Ein Roman über undurchsichtige Bedrohungslagen, der unter die Haut geht.
»Man schlägt das Buch zu, das er geschrieben hat, und die Welt ist eine andere geworden.«
Gert Scobel (3sat, scobel, 12.6.08)
»Der Erfinder des Cyberpunk reist darin erstmals rückwärts in die Zeit - denn nichts ist futuristischer als das Gestern. ...«
Uh-Young Kim (Spiegel-Online, 22.3.2008)
Hollis Henry wird angeheuert, für ein rätselhaftes Magazin zu schreiben. Schnell merkt sie, dass sie nicht auf eine neue Cyber-Kunstform angesetzt wurde, sondern auf einen Frachtcontainer voller Dollarnoten. Doch wofür ist das Geld? Ein Exil-Kubaner, der einen merkwürdigen Geheimcode beherrscht, und ein philosophierender Junkie kreuzen ihre Wege ...
Hollis, eine ehemalige Kultbandsängerin, Tito, der sich von Santería-Göttern leiten lässt, der undurchsichtige Brown und seine Geisel Milgrim, der autistische Technologiefreak Bobby, ein skrupelloser Werbemogul und der mysteriöse »Alte« als Strippenzieher im Hintergrund - jeder verfolgt jeden, jeder überwacht jeden. Doch alle wollen in Wirklichkeit nur eines: einen Frachtcontainer mit hundert Millionen Dollar, der mit unbekanntem Ziel über die Meere schippert. Es ist wie ein Spuk.
Schillernde Figuren und eine spannungsgeladene Handlung verbindet William Gibson in seinem neunten Roman zu einer Innenschau unserer paranoiden, postmodernen Welt. Überall lauern im Quellcode unserer Gesellschaft Gefahren, die nicht mehr lokalisiert werden können. Die eigentlich Mächtigen bleiben virtuell.
Ein Gefühl der Bedrohung liegt über allem. Dem Großmeister der Science-Fiction ist eine faszinierende Diagnose unserer Gegenwart gelungen, indem er die Voraussetzungen für den globalen Terror spürbar macht.
»Es gibt Schriftsteller, die man einmal liest und dann nicht mehr vergisst. Die eine unverwechselbare Stimme haben und das Leben verändern können, weil man diese Stimme plötzlich in den alltäglichsten Dingen hört. William Gibson hat so eine Stimme. Man schlägt das Buch zu, das er geschrieben hat, und die Welt ist eine andere geworden. Mir ist das mit William Gibson immer so gegangen.«
Gert Scobel (3sat, scobel, 12.6.08)
(Ausführliche Infos zu William Gibson und zum Interview bei 3sat.de)
»Alternde Rockstars, abtrünnige Spione und ein mysteriöser Container: In einer digitalen Welt voller Paranoia siedelt William Gibson sein Buch "Quellcode" an. Der Erfinder des Cyberpunk reist darin erstmals rückwärts in die Zeit - denn nichts ist futuristischer als das Gestern. ...
Der Science-Fiction-Thriller um ehemalige Rockstars, abtrünnige Spione und einen mysteriösen Container in der Überwachungswelt nach dem 11. September 2001 spielt im Frühling 2006. Gibson zeigt, wie futuristisch schon das vorletzte Jahr war - und bemerkt selbstironisch, wie altmodisch das einstige Modewort "Virtual Reality" heute klingt. ...«
Uh-Young Kim (Spiegel-Online, www.spiegel.de, 22.3.2008)
»... Gibson ... hat der alten Sience Fiction eine Grabrede halten wollen und wurde dabei zum Geburtshelfer einer neuen, sehr lebendigen. Aus solchen Glücksfällen besteht die wahre Literaturgeschichte aller Genres. ...«
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.03.2008)
Interview mit William Gibson in die tageszeitung am 14.3.08 (ansehen bei taz.de)
»... Kaum ein Autor spürt so unterhaltsam und so leicht den amerikanischen Verwirrungen nach. Den Zustand der US-Gesellschaft beschreibt Gibson als "kalten Bürgerkrieg". Noch immer ist er fasziniert von den Hightech-Oberflächen und den darunter schlummernden Trieben und Ängsten. Der Feind wohnt in deinem iPod. Die Guerilla ist zum Marketing übergelaufen. So liefert "Quellcode" die Matrix des ganzen Gibson: All die Hightech-Gadgets spielen ein Konzert uralter Melodien. Diese spezielle Mixtur durchdringt bei Gibson noch die banalsten Alltagsphänomene ...«
Stephan Maus (Stern, 13.3.2008)
»... Gibson hat ein optimistisches Buch über die Angst geschrieben, in dem jeder Satz so genau und elegant ist, als ginge es um alles. "Spooky Country" ist ein eher untypischer Spionagethriller und Gibsons zweiter Roman, der nicht mehr als Science-Fiction beschrieben werden kann. Er spielt im Hier und Jetzt, bedient sich aber der selben erzählerischen Mittel und Sichtweisen, die Gibsons Cyberpunk-Romane seit jeher so einzigartig machen. ...«
Ulrich Gutmair (tageszeitung, 23. Oktober 2007, ansehen bei taz.de)
»... Es ist eine hypernervöse, an Verfolgungswahn leidende Wirklichkeit, die Gibson beschreibt. Immer wieder taucht die Frage auf: Wer sind die wahren Hintermänner? denn dass gegen die der amerikanische Präsident nur eine Marionette ist, ist bald klar. Auch diesmal ist der Großmeister der Science-Fiction überragend darin, die Qualitäten eines Aktion-Thrillers mit einer brillanten Analyse unserer Jetztzeit zu verbinden, in der Datenvorratsspeicherung und Handyortung selbstverständlich sind.«
(Märkische Allgemeine Zeitung, 8.3.2008)
»Gibsons ausgezeichneter neunter Roman, der in derselben hochtechnologisierten Gegenwart wie "Mustererkennung" spielt, bietet überraschende Einblicke in unsere paranoide und oft fragmentierte, postmoderne Welt ... Fesselnde Charaktere und knackige Action-Sequenzen, außerdem die metaphorische Sprache, das Markenzeichen des Autors, tragen dazu bei, dieses Buch zu einem der besten von Gibson zu machen.«
(Reed Business Information)
»Wie sein Vorgänger schildert "Spook Country" eine durch Globalisierung, durch die Bedrohung terroristischer Anschläge und die Erinnerung daran und durch die Präsenz wuchernder Technologien umgeformte Welt ... Spook Country ist [...] ein offen politisches Buch, das einen schonungslosen Blick auf ein von Unordnung, Angst und überall vorhandener Paranoia überflutetes Land wirft, ein Land, das durch einen endlosen, unpopulären Krieg im Irak auseinander gerissen wird ... Trotz einer großen Anzahl von Dieben, Drogenhändlern und Piraten, ist Spook Country weniger ein konventioneller Thriller als ein verheerend genaues Spiegelbild des amerikanischen Zeitgeists und es kann dem Vergleich mit dem besten Werk von Don DeLillo standhalten. ... Mit Spook Country macht Gibson wieder einen großen Schritt nach vorn und bestätigt seine Stellung als einer der scharfsinnigsten und unterhaltendsten Kommentatoren unserer verwunderlichen, chaotischen Gegenwart.«
Bill Sheehan (Washington Post, 22.07.2007)
»Es stellt sich heraus, dass William Gibson genauso viel über die Gegenwart weiß, wie über die Zukunft.«
(Chicago Tribune)
»Ein Autor, der das Göttliche aus dem Alltäglichen heraufbeschwören kann.«
(The Washington Post Book World)
»Gibsons Fähigkeit, genau den Nerv der innovativen Kultur zu treffen, ist unheimlich ... Seine Augen und Ohren nähern sich der Perfektion.«
(The Atlanta Journal-Constitution)
Leseprobe
Februar 2006
1. WEISSES LEGO
»Rausch«, sagte jemand im Handy von Hollis Henry. »Node«, sagte er.
Hollis machte die Nachttischlampe an. Das Licht fiel auf die am Vorabend geleerte Dose Asahi Draft aus dem Pink Dot und auf ihr mit Stickern zugepflastertes PowerBook, das zugeklappt schlummerte. Sie beneidete es.
»Hallo, Philip.«
Node war derzeit ihr Arbeitgeber, wenn man das bei ihr so nennen konnte, und Philip Rausch der für sie zuständige Redakteur. Nach dem letzten Gespräch mit ihm war Hollis gleich hierher nach L.A. geflogen, was aber mehr mit ihrer schlechten finanziellen Lage zu tun hatte als mit Rauschs Überzeugungskraft, und hatte sich im Mondrian einquartiert. In der Art und Weise, wie Rausch den Magazinnamen aussprach, schwang etwas mit, dessen sie bald überdrüssig sein würde.
Sie hörte vom Badezimmer her, wie der Roboter von Odile Richard sanft irgendwo anstieß.
»Bei Ihnen ist es jetzt drei«, sagte er. »Habe ich Sie geweckt?«
»Nein«, log sie.
Odiles Roboter war aus Lego. Weiße Legosteine, darunter eine ungerade Anzahl weißer Räder mit schwarzen Reifen. Auf der Rückseite waren Dinger angeschraubt, die wie Solarzellen aussahen. Sie hörte, wie er sich geduldig, aber doch ohne System über den Teppich ihres Zimmers bewegte. Gab es Packungen mit ausschließlich weißen Legosteinen zu kaufen? Es passte hierher, wo so vieles weiß war. Hübscher Kontrast zu den ägäisblauen Tischbeinen.
»Sie wollen Ihnen sein bestes Werk zeigen«, sagte Rausch.
»Wann?«
»Jetzt. Sie erwarten Sie vor Odiles Hotel. Dem Standard.«
Hollis kannte das Standard. Es war mit königsblauem Astroturf-Kunstrasen ausgelegt und im ganzen Gebäude war ihrem Gefühl nach nichts und niemand älter als sie selbst. Hinter der Rezeption gab es so etwas wie ein Riesenterrarium, in dem sich manchmal ethnisch undefinierbare Bikini-Girls räkelten, als ob sie sich sonnten, oder große Bildbände betrachteten.
»Haben Sie sich um die Hotelrechnung gekümmert, Philip? Beim Einchecken war sie noch auf meine Karte gebucht.«
»Es ist alles erledigt.«
Sie glaubte ihm nicht. »Haben wir für diese Story schon eine Deadline?«
»Nein.« Rausch seufzte genervt, irgendwo in einem London, das sie sich jetzt nicht vorstellen konnte und wollte.
»Der Launch ist verschoben worden. Auf August.«
Hollis hatte noch niemanden vom Node kennen gelernt, auch niemanden, der für das Magazin schrieb. Es sollte wohl eine europäische Version von Wired sein, auch wenn sie das nie so sagten. Geld aus Belgien, via Dublin, Büros in London - oder, wenn keine Büros, dann zumindest dieser Philip. Der wie siebzehn klang. Siebzehn, und den Sinn für Humor hatte man ihm wohl rausoperiert.
»Eine Menge Zeit also«, meinte sie. Sie wusste nicht genau, was sie damit sagen wollte, hatte aber irgendwie ihr Bankkonto im Hinterkopf.
»Odile wartet.«
»Okay.« Hollis schloss die Augen und klappte ihr Handy zu.
Konnte man in diesem Hotel wohnen und trotzdem als obdachlos gelten? Anscheinend ja.
Sie lag unter dem weißen Laken und lauschte auf den Roboter der Französin, wie er irgendwo anstieß, klackte, zurücksetzte. Er war wahrscheinlich wie einer dieser japanischen Staubsauger darauf programmiert, so lange irgendwo anzustoßen, bis die Arbeit erledigt war. Odile hatte gesagt, er sammle Daten mit Hilfe eines eingebauten GPSModuls - es schien ganz so.
Als sie sich aufsetzte, rutschte ihr das feine Laken auf die Oberschenkel hinab. Draußen änderte der Wind den Angriffswinkel auf ihre Fenster, die gespenstisch klapperten. Jede sehr ausgeprägte Wetterlage hier verunsicherte sie. Die Zeitungen morgen würden darüber wie über ein leichtes Erdbeben berichten. Fünfzehn Minuten Regen und die tiefergelegenen Bereiche im Zentrum von Beverly Hills standen unter Wasser. Hausgroße Felsbrocken glitten majestätisch hangabwärts in belebte Kreuzungen. Sie hatte das hier schon einmal erlebt.
Hollis stand auf, ging zum Fenster hinüber und hoffte, dabei nicht auf den Roboter zu treten. Sie tastete nach der Kordel, mit der man die schweren weißen Vorhänge öffnete. Sechs Stockwerke tiefer schlugen die Palmen am Sunset Drive im Wind wie Tänzer, die die letzten Zuckungen eines Sci-Fi-Monsters darstellen. Drei Uhr zehn an einem Mittwochmorgen und der Wind hatte den Sunset Strip menschenleer gefegt.
Nicht denken, ermahnte sie sich selbst. Nicht die E-Mails checken. Ab ins Badezimmer, wo die ausgefeilte Beleuchtung all das sichtbar machen würde, was noch nie gestimmt hatte an ihr.
Eine Viertelstunde später, nachdem sie ihr Bestes getan hatte mit all dem, was noch nie gestimmt hatte an ihr, fuhr sie in einem Philippe-Starck-Aufzug in die Lobby hinunter, mit dem festen Vorsatz, den Details darin möglichst wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Sie hatte einmal in einem Artikel über Starck gelesen, dass der Designer eine Austernfarm besitzt, in der nur quadratische Austern gezüchtet werden, in speziell dafür angefertigten Stahlrahmen.
Die Aufzugtüren gaben den Blick auf eine helle Holzfläche frei. Das platonische Ideal eines kleinen Orientteppichs wurde von der Decke aus daraufprojiziert: stilisierte Lichtschnörkel, die an etwas weniger stilisierte Schnörkel aus gefärbter Wolle erinnerten. Ursprünglich dazu da, um eine Beleidigung Allahs zu verhindern, wie ihr mal jemand gesagt hatte. Sie ging rasch über die Lichtreflexe hinweg auf den Eingang zu.
Als sie eine der Türen aufdrückte, gegen das merkwürdig warme Wirbeln des Windes, sah ein Security-Mann des Mondrian mit militärisch scharfkantigem Haarschnitt zu ihr hin, Bluetooth hinterm Ohr. Er fragte sie etwas, aber eine jähe Fallwindbö verschluckte den Satz. »Nein«, sagte sie in der Annahme, er hätte gefragt, ob ihr Auto (das sie gar nicht besaß) vorgefahren werden solle oder ob sie ein Taxi brauche. Und da bemerkte sie auch ein Taxi, der Fahrer zurückgelehnt, wahrscheinlich schlief er und träumte von den Weiten Aserbaidschans. Sie ging daran vorbei und fühlte unerwartet unbändige Freude in sich aufsteigen, als der Wind so wild und unkontrolliert vom Records Tower her den Sunset Boulevard entlangbrauste wie der Turbinenstrahl eines Flugzeugs vor dem Abheben.
Hollis meinte zu hören, dass ihr der Security-Mann etwas zurief, aber dann trafen ihre Adidas auf das ganz ungestylte Gehwegpflaster des Sunset Boulevards, abstrakter Pointilismus in schwarzgewordenem Kaugummi. Das riesige Offene-Türen-Monument des Mondrian lag jetzt hinter ihr, und im Gehen schloss sie den Reißverschluß ihrer Kapuzenjacke bis obenhin. Es zog sie weniger zum Standard als einfach nur fort.
Die Luft war voll von den trockenen Partikeln der Palmenblätter, die die Atemwege reizten.
Du bist verrückt, sagte sie sich. Aber im Moment war das völlig in Ordnung, obwohl das hier kein idealer Straßenabschnitt für eine Frau ohne Begleitung war. Für Fußgänger überhaupt, zu dieser Zeit am Morgen. Aber dieses Wetter, dieses außergewöhnliche L.A.-Klima, hatte offenbar ihren Sinn für Gefahren beiseitegefegt. Die Straße war genauso leer wie die Straße in Godzilla, bevor man den ersten Schritt des Monsters hört. Schwankende Palmen, bebende Luft und Hollis, jetzt unter einer schwarzen Kapuze, zielstrebig unterwegs. Zeitungsseiten und Werbezettel von Clubs flatterten ihr um die Knöchel. Ein Polizeiauto zischte vorbei in Richtung Tower Records. Der behäbige Fahrer, der in schlechter Haltung hinter dem Lenkrad saß, beachtete sie nicht. Das Motto der US-Polizei fiel ihr ein: To serve and protect. Der Wind sprang jählings um, blies ihre Kapuze nach hinten und zerzauste ihr Haar. Aber sie musste ohnehin zum Friseur.
Odile Richard wartete in der weißen Hotelzufahrt unter dem Schriftzug The Standard - aus Gründen, die nur den Designern bekannt waren, stand er auf dem Kopf. Odile lebte noch nach Pariser Zeit und deswegen hatte Hollis sich zu einem Treffen in den frühen Morgenstunden bereiterklärt. Außerdem war es die ideale Tageszeit, um sich diese Art von Kunst anzusehen.
Neben Odile stand ein junger Latino, kräftig gebaut, mit rasiertem Schädel und einem Retro-Pendleton-Hemd in Weinrot, die Ärmel über den Ellbogen abgeschnippelt. Das Hemd hing lose bis fast zu den Knien seiner Baggy-Pants hinunter. »Vote for Santa«, sagte er grinsend, als Hollis auf die beiden zuging, und hob eine silberfarbene Dose Tecate-Bier in die Höhe. Auf seinem Unterarm war der Länge nach etwas in äußerst kunstvollen altenglischen Lettern eintätowiert.
»Wie bitte?«
»A votre santé«, verbesserte Odile, die mit einem zerrupften Taschentuchknäuel an ihrer Nase herumtupfte.
Odile war die uneleganteste Französin, die Hollis jemals getroffen hatte, allerdings auf so ultraspießige europäische Art und Weise, dass es schon fast wieder bewundernswert war. Sie trug ein schwarzes XXXL-Sweatshirt mit dem Namen eines längst vergessenen Start-up-Unternehmens, besonders hässliche nylonschimmernde, gerippte Männersocken in Braun und durchsichtige Plastiksandalen in Hustensaft-Rosa.
»Alberto Corrales«, sagte der junge Mann.
»Alberto«, erwiderte Hollis und strecke ihm die Hand hin. Er umfasste sie mit seiner freien Hand, die papiertrocken war. »Hollis Henry.«
»The Curfew«, sagte Alberto und sein Grinsen wurde noch breiter.
Tja, die ewigen Fans, dachte Hollis, wie immer erstaunt darüber, und fühlte sich ganz plötzlich unbehaglich.
»Diese Schmutz in der Luft«, klagte Odile, »ist ganz schrecklich. Ich möchte gehen jetzt und das Werk ansehen.«
»Okay«, erwiderte Hollis, froh über den Themenwechsel.
»Hier lang«, dirigierte Alberto und warf die Dose in hohem Bogen in einen pseudomilanesischen weißen Abfalleimer des Standard. Hollis bemerkte, dass der Wind wie auf ein Stichwort hin aufgehört hatte.
Sie warf einen Blick in die Lobby. Der Tresen war verlassen, das Bikini-Girl-Terrarium leer und unbeleuchtet. Sie folgte Alberto und der genervt schniefenden Odile zu Albertos Auto, einem alten VW-Käfer unter mehreren Schichten von glänzendem Lowrider-Lack. Sie sah einen Vulkan, aus dem weißglühende Lava floß, großbusige Latinas in Mini-Lendenschurz und gefiedertem Aztekenkopfputz, die vielfarbigen Windungen einer geflügelten Schlange. Alberto stand offensichtlich auf diesen Ethno-Mischmasch. Oder waren alte VW-Käfer neuerdings auch schon ins Pantheon der Exoten aufgenommen?
Alberto öffnete die Beifahrertür und hielt die vorgeklappte Lehne, während Odile auf die Rückbank schlüpfte. Wo offensichtlich bereits irgendwelche Ausrüstung lag. Dann bot er Hollis den Platz auf dem Beifahrersitz an, fast mit einer Verbeugung.
Erstaunt registrierte sie die bescheiden nüchterne Semiotik des alten VW-Armaturenbretts. Das Auto roch nach irgendeinem Ethno-Lufterfrischer. Auch das sollte etwas bedeuten, wie die Bemalung, vermutete Hollis, aber jemand wie Alberto würde auch mit voller Absicht genau den falschen Lufterfrischer benutzen.
Er fuhr aus der Parklücke auf den Sunset Boulevard und wendete routiniert. Sie fuhren zurück in Richtung Mondrian. Der Asphalt der Straße war mit vertrockneten Palmenblattfetzen übersät.
»Ich bin seit Jahren ein Fan«, sagte Alberto.
»Alberto beschäftigt sich mit Geschichte als internalisiertem Raum«, bemerkte Odile ein wenig zu dicht hinter Hollis Kopf. »Er glaubt, dieser internalisierte Raum entsteht von Trauma. Immer alles von Trauma.«
»Trauma«, wiederholte Hollis unwillkürlich, während sie am Pink Dot vorbeifuhren. »Halten Sie bitte dort an, Alberto. Ich brauche Zigaretten.«
»Ollis«, sagte Odile vorwurfsvoll, »du sagst, dass du nicht rauchst.«
»Ich habe gerade wieder angefangen«, entgegnete Hollis.
»Aber wir sind da«, sagte Alberto, bog nach links in die Larrabee Street ein und parkte.
»Wo da?«, fragte Hollis und riss die Tür auf, um gleich loslaufen zu können.
Alberto wirkte zwar ernst, aber nicht unbedingt schwer traumatisiert. »Ich hole meine Ausrüstung. Ich hätte gern, dass Sie zuerst mein Werk ansehen. Dann können wir darüber reden, wenn Sie wollen.«
Er stieg aus. Hollis tat es ihm nach. Die Larrabee führte steil hinunter zu den beleuchteten Stadtteilen in der Ebene, so steil, dass Hollis das Stehen unangenehm fand. Alberto half Odile vom Rücksitz. Sie lehnte sich gegen den Käfer und verschränkte die Hände unter ihrem Sweatshirt. »Ich habe kalt«, maulte sie.
Es war jetzt kühler, bemerkte Hollis, ohne den warmen Wind. Sie sah an dem gesichtslosen pinkfarbenen Hotel vor ihr hinauf, während Alberto in seinem Pendleton-Hemd im Wagenfond herumkramte. Er förderte einen verbeulten Aluminium-Fotokoffer zutage, der über und über mit schwarzem Textilklebeband beklebt war.
Ein langes silbernes Auto glitt lautlos auf dem Sunset vorbei, während Hollis und Odile hinter Alberto den steilen Fußweg hinaufgingen.
»Was gibt es hier zu sehen, Alberto?«, fragte Hollis, als sie an der Ecke angekommen waren. Er kniete sich hin und öffnete den Koffer. Das Innere war mit Schaumstoffblöcken ausgepolstert. Er zog etwas heraus, das Hollis zuerst für eine Schweißermaske hielt. »Setz das auf!« Er gab ihr das Ding.
Ein gepolstertes Stirnband mit einer Art Visier daran. »Virtual Reality?« Beim Aussprechen wurde ihr bewusst, dass sie diesen Begriff jahrelang nicht mehr gehört hatte.
»Die Hardware hinkt etwas hinterher«, sagte Alberto.
»Zumindest die, die ich mir leisten kann.« Er nahm einen Laptop aus dem Koffer, klappte ihn auf und schaltete ihn ein.
Hollis setzte das Visier auf. Sie konnte durchsehen, wenn auch verschwommen. Sie blickte hinüber zur Ecke Clark und Sunset und konnte den Whisky-Club dort erkennen. Alberto streckte die Hand aus und nestelte an einem Kabel an der Seite des Visiers herum.
»Diese Richtung«, sagte er und führte sie über den Gehweg zu einer niedrigen, schwarz gestrichenen Fassade ohne Fenster. Hollis blinzelte zu der Aufschrift hinauf. The Viper Room.
»Jetzt«, sagte er, und sie hörte die Tastatur des Laptops klappern. Irgendetwas in ihrem Gesichtsfeld flackerte.
»Schau. Schau dahin!«
Sie folgte seiner Geste, drehte sich um und sah einen schlanken Körper, der mit dem Gesicht nach unten auf dem Gehweg lag.
»Alloween-Nacht 1993«, sagte Odile. Hollis näherte sich dem Körper. Der nicht da war. Und doch da war. Alberto folgte ihr mit dem Laptop, vorsichtig wegen des Kabels. Sie hatte das Gefühl, dass er den Atem anhielt. Und sie hielt ihren an.
Der junge Mann wirkte vogelgleich, im Tod, und der Bogen seines Wangenknochens warf einen eigenen kleinen Schatten, als sie sich über ihn beugte. Sein Haar war sehr dunkel. Er trug dunkle Hosen mit Nadelstreifen und ein dunkles Hemd. »Wer ist das?«, wollte Hollis wissen, und fand ihren Atem wieder.
»River Phoenix«, sagte Alberto ruhig.
Sie sah auf, zum Whisky-Store hinüber, dann wieder hinunter, ergriffen von der Verletzlichkeit des weißen Nackens. »River Phoenix war blond«, sagte sie.
»Er hat es sich gefärbt«, entgegnete Alberto. »Für eine Rolle.« [...]
6. RIZE
Milgrim wusste zwar die brillante Schärfe der Stickstoff-gefüllten Optik in Browns Fernrohr aus österreichischer Produktion zu schätzen, nicht aber den Geruch von Browns Kaugummi oder seine körperliche Nähe im Fond des kalten Überwachungswagens.
Der Wagen war an der Lafayette Street geparkt. Browns Leute hatten ihn dort für sie stehen gelassen. Brown war bei Rot über eine Ampel gefahren, um sich hierher und in Position zu begeben, nachdem sein Kopfhörer ihm gemeldet hatte, dass der IF unterwegs war - aber jetzt starrte der IF ins Schaufenster von Yohji Yamamoto und rührte sich nicht von der Stelle.
»Was macht er?« Brown nahm das Fernrohr wieder selbst. Es passte zu seiner Waffe und seiner Taschenlampe, die selbe Nichtfarbe in gräulichem Grün.
Milgrim beugte sich vor, um mit bloßem Auge besser durch sein Spähloch blicken zu können. Der Ford Econoline hatte ein halbes Dutzend davon in den Seitenwänden. In jedes war ein schwarzbemaltes Plastikstückchen geschraubt, das man bewegen konnte. Auf der mit Graffiti besprühten Außenseite befanden sie sich innerhalb geschlossener schwarzer Farbflächen. Mal angenommen, das waren alles echte Graffiti, die dorthin gekommen waren, indem man den Wagen einfach auf der Straße stehen gelassen hatte - würde ein echter Sprayer dann auf die Tarnung des Vans hereinfallen? Wie alt waren die Graffiti? War das die urbane Entsprechung dazu, nicht saisongemäße Vegetation als Camouflage zu verwenden? »Er schaut in ein Schaufenster«, sagte Milgrim und wusste, dass es überflüssig war.
»Wirst du ihn jetzt nach Hause verfolgen?«
»Nein«, sagte Brown. »Er könnte den Wagen bemerken.«
Milgrim hatte keine Ahnung, wie viele Leute von Brown den IF beim Einkaufen japanischer Lebensmittel beobachtet hatten, während sie in seinem Zimmer die Batterie in der Wanze auswechselten. Diese Welt von Leuten, die andere Leute verfolgen und beobachten, war neu für Milgrim, obwohl er schon immer damit gerechnet hatte, dass es sie gab, irgendwo. Man sah so was in Filmen oder las darüber, aber rechnete nicht damit, dass man eines Tages im Fond eines kalten Vans den kondensierten Atem eines anderen Menschen einatmen musste.
Jetzt war Brown an der Reihe. Er lehnte sich vor und drückte die Gummilippe des Fernrohrs gegen die kalte, feuchtigkeitsbeschlagene Außenhaut des Vans, um den IF genau betrachten zu können. Milgrim dachte leichthin und fast genüsslich darüber nach, wie es wäre, genau jetzt Brown irgendeinen Gegenstand über den Kopf zu hauen. Er sah sich sogar im Van nach etwas Brauchbarem um, aber da war nichts außer den umgedrehten Plastik-Milchkästen, auf denen sie beide hockten, und einer gefalteten Plane. Als ob er Milgrims Gedanken lesen könnte, wandte sich Brown auf einmal vom Okular des Fernrohrs ab und funkelte ihn böse an.
Migrim blinzelte unschuldig und hoffte, sanftmütig und harmlos zu wirken. Was nicht so schwer sein durfte, da er seit der Grundschule niemandem mehr auf den Kopf gehauen hatte und es jetzt eigentlich auch nicht vorhatte. Obwohl er natürlich auch noch nie gefangen gehalten worden war ...
»Irgendwann wird er in diesem Zimmer eine SMS abschicken oder empfangen«, sagte Brown, »und wenn er das tut, wirst du sie für uns übersetzen.«
Milgrim nickte pflichtschuldig.
Sie quartierten sich im New Yorker in der Eighth Avenue ein. Benachbarte Zimmer, vierzehnter Stock. Das New Yorker schien auf Browns Liste zu stehen. Sie waren schon zum fünften oder sechsten Mal hier. Milgrims Zimmer wurde fast ganz von dem Doppelbett eingenommen. Gegenüber dem Bett stand ein Fernseher in einem Schrank aus Pressspan. Die Pixel im Holzfurnier des Schranks waren zu grob, dachte sich Milgrim, als er den gestohlenen Mantel auszog und sich auf den Bettrand setzte. Es fiel ihm jetzt immer auf, dass man das High-Resolution-Zeug nur an den feineren Orten findet.
Brown kam herein und führte seinen Trick mit den zwei kleinen Kästchen aus, eines an der Tür, eines am Rahmen. Sie hatten den gleichen Grauton wie die Waffe, die Taschenlampe und das Fernrohr. Er würde dasselbe an seiner Tür tun. Alles offensichtlich nur, damit er, Milgrim, sich nicht dazu entschloss abzuhauen, während Brown schlief. Er hatte keine Ahnung, wie die Kästchen funktionierten, aber Brown hatte ihm verboten, die Türen anzufassen, wenn sie dran waren. Und so ließ er es bleiben.
Brown warf etwas, das für Milgrim wie ein Blisterstreifen mit vier Ativan aussah, auf Milgrims geblümte Tagesdecke und ging in sein eigenes Zimmer zurück. Milgrim hörte, wie Browns Fernseher anging. Er kannte diese Musik jetzt: Fox News.
Er starrte auf den Blisterstreifen. Es waren nicht die Kästchen an den Türen, die ihn hierhalten würden. Er nahm den Streifen in die Hand. »RIZE« stand darauf und »5MG« und etwas, das nach japanischer Schrift aussah. Oder jedenfalls nach dem Japanisch, das man auf Verpackungen findet.
»Hallo?« Die Verbindungstür zwischen ihren Zimmern stand noch offen. Das Tippen von Browns Fingern auf seinem Militär-Laptop verstummte.
»Was?«
»Was ist das für ein Zeug?«
»Deine Medizin«, sagte Brown.
»Da steht Rize drauf und irgendwas Japanisches. Das ist kein Ativan.«
»Es ist genau derselbe Scheiß«, sagte Brown und sprach drohend immer langsamer. »DEA-Klasse vier, ver-flucht!«
Milgrim sah den Blisterstreifen an.
»Und jetzt halts Maul!«
Er hörte, wie Brown wieder anfing zu tippen.
Er setzte sich zurück aufs Bett. Rize? Sein erster Impuls war, seinen Dealer im East Village anzurufen. Er sah auf das Telefon. Es war ihm klar, dass das nicht ging. Sein zweiter Gedanke war, Brown zu fragen, ob er seinen Laptop ausleihen konnte, um das Zeug zu googeln. Die Drug Enforcement Administration hatte eine Seite mit allen Medikamenten der Klasse vier, auch von ausländischen Herstellern. Aber wenn Brown wirklich vom FBI war, bekam er das Zeug wahrscheinlich sogar von der DEA. Und Browns Laptop auszuleihen kam genauso wenig in Frage, wie Dennis Birdwell anzurufen.
Außerdem schuldete er Birdwell Geld, unter eher ungünstigen Voraussetzungen. Das kam noch dazu.
Er legte den Blisterstreifen auf die Ecke des Nachttischs und richtete die Ränder genau mit den Kanten des Möbels aus, die schwarze Flecken hatten, wo vorhergehende Hotelgäste ihre Zigaretten herunterbrennen hatten lassen. Die Form der Flecken erinnerte ihn an das Logo von McDonalds. Er fragte sich, ob Brown bald Sandwiches bestellen würde.
Rize. [...]