Die Kreuzzüge

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Der Krieg um das Heilige Land - erstmals dargestellt aus christlicher und aus muslimischer Sicht

Diese Ausgabe ist vergriffen.
Das Buch ist aber ab Februar 2015 in der >> broschierten Ausgabe von »Die Kreuzzüge« lieferbar.

Diese große Gesamtdarstellung nimmt die politischen und religiösen Beweggründe aller Seiten ernst und veranschaulicht die immense Kriegslogistik. In packenden Szenen schildert Asbridge all die Belagerungen und Eroberungen und entwirft lebendige Porträts von Saladin und Richard Löwenherz, dem tragischen Leprakönig Balduin IV. oder der Jerusalemer Königin Melisende.

Thomas Asbridge berichtet erstmals gleichberechtigt und in wechselnder Perspektive von den von Christen wie von Muslimen verübten Grausamkeiten und erduldeten Leiden. Ausführlich macht der polyglotte Historiker Gebrauch auch von den arabischen Quellen. Asbridge nimmt nicht nur die politischen, sondern auch die religiösen Beweggründe aller Seiten ernst. Auch von überraschend freundlichen Begegnungen zwischen Kreuzfahrern und Sarazenen erfahren wir: von Momenten des interkulturellen Austauschs, Beispielen friedlicher Koexistenz im Heiligen Land, Gesten religiöser Toleranz und Zeugnissen der Freundschaft über die feindlichen Lager hinweg.

Inhaltsverzeichnis
Einleitung: DIE WELT DER KREUZZÜGE 13
Europa im Mittelalter 16
Die muslimische Welt 29

Erster Teil: AUFBRUCH DER KREUZFAHRER 43
1 Heiliger Krieg, Heiliges Land 45
Papst Urban und der Kreuzzugsgedanke 45
Byzanz 60
Der Zug durch Kleinasien 69
2 Syrisches Martyrium 75
Ein Zermürbungskrieg 80
Verrat 84 Die Belagerten 88
Verzögerung und Verirrung 97
3 Die Heilige Stadt 104
Im Himmel und auf Erden 105
Die Erstürmung Jerusalems 112
Nachwirkungen 118
Erinnerung und Vorstellung 124
4 Die Entstehung der Kreuzfahrerstaaten 131 Beschützer der Heiligen Stadt 132 Das Königreich Gottes 134 Die Konfrontation mit dem Islam 144 Die Krise im lateinischen Syrien (1101 - 1108) 154 Herrscher im heiligen Königreich 163 Oberster Herr von Outremer (1113 - 1118) 172
5 Outremer 182 Das Blutfeld 183 Der Umgang mit Niederlagen 186 Eine Kreuzfahrer-Gesellschaft? 193 Zangi - Tyrann des Ostens 210
6 Wiedergeburt der Kreuzzugsidee 217 Der Kreuzzugsgedanke im frühen 12. Jahrhundert 217 Der Aufruf zum zweiten Kreuzzug 221 Ein Heiliger spricht - Bernhard von Clairvaux und der zweite Kreuzzug 226 Das Ideal wird ausgeweitet 232 Das Werk der Könige 235 Unterwegs ins Heilige Land 238

Zweiter Teil: DIE ANTWORT DES ISLAMS 245
7 Wiedererwachen des Islams 247 Zangi, Vorkämpfer des Islams 247 Widerstand gegen den Kreuzzug 254
8 Nur ad-Din - Licht des Glaubens 261 Die Schlacht von Inab 262 Die Straße nach Damaskus 268 Neue Aufgaben 275 Versuch und Erfolg 281 Der Traum von Jerusalem 285
9 Der Reichtum Ägyptens 290 Ägypten im Mittelalter 290 Ein neues Schlachtfeld 292 Saladin, Herrscher Ägyptens (1169 - 1174) 300 Heerführer oder Herrscher 304
10 Erbe oder Usurpator 311 Ein Held für den Islam 312 Der Nachfolger Nur ad-Dins 314 Saladins ajjubidisches Reich 323 Der Lepra-König 325 Konfrontation 333
11 Der Sultan des Islams 344 Herrschaftsdrang 344 Der Krieg gegen die Franken 351 Der Stachel lateinischer Aggression 353 Verwandlung 361
12 Der heilige Krieger 366 Ein vereinter Islam? 368 Ein Königreich in Scherben 371 Zu den Hörnern von Hattin 373 Der Sturz des Kreuzes 383 Saladins Absichten im September 1187 387 Das wiedergewonnene Jerusalem 391

Dritter Teil: KAMPF DER CHAMPIONS 395
13 Zum Kreuzzug berufen 397 Predigten für den dritten Kreuzzug 398 Cur de Lion 404 Die Könige nehmen das Kreuz 411 Verzögerungen in England und Frankreich 413 Vorbereitungen: Finanzen und Logistik 416 Aufbruch ins Heilige Land 419
14 Neue Herausforderungen für den Eroberer 422 Nach dem Sieg 422 Die große Belagerung von Akkon 429 Kriegssturm 445 Stillstand 455
15 Die Ankunft der Könige 461 Die Reise ins Heilige Land 462 Die Könige greifen ein 463 Richard Löwenherz vor Akkon 465 Das Schicksal Akkons 473 Der einzige König 481 Kaltblütig 484
16 Löwenherz 490 Die größte Stunde 492 Die Schlacht von Arsuf 501
17 Jerusalem 512 Entscheidungen und Enttäuschungen 512 Die Einnahme der Heiligen Stadt 523 Neuorientierung 527 Krise und Verwandlung 529
18 Schwere Entscheidungen 534 Die ajjubidische Strategie Anfang 1192 535 Der zweite Vormarsch auf Jerusalem 538 Endspiel 546 Das Ergebnis des dritten Kreuzzugs 549

Vierter Teil: DER KAMPF UMS ÜBERLEBEN 555
19 Erneuerung 557 Wandel im lateinischen Westen 557 Papst Innozenz III. 559 Der vierte Kreuzzug 565 Das Feuer bewachen 571 Outremer im 13. Jahrhundert 574
20 Neue Wege 590 Der fünfte Kreuzzug 591 Der Kreuzzug Friedrichs II. 602 Ein neuer Horizont 612
21 Ein Heiliger im Krieg 619 König Ludwig IX. von Frankreich 620 Kriegsvorbereitungen 622 Sturmangriff am Nil 626 Der Niedergang der Ayyubiden 630 Die Eroberung Ägyptens 633 Zwischen Sieg und Niederlage 641 Der Büßer-König 647

Fünfter Teil: SIEG IM ORIENT 653 22 Der Löwe von Ägypten 655 Neue Mächte im Vorderen Orient 656 Baibars und das Mamlukensultanat 665 Der Krieg gegen die Franken 676
23 Rückgewinnung des Heiligen Landes 684 Der zweite Kreuzzug Ludwigs IX. 685 Die Schlinge wird enger gezogen 687 Versuche und Triumphe 694 1291 - Die Belagerung von Akkon 698

Nachwort: DAS FORTLEBEN DER KREUZZÜGE 704 Gründe und Folgen 705 Auswirkungen auf die Welt des Mittelalters 712 Ein langer Schatten 716 Die Kreuzzüge und ihr Ort in der Geschichte 728

Leseprobe
Kap. 3: DIE HEILIGE STADT
Zu Beginn der letzten Etappe des Marsches auf Jerusalem wurden die ersten Kreuzfahrer von einem erneuerten Bewusstsein von Dringlichkeit angetrieben. Jeglicher Gedanke an die Eroberung anderer Städte und Häfen auf ihrer Reise durch den Libanon und Palästina wurde verbannt, und die Franken, die nun nur noch von dem einen Wunsch beseelt waren, ihre Pilgerreise zur Heiligen Stadt zu vollenden, bewegten sich rasch und zielstrebig vorwärts. Dabei war es nicht nur Frömmigkeit, die ihren Schritt beschleunigte; auch strategische Erfordernisse spielten eine Rolle. Im Frühjahr war während der Belagerung von Arqa die Frage der diplomatischen Beziehungen zu Ägypten wieder aufgetaucht, als die lateinischen Gesandten, die ein Jahr zuvor den Wesir al-Afdal aufsuchen sollten, in Begleitung von Beauftragten der Fatimiden zurückkehrten. In der Zwischenzeit hatte sich vieles verändert. Al-Afdal hatte von der Panik der sunnitischen Seldschuken nach der Niederlage Kerbogas bei Antiochia profitiert und im August 1098 Jerusalem den Türken entrissen. Aufgrund dieser radikalen Verschiebung des Gleichgewichts in den Machtverhältnissen im Vorderen Orient versuchten die Anführer des Kreuzzugs, mit den Fatimiden ein Abkommen zu schließen: Sie boten an, einen Teil des von ihnen eroberten Territoriums im Austausch gegen Rechte auf die Heilige Stadt abzutreten. Aber die Verhandlungen scheiterten, als die Ägypter sich rundweg weigerten, auf Jerusalem zu verzichten. Damit sahen sich die Franken einem neuen Feind in Palästina gegenüber, und es kam zu einem Wettlauf mit der Zeit. Die Kreuzfahrer mussten die restlichen 300 Kilometer ihrer Pilgerreise so rasch wie möglich hinter sich bringen, bevor al-Afdal ein Heer aufstellen konnte, um sie abzufangen oder die Verteidigung Jerusalems mit angemessener Gründlichkeit zu organisieren.
Bei ihrem Zug nach Süden entlang der Mittelmeerküste kamen die Kreuzfahrer leichter voran, weil die regionalen, relativ unabhängigen muslimischen Herrscher bereit waren, kurzfristige Waffenruhen auszuhandeln, ja sogar ihre Märkte zu öffnen, auf denen die Reisenden Proviant und sonstige Bedarfsgüter kaufen konnten. Diese Emire waren eingeschüchtert durch den Ruf der Brutalität und Unbesiegbarkeit, der den Lateinern seit Antiochia und Marrat anhaftete, und erleichtert, eine Konfrontation vermeiden zu können. Als die Franken an den größeren Städten Tyros, Akkon und Cäsarea vorbeizogen, stießen sie nur auf geringen Widerstand und stellten erleichtert fest, dass auch einige enge Pässe an der Küste unbewacht waren. Ende Mai wandten sie sich bei Arsuf landeinwärts und schlugen eine direkte Route durch das Flachland in Richtung der Berge von Judäa ein. Sie machten nur kurz Halt, als sie sich Ramla näherten, der letzten echten Festung auf dem Weg in die Heilige Stadt, doch hatten die Fatimiden sie aufgegeben. Schließlich, am 7. Juni 1099, tauchte Jerusalem vor ihnen auf. Ein lateinischer Zeitgenosse beschrieb, wie »alle Menschen in Freudentränen ausbrachen, da sie jetzt dem heiligen Ort der heiß ersehnten Stadt so nahe waren, für die sie so viel Mühsal, so viele Gefahren, so viele Arten von Tod und Hunger auf sich genommen hatten«. Al-Afdal hielt still, und so war es den Kreuzfahrern gelungen, in weniger als einem Monat vom Libanon bis nach Jerusalem zu kommen. 1
IM HIMMEL UND AUF ERDEN
Nach fast drei Jahren und einer Strecke von gut 3000 Kilometern waren die Kreuzfahrer in Jerusalem angekommen. Diese alte Stadt, das heilige Herz der Christenheit, war getränkt mit Religion. Da Christus hier gelitten hatte, war sie für die Franken die heiligste Stätte überhaupt. Innerhalb ihrer hoch aufragenden Mauern befand sich das Heilige Grab, die Kirche, die Konstantin der Große im 4. Jahrhundert n. Chr. über dem vermuteten Ort von Golgatha und dem Grab Jesu errichten ließ. Dieses eine Heiligtum barg in sich den eigentlichen Kern des Christentums: die Kreuzigung, die Erlösung, die Auferstehung. Zu Tausenden waren die Kreuzfahrer von Europa aus ostwärts gezogen, um diese eine Kirche wieder in Besitz zu nehmen - und viele glaubten, die irdische Stadt Jerusalem werde sich, wenn sie erst wieder eingenommen war, in das himm lische Jerusalem, das Paradies der Christen, verwandeln. Zahlreiche wilde Prophezeiungen waren im Umlauf, dass die Tage des Jüngsten Gerichts, ausgehend von der Heiligen Stadt, sofort anbrechen würden, was der Unternehmung der Lateiner eine geradezu apokalyptische Aura verlieh.
Doch im Lauf seiner mehr als 3000-jährigen Geschichte war Jerusalem auch mit zwei anderen Weltreligionen untrennbar verschmolzen: dem Judentum und dem Islam. Auch für diese beiden Religionen war Jerusalem hoch bedeutsam; besondere Verehrung wurde einem Bereich entgegengebracht, der entweder als Tempelberg oder aber als Haram as-Sharif bezeichnet wird, einem abgegrenzten, hochgelegenen Plateau im Osten der Stadt, das den Felsendom und die al-Aqsa-Moschee umfasst und im Westen von der Klagemauer, einem Rest des einstigen jüdischen Tempels, begrenzt wird. Für die Muslime ist dies der Ort, von dem aus Mohammed seine Reise in den Himmel antrat, die drittheiligste Stätte der islamischen Welt. Doch auch für die Juden spielt der Ort eine große Rolle: Es soll der Berg sein, auf dem Abraham seinen Sohn Isaak als Opfer darbringen sollte und auf dem die beiden Tempel erbaut wurden.
Es verhielt sich im Mittelalter nicht anders als heute: Eben wegen seiner unübertroffenen Heiligkeit wurde Jerusalem zum Brennpunkt der Konflikte. Die Tatsache, dass die Stadt entscheidende Bedeutung für die Glaubensinhalte dreier unterschiedlicher Religionen hat, von denen jede überzeugt ist, unverhandelbare, historische Rechte auf die Stadt zu haben, macht sie geradezu zwangsläufig zum Kriegsschauplatz.
Die Aufgabe
Die ersten Kreuzfahrer sahen sich nun vor einer anscheinend unmöglichen Aufgabe: Sie hatten die Absicht, eine der am besten befestigten Städte der damals bekannten Welt zu erobern. Auch heute noch, nachdem sich das moderne Jerusalem nach allen Seiten ausgebreitet hat, vermag die Stadt einen Eindruck von der Größe ihrer Vergangenheit zu vermitteln, befindet sich doch in ihrem Zentrum - umringt von Mauern aus der Zeit der Osmanen, die ungefähr den Mauern ähneln, die sich dort im 11. Jahrhundert erhoben - die »Alte Stadt«. Schaut man vom Ölberg in Richtung Osten und denkt sich das chaotische Durcheinander des 21. Jahrhunderts weg, dann kann man sich vorstellen, welch grandioser Anblick der Metropole sich den Franken im Jahr 1099 bot.
Die Stadt erhob sich isoliert mitten in den judäischen Bergen auf einem Plateau, von dem aus sich in Richtung Osten, Südosten und Westen tiefe Täler auftaten, und sie war umgeben von einer ehrfurchtgebietenden, 4 Kilometer langen Runde von 20 Meter hohen und 3 Meter dicken Festungsmauern. Die Stadt konnte eigentlich nur von den ebenen Flächen im Norden und Südwesten aus angegriffen werden, dort aber waren die Festungswälle durch einen zweiten Kurtinen-Wall und mehrere Festungsgräben verstärkt. Fünf große, jeweils von zwei Türmen flankierte Tore unterbrachen dieses ungefähr rechtwinklige Verteidigungssystem. Jerusalem verfügte außerdem über zwei große Festungen. In der nordwestlichen Ecke der Stadtmauer befand sich der imposante »Viereckige Turm«, und in der Mitte der westlichen Mauer erhob sich der Davidsturm. Ein lateinischer Chronist berichtet, dass diese furchteinflößende Zitadelle »aus riesigen Steinquadern zusammengesetzt war, die durch geschmolzenes Blei versiegelt waren«, und er fügte hinzu, dass von hier aus, »wenn die Soldaten ausreichend versorgt waren, 15 oder 20 Männer jeden Angriff abwehren konnten«. 2
Kaum waren die Kreuzfahrer vor Jerusalem angelangt, machte sich in ihren Reihen ein besorgniserregender Bruch bemerkbar, als sie das Heer in zwei Gruppen aufteilten. Seit der Belagerung von Arqa war Raimunds Ansehen erkennbar geschwunden, und nun, da auch Robert von der Normandie sich von ihm distanziert hatte, gelang es dem Grafen sogar kaum mehr, sich die Loyalität seiner eigenen Landsleute, der Provençalen, zu erhalten. Er stellte die ihm verbliebenen Truppen auf dem Zionsberg im Südwesten der Stadt auf und bedrohte so das Zionstor im Süden der Stadt. Gottfried von Bouillon, der sich zunehmend als Befehlshaber des Feldzugs profilierte, zog dagegen in den Norden der Stadt, um sie von dort aus zu belagern, zwischen dem Viereckigen Turm und dem St.-Stephans-Tor. Gottfried wurde von Arnulf von Chocques unterstützt, dem Priester, der entscheidend dazu beigetragen hatte, die Heilige Lanze in Misskredit zu bringen, und mit ihm zogen außerdem die beiden Robert sowie Tankred. Strategisch gesehen hatte die Teilung der Truppen ihre Vorteile, weil Jerusalem nun von zwei Seiten aus angegriffen werden konnte, doch war sie eben auch das Resultat einer tiefsitzenden Zwietracht.
Das war umso beunruhigender, als die Franken vor Jerusalem keine langwierige Belagerung wie vor Antiochia einplanen konnten. Der immense Umfang der äußeren Stadtmauer machte bei der begrenzten Zahl an Kämpfern eine wirkungsvolle Blockade unmöglich. Noch akuter war das Problem der Zeit. Die Kreuzfahrer waren ein enormes, wenn auch möglicherweise notwendiges Risiko eingegangen, als sie den Libanon so rasch durchquert hatten, ohne ihre Nachhut zu sichern oder verlässliche Verproviantierung zu organisieren. Nun waren sie viele hundert Kilometer von ihren nächsten Verbündeten entfernt und praktisch von jeder Verstärkung, jeder logistischen Unterstützung oder etwaigen Zufluchtsmöglichkeiten abgeschnitten. Zudem war ihnen ständig bewusst, dass al-Afdal in größter Eile seine ägyptischen Streitkräfte zusammenzog und nur ein Ziel kannte: die Heilige Stadt zu befreien und die Inva sion der Christen zunichte zu machen. Wegen der fast selbstmörderischen Kühnheit ihres Vormarschs blieb den Kreuzfahrern nichts anderes übrig, als den Panzer der Verteidigungsanlagen Jerusalems so schnell wie möglich zu durchbrechen und sich noch vor dem Eintreffen der ägyp tischen Truppen den Weg in die Stadt zu erkämpfen.
In diesem letzten, prekären Stadium ihres Unternehmens gab es unter den Franken noch rund 15 000 kampfbewährte Krieger, darunter ungefähr 1300 Ritter, doch verfügte das Heer kaum mehr über die Ausrüstung, die für eine aggressive Belagerungstechnik vonnöten war. Die Stärke der Garnison, mit der sie konfrontiert waren, ist nicht bekannt, doch waren es bestimmt mehrere tausend Mann, und mit Sicherheit befand sich auch eine Eliteeinheit von mindestens 400 ägyptischen berittenen Soldaten darunter. Jerusalems ägyptischer Kommandant Iftikhar ad-Daulah hatte in der Zwischenzeit alles getan, um der Offensive der Franken effektiv begegnen zu können: Er hatte die Umgebung der Stadt verwüsten, Brunnen vergiften und Bäume fällen lassen, außerdem vertrieb er viele ostchristliche Bewohner aus der Stadt, um einem Verrat von innen zuvorzukommen. Als die Kreuzfahrer am 13. Juni, nur sechs Tage nach ihrem Eintreffen, den ersten direkten Angriff wagten, leisteten die muslimischen Verteidiger erbitterten Widerstand. Zu diesem Zeitpunkt besaßen die Franken nur eine einzige Sturmleiter, ein äußerst magerer Bestand, doch hatten die Verzweiflung und das prophetische Drängen eines Einsiedlers, der ihnen auf dem Ölberg begegnet war, sie von dem Wagnis eines Angriffs überzeugt. Tatsächlich führte Tankred einen machtvollen Schlag gegen die Wälle um das Nordwestquartier der Stadt und fast gelang ihm ein Durchbruch. Man richtete erfolgreich die einzige Leiter auf, und die lateinischen Truppen kletterten rasch nach oben und versuchten, die Mauer zu übersteigen, aber dem ersten Mann, der sich an der Brüstung hochzuziehen versuchte, wurde sofort von einem mächtigen muslimischen Schwerthieb die Hand ab geschlagen, und damit war der Anschlag gescheitert.
Nach dieser entmutigenden Niederlage überdachten die fränkischen Fürsten ihre Strategie und beschlossen, keinen weiteren Angriff mehr zu unternehmen, bevor nicht die dafür notwendige Kampfausrüstung zur Verfügung stand. Als nun eine fieberhafte Suche nach dem erforderlichen Material begann, spürten die Kreuzfahrer allmählich die Auswirkungen des brütend heißen palästinischen Sommers. Nicht mehr der Proviant war jetzt die Hauptsorge; von Ramla war Getreide gebracht worden. Stattdessen begann die Wasserknappheit die Kampfbereitschaft der Lateiner zu zerrütten. Da sämtliche Wasserlöcher in der näheren Umgebung verunreinigt waren, sahen sich die Christen gezwungen, die weitere Umgebung nach Trinkwasser abzusuchen. Ein Franke berichtet verzweifelt: »Die Situation war so schlimm, dass jeder, der in Gefäßen faules Wasser ins Lager brachte, dafür verlangen konnte, was er wollte, und wenn jemand frisches Wasser haben wollte, konnte er für fünf oder sechs Pfennige nicht genug bekommen, um seinen Durst auch nur einen Tag lang zu löschen. Und Wein wurde überhaupt nicht mehr oder nur noch höchst selten auch nur erwähnt.« Einige der Ärmeren starben, nachdem sie dreckiges, mit Blutegeln versetztes Moorwasser getrunken hatten. 3
Zum Glück für die Kreuzfahrer kam genau zu der Zeit, als die Wasserknappheit lebensbedrohlich wurde, Hilfe von offenbar unerwarteter Seite. Mitte Juni legte eine Flotte aus sechs Genueser Schiffen in Jaffa an, einem kleinen natürlichen Hafen an der Mittelmeerküste, der Jerusalem am nächsten lag. Die Besatzung, darunter auch einige kundige Handwerker, machte sich auf den Weg, um sich den Belagerern Jerusalems anzuschließen, und sie brachten auch eine große Menge an Rüstungsmaterialien mit, darunter »Seile, Hämmer, Nägel, Äxte, Hacken und Beile«. Gleichzeitig ließen die Fürsten aus einigen nahegelegenen Wäldern, von denen sie durch einheimische Christen erfahren hatten, auf Kamelen Bauholz herbeischaffen. Beide Ereignisse veränderten die lateinischen Erfolgsaussichten von Grund auf: Endlich konnten die Kreuzfahrer Belagerungsmaschinen bauen. In den folgenden drei Wochen stürzten sie sich in ein fieberhaftes Bauprogramm: Nahezu pausenlos entstanden Belagerungstürme, Katapulte, Rammböcke und Leitern, immer mit einem Auge auf der drohenden Ankunft des Entsatzheers al-Afdals. Unterdessen rechnete innerhalb Jerusalems auch Iftikhar ad-Daulah mit dem Eintreffen seines Herrschers, wobei er gleichzeitig für die Vermehrung seiner eigenen Steinwurfmaschinen sorgte sowie für zusätzliche Verstärkung der Stadtmauern und -türme.
Ihre verbissenen Vorbereitungen unterbrachen Belagerer und Belagerte nur, um barbarische Aktionen zu inszenieren und damit die gegnerische Moral zu untergraben. Regelmäßig wurden hölzerne Kreuze an den Stadtmauern hochgezogen und vor den Augen der aufgebrachten Kreuzfahrer ostentativ entweiht, indem die muslimischen Soldaten sie bespuckten oder sogar darauf urinierten. Die Franken ihrerseits brachten direkt vor der Garnison von Jerusalem jeden einzelnen Gefangenen um, üblicherweise durch Enthauptung. In einem besonders entsetzlichen Fall trieben die Kreuzfahrer diese Taktik auf die Spitze: Nachdem sie in ihrem Lager einen muslimischen Spion aufgegriffen hatten, wollten sie den Gegner wieder dadurch einschüchtern, dass sie den Spion in die Stadt zurückwarfen, so wie sie es schon mit vielen anderen Opfern in früheren Belagerungen gehalten hatten. Nach dem Bericht eines lateinischen Augenzeugen war bei dieser Gelegenheit der unglückliche Gefangene allerdings noch am Leben: »Er wurde in ein Katapult gelegt, doch sein Körper war so schwer, dass der arme Teufel nicht weit geschleudert werden konnte. Er fiel auf spitze Steine in der Nähe der Mauern, brach sich das Genick und sämtliche Knochen, angeblich war er sofort tot.« 4
Anfang Juli, als der Bau der Belagerungsmaschinen nahezu abgeschlossen war, erhielten die Franken die Nachricht, dass sich ein ägyptisches Entsatzheer sammelte; ein schneller Sieg wurde nun umso dringlicher. In diesem verzweifelten Augenblick war es wieder eine religiöse Offen barung, die den Franken Mut machte und sie in dem Gefühl bestärkte, in göttlichem Auftrag zu handeln. Peter Desiderius, ein provençalischer Priester und Visionär, prophezeite, die Heilige Stadt könne erobert werden, wenn die Kreuzfahrer sich zuvor einem dreitägigen Reinigungs ritual unterzögen. Wie in Antiochia wurden mehrere Predigten, öffent liche Beichten und Messen abgehalten. Das Heer hielt sogar um die Mauern der Stadt herum eine feierliche Barfuß-Prozession ab, obwohl die ägyptische Garnison wenig Respekt für dieses Ritual erkennen ließ: Sobald die Kreuzfahrer in Reichweite kamen, regneten massenweise Pfeile auf sie herab. Als dann am Ende der zweiten Juliwoche der Bau der Belagerungsmaschinen abgeschlossen und der Geist der Kreuzfahrer von frommem Eifer erfüllt war, waren sie bereit für den Angriff.
DIE ERSTÜRMUNG JERUSALEMS
Die Kreuzfahrer begannen ihren Sturm auf Jerusalem in der Morgendämmerung des 14. Juli 1099. Im Südwesten waren Raimund von Toulouse und seine verbliebenen provençalischen Anhänger auf dem Zionsberg stationiert, während Graf Gottfried, Tankred und die anderen Lateiner die Ebene im Norden der Stadt besetzten. Als Hornsignale die Franken an beiden Fronten zum Kampf riefen, mussten die muslimischen Truppen, die in der Dämmerung über die nördliche Brüstung spähten, plötzlich feststellen, dass sie übel getäuscht worden waren. Gottfried und seine Männer hatten die letzten drei Wochen damit zu gebracht, einen riesigen Belagerungsturm unmittelbar vor dem Vier eckigen Turm zu errichten. Die fatimidische Garnison hatte beobachten können, wie dieses dreistöckige Ungetüm Tag für Tag wuchs, bis es eine Höhe von beinahe 20 Metern erreicht hatte, und sie hatte natürlich im Gegenzug alle Anstrengungen unternommen, um die Ver tei digungsanlagen in der Nordwestecke der Stadt zu verstärken. Genau darauf hatte Gottfried gesetzt. Sein Belagerungsturm war nämlich so konstruiert, dass er in mehrere transportable Teile zerlegt und an anderer Stelle schnell wieder aufgebaut werden konnte. In der Nacht vom 13. auf den 14. Juli verlagerte der Herzog im Schutz der Dunkelheit sein Bauwerk um mehr als einen halben Kilometer ostwärts, jenseits des Damaskus-Tors, womit er einen ganz anderen Abschnitt der Mauer bedrohte. Nach dem Bericht eines Kreuzfahrers waren die Sarazenen am darauffolgenden Morgen wie vom Donner gerührt, als sie sahen, dass der Standort unserer Maschinen und Zelte sich verändert hatte [. . .]. Zwei Gründe hatten zu der Verlagerung der Position geführt. Die Ebene ermöglichte für unsere Kriegsmaschinen einen leichteren Zugang zu den Mauern, und die Abgelegenheit und Schwäche dieses nördlichen Winkels hatte die Sarazenen veranlasst, ihn ungesichert zu lassen.
Es war Gottfried also gelungen, seine Feinde zu täuschen, und sein erstes Ziel war es nun, den niedrigeren äußeren Wall zu durchbrechen, der die wichtigsten nördlichen Festungsbauten schützte; erst durch eine solche Bresche würde er den großen Belagerungsturm in die Nähe der Stadt selbst transportieren können. Die Franken hatten einen riesigen, eisengepanzerten Sturmbock gebaut, um sich einen Weg durch die äußeren Verteidigungsanlagen zu bahnen, und nun mühten sich etliche Kreuzfahrer, diese Waffe vorwärts zu bewegen, gedeckt von Mangonelfeuer, während die muslimische Garnison ihrerseits die Angreifer unter Beschuss nahm. Der Sturmbock war auf eine mit Rädern versehene Plattform montiert, trotzdem war er entsetzlich sperrig. Doch nach stundenlanger Anstrengung hatten die Franken ihn endlich in die richtige Position gebracht und rammten ihn mit einer gewaltigen Kraftanstrengung in die äußere Mauer. Es entstand ein beträchtlicher Riss; der Schwung trieb den Rammbock so weit vorwärts, dass die fatimidischen Truppen auf dem Festungswall befürchteten, er würde bis zur Hauptmauer vordringen. Deshalb überschütteten sie die bedrohliche Waffe mit »Feuer aus Schwefel, Pech und Wachs« und setzten sie in Brand. Zunächst taten die Kreuzfahrer alles, um die Flammen zu löschen, doch Gottfried erkannte schnell, dass die angekohlten Reste des Rammbocks das Vorrücken seines großen Belagerungsturms behindern würden. In einer grotesken Vertauschung der Taktiken machten sich also nun die Christen daran, ihre eigene Waffe zu verbrennen, während die Muslime vergeblich versuchten, dieses massive Hindernis auf dem Weg zu den Mauern zu retten, indem sie es von oben mit Wasser begossen. Schließlich gewannen die Christen die Oberhand, und am Ende dieses Tages war es den Franken im Norden gelungen, die erste Verteidigungslinie zu durchbrechen: Der Weg für einen Frontalangriff auf die Mauern war frei.
Im Südwesten der Stadt, am Berg Zion, waren die Provençalen weniger erfolgreich. Dieser Abschnitt der Befestigungsmauern war nicht mit Kurtinen, sondern durch einen trockenen Festungsgraben verstärkt. In den Wochen zuvor hatte Raimund von Toulouse daher eine Bezahlung festgesetzt: Einen Pfennig erhielt jeder, der drei Steine in den Graben warf, wodurch dieses Hindernis rasch beseitigt war. Außerdem beaufsichtigte Raimund den Bau eines eigenen Belagerungsturms, und am 14. Juli wurde, abgestimmt auf Gottfrieds Offensive, auch diese gewaltige Kriegsmaschine eingesetzt. Zentimeterweise bewegten die südfranzösischen Truppen das riesige Gerät in Richtung der Festungsmauern; als sie in die Reichweite der feindlichen Waffen kamen, hagelten zahllose Wurfgeschosse auf sie herab. Iftikhar ad-Daulah hatte angenommen, der Hauptangriff des fränkischen Heeres werde vom Zionsberg ausgehen, daher hatte er seine Streitkräfte in diesem Teil der Stadt konzentriert, und seine Männer begannen jetzt mit einem nicht nachlassenden Beschuss. Ein lateinischer Augenzeuge beschrieb, wie »[von Katapulten] geschleuderte Steine durch die Luft flogen, und Pfeile prasselten wie Hagel herunter«; der langsam vorrückende Belagerungsturm war das Ziel von heimtückischen Feuergeschossen, »sie waren in brennendes Pech, Wachs und Schwefel getaucht, mit Werg und Lumpen umhüllt und mit Nägeln gespickt, so dass sie dort, wo sie aufkamen, haften blieben«. Raimund schaffte es nicht, bis zum Einbruch der Dunkelheit die Mauern zu erreichen, und sah sich zu einem demütigenden Rückzug gezwungen. 5
Nach einer bangen, ruhelosen Nacht für Verteidiger wie Angreifer wurde die Schlacht am Morgen fortgesetzt. Die Provençalen mühten sich wieder, ihren Turm vorwärtszubewegen, die Muslime feuerten erneut unermüdlich Wurfgeschosse und erreichten nach einigen Stunden ihr Ziel: Die provençalische Maschine fing Feuer und brach zusammen. Dieser Angriff war vereitelt, und Raimunds Truppen zogen sich in einem Zustand von »Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit« auf den Berg Zion zurück. Allerdings hatte der Umstand, dass die Stadt von zwei Seiten zugleich angegriffen worden war, die fatimidischen Ressourcen so belastet, dass die Nordmauer angreifbar blieb. Dort machten Gottfried und seine Männer am zweiten Tag des Kampfes bedeutende Fortschritte. Die äußere Mauer war durchbrochen, nun konnten sie ihren Belagerungsturm durch diese Lücke in Richtung der eigentlichen Festungsmauern schieben. Unter wahren Wolken von Wurfgeschossen, die den Himmel verdunkelten, bewegte sich der hoch aufragende Bau, dicht besetzt mit Franken, unaufhaltsam vorwärts. Die Zahl der Opfer war immens. Ein lateinischer Chronist erinnert sich, dass »der Tod auf beiden Seiten viele und sehr plötzlich ereilte«. Auf der obersten Plattform des Turmes stand - vollkommen ungeschützt - Gottfried, um die Operation zu leiten. Ein Stein, der einen neben ihm stehenden Kreuzfahrer traf, schlug diesem den Kopf ab.
Von Katapulten abgefeuerte brennende Wurfgeschosse rasten in den fränkischen Turm, der allerdings durch eine Verkleidung aus mit Tierhäuten überzogenem Flechtwerk geschützt war. So konnten die Geschosse keinen Schaden anrichten, und Stück für Stück bewegte sich die Belagerungsmaschinerie vorwärts. Um die Mittagszeit schließlich passierte sie die Bresche in der äußeren Verteidigungsmauer. Nun, da die Kreuzfahrer nur noch wenige Meter von den Hauptwällen entfernt waren und beide Seiten wie besessen mit kleineren Waffen aufeinander feuerten, unternahmen die Ägypter einen letzten Versuch, den Angriff aufzuhalten, indem sie ihrerseits eine »geheime« Waffe einsetzten. Sie hatten einen riesigen hölzernen Balken mit einem dem griechischen Feuer verwandten brennbaren Material auf der Basis von Rohbenzin getränkt, das mit Wasser nicht gelöscht werden kann. Dieser Balken wurde in Brand gesetzt und dann über die Mauer gehievt, um vor Gottfrieds Maschinerie als brennende Schwelle zu landen. Die Angreifer hatten allerdings zu ihrem Glück von Christen aus Jerusalem den Hinweis bekommen, dass es doch ein Mittel gab, dieses schreckliche Feuer zu löschen: Essig. Gottfried hatte seinen Turm deshalb mit einigen Weinschläuchen ausgerüstet, die mit Essig gefüllt waren und nun zum Einsatz kamen, um das Feuer zu löschen. Als dann fränkische Soldaten die rauchenden Überreste des Balkens vor dem Turm beiseite geräumt hatten, war der Weg zur Mauer endlich frei.
Nun hing der Erfolg der lateinischen Offensive davon ab, ob es den Franken gelang, auf der Stadtmauer Fuß zu fassen. Die Höhe des Turmes verschaffte den Franken einen entscheidenden Vorteil, denn die Stadtmauer war an dieser Stelle ungefähr 15 Meter hoch: Gottfried und seine Kämpfer auf der obersten Plattform des Turmes konnten also von oben auf die Verteidiger der Stadtmauer eine Flut von brennenden Wurfgeschossen herabregnen lassen. Und plötzlich, mitten im erbittertsten Kampfgeschehen, bemerkten die Kreuzfahrer, dass ein nahegelegener Verteidigungsturm und ein Teil der Mauer in Flammen standen. Ob mit brennenden Katapultgeschossen oder mit Brandpfeilen, jedenfalls war es den Franken gelungen, das hölzerne Gerüst der Hauptmauer in Brand zu setzen. Dieser Brand »erzeugte so viel Rauch und Feuer, dass keine der Wachen es in der Nähe aushalten konnte« - in Panik ergriffen nun die Verteidiger die Flucht. Im Bewusstsein, dass dieser Zustand der Wehrlosigkeit womöglich nur wenige Augenblicke anhalten würde, ließ Gottfried eilig eine der Schutzvorrichtungen vom Turm ablösen und zu einer Behelfsbrücke hinüber zu den Zinnen der Mauer umfunktionieren. Zugleich begannen auch die Franken am Fuß der Stadtbefestigung mit ihren Sturmleitern die Mauer hinaufzuklettern, um die Stellung ihrer Kampfgefährten zu stärken.
Kaum hatten Gottfried und seine Truppen diesen ersten spektakulären Durchbruch geschafft, da brach die muslimische Verteidigung Jerusalems auf der ganzen Linie zusammen. Als die Ägypter, die an der nördlichen Stadtmauer stationiert waren, sahen, wie die Franken die Zinnen erklommen, flohen sie in Schrecken versetzt von dem Ruf der Brutalität, der den Kreuzfahrern vorauseilte. Bald befand sich die gesamte Garnison in einem Zustand von Chaos und Auflösung. Am Zionsberg hatten offenbar Raimund von Toulouse und seine Männer eben noch kurz vor einer Niederlage gestanden, als die Nachricht vom Durchbruch von Gottfrieds Truppen eintraf. Plötzlich begannen muslimische Verteidiger an der südlichen Front, die nur wenige Augenblicke zuvor noch mit äußerster Verbissenheit gekämpft hatten, ihre Stellung zu verlassen. Einige sah man sogar in Panik von der Mauer springen. Die Provençalen ver loren keine Zeit, in die Stadt hineinzustürmen, um sich den anderen Kreuzfahrern anzuschließen. Dann begannen die Plünderungen. 6
Der Horror der »Befreiung«
Nicht lange nach der Mittagsstunde des 15. Juli 1099 ging für die ersten Kreuzfahrer ihr langgehegter Wunsch in Erfüllung: Jerusalem wurde eingenommen. Blutrünstige, rasende Haufen strömten durch die Straßen und überrannten die Heilige Stadt. Was an muslimischem Widerstand noch übrig war, schmolz vor ihnen dahin, doch waren die meisten Franken nicht in der Stimmung, Gefangene zu machen. Stattdessen mündeten die drei Jahre voller Kämpfe, Entbehrungen und Sehnsucht in eine alles verwüstende Sturzflut barbarischen, wahllosen Abschlachtens. Ein Kreuzfahrer berichtete glücklich:
Beim Fall Jerusalems und seiner Türme sah man wundervolle Dinge. Einige Heiden wurden gnädigerweise enthauptet, andere, durchbohrt von Pfeilen, stürzten von Türmen, und wieder andere, die man lange Zeit gefoltert hatte, gingen in lodernden Flammen zugrunde. Haufen abgeschlagener Köpfe, Hände und Füße lagen in den Häusern und Straßen; Mannschaften und Ritter eilten auf den Leichen hin und her.
Viele Muslime flohen zum Tempelberg, wo sich einige zusammentaten und für kurze Zeit Widerstand leisteten. Ein lateinischer Augenzeuge beschrieb, wie »alle Verteidiger sich entlang der Mauern und durch die Stadt zurückzogen, und unsere Männer verfolgten sie, töteten sie und stachen sie nieder, bis hin zur [Al-Aqsa-Moschee], wo das Gemetzel so groß war, dass unsere Männer bis zu den Knöcheln im Blut der Feinde wateten«. Tankred gab einer Gruppe von Flüchtlingen, die sich auf dem Dach der Moschee zusammengekauert hatten, sein Banner, um sie als seine Gefangenen zu kennzeichnen, doch auch sie wurden später kaltblütig von Franken erschlagen. Das Gemetzel war so grauenhaft, dass nach einer lateinischen Quelle »sogar die Soldaten, die an dem Töten beteiligt waren, kaum die Dämpfe aushielten, die von dem warmen Blut aufstiegen«. Kreuzfahrer durchstreiften die Stadt nach Beute und schlachteten wahllos Männer, Frauen und Kinder ab, Muslime und Juden. 7
Weder lateinische noch arabische Quellen scheuen sich, das Grauen dieser Plünderungsaktionen zu schildern, die eine Seite im Triumph über den Sieg, die andere abgestoßen von der ungeheuerlichen Brutalität. In den folgenden Jahrzehnten wurden die von lateinischer Seite in Jerusalem verübten Greueltaten vom Islam des Vorderen Orients als barbarische, schändliche Akte der Kreuzfahrer angesehen, die sofortige Vergeltung forderten. Im 13. Jahrhundert schätzte der irakische Muslim Ibn al-Athir die Zahl der muslimischen Toten auf 70 000. Moderne His toriker hielten diese Zahl lange Zeit für eine Übertreibung, aber die la teinischen Schätzungen von mehr als 10 000 Toten nahmen sie als wahrscheinlich hin. Jüngste Forschungen förderten jedoch eine zeitgenössische hebräische Quelle zutage, die darauf hinweist, dass die Zahl der Opfer kaum über 3000 ging und dass bei der Einnahme Jerusalems sehr viele Gefangene gemacht wurden. Daraus kann man schließen, dass schon im Mittelalter die Vorstellung von der Brutalität der Kreuzfahrer im Jahr 1099 auf beiden Seiten des Konflikts ein Gegenstand von Übertreibung und Manipulation gewesen ist.

ZU DEN HÖRNERN VON HATTIN
Im Frühjahr 1187 begann Saladin, seine Streitkräfte für eine Invasion Palästinas zusammenzuziehen. Er ließ Truppen aus Ägypten, Syrien, der Dschazira und Diyar Bakr versammeln und stellte ein riesiges Heer auf, dessen Elite aus ungefähr 12 000 professionellen Reitern bestand, dazu rund 30 000 Freiwillige. Ein muslimischer Augenzeuge verglich sie mit einem Rudel »alter Wölfe und reißender Löwen«; der Sultan beschrieb, wie die Staubwolke, die von dem Heer aufgewirbelt wurde, wenn es sich in Marsch befand, »das Auge der Sonne verdunkelte«. Eine derart riesige Streitmacht zu befehligen war an sich schon eine Großtat. In der fruchtbaren Hauran-Gegend im Süden von Damaskus wurde ein Sammelplatz festgelegt, und da die Soldaten teilweise von sehr weit her kamen, zog sich die Truppenaufstellung über Monate hin. Saladins ältester Sohn al-Afdal leitete diese Aktion; es war seine erste größere Aufgabe als Befehlshaber. 4
Zu den Hörnern von Hattin
In den frühen Phasen des Feldzugs von 1187 folgte die muslimische Strategie im Großen und Ganzen dem Muster, das auch den ajjubi di schen Attacken der Jahre zuvor zugrunde gelegen hatte. Im April marschierte der Sultan in Transjordanien ein, um die Truppen einzugliedern, die aus Ägypten zu ihm stießen, und unternahm mehrere Vergeltungszüge gegen Kerak und Montreal, wobei er fast überall die Ernten vernichten ließ. Die Franken jedoch reagierten kaum oder gar nicht auf diese Provokation. Währenddessen unternahm al-Afdal am 1. Mai eine kombinierte Aufklärungs- und Überfallaktion jenseits des Jordans, um die Verteidigungsstärke der Stadt Tiberias einzuschätzen, während Kukburi eine berittene Streitmacht von ungefähr 7000 Kämpfern zum Sammelplatz der Franken bei Saffariya führte. Wachtposten in Nazareth bemerkten die vorbeiziehenden Muslime, und eine kleine Gruppe aus Tempelrittern und Johannitern, die damals in Galiläa unter dem Kommando ihrer Großmeister unterwegs waren, entschloss sich, gegen sie anzutreten. An den Quellen von Cresson entspann sich ein blutiger Kampf. Die Franken waren an Zahl hoffnungslos unterlegen, und ungefähr 130 lateinische Ritter und 300 Fußsoldaten wurden getötet oder gefangen genommen. Der Großmeister der Templer, Gerard von Ridefort, gehörte zu den wenigen, denen die Flucht gelang; sein Amtskollege von den Johannitern dagegen wurde getötet. Eine erste Schlacht war geschlagen, die der Kampfmoral der Muslime Auftrieb gab und das Selbstbewusstsein der Christen empfindlich traf. Nach dieser schockierenden Niederlage war die akute Bedrohung, die von den Ajjubiden ausging, nicht mehr zu ignorieren, weswegen König Guido und Raimund von Tripolis sich widerwillig versöhnten und der Graf seine Verbindung zu Saladin abbrach.
In der zweiten Maihälfte setzte sich der Sultan selbst in Richtung des Hauran in Marsch, und als die letzten Truppenteile dort eintrafen, begab er sich zu dem vorgeschobenen Stützpunkt Ashtara, ungefähr einen Tagesmarsch vom See Genezareth entfernt. Dort stieß Taqi ad-Din zu ihm, der aus Nordsyrien zurückkehrte, wo er mit einigen wilden Raubzügen den fränkischen Fürsten Bohemund III. genötigt hatte, einem Waffenstillstand zuzustimmen, der Angriffe auf Aleppo ausschloss. Im Juni war Saladin mit abschließenden Plänen und Vorbereitungen beschäftigt, er drillte seine Männer und stellte Schlachtreihen auf, um aus seinem riesigen Heer ein Werkzeug zu machen, das mit größter Disziplin und Effizienz zuschlagen konnte. Drei Hauptkontingente wurden gebildet: Die rechte und die linke Flanke befehligten Taqi ad-Din und Kukburi, und die Kerntruppe stand unter dem persönlichen Kommando Saladins. Schließlich, am Freitag, dem 27. Juni 1187, waren die Muslime zur Schlacht bereit. Sie überquerten den Jordan unmittelbar südlich des Sees Genezareth, und die Invasion Palästinas begann.
König Guido reagierte auf das Schreckgespenst einer islamischen Offensive mit der Umsetzung des bekannten fränkischen Protokolls: Er versammelte das Heer der Christen in Saffariya. Angesichts des unerhörten Umfangs von Saladins Heer hatte der König zu der drastischen Maßnahme eines allgemeinen Aufrufs zu den Waffen gegriffen, um auch noch den letzten Rest an verfügbarer Kampfkraft aus Palästina zu mobilisieren. Außerdem setzte er Geld ein, das König Heinrich II. von England (als Ersatz für die persönliche Teilnahme am Kreuzzug) ins Heilige Land geschickt hatte, und bezahlte davon Söldner, die sein Heer zusätzlich verstärkten. Ein Augenzeuge aus dem Gefolge des Sultans berichtet, dass die Lateiner »in unzählbarer Menge anrückten, so zahlreich wie Kieselsteine, 50 000 oder sogar noch mehr«; tatsächlich wird Guido wohl ungefähr 1200 Ritter und zwischen 15 000 und 18 000 Fußsoldaten und Turkopolen zusammengezogen haben. Es war eines der größten Heere, die sich je unter dem Wahren Kreuz - dem fränkischen Symbol für Tapferkeit im Krieg und fromme Hingabe - versammelt hatten, und trotzdem war es den Heerscharen der Muslime bei weitem unterlegen. Der christliche König war, als er sein Heer aufstellte, zudem ein erhebliches Risiko eingegangen: Von den Festungen Palästinas hatte er bis auf das absolute Minimum an Soldaten die gesamte Besatzung abgezogen. Wenn dieser Konflikt mit einer vernichtenden Niederlage der Lateiner endete, dann würde das Königreich Jerusalem praktisch ohne Verteidiger dastehen. 5
Saladin wollte natürlich gerade einen solchen klaren Sieg erringen. Dafür musste er die Franken aus der Sicherheit von Saffariya in eine offene Schlacht großen Ausmaßes an einem von ihm vorgegebenen Ort locken. Seine bisherigen Erfahrungen in der Kriegsführung gegen Jerusalem jedoch hatten ihn gelehrt, dass der Feind sich nicht so ohne weiteres zu unbesonnenem Vorpreschen verleiten ließ. In den letzten Junitagen begab sich der Sultan aus dem Jordantal hinauf ins Hochland von Galiläa; sein umfangreiches Lager schlug er in der Nähe des kleinen Ortes Kafr Sabt (ungefähr 10 Kilometer südwestlich von Tiberias und 15 Kilometer östlich von Saffariya) auf, mitten in einer ausgedehnten Landschaft breiter Ebenen und sanfter Hügelketten, in der vereinzelte Felsen aufragten. In einem ersten Schritt versuchte er den Feind aus der Reserve zu locken, er schickte Überfallkommandos los, die die umliegenden Felder verwüsteten, während er selbst aus der Ferne Guidos Lager erkundete. Nach wenigen Tagen stand fest, dass eine lateinische Reaktion wie erwartet nur durch eine kräftigere Provokation auszulösen war.
Am 2. Juli 1187 bereitete Saladin seine Falle vor: Er überfiel in der Morgendämmerung die nur schwach verteidigte Stadt Tiberias, und der Widerstand der Christen brach dort schnell zusammen. Nur die Zitadelle hielt stand; sie bot der Gemahlin Raimunds von Tripolis, Eschiva, eine vorläufige Zuflucht. Umgehend - wahrscheinlich konnten die Boten der Gräfin passieren, weil der Sultan es gestattete - erreichte die Nachricht von diesen Geschehnissen in Verbindung mit der dringenden Bitte um Hilfe das Lager in Saffariya. Saladin hoffte, dass die Botschaft von der Bedrängnis, in der Tiberias sich befand, den König in Zugzwang bringen würde. Als es Abend wurde, beobachtete der Sultan gespannt, ob der ausgelegte Köder seine Beute anlocken würde.
Am 20 Kilometer entfernten Standort der Franken hatte König Guido eine Versammlung der führenden Adligen des Königreichs einberufen, deren Teilnehmer in eine hitzige Debatte verstrickt waren. Graf Raimund plädierte offenbar für Vorsicht und Geduld. Er argumentierte, man dürfe das Risiko einer direkten Konfrontation mit einer so gewaltigen muslimischen Streitmacht nicht eingehen, selbst dann nicht, wenn mit der Eroberung von Tiberias und der Gefangennahme seiner Gemahlin gerechnet werden musste. Zu gegebener Zeit würde Saladins Heer - wie schon so oft in der Vergangenheit - auseinanderbrechen, was Saladin zwingen würde, sich zurückzuziehen; dann könne man Tiberias zurückerobern und Eschiva gegen Zahlung eines Lösegelds befreien. Andere, darunter Rainald von Châtillon und Gerard von Ridefort, der Großmeister der Templer, waren anderer Ansicht. Sie empfahlen dem König, den bekanntermaßen verräterischen, unzuverlässigen Grafen zu ignorieren; warnten ihn vor der Blamage, die feiges Zögern mit sich bringen würde, und drängten Guido, Tiberias umgehend zu befreien. Nach einer zeitgenössischen Darstellung der Ereignisse beschloss Guido zunächst, in Saffariya zu bleiben, aber im Verlauf der Nacht wurde er von Gerard überredet, seinen Entschluss umzustoßen. Wahrscheinlich jedoch spielte Guidos persönliche Erfahrung mit den Strategien der Lateiner die größte Rolle. Er sah sich vor eine Entscheidung gestellt, die fast genau einer anderen entsprach, die er vier Jahre zuvor zu treffen hatte: Damals war er der Schlacht gegen Saladin aus dem Weg gegangen, wofür ihm Hohn und Verachtung entgegenschlug. Nun, im Jahr 1187, entschied er sich für Angriff und Kampf, und am Morgen des 3. Juli setzte sich sein Heer von Saffariya aus in Marsch.
Als Saladin vom Aufbruch der Franken erfuhr, begab er sich umgehend in die Berge von Galiläa zurück und ließ nur eine kleine Mannschaft vor Ort zurück, um die soeben eroberte Stellung in Tiberias zu halten. Der Feind rückte - sehr wahrscheinlich auf der breiten Römerstraße, die von Akkon zum See Genezareth führte - in geschlossenen Reihen vor, die Vorhut leitete Raimund von Tripolis, die Nachhut bildeten die Templer, und Fußtruppen schirmten die Reiter nach beiden Seiten ab. Ein muslimischer Augenzeuge beschrieb, wie »Welle auf Welle« der Franken erschien, und er bemerkte, dass »sich in der Luft Gestank ausbreitete, das Licht verdunkelte sich, [und] die Wüste erdröhnte« von ihrem Vormarsch. Welche Ziele Guido von Lusignan an diesem ersten Tag erreichen wollte, lässt sich kaum rekonstruieren, doch ging er möglicherweise - recht optimistisch - davon aus, am selben Tag noch in Tiberias oder zumindest am Ufer des Sees Genezareth anzukommen. Der Sultan war entschlossen, beide Pläne zu durchkreuzen. Er sandte einzelne Bogenschützen voraus, die den Tross der Christen drangsalieren sollten, während er den Großteil seines Heeres auf der offenen Ebene nördlich von Kafr Sabt aufstellte und den Franken so den Weg verstellte.
Saladin hatte richtig erkannt, dass in diesem Konflikt der Zugang zum Wasser eine entscheidende Rolle spielen würde. Im Hochsommer konnte es schnell geschehen, dass Soldaten und Pferde, die in wasserarmen Regionen unterwegs waren, aufgrund von Wassermangel in Lebensgefahr gerieten. Er ließ daher sämtliche Quellen in der Umgebung zuschütten und sorgte gleichzeitig dafür, dass seine eigenen Truppen genügend Nachschub erhielten: einerseits von der Quelle bei Kafr Sabt, ande rerseits wurden auf dem Rücken von Kamelen Wasservorräte aus dem Jordantal herauftransportiert. Zugänglich blieb nur die große Quelle im Dorf Hattin, am nördlichen Rand des Steilhangs; die Zugänge dorthin wurden scharf bewacht. Der Sultan hatte eine staubtrockene Todes zone vorbereitet. 6
Um die Mittagsstunde des 3. Juli machten die Franken neben dem Dorf Turan kurz Halt, dessen Quelle ihren Durst für den Augenblick löschen konnte, aber für den Bedarf so vieler tausend Männer viel zu klein war. Guido muss noch angenommen haben, dass ihm der Vorstoß nach Tiberias gelingen würde, denn auch diesen kleinen Zufluchtsort ließ er hinter sich und setzte den schleppenden Vormarsch in den Osten fort. Er hatte allerdings die schiere Zahl der Kämpfer unterschätzt, die Saladin zur Verfügung standen. Der Sultan behielt die Stellung seines mittleren Kontingents bei, um den Vormarsch der Christen zu blockieren, während er die flankierenden Truppen unter Kukburi und Taqi ad-Din aussandte und eilig Turan besetzen ließ, womit den Lateinern jegliche Möglichkeit des Rückzugs abgeschnitten war. Schließlich erreichten die Franken bei ihrem Weitermarsch die Hochebene, die Saladin so sorgfältig für den Kampf und seinen Sieg vorbereitet hatte. Die Falle war zugeschnappt.
Gegen Abend zögerte der König. Ein konzentrierter Frontalangriff, entweder in Richtung Osten und See Genezareth oder in Richtung Nordosten, nach Hattin zu, hätte vielleicht noch eine gewisse Aussicht auf Erfolg gehabt, und seine Truppen wären an Wasser gekommen. Stattdessen fasste er den fatalen Entschluss, an einem unmöglich zu verteidigenden Ort ohne den geringsten Zugang zu Wasser das Lager aufzuschlagen, eine Entscheidung, mit der er die bevorstehende Niederlage geradezu schon vorwegzunehmen schien. In jener Nacht war die Atmosphäre in den beiden Lagern denkbar verschieden. Die Franken waren »so eng« von muslimischen Soldaten umzingelt, »dass sie miteinander hätten sprechen können«; und so nah waren die Muslime herangerückt, dass »nicht einmal eine fliehende Katze hätte entkommen können«. Die Franken standen in der tiefen Dunkelheit kampfbereit, ihre Kräfte aber ließen wegen ihres schrecklichen, unstillbaren Durstes stündlich nach. Gleichzeitig erhoben sich bei den Truppen des Sultans Gesänge in die Nacht, das Allahu akbar erklang und bestärkte ihren Kampfwillen, »sie ahnten ihren Triumph voraus«, und ihr Anführer traf letzte sorgfältige Vorbereitungen für seinen coup de grâce .
Die eigentliche Schlacht begann nicht gleich mit dem Anbruch des 4. Juli. Stattdessen erlaubte Saladin den Christen, ihren erbarmungswürdig langsamen Vormarsch - wahrscheinlich auf der großen Römerstraße in Richtung Osten - fortzusetzen. Er wartete darauf, dass die Hitze des Tages sich ausbreitete, um die zermürbende Auswirkung des Durstes auf seine Feinde weiter zu verschlimmern. Dann legten seine Männer außerdem noch Buschfeuer, deren beißender Rauch durch die Reihen der erschöpften Lateiner zog. Später kommentierte der Sultan diesen Schritt als »Hinweis auf das, was Gott für sie in der nächsten Welt bereithält«; jedenfalls reichte es aus, um mehrere Gruppen von Fußsoldaten und sogar einige namhafte Ritter zu bewegen, die Reihen zu verlassen und sich zu ergeben. Ein muslimischer Augenzeuge beschrieb, wie »die Franken auf eine Pause hofften, und das Heer suchte verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit. Doch von allen Richtungen waren sie eingeschlossen, gequält von der Hitze des Krieges und ohne eine Aussicht auf Rast.« 7
Bis dahin hatten einzelne muslimische Kämpfer die Franken zwar immer wieder schikaniert, doch die tödlichste Waffe Saladins war noch nicht zum Einsatz gekommen. In der Nacht zuvor hatte er gut 400 Pfeilbündel an seine Bogenschützen verteilt, und nun gab er ihnen den Befehl, mit einer gründlichen Attacke zu beginnen und alles niederzu mähen. »Die Bogen summten und die Sehnen sangen«, als die Pfeile »wie Heuschreckenschwärme« durch die Luft flogen, Männer und Pferde töteten und »große Lücken in die Reihen [der Franken] rissen«. Die Fußsoldaten gerieten in Panik, und ihre Formation löste sich auf, woraufhin Raimund von Tripolis zu einem Angriff auf das Kontingent Taqi ad-Dins im Nordosten ansetzte, doch die muslimischen Truppen teilten sich einfach und ließen den Vorstoß ins Leere laufen. Da sie sich nun außerhalb des Kampfgeschehens befanden, beschlossen Raimund, Rainald von Sidon, Balian von Ibelin und die kleine Gruppe der Ritter, die sich ihnen angeschlossen hatte, in die Schlacht zurückzukehren und ihren Ausfall wieder gutzumachen. Ein muslimischer Zeitgenosse schrieb:
Als der Graf floh, sank der Mut [der Lateiner], und sie hätten sich schon fast ergeben. Dann jedoch erkannten sie, dass sie dem Tod nur entrinnen konnten, indem sie sich ihm kühn stellten; sie unternahmen mehrere Attacken hintereinander, mit denen sie die Muslime fast gezwungen hätten, ihre Position aufzugeben, obwohl diese so in der Überzahl waren, aber Gott stand uns gnädig bei. Jedenfalls zogen sich die Franken nach ihren Angriffen stark dezimiert zurück, sie waren entscheidend geschwächt [. . .]. Die Muslime umgaben sie wie ein Kreis seinen Mittelpunkt. 8
Verzweifelt bereitete Guido ein letztes Gefecht vor, er erkämpfte sich einen Weg in Richtung Nordosten auf höheres Gelände, wo zwei markante Felsen - die Hörner von Hattin - sich gleich Wächtern an einem Bergsattel und über einem darunterliegenden Krater erhoben. Hier hatten 2000 Jahre zuvor eisenzeitliche Siedler eine primitive Bergfestung errichtet, deren alte, zerfallene Mauern den Franken immerhin noch ein Minimum an Deckung bieten konnten. Der König versammelte finster entschlossen seine Gefolgschaft unter dem Wahren Kreuz, ließ sein rotes Königszelt aufrichten und bereitete die Ritter, die ihm noch blieben, auf einen letzten, verzweifelten Angriff vor. Die Christen hatten jetzt nur noch eine Möglichkeit: direkt ins Herz des ajjubidischen Heeres, zu Saladin selbst, vorzustoßen. Denn wenn das Banner des Sultans zu Fall gebracht werden konnte, dann würde das Blatt sich wenden.
Jahre später berichtete al-Afdal, dass er neben seinem Vater schreckerfüllt zugesehen habe, wie die Franken zwei Sturmangriffe vom Bergsattel zwischen den Hörnern aus unternahmen und ihre Pferde direkt auf sie zutrieben. Beim ersten Mal konnten sie kaum aufgehalten werden, und als der Prinz sich seinem Vater zuwandte, sah er, dass dieser »außer sich war vor Gram [. . .] und völlig fahl im Gesicht«. Ein anderer Augenzeuge beschrieb die entsetzlichen Verluste, die den Lateinern zugefügt wurden, als sie zu den Hörnern zurückgetrieben wurden: Die »federnden Lanzen« der sie verfolgenden Muslime »tanzten und wurden gefüttert mit Eingeweiden«, ihre »Schwerter saugten das Leben aus ihnen heraus und zerschmetterten sie an den Hängen«. Dennoch, so die Erinnerung al-Afdals, [. . .] sammelten sich die Franken noch einmal und stürmten heran wie zuvor und trieben die Muslime dorthin zurück, wo mein Vater stand, wir aber zwangen sie wieder, sich auf den Hügel zurückzuziehen. Ich rief aus: »Wir haben sie geschlagen!«, doch mein Vater wandte sich zu mir und sagte: »Sei still! Wir haben sie nicht geschlagen, bevor dieses Zelt nicht fällt.« Aber während er sprach, wurde das Zelt eingerissen. Der Sultan stieg vom Pferd, fiel auf die Knie, dankte Gott und weinte vor Freude.
Als die Stellung des Königs gefallen war, erbeuteten die Muslime auch noch das Wahre Kreuz, und die letzten Reste des christlichen Widerstands fielen in sich zusammen. Guido und die anderen Führer des lateinischen Königreichs, außer den wenigen, die geflohen waren, wurden gefangen genommen, und mit ihnen viele tausend fränkische Überlebende. Tausende mehr waren gefallen. 9
Als der Lärm der Schlacht verstummt war, saß Saladin im Eingang seines prächtigen Zeltes - das noch gar nicht vollständig aufgebaut war -, um seine wichtigsten Gefangenen zu empfangen und in Augenschein zu nehmen. Der Brauch wollte es, dass man sie höflich behandelte und eventuell zu gegebener Zeit gegen Lösegeld freiließ. Besonders zwei Gefangene empfing der Sultan zu einer persönlichen Audienz: seinen Gegner, den König von Jerusalem; und seinen erklärten Feind, Rainald von Châtillon. Als die beiden sich neben ihm niederließen, wandte sich Saladin zu Guido, »der vor Durst fast umkam und vor Angst wie ein Betrunkener zitterte«. Huldvoll reichte ihm der Sultan einen eisgekühlten Trunk in einem goldenen Kelch. Der König nahm einige Schlucke von der erfrischenden Flüssigkeit, doch als er den Kelch an Rainald weitergab, schaltete sich der Sultan ein und ließ dem König durch einen Dolmetscher sagen: »Ihr hattet nicht meine Erlaubnis, ihm etwas zu trinken zu geben; diese Gabe bedeutet also nicht, dass er von meiner Hand nichts zu befürchten hat.« Denn nach arabischer Tradition versprach derjenige, der einem Gast Nahrung anbot, damit gleichzeitig, dass er ihn beschützen werde. Ein muslimischer Zeitzeuge beschreibt, wie Saladin sich dann an Rainald wandte und »ihn für seine Sünden und [. . .] seine heimtückischen Taten tadelte«. Als der Franke das Angebot, zum Islam zu konvertieren, rundweg ablehnte, »stand der Sultan auf und schlug ihm den Kopf ab [. . .]. Nachdem er getötet war und man ihn fortgeschafft hatte, zitterte Guido vor Furcht, doch Saladin beruhigte ihn«, er versicherte ihm, dass er nicht dasselbe Schicksal erleiden werde, und der König von Jerusalem wurde in die Gefangenschaft abgeführt. 10
Der Privatsekretär des Sultans, Imad ed-Din, nahm all seine schriftstellerischen Fähigkeiten zusammen, um die Atmosphäre zu beschreiben, die herrschte, als sich an diesem Abend die Dämmerung über Galiläa senkte. Er schrieb: »Der Sultan lagerte auf der Ebene von Tiberias wie ein Löwe in der Wüste oder der Mond in seinem vollen Strahlenglanz«, während »die Toten über die Hügel und Täler verstreut waren, unbeweglich lagen sie da. Dem Ort Hattin waren ihre Leichen gleichgültig, und der Duft des Sieges war ganz durchsetzt mit ihrem Gestank.« Imad ed-Din ging über das Schlachtfeld, das zu einem »Meer von Blut« geworden war, die Erde war »blutgetränkt«, und er bezeugt das entsetzliche Ausmaß des Gemetzels an diesem Tag: Ich ging an ihnen vorbei und sah die Gliedmaßen der Gefallenen, die nackt auf dem Schlachtfeld herumlagen. Sie waren auf dem Kampfplatz verstreut, zerfleischt, abgetrennt: aufgespaltene Schädel, aufgeschlitzte Kehlen, gebrochene Wirbelsäulen, zerschmetterte Nacken, abgetrennte Füße, verstümmelte Nasen, abgerissene Arme und Beine, zerstückelte Gliedmaßen, zerfleischte Körperteile.
Sogar zwei Jahre später, als ein Muslim aus dem Irak an der Kampfstätte vorbeikam, konnte man noch von weitem die Gebeine der Toten sehen: »Einige waren aufgehäuft, andere lagen verstreut herum.«
Am 4. Juli 1187 wurde das Heer des fränkischen Palästinas vernichtend geschlagen. Die Muslime hatten auch das Wahre Kreuz erobert, was der Moral der Christen im gesamten Vorderen Orient einen empfindlichen Schlag versetzte. Imad ed-Din erklärte, dass »das Kreuz ein Preis ohnegleichen« sei, »denn es war der wichtigste Gegenstand ihres Glaubens«, und er glaubte, dass »sein Verlust für sie schwerer wog als der Verlust des Königs, und es war der schwerste Schlag von allen, die sie in der Schlacht hinnehmen mussten«: Die Reliquie wurde auf dem Kopf stehend an einer Lanze festgebunden und nach Damaskus gebracht. 11
Die Zahl der lateinischen Gefangenen war so groß, dass es auf den syrischen Märkten zu einer Sklavenschwemme kam und der Preis pro Sklave auf drei Gold-Dinare fiel. Getötet wurden von den Gefangenen außer Rainald von Châtillon nur die Angehörigen der Ritterorden. Man hielt diese aggressiven fränkischen »Brandstifter« für zu gefährlich, und es war bekannt, dass sie als Geiseln nutzlos waren, weil sie sich normalerweise weigerten, gegen Lösegeld freigelassen zu werden. Imad ed-Din beschreibt, wie am 6. Juli »Saladin mit erfreuter Miene auf seinem Podium saß«, als 100 - 200 Angehörige der Templer und der Johanniter vor ihm versammelt wurden. Einige ließen sich auf ein letztes Angebot ein, sich zum Islam zu bekehren; der Rest wurde einer Gruppe abgerissener »Gelehrter und Sufis« ausgeliefert, »frommen Männern und Asketen«, die eigentlich mit Gewaltausübung überhaupt nichts zu tun hatten. Imad ed-Din war dabei, als das Gemetzel begann.
»Thomas Asbridge erzählt die Geschichte der Kreuzzüge eindringlich und in epischer Länge ... Der Leser hat den Eindruck, in der vordersten Reihe dabei zu sein.«
Christian Jostmann, Süddeutsche Zeitung, 19.10.2010

»Asbridge zeigt, dass sich Kreuzritter und Muslime nicht nur auf grausamste Art niedermetzelten, sondern sich auch arrangieren konnten, dass sie Handelsbeziehungen pflegten, gemeinsam den Hamam besuchten und wenn nötig gar unheilige Allianzen - zum Beispiel gegen den christlichen Kaiser von Byzanz - schmiedeten.«
Neue Zürcher Zeitung, 30.01.2011

»Im Perspektivwechsel geschildert, erfahren Laien und Fachleute in diesem umfangreichen Werk alles über den Krieg um das heilige Land im Mittelalter und seine wechselnden Herrscher.«
P.M. History, Nr.1, 2011

»Eine spannend zu lesende Geschichte der Kreuzzüge. ...Packend schildert Asbridge einzelne Schlachten und porträtiert wichtige Protagonisten.«
DAMALS, Dezember 2011

»Eine beeindruckende neue Gesamtdarstellung der Orient-Kreuzzüge von 1096 bis 1291. Dezidiert stellt Asbridge die christlichen Quellen des Mittelalters gleichwertig neben- und gegeneinander. Eindrucksvoll sind die packenden szenischen Beschreibungen im Stil englischer Geschichtsschreibung, mit sprachlicher Gestaltungskraft klug aus den Quellen entwickelt.«
Prof. Dr. Bernd Schneidemüller, DAMALS, Januar 2011

»Ein großes historisches Werk in narrativer Höchstform.« Nürnberger Nachrichten, 04.12.2010

»Das Buch verbindet gründliche Darstellung und Analyse mit geradezu romanhafter Sprache.«
Christian Knatz, Darmstädter Echo, 09.01.2012



Klett-Cotta Aus dem Englischen von Susanne Held (Orig.: The Crusades. The War for the Holy Land)
2. Aufl. 2011, 807 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Farbtafelteil, Karten, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94648-2
autor_portrait

Thomas Asbridge

Thomas Asbridge, geboren 1969 in Großbritannien, lehrt Mittelalterliche Geschichte am Queen Mary College der University of London. Der Autor, der 2004...

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