Dieses Buch erwerben
gebunden mit Schutzumschlag
leider vergriffen
versandkostenfrei nach D, CH, A; in D, A inkl. Mwst., in CH evtl. zzgl. in CH anfallender Mwst.

»Ich bin von dem Buch total begeistert. Philipp Meyer verdient dafür den Pulitzer-Preis.« Patricia Cornwell

Zwei junge Freunde, ein missglückter Aufbruch, ein versehentlicher Mord - in einer sterbenden Stahlregion entfaltet sich ein Drama aus Schuld und Sühne, das nach und nach das Leben aller verändert.
Das Debüt des Jahres 2009 in den USA

Isaac hat einen Traum. Er will weg, raus aus dem Provinzkaff, in dem er nach dem Selbstmord der Mutter mit seinem kranken, tyrannischen Vater lebt. Doch als er und sein bester Freund, der impulsive Poe, sich endlich aufmachen, begeht der hochsensible Isaac in Notwehr einen Mord, und Poe wird an seiner Stelle verhaftet.
Isaac bricht derweil nach Kalifornien auf. Und begibt sich auf einen Weg, der ihn immer dramatischer in die Enge führt. »Rost« ist ein großes amerikanisches Sittengemälde und das zeitlose Porträt von Menschen, die verunsichert in den Trümmern ihrer Hoffnungen leben.

Ein Debüt voll existenzieller Wucht und unerwarteter Schönheit. Und ein Buch über die lebensrettende Kraft der Freundschaft.

- Los Angeles Times: Buch des Jahres
- In den Bestenlisten von New York Times, Economist, Washington Post
- Newsweek: in der Liste der besten Bücher aller Zeiten

Leseprobe
»Falls ein Mensch nicht im Besitz eines ewigen Bewußtseins wäre (...), falls sich unter allem eine bodenlose Leere, niemals gesättigt, verbärge, was wäre das Leben dann anders als Verzweiflung?«
Søren Kierkegaard
»(...) was man in Plagen lernt, nämlich daß es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.«
Albert Camus
Erstes Buch

1.
Isaacs Mutter war fünf Jahre tot, aber er dachte ständig an sie. Er lebte alleine mit dem Alten, er war zwanzig, für sein Alter klein, man hielt ihn leicht für einen Jungen. Später Vormittag, flott ging er durch den Wald in Richtung Stadt - Gestalt mit Rucksack, klein und dünn, schwer drauf bedacht, unterm Radar zu fliegen. Er hatte viertausend Dollar aus dem Schreibtisch des Alten genommen; nein, gestohlen, korrigierte er sich. Ausbruch aus der Klapse. Wenn dich auch nur einer sieht, heißt's Silas lass die Hunde los .
Bald erreichte er den Aussichtspunkt: grüne wogende Hügel, ein schlammig sich schlängelnder Fluss und ausgedehnter Wald, den nur die Stadt zerriss, Buell mit seinem Stahlwerk. Dieses Werk, früher selbst wie ein Städtchen, war 1987 geschlossen, zehn Jahre später dann teilweise abgerissen worden; jetzt stand's da wie ein antikes Ruinenfeld, die Bauten überwuchert von Baumwürger, Knöterich und Götterbaum. Spuren von Hirsch und Kojote liefen im Zickzack über den Boden; nur manchmal traf man auf menschliche Hausbesetzer.
Trotzdem, eine hübsche Stadt: Fein säuberliche Reihen weißer Häuser schmiegten sich um ihren Hügel, dazu Kirchtürme und Kopfsteinpflaster und die hohen Silberkuppeln einer orthodoxen Kathedrale. Ein Ort, dem es noch vor kurzem gutgegangen war, die Innenstadt voller historischer Häuser aus Stein, inzwischen meist mit Brettern vernagelt. In einigen Vierteln tat man noch so, als würde der Müll weiter abgeholt, anderswo hatte man damit längst aufgehört. Buell in Fayette County, Pennsylvania. Auch Fayette-nam genannt.
Isaac lief übers Bahngleis, damit ihn keiner sah, dabei war eh kaum einer draußen. Er erinnerte sich noch an die Straßen, wenn Schichtwechsel war, wie der Verkehr stoppte und eine Flut Arbeiter aus dem Knüppelwalzwerk quoll, voll Stahlstaub, blinzelnd in der Sonne; wie sein Vater, groß und schimmernd, nach ihm griff, ihn hochhob. Vor dem Unfall war das. Ehe er zu dem Alten wurde.
Sechzig Kilometer waren es bis Pittsburgh, und am besten blieb er auf den Gleisen, immer schön am Fluss entlang - auf einen Kohlenzug ist leicht gesprungen und dann weiter mitgefahren, bis wohin du willst. Er musste erst die Stadt erreichen und dann einen Zug nach Kalifornien entern. So war es geplant, seit einem Monat. Überfällig. Glaubst du, Poe kommt mit? Wohl kaum.
Auf dem Fluss kamen Lastkähne und ein Schlepper vorbei, die Motoren dröhnten. Schubverbund mit Kohle. Als das Schiff weg war, wurde es still, das Wasser strömte langsam, schlammig, der Wald reichte bis zum Rand, das hätte überall sein können, Amazonas, wie ein Foto aus National Geographic . In den Untiefen hüpfte ein blauer Sonnenbarsch - sollte man besser nicht essen, den Fisch, tat aber jeder. Quecksilber und PCB . Er wusste nicht mehr, wofür die Abkürzung stand, Gift jedenfalls.
In der Schulzeit hatte er Poe Mathe-Nachhilfe gegeben, doch er wusste bis heute nicht, warum Poe sein Freund war - Isaac English und seine ältere Schwester waren die zwei klügsten Kinder der Stadt, wohl des ganzen Tales; seine Schwester war nach Yale gegangen. Eine ansteigende Flut, so hatte Isaac gehofft, die ihn womöglich mit nach oben zog. Die meiste Zeit hatte er zu der Schwester aufgeschaut, aber ihr Platz war jetzt woanders, in Connecticut bei einem Ehemann, den Isaac genauso wenig kannte wie sein Vater. Du kommst gut allein klar, dachte er. Der Kleine muss aufpassen, dass er nicht verbittert. Bald wird er in Kalifornien sein - die milden Winter und die Wärme einer eigenen Wüste. Ein Jahr, um die Ansässigkeit zu bekommen und sich an der Uni zu bewerben: Astrophysik. Das Lawrence Livermore . Das Keck-Observatorium, das Very-Large-Array-Teleskop. Mann, wie du dich anhörst - hat das überhaupt noch einen Sinn?
Außerhalb der Stadt wurde es wieder ländlich, er beschloss, nicht auf der Straße, sondern auf den Pfaden zu Poe zu gehen, und kletterte stetig bergan. Er kannte den Wald so gut wie ein alter Wilderer, er führte Kladden mit Zeichnungen von Vögeln und von anderen Tieren, aber vor allem von Vögeln. Diese Kladden waren schon die Hälfte seines Rucksackgewichts. Er war gerne draußen. Ob das daher kam, dass draußen keine Leute waren? Hoffentlich nicht. Es war gut, dass er hier aufgewachsen war, denn in der Stadt, na ja, sein Kopf war wie ein Zug ohne Geschwindigkeitsregler. Gib ihm ein Gleis und eine Richtung, denn sonst kracht es. Allzumenschlich, den Dingen Namen zu geben: Blutwurz Steinbrech Nachtschatten. Bitternuss und Zürgelbaum. Schuppenrinde, Sumpfeiche. Heuschrecke und Königsnuss. Genug, dass dein Kopf sich nicht langweilt.
Währenddessen, direkt über dir, ein dünner blauer Himmel, schau hindurch bis in das Weltall: in das letzte große Rätsel. Die Entfernung wie nach Pittsburgh - ein paar Kilometer Luft, dann 400 Grad minus, eine zarte Decke. Reines Glück. Du dürftest eigentlich gar nicht am Leben sein - denk drüber nach, Watson. Das kannst du öffentlich nicht sagen, sonst droht dir die Zwangsjacke.
Nur, irgendwann ist Schluss mit Glück - die Sonne wird zu einem roten Riesen und die Erde wird im Stück gebraten. Hat's gegeben, hat's genommen. Die gesamte Menschheit müsste umziehen, bevor es dazu kommt, nur Physiker könnten herausfinden wie, und sie wären diejenigen, die Leute retten würden. Klar, bis dahin wäre er längst tot. Zumindest hätte er dann seinen Beitrag geleistet. Totsein entbindet dich nicht der Verantwortung dem Leben gegenüber. Wenn er eines sicher wusste, dann war's das.

Poe wohnte am Ende einer Schotterstraße, und sein doppelbreiter Trailer thronte, so wie viele Häuser außerhalb der Stadt, auf einem großen Waldstück. Achtzig Morgen waren es in diesem Fall, das gab ein Pioniergefühl, als wäre man der letzte Mensch auf Erden und geschützt durch all die grünen Hügel und Senken.
Ein schlammbespritzter Allrader stand auf dem Vorplatz neben Poes altem Camaro mit Dreitausend-Dollar-Anstrich und zerschrotetem Getriebe. Blechhütten in unterschiedlichen Zerfallsstadien, eine mit dem Nummer-3-Dale-Earnhardt-Wimpel, und ein Holzpfosten zum Aufhängen von Wildbret. Poe saß auf der Hügelkuppe und betrachtete den Fluss aus seinem Klappstuhl. Wenn du's hinkriegst, deine Hypothek zu tilgen, hieß es immer, kannst du hier ein Leben führen wie bei Gott gleich hinterm Haus.
Die ganze Stadt erwartete, Poe ginge bald aufs College, um weiter Football zu spielen, zwar kein Kandidat für die zehn großen Sportunis, aber doch gut genug für irgendeine, bloß dass er zwei Jahre später immer noch hier hockte, in dem Trailer seiner Mutter wohnte und so aussah, als hätte er vor, Holz zu hacken. Nur diese Woche noch, oder die nächste. Ein Jahr älter als Isaac und den Gipfel seines Ruhms schon hinter sich, ein Dutzend leere Bierdosen zu seinen Füßen. Er war groß und breit, quadratschädelig, wog mit hundertzehn Kilo mehr als das Doppelte von Isaac. Als er ihn kommen sah, sagte Poe:
»Werden wir dich jetzt endgültig los?«
»Nur keinen Heulkrampf.« Er sah sich suchend um. »Und wo ist dein Gepäck?« Er war erleichtert, Poe zu sehen, eine Ablenkung von dem gestohlenen Geld in der Tasche.
Poe grinste und trank einen Schluck von seinem Bier. Er hatte tagelang nicht mehr geduscht - nachdem der Eisenwarenladen in der Stadt die Öffnungszeiten verkürzt hatte, war er entlassen worden, und seine Walmart-Bewerbung schob er vor sich her.
»Von wegen Mitkommen, ich hab ja alles Mögliche, worum ich mich jetzt kümmern muss.« Er wedelte pauschal in Richtung wogende Hügel und Wälder in der Ferne. »Keine Zeit für deine Spritztour.«
»Du bist echt ein Feigling, oder?«
»Gott, du willst doch nicht im Ernst, dass ich dabei bin, Hirni.« »Ist mir wurscht, so oder so«, teilte ihm Isaac mit. »Mal ganz egoistisch formuliert, bin ich ja immer noch auf Bewährung. Da sollt ich lieber Tankstellen ausrauben.«
»Ganz bestimmt.«
»Du machst mir keine Schuldgefühle. Trink ein Bier und setz dich hin.« »Ich habe keine Zeit.« Poe schaute sich entnervt um, aber schließlich stand er auf, trank aus, zerdrückte die Bierdose. »Schön«, sagte er. »Ich komm mit, bis zu dem Conrail -Depot in der Stadt. Ab da bist du allein.«

Von weitem hätten sie, der Größe wegen, Vater und Sohn sein können. Poe mit seiner wuchtigen Kieferpartie, den kleinen Augen und, zwei Jahre nach Schulabgang, immer noch in Nylon-Footballjacke, vorn sein Name und die Spielernummer drauf, hinten Buell Eagles . Isaac dagegen klein und schmächtig, seine Augen viel zu groß für das Gesicht, die Kleider auch, der alte Rucksack vollgestopft mit Schlafsack, Wechselwäsche, Kladden. Sie gingen den schmalen Feldweg bis zum Fluss hinunter, ringsum meistens Wald und Wiesen, grün und schön in diesen ersten Frühlingswochen. An der Straße lag ein altes Haus, kopfüber weggekippt in einen Einsturztrichter - im mittleren Mon-Tal war der Boden oft zerlöchert von den alten Kohleminen, einige davon ordentlich abgestützt, andere nicht. Isaac holte mit gezieltem Steinwurf einen Abluftkamin von dem Dach. Er hatte
immer einen guten Wurfarm gehabt, einen besseren sogar als Poe, was der natürlich niemals zugegeben hätte.
Kurz vorm Fluss erreichten sie die Farm der Cultraps, wo die Kühe in der Sonne lagen, und sie hörten, wie in einem Nebenbau ein Schwein sehr lange quiekte.
»Hätt ich jetzt gut drauf verzichten können.«
»Mist«, sagte Poe. »Cultrap macht den besten Speck hier.«
»Trotzdem stirbt da grade was.«
»Hör lieber auf mit dem Analysieren.«
»Weißt du, dass die Schweineherzen nehmen, wenn sie
Menschenherzen reparieren? Weil die Klappen praktisch gleich sind.«
»Dein Halbwissen werd ich echt vermissen.«
»Ganz bestimmt.«
»Ich übertreib bloß«, sagte Poe. »Sollte ironisch sein.«
Sie gingen weiter.
»Du hättest was gut bei mir, wenn du jetzt mitkämst.«
»Ich mit Jack Kerouac junior. Klaut seinem alten Herrn vier Riesen und weiß nicht mal, wo das Geld herkommt.« »Der ist ein Geizkragen mit Stahlarbeiterrente. Für den reicht's, jetzt, wo er nicht mehr alles meiner Schwester schickt.«
»Die es wahrscheinlich brauchte.«
»Die mit zehn Stipendien den Yale-Abschluss gemacht hat, während ich zu Haus Klein-Hitler pflegen durfte.«
»Armer Isaac, so wütend«, seufzte Poe.
»Wärst du das nicht?«
»Na, um dich an der Weisheit meines Vaters teilhaben zu las
sen, ganz egal, wohin du gehst, am Morgen sieht dich aus dem Spiegel immer noch dieselbe Fresse an.«
»Ein großes Lebensmotto.«
»Hat schon viel erlebt, der Alte.«
»Da hast du wohl recht.«
»Komm, alter Spinner, lass.«
Sie bogen nordwärts ab, am Fluss entlang in Richtung Pittsburgh; südlich lagen Forst und Kohlebergbau. Kohle, deshalb Stahl. Dann kam das nächste alte Werk mit Schornstein, das war nicht nur Stahl, das waren Dutzende kleinerer Industrien, die den Stahlwerken zuarbeiteten und von ihnen abhingen; Schneiden und Pressen, dann Spezialbeschichtungen, Bergbauausrüstung, eine lange Liste. Das System war recht komplex, und als die Werke dichtmachten, da brach das ganze Tal zusammen, dessen Herz der Stahl gewesen war. Er fragte sich, wie lange es dauern würde, bis alles zu Rost zerfiel, das Tal zu einem primitiven Urzustand zurückkehrte. Allein der Stein würde fortdauern.
Hundert Jahre lang war dieses Tal der wichtigste Stahlproduzent des Landes gewesen, der ganzen Welt sogar, doch in der Zeit seit Poes und Isaacs Geburt hatte die Gegend hundertfünfzigtausend Arbeitsplätze eingebüßt - und viele Städte waren kaum noch handlungsfähig; manche hatten keine Polizei mehr, nicht mal das. Wie Isaac einst seine Schwester zu jemandem von der Uni hatte sagen hören: »Eine Hälfte wurde zu Sozialhilfeempfängern und die andere wieder zu Jägern und Sammlern.« Was übertrieben war, aber nicht sehr.
Kein Anzeichen für einen Zug, und Poe ging einen Schritt voraus, vom Fluss her war der Wind zu hören und das Schotterknirschen unter ihren Füßen. Isaac hoffte auf einen langen Zug, den all die Windungen des Flusses zum Verlangsamen zwingen würden. Kürzere Züge fuhren deutlich schneller; die zu nehmen war gefährlich.
Er betrachtete den Fluss mit seinem trüben Wasser, fragte sich, was da wohl alles drunter lag. Diverse Schichten, aller möglicher Schrott in dem Schlick begraben, Traktorteile, Dinosaurierknochen. Du bist nicht ganz unten, an der Oberfläche auch nicht recht. Dir fällt es schwer, die Dinge zu erkennen. Daher auch der Schwimmversuch im Februar. Das Ausnehmen des Alten. Als wär es Tage her, dass du zu Hause warst, dabei sind's höchstens zwei, drei Stunden; du kannst immer noch zurück. Nein. Es gibt vieles, das noch schlimmer ist als Stehlen, sich zum Beispiel selber zu belügen, darin sind sie Meister, deine Schwester und der Alte. Tun, als wären sie die letzten lebenden Seelen.
Während du nach deiner Mutter kommst. Bleib nur, dann bist auch du bald für die Klapse reif. Den Balsamierungstisch. Im Februar aufs Eis zu tappen, wie ein Schock, die Kälte. So kalt, dass du kaum mehr atmen konntest, aber du bliebst da, bis nichts mehr weh tat, so ist sie da reingerutscht. Halt aus, eine Minute, und schon wird dir wieder warm. Da lernst du was fürs Leben. Hochgekommen wärst du heut noch nicht - April -, auch wenn der Fluss jetzt wieder wärmer wird und mit ihm das, was in dir lebt, ohne dein Wissen, leise, und das ist es auch, was dich nach oben bringt. Hat dir der Lehrer beigebracht. Im Winter sehen tote Hirsche aus wie Knochen, doch im Sommer bläht sich's unter ihrem Fell. Bakterien. Die Kälte hält sie nieder, aber letzten Endes kriegen sie dich doch.
Du schaffst das, dachte er. Jetzt reg dich ab.
Aber natürlich wusste er noch, wie ihn Poe da rausgezogen hatte, wie er zu ihm sagte, »Wollte bloß mal wissen, wie sich's anfühlt, und sonst nichts«. Ein einfaches Experiment. Dann lag er unter Bäumen, es war dunkel, und er rannte, schlammbedeckt, er rumpelte durch Fangeisen und Farnbetten, ein Rauschen in den Ohren, und kam wieder raus auf irgendeinem Feld. Das trockene Laub knisterte; ihm war schon so lang kalt, dass er die Kälte nicht mehr spürte. Das, er wusste es, das war das Ende. Aber Poe hatte ihn wieder eingeholt.
»Es tut mir leid«, sagte er jetzt zu Poe, »wegen vorhin, mit deinem Dad.«
»Mir scheißegal«, sagte Poe.
»Wollen wir so weitergehen?«
»Wie?«
»Ohne zu reden.«
»Vielleicht bin ich grad nur traurig.«
»Vielleicht musst du dich bloß mal zusammenreißen.« Isaac grinste, doch Poe blieb ernst. »Manche von uns haben noch ihr ganzes Leben vor sich. Andere dagegen -«
»Du kannst machen, was du willst.«
»Lass stecken«, sagte Poe.
Isaac ließ ihn vorausgehen. Der Wind frischte auf, zerrte an den Kleidern.
»Kannst du weitergehen, auch wenn gleich das Unwetter kommt?« »Nicht so richtig«, sagte Poe. »Wir kommen bald zu einem alten Werk, sobald wir aus dem Wald raus sind. Da können wir so lange warten, bis es abgezogen ist.«
Der Fluss war zehn, zwölf Meter links von ihnen, weiter vorn liefen die Gleise parallel zu einem ausgedehnten Überschwemmungsgebiet, wo das Gras hellgrün vorm Hintergrund der aufziehenden schwarzen Wolken leuchtete. Inmitten einer Wiese standen Güterwaggons, fast verschluckt vom wilden Rosendickicht. An dem einen Ende des Überschwemmungsgebietes lag die Standard-Steel -Waggonfabrik, er war schon einmal drin gewesen, das Gebäude halb verfallen, haufenweise Backsteine und Holzbalken auf alten Glühöfen und hydraulischen Pressen, überall wucherten Moos und Kletterpflanzen. Trotz der Trümmer war es drinnen weiträumig und offen. Jede Menge Souvenirs. Das alte Namensschild, das du mal Lee geschenkt hast, von dem großen Hammerofen abgepult, das Angelaufene poliert und dann geölt. Geringfügiger Vandalismus. Nein, denk an die vielen Leute, deren Stolz diese Maschinen waren, rette ein paar Einzelteile davon - für ein bisschen Leben nach dem Tod. Lee hat es über ihrem Schreibtisch aufgehängt, du hast es dort gesehen, als du in New Haven warst. Inzwischen zieht der Regen schnell heran. Das wird gleich kalt und nass. Ein schlechter Anfang für die Reise.
»Himmel«, sagte Poe, es fing grad an zu regnen, »die Fabrik hat nicht einmal ein Dach. Bei deinem Glück hätt ich's mir denken können.«
Isaac zeigte auf ein Gebäude: »Das da hinten sieht viel besser aus.«
»Kann's kaum erwarten.« Isaac ging vor; Poe hatte üble Laune, aber keine Ahnung, was dagegen half.
Sie nahmen einen Wildpfad mitten durch die Wiese. Hinterm Hauptgebäude der Fabrik war jetzt das kleinere zu sehen, halb verborgen unter Bäumen, dunkel, Schatten. Oder Schutz, dachte er. Ein viel kleinerer Backsteinbau als das Hauptgebäude, ungefähr so groß wie eine größere Werkstatt, die Fenster zugenagelt, aber mit intaktem Dach. Obwohl der Bau stark von Schlingpflanzen überwuchert war, erreichte man ihn über einen freigeschnittenen Weg durchs Gras. Der Regen fegte über sie hinweg, sie fingen an zu rennen, und vor dem Gebäude angekommen, rammte Poe mit seiner Schulter gegen die Tür. Doch sie schwang nach innen, ohne großen Widerstand.
Drinnen war es dunkel, es sah nach Maschinenhalle aus: etwa ein Dutzend Drehbänke und Fräsen, ein Gerüst und eine Reihe Schleifmaschinenständer, um die Werkzeugteile zu bearbeiten, obwohl die Schleifmaschinen fehlten, wie den Drehbänken Spannfutter und Quervorschub fehlten, alles, was nicht nietund nagelfest war. Leere Flaschen Billigwein lagen herum und haufenweise Bierdosen. Ein alter Holzofen und frische Feuerspuren.
»Himmel noch mal. Stinkt, als wären unter diesem Fußboden zehn Penner abgenippelt.« »Wird schon«, sagte Isaac. »Ich mache uns ein Feuer, dass wir trocken werden.« »Guck dir das mal an, ein Pennerhotel; stapelweise Holz und so.«
»Willkommen. Das ist meine neue Welt.«
»Ich bitte dich, ja«, schnaubte Poe, »du bist ein Scheißtourist, und fertig.«
Isaac beachtete ihn nicht. Er kniete vor dem Ofen und baute ein sorgfältiges Feuer, Brennholz, Anmachholz, dann hielt er inne, suchte Äste in der richtigen Größe. Nicht der beste Ort, aber was soll's. Immer noch besser als den Rest des Tages nasse Kleider. So wird's sein, das Leben auf der Straße, kleine Annehmlichkeiten sind vorrangig - einfaches Leben. Rückkehr zur Natur. Und wenn du's leid bist, kaufst du dir eine Busfahrkarte. Bloß, dann hieße das ja gar nichts - könntest dir gleich wieder eine holen und zurückfahren. Der Kleine ist nicht ängstlich. So gibt's mehr zu sehen - Umweg Texas, zum McDonald-Observatorium. Davis Mountains, Neunmeter-Teleskop, Hobby-Eberly. Stell dir nur mal die Sterne vor, da durch gesehen - als wärst du grad selbst dort oben. Fast wie Astronaut sein. Very Large Array, New Mexico, oder war's Arizona, weiß nicht mehr. Das alles sehen. Keine Eile, keine Sorgen.
»Guck doch nicht so glücklich«, sagte Poe.
»Ich kann nicht anders.« Er fand noch ein paar kleine Holzscheite und bastelte weiter an dem Feuer rum, schabte mit seinem Klappmesser Holzsplitter ab.
»Du brauchst ja ewig, weißt du das?«
»Ich mag halt Ein-Anzünder-Feuer.«
»Wobei, bis du das am Brennen hast, wird's dunkel sein und Zeit zu gehen, weil ich verbring hier sicher nicht die Nacht.«
»Ich geb dir meinen Schlafsack.«
»Scheiß drauf«, sagte Poe. »Wahrscheinlich haben wir längst TBC , nur weil wir hier sind.«
»Wird schon gehen.«
»Du kannst doch nichts«, ließ Poe ihn wissen.
»Und was machst du, wenn ich weg bin?«
»Ich werde wohl furchtbar glücklich sein.«
»Im Ernst.«
»Hör auf. Wenn mich wer nerven soll, kann ich mit meiner Mutter reden.«
»Mit der rede ich.«
»Bla bla. Was Essbares dabei?«
»Paar Nüsse.«
»Typisch.«
»Gib mir mal dein Feuerzeug.«
»Was ich perfekt fände, wäre jetzt eine Pizza von Vincent's . Ich war da neulich, also die nach Art des Hauses -«
»Feuerzeug.«
»Ich würd uns ja eine bestellen, aber Nextel hat mein Handy abgeschaltet.« »Hm-hmm.« »War ein Witz«, sagte Poe. »Superwitzig. Gib das Feuerzeug her.« Seufzend reichte Poe es ihm. Isaac zündete das Feuer an.
Es griff schnell um sich. Denn es war ein gutes Feuer. Jetzt trat er die Ofentür auf, bis zum Anschlag, lehnte sich zurück und musterte befriedigt das vollbrachte Werk.
»Grinst du auch noch, wenn hier die Bude abfackelt?«
»Für einen, der zwei Kerle krankenhausreif -«
»Vorsicht«, sagte Poe.
»Na sicher doch.«
»Du weißt, ich finde dich in Ordnung, Hirni. Wollt ich nur kurz sagen, falls du was auf meine Meinung gibst.«
»Du könntest wahrscheinlich bei jeder Footballmannschaft sofort einsteigen. Es gibt da draußen viele Unis, ist wie Baywatch .«
»Nur dass alle Leute, die ich kenne, hier leben.«
»Ruf diesen Trainer aus New York an.«
Poe zuckte die Achseln. »Freue mich für dich«, sagte er. »Du
wirst dich schon durchschlagen, genau wie deine Schwester. Bis hin zu dem reichen Kerl, den du am Ende heiraten wirst. Irgendeinen lieben alten Herrn, du wirst in San Francisco schnell die Runde machen ...«
Beide schwiegen, während sie sich im Versteck umsahen. Poe stand auf und nahm sich ein Stück Pappe, das er ausbreitete, um sich draufzulegen. »Ich bin immer noch betrunken«, sagte er, »na Gott sei Dank.« Er streckte sich aus und machte die Augen zu. »O Mann, mein Leben. Nicht zu fassen, dass du das jetzt machst.«
»Ab heute bin ich Isaac der Tramp.«
»Der Liebling der Matrosen.«
»Fürst der Tippelbrüder.«
Poe schmunzelte. »Falls das deine Art sein soll, dich zu entschuldigen, dann nehm ich an.« Er rollte sich zur Seite und schlang seine Footballjacke um sich. »Könnte kurz die Augen ausruhen. Und weck mich, wenn der Regen aufhört.«
Isaac trat ihn: »Steh auf.«
»Lass mich doch einfach glücklich sein.«
Isaac wandte sich wieder dem Feuer zu. Scheint ja zu ziehen - werden also nicht an Kohlenmonoxid sterben. Tritt ihn noch mal. Nein. Lass ihn. Wird wahrscheinlich gleich ohnmächtig. Sobald er mal stillsitzt. Nicht wie du - du schläfst ja selbst in deinem eigenen Bett kaum ein. Du würdest an so einem Ort wie diesem nicht ein Auge zutun. Wenn er doch nur mitkäme. Er musterte die alten Maschinen im Raum, die alten Dachbalken, die grauen Lichtspalten an den verbretterten Fenstern. Poe hat vor Menschen keine Angst, das ist der Unterschied zwischen uns. Bloß hat er doch welche, auf seine Weise. Halt nicht körperlich, das ist der Punkt. Dabei, guck dich mal an, du machst dir Sorgen, fragst dich, ob's dem Alten gutgeht. Wo du weißt, er wird's schon schaffen. Lee hat einen reichen Mann - die können nach Belieben eine Pflegeschwester anheuern. Das war nicht nötig, solang du da wohntest, doch wo du jetzt weg bist, muss bald eine Schwester her. Lee kauft sich wieder frei. Du investierst fünf Jahre und sie ein paar Tage jedes Weihnachtsfest, dann tun sie so, sie und der Alte, als wär's Schicksal. Aber trotzdem - sieh mal an - bist du am Ende irgendwie der Böse. Ist der Kleine glatt zum Dieb geworden, lässt den Vater sitzen, und die Schwester bleibt die Heldin und der Liebling.
Er versuchte irgendwie, sich zu entspannen, klappte aber nicht. Der Kleine hätte gerne eine Dreifachdosis Prozac . Oder noch was Stärkeres. Er zog das Geld hervor und zählte es erneut, nicht ganz viertausend Dollar, kam ihm vor wie eine Riesensumme, doch er wusste, dass es das nicht war. Das wird alles höchstens schwieriger, mit Poe dabei, und noch befindest du dich hier auf heimischem Terrain. Du glaubst, du hättest vorgesorgt für alles, mit den Kladden und den Schulmitschriften, alles, was du brauchst für deinen Neuanfang in Kalifornien. Sieht auf dem Papier perfekt aus, ist jetzt aber völlig lächerlich. Selbst wenn der Alte nicht die Polizei ruft. Reiner Stolz, dass du hier draußen bleibst.
Vom anderen Ende des Gebäudes war etwas zu hören, Poe setzte sich benommen auf und sah sich um. Da gab es eine Tür, die ihnen gar nicht aufgefallen war. Drei Männer kamen rein, mit Rucksäcken, sie tropften, traten sich die Füße ab, zwei große und ein kleiner, die im Halbdunkel standen.
»Das is hier unser Platz«, sagte der Massigste von ihnen. Er war deutlich größer als Poe, dickes blondes Haar und dichter Bart. Die drei gingen um verschiedene Maschinen herum und bauten sich ein Stück vorm Feuer auf.
Isaac erhob sich, Poe blieb ungerührt. »Der Platz hier gehört keinem«, sagte er.
»Falsch, das ist unserer«, sagte der Mann.
»Ich weiß ja nicht, ob ihr in letzter Zeit mal vor der Tür wart?« Poe betrachtete die Pfützen, die die Männer hinterließen. »Also wir bleiben hier.«
»Wir können gehen«, sagte Isaac. Er dachte an das Geld in seiner Tasche und wandte den Blick von den Neuankömmlingen ab. Der große blonde Holzfällertyp, dachte er, war drauf und dran, noch was zu sagen, tat es aber nicht.
»Was soll's«, meinte einer der anderen. »Sie haben immerhin das Feuer angekriegt.« Er setzte seinen Rucksack ab. Er war der Kleinste und zugleich der Älteste, schon über vierzig, mit Fünftagebart und schmaler, furchtbar krummer Nase, offenbar gebrochen und nicht mehr gerichtet. Isaac erinnerte sich daran, wie Poe mal ohne Helm trainiert hatte, wie ein harter Treffer ihm die Nase brach und wie er einfach zugepackt und sie gleich auf dem Spielfeld selbst geradegedrückt hatte.
Die drei Männer sahen aus, als wären sie schon lange auf der Straße unterwegs. Der Ältere wrang seine Wollmütze aus und legte sie ans Feuer, seine nasse Hose klebte an den dünnen Beinen. Als er sagte, dass er Murray heiße, konnten sie ihn riechen.
»Kenn ich dich?«, fragte er Poe.
»Vermutlich nicht.«
»Falls doch, woher denn?«
Poe zuckte die Achseln.
»Football?«, sagte Isaac. »Er war Tight End bei den Buell Eagles.«
Das gab einen Seitenblick von Poe.
Murray sah Poes Footballjacke, die beim Ofen ausgebreitet lag. »Ja, weiß ich noch. Hab Öl gewechselt damals bei Jones Chevy , nach der Arbeit haben wir immer die Spiele angeguckt. Ich dachte, du wärst längst hier weggegangen. Unimannschaft oder so.«
»Nee«, sagte Poe.
»Warst aber gut«, sagte Murray. »So lange ist das auch nicht her.«
Poe sagte nichts.
»Ist schon in Ordnung. Otto hier war Boxer, als er jung war, Golden Gloves . Er hätte Profi werden können, aber -«
»War bei der Armee«, sagte Otto. Er war der große Schwede. Hier im Tal waren die meisten herkunftsmäßig alle spät Eingewanderte: Polen, Schweden, Serben, Deutsche, Iren. Nicht bei Isaac, das waren alles Schotten, und Poes Leute waren schon so lange hier, dass keiner wusste, wo sie herstammten.
»Otto ist aus der Veteranenklinik, er hat Urlaub.« Murray tippte sich kurz an den Kopf.
»Du Drecksack, Murray«, sagte Otto.
Isaac spähte kurz rüber, aber Otto war jetzt still und hielt den Blick gesenkt. Der Dritte, dunkel, nicht so groß wie Poe, sah nach Latino aus und trug am Hals die Tätowierung Jesús . Diese Männer waren alle kräftiger als Isaac; der Schwede war, wie sich jetzt zeigte, mindestens zwei Meter groß. »Ihr habt echt Glück, dass wir hier rein sind«, sagte der Latino.
»Gibt paar Irre in der Gegend.«
»Hey, Jesús«, rief Murray. »Sei nicht so 'n Scheißmexikaner.«
»Murray möchte lieber mal die Fresse halten«, sagte der.
Otto, der Schwede, fügte an: »Wenn das so weitergeht, wird das hier noch 'n Scheißkongress.«
»So sind die zwei nicht, die sind aus der Gegend.«
Der gesamte Raum wirkte dunkel und klein, der Schwede nahm ein langes Stück Holz und rammte es lautstark in den Ofen. Isaac war unklar, wie er Poe dazu bewegen konnte abzuhauen. Die Glut knackte und schoss Funken, und die Schatten an der Wand ähnelten fünf hockenden Affen. Das wird hier nicht besser, dachte Isaac. Jesús zog etwas aus der Tasche, Isaac zuckte zusammen, und Jesús fing an zu lachen. Bloß eine Whiskeyflasche.
»Muss mal pinkeln«, sagte Isaac. Er musste gar nicht; er wollte bloß weg und schaute Poe an, aber der kapierte nichts.
»Nur zu«, sagte Poe.
»Die zwei pinkeln immer zusammen«, sagte Jesús.
Isaac wartete noch, aber Poe blieb, wo er war, und starrte Jesús und den Schweden an. Poes Jacke, sah er, lag beim Rucksack auf dem Boden. Poe war jetzt in einer ganz bestimmten Laune, kam sich unverwundbar vor. Isaac hob den Rucksack hoch, alles darin war unverzichtbar, packte einen Tragegurt und fühlte sich beobachtet. Wie konnte er Poe sagen, denk an deine Jacke? Schließlich ging er raus, allein.
Es war fast dunkel, das Gewitter war jetzt weggeweht, auch wenn von neuem Wolken aufzogen - jenseits der Wiese sah er, wie am Fluss die Bäume schwankten. Wieder fragte er sich, wie er Poe herauslocken sollte. Der glaubt, wir sind noch auf der Schule. Das Gelände lag voller Metallschrott, hohes Gras umstand Haufen von Zugteilen, riesige Motorblöcke, Zahnräder, Räder und Antriebswellen. Ein Halbdutzend Fledermäuse zischte knapp hinweg über die Berge aus verrostetem Stahl.
Blutorange leuchtete der Himmel mit den hohen Wolkenballen, Isaac sah sich das an, bis nichts mehr von der Sonne da war. Keine Ahnung, ob er reingehen und Poe holen sollte oder ob Poe selbst rauskommen würde. So was brachte Poe andauernd. Beinah wär er in den Knast gegangen, weil er einen Jungen aus Donora fertiggemacht hatte, die Bewährung dafür lief noch. Kommt an keiner Schlägerei vorbei, unfassbar. Kann wahrscheinlich nichts dafür. Wahrscheinlich ist das so, wenn man so groß ist wie er.
Plötzlich waren von drinnen laute Stimmen zu vernehmen, dann Geschrei, Geschepper. Isaac zog seine Rucksackgurte straff, sah ihre Fluchtroute über die Wiese vor sich, wartete, dass Poe herausgerannt kam. Der tauchte nicht auf. Du wartest jetzt, befahl er sich, bleibst einfach sitzen. Das Geschrei brach ab, der Lärm auch. Isaac wartete. Ist ja vielleicht doch alles in Ordnung. Nein, da läuft was schief. Du musst da wieder rein.
Ihm zitterten die Hände, und er nahm das Geld aus seiner Tasche, stopfte es tief in den Rucksack und versteckte ihn rasch unter einem großen Blech. Nur keine Panik. Hat der Kleine doch alles im Griff. Geh nicht mit leeren Händen rein. Er sah ein kurzes Eisenrohr, das würden sie ihm gleich abnehmen. Da, unter dem anderen Schrott - er steckte vorsichtig die Hand unter den rostigen Haufen, wo ungefähr ein Dutzend Kugeln lagen, industrielle Kugellagerkugeln. Er nahm eine in die Hand. Die Größe eines Baseballs oder größer, kalt und schwer. Vielleicht zu schwer. Er überlegte, ob es etwas anderes gab. Nein, keine Zeit. Jetzt geh schon rein. Und nimm die andere Tür.
Nachdem er leise durch die Hintertür geschlüpft war, sah er, was da los war. Murray lag am Boden. Und der Mexikaner, hinter Poe, hielt diesem etwas an den Hals; die andere Hand hatte er ihm zwischen die Beine gesteckt. Poe hielt beide Hände hoch, als wollte er dem Mann sagen, ganz ruhig. Sie standen im Feuer schein und abgewandt von Isaac. Der war, unsichtbar für die anderen, im Dunkeln. »Scheiße, Otto«, schrie der Mexikaner, »ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.« »Draußen ist dein kleiner Kumpel nich zu sehen«, sagte eine Stimme. »Muss schon abgezogen sein.«
Der Schwede kam vom anderen Ende des Gebäudes zurück, sein Gesicht glänzte im Licht, er grinste Poe an, so als freute er sich, ihn zu sehen. Isaac packte die Kugel fester, fühlte ihre Schwere, zwei, vielleicht drei Kilo, wippte auf sein hinteres Bein und warf sie, so fest er nur konnte, warf sie so fest, dass er in der Schulter spürte, wie ein Muskel riss. Die Kugel flog, verschluckt vom Dunkel, dann ein lautes Knacken, als sie Otto mitten auf die Nasenwurzel traf. Otto war wie erstarrt, dann lockerten sich seine Knie, er schien direkt nach unten einzustürzen, ein zusammenbrechendes Gebäude.
Poe machte sich los und lief zur Tür hinaus; Isaac stand da wie angewurzelt und starrte den Mann an, den er grad getroffen hatte, dessen Hände und Füße leicht zuckten. Geh, dachte er. Während Murray immer noch am Boden lag, kniete Jesús beim Schweden, sprach mit ihm und strich ihm über das Gesicht, doch Isaac wusste Bescheid - er wusste ja, wie schwer die Kugel war, und auch, wie fest er sie geworfen hatte.

In der Dunkelheit waren die Bahngleise kaum zu erkennen. Wieder regnete es. Isaacs Gesicht und seine Hände waren glitschig vom Schlamm und erst recht die Schuhe, er war vollkommen durchnässt, doch ob das Schweiß war oder Regen, wusste er nicht.
Du brauchst deinen Rucksack, dachte er. Nein, du kannst unmöglich zurück. Wie schlimm dieser Typ wohl verletzt ist? Dieses Ding war richtig schwer, dir tut noch jetzt der Arm weh von dem Wurf. Hättst du ihn bloß nicht im Gesicht getroffen.
Vor ihnen lag Buell mit seinen Lichtern, es war nicht mehr weit. Mit einem Mal bog Poe ab, bahnte sich den Weg durch das Gestrüpp in Richtung Fluss.
»Ich muss mich waschen«, sagte er zu Isaac.
»Wart doch, bis du zu Hause bist.«
»Er hat mich angefasst, da auf der Haut.«
»Wart doch, bis du zu Hause bist«, beharrte Isaac, und seine Stimme klang wie von woandersher. »Das kriegst du sowieso nicht ab mit diesem Wasser.«
Was vom Himmel fiel, wurde zu Eisregen, Poe hatte obenherum nur ein T-Shirt an, sonst nichts. Bald wird er unterkühlt sein, dachte Isaac. Ihr könnt schon nicht mehr richtig denken, und er ist noch schlimmer dran - gib ihm den Anorak.
Er zog ihn schnell aus und hielt ihn Poe hin. Nach anfänglichem Zögern wollte der ihn anziehen, aber der Anorak war viel zu klein. Er reichte ihn zurück.
Dann hörte Isaac sich sagen: »Komm, wir laufen, dann wird dir auch warm.«
Sie joggten eine Weile, doch es war zu rutschig. Poe fiel zwei Mal in den Matsch, er war in keiner guten Verfassung, und sie beschlossen, lieber langsamer zu machen. Doch den Mann, der da lag, kriegte Isaac nicht aus dem Kopf, es hatte so gewirkt, als wär ihm Blut übers Gesicht gelaufen, konnte aber auch am Licht gelegen haben. Das war ein K.o., sonst nichts, sagte er sich, und dabei wusste er genau, dass das nicht stimmte.
»Wir müssen an ein Telefon und einen Krankenwagen für den Typen rufen. An der Sheetz -Tankstelle ist eins.«
Poe schwieg.
Isaac ergänzte: »Münzfernsprecher. Dass wir das sind, kriegen die nicht raus.«
»Find ich nicht gut, deine Idee.«
»Wir können ihn nicht einfach liegen lassen.«
»Isaac, dem kam das Blut schon aus den Augen, und wie er herumgezuckt hat, waren das nur noch Reflexe. Wenn du einen Hirsch am Rückgrat triffst, ist es genauso.«
»Das hier war aber ein Mensch.« »Wenn wir den Krankenwagen rufen, hängt die Polizei gleich mit dran.«
Es schnürte ihm die Kehle zu. Er dachte wieder daran, wie der Schwede auf der Stelle umgekippt war und wie sich die Arme und die Beine nachher noch bewegten. Einer, der k.o. ist, rührt sich gar nicht mehr.
»Wir hätten gehen sollen, als die Typen auftauchten.«
»Das weiß ich.«
»Deine Mom ist mit Bud Harris gut befreundet.«
»Bloß dass eigentlich der Typ, den du getroffen hast, gar nichts gemacht hat. Sondern der, der mich festhielt.«
»Ein bisschen komplizierter war es schon.«
»Ich weiß nicht«, sagte Poe. »Ich kann jetzt nicht klar denken.« Isaac beschleunigte die Schritte. »Isaac«, rief Poe, »jetzt mach nichts Dummes.« »Ich sag's keinem. Mach dir keine Sorgen.« »Warte kurz.« Poe hielt ihn an der Schulter fest. »Du hast das Richtige getan, das wissen wir.«
Isaac schwieg.
Poe nickte Richtung Straße. »Ich muss jedenfalls hier abkürzen, damit ich hintenrum zum Haus komm.« »Ich begleite dich.« »Wir müssen uns hier trennen.« Darauf guckte Isaac so merkwürdig, dass Poe als nächstes
sagte: »Eine Nacht kannst du zurück zum Alten gehen. Daran wirst du schon nicht sterben.«
»Darum geht es nicht.«
»Du hast das Richtige getan«, beharrte Poe. »Und morgen früh, bei klarem Kopf, entscheiden wir, wie's weitergeht.«
»Das müssen wir jetzt gleich entscheiden.«
Doch Poe schüttelte den Kopf. »Wir treffen uns bei dir, gleich morgen früh.«
Dann wandte er sich ab und ging die dunkle Straße hoch, zu seiner Mutter, während Isaac ihm nachschaute. Er hielt einmal kurz inne, winkte. Als er außer Sicht war, machte Isaac sich auf, über die dunklen Bahngleise, allein.
»'Rost' liest sich wie ein zeitgenössischer 'Tom Sawyer', der ins Tragische kippt. [...] Ein fantastischer Roman über die zerrüttende Kraft von Wirtschaftskrisen und die Macht der Freundschaft.«
Stern, 19.08.2010

»Verloren, verraten, verrottet: Philipp Meyers Debütroman "Rost" erzählt in staunenswerter Manier den inneren und äußeren Verfall von Amerika. ...
"American Rust", so der Originaltitel, wurde mit mehreren Debütpreisen bedacht; der New Yorker kürte Meyer zu einem der wichtigsten 20 Schriftsteller unter 40 Jahren, und selbstverständlich blieben die Vergleiche mit den üblichen Verdächtigen nicht aus, mit Faulkner, Salinger, Cormac McCarthy. Blendet man all das bei der Lektüre aus (was problemlos geht), bleibt die Gewissheit, dass Rost ein packender, hin und wieder etwas überinstrumentierter, aber insgesamt staunenswerter Roman ist.«
Die Zeit Online, 23.08.2010

»Es war das amerikanische Romandebüt des vergangenen Jahres ...
Meyer erzählt in einer kargen, knappen Sprache, die nach wenigen Seiten einen eigenwilligen Sog entwickelt ...
"Rost" handelt von Freundschaft, Mut und Moral - und genauso von Feigheit, Hoffnungslosigkeit und Fatalismus. Ein ernstes Buch mit ernsten Protagonisten und ebensolchen Problemen. Aus Stahl wird Rost, aus Finanzblase Weltwirtschaftskrise, ein passender Roman für unsere Zeit.«
Johanna Adorján, Frankfurter Allgemeine Sonntagseitung, 22.08.2010

»Die Schicksalswucht Cormac McCarthys, die psychologische Finesse Richard Fords und die sprachliche Verdichtungskunst Ernest Hemingways - all diese Kardinaltugenden großer amerikanischer Literatur sin in diesem ebenso monumentalen wie filigranen Romandebüt (!) gebündelt. So schafft es Philipp Meyer, das man um jeden seiner angeknacksten Helden bangt. Im blutigen Finale ist noch einmal alles möglich - katastrophales Scheitern oder wundersame Rettung. Unmöglich, dieses fantastische Buch in den letzten Kapiteln noch einmal beiseite zu legen.«
Hartmut Wilmes, Kölnische Rundschau, 01.09.2010

»[...] ein Portrait von Menschen, deren Existenz aus den Fugen gerät und die sich in den Trümmern ihrer eigenen Hoffnungen einrichten. Und ein starkes Debüt, das gut in die krisenhafte Zeit passt.«
Journal Frankfurt, 09.2010

»Philipp Meyer hat einen beeindruckenden Roman geschrieben, der eine große Vertrautheit mit der Tradition verrät. Erinnerungen an die Bücher Jack Kerouacs oder Cormac McCarthys werden wach, und "Rost" muss sich hinter diesen Meilensteinen der amerikanischen Literatur nicht verstecken.«
Rainer Moritz, Stuttgarter Zeitung, 10.09.2010 

»ein beeindruckendes literarisches Road Movie im Sinne von J.D. Salinger oder Jack Kerouac. Ein hochaktuelles amerikanisches Sittengemälde. «
Madame, 07/2010

»Der Autor ist für 'Rost' hochgelobt worden, man vergleicht ihn mit Cormac McCarthy und Salinger. Wer zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise ein Werk wie 'Rost' zu Papier bringt, wer Persönliches und Gesellschaftliches spiegelt: Der hat tatsächlich ein gutes Buch geschrieben. «
Thomas Andre, Hamburger Abendblatt, 24.08.2010

»Doch Meyer ist kein Erfüller von Erwartungshaltungen. Er ist ein Meister der brodelnden Melancholie. Kein Wunder, dass er für sein literarisches Debüt mit Größen wie Hemingway, Steinbeck oder McCarthy verglichen wird; denn deine Sprache ist nicht die der 'wilden Jungen', sondern von wuchtiger, oft ausufernder Poesie.«
Caro Wiesauer, Kurier Wien, 21.08.2010

»Damit ist 'Rost' auch das zeitlose Porträt von Menschen, die in den Trümmern ihrer Hoffnungen leben und zugleich ein Buch über die rettende Kraft aufopferungsvoller Freundschaft. Ein bedrückender Roman, der angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise kaum aktueller sein könnte.«
Corinna Bossmann, news.de, 18.08.2010

»'Rost' ist ein großes amerikanisches Sittengemälde und das zeitlose Porträt von Menschen, die verunsichert in den Trümmern ihrer Hoffnung leben. Ein Debut voll existentieller Wucht und unerwarteter Schönheit. Und ein Buch über die lebensrettende Kraft der Freundschaft. «
Buchmagazin, 09.2010

»Philipp Meyer versteht es perfekt, einen erzählerischen Sturm zu entfesseln.«
New York Times

»Gibt es den großen amerikanischen Roman noch, der den Zeitgeist einfängt? Ja, es ist Philipp Meyers 'Rost', an der Seite von Cormac McCarthy, Salinger und Kerouac.«
Daily Telegraph

»Ein neuer literarischer Star ist geboren ! Rost ist ein schönes, bedrückendes und ermutigendes Meisterwerk. Das beste amerikanische Buch seit McCarthys Die Straße.«
The Economist

»Voller tiefer Einsichten ... fesselnd ... ergreifend ... brillant«
The Observer

»Ein literarischer Thriller, der äußerst treffend in unsere derzeitige Situation passt.« The Wall Street Journal »Es knistert vor erzählerischer Spannung ... meisterhaft komponiert«
The Guardian

»Alles an dieser Geschichte ist im besten Sinne amerikanisch ... in einer Tradition, die von Hemingway und Steinbeck bis zu Salinger und Cormac McCarthy reicht. ... Und Meyer versteht es, herzzerreißend echte weibliche Charaktere zu schaffen.«
The Washington Post

»Erinnert stark an William Faulkner ... Meyer versteht mehr von Schuld und Sühne als die meisten übrigen Gegenwartsautoren.«
Le Monde des Livres

»Ein fesselndes Drama ... Meyer zeichnet seine Figuren so stark und lebensecht, dass sie einem nahe bleiben, lange nachdem man das Buch zu Ende gelesen hat.«
Marie Claire

»So schmeichelhaft die Vergleiche mit großen Vorbildern sein mögen, das Besondere an Meyer ist eben doch, dass er wie kein Zweiter klingt. Es ist der einzigartige Ton eines überraschenden neuen Schriftstellers. Rost ist ein großartiges Buch !«
Trouw

»Der soziale Blick und die Gefühlsgenauigkeit sind beeindruckend ... Meyer verfügt über eine eindringliche Einfühlung à la Salinger ... Rost kündigt einen großen neuen Autor an - einen Autor, der es perfekt versteht, einen erzählerischen Sturm zu entfesseln.«
The New York Times

»Ein wagemutiger und packender Roman ... Rost bewegt sich sehr gekonnt zwischen Panorama und dem Persönlichen hin und her - zwischen den weitreichenden Blicken über ein niedergehendes Tal und den stillen Grübeleien eines jungen Menschen hinter Gittern.«
The New York Times Book Review

»Man beendet das Buch voller Hoffnung. Denn solange es solche Debüts gibt, müssen wir uns um die Literatur keine Sorgen machen !«
NRC Handelsblad
Klett-Cotta Roman, aus dem Amerikanischen von Frank Heibert (Orig.: American Rust)
2. Aufl. 2010, 464 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93893-7
autor_portrait

Philipp Meyer

Philipp Meyer, geboren 1974, ist in Baltimore aufgewachsen, hat mehrere Jahre als Rettungssanitäter gearbeitet und dann in Cornell Englisch studiert...



Unser Service für Sie

Zahlungsmethoden
PayPal (nicht Abos),
Kreditkarte,
Rechnung
 
weitere Infos

PayPal

Versandkostenfreie Lieferung
nach D, CH, A

in D und A inkl. MwSt.,
evtl. zzgl. in CH anfallende MwSt.
 
weitere Infos

Social Media
Besuchen Sie uns bei


www.klett-cotta.de/im-netz
Facebook Twitter YouTube
Newsletter-Abo

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de