Römer im Schatten der Geschichte

Gladiatoren, Prostituierte, Soldaten: Männer und Frauen im Römischen Reich
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Die Geschichte der Bewohner des Römischen Reiches, die nicht zu den Reichen und Superreichen gehörten

Robert Knapp holt römische »Durchschnittsbürger« und Menschen vom unteren Rand der Gesellschaft aus dem Schatten der Geschichte. Meisterhaft erzählt, revidiert er dabei zahlreiche Urteile, die die Geschichtsschreibung bis heute etwa von Cicero oder Tacitus übernommen hat.

Das Bild, das die römische Elite von ihrer Gesellschaft zeichnete und das die Geschichte bis heute fortschreibt, hatte mit der Wirklichkeit der meisten Einwohner des Römischen Reiches sehr wenig zu tun. Denn die Quellen für dieses Geschichtsbild entstammen sämtlich der Oberschicht, die nur 0,5 Prozent der Gesamtbevölkerung im Römischen Reich ausmachte, aber etwa 80 Prozent des Vermögens besaß. Die restlichen 99,5 Prozent - um Christi Geburt geschätzt etwa 50 bis 60 Millionen Einwohner - sind von der Geschichte vergessen. In neun Kapiteln zeichnet der Autor ein Bild vom Leben, Arbeiten und Sterben dieser Männer und Frauen: Arme Bürger und einfache Leute, Sklaven, Freigelassene und Soldaten, Prostituierte, Gladiatoren, Banditen und Piraten.

Sozial- und Alltagsgeschichte der Antike in neuem Licht
Revidiert das gängige oberschichtenzentrierte Geschichtsbild!

»Eines der besten Bücher zur römischen Sozialgeschichte: Robert Knapp bringt die Quellen zum Sprechen.«  T. Corey Brennan, American Academy, Rom

Inhaltsverzeichnis

Einführung: Der Blick in den Schatten 7

1 In der Mitte: Gewöhnliche Männer 11
2 Ein eigenes Leben: Gewöhnliche Frauen 65
3 Kampf ums Überleben: Die Armen 113
4 Ein Dasein in Knechtschaft:Sklaven 143
5 Nach der Sklaverei:Freigelassene 193
6 Ein Leben in Waffen:Soldaten 221
7 Käufliche Liebe:Prostituierte 266
8 Ruhm und Tod:Gladiatoren 298
9 Jenseits des Gesetzes: Banditen und Piraten 326
Ausklang 354

Anhang
Nachbemerkung zu den Quellen 356
Glossar zu den antiken Autoren und Quellengattungen 365
Dank 371
Quellen- und Literaturverzeichnis 372
Auswahlbibliographie 378
Bildnachweis 387
Register 390



Leseprobe

Einführung: Der Blick in den Schatten

Dieses Buch beschäftigt sich mit Menschen, die von der Geschichte vergessen wurden. Ich versuche aufzuhellen und zu verstehen, wie das Leben der breiten Bevölkerungsschichten aussah, die in den ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, von der Zeit des Augustus bis zur Thronbesteigung durch Konstantin, in Rom und seinem Reich beheimatet waren. »Vieles in der Geschichte Griechenlands und Roms«, schreibt der britische Althistoriker Michael Crawford, »ist uns ganz einfach unzugänglich.« Zeugnisse liegen nur lückenhaft vor und sind oft schwer zu deuten. Unter den Wissenschaftlern wird lebhaft darüber gestritten, wie weit sich die römische Welt erschließen lässt. Unsere Welt, die Welt des 21. Jahrhunderts, unterscheidet sich in zahllosen Aspekten von der des alten Rom, nicht zuletzt in unseren Einstellungen und Erwartungen. Angesichts der geringen Zahl erhaltener Zeugnisse aus dem römischen Alltagsleben will es allmählich so scheinen, als blieben die gewöhnlichen Römer unseren Augen in ihrer Unsichtbarkeit unwiederbringlich entzogen.
Doch brauchen wir nicht zu verzweifeln. Die Zeugnisse eines bestimmten Zeitabschnitts lassen sich durch sorgfältige Nutzung von Quellen aus der vorausgehenden und nachfolgenden Zeit ergänzen. Ältere Kulturen waren beständiger als die unsere. Die Fortdauer der Agrarkultur und -wirtschaft in der alten Welt lässt vermuten, dass sich die Menschen dieser Zeit in ihrem Verhalten sehr ähnlich waren, nicht aufgrund von Kontakten und Gemeinsamkeiten, sondern weil sie dieselben Überlebenskämpfe ausfochten. Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht nicht nur die Stadt Rom, sondern die gesamte römische Welt. Man könnte meinen, der römische Charakter sei in den lateinisch sprechenden Teilen dieser Welt stärker ausgeprägt gewesen als in Gegenden, in denen andere Sprachen dominierten, eine Annahme, für die jedoch weder die Quellenlage noch die Logik spricht. Wir besitzen eine größere Zahl nützlicher Zeugnisse aus dem überwiegend griechischsprachigen Teil des Kaiserreichs, vor allem aus Ägypten. Sie enthalten nicht nur aufschlussreiche Beobachtungen über das Landleben, sondern befassen sich (wie auch wir es tun werden) zu großen Teilen mit dem Leben der Stadtbewohner. Die Erfahrungen des Lebens in Groß- oder Provinzstädten, die oft nach römischem Muster gegründet und regiert wurden, führte zu zahlreichen Übereinstimmungen in Denk- und Verhaltensweisen. Damit soll weder die kulturelle Vielfalt des Reiches geleugnet noch behauptet werden, dass nun jeder auf ebendiese Weise dachte und agierte. Doch die Ähnlichkeiten in Anschauungen und Verhalten lassen es sinnvoll erscheinen, alle uns zur Verfügung stehenden Quellen zu nutzen, solange unsere Fragen sorgfältig gestellt und unsere Antworten kritischer Prüfung unterzogen werden.

Über die Schwierigkeiten von Raum und Zeit hinaus konfrontieren uns die Quellen mit einem zusätzlichen Problem: Was erhalten ist, wurde im Allgemeinen von den Reichen und Mächtigen selbst oder für sie geschaffen und blendet das Tun und Denken der übrigen Schichten aus. Der der Oberschicht angehörende Historiker Ammian hat diesen Umstand gegenüber den Kritikern historischer Darstellungen wie folgt gerechtfertigt:

Sie fühlen sich gekränkt, wenn man übergeht, was der Kaiser während der Tafel gesprochen hat, oder ausläßt, aus welchem Grund einfache Soldaten bei den Fahnen bestraft worden sind, oder weil man … über kleine Kastelle nicht hätte schweigen dürfen … Ähnliche Vorwürfe gibt es noch viele, aber sie widersprechen den Gesetzen der Geschichtsschreibung, die gewöhnlich nur die Höhepunkte der Ereignisse beschreibt, nicht aber den Kleinigkeiten niederer Sphären nachspürt. Denn wenn jemand diese erforschen wollte, könnte er die Hoffnung hegen, daß sich auch jene unteilbaren Körperchen, die im leeren Raum schweben und die wir Griechen Atome nennen, zählen ließen. (Res gestae Römische Geschichte 26,1,1)

So steht es dem Historiker frei, Schwierigkeiten weitestgehend auszuschalten, wenn er schildert, was die römische Elite interessierte – Politik und Kriege, Themen wie die Schaffung und Durchsetzung von Gesetzen, Philosophie, Kunst sowie die Verteidigung einer Sozialstruktur, die ihr selbst den höchsten Platz zuwies. Jährlich erscheinen zahlreiche Bücher zu diesen Themen, aber die Quellen, das Herzensanliegen der Historiker, tragen mehr zur Verdunkelung als zur Klärung dessen bei, worauf wir hier aus sind. Antike Quellen liegen in zweierlei Form vor: Sie sind entweder als solche oder beiläufig entstanden. Erstere sind für unseren Zweck in der Regel irrelevant, doch Letztere können entscheidend sein. Es kommt immer wieder vor, dass ein Autor der Oberschicht zum Beispiel bei der Darstellung der römischen Expansionskriege hie und da kontextuelle Details und Informationsschnipsel einfügt, die in Kombination mit anderen Zeugnissen ansatzweise ein Bild der normalen Bevölkerung entstehen lassen. Eine direkte Stimme haben die Erfahrungen dieser gewöhnlichen Menschen in den erhaltenen römischen Geschichtswerken nicht. Gelegentlich ist es aber möglich, Einsichten in das Leben der Unsichtbaren selbst dort zu gewinnen, wo dies nicht beabsichtigt war, und diese Erkenntnisse durch Blickpunkte und Zeugnisse aus verschiedenen anderen Quellen zu erweitern.

Ich suchte nach einem Begriff, der die demographische Gruppe umfasst, die das Thema meines Buches ist, und möchte sie die »gewöhnlichen Menschen« nennen, eine Definition, die sie von der Elite unterscheidet und andererseits offen bleibt für die ganze Vielfalt ihrer Existenz – Wohlhabende und wenig Begüterte bis hin zu den ausgesprochen Armen, Männer und Frauen, Sklaven und Freie, Gesetzestreue und Banditen. Die Welt dieser gewöhnlichen Leute wurde beherrscht von einer winzigen, auf Machterhalt bedachten Oberschicht, begrenzt und definiert durch Reichtum, Tradition, Abstammung und politischen Einfluss. Die Angehörigen der Oberschicht ordneten sich selbst einem von drei Ständen oder ordines zu: Der Stand der Senatoren war der sozial und politisch höchstrangige, wenn auch nicht unbedingt der reichste. Der Ritterstand war mehr auf den Erwerb von Vermögen als auf Macht und Rang der Senatoren aus. Der Stand der Dekurionen verwaltete die Groß- und die Provinzstädte des Reiches und entsprach der Kategorie der Senatoren und Ritter Roms. Diese Männer waren meist weniger wohlhabend als die Angehörigen des Senatoren- und Ritterstands, obwohl lokale Dekurionen manchmal auch Ritter waren. Zusammen umfassten die drei Stände nicht mehr als 100 000 bis 200 000 Mitglieder, weniger als ein halbes Prozent der Bevölkerung des Reiches von 50 bis 60 Millionen. Unter ihnen zählten nur die Männer, etwa 40 000 an der Zahl, und damit kam, da das Imperium Romanum zu dieser Zeit rund 6,5 Millionen Quadratkilometer umfasste, durchschnittlich ein erwachsenes männliches Mitglied der Oberschicht auf etwa 155 Quadratkilometer. Da die Eliten sich in Rom konzentrierten, war der Anteil andernorts noch geringer. Doch diese verschwindend kleine Zahl weit verstreuter Repräsentanten dieser Schicht hatte fast alles in ihrer Gewalt. Obwohl sie für das vorliegende Projekt nicht unmittelbar von Bedeutung sind, darf man ihren Einfluss auf die übrigen 99,5 Prozent nicht aus den Augen verlieren.

In den folgenden Kapiteln werden die von der Geschichte vergessenen Bewohner des römischen Kaiserreichs in verschiedene Gruppen eingeteilt, die einander mehr oder weniger ausschließen. So gibt es separate Kapitel über gewöhnliche Männer und Soldaten und über gewöhnliche Frauen und Prostituierte. Das Ziel wird sein, soweit möglich Zugang zum Denken dieser verschiedenen Menschen zu finden: Welche Anschauungen und Erwartungen hatten sie? Welche Ängste plagten sie und von welchen Hoffnungen ließen sie sich leiten? Der amerikanische Althistoriker David Potter schreibt: »Es kann keine allgemeingültige Definition der Geschichte oder des historischen Prozesses geben, die nicht auch die letztlich subjektive Auswahl sowohl der Zeugnisse als auch der Darstellung berücksichtigte.« Ich treffe Entscheidungen und fälle Werturteile, wenn ich in diesem Buch verschiedenartige Fäden zum Teppich des Lebensalltags der unsichtbaren Römer verknüpfe. Eine lesbare und aufschlussreiche Darstellung der missachteten Mehrheit zu schaffen war ein reizvolles Unternehmen, und ich hoffe, dass Leserinnen und Leser an dem Ergebnis ihr Vergnügen haben – an dem Blick auf die Menschen im Schatten der Geschichte, die endlich sichtbar sind.


1 In der Mitte: Gewöhnliche Männer

Den überwiegenden Teil der Literatur und herausragenden materiellen Kultur, die wir gemeinhin die »römische« nennen, haben Kaiser, Senatoren und Ritter sowie die lokalen Gruppen der Magistrate, städtischen Räte und Priester des Römischen Reiches – mithin die Elite – geschaffen. Daraus ergibt sich, dass dort, wo »Römisches« zum Thema wird, der Beschreibung der römischen Gesamtbevölkerung in aller Regel die Geisteswelt und Kultur der Oberschicht zugrunde gelegt wird, etwa wenn man von »römischer Zivilisation« oder vom »Verhältnis der Römer zu Frauen« spricht oder schreibt. Von dieser Gepflogenheit weiche ich hier ab und richte meine Aufmerksamkeit stattdessen auf die normale Bevölkerung, auf die gewöhnlichen Menschen, die in der sozialen Pyramide unterhalb der Hochgestellten, und für diese im Allgemeinen unsichtbar, ihren Platz haben. Unter den gewöhnlichen Menschen verstehe ich jeden Freien unterhalb der Oberschicht und über dem mittellosen Tagelöhner oder Bauern. Ihre Anschauung vom Leben, mit ihren Augen betrachtet, gibt ein reiches Mosaik an Denk- und Handlungsweisen zu erkennen, vollzieht sich ihr Leben doch außerhalb des beschränkten Blickwinkels der aristokratischen Zirkel des Reiches. Ist ihre geistige Welt in gewissen elementaren Belangen auch dieselbe wie die der Elite, da beide letztlich Teil derselben Kultur waren, so lassen ihre Anschauungen und Einstellungen doch signifikante Unterschiede erkennen. An der Spitze der sozioökonomischen Pyramide stand die Elite des Reiches. Das Qualifikationskriterium war das Vermögen: 400 000 Sesterzen für den Ritter, über eine Million Sesterzen für den Senator. Unter den geschätzten 50 bis 60 Millionen Menschen im Römischen Reich gab es vielleicht 5000 erwachsene Männer, die einen so immensen Reichtum besaßen. Unter ihnen, aber meist weit darunter, stand die Elite der Provinzstädte. Nimmt man für jede der 250 oder 300 Kleinstädte, deren Größe über die eines Dorfes hinausging, im Schnitt 100 oder 125 männliche Erwachsene an, kommt man auf weitere 30 000 bis 35 000 sehr wohlhabende Personen. Die steile sozioökonomische Stufung der römischen Welt hatte zur Folge, dass sich wahrscheinlich 80 Prozent oder mehr des Gesamtvermögens in den Händen der Elite befanden. Die Römer selbst drückten diesen scharfen Bruch zwischen Elite und Nicht-Elite im sozioökonomischen Bereich sprachlich aus: Die Schwerreichen nannten sie honestiores (die Ehrenwerteren), den Rest der Freien humiliores (die Geringeren). Dieser »Rest« umfasste 99,5 Prozent der Bevölkerung.

Unterhalb der Schwerreichen gab es auf der sozialen Leiter eine ansehnliche Zahl von Personen, die verglichen mit den sehr Vermögenden über weit weniger Mittel verfügten, Mittel allerdings, die am unteren Ende mit einiger Sicherheit das tägliche Brot garantierten und am oberen Ende zu einem Lebensstil verhalfen, der ausreichend Muße erlaubte, um soziale, politische und kulturelle Interessen zu verfolgen. Dazu gehörten die kleineren Landbesitzer, die Kaufleute und Handwerker, erfolgreiche Soldaten und die von diesen Gruppen und der Oberschicht Finanzierten (Lehrer, Ärzte, Architekten u. a.). Diese Männer und ihre Familien machten vielleicht 25 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Neben relativ gesicherten Ressourcen verbindet diese Normalbürger eine weitere Besonderheit: Sie alle, ob Kaufleute oder Handwerker oder wohlhabende Bauern, schätzen die Arbeit. Das führt zu einer Konvergenz der Anschauungen auch dann, wenn sich das tatsächliche Vermögen und die Beschäftigung der Einzelnen stark unterscheiden. Um diese Menschen geht es mir im Folgenden. Ihre geistige Welt möchte ich erfassen.

Soziale Einstellungen

Zeichen der Hierarchie und sozialen Stellung waren allgegenwärtig. Die Summe von 10 000 Denaren zum Beispiel, eine Stiftung des Manius Megonius Leo, Bürger der italischen Stadt Petelia (heute Strongoli), sollte investiert und der Ertrag abgestuft verteilt werden: 450 Denare des Jahresertrags wurden für die Feier seines Geburtstags ausgegeben. Mit 300 Denaren finanzierte man ein Bankett, allerdings nur für die lokale Elite, die Dekurionen. Was nach Abzug der Bankettkosten blieb, wurde in bar unter die anwesenden Dekurionen verteilt. Weitere 150 Denare waren für ein Bankett zu Ehren der Augustales bestimmt, der zur Elite zählenden Priestergruppe aus vermögenden Freigelassenen, und was übrig blieb, ging an die anwesenden Augustales. Schließlich erhielten noch jeder Bürger und seine Ehefrau einen Denar, eine Summe, die dem gut berechneten Tageslohn eines Arbeiters entsprach; ein Bankett war nicht vorgesehen (ILS 6468). Schenkungen dieser Art machten die soziale Hier archie besonders sichtbar, ebenso wie die abgestufte Sitzordnung in den Amphitheatern. Das Leben in einer unverrückbar stratifizierten Welt bewirkte bei den Mittelständlern eine der Grundeinstellungen, die ein solches Dasein prägen: Behandle Gleiche als Gleiche; die unter dir Stehenden nutze, wenn möglich, aus; den über dir Stehenden beuge dich immer. Der Sinn des Einzelnen war darauf gerichtet, einer sei es physischen oder psychischen Verletzung zu entgehen, anderen hingegen Verletzungen zuzufügen – in römischen Begriffen: Man verteidigte seine Ehre und Stellung, indem man die Ehre und Stellung anderer beschnitt und zugleich die eigene vor einer Schmälerung durch die, welche als niedrig Gestellte galten, zu schützen suchte. Unterwerfung unter einen Geringeren oder Anpassung an eine Gruppe unter dem eigenen Stand (z. B. Sklaven) war, ob gedacht oder getan, für den Höherrangigen ein Bild des Schreckens. Die Stellung der offensichtlich Höherrangigen (Elite) und der offensichtlich Inferioren (Sklaven) war klarer definiert als die des Normalbürgers, in dessen Gruppe Macht und Status kolossale Unterschiede aufwiesen. Doch fehlten klare Merkmale einer »legitimen« Unterordnung oder Vorrangstellung, so dass gerade diese Welt intensiv von Ehrverletzungen, Feindseligkeiten und Rivalitäten geprägt war.

Hierarchisches Denken drückt der Vorstellungswelt jeder sozialen Gruppe seinen Stempel auf, indem es bestimmte Erwartungen und Stereotypen schafft. Die normalen Bürger waren keine Ausnahme. Wissenschaftler haben fünf der meist verbreiteten Vorurteile ausgemacht: gegen Freigelassene, gegen die Armen, gegen Kaufleute und gegen die Arbeit. Es lohnt sich, jedes davon mit dem geistigen Auge normaler Bürger zu prüfen.

Frei geboren zu sein war der grundsätzlich bevorzugte Status; er brachte keine rechtlichen Verpflichtungen und keine der Einschränkungen mit sich, wie sie Sklaverei und Freilassung auferlegten. Die große Mehrheit der freien Bevölkerung bestand zu allen Zeiten aus Freigeborenen, denn der rechtliche Status der Freigelassenen war mit deren Generation erloschen. Es ist klar, dass die Elite den Freigelassenen, die den Anspruch erhoben, sich ihres sozialen oder ökonomischen Kapitals zu bemächtigen, starke Vorurteile entgegenbrachte. Für die verbreitete Annahme, dass die Voreingenommenheit der Elite gegenüber den Freigelassenen in allen Segmenten der frei geborenen Gesellschaft verbreitet war, gibt es allerdings nur wenig Beweise. Das Thema kommt im Kapitel über die Freigelassenen ausführlich zur Sprache. Doch das Vorurteil gegenüber den Armen war zweifellos real. Das Graffito auf einer Wand in Pompeji fasst es zusammen:

Ich verabscheue die Armen! Wer auch immer etwas umsonst erbittet, ist ein Holzkopf. Erst zahlen, dann kriegt er die Ware. (CIL IV 9839 b/Hunink, Nr. 113)

Auch der neutestamentliche Jakobusbrief weist unzweideutig auf das Bestehen dieses Vorurteils hin, und sein Autor stellt es im Kontext der christlichen Gemeinschaft als verwerflich dar:

Liebe Brüder, haltet nicht dafür, daß der Glaube an Jesum Christum, unsern Herrn der Herrlichkeit, Ansehung der Person leide. Denn so in eure Versammlung käme ein Mann mit einem goldenen Ringe und mit einem herrlichen Kleide, es käme aber auch ein Armer in einem unsaubern Kleide, und ihr sähet auf den, der das herrliche Kleid trägt, und sagtet zu ihm: Setze du dich her aufs beste! und sprächet zu dem Armen: Stehe du dort! oder: Setze dich her zu meinen Füßen! ist’s recht, daß ihr solchen Unterschied bei euch selbst macht und richtet nach argen Gedanken? (Jakobus 2,1 – 4)

Starke Ressentiments vonseiten der gewöhnlichen Bevölkerung bestanden auch gegenüber den Sklaven. Das zeigen die Botschaften des Apostels Paulus an die verschiedenen Gruppen der Christen: Immer wieder betont er seine ablehnende Haltung gegenüber dem fundamentalen Unterschied, der in der Gesellschaft zwischen Freien und Sklaven besteht. Die wiederholten Erwähnungen sind ein Hinweis darauf, dass alte Vorurteile zäh haften – seine Adressaten taten sich offenbar schwer damit, ihre Sklaven weniger voreingenommen zu behandeln, und die Ermahnung blieb oft folgenlos. Ein weiteres Beispiel für die Kluft zwischen Freien und Sklaven bietet der Roman Asinus aureus (Der goldene Esel) des Apuleius: Lucius’ Verwandlung in einen Esel und schließlich seine Rückverwandlung in einen Menschen liest sich leicht als allegorische Reise aus der Freiheit in die Sklaverei und zurück. Alle seine Abenteuer zeigen, wie hart es ist, versklavt zu sein, und wie menschenunwürdig das Dasein der Sklaven ist.

Ein anderes Vorurteil dagegen ist zu streichen: Aversionen gegenüber dem Händlertum. In der Oberschicht war man allgemein der Ansicht, Kaufleute seien Lügner und Diebe. Wurde dieses Urteil aber von der breiten Bevölkerung geteilt? In seinem Brief an die Philipper bedient sich Paulus auf weite Strecken einer kaufmännisch gefärbten Sprache – verbreitet finden sich Verben des Wechselns und Verrechnens, die gebraucht werden, um Paulus’ Gedanken über die Christengemeinde zu vermitteln. Damit ist nicht nur auf die Herkunft des Apostels aus dem Händlermilieu verwiesen, sondern auch auf die Tätigkeit seines Publikums in diesem Bereich und dessen durchaus positive Einschätzung. Die Purpurkrämerin Lydia (Apostelgeschichte 16,14 f.) gehörte in diesen Kreis, und auch hier fehlen negative Konnotationen. Die Kaufleute selbst waren stolz auf ihre Fähigkeiten, wie auch dieser im Fernhandel Tätige:

Wenn es dir keine Mühe ist, der du vorübergehst, verweile und lies dieses. Ich jagte oft über die große See auf Schiffen mit schnellen Segeln und erreichte viele Länder. Dies ist das Ende, das mir die Parzen einst bei der Geburt gesponnen. Hier habe ich alle Sorgen und Mühen niedergelegt. Hier fürchte ich weder die Sterne noch die Wolken noch die wilde See, noch fürchte ich, dass meine Ausgaben meinen Verdienst übersteigen. (CIL IX 60, Brindisi)

Neben den Fernhändlern gab es die Kaufleute vor Ort, die im Nahbereich entweder mit lokal produzierten Gütern handelten oder Ware en gros einkauften und zum Ortspreis verkauften. Wie Inschriften bezeugen, sahen sich diese Kaufleute als Gegenbild der Vorstellung vom trügerischen, unehrlichen Händler, die im Überlieferungsgut der Elite umgeht. Lucius Nerusius Mithres, Händler in einer Kleinstadt, hielt fest: Ich verkaufte Waren, die die Leute brauchen konnten, meine Ehrlichkeit wurde immer und überall gepriesen, das Leben war gut … ich bezahlte immer meine Steuern, ich war freimütig in allem, so gerecht wie ich konnte zu jedermann, mit dem ich zu tun hatte. Ich half so gut ich konnte denen, die meine Hilfe suchten. Unter meinen Freunden war ich hochangesehen … (CIL IX 4796, Vescovio, Italien)

Praecilius, ein Geldwechsler (argentarius) in Cirta, Mitglied also der hochsuspekten Klasse der Bankiers, schreibt, dass er immer das Vertrauen seiner Kunden besessen habe und stets aufrichtig und gut gewesen sei:

Hier schweige ich und beschreibe mein Leben in Versen. Ich erfreute mich eines leuchtenden Rufs und der Höhe des Wohlstands. Praecilius mit Namen, gebürtig aus Cirta, war ich ein geschickter Bankier. Meine Ehrlichkeit war wunderbar, und ich hielt es immer mit der Wahrheit; ich war höflich zu allen, und wem stand ich nicht in seinem Kummer bei? Ich war immer fröhlich, und gastlich gegenüber meinen lieben Freunden; eine große Veränderung kam in mein Leben nach dem Tod der tugendhaften Valeria. Solange ich konnte, erfreute ich mich der Freuden des heiligen Ehelebens; ich feierte hundert glückliche Geburtstage in Tugend und Glück; aber der letzte Tag ist gekommen, an dem nun der Geist meine erschöpften Glieder verlässt. Im Leben verdiente ich die Titel, die ihr lest, da Fortuna es wollte. Sie hat mich nie verlassen. Folgt mir auf gleiche Weise; hier erwarte ich euch! Kommt! (CIL VIII 7156, Constantine, Algerien)

Gegen Gewinne hatten die Kaufleute natürlich nichts einzuwenden und dankten den Götter dafür:

Geweiht drei Tage vor dem dritten Tag des Juni während des Konsulats von Dexter (zum zweiten Mal) und Fuscus. Geweiht dem Merkur, dem mächtigen Geber von Gewinn und Erhalter von Gewinn. Gaius Gemellius Valerianus, Sohn des Gaius, aus dem Bezirk Oufentina, Mitglied des Vier-MännerKomitees mit polizeilicher Gewalt, Gerichtspräfekt, mit Cilonia Secunda, seiner Ehefrau und Valeria und Valeriana Secunda, seinen Kindern. Er errichtete dies in Erfüllung eines Gelübdes und weihte es an einem Ort, den die Gemeindebehörden genehmigt haben. (CIL V 6596 = ILS 3199, Fontanetto da Po, Italien)
Den Kaufleuten fehlte es mithin nicht an Selbstsicherheit. Natürlich legt sich die Vermutung nahe, dass die Beziehungen in bestimmten Fällen auch angespannt sein konnten, doch die Zeugnisse von Artemidor und anderen stehen in Einklang mit dem positiven Bild, das die Erfahrungen des Paulus den normalen Bürgern vermitteln, die mit solchen Leuten zu tun haben. Auch die Geschäftsleute im Roman des Apuleius und in Petrons Satyrica werden als normale Menschen geschildert; sie sind nicht stigmatisiert.

Ebenso wenig lassen sich in der normalen Bevölkerung Zeichen für die Verachtung der Handwerker ausmachen, die in der Oberschicht geläufig war. Cicero etwa erklärt: »Auch alle Handwerker treiben ein niedriges Gewerbe« (De officiis Vom rechten Handeln 1,42,15). Der Vater des Schriftstellers Lukian dagegen kann als exemplarisches Beispiel für die Ansicht der Mittelschicht vom Handwerk gelten. Nach dem Willen seines Vaters sollte Lukian zwar eine gewisse Bildung genießen, doch auf längere Sicht bei einem der Brüder seiner Frau in die Lehre gehen und ein Handwerk erlernen. Die Reaktion Lukians, der gegen diesen Plan aufbegehrte, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Vater den Handwerksberuf für vorteilhaft hielt. Lukians Familie sah im Leben eines Handwerkers nichts Beschämendes. Tatsächlich spielte sogar Lukian selbst mit dem Gedanken, bis ihm im Traum die »Gelehrsamkeit« erschien und ihn davon überzeugte, dass die Ansicht der Oberschicht vom vulgären Handwerk richtig sei und dass er eine Ausbildung zum Rhetor und Gelehrten durchlaufen solle.

Ein Ton des Stolzes, gemischt mit Trauer, spricht auch aus der Grabinschrift des Vireius Vitalis Maximus. Er hatte Vireius Vitalis adoptiert, »einen Burschen mit vielversprechender Begabung für den Beruf des Handwerkers«, hatte ihn in diesem Metier ausgebildet und gehofft, der Junge würde sein Geschäft weiterführen und ihn im Alter unterstützen. In Artemidors Traumbuch (0neirokritika) wie auch im Carmen Astrologicum des Dorotheos von Sidon sind verschiedene handwerkliche Tätigkeiten und geschäftliche Situationen erwähnt, und nichts deutet auf eine Geringschätzung der so Beschäftigten hin.

In der Welt der gewöhnlichen Römer hatten Handwerker und Händler ihren Platz, ohne dass man ihnen Vorurteile entgegenbrachte. Zahlreiche Grabinschriften vermerken Beruf oder Arbeit der Verstorbenen. Die Arbeit ist Teil der Identität des Widmungsträgers, denn fast alle Epitaphe (98 %) stammen entweder von den Verstorbenen selbst oder von ihrer Familie – fast keine von Berufs- oder Arbeitskollegen oder von einem Schutzherrn (patronus). In der Oberschicht findet die Arbeit natürlich keine Erwähnung, denn für sie ist Arbeit kein Anlass zum Stolz. Alle anderen jedoch – Freie, Freigelassene und Sklaven – räumen ihr in den Inschriften einen wichtigen Platz ein. Damit ist klar belegt, dass eines der Kennzeichen des geistigen Habitus der gewöhnlichen Menschen die Wertschätzung der Arbeit war. Hier liegt einer der auffälligsten Unterschiede zwischen der Sichtweise der Elite und der des einfachen Mannes. Die Voreingenommenheit einer Elite, die auf Arbeit und Handel herabsieht, hilft das Schattendasein des einfachen Mannes zu erklären. Die Vorstellung, dass Arbeit in der Welt der Römer keinen Wert darstellte, muss also revidiert werden.

Obwohl der hierarchische Charakter der Gesellschaft Vorurteile quasi voraussetzte, ging die moralische Welt des normalen Römers nicht in einer Ansammlung von Stereotypen auf. Es lohnt sich, ein Bild dieser Welt zu entwerfen, obwohl natürlich nicht notwendig jede moralische Anschauung im Alltagsleben des Einzelnen ihren Ausdruck fand. Ich fasse die Hauptpunkte dieser moralischen Welt gewöhnlicher Menschen kurz zusammen: Die Ehe wird geschätzt; Monogamie ist die Norm. Eheliche Treue ist wichtig. Ehefrauen müssen treu, verfügbar und verführerisch, Ehegatten tugendhaft sein. Die philosophische Auffassung, dass Sexualität nicht mehr als eine beiläufige Beschäftigung sei, der man ohne besonderes Vergnügen allein zum Zweck der Fortpflanzung obliege, teilen die Männer nicht. Keuschheit weiß man zu würdigen, ohne damit homosexuelle Beziehungen und gelegentliche männliche Untreue als inakzeptabel auszuschließen. Der Gang zur Prostituierten ruft keine moralische Empörung hervor, wie unten (Kap. 7) ausführlicher dargestellt wird. Scheidung ist möglich und wird akzeptiert. Lügen, Betrug und Diebstahl sind grundsätzlich verwerflich. Bei Geschäften innerhalb der Verwandtschaft sowie mit Gleich- oder Höherrangigen wird Ehrlichkeit erwartet; bei Geschäften mit anderen Partnern hingegen sind die Umstände vieldeutig und »Raffinesse« und Betrug zur persönlichen Bereicherung erlaubt. Jedermann soll fair und gerecht behandelt werden, wobei »Fairness« auf einem Konzept ausgleichender Gerechtigkeit beruht.

Gewinnsucht ist eine Tugend, exzessive Gewinnsucht, also Geiz, und die unrechtmäßige Aneignung fremden Eigentums sind dagegen vom Übel. Für philosophische Gemüter wiederum ist Selbstgenügsamkeit ein moralischer Gemeinplatz.

Selbstvertrauen ist eine Tugend, während Arroganz und Prahlerei, das heißt ein Selbstvertrauen, dessen Ausdruck dem sozioökonomischen Status widerspricht, als übel gelten. Demut – als Gegenteil unmäßigen Stolzes – versteht sich von selbst. Ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl ist gut. Jeder hat die Pflicht, seinen Rang bzw. seine Ehre zu schützen, was fast jede Handlung rechtfertigt. Gleichzeitig aber hat man Sinn für Selbstbeherrschung, in der Populärphilosophie ein zentraler Begriff. Trunksucht zum Beispiel ist verpönt. Mord ist verwerflich. Dass man sich nicht in fremde Angelegenheiten mischen soll, ist eine weitere Binsenweisheit; Klatsch und Wichtigtuerei sind verwerflich. Gut ist, wer sich um notleidende Verwandte, zum Beispiel Witwen, kümmert, nicht aber der, der für Personen außerhalb des Familienkreises sorgt. Neben der Familie sind Freunde hoch geschätzt – ein weiterer Topos der populären Philosophie und Kultur.


Orientierung in einer Welt der Ungewissheit

Die oben skizzierte Palette moralischer Vorstellungen scheint nicht ungewöhnlich, und sie genügte als Leitfaden zur Bewältigung des normalen Alltags. Wenn allerdings eine Ungewissheit den ruhigen Fluss dieses Lebens störte – und das muss fast ununterbrochen passiert sein –, dann wandten sich die Menschen dem Übernatürlichen zu: dem Aberglauben, der Magie und der Religion. Die gewöhnlichen Römer fanden für ihre Sorgen willige Ratgeber in großer Zahl: die Priester in den Tempeln, die Verkäufer von Talismanen und Zaubertränken auf den Straßen und in kleinen Kiosken, professionelle Magier, die Zauberformeln für jede Not lieferten, Traumdeuter, die nur auf die Gelegenheit warteten, gestützt auf die jüngsten nächtlichen Phantasiebilder alles zu enthüllen, Bücherverkäufer mit dicken Bänden voll nützlicher Informationen: Sie alle standen selbst in den kleinsten Städten bereit.

Der Aberglaube war Lebenshilfe. Amulette wurden in großer Zahl gefunden; Armbänder, Halsketten und Ringe galten als wirksamer Zauber gegen das Unbekannte. Gegen Krankheiten aller Art wurden Talismane benutzt. Beim älteren Plinius lesen wir:

Es gibt auch Zaubersprüche gegen Hagelschauer, gegen gewisse Arten von Krankheiten und gegen Verbrennungen, von denen sich einige bewährt haben … daß auch aus dem Körper gezogene Pfeile, wenn sie die Erde nicht berührt haben, Schlafenden untergelegt, als Liebesmittel dienen … (Naturalis historia Naturkunde 28,5,29; 28,6,34)

Marcellus Empiricus nennt ein Beispiel für einen Zauber gegen Krankheiten:

Mit nüchternem Magen bespricht man den Patienten mit nüchternem Magen, während man die Stelle, die von Krankheit befallen ist, mit drei Fingern, d. h. mit Daumen, Mittel- und Ringfinger, festhält, wobei die übrigen beiden hochstehen. Man sagt: »Verschwinde, bist du heute geboren, bist du früher geboren, bist du heute entstanden, bist du früher entstanden; diese Pest und Verpestung, dieser Schmerz, diese Schwellung, diese Rötung, diese Schwellung der Mandeln, diese Schwellung der Mändelchen, diese Geschwulst, dieses Geschwülstchen, diese Drüsengeschwulst am Hals, dieses Drüsengeschwülstchen am Hals rufe ich mit diesem Zauberspruch hinaus aus diesen Gliedern, aus diesem Mark.« (De medicamentis empiricis, physicis ac rationalibus Über Heilmittel 15,11)

Zaubersprüche waren auch gut zu gebrauchen, wenn man eine Wette auf ein Wagenrennen abgeschlossen hatte und den Sieg sicherstellen wollte. Das zeigt diese Bleitafel aus Afrika:

Ich beschwöre dich, Dämon, wer immer du sein magst: Quäle und töte von dieser Stunde, diesem Tag, diesem Augenblick an die Pferde der Mannschaften der Grünen und der Weißen; töte und zerschmettere die Wagenlenker Clarus, Felix, Primulus, Romanus; lass keinen Atemzug in ihnen. Ich beschwöre dich bei dem, der dich damals gebracht hat, der Gott des Meeres und der Luft: Io, Iasdao … aeia. (Luck, Nr. 15)

Oder wenn man auf Rache sann:

Herrin Demeter, ich rufe dich an als eine, die Unrecht gelitten hat. Höre mich, Göttin, und bringe Gerechtigkeit, so dass du das Schrecklichste und Schmerzlichste über jene kommen lässt, die so etwas über uns denken und sich zusammen gegen uns erfreuen und Leiden über mich und meine Ehefrau, Epiktesis, bringen und uns verachten. O Göttin, leih dein Ohr denen von uns, die leiden, und bestrafe, die glücklich auf solche blicken wie uns. (Amorgos, Griechenland [Gager, Nr. 75])

Oder auf Bestrafung eines erlittenen Unrechts:

Wer immer die Habe des Varenus gestohlen hat, ob Frau oder Mann, soll persönlich zahlen, und vom Gelde, das er gezahlt hat, wird Mercur und Virtus die Hälfte gespendet. (Kelvedon, Essex [Gager, Nr. 97] / Egger, S. 17)

Oder gar auf die Verführung der Frau eines anderen:

Lass brennende Hitze die Geschlechtsteile von Allous verzehren, ihre Scham, ihre Glieder, bis sie den Haushalt des Apollonios verlässt. Lass Allous sich niederlegen mit Fieber, mit nicht enden wollender Krankheit, mit unstillbarem Hunger – Allous – und Wahnsinn! Entferne Allous von Apollonios ihrem Gatten; gib Allous Frechheit, Hass, Widerwärtigkeit, bis sie vom Haushalt des Apollonios scheidet. Jetzt. Schnell. (Oxyrhynchos, Ägypten [Gager, Nr. 35])

Eine ständige Motivation für die Anwendung magischer Formeln war natürlich die Liebe:

… den Theodor, den Sohn der Techosis. … Überhöre mich nicht, [sondern mach dich auf und erwache für mich] und geh zu Matrona, damit sie sich mir ganz hingebe, [und erfülle mir diese] Bindung. … Jetzt, jetzt, schnell, … Wie die Isis den Osiris liebte, [so soll Matrona lieben den] Theodor auf alle Zeit ihres Lebens [jetzt, jetzt,] schnell, schnell, heute. Ich beschwöre dich [bei dem Namen] des [Abras]ax. (Oxyrhynchos, Ägypten [Gager, Nr. 29]/ Wortmann, S. 84)

Die Beschwörungsformeln von Amateuren genügten für alltägliche Vorfälle. Einige Amulette tragen die Inschrift des magischen Wortes Abraxus, das in unserem Wort »abacadabra« nachklingt. Auch in christlicher Zeit konnten rituelle Formeln für magische Zwecke verwendet werden, so die Intonation des hoc est corpus, worauf unser modernes Wort »Hokuspokus« zurückgeht. Für ernsthafte Fälle standen Experten, männliche wie weibliche, zur Verfügung, die Hilfe anboten. Einen weit zurückreichenden literarischen Stammbaum hatten natürlich die Hexen, Circe in der Odyssee und Medea bei Euripides, aber Genossinnen in der Lebenswelt waren zahlreich wie Sand am Meer. Ägypten war das Land und die Quelle der Zauberer schlechthin. Magische Papyri dienten bei der Schulung als Lehrbücher, in denen allerdings das entscheidende Stück Information fehlte, so dass die Fachkundigen nicht vollständig durch Autodidakten ersetzt werden konnten. Verschiedenes Instrumentarium für magische Zeremonien aus der Antike hat sich erhalten, darunter eine Art Roulette-Schüssel, die zur Prophezeiung der Zukunft benutzt wurde. Ein Experte konnte außerdem mit chemischen Präparaten, etwa Räucherwerk, ausgerüstet sein, um eine besondere Atmosphäre zu schaffen, oder auch mit Geräten wie Zauberstäben, um die beschworenen magischen Kräfte zu »steuern«.

Jesus von Nazareth besaß viele Eigenschaften eines Magiers – zum Beispiel die Fähigkeit, Krankheiten zu heilen und die Natur zu be herrschen. Dem Verführungsversuch des Teufels, der ihn verleiten will, diese Kräfte für persönlichen Gewinn und Einfluss zu benutzen, widersetzt er sich. Andere Magier dagegen kannten solche Skrupel nicht. Im bereits erwähnten Roman des Apuleius, Der goldene Esel, verfolgt Pamphile mit der Ausübung des Zaubers persönliche Zwecke; andere Zau berer waren primär kommerziell orientiert. Paulus wurde festgenommen und der Obrigkeit vorgeführt, weil seine »Heilung« einer Sklavin und Wahrsagerin deren Besitzer um Einkünfte gebracht hatte (Apostelgeschichte 16,6 – 19). Ein anderer Magier versuchte in Konkurrenz zu Paulus den Statthalter auf Zypern, Sergius Paulus, für sich zu gewinnen, und unterlag (Apostelgeschichte 13,6 – 12). Simon Magus (»der Magier«) gehörte zu denen, die mit Zauberei ihren Lebensunterhalt ver dienten:

Es war aber ein Mann mit Namen Simon, der zuvor in der Stadt Zauberei trieb und bezauberte das samaritische Volk und gab vor, er wäre etwas Großes. Und sie sahen alle auf ihn, beide, klein und groß und sprachen: Der ist die Kraft Gottes, der da groß ist. Sie sahen aber darum auf ihn, daß er sie lange Zeit mit seiner Zauberei bezaubert hatte. [Simon ist beeindruckt von der magischen Kraft des Apostels Philippus und wird getauft.] … Da aber Simon sah, daß der heilige Geist gegeben ward, wenn die Apostel die Hände auflegten, bot er ihnen Geld an und sprach. Gebt mir auch die Macht, daß, so ich jemand die Hände auflege, derselbe den heiligen Geist empfange. Petrus aber sprach zu ihm: Daß du verdammt werdest mit deinem Geld, darum daß du meinst, Gottes Gabe werde durch Geld erlangt! … Denn ich sehe, daß du bist voll bittrer Galle und verknüpft mit Ungerechtigkeit. (Apostelgeschichte 8,9 – 24)

Simon, ein guter Zauberer, wusste, wann er geschlagen war. Von höchster Angst ergriffen, bat er Petrus, den ihm offenkundig Überlegenen, »dass der keines über mich komme, davon ihr gesagt habt«.

Auch die folgende Episode aus der Apostelgeschichte, diesmal Paulus betreffend, veranschaulicht die Situation. Paulus ging nach Ephesos und machte sogleich von sich reden, als seine Kräfte, Wunder zu bewirken, das heißt, im Besitz magischer Kräfte zu sein, der Bevölkerung bekannt wurden. Mit Gegenständen wie einem Tuch oder Kleidungsstück, die er nur berührt hatte, wurden Krankheiten geheilt und böse Geister ausgetrieben. Andere jüdische Wundertäter, die versuchten, es ihm nachzutun und an seine Erfolge anzuschließen, riefen wie Paulus den Namen Jesu an. Es waren dies sieben Söhne eines jüdischen Hohenpriesters. Aber ein böser Geist, den sie austreiben wollten, sagte zu ihnen: »Jesum kenne ich wohl, und von Paulus weiß ich wohl; wer seid ihr aber?« Und der vom bösen Geist Besessene griff die Söhne an und schlug sie blutig. Dieser augen fällige Beweis für die Kraft des Namens Jesu trieb viele dazu, sich taufen zu lassen (Apostelgeschichte 19,11 – 20), denn die Wirksamkeit eines Zauberers wurde an seiner Erfolgsrate gemessen. Paulus hatte Erfolg, was viele im Volk von seiner übernatürlichen Kraft überzeugte; die »sieben Söhne eines Juden Skevas« blieben erfolglos und waren somit diskreditiert. Auch zahlreiche andere Magier erkannten die Kraft des Paulus an und verbrannten sogar ihre wertvollen magischen Lehrbücher, denn seine Kraft hatte sich als größer erwiesen. An all diesen Begebenheiten in der Apostelgeschichte lässt sich ablesen, wie verbreitet der Glaube an die Kraft des Übernatürlichen und an die vielen Männer und Frauen war, die behaupteten, über diese Kraft zu verfügen.

Einen anderen Weg, Sorgen und Nöten zu begegnen, bot die Religion. Man hatte die Auswahl aus einer breiten Palette religiöser Aktivitäten. Es gab die traditionellen, kaum mehr bewussten täglichen Riten wie das Ausgießen einiger Tropfen der Opfergabe an die Götter des Hauses vor einer Mahlzeit. Es gab die religiösen Feste, an denen in der Mitte des heiligen Tages dieses oder jenes Gottes Bankette oder Vergnügungen oder auch einfach ungehemmtes Verhalten angesagt waren, ein wesentliches Element im Kult der betreffenden Gottheit oder Gottheiten. Diese Art der Religiosität war auf die hohen lokalen oder staatlichen Gottheiten ausgerichtet. An Feiertagen wurden die lokalen Götter wie auch das Volk festlich bewirtet; ausgesuchte Opfer wurden dargebracht und zu Ehren des Gottes oder der Göttin oft Volksbelustigungen ausgerichtet.

Daneben half eine praktische Religiosität, der Einsatz eines Priesters oder Propheten oder Wahrsagers, bei der Lösung dringlicher Probleme. Leute, die von sich behaupteten, die Zukunft voraussagen zu können, waren in jeder Stadt zu finden. Cicero, Sohn der Elite, schreibt: »… er [der Aberglaube] setzt dir zu, bedrängt und verfolgt dich, wie du dich auch drehst und wendest: ob du nun einen Seher oder eine Weissagung hörst, ob du ein Opfer vollziehst oder einen Vogel vor Augen hast, ob du einen Astrologen oder einen Weissager siehst, ob es blitzt oder donnert« (De DivinationeOrakelkunst und Vorhersage 2,149). Der Grund für die große Zahl an Wahrsagern war ein tiefes Bedürfnis, dem Weltgeschehen einen Sinn zu geben und zwischen der Unstimmigkeit der persön lichen Welt und deren Verletzungen durch die Außenwelt einen Ausgleich zu schaffen. Man war sich einig, dass die Zukunft bereits festlag und darum auch vorausgesagt werden konnte, dass Prophezeiung und Vogelschau und andere Mittel, diese Kenntnis zu gewinnen, wahr und wirksam seien. Besonders gern nahm man Zuflucht zur Traumdeutung, wo Fachkundige wie Artemidor bereitstanden, der nicht nur seine Dienste anbot, sondern die Deutungen auch in einem Buch festhielt.

»RK ist mit diesem Band ein äußerst informatives und interessantes  Buch gelungen, unterhaltsam geschrieben und eine echte Bereicherung der Studien zur Sozialgeschichte des Römischen Reiches.«
Thomas Pratsch, Das Altertum, Heft 1/2014

»Robert Knapp sorgt für frischen Wind. Ohne jede bekennerische Attitüde lässt der zuletzt in Berkeley lehrende Althistoriker den antiquarischen Objektapparat beiseite und fragt nach den Menschen unterhalb der als Stände erfassten Elite der Gesellschaft.«
Uwe Walter, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.2012

»Knapp liest Inschriften aus den verschiedenen Zeiten und Regionen des Römischen Reiches, er studiert die Bibel und Romane wie Apuleius´ „Goldenen Esel“, er durchleuchtet  Texte und Fresken, um Aufschlüsse über Alltag und Mentalitäten jener zu gewinnen, die keine eigene Stimme haben: ganz normale Männer und Frauen, Sklaven und Freigelassene, Gladiatoren, Soldaten oder Prostituierte, Bevölkerungsgruppen also, die zum Teil auch das Publikum im Kolosseum stellten … Wie dem Forensiker, wie der Spurensicherung im Kriminalroman ist Knapp kein Detail zu unscheinbar und banal.«
Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.04.2012

»Dadurch, dass Knapp, unter Althistorikern eher ungewöhnlich, einen klaren Klassenstandpunkt bezieht, entgeht er der Gefahr, zum x-ten Mal jenes harmlose Buch zu schreiben, das dann "Der Alltag der Römer" oder so ähnlich heißt und davon erzählt, wie der kleine Gaius an der Hand seines persönlichen Sklaven früh in die Schule geht.«
Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung, 08.06.2012

»Knapp bringt komplexe Befunde auf den Begriff, bürstet Gängiges gegen den Strich und führt zugleich eine Fülle anschaulicher, teils wenig bekannter Quellenzitate an. Ein vorzügliches Buch!«
Prof. Dr. Uwe Walter, Damals, Juli 2012

»Knapp beklagt die „Blindheit der Elite für diese Menschen“, welche letztlich dazu führte, dass man Rom bis heute vor allem aus dem Blickwinkel dieser Elite wahrnimmt.«
P.M.History, 4/2012

»Es ist ihm zu verdanken, das Leben von Menschen ans Licht gehoben zu haben, die in einer gefährlichen und mitunter brutalen Welt lebten, die von starren Hierarchien durchzogen und von Angst geprägt war. Knapp zeigte, was sie taten und wie sie es taten. Und wie sie die Welt prägten, die wir heute kennen.«
Michael Hesse, Literaturmagazin Frankfurter Rundschau, Frühjahr 2012

»Eine vergnügliche und höchst erkenntnisreiche Lektüre.«
Geschichte & Wissen, Januar/Februar 2013

»In Knapps Werk bekommen jene ein Gesicht und eine Stimme, die bei anderen Historikern zumeist stumm bleiben: Sklaven und Freigelassene, Arme und Gauner, Prostituierte und Gladiatoren, Soldaten und ganz gewöhnliche Frauen aus dem Volk.«
Julia Kospach, Falter, 10.10.2012

»Ein recht umfangreiches Lesebuch und sehr zu empfehlen.«
Simone Schmollack, Deutschlandradio, 27.05.2012

»Knapps bemerkenswertes Buch räumt gründlich mit einer Reihe von gängigen Klischees auf und argumentiert überzeugend gegen ein ideales Bild der römischen Gesellschaft, indem es schlicht auf die Fakten verweist. So entsteht das Bild einer Epoche, die manchmal gar nicht so weit von der unsrigen entfernt zu sein scheint, wie man glaubt.«
Michael Opitz, Deutschlandradio, 31.05.2012

»Knapp räumt gründlich mit gängigen Vorurteilen über das Römische Reich auf ... [Er] beleuchtet das Alltagsleben in Rom - fernab von Glanz, Pomp und Dekadenz der römischen Oberschicht.«
Julia Müller, TITEL Kulturmagazin, 29.06.2012

»Sozial- und Alltagsgeschichte der Antike in neuem Licht, spannend geschrieben.«
Christlicher Digest, September 2012
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Ute Spengler (Orig.: Invisible Romans. Prostitutes, outlaws, slaves ... the Romans that history forgot)
4. Aufl. 2012, 398 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 16 Seiten farbiger Tafelteil, zahlreiche s/w-Abbildungen, Auswahlbibliographie, Glossar
ISBN: 978-3-608-94703-8
autor_portrait

Robert Knapp

Robert Knapp ist emeritierter Professor für Alte Geschichte in Berkeley, University of California. Er hat sich vor der Erforschung der Mittel- und...

Weitere Bücher von Robert Knapp

Römer im Schatten der Geschichte

Gladiatoren, Prostituierte, Soldaten, Männer und Frauen im Römischen Reich


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