LeseprobeAn Friedrich Georg
zum 65. Geburtstag
Lieber Fritz,
an einem Tag wie dem heutigen pflegen Brüder sich des Weges zu erinnern, den sie gemeinsam in guten und schlimmen Zeiten durchschritten haben – als Kinder, Knaben und Jünglinge, dann als Männer bei wachsenden Jahresringen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt.
Das ist ein Thema, das weit hinausführt und sich ebensowenig erschöpfen läßt wie das Leben selbst, dem es angehört. Ich will daher heute auch nur einige der Bilder zurückrufen, die mir in den Sinn kamen, als ich über diesen Tag nachdachte. Ihre Erwähnung soll nicht mehr bedeuten als das Berühren einer Stimmgabel.
Wenn Brüder von Kind an und während langer Jahre neben- und miteinander leben, wenn sie sich auf ihren täglichen Gängen und auf Reisen begleiten, wenn sie dieselben Bücher lesen und sich im gleichen Freundes- und Bekanntenkreis bewegen und wenn sie dabei einen ständig wachsenden Schatz von Erfahrungen sammeln, den sie, oft bis über die Mitternacht hinaus, in Gesprächen abgleichen, dann läßt sich im einzelnen kaum entscheiden, wer hier der Gebende und wer der Empfangende, wer der Anregende und wer der Angeregte war. Oft scheint vielmehr die individuelle Sonderung zugunsten einer Art von osmotischem Austausch aufgehoben zu sein.
Zeiten der Trennung bilden eine Ausnahme. Da staut sich Eigenes an: Erlebnisse, Gedanken, Bilder, Begegnungen. Die ersten wiederum gemeinsamen Tage sind bewegt, als ob ein Wehr aufgezogen würde; sie sind erfüllt von Berichten, Mitteilungen, Übereinstimmungen. Ich entsinne mich vieler solcher Gespräche, die während endloser Gänge durch belebte Städte, an Küsten des Mittelmeeres und der Nordsee, an den Ufern dieses Sees, in Gärten und Wäldern, eigenen und fremden Häusern, auf Schiffen, in flüchtigen Unterkünften und in Bibliotheken geführt wurden. Die Fülle des Mitzuteilenden war unerschöpflich; sie verlangte die Präzision eines Spieles, bei dem der Flug der Bälle mehr geahnt als gesehen werden muß.
Vielleicht rührt es daher, daß ich so oft, wenn ich von Dir träume, mit Dir bei physikalischen Experimenten beschäftigt bin. Einmal sah ich mich neben Dir in einem gläsernen Laboratorium, in dem wir die Flugbahnen unsichtbarer Kugeln verfolgten und uns die Ergebnisse zuriefen. Jede zehnte Kugel war aus Milchglas gegossen, damit die Realität des Vorganges gewahrt bliebe. Solche Träume erscheinen mir auch insofern merkwürdig, als in unserer Unterhaltung eher von den beschreibenden als von den angewandten Naturwissenschaften die Rede ist.
Zu Lebzeiten des Vaters war das anders; das Tischgespräch, das sich oft über Stunden nach aufgehobener Tafel ausdehnte, wurde von ihm geleitet und bestimmt. Erst in der Erinnerung ist uns deutlich geworden, daß keine Schule der Welt mit dem wetteifern kann, was der Vater bei Tische erzählt. Das prägt sich in das kindliche Gemüt wie in Siegelwachs und gibt ihm eine Form, die sich lange bewahrt. So dürfen wir wohl sagen: die Schulen und Universitäten haben uns Fakten, der Vater hat uns denken gelehrt.
Damals freilich wurden Physik und Chemie im Gespräch nicht vernachlässigt. Dazu kamen das Schachspiel und in späteren Jahren die Astronomie. Vor allem aber bot die Geschichte unbegrenzten Stoff für Rede und Gegenrede, Fragen und Antworten. Zu den Lieblingsthemen zählten Alexander und die Diadochen, Cortez und die Konquistadoren, Napoleon und seine Marschälle. Die Vorliebe des Vaters galt also Epochen, die sich durch das Auftreten scharf umrissener Personen auszeichnen. Seine Anteilnahme am Geschehen erlosch, wo es nicht mehr durch bedeutende Menschen repräsentiert wurde. Er fand es verständlich, daß Schillers Elan erlahmt war, als es die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges über den Tod seiner beiden großen Figuren, Gustav Adolfs und Wallensteins, hinaus fortzuführen galt. Übrigens war der Vater ein guter Kenner der Schillersehen Dramen, deren präzise Verknüpfung von Person und Idee seiner Neigung entsprach. Er sah, ganz anders als die Mutter, eher Ideen als Gestalten, und zwar sowohl in der Geschichte wie in der Natur.
Erst spät im Leben wird uns deutlich, wie sehr in solchen Anschauungen der markante Einzelne seine Generation vertritt. Um das zu sehen, müssen wir zunächst das eigene Bewußtsein ausbilden. Erst dann erkennen wir, daß wir nicht nur Söhne sind, sondern darüber hinaus auch Erben im weiteren Sinne, indem wir unmittelbar auf die uns allen gemeinsame Substanz zurückgreifen. Erst dann erfassen wir unsere Aufgabe, aber wir erkennen zugleich das »So mußt du sein«, das den Eltern beschieden war.
In Bildern freilich kündet sich der Unterschied schon in der Kindheit an. Ich gedenke dabei der Wanderung durch die Lüneburger Heide, die wir beide an einem schönen Morgen von Rehburg aus antraten. Sie hat sich, als ob die Natur während jener Woche von einer besonders spendenden Kraft belebt gewesen wäre, uns in den feinsten Zügen eingeprägt – von dem Wildentengelege, das wir im Brokeloher Moor entdeckten, bis zu dem bescheidenen, mit einem Heidezweig geschmückten Andenken, das wir aus Soltau der Mutter mitbrachten.
Der Vater hatte uns vierzig Mark auf den Weg gegeben, vier kleine Goldstücke, ein unerschöpfliches Geld. Er hatte auch den Reiseplan entworfen, denn er kannte und liebte die Heide von Kindheit an. Wenn man sie auch im Hannover der achtziger Jahre noch nicht entdeckt hatte und den Harz als Ziel weiterer Ausflüge bevorzugte, so war doch dem Großvater mit seinen Söhnen und den Pensionären das Land zwischen Lüneburg, Celle und Ülzen nicht unvertraut. Später hatte der Vater es zu einer erstaunlichen Kenntnis gerade jener Winkel gebracht, in denen Füchse und Hasen sich Gute Nacht sagen. […]