Die geglückte Demokratie

Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart
Buchdeckel „978-3-608-94141-8

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»Edgar Wolfrum ist ein großer Wurf gelungen. ...« Heinrich August Winkler

Im Juli 2006 auf Platz 2 der Sachbuch-Bestenliste von Süddeutscher Zeitung, NDR, Buchjournal und Börsenblatt

»... ein rundum geglücktes Werk ...«
Egon Bahr

Edgar Wolfrum bietet eine lebendig erzählte, multiperspektivische Geschichte der Bundesrepublik für unsere Zeit: gleichgewichtig behandelt er Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Mentalitäten.
Zugleich bettet er die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in die europäische und internationale Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein.
Nach all den Katastrophen der deutschen Geschichte ist die Bundesrepublik ein Glücksfall. Ihre Geschichte handelt nicht von einem dramatischen Niedergang, sondern von einem erstaunlichen Aufstieg. Die Bundesrepublik wurde im Kalten Krieg zu einem Anker der Stabilität, sie entfaltete seit den sechziger Jahren eine neue Dynamik hin zu einer weltoffenen Gesellschaft, garantierte Wohlstand und meisterte ab Mitte der siebziger Jahre viele Krisen besser als andere westliche Staaten.

Diese moderne Gesamtdarstellung der Bundesrepublik erzählt gleichgewichtig auf drei Ebenen: Innenpolitik, Außenpolitik, Sozialkultur. So entsteht ein faszinierendes Bild sowohl der Strukturen und Ereignisse als auch der handelnden Personen und der bundesdeutschen Gesellschaft.

Die unverhoffte Wiedervereinigung 1990 rundet den Glücksfall ab. Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert steht die deutsche Demokratie vor neuen Herausforderungen. Im Rückblick erkennen wir, wie wir wurden, was wir sind. Doch die Zukunft ist offen.

Behandelte Themen:
- Innenpolitik: die politischen und ökonomischen Konflikte, der demokratische Streit um Entscheidungen, Regierungshandeln und Regierungswechsel im föderalen Staat.

- Außenpolitik: das Problem von zunehmender supranationaler Einbettung der Bundesrepublik einerseits und fortbestehender deutscher Teilung andererseits; die europäischen und weltweiten Verflechtungen und der Weltmarkt.

- Sozialkultur: das Gefüge von Gesellschaft und Kultur, die innere Demokratisierung und die neuen Belastungen, die sozialen Umformungen, der Wertewandel, die lebensweltlichen Umbrüche, die Lernprozesse und die Erfahrungen der Menschen.

Inhaltsverzeichnis

Dank
1 Fragen an die Bundesrepublik
2 Deutschland unter der Kontrolle der Siegermächte 1945-1949
Ein besetzter Feindstaat
Zweierlei Aufbruch aus Ruinen
Wiederaufbau und Verwestlichung:
Das Gründungsjahrzehnt 1949-1959
3 Demokratische Weichenstellungen im Inneren
Schwierige Anfänge westdeutscher Staatlichkeit
Parteiensystem und Parteienverbote
Die Kirchen im neuen Staat
Soziale Marktwirtschaft und Wirtschaftswunder
Die Sozialpolitik als Konsensstifterin
4 Bindungen an den Westen und Deutschlandpolitik
Deutsche Handlungsmöglichkeiten im Kalten Krieg
Kontroverse Westpolitik
Stalin-Noten 1952 und Volksaufstand des 17. Juni 1953
Vollendung der Westintegration
5 Gesellschaft und Sozialkultur im Kalten Krieg
Sozialer Wandel und Modernisierung
Kulturelle Trends und Lebensgefühl
Das Erbe des Nationalsozialismus
Westdeutsche Mentalitäten am Ende des Gründungsjahrzehnts
Dynamik und Liberalisierung:
Die zweite formative Phase 1959/60-1973
6 Wendemarken, Abtritte und Antritte
Berlin-Krisen, Schock des Mauerbaus, Deutsch-Französischer Vertrag
Innenpolitische Turbulenzen und Ende der Ära Adenauer
Anspruch und Scheitern des »Volkskanzlers« Erhard
Die Große Koalition 1966-1969 als Wendezeit
7 Zuwachs an Pluralismus und deutsche Lernprozesse
Bildungsexpansion und »Babyboom«, Wohlstandsexplosion und Gastarbeiter
Wertewandel und kulturelle Entwicklungen
Die 68er-Bewegung zwischen Protest und Gewalt
NS-Prozesse und neues westdeutsches Geschichtsbild
8 Die Neue Ostpolitik und »Mehr Demokratie wagen«
Ursprünge und Grundlagen des Ausgleichs mit dem Osten
Die Ostverträge und die KSZE
Mißtrauensvotum und Bilanz der Neuen Ostpolitik
Reformeuphorie und »Modell Deutschland«
Bewährung und Bewahrung:
Langfristige Probleme und Globalisierung 1974-1989
9 Von der sozialliberalen zur christlich-liberalen Koalition
Ende der Reformära und der Rücktritt Willy Brandts
Ölpreisschock und Terrorismus
Krisenmanagement und Weltökonomie
Politische Wende und die Regierung unter Helmut Kohl
10 Die Bundesrepublik in Europa und der Welt
Das deutsch-französische Tandem
Von der »Eurosklerose« zu neuem Europaoptimismus
Nord-Süd-Konflikt und »Dritte-Welt«-Politik
Der zweite Kalte Krieg
11 Technokratie, Risikogesellschaft und Erlebniskultur
Deutsche Identitätskrise und die NS-Vergangenheit
Neue soziale Bewegungen
Technikrevolution, Postmoderne und »Neue deutsche Welle«
Die bundesdeutsche Gesellschaft vor der Wiedervereinigung
Herausforderungen und Chancen:
Von der Bonner zur Berliner Republik 1990 bis heute.
12 Der Weg zur Einheit der deutschen Nation
Der Kollaps der DDR
Die Wiedervereinigung
13 Deutschland, Europa und die »neuen Kriege«
Vertiefung und Erweiterung der EU
Die Rückkehr des Krieges
14 Euphorie, Ernüchterung und Reformpolitik
Ende der Ära Kohl
Rot-grüne Regierungsjahre
Gesellschaft, Kultur und Deutschland-Trends
Anhang
Verzeichnis der Abkürzungen
Anmerkungen
Zeittafel
Tabellen und Karten
Quellen und Literatur
Abbildungs- und Kartennachweis
Orts- und Sachregister
Personenregister

Leseprobe

Wertewandel und kulturelle Entwicklungen

Die »stille Revolution« des Wertewandels und schrille Aufbrüche in der Kunst gehörten zusammen und beeinflußten sich gegenseitig. Für sämtliche Bereiche der Kunst und Kultur bedeuteten die 60er Jahre eine Art »Sattelzeit«: Es war die Zeit der bedeutenden Manifeste, mit denen sich junge Künstler von den Altvorderen lossagten, die Zeit der Provokationen, des Trotzes, der Umbrüche hin zu einem neuen, erweiterten Kunstbegriff, der Zuwendung zur Massenkultur, mithin eine Epoche, die auch auf diesem Feld einen Zuwachs an Pluralismus und einen Abschied vom Elitären, von der abgezirkelten Exklusivität, brachte. Mit seinem 1963 entstandenen Ölbild Die große Nacht im Eimer - einem onanierenden Jungen mit überdimensionalem Penis - setzte beispielsweise Georg Baselitz bewußt auf Provokation, und die Rechnung ging auf. Das Bild war ein ungeheurer Skandal: Baselitz und seine Galeristen wurden wegen pornographischer Darstellung zu Geldstrafen verurteilt. Baselitz, Markus Lüpertz, Jörg Immendorf, Sigmar Polke und andere aufstrebende Stars am deutschen Kunsthimmel - der sich über den nun auch international anerkannten Zentren Düsseldorf und Köln auftat - führten wieder expressive Tendenzen in die Bildende Kunst ein und wandten sich damit gegen die informellen und tachistischen Strömungen, die in den 50er Jahren so präsent waren.
Vor allem aber entstanden in einem übergreifenden transatlantischen Kulturtransfer neue Beziehungen zwischen der »hohen« Kunst und den Formen der Massenkultur, und genau dies war eines der zentralen Unterscheidungsmerkmale zu den künstlerischen Strategien der 50er Jahre und denen der ausgehenden 70er Jahre, als die Konzeptkunst Oberwasser gewann, der das Konzeptionelle wichtiger war als die jeweilige Materialisierung. Die Konzeptkunst, die sich gegen den Fetisch-Charakter des Kunstobjekts wandte, kann auch als eine Gegenbewegung zu den populistischen Darstellungs- und Distributionsformen der 60er Jahre interpretiert werden. Namentlich Andy Warhol formte mit seiner »All-is-pretty«-Devise die alle Bereiche erobernde Pop-Art, die banale Bildwelten der »Bewußtseinsindustrie«, sei es Werbung, Design oder Film, nobilitierte, die naiv und doch zugleich ironisch und gesellschaftskritisch daherkam. Marcel Duchamp, der 1968 verstorbene Amerikaner französischer Herkunft, der schon vor und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg die vom Dadaismus angehauchte Anti-Kunst der »Ready-mades« erfunden hatte, war das große Vorbild eines neuen Kunstbegriffs und jener Pop-Art-Künstler der 60er Jahre, die nicht von ungefähr als Gebrauchsgraphiker, Designer oder Plakatmaler begonnen hatten. (56) Comicbilder von Roy Lichtenstein oder Warhols Suppendosen verwiesen auf die Verbrauchskultur; Niki de Saint Phalle erfand die riesigen bunt-poppigen Frauenfiguren, die Nanas; in der Bundesrepublik malte Gerhard Richter von Fotos ab, Siebdruck dominierte. Kunst als Ware: Die vorherrschenden seriellen Objekte und Graphiken bedeuteten eine Art Demokratisierung, indem zugleich der Bekanntheitsgrad der Bilder gesteigert und der Preis für Kunst verringert wurde.
Neben die Pop-Art trat ein weiterer bedeutsamer Zweig der Kunst in den 60er Jahren, die ihren herausragenden Repräsentanten in Joseph Beuys fand, einem der international wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts überhaupt. Er und seine Schüler kritisierten die Oberflächlichkeit der Pop-Art, sahen in ihr eine Anpassung an die Konsum- und Plakatwelt, und für sie waren die ebenfalls aus den USA kommenden Formen des Happenings, die aktionistische Malerei Jackson Pollocks sowie die daraus hervorgehende Fluxus-Bewegung maßgebend. »Fluxus« zielte auf Aktionen, bei denen Künstler verschiedener Sparten - Grenzüberschreitungen waren ein Signum der Bewegung - versuchten, aktive Veränderungs- und Wandlungsprozesse als Prinzipien der Realität sichtbar zu machen. Dabei gab es auch Übereinstimmungen im grundsätzlichen mit der vorherrschenden Pop-Art: Beuys, nicht zuletzt den großen Anthroposophen verpflichtet, widersetzte sich dem überkommenen exklusiven Kunstbegriff des deutschen Idealismus und generierte eine auf die Menschen ausgerichtete Kunst; sie war ihm nicht mehr und nicht weniger als die potentielle Fähigkeit aller Menschen, sich frei zu entfalten, und insofern eine Form von »Freiheitswissenschaft«. (57) Partizipative Strategien wurden eingeschlagen, die Betrachter sollten direkt ins Geschehen eingreifen, womit Werke entstanden, die kurzlebig, äußerst flüchtig, in der Regel nicht wiederholbar und somit museal nicht dauerhaft präsentabel waren.
Wie sehr die unterschiedlichen künstlerischen Bereiche miteinander verwoben waren, zeigt sich beim Blick auf die Musik. Hier hatte, was die Avantgardemusik anbelangt, John Cage, ein Schönberg-Schüler, Ende der 50er Jahre die ersten Happenings geschaffen, Klangstücke, die bewußt auch Stille miteinbezogen; alles sei Musik, und Musik müsse in das Leben integriert werden. (58) Und was die collagenhaften Merkmale der Pop-Art betrifft, so war nicht nur das Cover der Beatles-LP Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band von 1967 Anschauung dieser Kunstrichtung für ein Millionenpublikum; vielmehr gab es in den 60er Jahren keine Pop-Platte, in der auch in Ton und Text so beispielhaft ein »Pop-Art-Kontinuum« verwirklicht wurde, das anschließend im Beatles-Film Yellow Submarine zudem noch auf Zelluloid gebannt wurde. Die vier jungen Männer aus Liverpool, die in der Silvesternacht 1962 im Hamburger »Star Club« - dem Zentrum des Live-Beat in der Bundesrepublik - aufgetreten waren, brachen in den folgenden Jahren mit ihren Schallplatten und Filmen weltweit alle Verkaufsrekorde. (59) Rebellischer als die eine Zeitlang noch adretten Beatles gaben sich von Anfang an The Rolling Stones. Die jugendkulturellen Ausdrucksformen der Band vereinigten Rebellion und Provokation. 1967 wurde der Synthesizer entwickelt, und damit war das Symbolinstrument für Elektroexperimente in der Rockmusik erfunden. Obwohl sie das Goldene Zeitalter der Rockmusik waren - auf einen einzigen Nenner lassen sich die 60er Jahre musikalisch nicht bringen, dafür waren Rock, Beat, Pop, Jazz, Folk, Psychedelic doch zu unterschiedliche Stilrichtungen. Die politischen Songs von Bob Dylan und Joan Baez wurden zum Symbol des Widerstands der internationalen Jugend, die sich erstmals als globale Generation verstand, gegen den Krieg in Vietnam, ebenso das eine ganze Generation sozialisierende Erfolgsmusical Hair von 1969. Mitte August desselben Jahres wurde in der Nähe der Stadt Woodstock im Bundesstaat New York ein Freiluft-Rock-Festival veranstaltet, das alle Dimensionen sprengte: Bis zu einer halben Million Menschen trafen sich drei Tage lang, um 32 Bands und Interpreten zu hören. Wegen des friedlichen Verlaufs wurde »Woodstock« zum Synonym für eine ganze Generation, die auf kulturelle und politische Erneuerung hoffte. Die tödliche Kehrseite der Bewegung war ihr exzessiver Drogenkonsum, an dem auch zahlreiche ihrer Idole in den kommenden Jahren starben.

Anmerkungen zu dieser Textstelle
56 Vgl. Osterwold, Pop-Art; H.-J. Manske, »Das Lachen der Beatles gilt mehr als die Anerkennung von Marcel Duchamp« - Zur Bildenden Kunst der 60er Jahre, in: Dynamische Zeiten (beide siehe Lit.verzeichnis), 768-807.
57 Vgl. dazu Crow, Die Kunst der sechziger Jahre; Adriani u.a., Joseph Beuys (beide siehe Lit.verzeichnis).
58 Vgl. Cage, Für die Vögel (siehe Lit.verzeichnis).
59 Vgl. Articus, Die Beatles in Harburg (siehe Lit.verzeichnis).

Rot-grüne Regierungsjahre
Ist Deutschland nach einer Zwischenepoche der Teilung seit 1990 wieder auf seinen »normalen« historischen Pfad zurückgekehrt? So wird man das nicht sagen können. Zweifellos zog die alte Bundesrepublik Nutzen aus der Teilung; ihren Erfolg verdankte sie auch den Sonderbedingungen des Kalten Krieges, und sie profitierte von einer in der deutschen Geschichte nie dagewesenen sozialen Homogenität, politischen Verständigung und kulturellen Balance. Das galt etwa für die Struktur des Parteiensystems, in dem eine radikale Linke fehlte; das galt für den marktwirtschaftlichen Aufbau, der ohne das Gegenmodell der DDR kaum denkbar gewesen wäre; das trifft allgemein für die Regierungspolitik, aber auch für ökonomische Bedingungen zu. Ohne die Teilung wären Unternehmen wie Siemens oder Auto-Union und viele andere nie aus Berlin oder Zwickau nach Süddeutschland ausgewandert, und Bayern hätte mehr Mühe gehabt, sich vom Agrarland zum Hochtechnologieland zu entwickeln.
Nach der Wende ist die Bundesrepublik in vielerlei Hinsicht heterogener geworden. Dies betrifft die größere soziale Heterogenität, aber auch die politische in Form des erweiterten Parteiensystems mit neuen Koalitionsmöglichkeiten, die besonders in den neuen Bundesländern zu einer Vielfalt führten, schließlich die nachlassende Bindung an bestimmte Parteien. Dennoch zeigte sich auf diesem Feld lange Zeit mehr Kontinuität als Wandel, denn gravierende Veränderungen im Parteiensystem und in der relativen Größenordnung der Parteien hat es bis zum Jahr 2005 nicht gegeben. Erst die vorgezogene Bundestagswahl vom 18. September 2005 offenbarte große Veränderungen: Die Bundesrepublik ist zu einem Fünfparteiensystem und »linkslastiger« geworden; die Linkspartei hat bundesweit 8,7% der Stimmen erhalten, und in den neuen Ländern ist sie mit rund 25% zweitstärkste politische Kraft hinter der SPD. Die gesellschaftliche Zerklüftung hat zugenommen, und daher fächert sich auch das Parteiensystem neu auf - das Lager jenseits der beiden großen Volksparteien Union und SPD ist so groß wie seit 1953 nicht mehr.
Aber dies bedeutet nicht den Untergang Deutschlands. Denn bis heute gilt: Die Staatstätigkeit der Bundesrepublik und ihre Politikresultate, insbesondere in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, unterscheiden sich nach wie vor von denjenigen anderer Industriestaaten, und zwar dadurch, daß sie sich zwischen zwei Polen bewegen - zwischen dem nordeuropäischen Wohlfahrtskapitalismus und dem nordamerikanischen marktorientierten Kapitalismus. So befindet sich die Bundesrepublik trotz einiger Veränderungen immer noch auf dem »mittleren Weg«. Sie gewinnt insgesamt keineswegs mehr Ähnlichkeiten mit den Gesellschaften des deutschen Kaiserreichs oder der Weimarer Republik, die von scharfen Bruchlinien und unversöhnlichen Konflikten durchzogen waren - dafür ist die Prägekraft des Bonner Modells insgesamt zu stark -, aber die neue Bundesrepublik hat sich den anderen großen westeuropäischen Demokratien angeglichen, die im Inneren weniger gleichförmig und ausbalanciert strukturiert sind. Im Vergleich mit diesen hat die heutige Bundesrepublik jene Anomalie verloren, welche die Bonner Republik noch besaß. Diese Annäherung an die »Normalität« anderer demokratisch gefestigter Länder ist keineswegs bedenklich, sie ist nur neu.
Vielleicht war es ein Glück für Deutschland, daß die Regierung Kohl 1998 durch den Souverän abgelöst wurde. Denn ein Jahr später kam die CDU-Spendenaffäre ans Licht und hätte, falls die Union noch an der Macht gewesen wäre, das Land womöglich in eine der schwersten Krisen seiner Geschichte gestürzt. Auslöser des größten Spendenskandals war, daß am 5. November 1999 sich der ehemalige CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep der Staatsanwaltschaft stellte, die ihm im Zusammenhang mit einer Großspende des Waffenhändlers und Lobbyisten Karlheinz Schreiber Steuerhinterziehung vorwarf. Wie sich später herausstellte, handelte es sich dabei um eine Provisionszahlung der Firma Thyssen in Höhe von 1,3 Mio. DM, die 1991 auf einem Parkplatz in der Schweiz bar übergeben worden war. Als Konsequenz aus dieser Affäre wurde ein Untersuchungsausschuß des Bundestages gebildet, der von Dezember 1999 bis Juni 2002 tagte, das Gesetz über Spenden an politische Parteien verschärfte, mehr als 100 Untersuchungen durchführte und rund 150 Zeugen befragte. Die Angelegenheit war überaus verworren, doch sechs Komplexe ließen sich freilegen: 1. Die erwähnte Schreiber-Million; 2. Helmut Kohls »schwarze Kassen«: Der ehemalige Bundeskanzler bekannte am 16. Dezember 1999 in einem Fernsehinterview, zwischen 1993 und 1998 Spenden von ca. 2 Mio. DM persönlich entgegengenommen und an die CDU-Schatzmeisterei weitergeleitet zu haben. In deren Rechenschaftsberichten tauchte das Geld aber nie auf. Namen der Spender nannte Kohl nicht, sondern berief sich auf sein gegebenes »Ehrenwort«; 3. der Leuna-Komplex: Beim Verkauf der Raffinerie in Leuna an den französischen Ölkonzern Elf-Aquitaine ist nach Ermittlungen französischer und schweizerischer Staatsanwälte Schmiergeld in Millionenhöhe geflossen. Doch die Akten des Bundeskanzleramts zum Verkauf der Leuna-Raffinerie sind verschwunden; 4. die Rolle der CDU-Schatzmeisterei; die frühere Schatzmeisterin Brigitte Baumeister und der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Union, Wolfgang Schäuble, beschworen widersprüchliche Versionen über die Weiterleitung einer 100000 DM Spende des Waffenhändlers Schreiber; 5. die Schweizer Geheimkonten der CDU-Bundespartei und Geldwäscheanlagen in Vaduz. Beides tauchte nur unvollständig im Rechnungswesen der Union auf; 6. der Hessen-Komplex: Auf Veranlassung u.a. des damaligen Generalsekretärs und späteren Landesvorsitzenden der CDU-Hessen, Manfred Kanther, flossen ca. 20 Mio. DM auf Schweizer Bankkonten, unverständlich zynisch getarnt als »jüdische Vermächtnisse«, danach wurden sie wieder nach Hessen zurückverschoben, um den Landtagswahlkampf 1999 zu finanzieren.
Die Bundesrepublik war nicht käuflich, doch die Affäre warf kein günstiges Licht auf die Parteien, insonderheit die CDU. Ungünstiger noch wirkte, daß Helmut Kohl nichts zur Aufklärung der illegalen Finanzpraktiken beitrug, sondern viermal die Aussage vor Gericht verweigerte. Im März 2000 wurde das Ermittlungsverfahren gegen ihn nach Zahlung von 300000 DM eingestellt. Die CDU mußte 21 Mio. Euro an den Bund - der den Parteien Staatsmittel zuweist - zurückzahlen. Im November 2000 stellte die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen Brigitte Baumeister und Wolfgang Schäuble wegen uneidlicher Falschaussage ein, beide blieben bei ihren jeweiligen Versionen. Manfred Kanther ist im April 2005 vom Landgericht Wiesbaden erstinstanzlich zu einer Bewährungsstrafe und einer Geldbuße verurteilt worden. Die Affäre war im Rückblick Unheil und Wende zugleich: Unheil, weil sie die deutsche Demokratie in Verruf brachte und die Politikverachtung anheizte; Wende, weil der Vorwurf der Korruption einen moralischen Tiefpunkt deutschen Partei- und Politikverständnisses markierte, durch den transparentere Verfahrensregeln der Parteienfinanzierung geschaffen wurden.
[...]
»Edgar Wolfrum ist ein großer Wurf gelungen. Seine Darstellung der Geschichte der Bundesrepublik besticht durch eine stupende Kenntnis von Quellen und Literatur, durch scharfsinnige Analysen und durch einen sehr gut lesbaren, anschaulichen Stil. Dieses Buch genügt hohen wissenschaftlichen Ansprüchen und ist zugleich so verständlich geschrieben, daß man es allen, die sich für Geschichte interessieren, nur nachdrücklich empfehlen kann.«
Heinrich August Winkler

»... ein rundum geglücktes Werk ...«
Egon Bahr

Im Juli 2006 auf Platz 2 der Sachbuch-Bestenliste von Süddeutscher Zeitung, NDR, Buchjournal und Börsenblatt

»Es ist ein doppeltes Werk: eine geglückte Demokratie und ein geglücktes Buch über sie.«
Eckhard Fuhr (Die Welt, 16.3.2006)

»... die erste moderne Geschichte der Bundesrepublik
... Der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum präsentiert sich in seinem Buch "Die geglückte Demokratie" als ein exzellenter Kenner der Debatten zur Geschichte der Bundesrepublik und des mittlerweile erreichten Forschungsstands. ...
Edgar Wolfrum bleibt das große Verdienst, die Summe der bisherigen zeitgeschichtlichen Erkundung der Bundesrepublik auf ebenso hohem theoretischem wie erzählerischem Niveau vorgelegt zu haben.«
Axel Schildt (Die Zeit, Zeitliteratur, 16.3.2006)

»Mit der "Geglückten Demokratie" empfiehlt sich Wolfrum als Vertreter einer neuen Generation von Historikern, die sich nach einer langen Phase des "post-nationalen Geschichtsbewusstseins" (Schwarz) wieder durch ein hohes Maß an Identifikation mit ihrer Nation auszeichnen. Doch im Unterschied zu früheren Generationen präsentiert er sich unaufdringlich, kritisch, weltoffen und durchaus optimistisch. Hier wird keine Krise diagnostiziert, um dann vom Katheder herab den Unwissenden den Weg zu weisen. Es geht um nüchterne Würdigung.«
Dagmar Pöpping (Frankfurter Rundschau, 16.3.2006)

»Von steilen Thesen hält er nichts, aber viel von unwiderlegbaren Fakten. Dem Historiker Edgar Wolfrum geht es um Objektivität und Vernunft. ... Dieses Buch macht Mut und gibt Zuversicht, indem es einfach nur die Entwicklung beleuchtet.«
Roland Mischke (General-Anzeiger, 04.10.2006)

»Eine gut Gesamtdarstellung der Geschichte Bundesrepublik muss her - Edgar Wolfrum hat sie geschrieben. ...«
Hans-Jürgen Reinhard (Die Rheinpfalz, 30.09.2006)

»Beeindruckend ist vor allem die Unbefangenheit und die Unaufgeregtheit, mit der Wolfrum die Fülle dieser Sichtweisen zu seinem Bild der Bundesrepublik zusammenfügt. Es findet seine Quintessenz in der Überzeugung, dass diese Republik "nicht mehr unmittelbar zum NS-Regime" sei, weil dazwischen "wie ein ´Puffer´ die demokratische Erfolgsgeschichte der Bonner Republik" liege. Das ist ein beachtlicher Schluss, in dem sich Geschichtsanalyse und aktuelle Ortsbestimmung mischen.«
Hermann Rudolph (Der Tagesspiegel, 8.5.2006)

»Der Zeithistoriker Edgar Wolfrum analysiert die Geschichte der Bundesrepublik erstmals über einen Zeitraum von 60 Jahren. ... Souverän verknüpft Wolfrum Innen- und Außenpolitik, wirtschaftlichen Wandel und soziokulturelle Entwicklung. Sein 700 Seiten starkes Porträt überzeugt durch seine klare Linienführung bei stupender Detailfülle.
Der Reiz dieser großen bundesrepublikanischen Erzählung liegt in ihrer problemorientierten Verdichtung.«
Medard Ritzenhofen (Rheinischer Merkur, 4.5.2006)

»Neben der "großen Politik" widmet sich Wolfrum der Alltags- und Sozialkultur. Das macht sein Buch besonders lesenswert. Ihm gelingt eine perspektivisch vielseitige Darstellung, in der sich auch Leser mit eigenen Erfahrungen wiederfinden können.«
Thomas Ludwig (Handelsblatt, 28.4.2006)

»Da ist sie endlich, die große Gesamtgeschichte der Bundesrepublik. Edgar Wolfrums Buch ist ein Glücksfall für den Leser. Nichts ist dem Historiker aus Heidelberg oberflächlich, nichts langweilig geraten. ... Er ist ein abwägender, plastisch erzählender Skeptiker, der simplen Wahrheiten misstraut - das ist die Stärke seines Buches "Die geglückte Demokratie". ...
Souverän bringt der Autor die dramatischen Beschlüsse der Nachkriegszeit auf den Punkt.«
Marcus Sander (Stuttgarter Zeitung, 28.4.2006)

»Wolfrums Darstellung ist ein außerordentlich gelungenes Beispiel für eine moderne Geschichtsschreibung. Neben klassischen Themen der Innen- und der Außenpolitik nehmen Gesellschaft, Kultur, sozialer Wandel und mentale Umbrüche breiten Raum ein.«
Ulrich Rose (Badische Zeitung, 19.4.2006)
Klett-Cotta
2. Aufl. 2006, 694 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 95 Abbildungen und Karten, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94141-8
autor_portrait

Edgar Wolfrum

Edgar Wolfrum, geb. 1960, ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg. Studium der Geschichte, Politikwissenschaft, Germanistik und...

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