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Gefallene Sterne

Aufstieg und Absturz in der Medienwelt

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Von Watergate bis Promigate – wie die Medien Skandale inszenieren

»Die Autoren zeigen deutlich, wer im Genre der Skandalberichterstattung die federführenden medialen Akteure sind.«
Catherine Newmark, Deutschlandradio Kultur 09.01.2012

Promiskandale sind in der Mediengesellschaft allgegenwärtig. Aber wie kommt es zum Skandal? Wer wird warum zum Hauptdarsteller?

Anhand der spektakulärsten Promi-Stürze der letzten Jahre veranschaulichen Marc Polednik und Karin Rieppel eindrucksvoll die Mechanismen von Skandalen. Exemplarisch spielen sie dies unter anderem am Fall Karl-Theodor zu Guttenberg durch.

Mit inszenierten Skandalen wird heute die öffentliche Aufmerksamkeit gelenkt. Prominente werden zu Helden stilisiert, zu Idolen und Ikonen hochgepusht. Mit ihnen identifiziert sich das Publikum – zunächst.

Aber »ganz oben« ist die Luft sehr dünn, und im Olymp ist nur für Wenige Platz. Also bekommt nach und nach jeder Promi seinen Skandal mit Enthüllung, Abstrafung, Fall oder Sturz. Nur ein Gesetz scheint in diesem Zirkus immer zu gelten: Jeder Skandal soll sich für die Medien lohnen, vor allem finanziell.

»"Gefallene Sterne" von Marc Polednik und Karin Rieppel hat mich fasziniert. Es ist ein sehr kluges und reflektiertes Buch über die Mechanismen der Medien und über Skandale und skandalwürdige Promimente. Absolut interessante Lektüre, ein Lesegewinn!«
Frank Menden, Stories!Die Buchhandlung, Hamburg

»Die Autoren zeigen deutlich, wer im Genre der Skandalberichterstattung die federführenden medialen Akteure sind: an vorderster Front immer die Bild-Zeitung, aber mit ihr in erstaunlich regem Austausch auch alle anderen Medien, selbst die seriösen. Die Nacherzählungen der dramaturgischen medialen Kurven - hochschreiben, runtermachen, eventuell später rehabilitieren - sind pointiert und bilden eine unterhaltsame Lektüre ... Man bekommt insgesamt ein ziemlich gutes Gefühl für das Funktionieren der medialen Aufgeregtheitskurven und kann zum aktuellen Fall um den Bundespräsidenten erstaunliche Parallelen ziehen.«
Catherine Newmark, Deutschlandradio Kultur 09.01.2012

»Keine Prominenz ohne Medien. Doch dem schnellen Aufstieg folgt oft ein noch rasanterer Absturz. Die beiden Fernsehjournalisten schildern, welche Mechanismen am Werk sind.«
Medium Magazin, Dezember 2011

»Das Sachbuch von Polednik und Rieppel ist eine erhellende Lektüre für jeden, der die Medien kritisch verfolgt und sollte eine Pflichtlektüre für jeden Prominenten sein.«
Brigitte Grahl, Autorenportal suite101.de, 20.09.2011


»Als Journalisten kennen die beiden Autoren den Medienbetrieb aus dem Effeff. Somit wissen sie auch, dass solche Skandale mitnichten Naturereignisse, sondern sorgsam inszenierte Erzählungen, ja ein «neues journalistisches Genre» sind, wie die Autoren schreiben. Dabei geht es um journalistischen Jagdinstinkt und die Ausübung öffentlicher Macht, es geht um Interpretation, die Bewertung von Charakteren, Motiven, Stimmungen und Beziehungen.«
Michèle Binswanger, Basler Zeitung, 18.08.2011

 
»Diese Chronik der Skandale bringt Vergessenes in Erinnerung.«
Claire-Lise Buis, Bücher, September/Oktober 2011


Inhaltsverzeichnis
Einleitung: »Gefallene Sterne« 7
»Die dunkle Nacht der Bischöfin« Margot Käßmann – von der protestantischen Übermutter zur Rücktrittsikone 18

Debakel oder Desaster Andrea Ypsilanti – vom Shootingstar zur »Lügilanti« 32

Der gute Mensch von Erlangen Heinrich von Pierer – von Mr. Siemens zum Schrebergärtner 49

»Autobahn geht gar nicht« Eva Herman – vom Fernsehliebling zur Unperson 65

»Schneefall im Juni« Michel Friedman – vom jüdischen Scharfrichter zum koksenden Moderator 81

Eine »tickende Biobombe« Nadja Benaissa – von der Popprinzessin zum Todesengel 100

Die »schöne Landrätin« Gabriele Pauli – von der Königsmörderin zur Witzfi gur 116

»Miles and More« Cem Özdemir – von der Eselei zum Comeback 131

Aus der Bahn geworfen Claudia Pechstein – von der olympischen Kufenqueen zur verurteilten Dopingsünderin 143

»Der Manager der Schuld« Dieter Althaus – vom thüringischen Landesvater zum politischen Patienten 161

Die angekündigte Staatsaffäre Thilo Sarrazin – vom Bundesbanker zu Dirty Thilo 177

Der fabelhafte »Dr. Googleberg« Karl-Theodor zu Guttenberg – vom Traumprinzen zum Märchenonkel 197

Der Glaubenskrieg Jörg Kachelmann – vom lustigen Wetterfrosch zum Schattenmann 220
Schluss 244
Literatur 253


Leseprobe
Einleitung: »Gefallene Sterne«

»Medienstar ist man meistens nur sehr kurz.«
(Rudolf Scharping, SPD, 2002 Rücktritt als Bundesminister der Verteidigung)

Den letzten Akt im Drama um den gefallenen Helden zelebrieren die Angehörigen und das Management im Staples Center in Los Angeles. Einmal war er ganz oben, auf dem Olymp eines außerirdischen Erfolges, lange bevor er zugrunde ging. Als sein goldener Sarg, begleitet von einem Gospel-Chor und dem Lied »Hallelujah«, vor das gebannte Publikum getragen wird, beginnen einige zu applaudieren. Dabei hatte man ihn längst abgeschrieben. Es ist das Fanal eines inszenierten öffentlichen Lebens, der plötzliche Tod markiert das abrupte Ende einer glitzernden und ebenso unheilvollen Karriere. Michael Jackson starb jämmerlich in seinem Bett an einer Überdosis des Narkosemittels Propofol. Triumph und Tragödie liegen so dicht beisammen: Auf der Bühne wurde er einst bejubelt, vor Gericht musste er sich später gegen Missbrauchsvorwürfe an Kindern wehren. Die Öffentlichkeit möchte sich das letzte Spektakel nicht entgehen lassen: die Trauerzeremonie sehen etwa eine Milliarde Menschen weltweit auf den Fernsehbildschirmen. In Deutschland ist die Spiegel -Ausgabe mit der Titelstory über »König Einsam« eine der bestverkauften im Jahr 2009. Die Fallhöhe des King of Pop ist allzu groß, es zieht uns, so scheint es, magisch an. Im Scheitern liegt das Schaudern. Das gilt mitnichten nur bei ihm. Das Thema, das bei Michael Jackson so monströs erscheint und global wirkt, steht gleichsam symbolhaft für dieses eine sehr spezielle Medienphänomen. Damit trifft es den Kern dieses Buches.

Es handelt vom Aufstieg und Fall heutiger Medienfi guren. Anders als dieser US-Superstar stehen die Prominenten in den folgenden Kapiteln mitten im Leben, aber auch sie haben alle einmal verloren, haben in einem Moment ihres öff entlichen Wirkens falsch gehandelt, sich über- oder verschätzt, nicht die »ganze« Wahrheit gesagt, die Wahrheit denkbar weit gedehnt, gelogen, laviert, herumgeeiert oder versagt. Jeder Fall ist anders, sie alle vereint jedoch diese eine bittere Erfahrung: die des Sturzes. Alle Personen kennen wir aus unserem Alltag als Zeitungsleser, Fernsehzuschauer, als politisch Interessierte, als bewusste oder unbewusste Zuschauer und Teilnehmer unserer Medienöffentlichkeit. Es sind Mediengesichter, Medienprofis – aber sind es auch Medienopfer?

Die Gescheiterten haben zuvor das hysterische Spiel um öff ent liche Aufmerksamkeit auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten selbst mitbestimmt, sich als Politikerin mit hoher Glaubwürdigkeit inszeniert, als Engel am Pophimmel, als mahnender Jude mit der Lizenz zur moralischen Instanz, als Sportlerin mit lupenreinen Blutwerten oder als integrer Wirtschaftslenker der sogenannten Deutschland AG. Umso schmerzhafter für sie alle, wenn ihr Markenkern wegbricht, der Aufrechte zum Sünder, die Heilige zur Büßerin, der Freiherr zum Betrüger wird. Dabei ist gar nicht immer eindeutig, wer wen manipuliert: die Prominenten die Medien oder umgekehrt?

Im Februar 2010 fährt eine bekannte Bischöfin nachts mit dem Auto, sie ist alkoholisiert, übersieht eine rote Ampel, wird von der Polizei angehalten und um eine Blutprobe gebeten. Wenige Tage später zieht sie die Konsequenzen aus ihrem Fehler und tritt von allen ihren Ämtern zurück. Es ist ein unerwartetes Ende einer steilen Karriere. Zuerst wird sie verhöhnt, verlacht und verspottet, nach dem raschen Abgang und einer kurzen Karenz, bedingungslos gelobt, gefeiert, bejubelt. Von einer machtbewussten Kirchenrepräsentantin zur Spottfigur, von der Spottfigur zur Rücktrittsikone. Binnen weniger Tage. Atemberaubend.

Aber muss man wegen ein paar Promille zu viel wirklich zurücktreten? Dieser Fall war für uns der Auslöser, dem Phänomen Käßmann nachzugehen: Was geschieht hier? Warum wird das private Vergehen, eine Trunkenkeitsfahrt nach Dienstschluss, überhaupt publik? Hat die Öffentlichkeit darauf ein Anrecht? Außerdem: Warum sind wir, wenn Käßmann oder andere Prominente stolpern oder zugrunde gehen, eigentlich immer überrascht? Und wenn das erste Erstaunen verfl iegt, dann sind wir mal erfreut oder amüsiert, mal schadenfroh, meist entsetzt, manchmal auch ein wenig angewidert oder einfach nur beschämt. Warum aber reagieren wir so unterschiedlich?

Es waren diese Fragen und der Fall Käßmann, die uns den Anstoß für dieses Buch gaben. Unsere mediale Welt kennt viele tragische Sinkflüge. Im neuen Zeitalter digitaler Medien wird die Kommunikation immer unmittelbarer und schnelllebiger. Die Taktrate öffentlicher Erregung nimmt zu. Ein Rücktritt, das öff entliche Aus (oder eben auch eine Trauerzeremonie) vollzieht sich in Echtzeit, live übertragen auf allen Kanälen. Wir haben uns zahlreiche Fälle aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen angeschaut und eine Auswahl getroffen, sechs Frauen, sieben Männer: die Pastorin Margot Käßmann, die Fernsehmoderatoren Eva Herman und Michel Friedman, der frühere Berliner Finanzsenator Th ilo Sarrazin, die Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg, Andrea Ypsilanti, Dieter Althaus, Cem Özdemir und Gabriele Pauli, der Wirtschaftsmanager Heinrich von Pierer, die Sportlerin Claudia Pechstein, die Sängerin Nadja Benaissa und der TV-Wettermoderator Jörg Kachelmann. Die folgenden Kapitel erzählen die Geschichten ihrer medialen Existenz und die ihrer (Selbst-)Demontage. Es endet freilich und glücklicherweise nie in einem goldenen Sarg. Einige versuchen ein Comeback, einer stilisiert sich zum Märtyrer, andere verschwinden aus der öff entlichen Wahrnehmung.

Wir, die Autorin und der Autor dieses Buches, sind selbst Journalisten und Fernsehautoren. Wir kennen unseren Betrieb, den Medienzirkus, von innen; es soll dieser Betrachtung nutzen, eine wohlfeile Medienschelte liegt uns fern. Auch den Unterhaltungsfaktor, der den Sturz einer vermeintlichen Ikone immer begleitet, wollen wir niemandem vorenthalten. Im Gegenteil, auch wir amüsieren uns über neuen Klatsch, und wir wissen um die reinigende Wirkung, die ein Abgang mancher Skandalfi guren bewirkt. Dies alles ist »part of the game« einer offenen, pluralen (Medien-) Gesellschaft, die wir durchaus zu schätzen wissen. Dennoch stellt sich die Frage, ob jede Aufregung in Hysterie umschlagen, ob jede Anklage zum Tribunal geraten muss.

Wie sind wir vorgegangen? Wir haben nahezu alle Zeitungen, Online-Seiten, zahlreiche TV-Auftritte und etliche Radiobeiträge über die jeweilige Person vorzugsweise aus der Phase ihres Abstiegs betrachtet und ausgewertet. Vor uns entfalteten sich so zu jedem Fall geradezu einzigartige neue, narrative Gesamttexte. Vor uns lagen Panoramabilder der Ereignisse, wie sie so wohl nur in der Rückschau und im Überblick möglich sind. Wir haben übrigens keine neuen Interviews mit den Betroff enen geführt, da ihre Antworten unserer Ansicht nach letztlich nur ein weiteres Puzzleteil (eine amüsante Beschönigung, eine neue Empfi ndung) im Spiel der Inszenierungen abgegeben hätten, wären die Gespräche auch noch so ehrlich verlaufen. Uns geht es gerade um das originäre, mediale Geschehen während der Phase der Entrüstung. Dies ist der Ausgangspunkt der Betrachtung. Nur der Panoramablick lässt das Schicksal der Gescheiterten noch einmal neu erscheinen und bewerten: Nur so erkennt man die Story hinter der Story und wie sie wirklich erzählt wurde. Auf einmal ergeben sich neue Fragen nach den Mustern der Erzählungen und nach den Motiven. Darüber hinaus kristallisieren sich bei dreizehn Einzelfallanalysen mehr und mehr Verbindungen heraus, ähnliche oder auch diff erierende Abläufe. Was können wir daraus für uns gewinnen?

Für die Betroffenen ist der Absturz fast immer bitter und schmerzhaft, zumal häufig ein Skandal oder ein skandalöses Ereignis den Anstoß gibt zum freien Fall. »Ich glaube, das ist wie ein Trauerprozess«, resümiert Margot Käßmann in einem Interview, als alles vorüber ist und sie einige Wochen von der Bildfl äche verschwindet. Auch die SPD-Politikerin Andrea Ypsilanti meidet fast ein Jahr lang jegliche Öffentlichkeit, nachdem sie zuvor grandios scheiterte und von der Hoffnungsträgerin zur schändlichen Lügnerin mutierte. Es waren diffamierende, sicherlich auch schmerzhafte Attacken gegen sie. »So tief konnte ich mich gar nicht ducken«, sagt Andrea Ypsilanti im Nachhinein. Oder Michel Friedman, ehedem Vize-Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, er stürzt über einen Drogenfund. Am Tag seines öff entlichen Bußgangs fleht er geradezu darum, man möge die Privatsphäre »wenigstens eine Zeit lang respektieren.« Und der einstige politische Überfl ieger Karl-Theodor zu Guttenberg beendet seine Rücktrittserklärung mit den Worten: »Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht.«

Solche Abstürze hinterlassen Spuren, Wut oder Ohnmacht sind die Folge. Öff entliche Angriffe auf eine Person können sogar ein (entwicklungsgeschichtlich gewachsenes) Grundvertrauen in menschliche Bindungen zerstören. Darauf macht der Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger aufmerksam: Die Skandalisierung eines Menschen wecke »Zweifel, ob er das Verhalten anderer noch sinnvoll abschätzen kann«, so Kepplinger, es könne bis zum Kontrollverlust darüber führen, wie andere einen sehen und das wiederum wecke »ungewöhnlich starke Ängste, die kaum zu beherrschen sind, weil es sich um automatische Reaktionen auf Angriffe handelt, die die soziale Existenz bedrohen.«

Wie aber sehen solche Angriffe aus, was kann zu einer kraftvollen Wucht von Empörung führen, was also taugt zum Skandal und was nicht? Ein Vorwurf von allerhöchster Brisanz ist sicherlich der der Vergewaltigung. Jörg Kachelmann ist als ein beliebter und erfolgreicher TV-Wettermoderator der ARD bekannt, als er angeklagt wird und seine Karriere eine plötzliche Wende erfährt.

Dieser Fall offenbart wie kein anderer, wie ein Gerichtsprozess zur medialen Schlacht werden kann. Welche Rolle spielt der Angeklagte, welche die Medien? Wer verfolgt welche Motive?

Wenn Politiker fallen, dann ist die Motivsuche meist einfacher, denn es geht immer auch um Intrigen, Machtverlust und vor allem Machterhalt. Wobei es sehr unterschiedlich sein kann, aus welcher Ecke die Attacke kommt. Als die »schöne Landrätin« Gabriele Pauli den CSU-Chef Edmund Stoiber herausfordert, feiert man sie als Rebellin, andere hingegen trauten sich vorher nicht einmal aus der Deckung, geschweige denn gegen den bayrischen Ministerpräsidenten zu schießen. Später aber teilen sich die Männer die Macht wieder untereinander auf. Und Gabriele Pauli macht es ihnen noch dazu leicht, sie lässt sich auf pikanten Hochglanzfotos ablichten – und was passiert danach?

Auch der CDU-Politiker Dieter Althaus bietet sich dem Boulevard an, als es darum geht, unbedingt Ministerpräsident in Th ü-ringen bleiben zu können. Er inszeniert sich nach einem eigenen, tragischen Skiunfall, bei dem eine Frau stirbt, als treuer, demütiger und verantwortungsbewusster Landesvater. Gibt es Grenzen von Inszenierungen? Ebenso merkwürdig versucht auch die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein die Medien für sich zu instrumentalisieren. Wenn Sportler fallen, dann geht es in der Regel um Doping (so ist es beispielsweise auch bei dem Radprofi Jan Ullrich oder dem Leichtathleten Dieter Baumann). Und so ist es auch bei Claudia Pechstein. Doch ihr Fall ist noch von zusätzlicher Sprengkraft und Spannung, denn nie zuvor ist eine Dopingsünderin derartig uneinsichtig gegen ihre Verurteilung ins Feld gezogen. Ist es ihr gutes Recht? Hat sie Recht?

Eine Sonderrolle in der Berichterstattung über das Versagen und Scheitern nehmen Manager ein. Gerade die jüngste Wirtschafts-, Banken- und Finanzkrise offenbart das Dilemma für Berichterstatter: es gibt handfeste skandalöse Vorgänge, doch alles vollzieht sich nahezu gesichtslos – wer sind die Verantwortlichen? Medien brauchen unbedingt Protagonisten, an denen sie sich abarbeiten können, die dem Geschehen zuzuordnen sind, die Wirtschaftswelt jedoch ist häufig schwer zu personalisieren. Der frühere Siemens-Chef Heinrich von Pierer allerdings ist so ein Gesicht, einst war er einer der prominentesten und begehrtesten Männer der deutschen Wirtschaft, hofiert von Altkanzler Gerhard Schröder und Bundeskanzlerin Angela Merkel gleichermaßen. Bei seinem Absturz aus höchsten Höhen kommt ein eigentümlich befangenes Verhältnis der Presse zur Wirtschaftselite zum Vorschein, wie es bei keinem anderen unserer Fälle zu beobachten ist. Was geschieht hier genau und wie reagiert so ein Mann? Seine Autobiografie, erschienen Anfang 2011, sollte alles aus Pierers Sicht geraderücken.

In Hysterie verfällt das Land, wenn es um Heldendramen geht, in die man Fragen zum deutschen Selbstverständnis und zur deutschen Identität hineinträgt. »Uns treibt die Lust am Untergang«, bemerkt die Süddeutsche Zeitung zum Fall Michel Friedman. Nie zuvor hat ein privates Vergehen eines Moderators diese Republik derart flächendeckend in den publizistischen Ausnahmezustand versetzt. In diesem persönlichen Skandal um Drogenkonsum und Prostituierte fabriziert man die offenbar allzeit aktuelle Frage: Darf man in Deutschland einen Juden öffentlich kritisieren (und ihn fallen lassen), ohne antisemitisch zu sein? Hat sich Friedman davon eigentlich je erholt?

Der Drang nach deutscher Selbstbespiegelung lässt sich sogar noch steigern: Selten ist er so exzessiv ausgelebt worden wie im Fall des Th esenreiters Thilo Sarrazin. Aus einer sogenannten »Staatsaffäre«, wie der Focus notiert, wird ein Tsunami der Erregtheit, es entspinnt sich eine ausufernde Debatte über die deutsche Debattenkultur. Für Thilo Sarrazin führt der schnelle, kollektive Angriff gegen ihn zu einem jähen Ende auf dem Posten als Bundesbanker und zur kompletten Verbannung aus der politischen Klasse. Musste das so ausgehen? Schließlich zelebriert er eine eigentümliche Opferrolle. Wann und wie wird so ein Sündenbock zum Volksheld, und warum bleiben andere chancenlos? Eva Herman, die frühere Tagesschau- Sprecherin, hat ebenfalls einen unschönen Absturz erfahren. Sie tischte zweifelhafte Th esen zum Mutterglück und zur NS-Vergangenheit auf. Aus Kalkül, aus Naivität? Eva Herman, anders als Sarrazin, gibt man der Lächerlichkeit preis, eine groteske Fernsehtalkshow wird zum Fanal. Wollte man sie opfern? Was wollte sie?

»Skandale sind keine Naturereignisse«, hat einmal die frühere grüne Gesundheitsministerin Andrea Fischer gesagt. 2001 trat sie selbst im Zuge eines BSE-Skandals von ihrem Ministeramt zurück. Ist womöglich der äußere Auslöser für einen Fall ebenso Teil der Inszenierung? »Skandal ist Ansichtssache«, lautet die Kurzformel des Soziologen Ronald Hitzler. Anders ausgedrückt: Skandale werden gemacht, sie sind nicht einfach da, es gibt keinerlei objektive Kriterien, nach denen jemand beurteilen könnte, was aufregt und was nicht, was buchstäblich so skandalös ist, dass eine Person darüber fallen müsste. Dies bedeutet nicht, dass die Anlässe der Aufregung nicht berechtigt sein können. Dass man sie aber überhaupt in Szene setzt (und andere nicht), bedarf eben einer bewussten Auswahl und Entscheidung. Hans Mathias Kepplinger bezeichnet daher die Skandalierer, also die, die die Story spinnen, sogar als Künstler, es seien »Geschichtenerzähler, die einem disparaten Geschehen subjektiven Sinn verleihen und dadurch für die Allgemeinheit nachvollziehbar machen.« Skandale seien »moderne Märchen mit human-interest-touch«, meint der Kommunikationswissenschaftler Steffen Burkhardt. Märchen vermitteln Normen und Werte, Kinder lernen anhand von Märchenfi guren die Konsequenzen, wenn man sich so oder so verhält. Und Skandalgeschichten kreisen tatsächlich ähnlich wie Märchenstoffe um moralische Fragen, um Werte und Normen. Sie sind ebenso erzählerisch konstruiert, es gibt Haupt- und Nebenrollen, und es entsteht immer auch eine Moral, die am Ende bei uns hängen bleibt (bleiben soll).

Wer aber moralisiert, tut dies offen oder subtil. Du sollst nicht lügen! Das könnte beispielsweise das Fazit der Geschichte der gescheiterten hessischen SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti sein. Ja? Ist das des Pudels Kern? Du sollst verantwortungsbewusst beim Sex mit deinem Partner umgehen, das könnte auf den ersten Blick die Moral der Geschichte um Nadja Benaissa sein. Die HIV-infizierte Sängerin der Popband No Angels wird vor Gericht angeklagt, absichtlich jemanden angesteckt zu haben. Aus dem Popsternchen macht man den Todesengel. Ein Todesurteil. Welche Wertmaßstäbe offenbaren eigentlich die Macher solcher Schlagzeilen?

Alkoholrausch, Bordellbesuch, Ehebruch, ungeschützter Geschlechtsverkehr ... – immer geht es um (vermeintliche) Tabubrüche. Doch wer bestimmt, was richtig, was falsch ist? Damit sind wir wieder bei der Moral, die Konsequenz daraus liegt nahe: »Die Moral«, sagt der Kommunikationswissenschaftler Steff en Burkhardt, »ist der Schlüssel zum Verständnis des Medienskandals.« Eigenartig bleibt dabei, dass wir von öff entlichen Personen einen derartigen moralischen Rigorismus einfordern, den ein Normalsterblicher kaum erfüllen kann. Jeder begeht Fehler, es ist allzu menschlich, was aber gestatten wir unseren Helden und was nicht? Und wann verzeihen wir (oder auch nicht)? Wie ist es beispielsweise im Fall einer plagiierten Doktorarbeit und eines erschwindelten akademischen Titels? Bei dem früheren Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg werden bereits am Tag seines Rücktritts die Chancen einer Wiederkehr überall besprochen und ausgelotet. Seine politische Karriere ist rasant, der Absturz aus geradezu schwindelerregenden Höhen jäh und sicherlich auch persönlich blamabel. Wie konnte der ehrgeizige Freiherr so emporsteigen, warum so fallen?

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir ist ein gutes Beispiel für ein gelungenes Comeback. Heute dürfte man sich kaum noch daran erinnern: Er stürzt als junger Mann über die Vorteilsnahme durch privat genutzte Bonusflugmeilen, und dies ausgerechnet als deutsch-türkischer Musterknabe. Oder konnte er vielleicht gerade deshalb zur leichten Beute werden?

Eine unserer Beobachtungen möchten wir noch vorausschicken: In diesem Buch wimmelt es nämlich von Dauergästen, sie haben sich auf (bequemen) Logenplätzen eingerichtet und kommentieren von dort nahezu jedes Ereignis (nicht immer führen wir sie an). Je tiefer wir uns in die Fälle eingruben, desto klarer wurde es: diese Kommentatoren sind im Grunde schon da, bevor es losgeht, nennen wir sie darum einmal die moralischen »watch dogs«, das trifft es am besten: Alice Schwarzer zum Beispiel, die verdiente Feministin, sie ist immer zur Stelle, wenn es um Frauen oder Männer geht, also eben immer – egal ob Kachelmann, Ypsilanti, Friedman ... Schwarzer bildet sich eine Meinung, zuletzt auch im Boulevardblatt Bild und bildet damit für die Zuschauer eine verlässliche Konstante, wenn es knallt, dann weiß sie Rat, liefert bereitwillig eine Einordnung. Ihre Einordnung. Oder der Boulevardstratege Franz Josef Wagner: Der frühere Chefredakteur von Bunte und BZ hat durch seine Dauerkolumne in der Bild (»Post von Wagner«) ein außerordentliches Forum, eine exklusive Sonderstellung, von dort erteilt er dem gefallenen Prominenten entweder gute Ratschläge oder lenkt eben die Leser in die richtige Bahn. Ein drittes Beispiel: Henryk M. Broder. Der mal erfrischende, mal nervende Dauerkommentator hat als jüdischer Polemiker seine eigene Marke ebenfalls exzellent besetzt: Wenn alle anderen »böse!« brüllen und zur Verdammnis rufen, wie etwa im Fall Sarrazin, dann sagt Broder natürlich: »Sarrazin? Super!« Das wiederum wäre in der Causa Sarrazin im Grunde sogar sehr anregend gewesen, da es aber in der Gesamtschau all unserer Kapitel bei Broder auch permanent eine bloße Masche und Attitüde ist, erfüllt er wie alle anderen dieser prominenten Dauerkommentatoren in erster Linie eine »Scharnierfunktion« – zwischen Skandalisierten und Skandalpublikum. Dabei hat ihr Tun nicht selten etwas Zwanghaftes, als ob dem Pawlow'schen Hund die nächste Glocke geläutet wird, wodurch der Speichelfluss nachhaltig und auf jeden Fall angeregt wird. Wir werden noch erleben, wie gerne alle immerzu um sich selbst kreisen.

Zu Beginn unserer Recherchen stand Margot Käßmann, also fangen wir mit ihr an. Auf dem deutschen Medienmarkt wird mit ihrer Alkoholfahrt und dem Karriereknick ähnlich erfolgreich Auflage und Quote gemacht wie mit der Michael-Jackson- Story. Arnd Brummer, Chefredakteur der evangelischen Zeitschrift Chrismon , kommentiert daher zum Käßmann-Rücktritt ein wenig verbittert: »Die einzige Moral, die hier wirkt, ist die des Kapitalismus.« Geht es also vielleicht vornehmlich um ökonomisches Kalkül? Käßmann setzt man nach ihrem Aus als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche übrigens einmal mehr auf den Spiegel -Titel als den »König Einsam« Michael Jackson . Der Name dieses Th riller-Man aber wird wohl noch für lange Zeit gleichsam stellvertretend für dieses schaurige und brutale Ritual der Medienwelt im Gedächtnis bleiben: Erst gefeiert, dann gefallen. In seinem Fall – R. I. P.

»Die dunkle Nacht der Bischöfin«

Margot Käßmann – von der protestantischen Übermutter zur Rücktrittsikone

»Eine Frau, die sich nachts betrinkt, eine Frau, die sich glücklich trinkt.Eine Frau, die nicht Bischöfi n ist, sondern eine Frau. Eine Frau, die nicht göttlich ist.«
(Bild am 24. Februar 2010)

»Ist die Alkoholfahrt nicht nur der Tropfen – oder der Liter –, der das Fass zum Überlaufen bringt?«
(Die Welt am 24. Februar 2010)

Jetzt, ein halbes Jahr danach, steht sie da mit einer Fahrradluftpumpe in der Hand und schmunzelt. Es ist ihre Auskunft auf die Frage: »Vermissen Sie das Autofahren?« In den herrlichen wortlosen Interviews »Sagen Sie jetzt nichts!« des Magazins der Süddeutschen Zeitung reden die Befragten nicht, ihre Antworten sind ein entsprechender Gesichtsausdruck, die Körperhaltung, ein Utensil, festgehalten auf Schwarzweiß-Fotos. Es ist vielleicht das beste Interview, das Margot Käßmann zu ihrem persönlichen Absturz gegeben hat. Die Frau kann also über sich selbst noch lachen.

Dabei waren es dramatische Stunden, die sich abspielten, als ihre Trunkenheit am Steuer öffentlich wurde. Dramatisch auch der Abgang: Für ihre Erklärung benötigt Margot Käßmann drei Minuten und sechsunddreißig Sekunden, dann ist die Pastorin als Bischöfin und als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche von ihren Ämtern zurückgetreten. Gerade einmal nach gut 100 Tagen als Ratsvorsitzende. Noch nie war eine Frau an der Spitze in dieser Funktion, es ist eine kurze Amtszeit, eine knappe Begründung und ein schneller Abschied durch einen Seiteneingang des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Hannover.

Fragen sind auf der Pressekonferenz an diesem Februarnachmittag 2010 nicht zugelassen und während die Geschlagene den Raum verlässt, klatschen Zuhörer spontan Beifall. Anerkennung für eine Gefallene? Applaus nach einer Rücktrittserklärung? Es muss ein ungewöhnlicher Abgang sein, mit dem wir es zu tun haben.

»Mensch Käßmann – Vom Umgang mit der Schuld«, titelt Der Spiegel danach und räumt das gesamte Cover frei für das bloße Gesicht dieser Frau, die Augen geschlossen, sie wirkt in sich gekehrt, es ist ein freundlicher Ausdruck. Einen so »entschiedenen, schnörkellosen Rücktritt« habe »Deutschland nicht oft erlebt«, heißt es dann im Text, eine so prominent platzierte Titelgeschichte des Hamburger Nachrichtenmagazins allein über den Aufstieg und Fall einer Kirchenfrau aber auch nicht.

Die Protestantin schafft es vier Monate danach sogar noch einmal vorne auf den Spiegel : Diesmal ist sie abgebildet auf einem Autorücksitz, sie schaut in die Kamera, die Scheibe ist heruntergelassen, es wirkt wie ein Paparazzo-Foto. »Der Druck ist gnadenlos«, steht dazu ihr Zitat, es ist ihr erstes öff entliches Resümee nach einem atemberaubenden Sturz. Warum aber überhaupt diese immense mediale Aufmerksamkeit? Ist ihr Gesicht ein Versprechen für eine hohe Auflage? Was aber würde das erklären? Was bewegt uns an diesem Fall?

Das ungewöhnliche Vergehen, eine Promillefahrt einer Kirchenfunktionärin, allein erklärt nicht ihr Phänomen. Margot Käßmann ist eine beliebte, prominente Person, die off ensiv mit Privatem umgegangen ist, so bei ihrer Brustkrebserkrankung 2006 und ihrer Scheidung 2007. Will man den Fall Käßmann wirklich verstehen, muss man sich die spannende Dramaturgie dieses Abstiegs genau anschauen, sie kennt ein Vorspiel, einen Höhepunkt, ein Ende, und schließlich noch: einen Wendepunkt. Da ist im Vorfeld die heftige Kontroverse um die Neujahrspredigt zum Krieg in Afghanistan, da ist das Verkehrsdelikt und der damit einhergehende Rücktritt, und darauf das Comebackin die Öffentlichkeit auf dem Ökumenischen Kirchentag in München, nur drei Monate nach dem tiefen Fall. Es ist der Fall einer Frau, der zugleich viele Facetten unseres Zusammenlebens behandelt: Fragen nach Schuld, Sühne, Verantwortung. Beginnen wir mit dem Ende.

Vom Suff zum Alkoholproblem

Dieses Ende der bemerkenswerten Kirchenkarriere beginnt um 22.50 Uhr am Samstag, den 20. Februar 2010. Margot Käßmann fährt alkoholisiert Auto, übersieht eine rote Ampel und gerät in eine Polizeikontrolle. Allein dies sind genügend Zutaten für Hohn und Häme, die sie über sich ergehen lassen muss: »Lalleluja«, ruft der Berliner Kurier , »Die dunkle Nacht der Bischöfi n«, schreibt Bild am Sonntag , »Welcher Teufel hat sie geritten?«, fragt der Express , und die Hannoversche Allgemeine weiß: »Polizei erschüttert über Promillefahrt«. Die erste Presseschau lässt sich rasch bilanzieren: Ein Teufelswerk in dunkler Nacht. Lalleluja.

Viele Zeitungen breiten sodann genüsslich die Frage aus, wie viel und was eine so »zarte, zierliche Frau« eigentlich bei 1,54 Promille konsumiert habe: »ein Glas Prosecco, zwei Gläser Wein«, dürften es nach Schätzungen der Bild am Sonntag sein, »eine Flasche Wein«, sagt die Berliner Zeitung , »eine gute Flasche Wein«, meint die taz . Die Welt schlussfolgert: »also stockbetrunken«, »im Suff«. Auch einen Ernährungsexperten bemüht man, demnach müssten dem Alkoholpegel »0,7 Liter Wein oder 1,5 Liter Bier innerhalb einer Stunde« (Bild am Sonntag) zugrunde liegen. Dies alles sind bloße Behauptungen, getarnt als eine Art Faktenaufarbeitung. Es ist die Stunde der Empörung.

Margot Käßmann merkt später an, dass sie die Promillezahl aus der Zeitung erfahren habe. Zweifel an dieser Version scheinen unbegründet, es ist ein ungeheuerlicher Vorgang. Formal betrachtet handelt es sich um einen privaten Vorfall nach Dienstschluss – aber: die Frage nach Relevanz und nach dem Schutz von Persönlichkeitsrechten stellt sich in der Aufregung nicht, und dies hat nichts mit der vermeintlichen Schwere des Verkehrsdeliktes zu tun, wie man annehmen könnte, geschuldet ist es vielmehr dem logischen und zwingenden Muster einer perfekten Skandalisierung. Im Fall Margot Käßmann läuft eine Medien-Maschinerie bereits auf Hochtouren. Ihre Alkoholfahrt muss dämonisiert werden, andernfalls hätten wir es vielleicht mit ein bisschen Klatsch aus Hannover zu tun, nicht aber mit einem so augenscheinlich skandalösen Ereignis von nationalem Rang.

In einem nächsten Schritt konfrontiert man die Betroff ene mit früheren Aussagen, so fällt ihr jetzt ein altes Interview zur Fastenzeit und die Frage nach Enthaltsamkeit auf die Füße, viele Zeitungen zitieren es erneut: »Ja, ich merke auf einmal«, so Käßmann damals, »wie sehr ein Glas Wein am Abend zur Gewohnheit werden kann.« Das zeigt Wirkung. In einer interaktiven Hörfunksendung von Bayern 2 am 24. Februar 2010 fragt gleich der erste Anrufer, ein Priesteramtskandidat, ob Frau Käßmann vielleicht ein Alkoholproblem habe, und wenn dies der Fall sei, so empfi ehlt der junge Mann, dann müsse sie zurücktreten.

Das Hamburger Abendblatt fasst die kursierenden Spekulationen zusammen, die um die Frage kreisten, »wie sehr Käßmann an Alkohol gewöhnt ist.« Ein trickreiches Stilmittel in der Berichterstattung: die Zeitung ist nicht selbst die Quelle, sondern stellt sich als Chronistin dar, die vorgeblich allein Schlagzeilen anderer anführt, um so aber zugleich die Debatte weiter anzuheizen.

Das skandalöse Geschehen um Margot Käßmann nimmt seinen Lauf und erreicht schnell eine neue Qualität: es ist die Phase der persönlichen Diffamierung. Denn wer Alkohol aus Gewohnheit trinkt, ist abhängig. Somit kursiert dieser meist verklausulierte Verdacht, die Frau könnte süchtig sein. Ebenfalls frühere Interviews mit dem TÜV Nord und einem Internetportal, in denen Käßmann Unverständnis über drogenauff ällige Autofahrer artikuliert (»Das kann ich nicht nachvollziehen«), zielen jetzt im Kontext des persönlichen Fehlers auf die ethische Integrität. Diese Attacke fällt nicht mehr schwer, denn die Tat steht den Worten einer Bischöfin und Ratsvorsitzenden mit hohem moralischem Anspruch offenkundig diametral entgegen. Alle Zuspitzungen bündeln sich über kurz oder lang in der einzigen Frage, die unterschwellig überall auftaucht: Dürfen wir einer Bischöfi n (noch) vertrauen, die betrunken Auto fährt?

Ein Skandal, so der Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger, beruhe auf einem absoluten Geltungsanspruch sozialer Normen oder er ziele auf die Etablierung solcher Werteordnungen. Dieser Geltungsanspruch werde mit dem Ziel der öffentlichen Ächtung exemplarisch durch die Skandalisierung einer Person, die Normen verletzt, dokumentiert. Bei Margot Käßmanns Verhalten im Straßenverkehr herrscht schnell Einigkeit darüber, dass es sich um einen groben Verstoß gegen einen normativen Verhaltenskodex handelt: Betrunken Auto zu fahren ist fahrlässig, verantwortungslos – und im konkreten Fall moralisch fragwürdig.

Franz Josef Wagner spielt daher auch auf Käßmanns besondere Rolle als Kirchenrepräsentantin an und mimt den Verständnisvollen. Schwülstig schreibt der Boulevardstratege: »Auf den Schultern dieser zarten Frau Margot Käßmann liegt die ganze Evangelische Kirche Deutschlands«, und dann rät Wagner der »lieben Bischöfin«: »Schreien Sie sich Ihr Leben als Frau heraus.« Die Aufregung um Margot Käßmann erreicht somit schnell ihren Höhepunkt und es kommen alle handwerklichen Regeln des Boulevardjournalismus zur Entfaltung: allein die vorhandenen Faktoren reichen für eine schöne emotionale Dramatisierung: Kirche, Alkohol – und Frau.

Wäre die mediale Begleitmusik, diese rasante Ausdehnung, anders verlaufen, wenn ein Mann in gleicher Position betrunken Auto gefahren wäre? Wenige diskutieren diese Geschlechterfrage, einige Blätter erinnern an die Trunkenheitsfahrt mit 1,7 Promille des früheren CSU-Generalsekretärs Otto Wiesheu von 1983, ein Mensch kam ums Leben, Wiesheu trat zurück, zehn Jahre danach wurde er dennoch bayrischer Wirtschafts- und Verkehrsminister, 2006 wechselte der Politiker in den Vorstand der Deutschen Bahn. Natürlich ruft die Causa Käßmann auch Alice Schwarzer auf den Plan, sie formuliert im Deutschlandradio Kultur hier ganz zutreffend: »Ein Mann, der trinkt, der ist fidel. Bei Frauen komme dagegen sofort die Frage: Hat die Kummer?«

Auch die frühere Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter betont in einem Interview mit Spiegel Online , dass gerade Frauen in der Kirche immer noch in einer Pionierrolle seien, ihr bitteres Fazit lautet daher: »Der Sexismus hat ein Neidgesicht.« Ist Käßmann ein Opfer männlicher Konkurrenz? Diese Problematik ist in ihrem Fall ein wenig knifflig.

Margot Käßmann waren die Frauen verachtenden Züge, die in dem Hohngelächter zu ihrer Trunkenheitsfahrt anklingen, bereits bekannt, sie hat dies in abgeschwächter Form schon einmal nach ihrer Scheidung 2007 erlebt. In ihrem Buch In der Mitte des Lebens , das für Autorin, Verlag und Buchhandel sehr schnell zum Verkaufsschlager avanciert, schreibt sie darüber, es habe auch »Zurückweisung, Häme, Giftspritzen ohne Absender, Leserbriefe ohne Barmherzigkeit, die Freude am ›tiefen Fall‹ eines Menschen,eine Lust geradezu an der Herabsetzung« gegeben. Ähnlich wie in der medialen Alkohol- und der Afghanistan-Debatte, in der hauptsächlich männliche Journalisten zur Feder greifen, dürften auch diese feindlichen Leserreaktionen auf ihr Buch von einem eher kleinen, aber agilen männlichen Publikum stammen. Denn ganz anders verhalten sich die Frauen, die Käßmann bewundern und auf Kirchentagen und Gottesdiensten geradezu frenetisch bejubeln. Es gibt eine vornehmlich evangelisch geprägte, sehr treue und große Anhängerinnenschaft. So richtet Margot Käßmann ihren Bestseller zur Lebenskrise denn auch explizit an ihr weibliches Publikum, sie weiß um ihre Fans und konstatiert gleich im Vorwort ein gemeinsames »Grundgefühl« der Frauen um die 50: »Beim Schreiben ist mir deutlich geworden, dass Männer sicher vieles anders empfinden, insofern müsste wohl in der Tat ein Mann das Buch für die Männer in der Lebensmitte schreiben.«

Gerade einige Männer lassen sich sehr schnell von Käßmann provozieren, wie wir gleich in der hitzigen Anti-Kriegs-Debatte noch sehen werden.

Die wunderbare Welt der Bischöfin

Das eigentliche Vorspiel vor ihrer Demission beginnt in der Weihnachtszeit 2009 und es erscheint im Rückblick als ideale Voraussetzung für die später wirksame Skandalisierung, denn Margot Käßmann ist interessanterweise bereits ungefähr sechs Wochen vor ihrer Alkoholfahrt in aller Munde. Und somit beim Publikum als kritische Figur brillant eingeführt. In der Predigt am Heiligabend in der Marktkirche in Hannover und in der Neujahrspredigt in der Dresdner Frauenkirche erwähnt sie den Bundeswehreinsatz am Hindukusch, sie sagt den folgenschweren Satz: »Nichts ist gut in Afghanistan.«

Seit langem steht die politische Klasse einer in der Bevölkerung ablehnenden Haltung dieses Krieges gegenüber, wie Meinungsumfragen immer wieder belegen. Es mag dies ein Grund dafür sein, weshalb die Kontroverse dann öffentlich so heftig ausfällt: Käßmanns Urteil über Afghanistan sei »hochmütig«, sie ziehe den Soldaten »nahezu den Teppich unter den Füßen« weg (Sächsische Zeitung), Die Welt attestiert ihr einen »Denkfehler« und bemerkt ebenso: »Hochmut von der Kanzel.« In der Wochenzeitung Die Zeit übernimmt gleich der Herausgeber und Auslandsexperte Josef Joffe die Kommentierung, kritisiert eine Realitätsferne und den puren Pazifismus und spricht etwas abschätzig von der »Bergpredigt für Kabul.« Freilich kann man vorzüglich darüber diskutieren, wie wohlfeil ihre Worte zu diesem Krieg sind, doch die Kritik intendiert etwas anderes und der Pfeil zielt allein in eine Richtung: direkt auf sie. Am deutlichsten ist es hier: Auch der Herausgeber von Springers Welt , Thomas Schmidt, greift persönlich ein, er wirft Käßmann schließlich eine Selbstverliebtheit vor – sie sage »zu gerne ich«. Mit diesem Tadel verwandelt sich die politische Debatte über Afghanistan in eine persönliche Diffamierung, auch andere Berichte beharren immer wieder auf einer gewissen Blauäugigkeit der Protestantin: »Die wunderbare Welt der Bischöfi n Käßmann« (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung).

Sogar der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin fühlen sich berufen und pflichten Käßmann in der hitzigen Debatte plötzlich bei. Der Verteidigungsminister verhält sich taktisch klug, er lädt die kritische Christin in einem persönlichen Gespräch ein zu einem Truppenbesuch ins Kriegsgebiet. Zu dieser Reise im Rahmen ihres Kirchenamtes wird es nicht mehr kommen.

Margot Käßmann wusste um die Wirksamkeit der Medien, sie ist ein Profi in Sachen Öffentlichkeitsarbeit, wo sie war, »war Rampenlicht«, wie die taz einmal trefflich formulierte, und so lange man sie als träumerische Pazifistin tituliert, scheint ihr Kalkül aufzugehen. Käßmann betont zwar immer wieder, wie stark sie überrascht worden sei von der Wucht dieser Berichterstattung, man habe einen Mini-Nebensatz aus ihrer Predigt aus dem Zusammenhang gerissen, doch besonders glaubwürdig ist diese Form der vorgetragenen Unschuld nicht. Insgesamt läuft es für sie in der Afghanistan- Debatte also gar nicht schlecht. Sie erreicht ein enormes Medienecho mit einer schlichten christlichen Anti-Kriegs- Botschaft, um so viel Aufmerksamkeit müssen die Kirchen in Deutschland sonst vergeblich buhlen.

Ein halbes Jahr nach ihrem Rücktritt beklagt sie diese fehlende Präsenz kirchlicher Inhalte in den Medien in einem Spiegel -Interview: »Fünf Millionen gehen regelmäßig am Sonntag in einen Gottesdienst, nur 700 000 besuchen am Wochenende ein Fußballstadion. Über Fußball aber wird ständig berichtet.« Sie und die Medien, dieses Thema treibt sie um, lässt sie nicht los, auch in ihrem Blog aus den USA (»Notizen aus Übersee«), wo sie im Herbst 2010 Gastdozentin an der Emory University in Atlanta ist, schreibt sie in ihren ersten Einträgen fast kindlich überwältigt von den vielen religiösen Sendungen auf diversen amerikanischen TV-Kanälen.

Bei ihrem Absturz aber, da erlebt sie die unschöne Seite ihrer Bekanntheit. Die Intensität der öffentlichen Anfeindung in der Afghanistan-Kontroverse dürfte Margot Käßmann bei aller Medienkompetenz stark berührt haben, und es werden diese tiefgreifenden Eindrücke sein, die bei der Entscheidung zum Rücktritt nachwirken. Dann ist es das erste Mal, dass sie bei einem (privaten) Vorgang, der Trunkenheitsfahrt, nicht selbst entscheiden kann, in welche Richtung man diskutiert und was sie preisgibt und was nicht, auf die Außenwirkung in der breiten Darstellung hat sie keinen Einfluss mehr. Am Tag ihres Abgangs geht sie darauf indirekt ein, als sie betont, wie sehr sie ihre Autorität infrage gestellt sieht: »Die harsche Kritik etwa an einem Predigtzitat wie ›Nichts ist gut in Afghanistan‹ ist nur durchzuhalten, wenn persönliche Überzeugungskraft uneingeschränkt anerkannt wird.« Ihr vorletzter Satz an diesem Tag, »Du kannst nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand«, verdeutlicht, wie sehr sie den Abgang auch als Schmach und erschütternde Niederlage empfindet. Musste sie gehen?

Die Berliner Zeitung gelingt das Geschehen mit einem Schuss ironischer Selbstkritik: »Die Medien haben nur zwei Tage benötigt, um sie zur Strecke zu bringen. Chapeau!«

Die Ikonisierung

Erst gefallen, dann gefeiert: Für ihre flotte und unmittelbare Niederlegung aller Ämter überschüttet man Margot Käßmann nach ihrem Scheitern in fast allen Publikationen mit Lob, sie ist jetzt »die Frau, die einen neuen Maßstab für Rücktritte gesetzt hat« (Der Spiegel). »Ein starker Abgang«, kommentiert die Hannoversche Allgemeine, und Bild heuchelt: »Käßmann verdient Achtung.« Das Boulevardblatt treibt es dann noch auf die Spitze und lässt einen honorigen Gastautoren, Professor Ernst Elitz, Gründungsintendant des Deutschlandradios , einen »Ehrentitel« für Käßmann vergeben. Sein Artikel endet mit den Worten: »Sie ist eine tapfere Frau.« Das klingt sehr nach den schmalen Wagner'schen Schultern, auf denen diese personifizierte, weibliche Tapferkeit bekanntlich alle Lasten zu tragen hat. Die Gescheiterte verwandelt sich unfreiwillig zur Ikone. Aus der Ächtung des Fehltritts wird die Achtung für den Rücktritt. Ein seltener Vorgang.

Ihre Entscheidung fällt in eine Zeit, in der die andere Kirche in Deutschland, die katholische, wegen Missbrauchsfällen am Pranger steht. Käßmanns Offenheit und Konsequenz wird daher in Kontrast zu dem Verhalten der katholischen Amtsträger gesetzt. »Warum macht es Mixa nicht wie Käßmann«, fragt Bild dann im Sommer 2010, als der katholische Bischof trotz massiver Vorwürfe gegen ihn nicht abtritt. Das Blatt beschreibt dieses evangelisch-katholische Gegensatzpaar – wörtlich – so: » Beauty and the Beast«. Punktsieg für Beauty, die Schöne.
Somit gelingt Margot Käßmann durch die rasche Ämterniederlegung eine kluge und weitsichtige Schadensbegrenzung in eigener Sache, das unterscheidet diesen Fall generell von den Sündern in anderen Skandalen, die es vorziehen möglichst lange im Amt zu bleiben, dadurch aber die Reputation vollständig verlieren. Wir lernen solche Kandidaten noch kennen. Margot Käßmann weiß darum. So ist sie zudem kein bloßes Medienopfer, das ist ihr klar, denn nur sie trägt die Verantwortung für die alkoholisierte Autofahrt. Allein die Wirkung beim Publikum können »die« Medien beeinflussen, verstärken, mildern – und tun es auch –, sie begehen aber nie das Missliche, die Schmach, die Blamage, den Grund aller Aufregung selbst.

In der Hochphase der Anklage geht es um den Vorwurf der Doppelmoral (Wasser predigen, Wein trinken), durch ihren Abschied nimmt Margot Käßmann jetzt das Heft des Handelns wieder in die Hand, sie agiert, bereut, bittet die Zuhörer um Vergebung. Aus der Sünderin wird die Reuige, so behält die Gescholtene ihre Glaubwürdigkeit und schafft damit zugleich bereits beim Abgang beste Voraussetzungen für eine künftige Rehabilitation. Ihr Eingeständnis eines schweren Fehlers ist ein öff entlich inszeniertes Demutsritual. Bei ihr ist es der Schlüssel für eine fortwährende Beliebtheit. Das funktioniert nicht immer, bei Margot Käßmann aber schon. Warum?

Weil sie authentisch auftritt. Sie ist die Frau der biografi schen Brüche, so hat sie sich bisher dargestellt. Dieser Ruf kommt ihr in der Phase tiefster Schmach entgegen. Sie gewann ihr Ansehen in den Jahren zuvor durch ihre (wohldosierte) Offenheit bei ihrer Krebserkrankung und ebenso bei ihrer Scheidung. Sie galt als die Frau, die Veränderungen meistert, und imponierte. In dem Abgang drückt sich zudem noch eine ureigene protestantische Position aus, die es in der katholischen Kirche so gar nicht geben kann: Es ist die Vorstellung vom Priestertum aller Glaubenden, nach der die Bischöfin nur ein Amt ausübt (und kein Weihesakrament), ansonsten aber eben ein gewöhnlicher Mensch bleibt. Vom Amt kann man zurücktreten, genau das tut sie jetzt. Eine klare Haltung, die erneut imponierte.

Und dann ist es still. Die Gestrauchelte taucht drei Monate nicht mehr in den Medien auf. Ihre erste große öff entliche Präsentation nach dem Rücktritt ist dafür umso fulminanter, jetzt tituliert man sie als »Star«, aber etwas hat sich verändert, wie wir gleich sehen werden. Diese Rückkehr in die Öff entlichkeit vollzieht sie im Mai 2010 in einer Münchener Buchhandlung, zweieinhalb Stunden vor der offi ziellen Eröffnung des Ökumenischen Kirchentages. Margot Käßmann stellt ihr neues Buch Das große Du vor; es behandelt das Vaterunser, Beten im Alltag. Die Trunkenheitsfahrt spielt für sie scheinbar keine Rolle mehr, sie betreibt auf dem Kirchentag Basisarbeit, Lesungen, Predigtauslegungen. Ihre Veranstaltungen sind überfüllt, Interviews gibt sie fast keine, man soll sie in ihrer Arbeit erleben, bei der Basis. Dadurch bleiben ihre Auftritte für sie kontrollierbar. Ihre Anhänger weiß sie auf ihrer Seite, bei Journalisten wähnt sie sich nach den jüngsten Erfahrungen wohl nicht mehr so sicher.

Das Medienecho ist immens: »Die Auferstandene«, »Aus der Asche«, »Comeback einer Sünderin«, »Die Zauberin ist wieder da«, und allgemein herrscht Freude über die neu entdeckte Dreifaltigkeit: »Popstar, Übermutter, Mängelexemplar.« Nach der Ikonisierung beginnt die Heiligsprechung. So spinnt sich die Geschichte der Gefallenen zu einer neuen Episode, die sich erfolgreich vertreiben lässt. Durch ihre selbst gewählte mediale Auszeit, verknappte sie das »Produkt Käßmann« am Markt, jetzt, da es wieder lieferbar ist, sorgt es mit dem Label »heilig« für noch mehr Absatz. Das mag zynisch klingen, aber alle Beteiligten sind erwachsen und wissen, worum es geht. Die eine möchte wieder etwas sagen, die anderen wollen an ihrer Botschaft – genauer: an ihrer Geschichte vom Aufstieg und Absturz – verdienen. Allein dem Publikum bleibt die Wahl, ob es zuhören oder sich abwenden will.

Wie sehr Margot Käßmann das Spiel um das knappe Gut medialer Aufmerksamkeit beherrscht, zeigt ihre einkalkulierte Provokation zum Thema Verhütung auf diesem Kirchentag. Bei einem Gottesdienst in der Münchner Liebfrauenkirche äußert sie, man könne die Pille »auch als ein Geschenk Gottes sehen« – in einer katholischen Kirche eine Ungeheuerlichkeit, an diesem Ort hätte man die protestantische Position auch weniger pathetisch ausdrücken können. Jedoch bleibt die Empörung aus, der Wendepunkt ist längst überschritten. Diesmal verläuft es nicht wie bei der Afghanistan-Debatte: Das Wort der früheren Kirchenfunktionärin verpufft. Noch vor wenigen Wochen hätte ihr Lob der Pille auf katholischem Terrain, als sie noch Landesbischöfi n und Ratsvorsitzende der EKD war, wahrscheinlich heftigste Reaktionen hervorgerufen. Aber diesmal schweigen der Vorsitzende der Bayrischen und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Zu einem Eklat, der öffentliche Aufmerksamkeit sichert, gehören zwei: Die, die provoziert und die, die sich erregen lassen. Daran zeigt sich wunderbar, welche Rolle Medien ebenfalls spielen: Sie sind keine Akteure, sondern vermieten die Bühne. Ohne einen Kronzeugen ist kein Spektakel von Dauer, ohne einen Ankläger funktioniert keine Empörung. Medien können selektieren, zuspitzen, auch unfair spielen, freilich selbst enthüllen, doch letztlich bieten sie zuvorderst die Plattform, auf dem Podium aber, da müssen die Kontrahenten schon agieren wollen, sonst würde es sehr schnell sehr öde.

Die Pille als Geschenk Gottes? Aus Käßmanns Mund sorgt eine solche Äußerung nach der Aufgabe ihrer Ämter für keine Entrüstung mehr. Erstmals dürfte sie nach ihrem Rücktritt gespürt haben, was es bedeutet, ohne rhetorische Macht qua Amt zu sein. Sie hat ihre Geradlinigkeit im Abgang bewiesen, dafür ist sie gefeiert worden. Gewonnen aber haben einstweilen auch ihre (männlichen) Kritiker und Gegner, denen diese machtbewusste Frau an der Spitze der Evangelischen Kirche ein Dorn im Auge war.

Vier Monate nach ihrem Ausscheiden resümiert sie in einem Spiegel -Interview: »Für eine Fahrlässigkeit hat die ganze Angelegenheit eine große Dimension bekommen«, sie beurteilt den öffentlichen Umgang mit ihrer Trunkenheitsfahrt als »unverhältnismäßig«. Doch zu keinem Zeitpunkt ging es um die Verhältnismäßigkeit oder die Relevanz des Geschehens; es ging um Emotionen, und dafür war die Story – salopp gesagt – einfach zu gut.

Margot Käßmann mag sich grämen, es nützt nichts. Sie habe sich gefühlt wie in einem Monopoly-Spiel: »Gehe zurück auf Los!«, sagt sie noch, nachdem alles vorbei war. Es soll nach ihrer Auslegung des sehr weltlichen Geschehens wohl heißen: Das Spiel kann jederzeit neu beginnen.
Klett-Cotta
1. Aufl. 2011, 254 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94623-9
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Jenny Sieboldt

Marc Polednik

Marc Polednik ist Fernsehjournalist in Berlin. Er war acht Jahre Redakteur bei SPIEGEL TV, wo er Autor zahlreicher Filme war. Zuvor volontierte er...

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© Jenny Sieboldt

Karin Rieppel

Karin Rieppel ist Fernsehjournalistin in Berlin. Sie ist seit 20 Jahren Autorin und Producerin von Dokumentationen und Kulturprogrammen für ARD, ZDF,...


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