Einsicht ins Ich

Fantasien und Reflexionen über Selbst und Seele
Buchdeckel „978-3-608-93038-2
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Was ist das Ich, das denkt, wenn es »Ich« denkt? Was ist Geist, Seele, Selbstbewusstsein? Das Spektrum der Antworten reicht von der Science-fiction über Philosophie und Psychologie bis zur Künstlichen Intelligenz, und das Ergebnis ist ein Leckerbissen für Hofstadter-Fans. Ein höchst anregendes, provokatives Vexierspiel um die älteste Frage der denkenden Menschheit.

Wer oder was ist das Ich, das denkt, wenn es "Ich" denkt? Was und wo ist diese merkwürdige Instanz, von der wir noch nicht einmal sagen können, ob wir sie haben oder sind? Diese seltsame Schleife in der verwickelten Hierarchie unseres verwickelten Geistes, die wir nur notdürftig mit den Begriffen Ich, Selbst, Seele, Selbstbewußtsein umschreiben können? Jeder, der sich diesen uralten Fragen stellt, stürzt kopfüber in die größten Wirrnisse. Auch Douglas R. Hofstadter und Daniel C. Dennett können keine direkten, simplen Antworten geben, aber sie haben jene Wirrnisse vorgeführt und anschaulich werden lassen. Mit entwaffnender Offenheit gestehen sie, daß es ihre Absicht sei, "jedermann kräftig durcheinanderzurütteln: diejenigen, die eine rigide, bierernste, wissenschaftliche Anschauung von der Welt hegen, ebenso wie diejenigen. die eine religiöse, spiritualistische Vorstellung von der menschlichen Seele haben".

Das Vexierspiel ist den Autoren aufs schönste gelungen; sie präsentieren ein Panoptikum des menschlichen Nachdenkens über sich selbst, einen aufregenden, hochprozentigen Gedankencocktail, der den Leser dazu verführen will, sich seine eigenen Gedanken zu machen: "Dieses Buch soll seine Leser provozieren, in Unruhe versetzen, in Verwirrung stürzen, soll das Selbstverständliche fremd und vielleicht das fremdartige selbstverständlich werden lassen."

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Einleitung
I. Selbstempfindung
1. Borges und ich JORGE LUIS BORGES
2. Keinen Kopf zu haben D. E. HARDING
3. Die Wiederentdeckung des Geistes HAROLD J. MOROWITZ
II. Seelensuche
4. Maschinelle Rechner und Intelligenz A. M. TURING
5. Ein Kaffeehaus-Gespräch über den Turing- Test DOUGLAS R. HOFSTADTER
6. Prinzessin Blödiana STANISLAW LEM
7. Die Seele Marthas, eines Tiers TERREL MIEDANER
8. Die Seele des Tiers vom Typ III TERREL MIEDANER
III. Von der Hardware zur Software
9. Geist ALLEN WHEELIS
10. Egoistische Gene und egoistische Meme RICHARD DAWKINS
11. Präludium und... emsige Fuge DOUGLAS R. HOFSTADTER
12. Die Geschichte eines Gehirns ARNOLD ZUBOFF
IV. Geist als Programm
13. Wo bin ich? DANIEL C. DENNETT
14. Wo war ich? DAVID HAWLEY SANFORD
15. Nicht mehr abzustoßen JUSTIN LEIBER
16. Software RUDY RUCKER
17. Das Rätsel des Universums und seine Lösung CHRISTOPHER CHERNIAK
18. Die siebente Reise oder Wie Trurls Vollkommenheit zum Bösen führte STANISLAW LEM
19. Non Serviam STANISLAW LEM
20. Ist Gott Taoist ? RAYMOND M. SMULLYAN
21. Die Ruinenkreise JORGE LUIS BORGES
22. Geist, Gehirn, Programm JOHN R. SEARLE
23. Ein unglücklicher Anhänger des Dualismus RAYMOND M. SMULLYAN
VI. Das innere Auge
24. Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? THOMAS NAGEL
25. Ein erkenntnistheoretischer Alptraum RAYMOND M. SMULLYAN
26. Eine Unterhaltung mit Einsteins Gehirn DOUGLAS R. HOFSTADTER
27. Erdichtung ROBERT NOZICK
Weiterführende Literatur
Bildnachweise
Register

Leseprobe
 
Vorwort
Was ist der Geist? Wer bin ich? Kann bloße Materie denken oder empfinden? Wo ist die Seele? Jeder, der sich diesen Fragen stellt, stürzt kopfüber in die größten Wirrnisse. Wir haben mit diesem Buch einen Versuch unternommen, jene Wirrnisse offen zulegen und anschaulich werden zu lassen. Unsere Absicht ist nicht so sehr, direkt eine Antwort auf die großen Fragen zu geben, als vielmehr, jedermann kräftig durcheinander zurütteln: diejenigen, die eine rigide, bierernste, wissenschaftliche Anschauung von der Welt hegen, ebenso wie diejenigen, die eine religiöse, spiritualistische Vorstellung von der menschlichen Seele haben. Wir glauben, dass es gegenwärtig keine einfache Antwort auf die großen Fragen gibt, und es wird radikal neuer Denkansätze in den großen Streitfragen bedürfen, ehe sich erwarten lässt, dass die Menschen einen Konsens über die Bedeutung des Wörtchens "ich" erzielen. Dieses Buch soll daher seine Leser provozieren, in Unruhe versetzen, in Verwirrung stürzen, soll das Selbstverständliche fremd und vielleicht das Fremdartige selbstverständlich werden lassen. [...]
Douglas R. Hofstadter, Daniel C. Dennett, Chicago April 1981
Einleitung
Du siehst im Osten den Mond aufgehen. Du siehst im Westen den Mond aufgehen. Du siehst, wie die zwei Monde sich über den kalten schwarzen Himmel aufeinander zu bewegen. Bald wird auf der Bahn, die sie beschreiben, der eine hinter dem anderen vorbeiziehen. Du bist auf dem Mars, Millionen Kilometer von zu Hause entfernt, vor der mörderischen, reiflosen Kälte der roten Marswüste geschützt durch zarte Häutchen, die das Produkt irdischer Technologie sind. Geschützt, aber gestrandet, denn dein Raumschiff ist irreparabel kaputt. Niemals wieder wirst du zur Erde heimkehren, zu den Freunden, der Familie, den Orten, die du dort zurückgelassen hast.
Aber vielleicht gibt es doch noch Hoffnung. In der Kommunikationsabteilung des kaputten Raumschiffs befindet sich ein Teleporter , Teleklon Typ IV, mitsamt Gebrauchsanweisung. Schaltest du den Teleporter ein, richtest seinen Strahl auf den Teleklonempfänger auf der Erde und steigst dann in die Sendekabine, so zerlegt der Teleporter rasch und schmerzlos deinen Körper und fertigt von ihm Molekül für Molekül einen Bauplan an, um ihn zur Erde zu strahlen, wo der Empfänger, der mit den nötigen Atomen wohlversehen ist, fast im selben Augenblick das produziert, was den eingestrahlten Angaben entspricht - dich! Mit Lichtgeschwindigkeit zur Erde zurückgeschnellt, fällst du deinen Lieben in die Arme, die wenig später mit atemloser Spannung den Erzählungen von deinen Marsabenteuern lauschen.
Eine letzte Überprüfung des beschädigten Raumschiffs überzeugt dich, dass der Teleklon deine letzte Hoffnung ist. Du hast nichts mehr zu verlieren. Also baust du den Sender auf, knipst den entsprechenden Schalter an und steigst in die Kabine. 5, 4, 3, 2, 1, ZISCH! Du öffnest die Tür vor dir und trittst aus der Empfängerkabine des Teleklon hinaus in die sonnige, vertraute Atmosphäre der Erde. Du bist wieder zu Hause, kein bisschen mitgenommen durch deinen teleklonischen Langstreckensturz vom Mars. Dass du mit so knapper Not einem schrecklichen Schicksal auf dem roten Planeten entronnen bist, will gefeiert sein, und während deine Familie und. Freunde sich um dich versammeln, fällt dir auf, wie sich alle verändert haben, seit du sie das letzte Mal gesehen hast. Schließlich sind fast drei Jahre vergangen, und ihr seid alle älter geworden. Guck dir Sarah, deine Tochter an, die jetzt achteinhalb Jahre alt sein muss. Du ertappst dich bei dem Gedanken: "Ist das denn das kleine Mädchen, das früher immer auf meinem Schoß saß?" Natürlich ist sie es, sagst du dir, auch wenn du zugeben musst, dass du sie nicht eigentlich wieder erkennst, sondern ihre Identität aus dem Gedächtnis extrapolierst und deduktiv erschließt. Sie ist so sehr gewachsen, sieht so viel älter aus und weiß so viel mehr. Tatsächlich gab es die Mehrzahl der Zellen, die jetzt ihren Körper bilden, noch nicht, als du sie das letzte Mal sahst. Aber allem Wachstum und aller Veränderung, allem Austausch von Zellen zum Trotz, ist sie dieselbe kleine Person, der du vor drei Jahren den Abschiedskuss gabst.
Dann durchfährt es dich plötzlich: "Bin denn eigentlich ich noch dieselbe Person, die vor drei Jahren diesem kleinen Mädchen den Abschiedskuss gab? Bin ich die Mutter dieses achtjährigen Kinds, oder bin ich nicht vielmehr ein brandneuer Mensch, gerade erst ein paar Stunden alt, ungeachtet aller Erinnerungen - oder scheinbaren Erinnerungen - an Tage und Jahre davor? Ist die Mutter dieses Kinds kurz zuvor auf dem Mars gestorben, zerlegt und zerstört in der Kabine eines Teleklon Typ IV?
Bin ich auf dem Mars gestorben? Nein, ganz sicher bin ich nicht auf dem Mars gestorben, da ich mich ja lebendig auf der Erde befinde. Vielleicht allerdings ist doch jemand auf dem Mars gestorben - Sarahs Mutter. Dann bin ich nicht Sarahs Mutter. Aber das muss ich doch sein! Schließlich bin ich ja einzig und allein in den Teleklon gestiegen; um zu meiner Familie zurückzukehren: Schon aber habe ich wieder vergessen, dass vielleicht ich nie in jenen Teleklon auf dem Mars gestiegen bin. Vielleicht war das jemand anders - vorausgesetzt, die Sache hat überhaupt stattgefunden. Ist jene infernalische Maschine ein Tele porter - ein Transportmittel - oder ist sie, wie der Markenname vermuten lässt, ein mörderischer Verdoppler? Hat Sarahs Mutter ihre Erfahrung mit dem Teleklon überlebt oder nicht? Sie ging davon aus, dass sie es überleben würde. Sie stieg hoffnungs- und erwartungsvoll in die Kabine, nicht mit der Resignation eines Selbstmörders. Sie handelte sicher altruistisch - sie traf Vorsorge, dass Sarah eine geliebte Person und Beschützerin erhalten blieb -, aber auch selbstsüchtig - sie befreite sich aus einer Notlage und brachte sich in eine angenehme Situation. So jedenfalls schien es. Und wieso weiß ich , dass es so schien? Weil ich dort war; ich war Sarahs Mutter, als sie jene Gedanken dachte; ich bin Sarahs Mutter. So jedenfalls scheint es."
In den Tagen danach bist du bald himmelhoch jauchzend, bald zu Tode betrübt, wechseln Augenblicke der Erleichterung und Freude ab mit nagendem Zweifel und einer quälerischen Seelensuche. Seelensuche . Vielleicht, denkst du, ist es nicht richtig, Sarah in dem frohen Glauben zu belassen, ihre Mutter sei heimgekehrt. Du fühlst dich ein bisschen wie ein Betrüger und fragst dich, was Sarah denken wird, wenn sie eines Tages herausfindet, was wirklich auf dem Mars geschah. Weißt du noch, wie sie herausfand, was es mit dem Nikolaus auf sich hatte, und einen so verwirrten und verletzten Eindruck machte? Wie hatte ihre Mutter sie all die Jahre hinters Licht führen können?
So ist es denn also mehr als müßige intellektuelle Neugier, was dich nach diesem Exemplar von Einsicht ins Ich greifen und zu lesen anfangen lässt; denn das Buch verspricht, dich auf eine Entdeckungsreise zu führen, die das Selbst und die Seele zum Gegenstand hat. Du wirst, behauptet es, etwas darüber erfahren, was und wer du bist.
Du denkst bei dir selbst:
Hier bin ich und lese die Seite 12 in diesem Buch. Ich bin am Leben; ich bin wach; ich sehe mit meinen Augen die Worte auf der Buchseite; ich sehe, wie meine Hände dieses Buch halten. Ich habe Hände. Woher weiß ich, dass es meine Hände sind? Dumme Frage. Sie hängen an meinen Armen, an meinem Körper. Woher weiß ich, dass dies mein Körper ist? Er steht unter meiner Kontrolle. Gehört er mir? In gewissem Sinne ja. Da er meiner ist, kann ich Über ihn nach Belieben verfügen, solange ich anderen damit nicht schade. Er ist sogar eine Art rechtlich verbürgtes Eigentum; denn wenn ich ihn auch zu Lebzeiten nicht rechtskräftig veräußern kann, kann ich doch das Eigentum an meinem Leichnam rechtsgültig z. B. auf ein medizinisches Institut Übertragen.
Wenn ich diesen Körper habe , dann bin ich doch wohl etwas anderes als dieser Körper. Wenn ich sage "Mein Körper gehört mir", meine ich nicht "Dieser Körper gehört sich selbst" - was vermutlich eine sinnlose Behauptung ist. Oder gehört alles, was niemandem sonst gehört, sich selbst? Gehört der Mond jedem, keinem oder sich selbst? Was kann Eigentümer von irgend etwas sein? Ich kann es, und mein Körper ist eben eines der Dinge, die mir gehören. Jedenfalls scheinen ich und mein Körper beides' zu sein: aufs engste verknüpft und doch zugleich verschieden. Ich kontrolliere ihn; er wird von mir kontrolliert. Meistens.
Dann fragt dich Einsicht ins Ich , ob du, wenn das so ist, deinen Körper gegen einen anderen austauschen könntest, gegen einen stärkeren oder schöneren oder fügsameren Körper.
Du denkst, das ist unmöglich.
Aber es ist, hält das Buch dir entgegen, durchaus vorstellbar und folglich im Prinzip auch möglich.
Du fragst dich, ob das Buch an Reinkarnation oder Seelenwanderung denkt, aber, die Frage vorwegnehmend räumt das Buch ein, dass Reinkarnation zwar ein interessanter Gedanke sei, die Einzelheiten des Vorgangs allerdings stets im dunkeln gelassen würden, und dass es andere, interessantere Weisen gebe, wie die Sache vor sich gehen könnte. Was, wenn dein Gehirn in einen neuen Körper verpflanzt würde, den es dann kontrollieren könnte? Würde sich dir das nicht als eine Auswechslung des Körpers darstellen? Natürlich gäbe es da riesige technische Probleme, aber von denen können wir im Rahmen unserer Fragestellung absehen.
Es hat demnach den Anschein (oder etwa nicht?), dass im Falle der Verpflanzung deines Gehirns in einen anderen Körper du mitverpflanzt würdest. Aber bist du ein Gehirn? Mach die Probe mit zwei Sätzen und sieh zu, welcher der beiden deinem Gefühl nach der Wahrheit näher kommt:
Ich habe ein Gehirn.
Ich bin ein Gehirn.
Manchmal sagen wir von einem klugen Menschen, er sei ein Kopf; aber das meinen wir nicht wörtlich. Wir meinen, dass er ein gut funktionierendes Gehirn hat , nicht ist . Du hast ein gut funktionierendes Gehirn, aber wer oder was ist das Du , das das Gehirn hat? Und wiederum die Frage: Wenn du ein Gehirn hast, könntest du es dann gegen ein anderes austauschen? Wie sollte jemand dich im Zuge eines Gehirnaustauschs von deinem Gehirn abtrennen können, mit dem du doch im Falle eines Körperwechsels stets zusammen verpflanzt wirst? Unmöglich? Vielleicht doch nicht, wie wir sehen werden. Schließlich hast du, wenn du es bist, der kürzlich vom Mars zurückgekehrt ist, dort dein Gehirn zurückgelassen, oder nicht?
Nimm also an, wir stimmen darin überein, dass du ein Gehirn hast . Hast du je aufgehört, dich zu fragen, woher du weißt, dass du ein Gehirn hast? Du hast es nie gesehen, oder? Du kannst es nicht sehen, auch nicht im Spiegel, und du kannst es nicht spüren. Aber natürlich weißt du genau, dass du ein Gehirn hast. Du weißt es, weil du weißt, dass du ein Mensch bist und alle Menschen ein Gehirn haben. Du hast das in Büchern gelesen und von Leuten gehört, zu denen du Vertrauen hast. Alle Menschen haben auch eine Leber, und das, was du Über dein Gehirn weißt, entspricht, seltsam genug, so ziemlich dem, was du Über deine Leber weißt. Du verlässt dich auf das, was du in Büchern gelesen hast. Jahrhunderte lang wussten die Menschen nicht, wozu ihre Leber da ist. Erst die Naturwissenschaft fand die Antwort. Die Menschen haben auch nicht schon immer gewusst wozu das Gehirn da ist. Aristoteles soll angenommen haben, das Gehirn sei ein Organ, das der Kühlung des Bluts diene - und in der Tat kühlt es ja auch im Zuge seiner Tätigkeit das Blut recht wirkungsvoll ab. Angenommen, wir hätten die Leber im Schädel und unser Gehirn wäre in unseren Brustkorb eingebettet. Was meinst du: Würden wir, während wir in die Welt hinaussähen und hinauslauschten, uns die Überzeugung zu eigen machen, wir dächten mit unserer Leber ? Dein Denken scheint sich hinter deinen Augen und zwischen deinen Ohren abzuspielen - aber scheint dir das so, weil dort dein Gehirn ist oder weil du dich selbst ungefähr dort ortest, wo dein Gesicht ist ? Ist die Vorstellung, wir könnten mit unserem Gehirn - diesem weichen, gräulichen, blumenkohlförmigen Ding - denken, nicht tatsächlich genauso sinn verwirrend wie die Vorstellung, wir könnten mit unserer Leber denken - diesem weichen, rötlichbraunen, leberförmigen Ding?
Ungeachtet seiner ehrwürdigen Tradition erscheint der Gedanke, dass das, was du bist , nicht einfach ein lebender Körper (oder ein lebendes Gehirn), sondern auch eine Seele bzw. ein geistiges Wesen ist, vielen Menschen als unwissenschaftlich. "Seelen", würden sie vielleicht geneigt sein zu sagen, "haben in der Naturwissenschaft keinen Platz und sind mit einer naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise der Welt unvereinbar. Die Naturwissenschaft lehrt uns, dass es so etwas wie Seelen nicht gibt. Dank der Naturwissenschaft glauben wir nicht mehr an Kobolde und Gespenster, und die suspekte Vorstellung von einer dem Körper innewohnenden Seele - dem ,Geist in der Maschine' - wird bald selber den Geist aufgeben." Aber nicht alle Spielarten der Vorstellung, dass du etwas von deinem rein physischen Körper Verschiedenes bist, sind so anfällig gegen Verspottung und Widerlegung. Manche Spielarten blühen und gedeihen, wie wir sehen werden, im Garten der Wissenschaft selbst.
Unsere Welt ist voll von Dingen, die weder geheimnisvoll und gespenstisch noch einfach aus den Bauklötzen der Körperwelt zusammengesetzt sind. Glaubst du an Stimmen? Und wie ist es mit dem Haarschnitt? Gibt es dergleichen? Was stellt es dar? Was ist, in der Sprache der Physik, ein Loch - nicht ein exotisches Schwarzes Loch, sondern einfach ein Loch, z. B. in einem Stück Käse? Ist es ein körperliches Ding? Und was ist eine Symphonie? Wo in der Zeit und im Raum existiert "Einigkeit und Recht 'und Freiheit"? Ist das Lied nichts als ein paar Tintenkleckse auf einem Stück Papier in der Deutschen Bibliothek? Auch wenn du das Papier zerstörtest, würde die Hymne doch immer noch existieren. Latein existiert noch, obwohl es keine lebende Sprache mehr ist. Die Sprache der Höhlenmenschen in Frankreich existiert Überhaupt nicht mehr. Das Bridgespiel ist weniger als hundert Jahre alt. Um was für ein Ding handelt es sich dabei? Um kein Tier, keine Pflanze, kein Mineral.
Diese Dinge sind keine über Masse verfügenden physischen Objekte oder chemischen Zusammensetzungen, aber es sind auch keine rein abstrakten Objekte - Objekte wie die Zahl Pi, die unveränderlich und in Raum und Zeit nicht lokalisierbar ist. Diese Dinge haben einen Geburtsort und eine Geschichte. Sie können sich verändern, und es kann mit ihnen etwas passieren. Sie können wandern - ziemlich auf dieselbe Weise, wie eine Spezies, eine Krankheit oder eine Epidemie das kann. Wir dürfen nicht glauben, die Naturwissenschaft lehre uns, dass jedes als solches ernstzunehmende Ding sich als eine Anhäufung von Teilchen identifizieren lassen muss, die in Raum und Zeit umherwandern. Manche Menschen mögen glauben, es sei einfach gesunder Menschenverstand (oder schlicht gutes wissenschaftliches Denken) anzunehmen, man selber sei nichts als ein einzelner, lebender, physischer Organismus - ein Haufen Atome in Bewegung -; tatsächlich aber beweist diese Vorstellung nicht etwa nüchternen Verstand, sondern Mangel an wissenschaftlicher Einbildungskraft. Man muss nicht an Geister glauben, um an ein Selbst zu glauben, das eine den einzelnen lebenden Körper transzendierende Identität hat.
Schließlich bist du doch Sarahs Mutter. Aber ist Sarahs Mutter du? Ist sie auf dem Mars gestorben, oder wurde sie zur Erde zurücktransportiert? Du stellst dir vor, sie ist zur Erde zurückgekehrt - und natürlich stellte auch sie sich vor ihrem Einstieg in den Teleporter vor, sie würde zur Erde zurückkehren. Hatte sie recht? Vielleicht, aber was würdest du zu dem Ergebnis sagen, zu dem die Verwendung des neuen, verbesserten Teleklon Typ V führt? Dank des Wunders einer ohne Eindringen in den Körper funktionierenden CAT-Rastertechnik gewinnt er den Bauplan, ohne das Original zu zerstören . Sarahs Mutter würde sich in diesem Fall vielleicht immer noch entschließen, auf den Knopf zu drücken und in die Kabine zu steigen - Sarahs wegen und um die ganze Geschichte ihres tragischen Schicksals durch den Mund einer beredten Stellvertreterin zur Erde zurückzubringen -, aber sie würde zugleich erwarten, sich beim Ausstieg aus der Kabine immer noch auf dem Mars wieder zu finden. Kann irgendeiner - irgend einer - im strengen Sinne des Wortes an zwei Orten gleichzeitig sein? Jedenfalls nicht lange, denn bald würden die zwei unterschiedliche Erinnerungen erwerben und unterschiedliche Lebensläufe haben. Sie würden so verschieden sein, wie nur irgend zwei Menschen sein können. [...]
Klett-Cotta Aus d. Amerikan. v. Ulrich Enderwitz
5. Aufl. 2002, 485 Seiten, Linson
ISBN: 978-3-608-93038-2
autor_portrait
Claude Reyraud

Douglas Hofstadter

Douglas Hofstadter, geboren am 15. Februar 1945 in New York, verbrachte seine Jugend in Kalifornien (davon ein Jahr von 1958 bis 1959 in Genf). Bis...

Daniel C. Dennett

Daniel C. Dennett ist Professor für Philosophie an der Tufts University. Auch er schreibt gern Bücher, die etwas anders aussehen, als man es von den...

Weitere Bücher von Douglas Hofstadter

Gödel, Escher, Bach

ein Endloses Geflochtenes Band

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