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Zeit der Asche

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Anhand dreier Frauenschicksale erzählt Jorge Volpi von den großen Umbrüchen des ausgehenden 20. Jahrhunderts: von Tschernobyl, dem Fall der Berliner Mauer, dem Niedergang des Sowjetreiches, von bakteriologischer Kriegsführung und dem Humangenomprojekt. »Zeit der Asche« ist ein weltumspannender Roman über Aufstieg und Fall der Sowjetunion. Wissenschaftsroman, Kriminalgeschichte und schillerndes Panorama der Zeitgeschichte in einem.

Drei Frauen - drei Schicksale in den Wirren des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Ein globales Gesellschaftsepos, orchestriert wie ein Krimi, in dem sich die Ereignisse auf den Kontinenten überstürzen. Vom Amerika der Wallstreet bis hin zu Tschernobyl und den russischen Oligarchen inszeniert Volpi virtuos die Hoffnungen und Ängste einer Epoche.

Im Wirbel der Weltgeschichte überlagern sich drei Frauenschicksale. Eine sowjetische Biologin bezeugt aus nächster Nähe den Zusammenbruch des Kommunismus und den Tod ihrer Tochter. Am anderen Ende der Welt hat eine amerikanische Ökonomin mit ihrem skrupellosen Mann und ihrer globalisierungskritischen Schwester zu kämpfen. Und schließlich ist da eine begnadete Computerwissenschaftlerin, entschlossen, das Geheimnis der Intelligenz zu lüften. Alle drei finden sich im Fadenkreuz eines sonderbaren Söldners wieder ... Kriminalgeschichte, Wissenschaftsthriller und schillerndes Panorama der Zeitgeschichte in einem. Virtuos und schwungvoll erzählt »Zeit der Asche« von den großen Umbrüchen des ausgehenden 20. Jahrhunderts: von Tschernobyl, dem Fall der Berliner Mauer, dem Niedergang des Sowjetreiches, von bakteriologischer Kriegsführung und dem Humangenom projekt. Und erforscht dabei die allzu menschlichen Leidenschaften und Abgründe.

Leseprobe
KRIEGSZEITEN (1929-1985) Drei Frauen

1 Moskau, Russische Föderation, 30. Dezember 2000
Es sind nicht ihre Augen. Ihre Stimme, eiskalt wie die Fliesen des Raumes, gestattet keine Widerworte. Wer würde es wagen, ihr zu widersprechen? Schwer zu sagen, was sie denkt oder was sie fühlt: Das bleibt eines der Rätsel unserer Spezies. Irina Nikolajewna Granina schweigt beharrlich, verschlingt die Ärzte mit ihren schwarzen Augen und merkt sich deren Namen, um sie später anzuzeigen. Wie konnten sie es wagen, sie mitten in der Nacht so zu belästigen? Der Kommunismus ist vorbei, aber sie haben sich nicht geändert, denkt sie (ich glaube, dass sie es denkt): Auch wenn sie jetzt makellose Kittel und Handschuhe tragen, es sind dieselben Henker, die Arkadi Iwanowitsch in der Vergangenheit verhöhnt, dieselben Feiglinge, die ihn für krank und gefährlich befunden, dieselben Trottel, die ihn mit Beruhigungsmitteln vollgestopft haben. In ihnen schlummern weiter Polizistenseelen, erregt sie sich.
Irina klammert sich an ihre Tasche wie an einen Passierschein. Sie würde gerne so bald wie möglich wieder gehen, zu ihren weißen Laken zurückkehren und der Stille der Morgendämmerung, in ihren Traum, in den sie täglich eintaucht: ein dichtes uferloses Meer. Seit sie sich von Arkadi Iwanowitsch getrennt hat (oder deutlicher: seit sie ihn nach dreißig Jahren des Zusammenseins verlassen hat), beschützt niemand sie mehr vor den Schatten, jetzt muss sie sie selbst verscheuchen, mit dieser Entschlossenheit, die es ihr in der Vergangenheit ermöglicht hat, zu überleben und ihn zu retten.
Sehen Sie sie bitte noch einmal an, Irina Nikolajewna.
Sie tritt einige Schritte zurück, ihr Puls schlägt schneller, und jemand hebt das Tuch, das ebenso weiß ist wie die übrige Einrichtung. Unter dem Halogenlicht schimmert die menschliche Haut grünlich, doch Irina Nikolajewna hebt den Blick nicht, das ist nicht nötig. Eine Mutter irrt nie.
Es sind nicht ihre Augen. Gerne würde sie es wieder und wieder sagen, es sind nicht ihre Augen, es sind nicht ihre Augen, sie dazu zwingen, den Mund zu halten, sich bei ihr zu entschuldigen, überzeugt davon, dass dieser graugrüne Blick nicht der ist, den sie so geliebt hat, aber ihre Zunge ist wie gelähmt. Die Temperatur steigt schwindelerregend schnell. Frische Luft, bitte! Draußen schlägt der Regen gegen die Fensterläden. Ein Praktikant bietet ihr ein Glas Wasser an, das Irina barsch ablehnt. Sie lässt sich auf einen Plastikstuhl fallen. Wir können uns vorstellen, wie schmerzhaft das für Sie ist, Irina Nikolajewna .
Der junge Mann mit violetten Augenringen weiß nicht, wen er vor sich hat: dank ihrer Hartnäckigkeit und Stärke können die Russen jetzt frei reden; sie können sich italienische Krawatten kaufen oder mit thailändischen Minderjährigen schlafen; jetzt leben sie ohne Angst davor, verhaftet zu werden. Wie kann er an ihren Worten zweifeln? Vielleicht ist es besser, auf Doktor Granin zu warten.
Auf Arkadi Iwanowitsch? Werden sie auch ihn behelligen? Auf Irinas Gesicht zeichnet sich ein bitteres Lächeln ab. In den letzten Monaten hatte sie nicht das Recht, ihn zu stören, und diese Nervensägen zitieren ihn wegen eines bürokratischen Irrtums mitten in der Nacht herbei! Es amüsiert sie, dass jemand die Ruhe von Arkadi Iwanowitsch Granin stört, des berühmten Mitglieds der Russischen Akademie der Wissenschaften, des ehemaligen Kandidaten für den Friedensnobelpreis, und ihn so ins Reich der Sterblichen zurückholt. Sie stellt ihn sich im Schlafanzug vor, übergewichtig, lächerlich, wie er sich bereit macht, in den Sturm hinauszutreten; vielleicht lohnt es, noch zu bleiben, um sein aufgedunsenes Gesicht zu sehen. Arkadi Iwanowitsch? Wir haben ihn soeben erreicht, er ist in wenigen Minuten hier.
Wie naiv sie sind, denkt Irina, oder murmelt es gar. Man merkt, dass sie ihn nicht kennen: Wie alle Opfer fühlt Arkadi sich gezwungen, sein Martyrium zur Schau zu stellen, er nimmt alle Einladungen und Ehrungen an, beteiligt sich an allen Diskussionsforen und freut sich über jede Anerkennung, die ihm zuteil wird. Aber am Ende setzt er doch immer seinen Willen durch. Wie lange hat Irina ihn nicht gesehen? Sechs Monate, sieben? Er wird toben, wenn er feststellt, dass es sich um einen Irrtum handelt, und wird keine Ruhe geben, bis die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen sind.
Irina hat keine Angst um ihre Tochter. Sie hat keine Ahnung, wo sie sein könnte, seit Monaten hat sie keinen Brief von ihr erhalten, aber sie macht sich keine Sorgen: Egal, was sie sagen, ihr Körper liegt nicht auf diesem Metalltisch. Nach so vielen Auseinandersetzungen und Versöhnungen hat Irina sich beinahe an ihre Abwesenheit gewöhnt, an diese Mischung aus Groll und Feigheit, die sie ans andere Ende der Welt geführt haben. Sie vertraut darauf, dass das Schicksal, das sie zerbrechlich und gewalttätig hat werden lassen, sie auch vor den Gefahren beschützen wird. Die Arme hat es nicht verdient, so jung zu sterben.
Irina Nikolajewna sieht sich, wie sie vor einigen Jahren das blutüberströmte Gesicht ihrer Tochter streichelt. Oksana, damals sieben Jahre alt, war aus der ersten Etage gestürzt, hatte sich jedoch wie durch ein Wunder (Irina glaubte selbstverständlich nicht an Wunder) keinen Knochen gebrochen, sondern nur ein paar Kratzer an Stirn und Knien davongetragen. Als gute Wissenschaftlerin, als die sozialistische Wissenschaftlerin, die sie zu sein hatte, wies sie alle übernatürlichen Erklärungen von sich und war von der Stärke ihres Ahnengeschlechts überzeugt: Die Gene des Mädchens, dieselben wie die ihrer Mutter und ihrer Großmutter, würden sie unverletzlich machen.
Kann ich gehen? Einer der Pathologen schüttelt den Kopf. Lassen Sie uns bitte auf Doktor Granin warten.
Irina Nikolajewnas Leben scheint vom Warten bestimmt zu sein: Jahrelang wartete sie darauf, dass Arkadi aus dem Exil zurückkehrte, was machen da schon ein paar Minuten? Ihre gelblichen Finger wühlen in ihrer Tasche, bis sie ein Päckchen Zigaretten finden; sie holt eine heraus, zündet sie an und zieht kräftig daran. Das Nikotin macht sie noch trauriger. Sie zieht noch einmal, und dann noch einmal.
Wo ist sie? Irina erkennt die Stimme ihres Mannes. Die Asche rieselt ihr durch die Finger. Wo ist meine Tochter?
Arkadi ist weder dicker noch älter geworden, er erweist sich als Herr der Lage, kräftig und majestätisch, mit seinem sorgfältig gestutzten Bart. Nicht einmal jetzt gestattet er sich eine Nachlässigkeit, eine elegante Erscheinung, er trägt einen dunklen Anzug und ein ordentlich gebügeltes Hemd, niemand würde auf die Idee kommen, dass er jahrelang denselben abgenutzten Taft und dieselbe Unterhose angezogen hat. Irina verbirgt ihren Groll und überlässt ihrem Mann (ja, er ist immer noch ihr Mann) das Feld. Arkadi Iwanowitsch Granin ist kein gewöhnlicher Mann, er ist eine moralische Instanz. Ein Symbol. Zumindest war er es bis zu dem Skandal. Der Skandal, den sie provoziert hatte.
Er grüßt sie nicht einmal, er folgt den Ärzten, die ihn mit einer Ehrerbietung zur Leiche führen, die sie früher nur den Parteioberen entgegenbrachten. Arkadi ist das Getue zuwider. Er möchte die Angelegenheit so schnell wie möglich erledigen, für ihn ist dieser Tod bloß eine unabwendbare Tatsache. Er ist weder traurig noch überrascht, nicht einmal resigniert. Seine Tochter war Opfer unbändiger Gewalt, eines Wahnsinns, der es ihr verwehrte, normal zu sein. Oksana starb schon vor langer Zeit (zumindest in seinem Herzen), als sie Moskau verließ und sich mit solchen, die ein ebenso elendes Leben führten wie sie, in den dunklen Straßen von Wladiwostok verlor, in den gespenstischen Docks.
Arkadi flüstert dem Leiter des Leichenschauhauses etwas zu und macht Anstalten zu gehen. Doch Irina verstellt ihm den Weg. Als hätte er Sorge, die Reporter, die ihn verfolgen, seit der Betrug von DNAW-Rus öffentlich bekannt wurde, könnten plötzlich hereinstürmen, gibt er nach und umarmt sie. Irina Nikolajewna klammert sich an seinen Körper. Arkadi stellt angewidert fest, dass sie sich die Haare blond gefärbt hat, und von ihrem süßlichen Parfüm wird ihm ganz schwindelig.
Sie ist es doch nicht, oder? Das ist doch nicht unsere Oksana, nicht wahr? Arkadi schweigt; er hat sich schon immer vor den Ausbrüchen seiner Frau gefürchtet, er kennt ihre Entschlossenheit und Dreistigkeit, ihre Kühnheit, gegen Regeln zu verstoßen, und er möchte keine Szene. Die Geier von der Presse sind sicherlich bald da, die Autopsie und die Beerdigung müssen unverzüglich geschehen. Die Ursache ?, fragt Arkadi den Chefpathologen. Der führt ihn an den Metalltisch und zeigt ihm die Wunden: Wir werden das Notwendige tun, um sie verschwinden zu lassen. Oksana hat erreicht, was sie wollte, denkt der Biologe.
Arkadi steht sicher, Irina schwankt. Keiner von beiden weint, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Er will bloß weg, während sie immer noch ungläubig ist. Es sind nicht ihre Augen, nicht wahr? Arkadi antwortet nicht. Sag mir, dass es nicht ihre Augen sind, dass es nicht die Augen von unserer Oksana sind. Sag es mir, Arkadi Iwanowitsch.
Beruhige dich, Irina, es war doch vorherzusehen. Diese Worte sind sein Verhängnis. Irina sieht ihn wutentbrannt an und stürzt zur Leiche ihrer Tochter. Sie beugt sich über das Metallbett, überwindet sich und berührt den leblosen Körper: Sie wagt es nicht, ihr ins Gesicht zu sehen, sie begnügt sich damit, über den Stoff am Hals zu streicheln. Dann drückt sie ihr die rechte Hand, die klein und mit Wundschorf übersät ist, ihre Mädchenhand. Als ihr bewusst wird, dass sie sie seit Jahren nicht berührt hat, küsst sie sie wieder und wieder. Schließlich kniet sie nieder und bekreuzigt sich.
Arkadi Iwanowitsch drängt zur Erledigung der Formalitäten. Er ist nicht bereit, jetzt zusammenzubrechen, nach dem, was er erlitten hat. Nachdem er dazu beigetragen hat, zweihundert Millionen Menschen zu befreien, kann er es sich nicht erlauben, um einen einzelnen zu trauern. Vor langer Zeit, als die Auseinandersetzungen mit Oksana unerträglich wurden, fasste er einen Entschluss: Seine Tochter war tot, nicht er. Ganz einfach. Dennoch schlägt er mit den Fäusten gegen die Wand. Das einzige Zeichen seiner Wut und Verzweiflung. Er beruhigt sich etwas und beschließt zu warten, bis Irina aufgehört hat, zu Oksanas leblosem Körper zu beten, diesem Teil seiner selbst, der ihn das ganze Leben lang herausgefordert und jetzt auf so grausame Weise Rache genommen hat.
2 New York, Vereinigte Staaten von Amerika, 30. Dezember 2000
Jennifer öffnet und schließt die Wandschränke, fasziniert von dem Geräusch: Das Türenklappen beruhigt sie. Mit ihrem schwarzen Rock und der weißen Bluse mit Rundkragen sieht sie aus wie ein Schulmädchen; sie hat keine Zeit gehabt, sich zu schminken, oder sie hat es nicht getan, um den Ausdruck ihres Gesichts zu unterstreichen. Die Sonne scheint durchs Küchenfenster und bringt die Kacheln zum Schimmern. Etwas entfernt bilden die Wolkenkratzer ein graues Panorama. Es ist schon lange her, dass die Stadt so klar geleuchtet hat, so unbeweglich dastand, denkt Jennifer (ich möchte, dass sie es denkt), während sie den Wasserhahn aufdreht und sich zum x-ten Mal die Hände wäscht. Sauberkeit war ihr schon immer wichtig - im Schrank befinden sich Putztücher, Lappen, Waschmittel, Seife, Desinfektionsmittel, Insektizide, Bleichmittel, Raumsprays, Dutzende Rollen Toilettenpapier, Servietten und Fleckenentferner -, aber heute erträgt sie nicht die geringste Spur von Schmutz, sodass sie sich unter dem Wasserstrahl die Hände immer weiter reibt.
Schließlich lässt Jennifer sich in einen der Wohnzimmersessel fallen, ein glattes, purpurfarbenes Möbelstück, das Wells ein Vermögen gekostet haben muss, und betrachtet die Leere, die sich vor ihren Augen auftut. Von diesem Punkt aus, im zwanzigsten Stock über der Park Avenue, sieht die Welt nicht aus wie ein Schlachtfeld, es gibt weder Panzer auf den Straßen noch liegen verweste Leichen auf den Bürgersteigen, es gibt weder Minen in den Kanälen noch sind Maschinengewehrsalven oder Explosionen zu hören. Aber der Krieg ist da, überall, ohne dass man ihn bemerkt.
Für Jennifer ist Frieden nur ein Trugbild (wie auch die Weltwirtschaft insgesamt), ein Hirngespinst, an das nur die Irren und die Armen glauben; es genügt, nur ein wenig in diesem Ameisenhaufen herumzustochern, die Mechanismen unter die Lupe zu nehmen, und schon kommt die Grausamkeit ans Licht. Die meisten ziehen es vor zu verdrängen, sie richten sich in der Überzeugung ein, dass nichts passieren wird und dass man hier, im Herzen Amerikas, sicher sein kann, weit weg von Querschlägern, die anderswo auf der Welt Kinder und Alte töten. Sie irren sich, überall gibt es Kämpfe, sogar in diesem Hochhaus unweit des Central Parks. So wie sie da sitzt, mit übereinander geschlagenen Beinen, barfuß , unterscheidet Jennifer sich kaum von den Leichtgläubigen, die dort unten herumwuseln; mit ihrer scheinbaren Gleichgültigkeit ähnelt sie den Models, mit deren Körpern die Fassaden Manhattans vollgehängt sind. Wie so viele Frauen in ihrem Alter und ihrer Position könnte sie sich damit abfinden, ein Opfer der Mode und der Trägheit zu sein. Manchmal fände sie es nicht schlecht, so ignorant und rein zu sein wie diese Frauen: Dann müsste sie nicht immer so charmant tun, sie könnte sich jederzeit die Füße massieren lassen, Fernsehserien schauen, zum Yoga gehen - oder zum Analytiker -, ohne Angst davor zu haben, als frivol zu gelten. Doch das ist nicht ihr Los: Sie hat sich dazu entschieden, dem exklusiven Klub derjenigen anzugehören, die führen und befehlen. Die Bescheid wissen .
Beim Internationalen Währungsfonds, dem Altar der Weltwirtschaft, hat Jennifer gelernt, sich wie ein Befehlshaber zu benehmen, nur dass ihre Soldaten keine Waffen tragen, keine Städte belagern oder gegen Guerilleros oder Terroristen kämpfen. Dennoch unterscheidet sich ihre Friedensmission nicht von denen, die von Panzern oder einer Infanterie erfüllt werden. Ihre Eroberungen sind subtiler, aber nicht weniger gewaltsam (und, wie sie meint, auch nicht weniger notwendig). Sie hat ihre Ziele noch nie in Frage gestellt; und auch wenn ihr Job ein schmutziger ist - gegen diejenigen zu kämpfen, die die Freiheit der Märkte stören -, ist sie davon überzeugt, dass irgendjemand ihn erledigen muss.
Jennifer würde sich liebend gerne eine Zigarette anzünden (sie hat vor zwanzig Jahren mit dem Rauchen aufgehört), aber sie widersteht, schraubt stattdessen eine Flasche Mineralwasser auf, nimmt einen Schluck und stellt sie auf den Tisch neben das Mobiltelefon, ihren Fetisch. Es hat seit über einer halben Stunde nicht geklingelt. Sie weiß nicht, was sie tun oder wie sie sich verhalten soll. Besser gesagt, sie weiß nicht, wie sie Jacob die Nachricht überbringen soll. Sollte sie ihm erklären, dass es ein Unfall war, und von einem Unglück sprechen? Oder wäre es besser, die Einzelheiten auszulassen und vom Himmel und den Engeln zu reden? Und wenn sie ihm die Wahrheit sagt, dass Allison wahnsinnig war, dass sie sich schon seit Jahren sinnlos in Gefahr begab, dass sie schon immer unverantwortlich und zynisch gehandelt hatte? Wie erklärt man einem Zehnjährigen, dass seine Mutter nicht mehr wiederkommen wird, und, noch schwieriger, wie macht man ihm klar, dass es für ihn das Beste ist? Jennifer wird all ihr diplomatisches Geschick benötigen, um ihn davon zu überzeugen, nicht ohne Grund ist sie im Fonds für ihr Verhandlungsgeschick berühmt. Jacob ist ein kluger Junge und hat anscheinend den Eigensinn der Moores geerbt.
Zum ersten Mal, seit sie vom Schicksal ihrer Schwester erfahren hat - sie hat die Stimme des Botschafters noch im Ohr -, verliert sie die Beherrschung. Welches Gefühl ist stärker? Trauer oder Erleichterung? Ihr puritanisches Temperament zwingt sie, diese Frage auszublenden. Sie wird niemals zugeben, dass sie nicht die perfekte Familie waren, die sie zu sein vorgaben, sondern Gegner, Rivalen. Ein Teil von ihr wollte Allison immer schon aus dem Weg schaffen: Dieses weinerliche Mädchen war eine Nervensäge, für ihre Unabhängigkeitspläne nur lästig. Jennifer musste sich vom Joch ihres Vaters, Senator Moore (so nannten sie ihn beide), befreien, und dazu entwickelte sie eine kaum wahrnehmbare Aufsässigkeit, der Allison im Weg stand. Deshalb hielt Jennifer sie von sich fern, hasste es, sich um sie zu kümmern oder auf sie aufzupassen. Sie hatte genug mit sich selbst zu tun.
Jennifer schließt sich im Badezimmer ein und betrachtet im Spiegel ihr gealtertes Gesicht. Wenn sie als junge Frau weniger hübsch gewesen wäre, weniger perfekt, wäre sie heute vielleicht nicht ganz so unglücklich ... Sie kämmt sich das Haar wie jeden Morgen, entwirrt ihre langen blonden Strähnen, reibt sich die Augen und wäscht sich erneut die Hände. Dann entdeckt sie entsetzt eine neue Falte an ihrem Mundwinkel. Wie viel Zeit wird wohl vergehen, bis die Fernsehnachrichten die Nachricht bringen? Sie muss es Jacob vorher erzählen, bevor die Nachbarn klingeln und ihm mit ihren Beileidsbekundungen die Wohnung einrennen.
Jennifer greift nach dem Telefon und wählt die Nummer von Jack Wells. Es klingelt einige Male, bevor er abhebt. Was willst du? Im Hintergrund ist Motorenlärm zu hören. Wo bist du? Was? Es ist etwas passiert ... Kannst du nicht irgendwo hingehen, wo es ruhiger ist? So besser? Der Lärm lässt nicht nach. Allison ist tot. Wie bitte? Sie ist tot, Jack, verdammt noch mal. Diese Idiotin. Was sagst du da, Jennifer? Wenn das ein Witz sein soll ... Sie ist tot , hörst du mich? Okay, ich komme.
Jennifer nimmt einen Schluck Mineralwasser und entdeckt auf der anderen Seite der Küche Jacobs Augen. Ob er sie gehört hat? Der Kleine sieht verschlafen aus, sein Haar ist zerzaust. Sie geht auf ihn zu, ohne ihn zu berühren. Ich möchte einen Kakao. Jennifer seufzt. Einen Kakao, um diese Uhrzeit? Bitte. Mit seinem grün-orange gestreiften Pyjama sieht Jacob aus wie eine Comic-Figur. Er kaut auf seinem linken Daumen herum. Ich habe dir schon tausendmal gesagt, du sollst nicht barfuss herumlaufen!
Mit seinen bunten Bärchen-Pantoffeln kehrt Jacob in die Küche zurück. Nicht aus Schüchternheit, sondern weil er clever ist und mit den Ausbrüchen seiner Tante umzugehen weiß. Jennifer gibt ihm den Kakao. Dann klingelt ihr Handy und sie springt auf. Und wenn es ein Journalist ist? Was soll sie dem sagen? Ja, ich bin die ältere Schwester von Allison Moore, ja, ich bin erschüttert, ja, eine schreckliche Tragödie? Ihre Knie zittern.
Ich bin gleich da, sagt Wells, irgendwas Neues? Jennifer seufzt. Nein. Jacob ist hier. Hast du es ihm gesagt? Noch nicht. Nicht mehr lange, und es wird richtig Trubel geben. Vielleicht solltet ihr besser nach Philadelphia. Das sähe doch nach einer Flucht aus. Kannst du dir vorstellen, was die Leute sagen, nach allem, was passiert ist? Du kannst doch behaupten, es hätte dich zu sehr mitgenommen.
Für Wells muss alles seine Ordnung haben, er hat immer einen Schlachtplan. Jennifer ist davon überzeugt, dass er auch den Tod seiner Eltern berechnet hat. Der Trottel. Diejenigen, die denken, er sei nur am Geld interessiert, irren sich: Sein einziges Ziel im Leben ist es, die Zukunft zu kontrollieren und seine Mitmenschen zu kontrollieren. Es ist kein Zufall, dass die Zahl seiner Feinde in der letzten Zeit zugenommen hat, zu viele Leute wünschen ihm die Pest an den Hals. Und anscheinend ist es bald so weit.
Weinst du, Jen ? Jacob möchte sie nicht ausfragen oder ihr zu nahe treten, aber Jennifer explodiert. Nein. Geh in dein Zimmer und komm nicht eher raus, bis ich dich rufe, verstanden? Der Junge zieht ab, er ist die Stimmungsschwankungen seiner Tante gewöhnt: Er kennt sie zur Genüge, und auch wenn es keiner glaubt - manchmal glaubt sie es auch nicht -, hat er sie gern. Wirklich gern.
Jennifer geht ihre Optionen durch: zu viele Fronten. Allisons Tod. Jack. Der DNAW-Skandal . Die Presse. Die Beileidsbekundungen von Freunden und Politikern. Die Formalitäten zur Überführung des Leichnams. Die Exequien . Und wenn sie eine humanitäre Stiftung im Namen ihrer Schwester gründen würde? Ein paar tausend Dollar würden genügen, die Öffentlichkeit zufrieden zu stellen ... Sie kann sich einfach nicht konzentrieren.
Nachdem er mit seinem eigenen Schlüssel aufgeschlossen hat (der Sack hat schon vor Monaten versprochen, ihn zurückzugeben), kommt Wells gutgelaunt herein und gibt Jennifer einen Kuss auf die Wange. Ich habe schon mit allen gesprochen, sagt er, schenkst du mir einen Whisky ein? Fast bewundert Jennifer seine Dreistigkeit: Du weißt, wo er steht, machs selber. Arthur hat versprochen, zu tun, was er kann ... Pack ein paar Sachen zusammen und nimm Jacob mit. Ich habe dir schon gesagt, dass ich nicht vorhabe, abzuhauen. Sei nicht so stur, Jen . Denk an das Kind. Mein Gott, Jack, meine Schwester ist tot, ich kann nicht einfach abhauen. Nicht jetzt, das weißt du ... Bei den laufenden Verfahren wäre es für uns beide schädlich. Du weißt nicht, wie die Leute sich darüber freuen werden, dich im Fernsehen zu sehen, am Boden zerstört wegen deiner Schwester. Das sieht ihr ähnlich, dass sie uns bis zu ihrem Ende übel mitspielt. Jennifers Blut gerät in Wallung, ihre Wangen glühen. Wenn Wells auch nur eine Sekunde länger bleibt, wird sie ausrasten: Es ist besser, du gehst jetzt. Er sieht auf die Uhr: Wie du willst. Falls was ist, sag Bescheid.
Dieselben Eltern, dieselben Schulen, dieselben Freunde. Wie konnten sie so entgegengesetzte Wege einschlagen? Wie konnten sie so unterschiedlich werden? Warum zum Teufel hat ihre Schwester sich so bemüht, ihr immer zu widersprechen? War sie genauso neidisch auf sie wie Jennifer es war? Wann trennten sich ihre Wege? Wann begannen sie ihren Krieg? Jetzt, da Wells fort ist, fällt ihr auf, dass es ihr eigentlich ziemlich gleichgültig ist, was aus Allisons Leichnam wird, aus ihrer Arbeit beim Fonds, aus den betrügerischen Geschäften von Jack, aus dem Humangenom, aus der Börse oder der Wirtschaftskrise, die die Dritte Welt erschüttert. Denn jetzt hat sie, wonach sie sich immer gesehnt hat, was sie immer wollte, das einzige, was sie wirklich interessiert.
3 Rockville , Maryland, Vereinigte Staaten von Amerika, 30. Dezember 2000
Eines Nachts, nachdem wir miteinander geschlafen hatten, sagte Éva , Gefühle seien ein Überbleibsel der Evolution, eine Störung der Intelligenz, und dienten bestenfalls der Arterhaltung. Betrunken und nackt wie sie war fuhr sie fort: Die Liebe ist der Kleister der Fortpflanzung, der Zorn ein Zünder angesichts von Gefahr, die Angst ein Stellvertreter des Schmerzes und vielleicht sogar des Todes. Als seien es Aphrodisiaka, wiederholte sie diese Sätze unaufhörlich. Sie genoss es, mich zu ärgern, indem sie mich so anging und meine Passivität und mein Schweigen herausforderte. Dann hörte sie nicht auf mehr zu lachen und warf sich auf mich; ganz Opfer dieser Euphorie, die sie nach jeder melancholischen Phase überkam. Mir waren ihre Provokationen zuwider, ich fand sie kindisch oder nichts sagend, an deren Mangel an Scharfsinn und an der Bösartigkeit sah man, dass wir aus unterschiedlichen Kulturen stammten.
Während ich auf der Bank sitze, am Rande des Spektakels - die Kameras und Mikrofone lassen mir keine Ruhe -, und von dieser Meute belagert werde, die mich in einer fremden Sprache beschimpft oder bemitleidet, kommen mir diese Mutmaßungen über die natürliche Selektion wie absoluter Unsinn vor. In meinem Innern regiert ein undefinierbares Durcheinander, das weder meinem Willen noch meinem Wunsch gehorcht. Vielleicht hatte Éva recht: Ich könnte jetzt nicht sagen, was mich bedrückt, wie sehr ich leide oder wie sehr ich bereue. Meine Vernunft ist erloschen. Wir rühmten uns ständig unseres jeweiligen Intelligenzquotienten (das einzige, was wir gemeinsam hatten, wie sie immer stachelte), doch was hat uns der schon gebracht?
Wer ich bin? Ein warmblütiges Landsäugetier, zweibeinig, männlich, Allesfresser, mit einer Hirnrinde, die für die Größe meines Schädels recht komplex ist. Mein Nervensystem erinnert an ein Stromnetz (ich gehe bei der kleinsten Provokation in die Luft), während, jedenfalls theoretisch, meine Gefühle einen hohen Grad an Verfeinerung erreicht haben. Meine Pupillen weiten sich, mein Herz pumpt pausenlos, und meine Schweißdrüsen arbeiten wie verrückt. Eine starke Dosis Hormone durchdringt mein Gewebe. Ich bin ein in die Enge getriebenes, trauriges und krankes Tier. Ein Tier, dem es trotz der unendlichen Fortschritte der Wissenschaft - dieser Fortschritte, zu denen Éva beigetragen hat -, nicht gelingt, sich selbst zu verstehen.
Was für eine seltsame Logik! Ist da tatsächlich jemand in mir drin? Warum sind wir Menschen so darauf erpicht, einzigartig zu sein, indem wir eine Persönlichkeit annehmen, die uns für immer festlegt? Der Gedanke, viele zu sein, eine Legion, jagt uns Angst ein. Die unterschiedlichen Stimmen anerkennen, die in uns wohnen, würde bedeuten, einen alltäglichen Wahnsinn zu akzeptieren. Um in der Gesellschaft angenommen zu werden, müssen wir uns stets vernünftig zeigen, Herr über eine einwandfreie Logik, imstande unsere Impulse zu beherrschen. Deswegen sagt man uns, das Bewusstsein hätte keine klaren Grenzen, es wäre nur eine komplexe Informatik-Routine, das Ergebnis eines im Gehirn ausgeführten Algorithmus. Ich habe mich nie mit dieser Hypothese zufrieden gegeben. Mehr noch, monatelang habe ich nichts anderes getan, als mich ihr zu widersetzen. Ich bin keine Maschine, habe ich Éva tausendmal angeschrieen, die mich unablässig mit ihren Berechnungen und Theoremen attackierte. Meiner Meinung nach ist der Geist nicht das Produkt der Verbindungen von Nervenbahnen; er hat einen anderen Ursprung, wenn nicht bei Gott, so doch bei einer kosmischen Kraft, die den Menschen erst zum Menschen macht. Der Geist lässt sich nicht, davon bin ich überzeugt, ausschließlich mit Hilfe der Biologie und der Chemie erklären.
Kaum hat man mir die Fußfesseln abgenommen, bin ich schon wieder forsch. Entgegen dem Rat der Anwälte und der Psychiater habe ich mich geweigert, von einem vorübergehenden Wahnsinn zu sprechen. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass ich in dem Augenblick, als passierte, was passierte - die Provokation, der Wahn, der Unfall -, ich selbst war und kein anderer. Diese Gewissheit macht mir Angst und verwirrt mich, und gibt mir einen letzten Grund, weiterzuleben: verstehen, mich verstehen, mich entziffern. Ich rutsche auf meinem Platz hin und her, blicke an mir herunter und sehe, dass meine Schuhe glänzen. Ich schlage die Beine übereinander. Ein Zeichner skizziert mein Profil, hebt meine Augenringe hervor und dass ich mich seit Wochen nicht rasiert habe. Der Gerichtsdiener kündigt die Ankunft der Richterin an, einer stämmigen Frau in Purpur und Schwarz, die verbittert aussieht. Die Anwesenden erheben sich, nur ich bleibe sitzen, bis einer der Wärter kräftig meinen Arm drückt. Meine Handgelenke brennen. Das Gerichtspersonal stellt die Akten bereit.
Ich muss damit leben: Éva wird nicht wieder von den Toten auferstehen. Ihr von den Forensikern geschändeter Leichnam liegt schon seit Wochen unter der Erde. Das Gericht hat meinen Antrag abgelehnt, an der Beisetzung teilzunehmen, Klára hatte alle ihre Beziehungen spielen lassen, um es zu verhindern, sie würde nicht zulassen, dass der Mörder ihrer Tochter ihre Trauer störte. Ich kann sie irgendwie verstehen, die Trauer einer Mutter ist heilig. Trotzdem verabscheue ich sie. Ich war immer eifersüchtig auf diesen Teil von Éva , auf den ich keinen Einfluss hatte. Mutter und Tochter verband eine unerschütterliche Komplizenschaft, sie hatten sogar eine Geheimsprache erfunden, die niemand sonst verstand. Keiner der anderen Männer, die durch Évas Leben gegangen sind (und es waren viele), hat es geschafft, sie auseinander zu bringen, sie bildeten ein unzertrennliches Duo, äußerst mächtig, das alle anderen respektieren und dem sie sich unterordnen mussten. Klára verflucht mich ganz zu recht und ist bereit, gegen das Urteil Berufung einzulegen: Ich gehörte nie zur Familie, sie hat meine Verbindung zu ihrer Tochter nie akzeptiert, ich verdiene ihr Mitgefühl nicht.
Ein Unfall.
Das waren meine Worte, die einzigen, die ich herausbrachte, die einzigen, die der Wahrheit entsprachen - und immer noch entsprechen. Was ist ein Unfall, wenn nicht das Eintreten des Unwahrscheinlichen, eine weder gewollte noch beabsichtigte Tatsache, die Unordnung, die in den ruhigen Alltag einfällt, ein Beweis für die Irrationalität des Werdens, der Bezeichnung, die wir Menschen der Entropie geben?
Ich wiederhole, ein Unfall.
Lüge! Es gibt keine Unfälle, nur Zufälle, unglückliche Umstände, Pech ... Ein fast leerer Raum. Vom Alkohol benebelte Köpfe, und wer weiß wovon noch. Zu viele Worte. Die Stimmen der Vergangenheit. Dann die Nacht und das Fieber. Die Eifersucht. Ein Luftzug. Ein Aufheulen mitten im Wald. Und dann nichts. Nichts ... Das sind alle Elemente des Dramas, ich verheimliche nichts, aber sie reichen nicht aus: Die Erklärung bleibt vage, verbirgt sich im Schweigen, in diesen unergründlichen Details. Éva hatte das Bewusstsein verloren, sie reagierte nicht auf mein Streicheln, sie war nur ein Körper, ein seelenloser Körper (diese Seele, an die sie nicht glaubte) mit verdrehten Beinen und Blut auf Wangen und Lippen. Der Algorithmus ihres Geistes funktionierte nicht mehr, etwas in der Programmierung, die sie am Leben gehalten hatte, war defekt.
Ich setze mich wieder hin. Meine Hände sind schwitzig. Was sich vor meinen Augen abspielt, kommt mir sehr weit weg vor, so banal wie ein Film. Ist das die Justiz? Diese Winkeladvokaten folgen einfach einem Drehbuch, sie beschränken sich darauf, Gesetze anzuwenden. Welche Strafe können sie mir auferlegen? Den Elektrischen Stuhl, den Galgen, die Guillotine? Keine Strafe würde wieder gutmachen, was ich getan habe, nichts würde mich rehabilitieren. Und dann? Diese Funktionäre werden niemals Gerechtigkeit herstellen, in meinem Fall sind das Verbrechen und die Strafe ein und dasselbe.
Die eintönige Stimme des Gerichtsbeamten leiert die Anklageschrift herunter. Ich schluchze, als er den Namen meiner Geliebten nennt: Éva Halász , geboren 1956 in Budapest, wohnhaft in der George-Washington-Street 34 in Rockville , Maryland, Vizechefin der Abteilung für Bioinformatik bei Celera , Todesursache: Hirnblutung - es musste so kommen -, Todesdatum:
27. Juni 2000. Den Rest erspare ich mir, bei der Aufzählung meiner Taten schalte ich ab.
Ich höre erst wieder zu, als die Richterin die Geschworenen um ihr Urteil bittet. Ein stämmiger, kahler Mann - nicht umsonst bin ich ein Schriftsteller und halte ihn für einen Bäcker - überreicht dem Gerichtsschreiber einen Zettel, der ihn seinerseits an die Richterin weitergibt. Sie liest und gibt ihn dem Beamten zurück, der ihn in die Hände des ersten legt. Niemand erwartet eine Überraschung.
Der Juryvorsitzende soll das Urteil verlesen, höre ich. Das hat noch gefehlt: dass ich zu einer Figur in einem Krimi werde, dieser Abraum der Vorstellungskraft, dieser literarische Virus, wo ich dieses unechte und überflüssige Genre doch immer verachtet habe. Ich habe Éva geliebt und Éva hat mich geliebt. Wir beide wussten es. Wir beide hatten alles hinter uns gelassen, um zusammen sein zu können. Das ist die unbestreitbare Wahrheit, die einzige, die zählt. Aber jetzt ist Éva tot. Tot. Weil ich, Yuri Michailowitsch Tschernischewski , es so wollte, ohne es zu wollen.
Ein Unfall.
Der Vorsitzende der Jury ist anderer Meinung: Der Angeklagte ist des Totschlags schuldig. Das ist nichts Neues. Dennoch ertappe ich mich dabei, dass ich weine, gerührt von einem Anfall der Reue, den ich selbst nicht verstehe. Mein Schicksal ist mir egal (es hat sich schon in jener Nacht entschieden), und auch meine Zukunft interessiert mich nicht (ich habe keine), aber ich kann das Schluchzen nicht unterdrücken. Wütend zwinge ich mich, nicht mehr zu weinen. Ich muss mich den Konsequenzen meines Handelns stellen: Ich werde für immer ohne Éva leben.
Ich erhebe mich, um das Urteil entgegenzunehmen. Die Gerichtsbesucher sehen mich entsetzt an, einer schreibt später vom Widerspruch zwischen meiner öffentlichen Berühmtheit und meiner privaten Brutalität. Draußen auf dem Gerichtsvorplatz macht sich eine Menschenansammlung aus Reportern, Neugierigen und Mitgliedern von Organisationen gegen häusliche Gewalt bereit, mich zu beschimpfen. Ich, einstmals ein Held der radikalen Linke, bin zum Sinnbild der Niedertracht geworden: Der unabhängige Schriftsteller, der Jelzin und den Oligarchen die Stirn geboten hat, der Verteidiger der Gerechtigkeit, der Kritiker der Mächtigen und Korrupten war doch nur ein hinterlistiger und perverser Typ.
Die Richterin sieht mich streng an. Von Anfang wusste ich, dass sie gegen mich war: Wer könnte schon Sympathie hegen für einen eifersüchtigen, alkoholkranken und gewalttätigen Mann. Niemand verzeiht einem, der eine Frau schlägt und tötet, erst recht nicht, wenn es sich um eine Frau wie Éva Halász handelt, eine der anerkanntesten Wissenschaftlerinnen ihres Landes, mitverantwortlich für dieses Hirngespinst, das Humangenom.
Fünfzehn Jahre.
Klára springt erfreut auf. Meine Verteidiger mit ihren erschöpften Gesichtern und ihren cholerischen Gebärden, ihrer juristischen Leidenschaft und ihren Lügen versuchen mich zu beruhigen. Wir gehen in Berufung, flüstern sie mir zu, aber das ist mir egal, ich möchte nur noch in meine Zelle zurück. Fast bin ich froh. Fünfzehn Jahre, um zu begreifen, was in jenen Stunden geschah. Fünfzehn Jahre, die ich Éva widmen kann und dem, was Éva wollte. Fünfzehn Jahre, um ihre Geschichte zu rekonstruieren und die Geschichte, die uns in die Hütte am Fluss führte. Fünfzehn Jahre, um das Knäuel des Fadens zu entwirren, der mich mit ihr und den Frauen um sie herum verbunden hat. Fünfzehn Jahre, um ein Buch zu schreiben, das einzige Buch, das zu schreiben sich lohnt. Kein Roman und keine Reportage, auch keine Bekenntnisse oder Memoiren, sondern eine Abrechnung. Fünfzehn Jahre, um »Zeit der Asche« zu schreiben.
»"Zeit der Asche" ist ein fulminant erzählter (Zeit-)Geschichtsroman, ein groß angelegtes Panorama des 20. Jahrhunderts, das den Leser an verschiedene Wende- und Brennpunkte dieses unheilvoll bewegten Säkulums führt: an Orte, an denen Geschichte sich verdichtet oder eine neue Richtung nimmt. ... Es sind zutiefst desillusionierende Antworten, die Jorge Volpi in seinem glänzend geschriebenen, ebenso spannend und abwechslungsreich wie intelligent erzählten Wesen des Menschen bereithält.«
Hans-Dieter Fronz, Die Rheinpfalz, 6.10.2009

»"Zeit der Asche" ist einfach ein großartiger Roman, der es wagt, mit dem 20. Jahrhundert abzurechnen.«
Walter von Rossum, DIE ZEIT, 16.07.2009

»Kein ganz einfaches Buch, aber für leidenschaftliche Leser ein großes Glück, klug erzählt und äußerst spannend wie ein Krimi bis zum Schluss«
Elke Heidenreich, Vigo-Management, 02/2009

»Das ist das klügste Buch, das ich seit langem gelesen habe, und da fragt sich ja sofort: kann oder muss ein Buch klug sein? Ach was, es muss gut geschrieben sein, eine gute Geschichte erzählen, es muss uns unterhalten, und wenn wir dabei auch noch klüger werden und uns das Hirn nicht mit Rosamunde Pilchers Zuckerguss verkleben lassen, kann das doch wohl nicht schaden.«
Elke Heidenreich, litcolony.de, 29.4.2009

»Volpi versteht es, so furios zu erzählen wie in einem rasanten Krimi.«
Rheinischer Merkur, 26.03.2009

»Ein globaler Entwurf in einer globalisierten Welt«
Ruthard Stäblein, hr2 mikado, 28.03.2009

»Das ist ihm hervorragend gelungen. "Zeit der Asche" ist gleichzeitig ein großartiger Geschichts-, Wissenschafts-, Liebes-, Kriminal- und Erkenntnisroman.«
Katharina Kaufmann, Oberhessische Presse, 17.04.2009
Klett-Cotta Roman Aus dem Spanischen von Catalina Rojas Hauser und Kirstin Bleiel (Orig.: No será la tierra. Novela en tres actos)
2. Aufl. 2009, 512 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93701-5
autor_portrait

Jorge Volpi

Jorge Volpi wurde 1968 in Mexiko Stadt geboren, studierte dort Jura und Literatur und promovierte im spanischen Salamanca. Seit 1992 Schriftsteller,...

http://www.youtube.com/v/3OcMbMrIOsc

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