Nur eine Ohrfeige

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Eine Tat, die alles auf den Kopf stellt. Großartige Unterhaltung - ein internationaler Publikumserfolg

Ein heißer Sommertag, ein Barbecue mit Freunden und Familie - es hätte ein perfektes Fest werden können, doch dann verliert Harry die Beherrschung. Er verpasst dem dreijährigen Hugo eine Ohrfeige. Dieser Vorfall hat ein folgenreiches Nachspiel für alle, die seine Zeugen wurden ...

Aus einer scheinbar banalen Begebenheit entwickelt sich eine packende Erzählung über Liebe, Sex und die verschiedenen Auffassungen von Ehe, Erziehung und Freundschaft. Die Ohrfeige zwingt alle Beteiligten dazu, ihr eigenes Familienleben, all ihre Erwartungen, Überzeugungen und Wünsche infrage zu stellen. Aus acht Perspektiven schildert Tsiolkas eindrücklich das innere Erleben der Gäste.
Ein großer Gesellschaftsroman - ein Roman über die moderne Familie.

- Monatelang auf den Bestsellerlisten in Großbritannien und Australien
- Ausgezeichnet mit dem »Commonwealth Writers’ Prize«
- Nominiert für den »Man Booker Prize«
- Verfilmt als Fernsehserie


Buchhändlerstimmen

»Tsiolkas lese ich zur Zeit und bin begeistert; ein tolles, vielschichtiges Buch, das - wenn die Marktmechanismen nicht völlig aus dem Ruder laufen - auf die Bestsellerliste kommen MUSS.«
Martin Gaiser, Buchhandlung Gondrom, Ulm

»"Nur eine Ohrfeige" ist wirklich ein Wahnsinnsroman, den ich atemlos verschlungen habe.
Man taucht von der ersten Seite ein in die Handlung und ihre Figuren und möchte gar nicht mehr aufhören zu lesen, wirklich vergleichbar mit J. Franzen, nur mit viel sympathischeren Figuren. Das wird auf jeden Fall ein Bestseller! Man ist ein wenig wehmütig am Ende, könnte immer weiter lesen.«
Gisela Krentzlin, Buchhandlung Decius, Hannover

»Nach "Rost" von Philipp Meyer und Silvia Avallones "Ein Sommer aus Stahl" wieder ein Höhepunkt im Bücherfrühling 2012 aus dem Hause Klett-Cotta.«
Cornelia Lenhardt, Buchhandlung Fiederer, Friedrichshafen

»Ich habe gerade Christos Tsiolkas Buch beendet und bin total begeistert! Es ist so unglaublich lebendig und vielfältig! "Nur eine Ohrfeige" ist ein grosses Lesevergnügen, aber auch ein sehr nachdenkliches Buch über die Unwägbarkeiten modernen Lebens.«
Kirsten Jahn (Thalia, Kiel)

»"Nur eine Ohrfeige" von Christos Tsiolkas hält alles, was die zahlreichen Vorschußlorbeeren versprechen!
Mit gnadenlosem Blick und dabei doch voller Empathie seziert Tsiolkas die Beziehungen der Charaktere untereinander unf gewährt einen schonungslosen tiefen Einblick in die Psyche verschiedener Gesellschaftsschichten Australiens. Ich bin restlos begeistert von diesem Roman, den ich in zwei Tagen verschlungen habe, so sehr wollte ich wissen, was dieses kleine Ereignis im Großen bei allen Personen auslöst und verändert. Und es ist schön, dass bei allem Schrecken und allem Schlimmen für jeden Charakter ein Hoffnungsschimmer am Horizont leuchtet. Ein wirklich tolles mitreissendes Buch, das zum Nachdenken anregt.«
Frank Menden (Stories!Die Buchhandlung, Hamburg)

»Ein großer Roman über die moderne Familie, der ohne weiteres in einem Atemzug mit Jonathan Franzens "Korrekturen" oder Eugenides "Middlesex" genannt werden kann.«
Petra Hartlieb, Hartliebs Bücher, Wien (>> ganze Besprechung)

»Wie schon das titelgebende Ereignis eine rechte Marginalie ist, schildert Tsiolkas auch sonst keine allzu weltbewegenden Geschehnisse. Sein handelndes Personal sind normale Menschen, die ihre im Grunde unspektakulären Leben führen, deren Katastrophen sich auf den ganz privaten Bereich beschränken.
Und so wird die schriftstellerische Qualität Tsiolkas unmittelbar ersichtlich, als es ihm gelingt, aus diesem Kaleidoskop des Alltäglichen ein durchweg packendes Gesellschaftsporträt zu kreieren, mit Charakteren, die gerade mit ihren weniger sympathischen Seiten zu Menschen aus Fleisch und Blut werden, deren Lebensabschnittsweg man mit echtem Vergnügen eine Zeitlang begleitet.«
Tobias Wrany (Buchhandlung Hanns-Georg Jost, Bonn)

Aktuelle (Vorab-)Leseberichte zum Buch finden Sie hier: »Nur eine Ohrfeige« Rezensionen auf Vorablesen.de

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Leseprobe
HECTOR

Hector hatte die Augen noch geschlossen, als er aus einem Traum erwachte, an den er sich schon nicht mehr erinnern konnte. Müde streckte er die Hand aus. Ah, gut. Aisha war schon auf. Er ließ genüsslich einen fahren und vergrub das Gesicht im Kissen, um nicht den modrigen Gestank einatmen zu müssen. Ich habe keine Lust, in einer Männerumkleide zu schlafen, beschwerte Aisha sich jedes Mal, wenn er sich versehentlich in ihrer Gegenwart vergaß. Was allerdings nur selten vorkam. Im Laufe der Jahre hatte er gelernt, sich nur noch gehenzulassen, wenn er allein war. Dann furzte und pinkelte er unter der Dusche, rülpste im Auto und genoss es, wenn sie auf einer Tagung war, sich das ganze Wochenende lang weder zu waschen noch die Zähne zu putzen. Nicht dass seine Frau besonders prüde war, sie ertrug nur offenbar die Ausdünstungen des männlichen Körpers nicht. Er selbst hätte kein Problem damit, in einer Mädchenumkleide einzuschlafen, umgeben vom feuchten, berauschenden Duft süßer junger Mösen. Noch im Halbschlaf drehte er sich auf den Rücken und schob das Laken beiseite. Süße junge Mösen. Er hatte es laut ausgesprochen.
Connie.
Bei dem Gedanken an sie war er endgültig wach. Aisha würde ihn für pervers halten. Doch das war er nicht. Er liebte Frauen ganz einfach. Egal ob jung oder alt, ob sie gerade erst erblühten oder schon anfingen zu verwelken. Er kam sich dabei so eitel vor, dass es ihm schon fast peinlich war, aber er wusste nun mal, dass die Frauen auch ihn liebten. Frauen liebten ihn.
Aufstehen, Hector, sagte er sich. Zeit, den Tag zu beginnen.
Der Tag begann mit einer Reihe von Übungen, die er jeden Morgen absolvierte. Das Ganze dauerte nicht länger als zwanzig Minuten. Manchmal, wenn er mit Kopfschmerzen oder einem Kater aufwachte, oder beidem zusammen, oder einer Unlust, die offenbar tief aus seinem Inneren kam, war er schon nach zehn Minuten fertig. Es ging ihm nicht so sehr um das strenge Einhalten eines Ablaufs, sondern eigentlich nur darum, überhaupt zu trainieren – selbst wenn er krank war, zwang er sich dazu. Er stand auf, schnappte sich eine Jogginghose, schlüpfte in das T-Shirt, das er am Tag zuvor getragen hatte, und fing mit neun verschiedenen Dehnübungen an, bei denen er jeweils bis dreißig zählte. Dann legte er sich auf den Teppich und machte hundertfünfzig Sit-ups und fünfzig Liegestütze. Am Ende dann nochmal drei Dehnübungen. Danach ging er in die Küche, stellte die Kaffeemaschine an, lief zu dem kleinen Laden am Ende der Straße und kaufte die Zeitung und eine Schachtel Zigaretten. Zurück zu Hause goss er sich einen Kaffee ein, ging nach draußen auf die Veranda, zündete sich eine Zigarette an, schlug den Sportteil auf und begann zu lesen. In diesem Moment, die Zeitung vor sich aufgeschlagen, mit dem bitteren Kaffeegeruch in der Nase und dem ersten Zug von der Zigarette, waren ihm alle Nöte, die blöden Nichtigkeiten, der Stress und die Sorgen des vorigen oder kommenden Tages egal. In diesen Momenten, vielleicht sogar nur dann, war er glücklich.
Hector hatte schon als Kind festgestellt, dass die einzige Methode, gegen das erdrückend wohlige Gefühl des Schlafes anzukommen, darin bestand, mit Vollgas hindurchzupreschen, die Augen aufzureißen und aus dem Bett zu springen. Aber diesmal blieb er liegen und ließ sich sanft von den Geräuschen seiner Familie wecken. Aisha hatte in der Küche einen Klassiksender eingestellt, und Beethovens Neunte drang durchs ganze Haus. Aus dem Wohnzimmer hörte er das elektronische Piepen und blecherne Nachhallen eines Computerspiels. Einen Augenblick lang lag er regungslos da, warf dann das Laken zurück und blickte auf seinen nackten Körper. Er hob das rechte Bein und ließ es zurück aufs Bett fallen. Heute ist es so weit, Hector, sagte er sich, heute ist es so weit. Er sprang hoch, zog sich einen roten Sportslip und ein Unterhemd an, ging ins Bad, pinkelte lange und laut und stürmte in die Küche. Es roch nach Kaffee. Aisha schlug gerade ein paar Eier in die Pfanne. Er küsste ihren Nacken. Mitten im Crescendo schaltete er das Radio aus.
»He, ich wollte das hören.«
Hector ging einen Stapel CDs durch, die neben dem CD-Player lagen. Er nahm eine von ihnen aus der Hülle, legte sie ein und spielte einen Titel nach dem anderen an, bis er das richtige Stück gefunden hatte. Als die ersten Töne aus Louis Armstrongs Trompete erklangen, lächelte er. Er küsste seine Frau noch einmal in den Nacken.
»Heute muss ich Satchmo hören«, flüsterte er ihr zu. »Und zwar den ›West End Blues‹.«
Er führte seine Übungen langsam aus, atmete dabei gleichmäßig und zählte bis dreißig. Nach jedem Durchgang lauschte er der Musik, der sich langsam steigernden Sinnlichkeit. Bei den Sit-ups konzentrierte er sich auf die Spannung der Bauchmuskeln, und während der Liegestütze auf das Ziehen in seinen Trizepsen und Brustmuskeln. Er wollte seinen Körper spüren, wollte sich lebendig, stark und sicher fühlen.
Als er fertig war, wischte er sich den Schweiß von den Brauen, hob das Hemd, das er am Abend zuvor einfach hingeworfen hatte, vom Boden auf und schlüpfte in seine Sandalen.
»Willst du was vom Laden?«
Aisha lachte. »Du siehst aus wie ein Penner.«
Sie ging nie ohne Make-up und ordentliche Kleidung aus dem Haus. Nicht dass sie sich auffällig schminkte, das hatte sie nicht nötig – es war einer der Punkte, der ihn von vornherein an ihr angezogen hatte. Für Mädchen, die viel Make-up, Puder und Lippenstift trugen, hatte er nie etwas übriggehabt. Er fand das nuttig, und obwohl er wusste, wie lächerlich seine konservative Einstellung war, konnte er sich doch nicht dazu durchringen, eine stark geschminkte Frau gut zu finden. Egal, wie schön sie in Wirklichkeit war. Aisha brauchte kein Make-up. Ihre dunkle Haut war makellos und geschmeidig, und die großen, tief liegenden, schräg abfallenden Augen leuchteten in ihrem schmalen, perfekt geformten Gesicht.
Hector sah auf seine Latschen runter und lächelte. »Und, darf der Penner dir etwas mitbringen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nee. Aber du wolltest noch einkaufen fahren, oder ?«
»Hatte ich wahrscheinlich gesagt.«
Sie sah auf die Küchenuhr. »Dann solltest du dich beeilen.« Er antwortete nicht. Ihr Kommentar ärgerte ihn, er wollte sich an diesem Morgen nicht beeilen. Er wollte ihn ganz ruhig angehen lassen.

Er schnappte sich die Samstagsausgabe der Zeitung und warf einen Zehn-Dollar-Schein auf den Ladentisch. Mr. Ling griff nach der goldenen Packung Peter Jackson Super Mild, aber Hector stoppteihn.

»Nein, heute nicht. Heute nehme ich eine Schachtel rote Stuyvesant. Im Softpack. Geben Sie mir am besten gleich zwei.« Hector steckte den Zehner wieder ein und legte einen Zwanziger hin.

»Sie wechseln Marke?«
»Das ist mein letzter Tag, Mr. Ling. Ab morgen höre ich auf.« »Sehr gut.« Der alte Mann lächelte. »Ich rauche nur drei an Tag.

Eine Morgen, eine nach Essen und eine, wenn ich fertig mit Arbeit.« »Ich wünschte, das könnte ich auch.« Die letzten fünf Jahre waren wie ein Karussell gewesen, zigmal hatte er aufgehört und wieder angefangen, sich eingeredet, ruhig fünf am Tag rauchen zu können, warum auch nicht, fünf am Tag waren ja nicht so schlimm, aber dann hatte er sich doch nicht beherrschen können und die ganze Schachtel leergemacht. Jedes Mal. Er beneidete den alten Chinesen. Wie gern würde er bloß vier oder fünf am Tag rauchen.
Aber das schaffte er nicht. Zigaretten waren so etwas wie eine teuflische Geliebte für ihn. Oft schon hatte er die Packung unter dem
Wasserhahn aufweichen lassen und sie dann in den Müll geschmissen, fest entschlossen, nie wieder zu rauchen. Er hatte es mit kaltem Entzug probiert, mit Hypnose, Pflastern, Kaugummis. Ein paar Tage vielleicht, eine Woche, einmal hatte er es sogar einen ganzen Monat lang geschafft, der Versuchung zu widerstehen. Aber dann schnorrte er eine bei der Arbeit, in der Kneipe oder nach dem Essen, und schon lag er wieder in den Armen seiner verschmähten Geliebten. Und deren Rache folgte prompt. Er war ihr ergeben und außerstande, ohne sie durch den Morgen zu kommen.
Sie war zu verlockend.
Eines Sonntagmorgens, als die Kinder bei seinen Eltern waren und Aisha und er wunderbaren, entspannten Sex hatten, schlang er seine Arme um sie und flüsterte: »Ich liebe dich, du bist für mich das
Schönste auf Erden, du bist mein Ein und Alles.« Und sie drehte sich mit einem höhnischen Grinsen im Gesicht zu ihm um und sagte:
»Nein, bin ich nicht, deine eigentliche Liebe sind die Zigaretten.« Es folgte ein schlimmer Streit, der sie beide an den Rand der Erschöpfung brachte – stundenlang schrien sie sich an. Sie hatte ihn
tief getroffen, ihn in seinem Stolz verletzt, vor allem, als er beschämt feststellen musste, dass er fieberhaft eine nach der anderen rauchte, um auch nur einigermaßen die Kontrolle zu bewahren. Er
hatte ihr vorgehalten, selbstgerecht und außerdem eine kleinbürgerliche Moralpredigerin zu sein, und sie hatte mit einer Litanei seiner Schwächen gekontert: Er sei eitel und faul, passiv und selbstsüchtig und habe keinerlei Willenskraft. Ihre Anschuldigungen schmerzten ihn, weil er wusste, dass sie recht hatte. Also beschloss er aufzuhören. Ein für alle Mal. Und zwar ohne Ankündigung, sonst musste er sich nur wieder ihre Zweifel anhören. Aber er würde aufhören.
Es war ein warmer Morgen, er setzte sich im Unterhemd mit seinem Kaffee auf die Veranda. Kaum hatte er die Zigarette angezündet, kam Melissa rausgeschossen und lief schreiend in seine Arme. »Adam lässt mich nicht spielen«, heulte sie. Er nahm sie auf den
Schoß, streichelte ihr übers Gesicht und ließ sie weinen, bis sie nicht mehr konnte. Das war das Letzte, was er jetzt brauchte. Ausgerechnet an diesem Morgen. Er wollte die Zigarette ganz entspannt rauchen. Aber man hatte nirgends seine Ruhe. Also spielte er mit ihrem Haar, küsste seine Tochter auf die Stirn und wartete, dass die Tränen verflossen. Melissa sah zu, wie er seine Zigarette ausdrückte und der Rauch verflog.
»Du sollst doch nicht rauchen, Daddy. Davon kriegt man Krebs.« Sie plapperte nach, was sie in der Schule hörte. Seine Kinder kamen kaum mit dem Einmaleins zurecht, wussten aber, dass Rauchen Lungenkrebs verursachte und man durch ungeschützten Sex Geschlechtskrankheiten bekam. Statt mit ihr zu schimpfen, nahm er sie auf den Arm und trug sie ins Wohnzimmer. Adam war mit seinem Computerspiel beschäftigt und sah nicht mal hoch. Hector holte tief Luft. Er hätte dem faulen kleinen Mistkerl am liebsten einen Tritt verpasst, setzte seine Tochter dann aber nur neben ihm ab und nahm ihm die Konsole weg.
»Deine Schwester ist dran.«
»Sie ist noch ein Baby. Sie kann das nicht.«
Adam hatte die Arme verschränkt und warf seinem Vater einen rebellischen Blick zu. Sein schwabbeliger Bauch schaute über der Jeans hervor. Aisha behauptete, der Babyspeck würde mit der Pubertät verschwinden, aber da war sich Hector nicht so sicher. Der Junge war besessen von Bildschirmen, er saß entweder vor dem Computer, vor dem Fernseher oder vor seiner Playstation. Seine Trägheit ging Hector auf die Nerven. Er war immer stolz auf sein eigenes gutes Aussehen und seinen durchtrainierten Körper gewesen. Als Teenager hatte er einen ziemlich guten Footballspieler und noch besseren Schwimmer abgegeben. Dass sein Sohn so dick war, empfand er als Beleidigung. Manchmal schämte er sich, mit Adam in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Ihm war bewusst, wie schlimm dieser Gedanke war, deswegen hatte er es nie jemandem gegenüber erwähnt. Trotzdem war er enttäuscht und wies Adam deswegen ständig zurecht. Musst du den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen? Draußen ist es herrlich, warum gehst du nicht raus? Adam reagierte meistens mit Schweigen und Schmollen, und das ärgerte Hector nur noch mehr. Er musste sich auf die Lippen beißen, um ihn nicht zu beleidigen. Hin und wieder sah Adam ihn dann aber wieder derartig verwirrt und verletzt an, dass Hector vor Scham fast im Erdboden versank.
»Komm schon, lass sie auch mal.«
»Die kriegt das eh nicht hin.«
»Los jetzt.«
Der Junge warf die Konsole zu Boden, stand schwankend auf, stürmte in sein Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Melissa fasste nach der Hand ihres Vaters und sah ihrem Bruder nach. »Ich will spielen.« Sie weinte schon wieder.
»Spiel doch allein.«
»Ich will mit Adam spielen.«
Hector griff nach den Zigaretten in seiner Tasche.
»Du hast genauso ein Recht darauf wie er. Das war unfair von
Adam. Er kommt bestimmt gleich und spielt mir dir, warte nur ab.«
Er sprach bewusst ruhig, leierte die Plattitüden in einem fast kindlichen Singsang runter, aber Melissa ließ sich nicht besänftigen. »Ich will mit Adam spielen«, jammerte sie und drückte seine
Hand fester. Sein erster Instinkt war, sie wegzuschieben. Schuldbewusst streichelte er ihr übers Haar und küsste sie auf den Kopf. »Hast du Lust, mit mir einkaufen zu fahren?«
Melissa heulte zwar nicht mehr, wollte sich aber noch nicht geschlagen geben. Sie starrte traurig auf Adams Tür.
Hector schüttelte seine Hand frei. »Es ist deine Entscheidung,
Schatz. Du kannst hierbleiben und alleine Videospiele spielen oder mit mir einkaufen kommen. Was möchtest du lieber?« Das Mädchen antwortete nicht.
»Okay.« Hector zuckte mit den Schultern und steckte sich eine Zigarette in den Mund. »Wie du willst.« Auf dem Weg in die Küche hörte er sie wieder weinen.
Aisha trocknete sich die Hände ab. Sie zeigte auf die Uhr. »Ich weiß, ich weiß. Ich will doch nur verdammt nochmal in Ruhe eine einzige Zigarette rauchen.«
Er hatte erwartet, dass Aisha in den Chor einstimmte, der ihm an diesem Morgen entgegenschlug, aber sie fing an zu grinsen und küsste ihn auf die Wange.
»Okay, wer von beiden hat Schuld?«
»Adam. Auf jeden Fall Adam.«
Er setzte sich auf die Veranda und rauchte seine Zigarette. Drinnen hörte er Aisha ruhig auf seine Tochter einreden. Wahrscheinlich kniete sie schon neben Melissa und spielte mit ihr das Videospiel. Gleich würde Adam aus seinem Zimmer kommen, sich aufs Sofa setzen und den beiden zugucken. Bis schließlich irgendwann nur noch die Kinder vor der Konsole saßen und Aisha sich in die
Küche zurückgeschlichen hatte. Er staunte, wie viel Geduld seine Frau hatte und wie wenig er selbst. Manchmal fragte er sich, wie seine Kinder Respekt vor ihm haben sollten, wenn sie älter waren – und ob sie ihn überhaupt je lieben würden.

Connie liebte ihn. Sie hatte es ihm gesagt. Er wusste, dass es ihr fast körperliche Schmerzen bereitet hatte, die Worte auszusprechen, dass sie fast daran erstickt wäre. Aisha hatte ihm natürlich auch oft gesagt, dass sie ihn liebte, aber immer ganz ruhig und unbekümmert, als wäre sie von Anfang an sicher gewesen, dass er sie genauso liebte. Jemandem zu sagen, dass man ihn liebt, sollte nie ohne Leidenschaft sein. Connie hatte die Worte panikartig hervorgestoßen, ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein. Sie hatte sich nicht getraut, ihn dabei anzusehen, und sich im selben Moment eine Locke in den Mund gesteckt, die er dann beiseitegestrichen hatte, um sie auf den Mund zu küssen. »Ich liebe dich auch«, hatte er geantwortet. Und das tat er wirklich. Monatelang hatte er kaum an etwas anderes denken können. Aber er hatte sich nicht getraut, es Connie zu sagen. Sie hatte die Worte zuerst ausgesprochen.

»Hast du noch Valium?«
»Nein.« Er hörte den Vorwurf in Aishas Stimme und sah, wie sie zur Küchenuhr schaute.
»Ich habe jede Menge Zeit.«
»Wofür brauchst du Valium?«
»Ich brauche es nicht. Ich will es einfach. Damit ich nachher beim Barbecue lockerer bin.«
Aisha lächelte plötzlich, ihre Augen funkelten schelmisch. Er drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus, ging hinein und zog seine Frau in die Arme. »Ich habe jede Menge Zeit, ich habe jede Menge Zeit«, sang er. Er küsste die Finger ihrer linken Hand, roch den süßen Geruch von Kümmel und Limonensaft. Sie küsste ihn zurück und schob ihn dann sanft weg.
»Ist es so schlimm?«
»Nein, überhaupt nicht.« Natürlich hätte er an einem Samstagabend lieber etwas anderes gemacht, als sich um Familie, Freunde und Arbeitskollegen zu kümmern. Ganz bestimmt hätte er den letzten Tag seines Lebens als Raucher gern für sich gehabt. Aber Aisha wollte sich mit ihrer kleinen Feier für zahllose Einladungen zu Abendessen und Partys revanchieren. Sie hatte das Gefühl, dass sie es ihrem Bekanntenkreis schuldig waren. Hector empfand das nicht so. Aber er war ein großartiger Gastgeber und verstand, wie wichtig dieser Abend für seine Frau war.
»Schlimm ist es nicht, aber ein bisschen Valium könnte nicht schaden. Nur für den Fall, dass meine Mutter mir heute Abend wieder auf die Nerven geht.«
»Normalerweise bist nicht du es, dem sie auf die Nerven geht.«
Aishas Blick wanderte zurück zur Uhr. »Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, in die Praxis zu fahren und welches zu besorgen.« »Kein Problem, ich fahre nach dem Einkaufen einfach dort vorbei.«
Unter der Dusche, während der warme Wasserstrahl auf Kopf und Schultern fiel und um ihn herum der Dampf aufstieg, sah er an seinem schlanken Körper herunter. Sein Blick fiel auf seinen schlaffen Schwanz, und er verfluchte sich. Du bist so ein Arschloch, so ein verdammter Lügner. Er hatte die Worte laut ausgesprochen. Beschämt drehte er mit einem Ruck den Warmwasserhahn zu. Das eiskalte Wasser konnte ihm sein schlechtes Gewissen nicht nehmen. Schon als Kind hatte Hector wenig von Ausflüchten gehalten. Er wusste, dass er das Valium nicht brauchte und dass es ihm eigentlich nur darum ging, Connie zu sehen. Warum fuhr er nicht einfach an Aishas Praxis vorbei und ließ die Pillen Pillen sein? Nein, das schaffte er nicht. Während er sich mit dem feuchten Handtuch abtrocknete, das nach Seife, nach ihm selbst und nach seiner Frau roch, sah er kein einziges Mal in den Spiegel. Erst im Schlafzimmer, als er etwas Wachs im Haar verteilte, riskierte er einen Blick. Er bemerkte die grauen Schläfen, das unrasierte Kinn, die Falten in den Mundwinkeln. Sein Kinn war noch straff, das Haar noch voll. Er sah jünger aus als dreiundvierzig. Fröhlich pfeifend küsste er seine Frau und nahm die Einkaufsliste und den Autoschlüssel vom Küchentisch.
Als er den Motor anließ, dröhnte ein grausam quäkender Popsong durch den Wagen. Er wechselte schnell den Sender, kein Jazz, dafür irgendein angenehmes Gedudel. Aisha hatte die Kinder am Tag zuvor von der Schule abgeholt und sie das Musikprogramm auswählen lassen. Er selbst ließ sich nie vorschreiben, was im Auto gehört wurde, worüber Aisha sich oft lustig machte. »Nein«, wehrte er sich. »Das können sie tun, wenn sie einen besseren Geschmack haben.«
»Um Gottes willen, Hector, das sind Kinder, die haben keinen Geschmack.«
»Jedenfalls lasse ich sie nicht irgendeinen Top-Forty-Scheiß hören. Ich tue ihnen damit einen Gefallen.«
Da musste Aisha jedes Mal lachen.

Der Parkplatz am Markt war gerammelt voll, Hector schlängelte sich durch die zugeparkten Reihen, bis er endlich einen Platz fand. Der Commodore – zuverlässig, komfortabel und langweilig – war ein Kompromiss gewesen. Davor waren sie unter anderem einen verrosteten Peugeot ohne Handbremse aus den Sechzigern gefahren, von dem sie sich kurz nach Adams Geburt getrennt hatten, einen robusten Datsun 200B aus den Siebzigern, der irgendwo zwischen Coffs Harbour und Byron Bay den Geist aufgegeben hatte, als Adam sechs gewesen war und Melissa noch ein Baby, und einen monströsen Chrysler Valiant, ein spätes, offenbar unverwüstliches Modell, der die gesamte Familie ein paarmal quer durchs Land befördert hatte, wenn sie Aishas Familie in Perth besucht hatten. Der Wagen wurde von zwei jungen Männern gestohlen, die komplett high waren, damit in Lalor gegen eine Telefonzelle krachten und ihn daraufhin mit Benzin übergossen und anzündeten. Hector hatte fast geweint, als die Polizei anrief. Aisha hatte erklärt, an keinem Auto mehr interessiert zu sein, das älter als zehn Jahre war. Hauptsache, es war sicher und verbrauchte nicht so viel. Hector hatte widerstrebend eingewilligt, träumte aber immer noch von einem Valiant – oder vielleicht einem Pick-up oder einem alten EJ Holden.

Er machte es sich auf dem Sitz bequem, drehte das Fenster runter, zündete sich eine Zigarette an und zog den Einkaufszettel aus der Tasche. Wie üblich hatte Aisha alles peinlich genau notiert, inklusive präziser Mengenangaben. Fünfundzwanzig Gramm grünen Kardamom (sie kaufte Gewürze nie in größeren Mengen, weil sie dann nicht mehr frisch waren). Neunhundert Gramm Tintenfisch (Hector hätte ein Kilo bestellt, er rundete immer auf). Vier Auberginen (und zwar europäische, nicht asiatische, wie dahinter in Klammern und unterstrichen zu lesen war). Hector lächelte, als er die Liste durchging. Die Ordnungsliebe seiner Frau frustrierte ihn manchmal, andererseits bewunderte er sie auch dafür, wie effektiv und besonnen sie alles anging. Wäre er allein für das Barbecue zuständig gewesen, hätte es am Ende nur Panik und Chaos gegeben. Aisha dagegen war ein sagenhaftes Organisationstalent, und dafür war er dankbar. Ohne sie bekäme er sein Leben nicht geregelt. Aishas Zuverlässigkeit und Intelligenz hatten einen positiven Einfluss auf ihn, das war ganz klar. Mit ihrer Ruhe glich sie sein impulsives Wesen aus. Selbst seine Mutter – die anfangs strikt gegen seine Beziehung mit einer Inderin gewesen war – musste das zugeben.

»Du kannst von Glück reden, dass du sie hast«, ermahnte sie ihn auf Griechisch. »Weiß der Himmel, was für eine Zigeunerin du dir sonst noch angelacht hättest. Du hast dich kein bisschen unter Kontrolle. Nie hattest du irgendetwas unter Kontrolle.«

Die Worte seiner Mutter fielen ihm ein, nachdem er die Kiste mit dem Obst und dem Gemüse in den Kofferraum geladen hatte und zurück zu den Delikatessen schlenderte. Die junge Frau vor ihm trug enge Jeans, in denen runde, verführerisch kleine Pobacken steckten. Sie hatte lange schwarze Haare, Hector nahm an, dass sie Vietnamesin war. Er ging langsam hinter ihr her. Den Lärm und das Geschrei vom Markt nahm er nicht mehr wahr, es gab nur noch den perfekt schwingenden Arsch vor ihm. Als die Frau in einer Bäckerei verschwand, erwachte Hector aus seinem Tagtraum. Er musste pissen.

Beim Händewaschen auf der Toilette sah er in den verdreckten Spiegel und schüttelte den Kopf.
»Du hast dich kein bisschen unter Kontrolle.«

Er saß im Wagen vor der Praxis, rauchte und hörte Art Blakey and the Messengers. Die scharfen, disharmonischen Bläser bei »A Night in Tunisia« waren gleichzeitig sinnlich und beruhigend. Als er instinktiv nach einer dritten Zigarette griff, drehte er abrupt die Musik aus, sprang aus dem Wagen und ging über die Straße.

Das Wartezimmer war voll. Eine dünne ältere Dame hielt eine Katzenkiste umklammert, aus der in regelmäßigen Abständen klägliche Schreie drangen. Zwei junge Frauen saßen auf einer Couch und blätterten Zeitschriften durch, zu ihren Füßen ein traurig guckender schwarzer Zwergspitz. Connie telefonierte. Als er reinkam, warf sie ihm ein verkniffenes Lächeln zu, dann sah sie weg. Sie vertröstete einen zweiten Anrufer in die Warteschleife und nahm ihr Gespräch wieder auf.

»Ich gehe durch«, flüsterte er ihr zu und zeigte in Richtung Korridor. Sie nickte. Als er am Sprechzimmer vorbei in die Behandlungsräume ging, rang er nach Luft. Connie machte ihm Angst. Sie zu sehen, war nie ganz einfach, es verwirrte ihn jedes Mal, und er fühlte sich wieder wie der schüchterne, verschlossene Junge, der er in der Schule gewesen war. Gleichzeitig verspürte er ein tiefes, befriedigendes Wohlbehagen, ein warmes Gefühl, das seinen ganzen Körper durchströmte. In ihrer Gegenwart fühlte er sich, als trete er aus dem Schatten hinaus in die Sonne. Die Welt kam ihm kälter vor, wenn Connie nicht da war. Ihr nahe zu sein, machte ihn glücklich.

»Was machst du hier?« In ihrer Stimme lag nichts Bedrohliches. Sie hatte die Arme verschränkt, das blonde Haar war zu einem dicken Pferdeschwanz zusammengebunden.

»Scheint viel los zu sein bei euch.«
»Das ist samstags immer so.«
Sie ging zum Röntgentisch rüber und zupfte ein paar Fussel von

dem blauen Abdecktuch. Aus dem Sprechzimmer hörte er einen Hund knurren. Sie weigerte sich, ihn anzusehen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich ihm gegenüber in der Öffentlichkeit verhalten sollte, und das machte ihm jedes Mal bewusst, wie jung sie war: die Pickelchen links unter der Lippe, die Sommersprossen auf ihrer Nase, und wie sie plump die Schultern hängen ließ. Steh gerade, wollte er ihr sagen, du brauchst dich nicht dafür schämen, dass du groß bist.

»Aish hat mich gebeten, ein paar Valium zu holen.« Als er den Namen seiner Frau erwähnte, sah Connie ihn an und schien plötzlich zum Leben zu erwachen.
»Die sind im Sprechzimmer.«
»Ich warte, bis Brendan mit seinem Patienten fertig ist.«
»Ist okay, ich hol sie.« Sie stürmte durch den Korridor und kam mit fünf Tabletten in einer kleinen Plastiktüte wieder. »Reicht das ?«
»Klar.« Er nahm die Tüte und strich dabei mit dem Finger über ihr Handgelenk. Sie schaute zur Seite, zog den Arm aber nicht weg.
»Hast du eine Zigarette für mich?« Sie sah ihm jetzt direkt ins Gesicht, ihre stechend blauen Augen blickten ihn fordernd an. Brendan war überzeugter Nichtraucher und würde es sicher missbilligen, wenn Hector einem Teenager eine Zigarette gab. Nein, kein Teenager, Connie war eine junge Frau. Sie schien ihn provozieren zu wollen. Ihr eindringlicher Blick erregte ihn. Er gab ihr eine Zigarette. Als Connie die Tür zur Veranda öffnete, machte er Anstalten, ihr zu folgen.
»Pass auf Brendan auf, ja? Oder falls jemand reinkommt.« Manchmal klang sie immer noch wie eine Londonerin. Er nickte, und sie warf die Fliegengittertür hinter sich zu.
Durchs Fenster sah er Connie rauchen und saugte ihren Anblick in sich auf. Das dichte blonde Haar, der dralle Hintern und die langen, kräftigen Beine in den zu engen schwarzen Jeans. Ihr anmutig geschwungener Hals. Das Telefon klingelte, sie warf die Zigarette auf den Boden, trat sie aus, nahm den Stummel und schnippte ihn in die Mülltonne. Dann eilte sie an ihm vorbei und ging ans Telefon.
»Guten Tag, Sie sprechen mit der Tierärztlichen Praxis Hogarth Road, Connie am Apparat. Einen Augenblick, bitte.« Sie wandte sich ihm zu. »War sonst noch was?«
Er schüttelte den Kopf. »Wir sehen uns heute Nachmittag.«
Verwirrt sah sie ihn an, und wieder war er beeindruckt von ihrer Jugend, der Naivität, die sie selbst so an sich hasste. Er wollte sie dafür loben, dass sie den Zigarettenstummel in den Müll geworfen hatte, tat es dann aber doch nicht, weil sie es sicher als überheblich empfunden hätte. Was es zum Teil auch war.
»Das Barbecue bei uns«, erinnerte er sie.
Ohne ein Wort wandte sie ihm den Rücken zu.
»So, da bin ich wieder, was kann ich für Sie tun?«
Zu Hause half er Aisha, die Einkäufe auszupacken, ging dann ins Bad und masturbierte heftig über der Kloschüssel. Er dachte dabei aber nicht an Connie. Stattdessen stellte er sich den knackigen Hintern der Vietnamesin vom Markt vor. Er kam nach nicht mal einer Minute, wischte das Sperma vom Rand, warf das Toilettenpapier ins Klo, pinkelte und spülte alles weg. Während er sich die Hände wusch, sah er in den Spiegel und entdeckte zwischen den schwarzen Bartstoppeln an seinem Kinn wieder ein paar graue. Am liebsten hätte er seinem Spiegelbild mit der Faust ins Gesicht geschlagen.

Kurz bevor die Gäste eintreffen sollten, fingen Adam und Melissa an zu streiten. Aisha hatte auf dem Küchentisch ein Festessen angerichtet: ein Linsen-Dal, Samosas und Curry-Auberginen, einen Kartoffelsalat und einen Salat mit schwarzen Bohnen und Dill. Er stand vor dem Herd und wartete darauf, die Calamari in die Pfanne zu werfen, als er seine Tochter wütend schreien hörte. Bevor er losbrüllen konnte, kam Aisha aus dem Bad gerannt. Sie versuchte zu schlichten, aber Melissa drehte immer mehr auf, und jetzt hörte er auch Adam weinen. Aishas Stimme ging bei dem Geschrei vollkommen unter. Hector warf die Hälfte der CalamariRinge in die Pfanne, schaltete die Hitze runter und ging nach dem Rechten sehen.

Melissa hatte die Arme um den Hals ihrer Mutter geschlungen, und Adam saß auf dem Bett und schmollte.
»Was ist los?«
Das war die falsche Frage. Beide Kinder fingen gleichzeitig an zu brüllen. Hector hob die Hand. »Ruhe!«
Melissa war sofort still, bis auf ein paar tiefe, traurige Seufzer. Ihr liefen immer noch die Tränen übers Gesicht.
Er sah seinen Sohn an. »Was ist los?«
»Sie hat mich ein fettes Schwein genannt.«
Womit sie nicht ganz unrecht hatte.
»Was hast du ihr getan?«
Aisha schaltete sich ein. »Hört zu, ihr beiden, ich will, dass ihr euch heute benehmt. Es ist mir egal, wer angefangen hat. Ihr setzt euch jetzt ins Wohnzimmer und seht fern, bis die Gäste kommen. Abgemacht ?«
Melissa nickte, aber Adam guckte immer noch mürrisch. »Da brennt irgendwas an«, brummelte er.
»Scheiße!«, Hector raste in die Küche und drehte schnell die Ringe um. Öl spritzte auf sein Hemd. Er fluchte. Aisha stand in der Tür und lachte.
»Was ist daran so komisch? Ich habe das Hemd gerade frisch angezogen.«
»Vielleicht hättest du dich erst umziehen sollen, nachdem du die Calamari gemacht hast.«
Für einen kurzen Moment stellte er sich vor, die Pfanne nach ihr zu werfen. Sie kam auf ihn zu und ließ die Hand unter sein Hemd gleiten, ihre Finger waren angenehm kühl.
»Lass mich das machen«, flüsterte sie. »Geh du hoch und zieh dich um.«
Es kitzelte, wo sie ihn berührt hatte.

Seine Eltern waren die Ersten. Durchs Schlafzimmerfenster sah er sie Taschen und Behälter aus dem Kofferraum laden. Er ging hinaus, um sie zu begrüßen.

»Wozu habt ihr das alles mitgebracht?« Sein Vater hielt eine Schale mit Koteletts und Steaks in den Händen. »Ich habe heute Morgen auf dem Markt genug Fleisch gekauft.«

»Ist schon gut, Ecttora«, antwortete seine Mutter auf Griechisch und küsste ihn auf beide Wangen, in den Händen zwei große Schüsseln Salat. »Wir sind schließlich weder Barbaren noch Engländer. Wir bringen etwas mit, wenn wir zum Barbecue eingeladen sind. Was wir heute nicht schaffen, können die Kinder und du ja morgen essen.«

Morgen ? Sie würden die ganze Woche davon essen können. Die Eltern stellten ihre Tabletts und Schüsseln auf den Küchentresen. Seine Mutter tätschelte Aisha kurz die Wange und lief dann weiter ins Wohnzimmer, um den Kindern Hallo zu sagen. Sein Vater umarmte Aisha.

»Ich hole den Rest vom Essen aus dem Auto.«
»Ihr habt noch mehr dabei?« Aishas Stimme klang warm und herzlich, aber Hector bemerkte die Anspannung um ihre Mundwinkel.
»Nur ein paar Dips und so, oder?«, fragte Hector.
»Ja«, erwiderte sein Vater. »Ein paar Dips, Getränke und etwas Käse und Obst.«
»Wir haben viel zu viel«, flüsterte Aisha.
Lass sie, wollte er sagen, sie waren schon immer so. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Warum überrascht dich das überhaupt noch ?
»Ist schon in Ordnung«, flüsterte er zurück. »Was heute nicht wegkommt, essen wir in den nächsten Tagen.«

Innerhalb einer Stunde war das Haus voll. Seine Schwester Elisavet kam mit ihren beiden Kindern Sava und Angeliki. Aisha legte Toy Story in den DVD-Player, der Film kam immer wieder gut an. Hector hatte eine Menge übrig für seinen Neffen Sava, der ein Jahr jünger war als Adam, aber schon selbstbewusster und gebildeter wirkte, und auch mutiger als sein eigener Sohn. Sava war schlank und agil, körperbewusst. Er hatte direkt vor dem Bildschirm Platz genommen, sprach die Dialoge unhörbar mit und tat so, als sei er Buzz Lightyear. Adam saß im Schneidersitz neben ihm. Die Mädchen, Melissa und Angeliki, hatten es sich auf der Couch gemütlich gemacht, sahen sich den Film an und flüsterten miteinander.

»Es ist so schön draußen, ihr solltet rausgehen und spielen.« Die vier ignorierten ihre Großmutter.
»Schon gut, Koula, lass sie den Film sehen.«
Seine Mutter ignorierte wiederum Aisha und sagte auf Griechisch zu Hector: »Immer sitzen sie vor diesem verdammten Fernseher.«
»Genau wie wir damals, Mutter.«
»Das stimmt nicht.« Mit diesen Worten schob sie ihn beiseite

und marschierte in die Küche. Sie nahm Aisha das Messer aus der Hand. »Lass mich das machen, Liebes.«
Der Rücken seiner Frau verspannte sich. Das Wetter war perfekt, ein tropischer Spätsommernachmittag unter blauem Himmel. Sein Cousin Harry kam mit seiner Frau Sandi und ihrem Sohn, dem achtjährigen Rocco, und kurz darauf erschienen Bilal und Shamira mit ihren beiden Kindern. Der kleine Ibby rannte sofort ins Wohnzimmer und ließ sich neben Adam und Sava fallen, wobei er sie kaum zur Kenntnis nahm und die Augen auf den Bildschirm heftete. Sonja, die Kleinste, klammerte sich ängstlich an den Knien ihrer Mutter fest, aber dann lockte sie das Lachen aus dem Wohnzimmer doch allmählich aus der Küche weg und sie setzte sich schweigend zu den anderen. Aisha stellte ein Tablett mit Hacktörtchen und Würstchen im Teigmantel auf den Couchtisch, und die Kinder machten sich sofort darüber her.

Hector ging mit Bilal nach hinten in den Garten, sein Vater reichte beiden ein Bier.
Bilal lehnte mit dezentem Kopfschütteln ab.
»Komm schon, nur eins.«
»Ich trinke keinen Alkohol mehr, Manoli. Das weißt du doch.«
Hectors Vater lachte. »Du bist bestimmt der einzige Aborigine in Australien, der nicht trinkt.«
»Nein. Ich glaube, in Townsville soll es auch noch einen geben.«
»Ich hol dir eine Cola.«
Während sein Vater in Richtung Veranda schlurfte, entschuldigte sich Hector bei seinem Freund.
Bilal hob abwehrend die Hand. »Mach dir deswegen keine Sorgen. Er kennt mich noch aus der Zeit, als ich dauernd betrunken war.«
»Das waren wir doch alle, oder?«
Es war kurz vor Ende der Schulzeit gewesen, damals nannte sich Bilal noch Terry. In Hectors Erinnerung war ihre Jugend eine einzige endlose Party gewesen, Clubs, Konzerte, Drogen, Alkohol, Mädchen. Manchmal gab es auch Ärger – zum Beispiel als sie nachts vor dem Inflation in der King Street standen und der Türsteher Terry nach einem Blick in sein stolzes, dunkles, pockennarbiges Gesicht den Eintritt verwehrte. Hector holte aus und versetzte ihm einen Schlag mitten auf die Nase. Der Kerl brüllte los und stürzte sich auf sie, warf Hector gegen einen geparkten Wagen – er wusste noch, dass es ein Jaguar war –, hielt mit dem einen Arm Terry auf Abstand und prügelte mit dem anderen immer wieder auf Hector ein, in den Rücken, ins Gesicht, in den Magen, in die Weichteile. Eine Woche lang lag er flach, und obendrein war Terry auch noch wütend auf ihn, weil er überhaupt damit angefangen hatte. »Du dämlicher Kanake, hab ich dich vielleicht gebeten, mich zu verteidigen?«
Hectors Mutter hatte natürlich die ganze Schuld auf seinen Freund geschoben. »Dieser Terry ist eine Bestie«, schrie sie. »Warum bist du mit diesem mavraki befreundet, diesem Eingeborenen, der nichts anderes kann als sich betrinken.« Aber sie waren immer gute Freunde gewesen, schon seit der achten Klasse, und diese Freundschaft blieb auch bestehen, als Terry zur Fachhochschule ging, um Gebärdensprache zu studieren, während Hector sich an der Uni für ein Wirtschaftsstudium einschrieb. Inzwischen waren sie Anfang vierzig und lebten immer noch in derselben Gegend, in der sie aufgewachsen und zur Schule gegangen waren. Diese Kontinuität wussten sie beide zu schätzen, auch wenn sie sich nur selten sahen. Terry hatte den Islam für sich entdeckt, seinen Namen geändert und aufgehört zu trinken, um sich seinem neuen Glauben zu widmen und sich um seine Familie zu kümmern. Es freute Hector zu sehen, wie er die Cola von Manolis entgegennahm und sich mit seinen paar Brocken Griechisch bedankte, die Hector ihm mit vierzehn beigebracht hatte. Hector wusste, dass Bilal heute glücklicher war als jemals zuvor. Er verlor sich nicht mehr in seiner Zerstörungswut, begab sich nicht mehr ständig in Gefahr oder forderte den Tod heraus. Aber Hector vermisste auch die Nächte, in denen sie sich betranken, lachten, Musik hörten und high waren. Er wünschte, er könnte seinen Freund in zwei teilen: In erster Linie wollte er, dass er Bilal war, aber manchmal hätte er auch gern einen Abend mit Terry verbracht. Diese Zeiten waren lange her.

Kurze Zeit später erschienen Hectors Arbeitskollegen von der Behörde. Dedj kam mit einem Kasten Bier herein, zusammen mit Leanna, die eine Flasche Wein in der Hand hielt. Ihnen folgte ein dunkelhäutiger Mann, etwas jünger als der Rest von ihnen – Hector schätzte ihn auf ungefähr dreißig –, unrasiert und mit mürrischem Blick. Das Gesicht kam ihm bekannt vor. Hector fragte sich, ob er mit Dedj oder mit Leanna da war. Dedj stellte das Bier auf den Rasen, umarmte Manolis und küsste ihn dreimal auf die Wangen. Er zeigte auf den Unbekannten.

»Das ist Ari.« Hectors Vater fing etwas Smalltalk auf Griechisch an, aber Aris Griechisch war gebrochen und unbeholfen. Also wandte sich Manolis ab und konzentrierte sich wieder auf die Kohlen.

»Lass doch, Papa. Es dauert noch, bis wir essen.« »Nein, Manoli, kümmere du dich ruhig um den Grill. Der braucht ein paar Stunden, bis er richtig glüht.«
»Siehst du?«, triumphierte sein Vater. »Deine Frau hat mehr Grips als du.« Der alte Mann legte den Arm um seine Schwiegertochter, und Aisha drückte seine Hand.
»Aish, das ist Ari.«
Hector fiel auf, wie der junge Mann sie bewundernd ansah, und war stolz auf seine schöne Frau.
»Du kommst mir irgendwie bekannt vor, Ari. Haben wir uns schon mal irgendwo gesehen?«
Er nickte. »Yep, wir sind im selben Fitnessstudio.« Ari zeigte in Richtung Westen. »Gleich um die Ecke.«
»Stimmt.« Jetzt erkannte auch Hector ihn. Er war einer der Typen, die eigentlich immer da waren. Hector ließ sich bestenfalls sporadisch blicken. Seine morgendlichen Übungen waren die einzige sportliche Konstante in seinem Leben. Diese Woche würde er wohl hingehen müssen, um die Kalorien vom Barbecue loszuwerden. Und dann dauerte es wahrscheinlich wieder Wochen bis zum nächsten Mal. Ari gehörte bestimmt zu der Sorte, die die ganze Zeit im Northcote Gym abhingen und deren soziales Leben in erster Linie dort stattfand.
Als Nächstes kamen Aishas Freunde Rosie und Gary mit ihrem dreijährigen Sohn Hugo. Hugo sah aus wie ein Engel. Er hatte das strohblonde Haar und die fast gespenstisch glasig-blauen Augen seiner Mutter geerbt. Der Junge sah bezaubernd aus, aber Hector hatte ihn schon von einer weniger hübschen Seite kennengelernt und traute ihm nicht über den Weg. Als Einjähriger hatte er Aisha einmal getreten, während sie auf ihn aufgepasst hatten. Sie hatten immer klare Bettgehzeiten für ihre eigenen Kinder gehabt, aber Hugo waren solche Regeln fremd. Er hatte geweint und gebrüllt und dann angefangen, um sich zu treten, als Aisha ihn hochhob und ins Bett bringen wollte. Wie ein wildes Tier hatte er sich gewehrt und sie dabei am Musikantenknochen erwischt. Sie hatte vor Schmerzen aufgeschrien und den Jungen fast fallen gelassen. Hector hätte ihn am liebsten an die Wand geworfen. Stattdessen hatte er Hugo seiner Frau aus den Armen gerissen, ohne ein Wort ins Schlafzimmer getragen und aufs Bett geschmissen. Er wusste nicht mehr genau, was er gesagt hatte, auf jeden Fall hatte er ihm irgendetwas direkt ins Ohr gebrüllt, woraufhin Hugo zusammengezuckt und in ein langes, ungläubiges Schluchzen ausgebrochen war. Als ihm bewusst geworden war, wie sehr er den Jungen verängstigt hatte, hatte Hector ihn auf den Arm genommen und in den Schlaf gewogen.
»Und, was gibt es zu trinken?« Gary rieb sich die Hände und sah Hector erwartungsvoll an.
»Ich hole dir etwas«, antwortete sein Vater. »Willst du Bier?«
»Ja, danke, Manny, irgendwas.«
»Lass mal, Papa, ich geh schon.«
Gary würde bald betrunken sein. Wie sonst auch. Es war eine Art Running Gag in der Familie, sehr zum Missfallen von Aisha, die nicht wollte, dass man über ihn herzog. Gary und Rosie kamen seit Jahren immer mal wieder zu Weihnachten zu ihnen, und jedes Mal, wenn Rosie am Ende ihren torkelnden Mann durch die Tür geleitete, drehte sich Hectors Mutter zu den anderen Griechen um, hob die Augenbrauen und rief, Australezi, was erwartet ihr? Es liegt ihnen eben im Blut!
Hector nahm ein Bier aus der mit Eis gefüllten Badewanne. Im Wohnzimmer lief die DVD. Er hörte, wie Adam den anderen Hugo vorstellte, und lächelte. Er klang wie Aisha, höflich und zuvorkommend.
Inzwischen waren auch Anouk und Rhys eingetroffen. Anouk sah aus, als wollte sie auf eine Cocktailparty statt zu einem Barbecue im Grünen. Ihr schwarzer Jeansrock reichte gerade mal bis an die Knie, und darunter blitzte ein Stück perlweiße Haut oberhalb der schwarzen Lacklederstiefel hervor. Sie trug eine durchsichtige schokoladenbraune Seidenweste über einem raffiniert gemusterten schwarzen SpitzenBH. Hector beobachtete, wie seine Mutter bei Anouks Anblick die Lippen zusammenkniff und wütend das Gemüse auf dem Küchentresen klein schnitt. Aber als sie Anouks Freund vorgestellt wurde, hellte sich ihr Gesicht wieder auf. Rhys war Schauspieler in der Soap, für die Anouk Drehbücher schrieb, und auch wenn Hector die Serie noch nie gesehen hatte, war ihm sein Gesicht doch irgendwie bekannt. Er schüttelte ihm die Hand. Anouk küsste ihn auf die Wange. Ihr Atem roch süß und ihr Parfüm betörend, es duftete nach Honig und etwas Scharfem, Herbem. Es war mit Sicherheit teuer.
Hector wollte gerade Sonny Rollins auflegen, als ihm jemand auf die Schulter klopfte. Er drehte sich um und sah Anouk mit einer CD in der Hand.
»Kein Jazz. Aisha kann keinen Jazz mehr hören.« Sie klang ziemlich bestimmt, und er nahm die CD gehorsam entgegen. Sie war selbstgebrannt, und die Worte »Broken Social Scene« waren mit dickem blauen Edding auf den Rohling geschrieben.
»Leg die auf. Sie ist von Rhys. Hören wir uns doch mal an, worauf die jungen Leute heutzutage so stehen.«
Er legte die CD ein, drückte auf Play, stand auf und grinste sie an. »Die jungen Leute, ja? Also beschissener R & B, nehme ich an.«
Vom Grill zog jetzt schwarzer Rauch herüber, und Hector musste sich beherrschen, seinen Vater nicht anzupflaumen. Also machte er stattdessen die Runde und goss den Gästen nach, während Aisha die Samosas brachte. Die Frauen waren nach und nach aus dem Haus gekommen, und inzwischen standen alle auf dem Rasen oder auf der Veranda und tranken oder bissen in die köstlichen Pasteten. Ari hatte sich von der Gruppe entfernt und inspizierte den Garten. Harry gab bekannt, er habe Rocco an einer Privatschule in Strandnähe angemeldet, und wurde deswegen sofort von Gary angegriffen. Hector hielt sich aus der Sache raus. Sandi hingegen wandte ein, dass die Schule in ihrer Gegend nicht für ihren Sohn geeignet sei, da das Gebäude heruntergekommen und die Klassen viel zu groß seien. Sie wollte ihr Kind ja auf eine staatliche Schule schicken, aber es gab in ihrer Umgebung keine, die annehmbar gewesen wäre. Hector wusste, dass das unmöglich stimmen konnte. Sandi und Harry waren ihrer Unterschichtenkindheit entflohen und lebten jetzt in einer Topwohngegend.
»Hör zu«, unterbrach Harry seine Frau. Hector spürte, wie sehr Garys Kritik seinen Cousin wurmte. »Du brauchst mir nichts über staatliche Schulen erzählen, mein Freund, ich war selbst an einer. Das war damals schön und gut, aber ich werde Rocco hier bestimmt nicht auf die Highschool schicken. Die Zeiten haben sich geändert – die Regierung, egal ob Labor Party oder die Liberalen, kümmert sich einen Scheiß um Bildung. Jede Menge Drogen, aber dafür zu wenig Lehrer.«
»Drogen gibt es überall.«
Harry wandte sich ab und flüsterte Manolis auf Griechisch zu: »Den Australiern sind ihre Kinder scheißegal.«
Sein Vater lachte, und plötzlich meldete sich Hectors Mutter zu Wort.
»Aber was, wenn alle schicken ihre Kinder an private Schulen. Das ist schlecht für staatliche. Dann gehen nur sehr, sehr arme Menschen hin, und die Regierung gibt kein Geld mehr. Ich finde das furchtbar. Ich bin froh, ich habe meine Kinder an staatliche Schule geschickt.«
»Das waren andere Zeiten. Die Welt ist seitdem vor die Hunde gegangen. Heute ist jeder auf sich allein gestellt. Ich bin immer noch für öffentliche Schulen, versteht mich nicht falsch, aber ich setze für meine Überzeugung nicht Roccos Bildung aufs Spiel. Sandi und ich sind beide für ein staatliches Bildungssystem – daran ändert sich nichts.«
»Wie soll das gehen?« Plötzlich schaltete sich auch Bilal ein, der bis dahin nur zugehört hatte. »Du weißt doch gar nicht, wie es an der Highschool aussieht. Woher willst du dann wissen, womit meine Kinder sich auseinandersetzen müssen?«
»Ich kann verdammt nochmal Zeitung lesen.«
Bilal lächelte und beließ es dabei. Aisha schwieg. Hector wusste, dass ihr die Unterhaltung nicht gefiel. Immerhin kam dasselbe Thema mit zunehmend unangenehmer Regelmäßigkeit zwischen ihnen beiden auf. Sie machte sich Sorgen um Adams mangelnde schulische Fähigkeiten und wollte ihn an einer Privatschule anmelden. Hector bezweifelte, dass die Schule schuld war, der Junge war einfach nicht besonders clever. Bei Melissa war das anders. Sie war faul, würde in der Schule aber wahrscheinlich gut klarkommen. Und genau deswegen stellte sich die Frage bei ihr gar nicht. Sie war an der Northcote High gut aufgehoben, mehr als gut. Er fand, dass Privatschulen nicht gut für den Charakter eines Kindes waren. Die Jungs machten immer einen verweichlichten Eindruck, und die Mädchen waren meist eingebildet und kalt.
»Hast du keine Angst, was die Schule aus deinem Kind macht?«
Es war, als hätte Gary seine Gedanken gelesen.
Harry ignorierte ihn und bat Hector auf Griechisch um ein Bier.
Gary ließ nicht locker. »Es stört dich also nicht, dass er mit einem Haufen reicher Snobs rumhängen wird?«
»Hör zu, mein Freund, Roccos Großeltern beiderseits waren Fabrikarbeiter. Sein Vater ist Automechaniker. Ich bin sicher, dass er nicht vergisst, wo er herkommt.«
»Du hast doch eine eigene Werkstatt, oder?«
Hector wusste, dass Garys Fragen nicht böse gemeint waren, dass er ein ernsthaftes Interesse an Menschen hatte und daran, wie sie lebten. Aber er wusste auch, dass sein Cousin aufdringliche Fragen nach seinem Privatleben hasste, und hielt es deshalb für besser einzugreifen.
»Ich denke, es ist Zeit für die Würstchen. Was meinst du, Papa?«
»Fünf Minuten.«
Gary verstummte. Harry hatte ihm den Rücken zugewandt und redete mit Dedjan über Sport. Um Frieden zu stiften, unterhielt sich Sandi weiter mit Rosie über die Kinder.
Nach anfänglichem Widerwillen beteiligte Gary sich bald angeregt an ihrem Gespräch und beschrieb, mit welcher Freude er Hugo aufwachsen sah und versuchte, dessen immer komplexer werdende Fragen zu beantworten. »Wisst ihr, was er mich neulich gefragt hat, als wir im Park schaukeln waren? Er wollte wissen, woher seine Füße Schritte machen können. Das hat mich umgehauen. Hat mich einige Zeit gekostet, das zu beantworten.«
Ja, ja. Wessen Kind hatte diese blöde Frage nicht gestellt? Hector ging rüber zu Ari, der eine Zigarette rauchte und den Gemüsegarten betrachtete, die dunklen, reifen Auberginen, die jeden Moment von ihren dicken farblosen Stengeln zu fallen drohten.
»Willst du was trinken?«
»Ich hab noch mein Bier.«
»Das sind die letzten Melitzanes, die müssen wir in den nächsten Wochen aufbrauchen.«
»Ihr könnt ja Moussaka daraus machen.«
»Ja, vielleicht. Aish kocht viel mit Auberginen. Inder mögen das gern.«
Sie standen schweigend nebeneinander. Hector wusste nicht recht, was er sagen sollte. Aris Gesicht zeigte keinerlei Regung, sein Blick war vollkommen emotionslos.
»Was machst du beruflich?«
»Kurier.« Nur das eine Wort, mehr wollte er nicht preisgeben. Kein Hinweis darauf, ob er selbständig war oder für eine Firma arbeitete oder Teilhaber war. Komm schon, Junge, dachte Hector, hilf mir ein bisschen.
»Bist du auch im öffentlichen Dienst?« Ari zeigte auf Dedj, der sich immer noch mit Harry unterhielt.
»Kann man so sagen.« Es war lächerlich. Warum war es ihm jedes Mal peinlich, wenn er seinen Job erwähnte, als wäre es etwas Unrechtes, als wäre es keine richtige Arbeit? Oder lag es einfach nur daran, dass es so langweilig klang?
Ari schien aufzutauen. »Glück gehabt«, sagte er grinsend. »Guter Job«, fügte er mit übertrieben ausländischem Akzent hinzu.
Hector musste lachen. »Guter Job«, echote er – dasselbe hatten seine Eltern gesagt. Und sie hatten recht. Scheiß aufs Peinlichsein. Was wäre er denn gern gewesen? Rockstar, Jazzmusiker? Das waren alte Teenagerträume.
Er sah rüber zu Dedj und Leanna, die seinen Cousin zum Lachen brachten. Als er seinen Abschluss gemacht hatte, war er dreiundzwanzig und voller Idealismus gewesen. Er hatte sich erfolgreich als Buchhalter bei einer angesehenen internationalen Hilfsorganisation beworben, es aber kein Jahr dort ausgehalten. Das Chaos im Büro und die Feindseligkeit der Kollegen waren unerträglich gewesen: Wenn ihr etwas gegen den Hunger tun wollt, müssen die Bücher stimmen, ihr Blödmänner. Außerdem war die Bezahlung lausig gewesen. Danach hatte er ein Praktikum bei einem multinationalen Versicherungsunternehmen absolviert. Die Arbeit mit Zahlen machte ihm Spaß, er erfreute sich an ihrer Ordnung und Reinheit, aber die Leute, mit denen er zusammengearbeitet hatte, waren ihm zu konservativ gewesen. Selbstbewusst und körperlich fit, wie er war, hatte er nie das Bedürfnis verspürt, sich an Pinkelwettbewerben oder Männerwitzen zu beteiligen. Zwischen Adams und Melissas Geburt wechselte er dreimal den Job. In den darauffolgenden drei Monaten hatte er im Auftrag der Landesregierung gearbeitet. Dedj war der Verbindungsmann zur Behörde gewesen, und die beiden hatten sich von Anfang an gut verstanden. Dedjan war ein starker Trinker, Partylöwe und, wie er, Musikliebhaber. Außerdem war er bei der Arbeit diszipliniert und gut gelaunt. Hector wurde ein Vertrag über ein Jahr angeboten, und obwohl Aisha die mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten beanstandet hatte, stimmte sie widerwillig zu. Irgendwann stellte er fest, dass ihm das akademische Arbeitsklima in der Behörde gefiel. Nach zwanzig Jahren ökonomischen Rationalismus war der Apparat weitgehend verschlankt. Es war sicher kein Rock’n’Roll und auch nicht sexy, aber er wurde respektiert, verrichtete seine Arbeit sorgfältig und bekam von Mal zu Mal mehr Verantwortung übertragen. Inzwischen saß er bequem in der bürokratischen Mitte und verhandelte zwischen der sentimentalen alten Schule und den kapitalistischen Jungspunden. Er hatte jetzt eine unbefristete Stelle, das Nonplusultra, und der Extraurlaub war zum Greifen nah. Für Hector war das Wichtigste, dass Dedj und Leanna und noch drei oder vier andere fast zur Familie gehörten.
»Was ist das?« Eine tiefe Stimme riss Hector aus seinen Gedanken. Ari zeigte in Richtung Zaun auf das verwitterte Kreuz, das auf Mollys Grab stand.
»Da haben wir unseren Hund begraben. Sie gehörte mir, ein dämlicher Irish Setter. Jahrelang war sie bei uns. Die Kinder haben sie geliebt. Aish hat sie gehasst, sie hat mir Vorwürfe gemacht, weil ich sie nicht abgerichtet habe. Aber, du weißt ja, wie Griechen sind. Als würden meine Eltern Geld ausgeben, um einen blöden Hund zu trainieren.«
»Der ist doch bestimmt teuer, so ein Irish Setter.«
»Ich hab sie vom Freund eines Freundes eines Freundes bekommen. Benannt nach Molly Ringwald. Weißt du noch, wer das ist?« »Pretty in Pink.«

»Ja, die scheiß Achtziger, Mann. Alles Mist.«
Ari sah ihn jetzt direkt an, und Hector bemerkte den feurigen Blick seiner pechschwarzen Augen.
»Ich hab etwas Speed dabei. Dedj meinte, du hättest vielleicht
Interesse.«
Hector zögerte. Es war lange her, dass er Speed genommen hatte.
Das letzte Mal wahrscheinlich mit Dedjan, bei einer Weihnachtsfeier. Er wollte gerade ablehnen, als ihm einfiel, dass er am nächsten Tag mit dem Rauchen aufhören wollte. Danach würde er so
schnell nicht wieder mit Drogen in Berührung kommen. »Ja, klar, warum nicht.«
»Macht einen Hunderter die Kapsel.«
»Eine Kapsel? Ich habe früher sechzig fürs Gramm bezahlt.« »Das war wahrscheinlich in den scheiß Achtzigern, was,
Malaka ?«
Sie lachten beide.
»Ist aber gut. Echt.«
»Ja, ja.«
»Nein, wirklich.« Ari schien es ernst zu meinen. »Glaub mir.
Es ist echt gut.«

Hector klopfte die Hälfte des Speeds auf den Klodeckel. Während er zwei dicke, lange Lines legte, kam es ihm plötzlich ziemlich viel vor. Er rollte einen Zwanzig-Dollar-Schein zusammen und zog beide Lines weg. Die Wirkung setzte fast sofort ein. Er war nicht sicher, ob es wirklich das Amphetamin war oder nur die Erinnerung an den Kick, sich etwas Verbotenes reinzuziehen, jedenfalls spürte er mit einem Mal, wie es ihn durchströmte und sein Herz anfing zu pochen. Rhys’ CD lief noch, er fand die Musik weinerlich und anstrengend. Auf dem Weg zurück nach draußen machte er mitten im Stück aus, legte Sly and the Family Stone ein und drehte die Anlage auf. Er sah, wie Anouk sich draußen nach ihm umwandte und belustigt den Kopf schüttelte. Neben ihr stand Rhys und nickte im Takt.
»Die jungen Leute stehen drauf«, rief er ihr zu.
Die Spätnachmittagssonne schien mild, sie saß tief am Himmel und breitete glühend rote Streifen über dem Horizont aus. Hector ging auf die Veranda und zündete sich eine Zigarette an.

Hinter ihm im Haus wurde gezankt, dann weinte ein Kind. Rosie stürmte an ihm vorbei.
Hugo stand in der Küche und war nicht zu beruhigen. Rosie nahm ihn hoch und hielt ihn fest an sich gedrückt. Der Junge brachte kein Wort heraus, nicht einmal ausatmen konnte er.
Hector ging ins Wohnzimmer, wo die vier Jungs schweigend und ängstlich auf dem Sofa saßen. Melissa hatte auch geweint, wischte sich aber schon die Tränen weg. Angeliki sagte als Erste etwas.
»Er wollte die DVD nicht gucken.«
Plötzlich brach es aus allen hervor.
»Wir wollten Spiderman sehen … «
»Er hat mich gehauen … «
»Wir haben gar nichts getan … «
»Er hat mich gekniffen … «
»Wir haben gar nichts getan … «
Aisha kam ins Wohnzimmer. Augenblicklich verfielen die Kinder in Schweigen.
»Spiderman ist ab zwölf. Das dürft ihr heute nicht sehen.«
»Mum!« Adam war wütend.
»Was habe ich gerade gesagt?«
Adam verschränkte die Arme, hütete sich aber davor, weiter zu protestieren.
»Ihr lasst Hugo sehen, was er will. Das ist ein Befehl!«
»Er will Pinocchio gucken.« Sava klang nicht gerade begeistert.
»Dann seht ihr eben alle Pinocchio.«
Hector folgte Aisha in die Küche. Hugo war jetzt still und nuckelte zufrieden an Rosies Brust.
»Warum rauchst du im Haus?«, wollte Aisha wissen.
Hector blickte auf seine Zigarette. »Ich bin nur reingekommen, um zu sehen, was los ist.«
Seine Mutter kam auf ihn zu, nahm ihm die Zigarette aus dem Mund und hielt sie unter den Wasserhahn. »Vorbei«, erklärte sie verächtlich und warf die nasse Kippe in den Abfall. »Kinder streiten ständig wegen nichts. Kein Grund zur Aufregung.« Sie konnte den Blick nicht von dem saugenden Kind abwenden. Es war ihr extrem zuwider, dass Rosie Hugo in diesem Alter noch die Brust gab. Hector war vollkommen ihrer Meinung.

Als Nächster kam Brendan. Connie war nicht bei ihm. Hector schüttelte ihm die Hand und hieß ihn willkommen. Fast hätte er ihn gefragt: Wo ist sie? Warum ist sie nicht mitgekommen?

Brendan küsste Aisha zur Begrüßung. »Connie kommt später nach. Sie wollte noch nach Hause, sich umziehen.«
Connie würde kommen. Pure Freude durchströmte Hector. Er hätte am liebsten laut gerufen und gesungen und den ganzen Garten umarmt, das ganze Haus – selbst Rosie und ihr missratenes Balg.

»Das Zeug ist tatsächlich gut«, flüsterte er Ari zu.
»Ich hab immer was da, falls du etwas brauchst.«
Hector grinste breit und sagte nichts. Nach heute Abend, dachte er, brauche ich nichts mehr. Ich nicht, mein Freund, ich habe es noch nie gebraucht.

Aishas Bruder Ravi aus Perth war inzwischen auch da. Er hatte sich ein paar Tage Urlaub genommen und war in einem schicken Hotel in der Stadt abgestiegen. Er hatte abgenommen und trug ein enganliegendes hellblaues Kurzarmhemd, in dem man seine neuerdings muskulösen Arme bewundern konnte. Sein dunkles Haar war kurzgeschoren.

»Du siehst gut aus, Mann.« Ravi umarmte seinen Schwager und ging dann direkt zu Koula und Manolis, umarmte auch sie und küsste Koula auf beide Wangen.
»Schön, dich zu sehen, Ravi.«
»Danke, gleichfalls, Mrs. S., wie immer. Wann kommen Sie mich mal in Perth besuchen? Meine Eltern fragen ständig nach Ihnen.«
»Wie geht es ihnen?«
»Gut, gut.«
Was auch immer Hectors Mutter gegen ihre Schwiegertochter hatte, in deren jüngeren Bruder war sie ganz vernarrt. Irgendwann am Abend würde sie sich zu Hector setzen und ihm auf Griechisch zuflüstern: Dein Schwager ist ja so was von gut aussehend. Und seine Haut ist so hell. Sie würde es nicht weiter ausführen, aber was sie meinte, war klar. Nicht so wie deine Frau.

Adam und Melissa kamen rausgerannt und stürzten sich auf ihren Onkel. Er hob seine Nichte hoch und packte seinen Neffen an der Schulter. »Kommt mal mit zum Wagen.«

Ravi verwöhnte die Kinder. Hector hörte sie auf dem Weg zum Auto rufen und lachen. Beide kehrten mit einem großen Paket in den Händen zurück. Die anderen Kinder liefen nach draußen auf die Veranda und sahen zu, wie Adam und Melissa sich auf ihre Geschenke stürzten.

»Was ist das?« Sava kniete neben Adam. Unter der Verpackung kam ein neues Computerspiel hervor. Melissa, die geduldiger war, zog vorsichtig das Klebeband ab und faltete das Papier ordentlich zusammen. Ravi hatte ihr ein rosa-weißes Puppenhaus mitgebracht. Sie umarmte ihren Onkel, nahm dann Sonja an die eine Hand, die Schachtel in die andere und sagte:

»Komm, wir gehen in mein Zimmer spielen.« Das ließ sich Angeliki kein zweites Mal sagen.
Die Jungs drehten sich um und sahen Hector an. Er blickte in ihre glänzenden Gesichter, ihre leuchtenden erwartungsvollen Augen, und musste lachen. Adam hielt sein Geschenk fest umklammert.
»Können wir damit spielen?«
Hector nickte. Unter wildem Geschrei stürzten sie ins Haus. »Du verwöhnst sie viel zu sehr.«
»Red keinen Unsinn, Schwesterherz, das sind Kinder.«
Aisha war nicht beleidigt. Hector wusste, wie sehr sie sich freute, dass ihr Bruder in Melbourne war und bei ihrer Party dabei sein konnte. Ravi legte Hector den Arm um die Schulter und schlenderte mit ihm zum Grill.
Gary hatte schon wieder eine Diskussion angefangen, diesmal mit Rhys und Anouk.
Manolis stieß Hector an und sagte auf Griechisch: »Geh und hol die Koteletts.«
»Ist es schon so weit?«
»Jawohl. Dieser Australier trinkt, seit er hier ist. Er muss etwas essen.«
Garys Gesicht war tatsächlich schon rot. Leicht lallend bombardierte er Anouk mit Fragen und tippte ihr dabei anklagend mit dem Finger gegen die Brust. »Das ist totaler Quatsch. So läuft das nicht ab im wahren Leben.«
»Das ist Fernsehen, Gary, kommerzielles Fernsehen.« Anouk schaffte es, gleichzeitig bissig und gelangweilt zu klingen. »Nein, du hast recht, so läuft das nicht ab im wahren Leben.«
»Aber der Mist, den ihr da verzapft, beeinflusst Millionen von Menschen auf der ganzen Welt! Jeder denkt, in australischen Familien geht es zu wie in eurer Serie. Willst du nicht etwas Sinnvolleres mit deiner Schreiberei anfangen?«
»Doch. Deswegen schreibe ich ja diese Drehbücher. Damit ich das finanzieren kann, was ich eigentlich schreiben will.«
»Und wie viel bringst du davon zustande?«
»Vierzigtausend Wörter bisher.«
Anouk drehte sich zu ihrem Freund um. »Halt den Mund, Rhys.«
»Warum? Stimmt doch.« Er wandte sich an Hector. »Das hat sie mir heute Morgen erzählt. Sie hat schon vierzigtausend Wörter von ihrem Roman geschrieben.«
Gary schüttelte den Kopf und starrte traurig in sein Bier. »Ich verstehe einfach nicht, wie du diesen Scheiß schreiben kannst.« »Das ist ganz leicht, Gary. Du könntest das auch.«
»Ich will es aber nicht. Ich will nicht Teil dieser üblen Schwanzlutscher-Industrie sein.«
Harry zwinkerte Anouk zu. »Ich mag die Serie.«
»Was magst du daran?«
Harry ignorierte Gary.
»Was magst du daran?« Gary wurde lauter.
Was für eine Nervensäge. Von ihm hatte Hugo das also. Jetzt blinzelte Harry Hector zu. »Man kann gut dabei abschalten. Manchmal ist es genau das, was man braucht, eine halbe Stunde Unterhaltung.«
Sandi hakte sich bei ihrem Mann unter. Sie lächelte Rhys an, der zurücklächelte. »Ich finde dich sehr gut in der Serie«, sagte sie schüchtern.
Hector unterdrückte ein Lachen. Er sah rüber zu den anderen, die auf Gartenstühlen saßen und aufmerksam zuhörten. Dann fiel sein Blick auf Dedjan, und er musste vor Freude schmunzeln, als er ihn die Worte wiederholen sah: Ich finde dich sehr gut in der Serie. Hector, der die Frau seines Cousins wirklich mochte, sagte nichts dazu. Er sah wieder in die Runde und lächelte Sandi herzlich zu. Sie war schlank und fast so groß wie ihr Mann. Die Kombination aus Model-Körper und dem Stil einer Südeuropäerin – das toupierte, gefärbte Haar, die langen, lackierten Nägel, das zu starke Make-up – bewirkte, dass die Leute sie für ein hübsches Dummerchen hielten. Was sie nicht war. Sandi hatte vielleicht keinen Uni-Abschluss, aber sie war klug, warmherzig und loyal. Harry konnte sich glücklich schätzen. Ein paar Tage die Woche arbeitete sie immer noch an der Kasse einer seiner Werkstätten. Das hätte sie nicht gemusst. Harry schwamm in Geld, er ritt auf der scheinbar endlosen Welle des Wirtschaftsbooms. Sein Cousin hatte verdammtes Glück.
Hector warf einen Blick zum Tor, das den Garten von der Einfahrt trennte. Wo war sie? Sie hätte längst hier sein sollen.
»Warum findest du ihn gut darin?« Gary biss sich gern in etwas fest, er wollte einfach nicht aufgeben. Er blickte Sandi direkt in die Augen, was sie irritierte. Sie wusste nicht, ob er sich über sie lustig machte. Hector vermutete, dass er es ernst meinte. Gary lebte in einer anderen Welt, und das war einer der Gründe, warum er nicht allzu viel mit ihm zu tun haben wollte und ihm lieber aus dem Weg ging. Mit Gary gab es keinen Smalltalk, keine Leichtigkeit. Selbst wenn die Gespräche harmlos waren, lag in seinen Fragen und Kommentaren immer eine unterschwellige Nervosität. Gary traute niemandem, so viel war klar.
Sandi war verstummt. Als Hector ihr die Hand auf die Schulter legte, hob sie plötzlich den Kopf. Aber es war Rhys, den sie ansah, Gary ignorierte sie.
»Ich fand dich letztes Jahr sehr gut, als sie dich eingesperrt haben, weil sie dachten, du hättest Sioban getötet.« Ein leichtes Flirten lag jetzt in ihrem Lächeln. »Ich war mir die ganze Zeit nicht sicher, ob du es nicht wirklich warst.«
Du heilige Scheiße! Sah sie sich das tatsächlich an?
Gary nickte aufmerksam. Dann wandte er sich dem Schauspieler zu und musterte ihn von oben bis unten – das legere, aber teure Baumwoll-Cowboyhemd, die schwarzen Jeans, die Gürtelschnalle mit der Konföderiertenflagge.
»Du hast also einen Mann in Vermont erschossen, ja? Nur um ihn sterben zu sehen.«
Hector konnte nicht anders, er musste laut lachen. Er war sich ziemlich sicher, dass auch Anouk zumindest ein empörtes, wenngleich hinterhältiges Grinsen unterdrückte. Gary war ein Arsch, aber ein cleverer Arsch. Hector hatte höchstens mal irgendwo einen Fetzen von der Serie aufgeschnappt, aber es hatte gereicht, um zu wissen, dass Rhys nie ein großer Schauspieler sein würde. Er war ein zweitklassiger Joaquin Phoenix, der Johnny Cash spielte. Seine Zukunft waren Lifestyle-Shows, in denen Reisen oder Eigenheimrenovierungen verhökert wurden. Vermont war perfekt, Vermont traf den Nagel auf den Kopf. Rhys roch förmlich nach Privatschule, nach nahrhaftem Frühstück und der Langeweile einer wohlbehüteten Kindheit in den östlichen Vororten der Stadt. Wenigstens hatte er so viel Anstand, rot zu werden.
»Das verstehe ich nicht.«
»Das ist eine Zeile aus einem Johnny-Cash-Song«, erklärte Hector Sandi.
»Verstehe ich immer noch nicht.«
Gary zeigte mit der Bierflasche auf Rhys. »Ich wollte nur meinen Respekt vor dem leidenden Künstler zum Ausdruck bringen.«
Lag es am Speed? Hector hatte das Gefühl, dass Anouk sich jeden Moment auf Gary stürzen konnte. Schnell und gefährlich wie ein Hai.
»Auch Gary ist ein leidender Künstler. Extrem sogar.«
»Ich bin ein einfacher Arbeiter, Anouk«, knurrte Gary. »Das weißt du.«
»Ja, hauptberuflich.« Anouk klang unschuldig und vernichtend zugleich. »Gary reicht es nicht, das Salz der Erde zu sein. In Wirklichkeit ist er Maler, ein visueller Künstler.« Sie war wie Kleopatra und die Schlange in einem, ruhig und gelassen, doch ihre Worte saßen wie ein giftiger Biss. Als Rosie ihnen damals Gary vorgestellt hatte, hatte er behauptet, Maler zu sein. Hector bezweifelte, dass Gary in den letzten Jahren eine Leinwand angefasst hatte – und das war auch gut so. Er war grottenschlecht.
Anouks Worte hatten ihr Ziel nicht verfehlt. Gary sah aus, als würde er gleich explodieren. Hector betrachtete das Ganze wie aus weiter Ferne. Er wartete darauf, dass die Spannung unerträglich wurde und Gary sich schließlich nicht mehr beherrschen konnte. Ohne einen kleinen verbalen Schlagabtausch zwischen den beiden wäre es keine richtige Party gewesen. Sein Vater kümmerte sich um das Fleisch und die Würstchen und beachtete die anderen nicht weiter. Ich bin wie mein Vater, dachte Hector, ich halte mich lieber raus. Ich will einfach nichts damit zu tun haben.
Aus dem Haus erklang hysterisches Geheul. Anouk wandte sich mit einem eiskalten Lächeln von Gary ab. »Ich nehme an, das ist wieder dein Kind.«
»Unbarmherzig seziert er die australische Mittelschicht, eine Gesellschaft voller Heucheleien, Kränkungen, Beleidigungen. Ein Pulverfass.«
Simon Broll, SPIEGEL Online, 05.03.2012

»In einer quasi spiralförmigen Bewegung, ähnlich den Kreisen, die ein auf die Oberfläche eines scheinbar ruhigen Sees aufschlagender Stein entstehen lässt, führt er seine Leser vom Thema der Ehe hin zu den Schwierigkeiten der Familie, um letztlich den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt in Augenschein zu nehmen, für den die Familie auch in diesem Roman als mikroskopisches Abbild fungiert«
Claudia Kramatschek, Neue Zürcher Zeitung, 25.07.2012

»Ein farbiges, packendes Buch … Gebannt folgen wir ihren Geschichten, denn Christos Tsiolkas gelingt ein doppeltes Kunststück. Er hat ein Buch geschrieben, das ein intelligenter Reisser ist, ein Page-Turner, den man nicht mehr aus der Hand legt, bis man auf der letzten Seite angelangt ist, zugleich aber ein Buch mit formalem Anspruch.«
Manfred Papst, Neue Zürcher Zeitung, 11.03.2012

»Das australische Sittengemälde des aus Melbourne stammenden Christos Tsiolkas verhandelt äußerst lebendig Fragen: Herkunft, Moral, Ehre, Toleranz, Zusammenhalt, Zerwürfnis.«
stern, 03.05.2012

»[Ein] Gesellschaftsroman ... den Sie so schnell nicht wieder aus der Hand legen werden.«
Myself, Juli 2012

»Dass all diese Figuren aber durchaus nachvollziehbare Gründe für ihr Verhalten haben und uns dadurch ans Herz wachsen - das beweist, was für ein grosser Autor Christos Tsiolkas ist.«
Thomas Bodmer, Tages-Anzeiger, 07.03.2012

»Ein Prachtstück heutiger Literatur: stark erzählt, gewaltig komponiert, bis zum letzten Wort fesselnd.«
Arno Renggli, Neue Luzerner Zeitung, 05.04.2012

»Grandioser Einblick in die scheinheilige Vorstadtidylle Melbournes.«
ELLE, April 2012

»Ein gnadenlos guter Gesellschaftsroman!«
Tanja Beuthien, Freundin, 3/2012

»Ein grandioser Gesellschaftsroman: bissig, hellsichtig und mit viel Liebe für seine strauchelnden Figuren.«
Annabelle, 22.02.2012

»Tsiolkas stülpt sehr gekonnt das Innere seiner Figuren nach außen, zeigt, wie sie fühlen und wie sie danach handeln.«
Cord Beintmann, Stuttgarter Zeitung, 02.03.2012

»Es ist „nur eine Ohrfeige“. Aber sie zeigt eine Wahrheit zu der alle Stellung beziehen müssen … Tsiolkas erzählt aus acht verschiedenen Perspektiven. Und macht seinen Roman damit zu einem Seelenpanoptikum. Die Identifikationsmöglichkeiten sind zahlreich und der Leser gerät immer tiefer in den Strudel des Loyalitätskonflikts. Wer hat Recht? Wer trägt Schuld?«
Claudia Lehnen, Kölner Stadt-Anzeiger, 25./26.02.2012

»Ein Roman, der die Seelenlage der heutigen „mittleren Generation“ mit all ihrer vermeintlichen Sorglosigkeit an manchem Nerv pfeilgenau trifft.«
Christian Mückl, Nürnberger Zeitung, 27.02.2012

»Hervorragend, aber so roh, so bissig, so böse, dass man zuweilen hofft, er überzeichne ein wenig.«
Renata Schmid, Kulturtipp, August 2012

»Erhellend.«
Kieler Nachrichten, 19.9.2012

»Der grandiose Roman "Nur eine Ohrfeige" von Christos Tsiolkas ist ein literarischer Rundumschlag, ein nachdenklich stimmendes Generationenporträt und eine schonungslose Bestandsaufnahme moderner Lebensentwürfe ... Tsiolkas reißt seinen Figuren behutsam die Masken vom Gesicht und lässt sie in ihrer ganzen Blöße dastehen ... Ganze Denkwelten der westlichen Hemisphäre lotet er aus und hinterfragt ungemein scharfsinnig die Bedeutung von Liebe, Familie und Freundschaft.«
Anke Breitmaier, Offenbach Post, 03.04.2012

»Ein zu Recht gefeierter Roman, der subtil einen Blick hinter die Fassaden von Suburbia wirft.«
Ulrich Rüdenauer, Meier, Juni 2012

»Ein genialer Gesellschaftsroman über modernes Familienleben.«
Dresdner Morgenpost, 28.02.2012

»Ja, bei diesem Roman von Christos Tsiolkas kann man von einem großen Wurf sprechen, von einer echten Entdeckung, die sprachlich, formal und inhaltlich einiges zu bieten hat.«
Erik Lim, Hohenloher Tagblatt, 17.4.2012
Klett-Cotta Roman, aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner (Orig.: The Slap)
2. Aufl. 2012, 510 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93902-6
autor_portrait
John Tsiavis

Christos Tsiolkas

Christos Tsiolkas, geboren 1965 im australischen Melbourne als Sohn griechischer Immigranten, arbeitet u.a. fürs Theater und Fernsehen. Mit »Nur eine...

http://www.youtube.com/v/fkf8hiO1zXU

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