Detailsuche »

In Stahlgewittern

Dieses Buch erwerben
24,95 EUR
gebunden mit Schutzumschlag
versandkostenfrei nach D, CH, A; in D, A inkl. Mwst., in CH evtl. zzgl. in CH anfallender Mwst.

Ernst Jüngers erste Buchpublikation – sein Kriegstagebuch, das fünf Überarbeitungen erfuhr, seinen Ruhm begründete, zugleich jedoch Zeitgenossen wie Kritiker polarisierte.

Die Erlebnisse Ernst Jüngers vom Januar 1915 bis zum August 1918 an der Westfront spiegeln sich in den »Stahlgewittern« wieder: vom Grabenkrieg in der Champagne und der Schlacht bei Cambrai bis hin zu den Stoßtruppunternehmen in Flandern und zuletzt der Verleihung des Ordens Pour le mérite nach seiner Verwundung.

»›In Stahlgewittern‹ machte ihn zum Helden einer Generation junger Offiziere, die alles gegeben hatten und am Ende bestenfalls das Eiserne Kreuz davontrugen. Gide pries es als ›das schönste Kriegsbuch, das ich je las.‹ Tatsächlich ähnelt es keinem anderen Buch der damaligen Zeit – keine Spur von den pastoralen Meditationen eines Siegfried Sassoon oder Edmund Blunden, kein Anflug von Feigheit wie bei Hemingway, kein Masochismus wie bei T. E. Lawrence und kein Mitleid wie bei Remarque.«
Bruce Chatwin

Leseprobe
In den Kreidegräben der Champagne

Der Zug hielt in Bazancourt, einem Städtchen der Champagne. Wir stiegen aus. Mit ungläubiger Ehrfurcht lauschten wir den langsamen Takten des Walzwerks der Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit werden sollte. Ganz weit zerfloß der weiße Ball eines Schrapnells im grauen Dezemberhimmel. Der Atem des Kampfes wehte herüber und ließ uns seltsam erschauern. Ahnten wir, daß fast alle von uns verschlungen werden sollten an Tagen, in denen das dunkle Murren dahinten aufbrandete zu unaufhörlich rollendem Donner – der eine früher, der andere später?
Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zu einem großen, begeisterten Körper zusammengeschmolzen. Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir hinausgezogen, in einer trunkenen Stimmung von Rosen und Blut. Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. »Kein schönrer Tod ist auf der Welt ...« Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen dürfen!
»In Gruppenkolonne antreten!« Die erhitzte Phantasie beruhigte sich beim Marsch durch den schweren Lehmboden der Champagne. Tornister, Patronen und Gewehr drückten wie Blei. »Kurztreten! Aufbleiben dahinten!«
Endlich erreichten wir das Dorf Orainville, den Ruheort des Füsilierregiments 73, eins der ärmlichen Nester jener Gegend, gebildet durch fünfzig Häuschen aus Ziegel- oder Kreidestein um einen parkumschlossenen Herrensitz.
Das Treiben auf der Dorfstraße bot den an die Ordnung der Städte gewöhnten Augen einen fremden Anblick dar. Man sah nur wenige, scheue und zerlumpte Zivilisten; überall Soldaten in abgetragenen, zerschlissenen Röcken mit wettergegerbten, meist von großen Bärten umrahmten Gesichtern, die langsamen Schrittes dahinschlenderten oder in kleinen Gruppen vor den Türen der Häuser standen und uns Neulinge mit Scherzrufen empfingen. In einem Torweg glühte eine nach Erbsensuppe duftende Feldküche, von kochgeschirrklappernden Essenholern umringt. Es schien, als triebe das Leben hier ein wenig dumpfer und langsamer. Der Eindruck wurde durch den beginnenden Verfall des Dorfes noch vertieft.
Nachdem wir die erste Nacht in einer gewaltigen Scheune verbracht hatten, wurden wir im Hofe des Schlosses vom Regimentsadjutanten, dem Oberleutnant von Brixen, eingeteilt. Ich kam zur neunten Kompanie.
Unser erster Kriegstag sollte nicht vorübergehen, ohne uns einen entscheidenden Eindruck zu hinterlassen. Wir saßen in der uns zur Unterkunft angewiesenen Schule und frühstückten. Plötzlich dröhnte eine Reihe dumpfer Erschütterungen in der Nähe, während aus allen Häusern Soldaten dem Dorfeingang zustürzten. Wir folgten ihrem Beispiel, ohne recht zu wissen, warum. Wieder ertönte ein eigenartiges, nie gehörtes Flattern und Rauschen über uns und ertrank in polterndem Krachen. Ich wunderte mich, daß die Leute um mich her sich mitten im Lauf wie unter einer furchtbaren Drohung zusammenduckten. Das Ganze erschien mir etwas lächerlich; etwa so, als ob man Menschen Dinge treiben sähe, die man nicht recht versteht.
Gleich darauf erschienen dunkle Gruppen auf der menschenleeren Dorfstraße, in Zeltbahnen oder auf den verschränkten Händen schwarze Bündel schleppend. Mit einem merkwürdig beklommenen Gefühl der Unwirklichkeit starrte ich auf eine blutüberströmte Gestalt mit lose am Körper herabhängendem und seltsam abgeknicktem Bein, die unaufhörlich ein heiseres »Zu Hilfe!« hervorstieß, als ob ihr der jähe Tod noch an der Kehle säße. Sie wurde in ein Haus getragen, von dessen Eingang die Rote-Kreuz-Flagge herabwehte.
Was war das nur? Der Krieg hatte seine Krallen gezeigt und die gemütliche Maske abgeworfen. Das war so rätselhaft, so unpersönlich. Kaum, daß man dabei an den Feind dachte, dieses geheimnisvolle, tückische Wesen irgendwo dahinten. Das völlig außerhalb der Erfahrung liegende Ereignis machte einen so starken Eindruck, daß es Mühe kostete, die Zusammenhänge zu begreifen. Es war wie eine gespenstische Erscheinung im hellen Mittagslicht.
Eine Granate war oben am Portal des Schlosses krepiert und hatte eine Wolke von Steinen und Sprengstücken in den Eingang geschleudert, gerade als die durch die ersten Schüsse aufgeschreckten Insassen aus dem Torweg strömten. Sie erschlug dreizehn Opfer, darunter den Musikmeister Gebhard, eine mir von den hannoverschen Promenadekonzerten her wohlbekannte Gestalt. Ein angebundenes Pferd witterte die Gefahr eher als die Menschen, riß sich wenige Sekunden vorher los und galoppierte, ohne verletzt zu werden, in den Schloßhof hinein.
Obwohl die Beschießung sich in jedem Augenblick wiederholen konnte, zog mich das Gefühl einer zwingenden Neugier an den Unglücksort. Neben der Stelle, die die Granate getroffen hatte, baumelte ein Schildchen, auf das die Hand eines Spaßvogels die Worte »Zur Granatecke« geschrieben hatte. Das Schloß war also wohl schon als gefährlicher Ort bekannt. Die Straße war von großen Blutlachen gerötet; durchlöcherte Helme und Koppel lagen umher. Die schwere Eisentür des Portals war zerfetzt und von Sprengstücken durchsiebt, der Prellstein mit Blut bespritzt. Ich fühlte meine Augen wie durch einen Magneten an diesen Anblick geheftet; gleichzeitig ging eine tiefe Veränderung in mir vor. [...]
Klett-Cotta
48. Aufl. 2012, 325 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-95208-7
autor_portrait

Ernst Jünger

Ernst Jünger, am 29. März 1895 in Heidelberg geboren. 1901–1912 Schüler in Hannover, Schwarzenberg, Braunschweig u. a. 1913 Flucht in die...

Weitere Bücher von Ernst Jünger

Myrdun

Briefe aus Norwegen

Das abenteuerliche Herz. Erste Fassung

Aufzeichnungen bei Tag und Nacht

Tagseite – Nachtseite

Maximen und Gedanken aus dem Werk Ernst Jüngers

Siebzig verweht

Die Tagebücher 1965–1996

Sämtliche Werke, Band 1

Tagebücher I: Der erste Weltkrieg

Sämtliche Werke, Band 2

Tagebücher II: Strahlungen I

Sämtliche Werke, Band 3

Tagebücher III: Strahlungen II

Sämtliche Werke, Band 4

Tagebücher IV: Strahlungen III: Siebzig verweht I

Sämtliche Werke, Band 5

Tagebücher V: Strahlungen IV: Siebzig verweht II

Sämtliche Werke, Band 6

Tagebücher VI: Reisetagebücher

Sämtliche Werke, Band 7

Essays I: Betrachtungen zur Zeit

Sämtliche Werke, Band 8

Essays II: Der Arbeiter

Sämtliche Werke, Band 9

Essays III: Das Abenteuerliche Herz

Sämtliche Werke, Band 10

Essays IV: Subtile Jagden

Sämtliche Werke, Band 11

Essays V: Annäherungen

Sämtliche Werke, Band 12

Essays VI: Fassungen I

Sämtliche Werke, Band 13

Essays VII: Fassungen II

Sämtliche Werke, Band 15

Erzählende Schriften I: Erzählungen

Sämtliche Werke, Band 16

Erzählende Schriften II: Heliopolis

Sämtliche Werke, Band 17

Erzählende Schriften III: Eumeswil

Sämtliche Werke, Band 18

Erzählende Schriften IV: Die Zwille

Sämtliche Werke, Band 19

1. Supplement-Band. Essays IX. Fassungen III

Sämtliche Werke, Band 20

2. Supplement-Band. Tagebücher VII. Strahlungen V: Siebzig verweht III

Sämtliche Werke, Band 21

3. Supplement-Band: Tagebücher VIII. Strahlungen VI: Siebzig verweht IV

Sämtliche Werke, Band 22

4. Supplement-Band: Späte Arbeiten – Verstreutes – Aus dem Nachlass

Sämtliche Werke, Band 19

1. Supplement-Band. Essays IX. Fassungen III

Sämtliche Werke, Band 20

2. Supplement-Band. Tagebücher VII. Strahlungen V: Siebzig verweht III

Sämtliche Werke, Band 21

3. Supplement-Band: Tagebücher VIII. Strahlungen VI: Siebzig verweht IV

Sämtliche Werke, Band 22

4. Supplement-Band: Späte Arbeiten – Verstreutes – Aus dem Nachlass

Der Arbeiter

Herrschaft und Gesellschaft

Briefe 1937–1970

Ernst Jünger / Stefan Andres

Briefe 1935–1955

Ernst Jünger / Rudolf Schlichter

Ein abenteuerliches Herz

Ernst-Jünger-Lesebuch

Zur Geiselfrage

Schilderung der Fälle und ihrer Auswirkungen

Briefwechsel

Briefe 1930-1983 - Ernst Jünger / Carl Schmitt

Sämtliche Werke

In zweiundzwanzig Bänden

Maxima – Minima

Adnoten zum »Arbeiter«

Sgraffiti

Jubiläumsausgabe

Die Zwille

Sonderausgabe

Warenkorb

0 Artikel

0,00 EUR
Preis inkl. Mwst.
Versandkostenfrei nach D, CH, A
zur Kasse

Sie befinden sich hier: Start » Bücher » Literatur » Moderne Klassiker

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de
Facebook Twitter YouTube