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Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein

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Ein fulminant-skurriles Spiel mit Dichtung und Wahrheit

Wie in einem bunten Kaleidoskop wirbelt ein ganzes Jahrhundert vorbei - der Fokus ist die nördliche Insel zwischen Amerika und Europa, in ihm erkennt man die Welt und den Beginn einer neuen Zeit.

Ein Kind findet den reglosen Greis nahe dem einsamen Schafhof seines Vaters. Gastfreundschaft ist in Island heilig, daher nimmt der wortkarge Viehbauer den Findling auf.

Allmählich kommen dem Greis Erinnerungsfetzen: Ihm scheint, er kennte diese Leute, diesen armseligen Hof. Die Gespräche klingen seltsam vertraut, oft zu intim, auch hölzern oder sogar peinlich. Erst als der Alte zu seinem Entsetzen merkt, daß er offenbar vierzig Jahre in die Vergangenheit versetzt wurde, wird ihm klar, wo er ist. Und wer er ist: der berühmteste Schriftsteller Islands. Er ist offensichtlich in einem seiner Romane aufgewacht. Und der Ort, an dem er sich befindet, trägt den vielsagenden Namen Höllental. Und für Einar Grímsson beginnt in der Tat seine private Hölle. Hilflos muß er mitanhören, was er sich vor vierzig Jahren ausgedacht hat.

Die Zeitreise zwingt ihn, sein Leben von Grund auf zu überdenken - seine Verehrung Stalins, seine Feigheit, seine egoistischen Eitelkeiten, sein jährliches Warten auf den Nobelpreis, seine Unfähigkeit zur Liebe.

Auszeichnungen

Hallgrímur Helgason hat für den Roman den "Isländischen Literaturpreis" und den "Literaturpreis der Isländischen Buchhändler" erhalten.

Karl-Ludwig Wetzig wurde für die Übersetzung mit dem Preis der Dialog-Werkstatt Zug ausgezeichnet.

Leseprobe
Friðþjófur, die fette Forelle, kommt zum Ufer geschwommen und blickt auf. Ja, jetzt sieht er aus der Hel zu mir auf. Wir sehen uns in die Augen, und da geht mir ein Licht auf.

Ich verstehe.

Jetzt wird mir alles klar.

Endlich erinnere ich mich. Friðþjófur taut mein Gedächtnis auf. Und ein ganzer Eisklotz liegt vor mir wie ein gefrorenes Mammut: Ein alter Roman. Ein Roman, den ich selbst geschrieben habe. Über Hrólfur in Heljadalur. Wie hieß noch mal der Titel? Es trifft mich wie ein Schlag, und ich muß mich setzen. Ich stütze mich auf eine Bülte und sehe zum Himmel auf: Oh, Gott, mein Gott ... Ist das mein Schicksal? Muß ich hier an den Ufern des Sees schmachten, den ich selbst vor einem halben Leben aus dem Tintenfaß schöpfte? Um Himmels willen, ich bin in meinem eigenen Roman gelandet! Hinterhältiger Humor des Himmels. Treppenwitz der Geschichte. Ich fühle eine nasse Kälte an Hintern und Ellbogen und stehe auf. Meine Hände zittern, und mich schwindelt wieder. Beinahe falle ich hin, kann mich aber gerade noch an den Wiesenhöckern abstützen. Wie kann man sich als Autor in der eigenen Geschichte einen nassen Hintern holen? Und wie kann ein Autor in sein eigenes Buch eintreten? Nur auf eine Weise: Wenn er tot ist.

Ich bin tot.

Ich muß zugeben, daß mich diese Einsicht ziemlich enttäuscht. Das also ist der Tod. Und alle wissen Bescheid, nur ich nicht. Die Beerdigung ist vorbei, Blumen, Kränze, Leichenschmaus, Nachrufe. Wie viele hat Friðþjófur kürzen dürfen? Wie viele Seiten habe ich bekommen? Tómas Guðmundsson bekam eine ganze Sondernummer. Davíð Stefánsson drei Beilagen. Selbst der Erztrottel Þórbergur bekam nicht minder als sieben ganze Seiten in dieser konservativen Zeitung. Der Kommunist schlechthin. Nur weil er so "komisch" war. Jedenfalls habe ich mich bei der Beerdigung nicht gelangweilt. Ich sollte eine Sondernummer wert gewesen sein, mindestens sechs Bögen. Verdammt noch mal, der bedeutendste Schriftsteller des Landes! Ob die Kirche voll gewesen ist? Oder gab es "noch freie Plätze"? Eins, was ich nicht leiden konnte: leere Sitzreihen. Meine Theaterstücke? Wo waren sie jetzt? Warum lebe ich ausgerechnet in diesem Werk weiter? Acht große Romane habe ich geschrieben und drei kleine. Sieben Schauspiele. Sechs Essaysammlungen. Fünf Bände Memoiren. Und zwei Reisebücher. Und jetzt sitze ich hier in dieser einen Geschichte fest und hole mir einen nassen Arsch! War sie das Einzige, was blieb? Sollte ich nur in ihr weiterleben? - Sofern man das Leben nennen durfte. Und Hrólfur, der Junge, das Mensch, Eivís: Alles meine Geschöpfe. "So entstehen die Berge." Und der Bauer auf Mýri eine exakte Kopie von Strom-Lási. Oh, ja, seinem eigenen Werk gegenüber ist der Autor blind. Aber wie, zum Teufel, hätte ich mich auch an diese Leute erinnern sollen? Ich hatte ein halbes Jahrhundert nicht mehr von ihnen gehört.

Ich, der ich doch mein Weiterleben im Jenseits nach all der Plackerei zu ausgiebigem Entspannen nutzen wollte. Ich brauchte Ruhe. "Hier ruht Einar J. Grímsson. 1912-2000". Doch, das sieht proper aus auf einem Grabstein, und Schulkinder können sich die Zahlen leicht merken.

Ja, ganz sicher bin ich tot.
»... Wer in diesem Buch nur eine von Literaturfreaks zu lösende Entschlüsselungsaufgabe sieht, nimmt Helgasons Roman nicht richtig wahr: Vor allem anderen ist "Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein" ein intertextuelles Spiel, das selten so unverkrampft, unterhaltsam und anregend gelingt wie hier. ...
Ein Übersetzer hat es zwischen den literarischen Schwergewichten ... nicht leicht. Doch Karl-Ludwig Wetzig gelingt es, Helgasons Kapriolen elegant ohne Reibungsverluste zu übertragen. ...«
Kristof Magnusson (Literaturen, Juli/August 2005)

»... Selbst wer keinerlei Interesse an Geysiren, Schafen oder Halldór Laxness hat, wird nicht anders können, als diesen großen europäischen Roman zu loben und zu preisen.«
Rainer Moritz (Die Welt, 18.6.2005)

Bei perlentaucher.de im Mai 2005 in der Kategorie "Die besten Bücher des Monats"

»... eine Art Schlüsselroman des isländischen Erfolgsautors Hallgrímur Helgason«
Katharina Granzin (die tageszeitung, 7.5.2005)

»... man muss als Leser nicht einen einzigen isländischen Autor kennen, um in Helgasons Roman ein wunderbares Buch zu entdecken. ...
Der stärkste Teil des Buches jedoch ist der "Roman" im Roman. Helgason gelingt es auf dieser Ebene, all seiner selbst inszenierten Ironie zu trotzen und Menschen aus Fleisch und Blut zu schaffen. ...«
Silja Ukena (Süddeutsche Zeitung, 14.4.2005)

»... Eine pfiffige Fabel. ...
Hallgrímur Helgason, Islands ewig provozierender Erfolgsautor, der Komödiant, Poet und Comic-Zeichner, wollte keinen Heimatroman. Auf einer zweiten Ebene erledigt er (und mit ihm Weltbürger Grímsson) en passant ein ganzes böses Jahrhundert. Hitler, Lenin und Stalin, die Heilslehren mit ihrem Blutzoll, die fatale Fortschrittsgläubigkeit. ...
Das Buch - trotz den Einschränkungen: ein schönes Buch - endet mit einem Glossar isländischer Eigenheiten aus der Feder des Übersetzers. Eine grosse bunte Spielzeugkiste ist dieser Wälzer. ... «
Uwe Stolzmann (Neue Zürcher Zeitung, 17.3.2005)

»... So versteckt Helgason auf der Hochheide und am Fjord kunstvoll die Puzzlestücke einer ganzen Schriftstellerbiographie des zwanzigsten Jahrhunderts ... Helgason nutzt Island als verkleinerte Weltkarte, in der sich ein ganzes Säkulum spiegelt. ...
... kommt der Leser reicher von diesem ausgedehnten Aufenthalt in den steinigen Ursprungslanden des Erzählens zurück. ...«
Andreas Rosenfelder (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.3.2005)

»Grímsson ist im Altersheim gestorben - und in seinem eigenen Buch wieder aufgewacht. Ein ziemlich skurriler Einfall ist diese Konstruktion des isländischen Schriftstellers und Malers Hallgrímur Helgason, 46, aber das Konzept geht auf. ...
Helgason selbst hat die Warnung seines Protagonisten beherzigt und einen Roman geschrieben, der keinen Raum hat für endlose Landschaftsschilderungen - weil er viel Platz braucht für eine Fülle origineller Einfälle.«
Marianne Wellershoff (Der Spiegel, 11/2005, 14.3.2005)

»... Ein teuflisches Vergnügen!«
(Brigitte Kultur, Februar 2005)
Klett-Cotta Roman, aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig (Orig.: Höfundur Íslands)
2. Aufl. 2010, 616 Seiten, gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93901-9
autor_portrait

Hallgrímur Helgason

Hallgrímur Helgason, 1959 in Reykjavík geboren, besuchte nach dem Studium an der Hochschule für Kunst und Kunstgewerbe in Reykjavík für ein Jahr die...

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