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Mit Leseproben-Podcast vom Anfang des Buchs (mp3, 6,3 MB)
und das Kapitel »Der letzte römische Kaiser« (mp3, 6,1 MB)

Mit »Millenium« schließt Tom Holland an seinen weltweiten Erfolg »Persisches Feuer« an.
Anno Domini 900: Von drei Himmelsrichtungen durch unerbittliche Feinde bedrängt, während in der vierten Richtung nur der Ozean lag, schien es, dass der christlichen Bevölkerung keinerlei Spielraum mehr blieb. Und im Schatten des Jahrtausendwechsels befürchteten viele, dass der Antichrist erscheinen würde, um die Welt in Blut zu ertränken und ihr Ende anzukünden.
Doch das Christentum brach nicht zusammen. Vielmehr wurde in den Erschütterungen jener furchtbaren Zeiten eine neue Zivilisation geschmiedet. In weit ausholendem epischem Zugriff, der uns von der Kreuzigung Christi zum Ersten Kreuzzug mitnimmt, vom Prunk Konstantinopels zu den trostlosen Küsten Kanadas, ist »Millennium« die brillante Darstellung einer schicksalsträchtigen Revolution: dem Auftauchen Westeuropas als einer unterscheidbaren, expansionistischen Macht.

Inhaltsverzeichnis

Dank
Vorwort
1 DIE RÜCKKEHR DES KÖNIGS.
2 DIE ALTE ORDNUNG WANDELT SICH ...
3 ... UND MACHT EINER NEUEN PLATZ
4 WESTWÄRTS.
5 DER JÜNGSTE TAG WIRD VERSCHOBEN
6 DAS JAHR 1066: HASTINGS UND WAS SONST NOCH GESCHAH
7 EINE UNBEQUEME WAHRHEIT
Zeittafel
Anmerkungen
Ausgewählte Literatur
Verzeichnis der Karten
Bildnachweis
Register
LESEPOBE
Der letzte Römische Kaiser
Pilger, die unterwegs waren zum Grab des Apostels Petrus, wussten, dass auf sie der Anblick einer Stadt wartete, wie es keine zweite im lateinischen Abendland gab. »O Rom«, so hieß es in einem Hymnus, »herrliches Rom, Gebieterin des Erdkreises, es gibt keine Stadt, die dir gleichkommt, du erhabenste aller Städte!« 73 Sogar Besucher aus den großen Hauptstädten des Islam waren verblüfft: Ein muslimischer Kaufmann hielt bei seinem Weg auf die Stadt zu aus der Ferne die grün-grauen Kirchendächer der Stadt für Meereswogen. Auf Christen aus dem Norden muss der Eindruck einfach überwältigend gewesen sein. Nichts in ihrer dunklen, schlammigen Heimat war geeignet, sie auf das Schauspiel der alten Hauptstadt ihres Glaubens vorzubereiten. Dass eine Stadt sich einer Einwohnerschaft rühmen konnte, die über 25 000 Seelen umfasste; dass ihre Stadtmauern sich über weit mehr als 15 Kilometer erstreckten; dass diese Mauern eine anscheinend unendliche Anzahl von Heiligtümern umschlossen - all das musste man gesehen haben, um es glauben zu können. Als Otto III. in Rom eintraf, muss ihm die Stadt wie ein Traum, ein Reich des Wunderbaren vorgekommen sein.
Und sicher sah er in ihr auch die Erfüllung seines Schicksals. »Allein Rom, die Hauptstadt der Welt und Herrin der Städte, macht aus Königen Kaiser.« Das war für die Völker im Norden Europas nichts Neues. »In ihrem Herzen birgt sie den Ersten der Heiligen, den Apostelfürsten, daher hat sie das Recht, wenn sie es wünscht, einen Fürsten über alle Reiche der Erde zu ernennen.« 74 Die Ironie des Ganzen - dass die Stadt sich ihren Anspruch auf die Weltherrschaft durch das Blut sicherte, das von den heidnischen Römern vergossen worden war - war für die Gläubigen ein Quell immer neuen Entzückens. Dass Petrus über seine Peiniger gesiegt hatte, war in der gesamten Stadt augenfällig. Bauwerke, derentwegen Rom einst als das stolze Babylon, als »die Stadt des Teufels« gegolten hatte, 75 zerfielen wie die Glieder von Leprakranken. Armselige Hütten drängten sich an den Prunkstraßen vergessener Kaiser; über dem Kolosseum, das in den alten Tagen »purpurn glänzte vom Blut der Heiligen«, 76 hing nun die Ausdünstung von Malariasümpfen und Massengräbern; auf dem Palatin stieß man nur noch auf den Schutt der Caesaren-Paläste. Überall lagen Trümmer, als wäre der Atemzug eines Engels durch die Szene gefegt; und wo die Trümmer aufhörten, fingen die offenen Felder an.
Aber Rom überdauerte, und mehr als das: Denn die Stadt war zwar eine Stadt der Toten, doch nicht die Schatten heidnischer Kaiser belebten das Schauspiel der Verwüstung, stöhnend beim Anblick des Viehs, das an den Orten weidete, wo einst ihre Triumphwagen entlanggezogen waren - nein, es waren die Märtyrer, deren heilige Gebeine den kostbarsten Schatz Roms bildeten. Überall standen die Kirchen als Aufbewahrungsorte einer ehrfurchtgebietenden übernatürlichen Energie und bewachten diese Überreste, und ihr Gemäuer war getränkt mit dem Charisma der dahingegangenen Heiligen. Viele Grabstätten wie etwa die des heiligen Petrus selbst hatten ein ehrwürdiges Alter; doch von anderen war noch Hämmern vernehmbar, und der Geruch von trocknendem Mörtel strich durch die Gassen. Auch mitten im Verfall erneuerte Rom sich immer wieder selbst. »Täglich können wir beobachten, wie sich aus den Ruinen zusammengebrochener Mauern und zerfallender Tempel das neue Mauerwerk von Kirchen und Klöstern erhebt.« 77 Hier also, in der Ewigen Stadt, war vielleicht eine Perspektive zu gewinnen, wie eine Erneuerung der Welt gelingen konnte.
Ganz sicher war Otto III. geneigt, die Dinge so zu sehen. Bei seinem ersten Eintreffen in Rom war er erst 15 Jahre alt, ein ebenso frühreifer wie visionärer junger Mann von feurigem Ehrgeiz. Er hatte eine umfassende Ausbildung in allem erhalten, was von einem sächsischen König erwartet wurde; außerdem hatte seine Mutter dafür gesorgt, dass auch der byzantinische Einfluss nicht zu kurz kam. Zu seinem Lehrer - und Paten - hatte sie einen Griechen aus Süditalien bestimmt, Johannes Philagathos, einen Abt, in dem sich umfassende Bildung mit einem grimmigen Selbstbewusstsein verband. Erziehung war in Byzanz eine bekanntermaßen strenge Angelegenheit: Ihr Ziel bestand darin, den Kindern nichts Geringeres als das Verhalten von Heiligen zu vermitteln. Theophanu hatte in der Wahl dieses Lehrers ihren bekannten Spürsinn für geistige Begabung erkennen lassen. Der kindliche König war zwar berühmt für seinen Charme, doch als er größer wurde, machte sich bei ihm auch ein tiefer Ernst bemerkbar; ein Gespür für den enormen, schrecklichen Auftrag, der seit seinen frühesten Jahren auf ihm lastete. Wie jeder Basileus , so war auch Otto überzeugt, das Römische Reich sei Gottes auserwähltes Werkzeug zur Durchsetzung Seines Willens. Schließlich war ein römischer Kaiser am Ende aller Tage dazu bestimmt, alle Enden der Erde für Christus und seine Kirche zu gewinnen - und wer wollte unter den obwaltenden Umständen und zum gegebenen Zeitpunkt behaupten, dass das Ende aller Tage nicht unmittelbar bevorstand?
Otto hatte also gute Gründe, über die sächsischen Grenzen hinauszuschauen. Um seine Position als Herrscher des Ostens wie auch des Westens zu besiegeln, hatte er bereits seinen alten Lehrer Johannes Philagathos nach Konstantinopel entsandt, auf dass dieser eine Heirat mit der Tochter des Basileus in die Wege leite. Derweil wurde in Rom selbst das Papsttum dem königlichen Willen unterworfen. In einem Ausmaß, das wohl auch seinen Vater und Großvater überrascht hätte, betrachtete Otto den Papst als seinen Untergebenen, zu ernennen nach Maßgabe seiner eigenen Interessen. Nicht einmal mehr das gewohnte Feigenblatt einer Wahl wurde dem Heiligen Stuhl gewährt. Als Otto auf seiner Reise nach Rom erfuhr, dass der amtierende Papst an einem plötzlichen Fieber verstorben war, erkannte er in diesem Zwischenfall das zielstrebige Wirken Gottes. Sofort veranlasste er das Nötige, um der Ewigen Stadt seinen eigenen Kandidaten aufzuzwingen: keinen Römer, nicht einmal einen Italiener, sondern einen 24-jährigen Sachsen, seinen Vetter Brun von Kärnten.
Infolgedessen wurde Anfang Mai 996 der erste Deutsche auf dem Stuhl Petri als Papst Gregor V. geweiht. Die politischen Größen Roms, wie betäubt von der nackten Dreistigkeit von Ottos Handstreich, sahen sich außerstande, ihm etwas entgegenzusetzen. Der einflussreichste und am meisten gefürchtete Mann dieser Gruppe, ein hartgesottener Kerl namens Johannes Crescentius, sah sich in die demütigende Lage versetzt, den jungen Kaiser anflehen zu müssen, ihn nicht ins Exil zu schicken. In königlicher Herablassung und vor den Augen von ganz Rom gewährte ihm Otto diese Gnade. Keiner konnte mehr daran zweifeln, dass die Stadt, ja die gesamte Christenheit nun einen Kaiser hatte, der nicht mehr nur dem Namen nach römisch war. An Himmelfahrt, dem
21. Mai 996, wurde Otto in St. Peter feierlich gekrönt, »unter dem Beifall ganz Europas«. 78 Nachdem sein Vetter ihn gesalbt hatte, gab er ihm ein Schwert in die Hand. Ein Ring wurde dem neuen Kaiser auf den Finger gestreift, als Symbol für seine Vereinigung mit dem Volk der Christen. Er trug einen Umhang, darauf, »auf goldenem Grund«, 79 waren Szenen aus der Offenbarung zu sehen: der Vision des Johannes vom Ende der Welt.
Doch dürfte wohl keiner überrascht davon gewesen sein, wie schnell und entschlossen Otto seine spektakuläre Krönung durchgesetzt hatte. Zwar war er noch jung an Jahren, aber er hatte schon ausreichend Lektionen in der Ausübung königlicher Gewalt hinter sich. Er hatte die Dörfer seines eigenen Volkes gebrandschatzt und übersät mit Leichen gesehen; er selbst hatte als Erwiderung darauf die Dörfer der Wenden in Brand gesetzt; er war durch blutgetränkte Felder geritten und hatte seine hingemetzelten Feinde unter den Hufen seines Pferdes zertrampelt. Dies war das Schicksal des sündigen Menschen in diesem Jammertal: zu leiden, dahinzuschwinden, zu sterben. Otto hatte jedoch in noch dunklere Abgründe geblickt, als er mit seinen loricati durch die Wälder der Wenden geprescht war. Allenthalben wurden die Kirchen, die die Sachsen dort errichtet hatten, von Bäumen verdrängt. Mauern, die früher den Leib und das Blut Christi beschirmt hatten, zerfielen. Im Unterschied zu den Sachsen hatten die Wenden sich geweigert, den Friedensfürsten mit Waffengewalt aufgezwungen zu bekommen. Was konnte der König angesichts solcher Verstocktheit tun? Er wusste, dass über der gefallenen Welt, unsichtbar und in einem Glanz erstrahlend, gegen den auch die tiefste Dunkelheit heidnischer Wälder machtlos war, die Stadt Gottes schwebte - und dass es seine Pflicht als König war, den Heiden die Erkenntnis der Herrlichkeit dieser Stadt Gottes zu ermöglichen. Doch obgleich es sein Bestreben war und sein musste, die christliche Welt und die Reiche jenseits davon gemäß dem Willen Gottes zu prägen, konnte er auch nicht vergessen, was Christus Selbst Seine Jünger gelehrt hatte: dass sie ihre Feinde lieben, dass sie die andere Wange hinhalten, dass sie ihr Schwert in die Scheide stecken sollten. Otto III. war sich seiner eigenen moralischen Schwäche ebenso bewusst wie seiner gottähnlichen kaiserlichen Würde, und diese Spannung quälte ihn ohne Unterlass. »Nach außen zeigte er ein frohes Gesicht; doch in seinem Inneren ächzte er unter der Last der zahlreichen Missetaten, von denen er sich zu nächtlicher Stunde unentwegt durch Nachtwachen, aufrichtige Gebete und Ströme von Tränen zu reinigen suchte.« 80
Es konnte also kaum erstaunen, dass Otto von Rom so besonders eingenommen war. In der unvergleichlichen Verschränkung des Erhabenen mit dem Demütigen, des Martialischen mit dem Friedfertigen, dieser Vermischung von Sterblichkeit und Ewigkeit muss die Stadt ihm wie ein Spiegel seiner Seele vorgekommen sein. Als er sich nach der Kaiserkrönung noch in der Stadt aufhielt, konnte er auf antiken Säulen in allen Einzelheiten studieren, wie Barbaren durch unbarmherzige Imperatoren abgeschlachtet wurden, doch er konnte auch Tag und Nacht einer ganz anderen Lektion beiwohnen, die ihm ein Mönch vermittelte: ein für seine Verachtung weltlicher Titel berühmter, ja berüchtigter Mann, der dem Kaiser beibrachte, dass er »sich nicht als groß, nicht als Caesar begreifen« solle, sondern »als sterblicher Mensch«, und als solcher werde er »ungeachtet seiner Größe und seiner strahlenden Erscheinung zu Staub und Nahrung für die Würmer werden«. 81
Adalbert hieß dieser spirituelle Meister. Er lebte zwar hinter den Mauern eines römischen Klosters, gegenüber dem trümmerbedeckten Palatin, weit weg von den Marken des Reichs, doch besaß gerade er ein besonderes Gespür für die Bürde, die auf Ottos Schultern lastete, und zwar weil er sie bis zu einem gewissen Grad selbst getragen hatte - und auch er war von ihr tief gebeugt worden. Geboren wurde er in Böhmen als Kind adliger Eltern, erzogen in Magdeburg, und Otto II. hatte ihn zum Bischof von Prag ernannt. Adalbert zählte also zu den Großen des Reichs. Doch statt sein hohes Amt zu genießen, litt er so sehr unter den Kompromissen, die ihm aufgenötigt wurden, dass er, so ging das Gerücht, vor lauter Traurigkeit vergessen habe, wie man lacht. Er musste seine Stadt verlassen, nachdem seine Versuche, den Sklavenhandel zu unterbinden, die Einkünfte des lokalen Herzogs empfindlich zu dezimieren drohten. Er »verzichtete auf die Würde des Bischofsamtes und wurde ein einfacher Mönch«. Doch auch noch als »einer unter vielen« 82 ragte er aus der Menge heraus. Wenn man beispielsweise vor seinem Kloster seine schmutzigen Schuhe ablegte, war Adalbert sofort zur Stelle, um sie zu reinigen: Er legte damit eine Demut an den Tag, die schon bei einem Mönch erstaunte, erst recht bei einem Geistlichen, der offiziell nach wie vor als Kirchenfürst galt. Es braucht kaum betont zu werden, dass andere Bischöfe von Übertreibungen solcher Art befremdet waren; Otto aber, der schon von klein auf gelernt hatte, dass man heilige Männer nicht nur verehren, sondern selbst aufsuchen muss, sah darin einen Beweis für Adalberts Heiligmäßigkeit. Adalbert musste lediglich ein Gebet sprechen, und die Frösche in den römischen Sümpfen hörten auf zu quaken, er war also offensichtlich ein Mann mit einem außerordentlichen Talent, in gequälte Seelen wieder Gelassenheit zu senken - und Ottos Seele war gewiss gequält. Als ihn im Sommer 996 die Nachricht erreichte, das Land beiderseits der Elbe stehe wieder in Flammen, schien Adalbert ihm das geben zu können, was er am nötigsten brauchte: einen Weg durch die Dunkelheit, die sich vor ihm sich ausbreitete. Der Kaiser war in jenem erstickend heißen Sommer nicht der einzige in Rom, der seine Gedanken auf die wüsten Grenzgebiete im Osten gelenkt hatte. Auch Adalbert hatte die Absicht, dorthin aufzubrechen. Doch wollte er nicht im Prunk eines kirchlichen Würdenträgers reisen, sondern in seinem zerschlissenen Mönchsgewand; nicht als Fürst, sondern als demütiger Missionar. Er beharrte darauf, dass es möglich sein müsse, den Heiden die Stadt Gottes sichtbar zu machen - und zwar ohne Gewalt anzuwenden.
Im Frühling des folgenden Jahres wurde Adalbert am Ufer eines vereisten Sees, kaum eine Tagesreise entfernt von der Grenze zu Polen und vom Schutz Boleslaws, seines christlichen Fürsten, brutal umgebracht. Pruzzen hatten ihn ermordet, Angehörige eines heidnischen, wilden Volkes, das für seine Tätowierungen bekannt war und dafür, dass es Blut literweise trank. Sie hatten das Predigen des Missionars für das böse Wirken eines »germanischen Gottes« gehalten. 83 Otto war natürlich höchst bestürzt, als er in Aachen von diesen Ereignissen erfuhr. Doch noch während er seinen Verlust betrauerte, fing man schon an, sich wundersame Dinge über die Umstände von Adalberts Tod zu erzählen. Es hieß, ein Engel sei vom Himmel herabgestürzt und habe den Kopf des Märtyrers aufgefangen, als dieser, von einer pruzzischen Axt abgehauen, durch die Luft geflogen sei; später habe der Engel dann den Kopf wieder mit dem enthaupteten Rumpf zusammengefügt und den toten Körper auf die andere Seite des Sees in Sicherheit gebracht. Von dort brachten zwei Schüler Adalberts ihn über die Grenze nach Polen zurück, wo er mit knie fälliger Verehrung empfangen wurde. Boleslaw war hoch erfreut, dass ihm eine so mächtige Reliquie zuteil wurde, und besiegelte sein Eigentumsrecht auf die sterblichen Überreste des Märtyrers mit einem Grab in Gnesen, der Hauptstadt, die er von seinem Vater, Herzog Mieszko, geerbt hatte. Für seine Untertanen stellte der Schrein, der über Adalberts Grab errichtet wurde, einen ehrfurchtgebietenden, wundersamen Gegenstand dar, ein Leuchtfeuer der Heiligkeit, einen Punkt, wo der Himmel die Erde berührte. Dafür war es nicht nötig gewesen, Dörfer abzubrennen, Massenhinrichtungen zu veranstalten oder sächsische Garnisonen zu errichten. Mit seinem Tod erfüllte sich für Adalbert der größte Wunsch seines Lebens: Er konnte dazu beitragen, die Wildnis im Osten vom Heidentum zu befreien - und das einzige Blut, das dabei vergossen wurde, war sein eigenes. Wieder war ein Volk in seiner Zugehörigkeit zur christlichen Welt bestätigt worden. Die Polen waren nun für alle Zeit Anhänger Christi.
Gehörten sie damit auch automatisch zu Otto III.? Für ihn selbst stand das sicherlich fest. Auch der Verlust Adalberts und die nie nachlassende Gewalt an der wendischen Grenze konnten den Missionsgeist und das Selbstbewusstsein des Kaisers nicht trüben; im Gegenteil, sie wurden dadurch nur noch angefacht. Adalbert war nicht die einzige inspirierende Gestalt, die im Jahr zuvor in Ottos Wirkungskreis aufgetaucht war. Auch Gerbert hielt sich aus Anlass der Krönung in Rom auf. Nach der Abfuhr, die Theophanu ihm erteilt hatte, war er ständig bemüht, einen seinen Begabungen angemessenen Posten zu finden, und in diesem Zusammenhang hatte er sich ursprünglich mit einer Petition an den Papst wenden wollen, doch nachdem er den Kaiser mit seinem ganzen Charisma überschüttet hatte, fand er sich bald auf einem Posten als kaiserlicher Sekretär wieder. Zwar konnte er in dieser Eigenschaft nur wenige Wochen, bis Otto von Rom wieder aufbrach, tätig sein, doch Gerbert hatte nicht die Absicht, sich diese Gelegenheit entgehen zu lassen. Im Oktober hatte er sich erfolgreich wieder in das Gefolge des Kaisers eingeschlichen. 84 Im Herbst dieses Jahres verbrachten Gerbert und Adalbert über einen Monat mit dem Kaiser zurückgezogen in Klausur, »Tag und Nacht«, wie Gerbert später stolz prahlte. 85 Welches Thema den bedeutendsten Herrscher der christlichen Welt so fesselte, dass er sich mit zwei Klerikern für derart lange Zeit von den Staatsgeschäften zurückzog, wurde nie enthüllt; doch bald ließ der Gang der Ereignisse erste Hinweise erkennen.
Im Sommer des Jahres 997 betraute der Kaiser Gerbert offiziell mit dem Amt, auf das dieser schon so sehnlichst gewartet hatte: Er ernannte ihn zu seinem Berater. »Zeigt eure Abneigung«, so erging der Befehl, »für sächsische Engstirnigkeit« 86 - und Gerbert gehorchte mit Wonne. Otto hatte bis spät ins Jahr hinein damit zu tun, die Grenze seiner heimatlichen Gebiete zu sichern, doch auch in dieser Zeit stählte Gerbert in ihm das Bewusstsein der erdumspannenden Rolle, die ihm zugedacht war. »Denn Ihr seid Caesar Augustus«, erinnerte ihn Gerbert überschwänglich, »Kaiser der Römer, entstammend vornehmstem griechischen Geblüt«, der Herr über Italien, über Deutschland und, jawohl, auch über »die Gebiete der kriegerischen Slawen«. »Das Römische Reich - es ist unser, unser!« 87
So kam es, dass das haltbarste unter den Gespenstern der Christenheit wieder einmal aus seinem Grab aufgescheucht und begrüßt wurde, als handle es sich um ein Wesen aus Fleisch und Blut. Gerbert, nicht nur Universalgelehrter, sondern auch durchaus praktisch veranlagt, kann die Spannung zwischen all seinen wohltönenden Phrasen und dem Chaos, in dem sich die Welt befand, nicht übersehen haben. Auch dem Kaiser, der das ganze Jahr 997 damit zugebracht hatte, die Wenden aus Sachsen herauszuknüppeln, dürfte diese Diskrepanz nicht entgangen sein. Die krude, blutige Wirklichkeit jedoch mäßigte die großen Worte von der Wiederherstellung einer universellen Ordnung nicht im Geringsten, sie scheint sie im Gegenteil noch befeuert zu haben. 998 erschien das ersehnte Ziel auf Ottos Siegel und verpflichtete ihn jedes Mal, wenn er ein Dokument siegelte, auf die renovatio - die Erneuerung - des Römischen Reichs. Eine überspannte Phantasie? Man könnte es annehmen. Weder von Gerbert noch von Otto selbst gab es irgendeine Andeutung, was mit diesem Programm der renovatio eigentlich angestrebt wurde - und noch viel weniger, wie es umgesetzt werden sollte. [...]
»"Millennium" ist ein Geschichtsbuch und Tom Holland der Steven Spielberg unter den Historikern. Sein Ehrgeiz beschränkt sich nicht darauf, das Waffenklirren und Blutvergießen jener Epoche in vielen dramatischen takes vorzuführen. Der Autor will außerdem eine Entstehungsgeschichte des modernen Europas erzählen, das sich aus dem Traum oder Alptraum des ausgebliebenen Auftritts des Antichrist im Jahre 1033 herausgebildet hat.«
Manfred Schneider, Literaturen, 11/2009

»Mit viel Ironie und Sinn für die - oft abgründige - Psychologie seiner Figuren (Fürsten, Könige, Bischöfe, Kaiser, Päpste) und deren Drang zur Macht verdichtet er seine Geschichte Europas von Jesu Geburt bis zum dramatisch zugespitzten Gang nach Canossa, als König Heinrich IV. im Jahr im Büßergewand vor dem triumphierenden Papst Gregor VII. niederkniet sein soll.
Urs Hafner, NZZ, 12.10.2009

»Ein phänomenales Lesevergnügen ...«
Noel Malcom, The Sunday Telegraph
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Susanne Held (Orig.: Millennium. The End of the World and the Forging of Christendom)
1. Aufl. 2009, 518 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 14 Karten, 32 Abb., Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94379-5
autor_portrait

Tom Holland

Tom Holland, geboren 1968, studierte in Cambridge und Oxford Geschichte. Der Autor und Journalist hat sich mit BBC-Sendungen über Herodot, Homer,...

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