Piraten und Korsaren im Mittelmeer

Seekrieg, Handel und Sklaverei vom 16. bis 19. Jahrhundert
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Vier Jahrhunderte Ereignis-, Wirtschafts- und Alltagsgeschichte von einem der besten Kenner der Geschichte des Mittelmeerraums

Salvatore Bono erzählt die Geschichte der Seeräuber im Mittelmeer. Er macht klar, dass die Piraten strategisch und politisch wichtige Instrumente der christlichen und muslimischen Herrscher waren. Anhand vieler Quellen schildert Bono das harte Leben an Bord und die Kämpfe auf See. Ein aktuelles Thema, spannend erzählt und analysiert.

»Objektiv und wahrhaftig. Eine unerlässliche Lektüre für alle, die die wahre Geschichte der Korsaren im Mittelmeer erfahren wollen.«
Massimo Carlotto

Die im gesamten Mittelmeerraum gefürchteten muslimischen Korsaren wurden im 16. und 17. Jahrhundert von den Ordensrittern der Malteser bekriegt und später sogar von den Elitesoldaten des US Marine Corps bekämpft, bevor ihrem Treiben erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Ende gemacht werden konnte. Auch auf christlicher Seite machten sich die Malteser- und Stephansritter jedes Frühjahr zu Kaperfahrten an die jenseitigen Ufer des Mittelmeers auf, von denen sie oft mit reicher Beute zurückkehrten. Doch waren die Korsaren anders als gemeine Piraten keine Gesetzlosen, denn das Kaperwesen, zu dem auf beiden Seiten auch die Sklavenjagd gehörte, wurde staatlich kontrolliert. Zwar spielten die Kaperflotten beider Seiten eine wichtige Rolle in den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen, doch europäische Freibeuter machten auch vor Schiffen unter christlicher Flagge nicht halt.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung von Ekkehard Eickhoff
Die Korsaren -ein vergessenes Kapitel in der Geschichte des Mittelmeers
I. DIE BARBARESKEN
Die Entstehung der Barbareskenstaaten
Die Barbareskenkorsaren und das Osmanische Reich
Die europ ä ischen Staaten und die Barbaresken
Das Ende der Barbaresken
II. CHRISTLICHE KORSAREN
Die Ritterorden: Malteser- und Stephansritter
Kaperfahrer auf eigene Rechnung
Die letzten Korsaren
Korsarenkrieg zwischen Europ ä ern
III. FLOTTEN UND MANNSCHAFTEN
Die Schiffe der Korsaren
Besatzung und Rudermannschaften
Die H ö lle an Bord
IV. GEFECHTE AUF SEE UND BEUTEZ Ü GE AN LAND
Die Korsaren: Schrecken des Mittelmeers
Landungsaktionen der Ritterorden auf muslimischem Gebiet
Verteidigungsanlagen und Wehrt ü rme an den europ ä ischen K ü sten
V. KAPERWIRTSCHAFT, SEEHANDEL UND SKLAVEREI
Aufteilung der Prise
Ö konomische Bedeutung der Kaperei
Kaperei und Seehandel
Sklaven auf beiden Seiten des Mittelmeers
Wege in die Freiheit
ANHANG
Nachwort zur deutschen Ausgabe
Literaturverzeichnis
Bild- und Kartennachweis
Personenregister

Leseprobe

DIE KORSAREN - EIN VERGESSENES KAPITEL IN DERGESCHICHTE DES MITTELMEERS
Er war voller Ho ff nung, der Fleischhauergeselle Hans Nicol Fürneisen aus Geschwenda, einem kleinen Ort im Thüringer Wald, als er sich im Mai 1712 ins ferne Spanien aufmachte, »um dort mein Glück zu versuchen«. In Hamburg schi ff te sich der Einundzwanzigjährige ein und hatte nach einigen Wochen die spanische Küste schon fast erreicht - wie er selbst in dem erst über 100 Jahre später, 1845 in Arnstadt gedruckten Büchlein Der Türkensklave berichtet -, als »plötzlich zum Schrecken der ganzen Schi ff smannschaft ein algerischer Seeräuber von 36 Kanonen auf die Seefahrer stieß«. Im Handumdrehen brachten die Korsaren das Segelschi ff in ihre Gewalt. Die gesamte Mannschaft und alle Reisenden an Bord wurden in die Sklaverei geführt. Für den jungen Mann aus Geschwenda begann eine leidvolle Odyssee, die ihn nach Algier, Smyrna und Istanbul führen sollte. Erst sieben Jahre später konnte er in seine Heimat zurückkehren.
Was Fürneisen geschah, wurde drei Jahrhunderte lang - von der Zeit Martin Luthers bis nach dem Ende der Herrschaft Napoleons - zum Schicksal von Abertausenden Menschen, die auf ihren Schi ff en oder aus ihren Dörfern von Korsaren entführt und in die Sklaverei verkauft wurden. Korsaren kreuzten im gesamten Mittelmeer und verschonten keine Küste. Als hätte ihnen das nicht genügt, bedrohten muslimische Freibeuter in diesen Jahrzehnten selbst die Küsten der Britischen Inseln und drangen im Jahr 1627 sogar bis nach Island vor, um dort auf Sklavenjagd zu gehen. Für ihre Opfer und die Chronisten waren diese Männer schlicht Piraten, Seeräuber, Gesetzlose ohne jeden Skrupel, und was sie taten ein verdammungswürdiges Verbrechen. Objektiv betrachtet aber waren ihre Taten - das Aufbringen gegnerischer Schi ff e und die Landung an feindlichen Küsten - nicht als Akte der Piraterie und gemeiner Seeraub zu bezeichnen, sondern als Kaperei. Nach dem italienischen Wort corso , das in diesem Zusammenhang soviel bedeutet wie »Fahrt« und eben Beute- oder Kaperfahrt, bezeichnete man diese Freibeuter im Mittelmeerraum als Korsaren.
Zwischen einem Piraten und einem Korsar aber bestand - zumindest in der Theorie - ein eindeutiger Unterschied, auch wenn dieser Unterschied im konkreten Fall nicht immer klar zu erkennen sein mochte. Ein Korsar handelte mit Zustimmung und manchmal sogar im Auftrag eines Staates. Er bewegte sich im Rahmen der Gesetze sowohl seines eigenen Landes als auch des Völkerrechts. Ein Pirat ging in der Sache zwar demselben Geschäft nach wie ein Korsar: Er kaperte fremde Schi ff e, um Menschen und Ladung in seine Gewalt zu bringen, oder unternahm Plünderzüge an der Küste, aber - und hier liegt der Unterschied - ohne dazu von irgendeiner Regierung ermächtigt zu sein und ohne sich an Regeln und Gesetze zu halten. Für einen Piraten galten keinerlei Beschränkungen, auch die Schi ff e seines eigenen Landes waren vor ihm nicht sicher. Ein Pirat war im Wortsinne ein Gesetzloser.
Anders der Korsar: Nachdem staatliche Stellen seine Befähigung überprüft und die Eignung seines Schi ff es festgestellt hatten, erhielt er einen sogenannten Kaperbrief und damit die o ffi zielle Erlaubnis zur Freibeuterei. Im Gegenzug verpflichtete er sich, Schi ff e und Territorien befreundeter oder solcher Staaten, mit denen entsprechende Abkommen bestanden, unbehelligt zu lassen. Außerdem musste er einen festgelegten Anteil aus dem Verkaufs erlös der Beute abführen.
Natürlich kam es oft vor, dass ein Korsar Schi ff e befreundeter Länder angri ff oder sonstwie die Regeln übertrat, zu deren Einhaltung er sich verpflichtet hatte. In diesem Fall wurde aus ihm ein gewöhnlicher Pirat, und er konnte als solcher bestraft werden. Besonders wo es um historisch weit zurückliegende oder nur unzureichend dokumentierte Ereignisse geht, ist es also nicht immer einfach zu entscheiden, ob man es mit Korsaren oder Piraten zu tun hat.
Wenn in den Quellen und Geschichtsbüchern von Korsaren im Mittelmeer die Rede ist, sind damit in der Regel die muslimischen Barbaresken gemeint, und tatsächlich stachen die meisten Kaperfahrer von nordafrikanischen Häfen aus in See. Weniger bekannt ist jedoch, dass auch Korsaren unter christlicher Flagge das Mittelmeer befuhren. Ihre Heimathäfen lagen auf Sizilien, Sardinien und Korsika, auf den Balearen und auf Malta oder an der Küste des Tyrrhenischen Meeres, und ihr Treiben unterschied sich in nichts von dem der Barbaresken: Sie brachten gegnerische Handelsschi ff e auf (auch wenn die Muslime im Mittelmeerraum nur in sehr begrenztem Umfang eine eigene Handelsschi ff ahrt betrieben), raubten die Waren und nahmen die Menschen an Bord gefangen. Nicht anders als die muslimischen Korsaren landeten sie an den feindlichen Küsten, um Siedlungen zu plündern und auf Sklavenjagd zu gehen, indem sie die Bewohner mit Wa ff engewalt verschleppten oder mit List und Tücke auf ihre Schi ff e lockten. Auch hiervon wird in diesem Buch ausführlich die Rede sein.
Unter der Überschrift »Von den christlichen und mohammedanischen Korsaren« erschien im Jahr 1787 in der von Heinrich Christian Boie herausgegebenen Zeitschrift Deutsches Museum - wo zur selben Zeit auch die Philosophie Immanuel Kants diskutiert wurde - ein Artikel, der dafür plädiert, Barbaresken und christliche Kaperfahrer mit demselben Maß zu messen, weil sie demselben Gewerbe nachgingen. Verfasser war der bekannte deutsche Orientreisende und Arabienkenner Carsten Niebuhr. Er bezog sich nicht nur auf private Kaperfahrer, sondern vor allem auch auf die damals noch sehr aktiven Johanniterritter auf Malta. Die Barbareskenstaaten, so Niebuhr, »sind den Mohammedanern das gewesen, was die Insel Malta den Christen gewesen ist«. Und deshalb solle man sich nicht wundern, so Niebuhr weiter, wenn die Muslime von den Malteserrittern - und, so ließe sich ergänzen, von allen Flotten unter christlicher Flagge, mit denen sie es zu tun bekamen - dieselben schrecklichen Dinge erzählten oder zumindest dächten wie die Europäer von den gefürchteten Barbareskenkorsaren.
Im 19 . Jahrhundert, der Epoche des europäischen Kolonialismus auch in Nordafrika, bis in die Mitte des 20 . Jahrhunderts galt es als ausgemacht, dass nur Muslime, also Türken und Maghrebiner, mit ihrer Freibeuterei Seefahrt und freien Handel auf dem Mittelmeer bedroht hatten. Erst in den letzten Jahrzehnten ist diese einseitige Darstellungsweise einer di ff erenzierten Sicht gewichen, die auch die Rolle der Kaperfahrer unter christlicher Flagge nicht unter den Teppich kehrt.
Am stärksten waren die Menschen an den Küsten des Mittelmeers, Christen wie Muslime, von den Übergri ff en der Korsaren betro ff en und damit von der Gefahr, gefangen genommen und als Sklave verkauft oder auf die Galeeren geschmiedet zu werden. Es gab aber auch Bewohner entfernterer europäischer Regionen - Deutsche und Österreicher, Niederländer, Engländer, ja sogar Skandinavier und Polen -, die dieses Schicksal ereilte. Wie Hans Nicol Fürn eisen fielen sie auf See in die Hände von Korsaren oder gerieten auf den Schlachtfeldern des Balkans in Gefangenschaft. Unter den Christensklaven waren einfache Seeleute und Pilger, Soldaten, O ffi ziere und Adlige. Einige von ihnen traten zum Islam über und wurden selbst Korsarenkapitäne; oft halfen ihnen dann ihre Kenntnisse fremder Meere, Handelsrouten und Landstriche.
Auch im übrigen Europa erfuhr man durch die Berichte von Handels- und Flottenkapitänen, die das Mittelmeer befuhren, aber auch aus den Erzählungen ehemaliger Sklaven oder den Schilderungen von Emissären, die zum Sklavenloskauf an die nordafrikanische Küste gereist waren, vom Los der Christensklaven. Man kannte die Gefahren, die auf dem Mittelmeer und an seinen Küsten lauern konnten, die Aktivitäten der christlichen Kaperfahrer und Ordenskorsaren nicht ausgenommen.
Mancher deutsche Italienreisende auf seiner Kavalierstour in den Süden wurde Zeuge der Schattenseiten des Korsarenwesens. So berichtet Johann Caspar Goethe in seiner Reise durch Italien im Jahr 1740 aus Livorno, dem Haupthafen der toskanischen Stephansritter und Heimathafen vieler Privatkaper:
Ein fremder Reisender wird sich die Bagni nicht entgehen lassen. Das ist ein abgesperrter Ort, an dem die Sklaven und Galeerensträflinge, die tagsüber in der Stadt ihr Brot verdienen dürfen, eingeschlossen werden.
Die »türkische Moschee« - ein einfacher Saal, in dem sich die muslimischen Sklaven zum Gebet und zur Predigt des Imam versammelten - wurde dem deutschen Reisenden, wie vielen anderen vor ihm, jedoch nicht aufgeschlossen.
Auch als Goethes Sohn Johann Wolfgang mehr als ein Vierteljahrhundert später die italienische Halbinsel und Sizilien bereiste, kam er mit einem Phänomen in Berührung, das indirekt eine Folge des Korsarentums war: den Stiftungen und Kollekten zum Sklavenfreikauf. Unter dem Datum des 12 . April 1787 vermerkt der junge Goethe in seinem Reisetagebuch, er habe auf den Straßen von Palermo einen »langen, hageren Herrn« gesehen,
welcher in der Straßenmitte, hofmäßig gekleidet, anständig und gelassen über den Mist einherschritt. Frisiert und gepudert, den Hut unter dem Arm, in seidenem Gewand, den Degen an der Seite, ein nettes Fußwerk mit Steinschnallen geziert; so trat der Bejahrte ernst und ruhig einher; aller Augen waren auf ihn gerichtet.
Auf seine Frage, wen er dort vor sich habe, erhielt Goethe folgende Antwort:
Das ist der Prinz Palagonia, [...] welcher von Zeit zu Zeit durch die Stadt geht und für die in der Barbarei gefangenen Sklaven ein Lösegeld zusammenheischt. Zwar beträgt dieses Einsammelns niemals viel, aber des Gegenstandes bleibt doch im Angedenken und oft vermachen diejenigen, welche bei Lebzeiten zurückhielten, schöne Summen zu diesem Zweck.
War für Niebuhr oder Goethe Vater und Sohn das Wissen um Korsaren, Barbaresken und die Rolle der Kaperei für das Alltagsleben der Mittelmeerländer noch ein lebendiger Begri ff , verblasste im 19 . und 20 . Jahrhundert die Erinnerung an dieses Kapitel der Geschichte der Mittelmeerwelt zunehmend. Und auch wenn die Ereignisse, die Grundlage von Rossinis Oper Die Italienerin in Algier waren, zum Zeitpunkt der Urau ff ührung im Jahr 1808 erst wenige Jahre zurücklagen, wirkten sie für das europäische Publikum bald ebenso fern und exotisch wie Mozarts Entführung aus dem Serail.
Dennoch markiert die Epoche des Korsarentums eine Zeit erbitterter Auseinandersetzung im Verhältnis von Europäern und Muslimen. Gerade die Forschungen der letzten Jahrzehnte zeigen aber auch, dass die konkrete Alltagssituation auf beiden Seiten des Mittelländischen Meeres gar nicht so verschieden war, wie die historische Entgegensetzung vielleicht vermuten lässt. Überdies stellten die Kontakte und Vereinbarungen, die sich aus der Kaperei und dem Sklavenfreikauf ergaben, ein wichtiges Feld der Begegnung und Annäherung für beide Seiten dar.
Außer in der Literatur und Geschichtsschreibung hat die Korsarenzeit auch im Landschaftsbild der mediterranen Welt sichtbare Spuren hinterlassen. Noch heute erinnern zahllose Türme, die seit dem 16 . Jahrhundert zur Abwehr der Barbaresken entlang der europäischen Mittelmeerküste errichtet wurden und die oft auf die Sarazenentürme des Mittelalters zurückgehen, an die Jahrhunderte, als Korsaren und Seeräuber eine ständige Gefahr für Küstenbewohner, Seefahrer und Reisende darstellten.
Die Piraterie im Mittelmeer reicht weit in die Geschichte zurück. Die Landschafts- und Küstenformen, aber auch die Lebens- und Handelsgewohnheiten des mediterranen Raums spielten hier eine entscheidende Rolle. Die Bewohner der zwischen Meer und Gebirge eingeschlossenen Küstenregionen waren gezwungen, die spärlichen Erträge ihrer engbegrenzten Anbauflächen durch zusätzliche Formen der Ressourcenbescha ff ung zu ergänzen. Piraterie war eine davon. Allen Risiken zum Trotz ließ sich nämlich der Transport von Menschen und Waren zur See oder auf Flüssen sehr viel einfacher vornehmen als auf dem Landweg. Außerdem kon zentrierte sich die Schi ff ahrt auf die Monate im Jahr, in denen Wind und Witterung eine sichere Seefahrt auf dem Mittelmeer zuließen. Von all diesen Faktoren profitierten auch Seeräuber und Korsaren. Ihnen boten die zahlreichen Buchten und Inselgruppen des Mittelmeers und seiner Küste zudem ideale Hinterhalte, sichere Rückzugsorte und die nötigen Süßwasservorräte.
Schon im 1 . Jahrtausend v. Chr. betrieben die Völker des östlichen Mittelmeerraums systematischen Seeraub. Die Griechen stellten den Phöniziern nach, die ihrerseits schon bei Homer als Seeräuber bezeichnet werden; später waren es die Kreter, die Jagd auf die Schi ff e der Ägypter machten. Im westlichen Mittelmeer galten die Etrusker als gefürchtete Piraten, die griechischen und karthagischen Schi ff en auflauerten, wenn diese sich bis vor die Tyrrhenische Küste wagten.
Der bekannteste Seeräuber der Antike war Polykrates, der um 540 zum Herrscher von Samos aufstieg und eine Flotte von über 100 Schi ff en unterhielt, mit deren Hilfe er die gesamte Ägäis und die kleinasiatische Küste kontrollierte. Mit den Schätzen, die er auf seinen zahlreichen Raubzügen erbeutet hatte, und den Tributleistungen der Städte, die sich auf diese Weise Schonung erkauften, unterhielt Polykrates auf Samos einen prächtigen Hof, und die dort versammelten Architekten, Bildhauer, Maler und Dichter verhalfen der Residenz des Piratenkönigs zu großem Glanz. Doch wie viele Seeräuber vor ihm und nach ihm ereilte Polykrates ein unrühmliches Ende: Im Jahr 522 lockten ihn die Perser in einen Hinterhalt, nahmen ihn gefangen und schlugen ihn ans Kreuz.
Auch die Römer mussten auf ihrem Weg zur Herrschaft über das Mittelmeer, das Mare Nostrum, wie sie es nannten, mehrfach dem Piratenunwesen entgegentreten. Die von ihnen unterworfenen Griechen und Karthager sahen den Seeraub als eine Art Rache für die erlittene Schmach an, und die Schi ff e der Piraten waren eine Bedrohung für die Getreideversorgung, der die Römer immer wieder Herr zu werden versuchten. Julius Cäsar führte als junger Mann Krieg gegen die Piraten der kilikischen Küste und geriet später sogar bei ihnen in Gefangenschaft. Schließlich setzte Cäsars späterer Widersacher Pompejus der Seeräuberplage ein Ende und stellte die Sicherheit der Schi ff ahrt in beiden Teilen des Mittelmeers wieder her.
Um die Mitte des 7 . Jahrhunderts n. Chr. war es mit dieser Sicherheit für die mittelmeerische Seeschi ff ahrt wieder vorbei. Die Ausbreitung des Islam in den Ländern an der Südküste des Mittelmeerbeckens führte dazu, dass der Dschihad, der Heilige Krieg gegen die Ungläubigen, auch mit den Mitteln des Korsarentums geführt wurde. Handel und Austausch im mittelmeerischen Raum wurden dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen, und immer weniger Güter und Händler waren auf dem Mittelmeer unterwegs. Die Muslime oder Sarazenen, wie sie im Mittelalter genannt wurden, dehnten ihre Raubzüge, die zu Wasser nicht mehr genug Beute einbrachten (was wiederum eine Folge des Rückgangs der Handels tätig keit aufgrund der Piratengefahr darstellte), auf die Küsten aus. Zu diesem Zweck richteten sie an einigen Ankerplätzen Süditaliens, Liguriens und der Provence feste Stützpunkte ein, von denen sie ins Landesinnere vordrangen und dabei bis an den Fuß der Alpen gelangten.
Gegen Ende des 9 . Jahrhunderts ließen sich muslimische Freibeuter in der Gegend von Saint-Tropez nieder und machten den Küstenort Frassinet zum befestigten Vorposten, von dem aus sie für mehr als ein Jahrhundert lang ins Landesinnere vorstoßen und Marseille, Toulon, Nizza und andere Städte an der südfranzösischen Küste bedrohen konnten. Erst 972 gelang es einer Allianz aus einheimischen und byzantinischen Truppen, das Piratennest auszuheben. Seit 827 stand Sizilien unter arabischer Herrschaft. Von hier aus gründeten die Sarazenen eine wichtige Operations basis an der Mündung des Flusses Garigliano bei Minturno, an der Küste des Tyrrhenischen Meeres zwischen Terracina und Neapel. Von nordafrikanischen Häfen aus gri ff en sarazenische Freibeuter im Jahr 934/935 schließlich auch Genua und die ligurischen Küstenstädte an. 1015 überfiel Mudschahid, maurischer Herrscher von Denia an der spanischen Küste, Sardinien und brachte die Insel für einige Monate unter seine Herrschaft. Anfang des 10 . Jahrhunderts setzte die langsame, aber unaufhaltsame Rückeroberung des Mittelmeers aus den Händen der Sarazenen ein, in deren Gefolge die europäische Herrschaft über das Mittelmeer bis zum 15 . Jahrhundert Bestand hatte. Die entscheidende Wende in diesem Prozess wurde mit der Aufnahme des Korsarenkriegs durch christliche Seefahrer am Übergang vom 12 . zum 13 . Jahrhundert eingeleitet. [...]
Klett-Cotta Mit einem Vorwort von Ekkehard Eickhoff, aus dem Italienischen von Achim Wurm (Orig.: Corsari nel Mediterraneo)
1. Aufl. 2009, 336 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 16 Seiten Farbtafeln
ISBN: 978-3-608-94378-8
autor_portrait

Salvatore Bono

Salvatore Bono, geboren 1932 in Tripolis, ist Professor für die Geschichte und Institutionen der asiatisch-afrikanischen Welt am Institut für...



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