trommelfell malträtierte. Ich gab einen angewiderten Laut von mir und sagte: »Gott, wie hasse ich diese Welt.« Und da wurde ich gestochen - ein Gefühl, als hätte man sich an Papier geschnitten, aber auf einen einzigen Punkt der Haut konzentriert. Ralphe hat mich mal in einem Klub mit einer Nadel gestochen und dann erklärt, jetzt hätte ich Aids - Ausraster wär noch niedlich ausgedrückt! Ralphe ist ein Arschloch, und die Nadel war eine Lasche von einer Cola-Dose, die er irgendwie zu so einem kleinen Pieksding zusammengebogen hatte. Aber sie hat wehgetan und der Bienenstich auch.
Ich guckte mir dieses geflügelte Insekt auf meinem Unterarm an und klatschte es in Panik weg. Die beiden alten Weiber starrten die Biene am Boden an, sanken auf die Knie und fingen an zu beten.
DIANA
NORTH BAY, ONTARIO, KANADA
Ich heiße Diana - ganz recht, ich bin nach Diana, der Prinzessin von Wales, benannt, so wie meine Mutter nach Jackie Kennedy benannt ist. Plus ça change . Ich bin das älteste der Wonka-Kinder (so bezeichnet uns Julien) und war anfangs eher eine erwachsene Schwester als eine aus der Kinderschar. Ich weiß noch ganz genau, wo und wie ich gestochen wurde.
Es war Sonntagnachmittag, und ich hatte mich um den Kuchenbasar in der Sonntagsschule gekümmert. Ich schrubbte gerade ein paar Kuchenbleche ab, die zum Einweichen in Wasser gelegen hatten, und ich weiß noch, dass ich trödelte, weil die Bleche so wunde-bar dufteten - nach Mandeln, Zucker und Zitrone -, und ich dann traurig wurde, weil Mandeln ja praktisch der Vergangenheit angehören. Ich erinnere mich noch an die vielen Fotos von Mandelbäumen in Kalifornien, an die Nahaufnahmen von den Ästen, an denen pro Baum vielleicht gerade noch eine Mandel hing. Der Geruch von künstlichem Mandelaroma wiederum stürzte mich in düstere Gedanken, weil ich mit vierunddreißig noch alleinstehend bin, ohne irgendwas in Aussicht. Ich trocknete mir die Hände ab und beschloss, ins Internet zu gehen, vielleicht fand ich ja einen netten Mann auf einem christlichen schwarzen Brett für Partnersuche.
»Schwarzes Brett« - ich weiß, das klingt prämillennial, aber ich bin ein konservativer Mensch, und wenn ich auch nicht krampfhaft darauf beharre, mein Leben mit jemandem zu teilen, weiß ich immerhin, wie schwer es für eine Frau meines Alters ist, etwas Dauerhaftes zu finden, vor allem, wenn man kein Flittchen ist wie meine Schwester - aber das ist eine andere Geschichte.
Diesmal ging ich nicht wie sonst zu M4W, sondern zu W4M, um mir die Konkurrenz anzusehen.
Hallo, ich heiße Richelle, ich bin dreiundzwanzig und liebe den Herrn mit aller Inbrunst, ich bin ganz verrückt nach Gott! Meine Beziehung zum Herrn ist mir das Wichtigste im Leben. Ich stamme ursprünglich aus Ontario, bin aber ...
Hallo, ihr da draußen! Hier kommt's: Ich bin Michelle, zweiundzwanzig, und vor allem eins: Christin. Ich möchte, dass Jesus in jedem Aspekt meines Lebens gegenwärtig ist. Ich suche nach jemandem, der diese Passion mit mir teilt ...
Ich heiße Sarah, bin zwanzig und suche einen Seelenfreund, jemanden, mit dem ich im Glauben leben und dem Herrn dienen kann. Ich bin ein höflicher und sanftmütiger Mensch. Ich tue mein Bestes, meine Nächsten zu lieben wie der Herr ...
Mir schwand der Mut. Wie sollte ich gegen diese jungen Dinger ankommen? Die nehmen die Religion hin, wie sie das Alphabet auswendig lernen. Sie sind noch zu jung, um überhaupt an etwas zu zweifeln.
Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück, einem von diesen schwarzen Standarddingern von Staples, und versuchte zum ersten Mal bewusst, mir eine Strategie des Alleinbleibens für den Rest meines Lebens zurechtzulegen. Ich musste mich der Tatsache stellen, dass ich dieses Loch in mir habe; mein Leben lang habe ich Angst gehabt, die Leute könnten dieses Loch sehen. Vielleicht sollte ich das Loch einfach annehmen und stolz darauf sein, auch wenn es ein bisschen abstoßend klingt. Vielleicht sollte ich ganz zusammengekrümmt durchs Leben gehen, so dass mein Körper und mein Gesicht diese Leere widerspiegeln.
Kackepissefotzearsch.
Ist das nicht schockierend, wenn es das erste Mal passiert? Ich habe das Tourette-Syndrom - im Ernst. Aber man gewöhnt sich recht schnell daran. Normalerweise hören die Leute schon bei der fünften »Fotzen«-Salve darüber hinweg. Mir selbst fällt das kaum noch auf.
Abgesehen davon laufe ich ja nicht die ganze Zeit rum und sage »Kackepissefotze«. Ich blöke alles raus, was mir gerade durch den Kopf geht, bin eine lebende Aussprechmaschine. Ich würde sagen, wir alle denken solche Sachen, nur ich sage sie auch laut.
... Fettarsch
... Schweinenase
... Faustficker
... schwuler Vogel
... Frauenschläger
Ich sage Ihnen auf den Kopf zu, was Sie sind.
Na gut, zurück zum Tag des Bienenstichs.
Ich saß immer noch auf meinem Staples-Stuhl, genau so wie ich reingeplumpst war, als ich von der anderen Straßenseite einen Hund jaulen hörte - Kayla, einen Dobermannpinscher. Es war so ein Jaulen zwischen Angst und Schmerz. Ich rannte zur Vordertür raus auf den Bürgersteig, der nach einem mittäglichen Schauer nass und noch immer heiß war, und sah Mitch, Kaylas Besitzer, mit einer Dachlatte auf seinen Hund einschlagen.
Ein paar Nachbarn links und rechts die Straße runter sahen zu, aber keiner machte Anstalten, dem armen Tier zu helfen, also rannte ich zu Mitch hinüber, baute mich direkt vor ihm auf und sagte so etwas wie: »Du gemeine, hässliche Drecksau, keiner kann dich leiden. Hör auf, den Hund zu schlagen, du Fickgesicht, fick dich und verreck! Ich weiß noch nicht, wie, aber ich mach dich kalt.« Die arme Kayla jaulte, und eins ihrer Beine blutete, sie kauerte am Boden, so weit weg von Mitch, wie ihre Leine es zuließ.
Mitch holte noch mal pro forma gegen Kayla aus, aber ich stellte mich zwischen ihn und den armen, winselnden Hund. Dann schwang Mitch drohend die Latte vor mir rum und brüllte ein paar sehr unappetitliche Sachen, aber Leute wie er machen mir keine Angst. Ich konnte Erdnussbutter in seinem Atem riechen, und ein kleines Stückchen Irgendwas traf mich in den Winkel meines lin-ken Auges. Trotzdem zuckte ich mit keiner Wimper.
In diesem Moment hielt neben uns Pastor Brandeis ( Erik) mit seiner Frau Eva in einem klapprigen, alten Ford aus den 1990ern, hoch-voll mit Babysachen, Pappkartons und diesem Ruch von Armut, den man wahrzunehmen glaubt, wenn man auf dem Highway einen solchen Wagen überholt und denkt: Diese Leute werden für den Rest ihres Lebens so herumfahren, immer auf der Suche nach einem Ort, den sie nie finden werden, und immer wird im Heckfenster neben unlesbaren Ratgeberbüchern und schlecht gefalteten T-Shirts eine zerdrückte Pampers-Packung liegen. Erik und Eva waren vorbeigekommen, weil sie mit mir das Programm für die Sonntagsschule am nächsten Wochenende besprechen wollten.
Ich gebe zu, dass ich in Erik verliebt war, was ich ihm zwei Wochen vorher durch eine Berührung mit der Hand und ein Flüstern dezent mitgeteilt hatte. Aber weil ich ja Tourette habe, sagte ich dann noch: »Fick mich, bitte fick mich.« Meine Gefühle waren nicht erwidert worden, und wegen dieses Vorfalls hatte ich jetzt keinen Anspruch mehr auf Barmherzigkeit. Ich war nur noch eine Plage. Auch an dem Nachmittag, als mich die Biene stach, kam er nur vorbei, weil ihm noch nicht eingefallen war, wie er mich von seinen Schäfchen trennen konnte, und er noch niemand anders für den Kuchenbasar gefunden hatte, der zweimal im Jahr stattfand. Er hatte Eva als Rückendeckung mitgebracht, und das machte mich sauer, weil ich ihr, na ja, tausend Tode wünschte. Die Leute meinen, ich ließe alles mit mir machen, aber ich habe genauso oft den Wunsch, jemand umzubringen, wie sie.
Jedenfalls war es eine unschöne Szene. Jetzt, wo keine Gefahr mehr bestand, in etwas hineingezogen zu werden, kamen die feigen Nachbarn alle näher. Erik stellte Mitch die entschieden dumme Frage: »Warum schlagen Sie Ihren Hund?« Als gäbe es einen Grund, der so etwas rechtfertigen würde! War Kayla, die Dobermannhündin, Mitch etwa untreu gewesen? Hatte sie seine Sammlung von Zippo-Feuerzeugen aus dem Vietnamkrieg ins Leihhaus gebracht und das Geld für Lottoscheine und Speed rausgeschmissen? So wie Erik die Frage stellte, klang es, als gäbe es irgendeine Rechtfertigung, Kayla so zu misshandeln. »Wie kannst du so eine saublöde Frage stellen, Erik? Was um alles in der Welt kann ein Hund anstellen, um Prügel zu verdienen?«
»Das Tier gehört mir«, sagte Mitch, »und ich kann mit ihm machen, was ich will.«
»Sie ist ein lebendes Wesen und kein Rasenmäher, und sie ist eine Sie und kein Es .« Ich war empört.
Erik erklärte: »Es ist ein Tier, Diana.«
Mitch guckte selbstgefällig.
»Was soll das heißen? Dass er den Hund schlagen darf, so viel er will, ohne dass es Folgen für ihn hat?«
»Moment, ich sage nicht, dass es in Ordnung ist, Hunde zu schlagen.«
Mitch machte ein langes Gesicht.
»Verstehst du, Diana, Hunde haben keine Seele. Letztlich kommt es nicht darauf an, was mit ihnen passiert.«
»Es kommt nicht darauf an ?«
»Der Kerl da ist ein Idiot, aber er begeht keine Sünde.«
Mitch grinste hämisch. »Kapiert? Ich bin kein Sünder - jetzt schaff deinen Betschwesternarsch aus meinem Vorgarten raus.«
Ich ignorierte ihn. »Erik, soll das heißen, du rechtfertigst, was dieser Neandertaler hier macht?«
»Es gefällt mir nicht, aber es ist keine Sünde.«
»Ist das dein Ernst?«
»Durchaus«, sagte Erik, und sein Blick bedeutete: »Scheiß auf dich«.
Eva sagte: »Komm, Diana. Gehen wir doch rein und besprechen den Kuchenbasar. Ich hab gedacht, ich mach vielleicht einen Cobbler.«
»Wenn ich anderer Meinung bin als du, bin ich dann keins deiner Schäfchen mehr?« Ich funkelte Erik wütend an.
Er zuckte die Schultern. »Äh, ja.«
Ahhh ... exkommuniziert .
Und da wurde ich gestochen.
»Das geniale am Setting dieses Buches ist, dass diese Welt ebenso möglich wie bizarr erscheint. Die Zeit, die hier beschrieben wird, scheint unserer gegenwärtigen nur knapp voraus, und doch ist die Welt vollkommen außer Kontrolle geraten. ... "Generation A" ist ein Ökothriller vom Ende der Welt, der vor allem von dieser einzigartigen Coupland-Mischung lebt: dieser Mischung aus Futurismus und Nostalgie, Zukunftsangst und Zukunftsbegeisterung, Predigertum und kühler Klarheit, Zynismus und Liebe, Humor und Horror.«
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.8.2010

»Denn wie so oft bei Coupland dient die Geschichte des Romans nur als Klammer seiner vielen großartigen Momentaufnahmen aus der Zukunft. Wie die, als die Menschheit auf einmal keine Zahlen mehr lesen konnte. Oder über den Mann, der gern etwas Besonderes wäre, der den Wunsch hat, so wie Steve McQueen zu sein, "doch die Welt will, dass du SMcQ23667bot@hotmail.com bist".«
Matthias Wulff, Rolling Stone, 25.8.2010

»"Generation A" erzählt schlau und witzig von einer fremdvertrauten Welt, in der die Pharmaindustrie übermächtig geworden ist und Bienen ein Symbol der Hoffnung geworden sind. Mit viel absurder Situationskomik und satirischen Seitenhieben auf unsere heutige Gesellschaft.«
Laura Freisberg, Bayern Online, 1.9.2010

»Er schildert eine Gesellschaft, die zwischen digitalem Info-Chaos, Umweltkatastrophen und Celebritiy-Wahnsinn das Gefühl für Nähe und Beziehungen verloren hat. Ein bizarrer, radikaler Roman und kritischer Weckruf.«
Petra, 09/2010

»Douglas Couplands satirisch weiser Streich kann einen mächtig unterhalten, wird aber auf jeden Fall ganz schön nachdenklich machen. «
Stefan Sprang, Stuttgarter Zeitung, 12.8.2010

»Wer den Ökothriller hauptsächlich aus imkerlichem Interesse liest, wird enttäuscht sein. Bienen und Bienensterben spielen im Roman zwar eine wichtige Rolle, sind aber für Coupland nur ein literarisches Mittel, um gesellschaftliche Probleme zu thematisieren.«
Erhard Maria Klein, Der Imkerfreund, Dezember 2010
Tropen Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann (Orig.: Generation A)
2. Aufl. 2010, 333 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50110-0
autor_portrait
Martin Tessler

Douglas Coupland

Douglas Coupland geboren 1961 auf einem NATO-Stützpunkt in Deutschland, wuchs in Vancouver auf, wo er auch heute als Autor und Künstler lebt. In den...

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