Myrdun
An Bord, 9. Juli 1935
Sobald wir aus der Elbe herauskamen, wurde der Sturm, von dem ich Dir berichtete, sehr unangenehm. Unser Schiffchen, das sich »Iris« nennt, begann die Wogen hinauf- und hinabzuklettern, und in seinem Inneren wurden die Seegeräusche rege, die recht gespenstisch sind – das Gurgeln und Rauschen in den Wasserröhren, das Schlagen von schweren Türen, dann hin und wieder ein Klingelzeichen oder das Stürzen und Poltern von Gepäck. Das Ohr lauscht dabei noch auf ein Besonderes, Unbekannt-Erwartetes. Vor allem ist das Poltern ein niederträchtiges Geräusch, und das plattdeutsche Wort »klabautern« finde ich dafür sehr ausdrucksvoll. Hinter Helgoland erfuhr der Spuk insofern eine Steigerung, als die Schraube in regelmäßigen Abständen aus dem Wasser tauchte und das Schiff in leeren Umdrehungen erschütterte.
Der Magister und ich suchten, sowie es zu schaukeln begann, die Kojen auf und lagen dort vierzig Stunden lang mit angezogenen Knien wie die Embryos. Der Magister vergl ich die Kurven, die wir dabei beschrieben, recht treffend den Bewegungen, mit denen die Fadennudeln in einer kochenden Bouillon umhertreiben. Ich finde, daß man solche Stunden, ganz ähnlich wie durch fieberte Nächte, nicht ohne Vorteil verbringt. Der Gedankenstoff, der in ihnen abgesponnen wird, ist bedeutend, auch nehmen die Dinge eine andere Färbung an. Durch die Seekrankheit tritt man gewissermaßen experimentell in den Zustand des Leidens ein – ich verstehe darunter eine Minderung, die weniger mit dem Schmerz als mit einer starken Lähmung des Willens verbunden ist und während deren man die Zeit wie ein angeschossener Hase im Wundbett verbringt. Man liegt im farblosen Sein.
Das Unwetter beruhigte sich endlich auf fast zauberhafte Art, sobald wir den Inselgürtel durchbrochen hatten und an der ausgedehnten Küste entlangglitten, der er vorgelagert ist. Hier werden die Gewässer wie durch ein zusammenhängendes Riff gegen den schweren Seegang des Ozeans geschützt. Nachdem wir in Stavanger ein Stündchen gerastet hatten, machte es mir viel Vergnügen, am Bug des Schiffes zu stehen und die blitzende Wasserstraße zu betrachten, die sich bald zwischen den Klippen wie zwischen den Pfeilern von Eingangstoren zusammenschnürte, bald wieder mächtig an Ausdehnung gewann. Der Anblick erweckte ein starkes Raumgefühl, und sicher begünstigten die Vorgebirge diesen Eindruck noch, denn sie dehnten sich wie eine Kette von Vorhängen bis an die Grenzen der Sicht. Obwohl sie sich Tor um Tor öffneten und wieder im Nebel versanken, war doch kein Ende dieses immer tieferen Eindringens abzusehen. Aber nicht nur Fels und Meer wetteiferten, das Traumbild einer endlosen Bahn hervorzurufen, sondern auch die Wolken schlossen sich ihrer Gliederung an. Sie waren als eine regelmäßige Folge von weißen Bänken um die Gipfel geballt und wiederholten die Bildung der Küsten mit ihren Vorsprüngen und Buchten im luftigen Raum.
Auch schien es mir, als ob die Fahrt in steigendem Maße magnetischen Sinn gewönne, den ein Gefühl der Erwartung begleitete. Es ließe sich aber schwer sagen, was denn das Auge hinter diesen immer neuen Vorsprüngen zu sehen erhoffte – denn vielleicht wirkt hier nur die gewaltige Anziehung, durch welche das Nichts oder die Leere sich das Herz unterwirft.
Die Formen gleichen einer in immer deutlicherer Wiederholung vorgespielten Melodie, doch mit der Ordnung des Sichtbaren steigert sich die Fremdartigkeit Man könnte sich vorstellen, daß mit der Entfernung die Kälte und Regelmäßigkeit der Bildungen anwüchse vom kristallinischen Urgestein zum reinen Kristall der Gletscher und Eisberge und von dort zu den Kugelformen der Sternenwelt
Eidsbygda, 15. Juli 1935
Seit fast einer Woche hausen wir hier in Eidsbygda, also in einem auf einer Landenge gelegenen Dorfe; denn
Bygd ist der »Bau« und
Eid ist die »Landenge«. Das Nest ist zwischen zwei entlegenen Fjorden der Landschaft Romsdalen versteckt; dazu kommt noch die schätzenswerte Sitte des Norwegers, erst die größtmögliche Entfernung von jeder Nachbarschaft zu ermitteln, bevor er den Grundstein seines Hauses legt Daher gibt es hier genug Gehöfte, in denen man jahraus, jahrein keine fremden Gesichter sieht – menschliche Wohnstätten, die im Gewirr der Inseln oder in der Einsamkeit fast unzugänglicher Gebirgstäler errichtet sind. […]