Banditenliebe

Dieses Buch erwerben
17,95 EUR
gebunden mit Schutzumschlag (Alternative: E-Book)
versandkostenfrei nach D, CH, A; in D, A inkl. Mwst., in CH evtl. zzgl. in CH anfallender Mwst. - Akzeptierte Zahlungsmittel

Carlotto schildert in seinem Bestseller Mafiamethoden im Zeitalter ihrer globalen Verbreitung: Umwelt- und Wirtschaftsverbrechen, Drogen- und Menschenhandel. Gnadenlos, rasant und sehr spannend erzählt er den Überlebenskampf des Privatdetektivs Marco Buratti und seiner Freunde.

2004: Im rechtsmedizinischen Institut der Stadt Padua verschwinden 44 Kilo Heroin. Das führt zu großer Unruhe sowohl bei der Polizei als auch bei der Mafia. Marco Buratti, genannt »Der Alligator«, Blues-Fan und Privatdetektiv ohne Lizenz, dafür aber mit einer ausgeprägten Neigung zum Calvados-Konsum, bekommt das Angebot, in dem Fall zu ermitteln.
Der Auftraggeber gehört zu der Sorte von Auftraggebern, deren Angebote man nicht ablehnen kann. Gemeinsam mit seinen Partnern, dem Schmuggler und Hobby-Killer Beniamino Rossi und dem übergewichtigen Ex-Aktivisten Max la Memoria, versucht er den Fall zu lösen.
Zwei Jahre später wird Rossis Freundin, die Bauchtänzerin Sylvie, entführt. Der Alligator und seine Freunde bekommen schnell heraus, dass die Entführung im Zusammenhang mit dem Drogenraub steht. Als sie Sylvie befreien können, stellen sie fest, dass sie über Monate brutal vergewaltigt wurde und dass die berüchtigte kosovarische Mafia hinter der Entführung steckt.

Die frischen Leseberichte zum Buch finden Sie hier:
»Banditenliebe« Rezensionen auf vorablesen.de
Logo_vorablesen_de_logo120.jpg

Leseprobe
An die Minister des Innern, der Justiz etc. Am vergangenen 17. März wurde im Rechtsmedizinischen Institut der Universität Padua der Diebstahl einer größeren Menge Betäubungsmittel festgestellt (…), die sich zur toxikologischen Untersuchung der Wirkstoffe im Labor befanden. Insgesamt handelt es sich um ca. vierundvierzig Kilogramm, davon dreißig Kilogramm Heroin, zehn Kilogramm Kokain, ansonsten Amphetamine, Tabletten und Anabolika (…).

Gelagert wurden die Substanzen im Depot des Labors, dessen Panzertür nur mittels einer Zugangskarte und des Alarmcodes eines elektronischen Sicherungssystems zu öffnen ist. Laut Presseberichten soll die Tür bei dem Diebstahl nicht aufgebrochen worden und das Alarmsystem ausgeschaltet gewesen sein …


(Schriftliche Antwort auf 4-10236 – Sitzung Nr. 476, Montag, 14. Juni 2004)

Dienstag, 31. Oktober 2006

Zum dritten Mal ging der Fremde am Schaufenster des eleganten Damen-Friseursalons vorbei. Die Frau saß mit den Schultern zum Spiegel; sie wählte gerade einen Nagellack aus und nickte zerstreut zu den Ratschlägen der Kosmetikerin, während ein Mann in den Fünfzigern sie mit routinierten, präzisen Bewegungen kämmte.

Der Fremde entfernte sich ein wenig; bald würde sie herauskommen. Seit genau einer Woche verfolgte er die Frau und hatte beschlossen, dass heute der richtige Tag sei. Er schlug den Kragen seines dunklen Mantels hoch, blieb vor dem Schaufenster eines Antiquitätenhändlers stehen und bewunderte einige Möbel, vor allem einen venezianischen Tisch aus der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.

Der Inhaber des Ladens rückte ein Gemälde zurecht, das eine alte Adlige zeigte, und bedachte ihn mit einem Lächeln, in der Hoffnung, ihn ins Geschäft zu locken. Der Fremde senkte den Kopf; die Bewegung wirkte unwillkürlich, nicht von der Notwendigkeit diktiert, unerkannt zu bleiben. Er tat so, als interessiere er sich für eine Tischlampe, dann wandte er sich ab und ging weiter.

Er war unbesorgt. Der Händler hatte gar nicht genug Zeit gehabt, sich sein Gesicht einzuprägen, und die Erfahrung lehrte, dass Zeugen in der Regel unzuverlässig sind. Vor allem aber fühlte er sich ungefährdet, weil er in dieser Gegend unbekannt war und sie in spätestens einer Stunde für immer verlassen würde.

Er schlenderte weiter unter den Arkaden entlang, betrachtete die Auslagen der Boutiquen und überlegte, wo die Frau noch hineinschauen könnte, bevor sie wieder nach Hause fuhr. Sie wohnte in einem nahen Dorf, und der Fremde begriff sofort, warum sie gezwungen war, in die Stadt zu fahren, um zum Friseur zu gehen. Das Dorf lag am Meer. Die Fischer und deren Familien lebten dort, aber die meisten Läden waren jetzt, Ende Oktober, da keine Touristen mehr kamen, geschlossen; die wenigen Geschäfte, deren Rollgitter noch hochgingen, waren ganz gewiss nichts für eine Frau ihrer Klasse.

Werktag, mitten am Nachmittag, winterliches Dunkel, wenige Leute auf der Straße … Noch einmal ließ sich der Fremde die Arbeitsbedingungen durch den Kopf gehen und klopfte leise an die Karosserie eines weißen Lieferwagens. Bevor er einstieg, warf er noch einen kurzen Blick auf den kleinen, eleganten Wagen, der direkt daneben parkte.

»Ich glaube, gleich ist es so weit«, teilte er den beiden Männern mit, die auf einigen Kisten im Laderaum saßen.
Keiner der beiden zuckte mit einem Muskel oder ließ einen Laut hören. Sie waren Profis, Mutmaßungen interessierten sie nicht. Sie waren seit geraumer Zeit bereit und würden das auch bleiben, bis der Auftrag erledigt war. Der Fremde kannte sie gut, sie waren seine besten Handlanger. Früher, bei der Armee, hatten sie auch andere Qualitäten gezeigt, jetzt waren sie nur noch zwei getreue Gorillas, gelegentlich auch geschickte Auftragskiller.
Der Lichtschein einer nahen Straßenlaterne sickerte durch das Papier, mit dem die Scheiben der rückwärtigen Tür verklebt waren. Der Fremde blickte auf die Hände seiner Mitarbeiter; sie steckten in Latexhandschuhen, die in diesem Zwielicht geisterhaft weiß waren. Seine eigenen Handschuhe waren aus weichem, dünnem Leder. Keiner von ihnen konnte es sich erlauben, Fingerabdrücke zu hinterlassen, und das würde auch nicht geschehen. Der Lieferwagen würde weit weg fahren, in eine sichere Gegend, aber abfackeln würden sie ihn doch, um den Ermittlern auch nicht die kleinste Faser oder biologische Spur zu hinterlassen.
Dem Fremden war zwar klar, dass diese Vorsichtsmaßnahmen übertrieben waren, doch wusste er zu wenig von den Umständen, die ihn in dieses Dorf im Nordosten Italiens gebracht hatten, um unvorsichtig zu sein. Man hatte ihn kontaktiert und großzügig bezahlt, damit er sich um die Frau kümmerte. Ein Vertrag wie sonst auch. Nichts Kompliziertes, aber dass er heil und unversehrt aus einem Bürgerkrieg herausgekommen war und bis jetzt überlebt hatte, lag daran, dass er immer auf die Details geachtet hatte.
Seufzend machte er es sich bequem.

Ohne ihr Geplauder mit der Kosmetikerin zu unterbrechen, ging die Frau zur Kasse. Der Friseur schaute ihr zum x-ten Mal auf den Hintern. Nicht nur, dass er schön war, sie bewegte ihn auch noch perfekt. Der Blick entging seiner Frau nicht, die gerade eine andere Kundin fönte und sich bereits auf die giftige Bemerkung freute, die sie ihm zuzischen würde, sobald die Kundin hinaus war. »Diese Hure von Negerin!«, so wollte sie beginnen. Keines von beidem stimmte. Die Haut der Frau war dunkel getönt, ihre Augen blau, wie es eben passieren kann, wenn eine Algerierin aus Sétif und ein Bretone aus Saint-Malo beschließen, miteinander Kinder in die Welt zu setzen. Sie maß etwas mehr als eins siebzig, wirkte aber dank der Stiefelabsätze noch größer; ihr Körper war voll und fest, ihre Bewegungen fließend und sinnlich. Die einer Bauchtänzerin: Seit über fünfundzwanzig Jahren trat sie in den Nachtclubs von ganz Europa auf, daher meinte die Frau des Friseurs auch, sie könne sie als käuflich bezeichnen. In der Tat gefiel sie den meisten Männern der Gegend, auch den jüngeren, die liebend gern zu dieser sechsundvierzigjährigen exotischen Fremden ins Bett gestiegen wären.

Während sie auf den Beleg der Kreditkartenzahlung wartete, schaute sie in den Spiegel, bewegte den Kopf ein klein wenig, um ihr langes schwarzes Haar mit den tizianroten Reflexen schwingen zu lassen. Dann ging sie über die Straße in einen Kaffeeladen, wo sie die übliche Mischung bestellte und davon auch gleich ein Tässchen trank, auf dessen Rand ein perfekter Abdruck ihres Lippenstifts blieb. Sie wechselte einige Worte mit dem Inhaber, einem Stammgast des Lokals, in dem sie arbeitete, der ihr eine Broschüre mit Reklame für Bauchtanz-Kurse zeigte und meinte, sie könne dort doch unterrichten. Sie antwortete nicht. Aus der Vergangenheit stieg das Gesicht ihrer einzigen Lehrerin empor, einer ägyptischen ghaziya, die sie immer wieder daran erinnerte, dass die Bauchtänzerinnen ursprünglich Zigeunerinnen gewesen seien und es auch immer bleiben sollten. Das hatte sie stets beherzigt. Sie war nie lange an einem Ort geblieben, bis sie der Liebe begegnet war, einem großen, stattlichen Mann mit lachenden, von tiefen Falten umgebenen Augen. Einmal hatte sie ihn für ein paar Jahre verlassen, war dann aber zurückgekehrt. Ohne Illusionen, aber fest entschlossen, bei ihm zu bleiben, solange sie nicht erkennen würde, dass es endgültig vorbei war.

Ein Stück weiter stach ihr in einem Geschäft ein Paar Schuhe in die Augen, und sie nahm sich vor, sie bei nächster Gelegenheit anzuprobieren. Jetzt wollte sie erst einmal nach Hause. An ihrem freien Tag gehörten Abend und Nacht allein ihrem Liebsten.
Kurz bevor sie ihr Auto erreichte, tastete sie in der Handtasche nach den Schlüsseln mit der Fernbedienung. Hinter ihrem Rücken hörte sie ein Geräusch und sah im Augenwinkel, dass die Seitentür eines Lieferwagens aufglitt. Dann wurde sie von kräftigen Armen gepackt und hineingezerrt. Einen Sekundenbruchteil lang suchte sie noch verzweifelt im Dunkeln den Einzigen, der sie hätte retten können. Doch ihr Liebster war nicht da. Schon fragte sie sich, ob sie ihn je wiedersehen würde.

Mit brutaler Effizienz wurde sie festgehalten, geknebelt und gefesselt. Sie hatte lange genug in den Nachtclubs mit den übelsten Leuten Umgang gehabt und begriff immerhin, dass sie nicht planten, sie umzubringen. Jedenfalls nicht jetzt.

Sie spürte einen Stich am Hals, und nach einigen Sekunden wurde die Angst von einer wohltuenden Benommenheit gedämpft.

Der Fremde holte einen dicken goldenen Ring aus der Tasche und befestigte ihn an ihrem Schlüsselanhänger. Dann stieg er aus, öffnete die Tür ihres Wagens und schob die Schlüssel unter den Fahrersitz. Dieses Detail war für ihn ohne jede Bedeutung. Es war ein Wunsch des Auftraggebers, der für dieses Extra einen Aufschlag gezahlt hatte.

Er setzte sich hinters Steuer des Lieferwagens und startete den Motor. Einige Stunden später, der Ort schlief und die Straßen waren menschenleer, öffnete ein Mann die Tür des eleganten kleinen Wagens. Er kontrollierte das Handschuhfach und suchte zwischen den Sitzen nach einem Indiz, nach irgendetwas, das ihm Aufschluss geben könnte, wo sie war. Er hatte auf sie gewartet, bis es für ihr Ausbleiben keinerlei Erklärung mehr gab, und war dann auf die Suche gegangen. Als er den Ring fand, klopfte sein Herz los. Am liebsten hätte er aufgeschrien. Nach einigen ihm unendlich lang erscheinenden Minuten gelang es ihm, sich zu beruhigen, und er sog den Geruch des Wageninneren ein. Der besondere Duft, den sie von einem kleinen Produzenten in Florenz bezog, war fast verflogen. Ein schlechtes Zeichen. Wer auch immer sie entführt hatte, hatte mehrere Stunden Vorsprung.

***

An jenem Abend war ich in einer Bar im Zentrum von Padua, einer von denen, die den Spritz in Literkrügen verkaufen und wo sämtliche Gäste draußen stehen, den Plastikbecher in der einen Hand, die Zigarette in der anderen. Das Rauchverbot sorgte nicht nur dafür, dass die Lokale trister wurden und die Gäste gesünder, sondern auch für eine Invasion der Straßen und Plätze. Mehr als nur einer in der Stadt fand, diese neue Modeerscheinung verdiene Diskussionen, Anträge im Stadtrat und allerlei Ergüsse in den Lokalzeitungen. Die Krise war noch fern, doch es war schon klar, dass alles vor die Hunde ging. Zeit und Energie für die oberflächlichsten Themen zu verschwenden, war bereits zum Nationalsport geworden.

Die Frau, mit der ich hier verabredet war, kam abgehetzt an. Sie fürchtete, sich verspätet zu haben, und in der Tat war sie gut zehn Minuten überfällig. Nun kannte sie mich noch nicht und wusste nicht, wie dehnbar mein Begriff von Pünktlichkeit ist. Sie drehte sich um sich selbst auf der Suche nach mir, und ich winkte ihr.

»Marco Buratti?«, fragte sie zögernd.
Ich nickte. »Etwas zu trinken?«
Sie schüttelte den Kopf. Ich zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck Spritz. Prosecco, Campari, Sodawasser, ein Schuss Cynar, eine Orangenscheibe, Eis: So trank ich ihn. Es gab zahllose Varianten, mit denen mittlerweile auch die Chinesen vertraut waren, die seit einiger Zeit die Bars von Padua aufkauften.

Ich ließ ihr Gelegenheit, mich in aller Ruhe zu betrachten, während ich mir eine Zigarette anzündete.
»Insgesamt sehen Sie nicht sehr vertrauenerweckend aus«, lautete ihr Urteil. »Vielleicht hätte ich mich auf das Treffen doch nicht einlassen sollen.«
Ich grinste, um ihr zu bedeuten, dass sie sich jeden Snobismus sparen konnte. Ich nickte zu den Cowboystiefeln, die aus meinen Jeans herausschauten, und legte die Hand auf meine alte Lederjacke. »Das ist wohl nicht der richtige Look?«, fragte ich.
Sie versuchte es mit einem schüchternen Gegenangriff: »Alle anderen Privatdetektive haben halbseitige Anzeigen in den Gelben Seiten, aber … Ihr Name steht nicht mal im Telefonbuch.«
»Kein Wunder – eine Lizenz habe ich ja auch nicht.«
Verblüfft sperrte sie den Mund auf. »Das heißt, Sie wollen mich erpressen ?«
Mir riss der Geduldsfaden. »Ich will deinen Arsch retten, Hübsche«, zischte ich hart. »Ich hab’s dir doch am Telefon gesagt, der Anwalt deines Mannes hat mich engagiert, weil der denkt, dass du mit seinem Geschäftspartner ins Bett gehst.«
»Das stimmt nicht!« Fast schrie sie.
»Das weiß ich wohl. In Wirklichkeit vögelst du mit einem Ingenieur, den du aus dem Sportstudio kennst.«
»Haben Sie das schon meinem Mann erzählt?«
»Nein.«
Ihr Erleichterungsseufzer war wahrscheinlich der lauteste in ihren neununddreißig Jahren. »Und haben Sie das vor?«
Ich tat so, als wollte ich die Spannung steigern, indem ich erst einmal das Glas ansetzte. In Wahrheit plante ich nicht, sie zu verraten.
Früher hätte ich das getan. Der Kunde war heilig. Dann eines Tages wurde mir klar, dass die Welt der eifersüchtigen Eheleute nur für eines gut war, nämlich ihnen Geld abzuknöpfen, und dass Untreue letztlich eines der vielen Mittel zum Überleben war. Diese Erkenntnis verdanke ich einer Blondine aus Mestre, die mich dabei ertappt hatte, wie ich sie beschattete. Ihre Argumente und ihr Tonfall waren sehr überzeugend. »Auf der Arbeit nervt mich der Chef, meine Tochter braucht für mindestens zwei Jahre eine Zahnspange, und mein Mann ist in Ordnung, aber vielleicht war ich ein kleines bisschen voreilig, als ich dachte, das ist der Mann fürs Leben«, hatte sie in einem Atemzug gesagt. »Hier und da mal eine kleine Geschichte ohne Verpflichtungen, rein sexuell, das tut mir gut. Kapiert?« Ich hatte genickt und ihr ein paar Tricks verraten, damit sie dem Mann, dem sie Treue geschworen hatte, weiteren Verdacht ersparte.

Ich warf den Plastikbecher in einen Abfallkorb. »Manche können es gar nicht erwarten, dass man ihnen auf die Schliche kommt, denn dann können sie alles zum Teufel schicken und ein neues Leben anfangen. Falls das bei Ihnen so ist, schicke ich diesem Anwalt ein paar Fotos«, erklärte ich der Frau, die vor mir stand. Ich spielte den Ehe-Experten, obwohl alle, die mich kennen, wissen, dass ich in Sachen Frauen völlig ahnungslos bin; mehr als ein Mal haben sie es mir auch ins Gesicht gesagt.

»Aber wenn du die Sache am Laufen halten willst, dann solltest du besser aufpassen, besonders mit allem Technischen. SMS und Mails … das sind alles Teufeleien, dazu erfunden, die Leute zu kontrollieren.«

»Ich möchte meinen Mann nicht verlassen«, flüsterte sie, den Tränen nah.
Ich nahm mein Mobiltelefon zur Hand und rief den Anwalt an, der mich engagiert hatte. »Die Frau ist sauber«, sagte ich zu ihm. »Und der Geschäftspartner schläft mit der irischen Babysitterin von seinen Kindern. Er steht auf Jüngere.«
»Danke …« Sie war gerührt.
Ich drückte ihr die Hand, wünschte ihr gutes Gelingen und tauchte in die Menge der Kneipengäste ein. Über einen Platz erreichte ich eines der Gässchen des alten Ghettos und legte bei Albertos Amphore einen Halt ein, um noch was Prickelndes zu trinken. Dabei belauschte ich ein Gespräch über das letzte Rugbyspiel, dann ging ich nach Hause.
Ich besaß damals selbst ein Lokal, gemeinsam mit einem Dicken, den alle Max La Memoria nannten, »das Gedächtnis«. Es lag gleich hinter der Stadtgrenze von Padua im Erdgeschoss eines jener alten großen Landhäuser, das wundersamerweise nicht abgerissen worden war, um diesen grässlichen Speichern Platz zu machen, die die Landschaft verschandelten. Unsere Gäste nannten es den Winkel, weil es so gemütlich war. Wir spielten gute Musik, und die Wandregale hinterm Tresen waren voll mit erstklassigen Spirituosen.
Seit dem Tag der Eröffnung wurde es von Rudy Scanferla geführt, einem Kellner, den ich seit Ewigkeiten kannte. Er war ein Profi und arbeitete ordentlich für ein ebenso ordentliches Salär, das er regelmäßig selbst an die Inflation und den Lebenshaltungskostenindex anpasste.
Auf einem Spiegel standen in roten Buchstaben ein paar Zeilen aus dem Song I Drink von der Göttin des Blues, Mary Gauthier. Übersetzt gehen sie so:

Die Fische schwimmen die Vögel fliegen
die Väter schimpfen
die Mütter weinen
die Liebenden gehen weg und ICH TRINKE.

Das war die Philosophie des Lokals, und die Gäste befolgten sie strikt. Im Winkel durfte außerdem geraucht werden. Wir hatten ein gewisses Sümmchen investiert in diesen diskreten, wenn auch nicht normengerechten Ort, und allmonatlich steckten wir den Kontrolleuren ein paar knisternde Geldscheine zu. Heutzutage war es unmöglich, sämtliche Gesetze zu befolgen, und die einzige Möglichkeit weiterzuarbeiten, bestand darin, dass man zahlte. Andererseits standen die Leute Schlange, um zu den Ordnungshütern zu gehören: Das hatte mit Politik nichts zu tun, sondern garantierte ein gewisses Auskommen.

Man muss aber sagen, dass sie mit uns nicht besonders streng waren; unser Laden warf nicht derart viel ab. Ein Schnapsladen für Leute mit dem richtigen Jazz- und Bluesgeschmack, nichts besonders Trendgemäßes.

Max und mir gefiel es so. Seit Jahren saßen wir am selben Tisch auf denselben Stühlen und empfingen die Klienten, die der Dienste zweier Ex-Sträflinge und jetziger Privatermittler bedurften. Die Idee stammte von mir; mein Partner war erst später dazugestoßen. Unsere Wege hatten sich gekreuzt, als ich jemanden mit gutem Gedächtnis und einem Sinn für Papierkram brauchte. Und dann waren wir zusammengeblieben. Ich hatte ihm die Hälfte des Lokals und eine der beiden Wohnungen im ersten Stock überschrieben.

Allerdings nicht nur aus Freundschaft oder Großzügigkeit. Ich hatte mit seiner Frau geschlafen, sie war sogar in meinen Armen gestorben, durchsiebt von den Kugeln der Killer der Brenta-Mafia. Einer der vielen Gründe für schlechtes Gewissen, die ich angesammelt hatte und nicht mehr loswurde.

Eigentlich waren wir kein Duo, sondern ein Trio. Der Dritte war ein Schmuggler und Räuber, der auf die sechzig zuging. Ich kannte ihn aus dem Gefängnis und hatte ihm das Leben gerettet. Er hatte mir den Gefallen wer weiß wie oft vergolten. Sein Name war Beniamino Rossini, genannt Il Vecchio Rossini, der Alte, zur Unterscheidung von seinen vielen Geschwistern. Besser, ihn zum Freund zu haben. Als Gegner konnte er die Pest sein.

Der Winkel würde erst um zweiundzwanzig Uhr aufmachen. Ich klopfte an die Tür des Dicken.
»Ich wette, du willst ein Abendessen abstauben«, grummelte er mit gespieltem Verdruss.
»Mir reicht auch ein Toast«, sagte ich, um ihn zu provozieren.
»Dann bist du hier falsch.«
Ich folgte ihm in die Küche.
»Heute Abend gibt es Bigoli mit Entenragout«, ließ er mich wissen und griff nach einem Topf. »Alles streng bio«, fügte er hinzu und kostete den Sugo.
Eine der Merkwürdigkeiten an meinem Partner war seine geringe Flexibilität in gastronomischen Dingen. Er war ein Virtuose mit Pfannen und Töpfen, hatte aber nie die Regionalküche überwunden, in der er sich hervorragend auskannte. Ich mache mir nicht viel aus Essen, aber im Lauf der Jahre war das doch ein wenig eintönig.
Ehrlich gesagt hoffte ich mittlerweile doch, dass sein Horizont irgendwann mal über die Rezepte des Nordostens hinausgehen würde.
Er öffnete eine Flasche Roten aus den Berischen Hügeln, und wir tranken ein Glas, während die Nudeln kochten.
»Ich habe für morgen Abend jemanden zum Essen eingeladen«, teilte er mir mit.
»Keine Sorge, ich bleibe weg«, beruhigte ich ihn, dann fragte ich: »Schon wieder so eine verdrehte Seelenklempnerin wie die letzten drei ?«
»Nein, von der Sorte hab ich genug«, antwortete er genervt. »Eine arme Lehrerin, glühende Basisgruppen-Gewerkschafterin, geschieden, keine Kinder.«
»Hübsch ?«
»Nicht nur das«, frohlockte er. »Sie raucht und trinkt, sie macht keinen kreativen Volkshochschulkurs und geht auch nicht ins Scheiß-Sportstudio.«
»Gutes Zeichen«, bemerkte ich und spürte das Bedürfnis, das Thema zu wechseln.
Virna, meine Freundin, hatte mich verlassen. Sie fand, sie sei es müde, sich immerzu über dieselben Sachen beschweren zu müssen, ich würde mich einfach nicht ändern, und dann hatte sie ein paar Bemerkungen gemacht, die mich wirklich trafen. Das war jetzt ein paar Monate her, ich fühlte mich einsam und geschlagen. Und traurig.
»Die Welt ist voll von Frauen. Zahlenmäßig sind sie den Männern überlegen«, das war Max’ einziger Kommentar gewesen; er hatte schon immer vorhergesehen, dass es mit Virna und mir so enden würde.
Aber ich wollte nicht irgendeine Frau, ich wollte sie. Mit meinen siebenundvierzig Jahren hatte ich nicht die geringste Lust, auf die Suche zu gehen und Zeit mit irgendwelchen Flirts zu vergeuden. Das dachte ich in dem Moment, denn ich wusste noch nicht, dass diese Nacht mein Leben von Grund auf ändern würde. Das Schicksal hatte damit nichts zu tun, sondern die Vergangenheit suchte mich mit zerstörerischer Kraft heim: es standen noch ein paar alte Rechnungen offen.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an den Moment ein paar Stunden später denke, als die Tür aufging und Beniamino Rossini hereinkam. Ich wusste sofort, dass etwas Schlimmes passiert war. Er war blass; mit verkrampften Kiefern und starren Bewegungen ließ er sich auf den Stuhl neben meinem fallen. Max La Memoria, dem der verstörte Gesichtsausdruck unseres Freundes aufgefallen war, trat zu uns.

Rossini hob die Faust auf die Höhe seines Gesichts und ließ sie auf den Tisch krachen, was kurz die Aufmerksamkeit der anderen Gäste erregte. Dann drehte er langsam die Hand um und öffnete sie. Max und ich wechselten einen Blick. Wir hatten sofort den Ring erkannt. Wirklich das Letzte, worauf wir gefasst gewesen wären.

»Wo hast du ihn gefunden?«
»In Sylvies Auto«, flüsterte er. »Unterm Sitz.«
Mir gefror das Blut in den Adern. Im Juni 2004 hatte ich selbst diesen Ring an genau derselben Stelle in einem anderen Wagen hinterlassen – als Todesnachricht.
»Und Sylvie ?«
»Verschwunden.«
Wir waren alle drei sicher, dass sie tot war, denn auch der Mann, dem der Ring gehört hatte, war umgebracht und sein Leichnam am Rand einer Autobahnbaustelle verscharrt worden. Das Schmuckstück in einem Auto zu hinterlegen, war eine an seine Bande gerichtete Todesanzeige. Gangsterhöflichkeit alter Schule.
Max kippte seinen Grappa auf einen Zug. »Aber warum sich an Sylvie vergreifen?«
Rossini ließ das Feuerzeug klicken und führte die Flamme an die Zigarette. »Vielleicht haben sie beschlossen, sich zu vergnügen, und fangen mit ihr an, um uns zu sagen, dass sie sich in aller Ruhe einen nach dem anderen von uns vornehmen wollen.«
»Oder sie wollen den Leichnam des Besitzers haben«, warf der Dicke ein.
Sinnlose Worte. »Jetzt beruhigen wir uns erst mal«, stotterte ich. »Wir sind ja völlig neben der Spur.«
»Du hast gut reden«, knurrte Rossini. »Die haben heute meine Frau umgebracht.«
»Das ist nicht gesagt«, flüsterte ich wenig überzeugt.
»Ich habe verbreiten lassen, dass ich etwas Kostbares suche«, sagte Beniamino. »Sämtliche Schmuggler zur See oder auf dem Land wissen das schon, sämtliche Dealer oder Mafiosi egal welcher Nationalität. Mehr kann ich nicht tun.«
Der alte Rossini war am Boden zerstört, seine Stimme rauh vor Erregung. Ich hob den Finger, um den neuen pakistanischen Kellner zu rufen. Seinen Namen wusste ich nicht. Max hatte ihn angestellt, einen der üblichen Illegalen, der am Monatsende einen Beitrag zur Schmiergeldzahlung leisten musste, um nicht ausgewiesen zu werden. Ich bestellte Wasser und Wodka für unseren Freund.
Eine irreale Stille senkte sich auf unseren Tisch, die Beniamino unterbrach: »Ich hab geheult auf dem Weg hierher. Verzweifelt geheult … Dabei habe bislang ich die anderen zum Heulen gebracht.«
Das stimmte. Zum ersten Mal fühlten wir uns völlig verloren, und das waren wir nicht gewohnt. Wir hatten nicht die geringste Idee, wo Sylvie sein mochte, denn der Typ, dem der Ring gehört hatte, war ein Unbekannter gewesen; wir hatten nie nach seiner Identität geforscht. Beniamino hatte ihn nicht mit einem Kopfschuss erledigt, um uns in eine Sache hineinzuziehen, mit der wir nichts zu tun haben wollten. Vielmehr war es ein Akt der Selbstverteidigung gewesen, der ohne Konsequenzen bleiben würde, da waren wir sicher. Ein Riesenirrtum.
Ich zündete mir eine Zigarette an. Sie schmeckte metallisch, was ich mit einem Schluck Calvados wegzuspülen versuchte. Rossini griff nach dem Päckchen. »Wir müssen was unternehmen, Leute, ich dreh gleich durch und will euer Lokal nicht zerlegen, dafür hab ich es zu gern.«
Wir traten vor die Tür und atmeten die Spätoktober-Luft ein. Dann setzten wir uns in seinen Wagen und fuhren los. An der Mautstelle von Padua begegneten wir ein paar Streifenwagen der Carabinieri. Die Bullen würden als Letzte von Sylvies Verschwinden erfahren, falls denn überhaupt jemand sie informieren würde, zum Beispiel, um sich bei ihnen lieb Kind zu machen. Das hier war eine Gangstersache, mit fast mathematischer Sicherheit dazu bestimmt, übel auszugehen. Kein Richter, Anwalt oder Scheißgericht war imstande, die Dinge zu regeln. Jemand wollte uns an den Kragen. Das war die einzige Sicherheit, die wir haben konnten auf unserer Fahrt nach Osten.

Wir suchten Sylvie zehn Tage lang. Überall. Krempelten den Nordosten um wie eine Socke und nervten alle, die etwas wissen mochten. Der alte Rossini war wie ein verwundetes wildes Tier. Wenn Max und ich mit den Leuten redeten, stand er abseits, aber alle betrachteten ihn voller Sorge. Allein schon sein Anblick war angsteinflößend. Wir scheuten uns nicht, gegen Ordnung und Anstand zu verstoßen oder Hierarchien zu verletzen. Auf Gegenliebe stießen wir damit nicht.

Ein Bulgare, der einen Stall von Huren am Laufen hatte und sämtliche Tricks kannte, eine Frau außer Landes oder hinein zu schaffen, beschimpfte uns, wir sollten ihn nie wieder belästigen. Ihn besuchte Beniamino mitten in der Nacht wieder und hielt ihm den Pistolenlauf an die Stirn, wobei er eine Zigarette rauchte und an die weiße Wand schaute. Der Mann war sicher, dass er jetzt sterben müsse, und wurde ohnmächtig. Da ging der alte Rossini, und erst in diesem Moment fiel ihm die in Todesangst erstarrte Frau unter der Bettdecke auf.

»Die Situation ist nicht mehr haltbar«, sagte ich am Ende eines höchst angespannten Abendessens in einem Restaurant in Udine. »Bald fangen sie an, auf uns zu schießen.«

»Ich liebe Schießereien«, entgegnete Beniamino.
»Du hast den Verstand verloren«, flüsterte ich. »Wenn auch mit gutem Grund. Wir müssen jetzt entscheiden, ob wir uns selbst zerstören oder uns der Wahrheit über Sylvie stellen wollen.«
»Was du da sagst, gefällt mir ganz und gar nicht«, platzte Rossini heraus.
Ich wählte meine Worte mit Bedacht. »Ich weiß, aber es hat keinen Zweck, sie weiter so zu suchen. Sie ist nicht hier. Entweder ist sie tot, oder sie haben sie sonst wohin gebracht.«
»Marco hat recht«, pflichtete Max mir bei. »Wir müssen bei dem Typen mit dem Ring anfangen, herausfinden, wer er war, und dann Schritt für Schritt ermitteln, wer dahintersteckt.«
»Und in der Zwischenzeit sind wir eine leichte Zielscheibe«, wandte Rossini ein.
Ich seufzte. »Das waren wir die ganze Zeit. Nach Sylvies Verschwinden, aber auch schon vorher. Wenn sie uns kaltmachen wollten, hätten sie es längst tun können. Unsere Wut hätte sie nicht daran gehindert.«
»Die haben andere Pläne«, meinte der Dicke.
Beniamino sah mich forschend an und dachte über das Gesagte nach. »Ich bin müde«, gab er zu. »Gebt mir ein paar Tage zur Erholung.«
Wir kehrten nach Punta Sabbioni zurück, wo er mit Sylvie lebte, doch er wollte die schöne, aber leere Villa nicht betreten. Stattdessen ließ er sich zum kleinen Hafen bringen, machte das hochseetaugliche Boot los, das ihm für den Schmuggel diente, und fuhr los. Er wollte sich in irgendeiner dalmatischen Bucht verkriechen und dort seine Abrechnung mit der Wirklichkeit machen. Danach würde er zurückkommen und den Dingen auf den Grund gehen.
»Ich habe Hunger«, gab der Dicke bekannt. »Lasst uns Fisch essen gehen.«
»Sollen wir nicht besser nach Hause fahren? Dann können wir uns in einer Stunde einen Teller Nudeln machen.« Max verneinte mit dem Zeigefinger. »Jeder von uns hat seine Methode, um die Spannung loszuwerden«, erklärte er. »Beniamino hat sein Boot, du Blues und Calvados und ich das Essen. Ich bin ein fetter Vielfraß und will mir den Bauch so vollschlagen, wie es die Trauer verlangt und der Stress, den diese ganze Sache mir macht …«
Ich hob resigniert die Hände. »Gut. Aber du weißt schon, dass du unerträglich bist, wenn du diesen Ton anschlägst?« Er lächelte listig. »Stell dir vor, das hat sich mit dem Alter gebessert. Du hättest mich mal hören sollen, als ich noch ein schlanker junger Studentenführer war.«
Aperitif, Antipasti, Pasta, Hauptgericht, Beilagen, Dessert, Kaffee. Erst beim Grappa beschloss Max, wieder auf die Sache zu sprechen zu kommen, die Sylvie zum Opfer einer Vendetta gemacht hatte.
»Es war ein Fehler, den Typen zu begraben, ohne genau zu wissen, wer er war«, meinte er.
»Der alte Rossini hat zu früh die Geduld verloren«, entgegnete ich. »Abgesehen davon, der Typ hat uns benutzen wollen, und am Ende hätte er uns reingelegt.«
»Hast du eine Idee, wie wir an den ganzen Schlamassel herangehen sollen ?«
»Ich hab darüber nachgedacht«, gab ich zu. »Und ich frage mich: Wie sind wir da reingeraten? Warum hat er unsere Namen ins Spiel gebracht?«
»Deinen Namen«, korrigierte der Dicke. »Ich weiß noch genau, wie er in den Winkel kam und nach dir fragte. ›Ich suche den Alligator‹, sagte er, ganz genau so.«

Donnerstag, 1. april 2004

Max hatte recht. Der Typ hatte nach dem Alligator gefragt. So hieß ich seit langem, seit der Uni, als ich in einer Band namens Old Red Alligators sang. Ich war im Gefängnis gelandet, die Gruppe hatte sich aufgelöst, ich hatte die Stimme verloren, aber der Name war an mir hängengeblieben, und den Blues gab es ja trotz allem weiterhin.

Wenn ich daran doch einmal zweifelte, rief ich meinen Lieblings-Plattenhändler an, Edoardo »Catfish« Fassio, der mir dann zur Beruhigung neue Sampler beschaffte, darunter auch einheimische, und »ein paar Klassiker als Gegenmittel«.

Es war der Tag der Aprilscherze, und schon seit dem Morgen hütete ich mich vor Max La Memorias Dummheiten, denn er schickte einen gern in den April. Ich mochte das nicht, im Gegenteil, es beleidigte mich, ausgerechnet an dem dafür vorgesehenen Tag Opfer irgendwelcher Scherze zu werden; das machte mich ganz nervös.

Das schaffte dann der Typ, der sich an meinen Tisch setzte. Mir sprang sofort der dicke Ring an seinem linken Ringfinger ins Auge. Auf der Siegelfläche trug er ein Muster, das auf den ersten Blick an ein Kreuz erinnern mochte. Er war um die fünfundvierzig, sein Gesicht war schmal, auch wenn er schon länger keinen Sport mehr zu treiben schien. Schwarzes Haar bis zum Kragen, dunkler Anzug, italienische Markenware, französisches Hemd.

»Du bist also der Alligator.« Sein Italienisch war perfekt, verriet aber dennoch den Ausländer. Ein rascher Blick auf die Schuhe zeigte mir, dass ich mit der Einschätzung richtiglag. Trotzdem konnte ich den Akzent nicht erkennen.

»Hast du nicht gehört?«, fragte er anmaßend. Ich hob mein Glas. »Das hier ist ein Alligator«, erklärte ich. »Sieben Teile Calvados, drei Teile Drambuie, reichlich gecrushtes Eis und dann noch eine Scheibe grüner Apfel, die man hinterher kaut, um sich über das leere Glas zu trösten. Eine Kreation von meinem Freund Daniele Argiolas, dem Wirt vom Libarium in Cagliari.«

Er lächelte herablassend. »Fertig mit dem Gequatsche?« »Ich hab noch nicht mal angefangen«, entgegnete ich. Der Typ war nicht irgendein Angeber, aber was er war, stand leider nicht in seinem Gesicht geschrieben. Ein Bulle, ein Mafioso, ein Söldner oder ein Angehöriger des Geheimdienstes, schwer zu sagen. Ich beschloss, mich weiter dumm zu stellen. Das gelang mir an dem Tag besonders gut.
»Ab heute arbeitest du für mich.«
»Na, das ist doch mal eine gute Nachricht«, prustete ich. »Ich frag mich schon die ganze Zeit, wann endlich der Märchenprinz kommt.«
»Brauchst du einen Kuss, um aufzuwachen?«
»In welchem Märchen sind wir denn?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich engagiere dich für Ermittlungen nach dem Rauschgift, das sie im Rechtsmedizinischen Institut gestohlen haben.«
»Da bist du an der falschen Adresse.«
Dasselbe Lächeln. Der Typ hatte keine Fantasie. »Du und die beiden anderen, die mit dir arbeiten, fragt euch durch, bis ihr wisst, wer den Haufen Stoff beiseitegeschafft hat. Natürlich werdet ihr gut bezahlt.«
Aus der Innentasche seiner Jacke zog er den üblichen Umschlag und warf ihn mitten auf den Tisch. Ich bedachte ihn nur mit einem zerstreuten Blick.
»Ich sag doch, du bist an der falschen Adresse.«
»Ich weiß alles über dich. Du bist der richtige Mann.«
»Dann solltest du wissen, dass ich nichts mit Drogen mache.«
»Diesmal machst du eben eine Ausnahme.«
»Warum sollte ich?«
»Weil man einen guten Job nicht ablehnt«, antwortete er. »Vor allem, wenn der Auftraggeber sauer werden könnte.«
»Ich verblute innerlich vor Angst«, flüsterte ich.
»Du glaubst mir nicht, was?«, fragte er enttäuscht.
»Das ist nicht das Problem. Wie auch immer, ich arbeite nicht für dich. Begreifst du das nicht?«
Er stand auf. »Ich melde mich wieder.«
Als er sich umdrehte, erinnerte ich ihn an den Umschlag.
»Keine Eile«, meinte er. »Wir sehen uns bald wieder.«
Ich sah ihm nach. Er drehte sich nicht mehr um. Sicherer, elastischer Schritt. Der gefährlichste aller Desperados, die mich in der letzten Zeit für die Suche nach dem Schatz hatten engagieren wollen, der aus dem gepanzerten Raum im Keller des Rechtsmedizinischen Instituts verschwunden war. Meine Antwort war für alle dieselbe gewesen. Ich machte nichts mit Drogen, in keiner Form. Manchmal drehte ich mir einen ordentlichen Joint. Das war’s. Die Welt des Drogenhandels ist verfault, in jedem Sinne. Es ist eine Frage des gesunden Menschenverstands, die Finger davon zu lassen. Und der Fall hier stank gen Himmel, man brauchte nur zu lesen, was in der Zeitung stand.
In der Nacht vom 16. auf den 17. März war jemand in das Institut eingedrungen, hatte den Sicherheitscode der mit einem Security-Dienst verbundenen Panzertür eingegeben, den Schlüssel in das gerade vor einer Woche ausgetauschte Schloss gesteckt und einen halben Zentner Heroin, Koks und diverse Pillen abgeschleppt; die hundertsiebenundzwanzig Kilo bestes Hasch hatte er keines Blickes gewürdigt.
Der Raub hatte im ehrbaren Padua für viel Lärm gesorgt. Manche fragten sich, wieso eine derartige Menge Rauschgift in der Rechtsmedizin gelagert wurde, wo doch für die rituellen Analysen ein paar Gramm genügten. Gab es denn keinen sicheren Ort in dieser Stadt?
Der Grund wurde nach den ersten beiden parlamentarischen Anfragen bekannt: Normalerweise wurde gemäß einer »AntiVersuchungsmaßnahme« verfahren; die Ordnungskräfte brachten ein paar Gramm ins Rechtsmedizinische Institut, der Rest wanderte nach einigen Tagen in den nächsten Verbrennungsofen.
In diesem Fall hatten die Ermittlungen kein konkretes Ergebnis erbracht. Freilich, wer über den Code und die Schlüssel verfügt, wähnt sich in Sicherheit und geht so gut wie kein Risiko ein. Es gab die üblichen sinnlosen nächtlichen Verhöre und Nachrichten über angeblich »unmittelbar bevorstehende Verhaftungen«, doch das war nichts als heiße Luft, um die Gerüchteküche zu befriedigen.
Als Nebenwirkung lockte der Raub eine Handvoll Desperados an, wie Rossini sie getauft hatte, die sich nun alle auf die Schatzsuche begaben. Halbweltler der Region, die sich dafür interessierten, was passiert war, und die diesen Schatz in die Finger kriegen oder mit den offenbar sehr kenntnisreichen Verantwortlichen in Kontakt kommen wollten, da diese sich so gut auszukennen schienen.
Der Nordosten war ein reicher, blühender Markt, aber die Konkurrenz war gnadenlos, und alle spielten ein schmutziges Spiel auf allerlei Tischen. Der Lieblingssport bestand darin, rivalisierende Banden an die armen Bullen zu verkaufen, die immer nach konkreten Ergebnissen trachteten, denn sogar die Analysen des Abwassers verrieten einen enormen Gebrauch an Rauschmitteln, vor allem an Kokain. Eine belebende Nase voll vor der Arbeit und eine danach und zum Vergnügen am Wochenende noch eine extra. Sonst nichts als Mühe und Langeweile.
In der Hoffnung, dass der Typ mit dem dicken Ring der Letzte war, der wegen der Sache aufkreuzte, legte ich die Episode zu den Akten. Aber nur kurz. Gegen zehn Uhr am nächsten Morgen weckte mich Ramzi, ein Illegaler aus Mali, der bei uns putzte. Ein braver Mann, der sich noch von dem Schrecken erholen musste, nach seiner langen Irrfahrt in ein so gastfreundliches Land geraten zu sein wie unseres. Mit fünfzig so ein Abenteuer zu bestehen, ist der reinste Irrsinn. Er hatte sich dabei Kurzatmigkeit eingehandelt und ein Pfeifen aus der Tiefe der Lunge.
In seinem stockenden Italienisch machte er mir begreiflich, dass vor der Tür des Winkels etwas lag, das ich unbedingt sehen musste. Ich zog mir den Morgenmantel über den Pyjama und ging hinunter, um einen Blick darauf zu werfen.
»Bist du so nett und weckst Max?«, bat ich Ramzi angesichts eines Gewirrs von Zündschnüren und Explosivkörpern.
»Wenn du mich fragst, ist das ein Gruß von dem Typ mit dem Ring«, sagte ich kurz darauf zum Dicken.
»Glaubst du, das kann hochgehen?«, fragte er, noch schlaftrunken. »Ich meine, stehen wir hier wie zwei Arschlöcher und schauen eine Bombe an, die uns gleich um die Ohren fliegt?«
»Keine Ahnung«, antwortete ich. »Aber ich finde, es sieht irgendwie nicht gefährlich aus.«
Ramzi meldete sich zu Wort. »Der Zünder fehlt«, sagte er auf Französisch.
Max La Memoria übersetzte und fragte ihn, woher er das so genau wisse. Auf diese Weise erfuhren wir, dass es in Mali eine Armee gab.
»Ruf den alten Rossini an«, empfahl mir der Dicke und ging wieder schlafen.

Vorhersehbares Drehbuch: Am selben Abend tauchte der Typ wieder auf. Er setzte sich auf denselben Stuhl. Diesmal war ich allerdings nicht allein. Max zu meiner Rechten, Rossini zur Linken.

»Die Antwort ist noch immer nein«, erklärte ich sofort. Er beachtete meine Worte nicht, sondern nickte meinen Partnern zu, zog einen weiteren Umschlag mit Geldscheinen hervor und schob ihn ostentativ langsam in die Mitte des Tischs.

»Dynamit und Zaster«, kommentierte der Dicke. »Soll das deine Strategie sein, um uns zu überreden, für dich zu arbeiten?«
Der Typ nickte zufrieden. »Ich habe es ein wenig eilig«, sagte er zu Beniamino. »Ich brauche rasche Ergebnisse.«
Der alte Schmuggler sagte nichts, sondern schaute ihn nur zerstreut an.
Ich holte den gestrigen Umschlag aus der Hintertasche meiner Jeans. »Jetzt geh und lass dich nicht mehr hier blicken.«
»Das würde ich ja gern, aber es geht nicht«, sagte er gespielt bekümmert. »Der Ort hier gefällt mir nicht, ihr seid feindselig und unsympathisch, aber wie ihr sicher wisst, gibt es gewisse Hierarchien, und ich stehe nicht weit genug oben, als dass ich mir erlauben könnte, ohne Ergebnis zurückzukommen.«
»Dann gib dir einen Schubs und frage selbst herum.«
»Das hab ich versucht«, gab er seufzend zu, »aber ich kenne niemanden, und als ich ins Hotel zurückkam, war da ein Bulle in Zivil, der wollte tausend Euro, um mich in Ruhe zu lassen.« »Die Bullen sind auch nicht mehr, was sie mal waren.« Ich zündete mir eine Zigarette an. »So was von unbescheiden und anmaßend.«
»Warum wollt ihr keine Vernunft annehmen?«
»Weil wir dir nicht nützlich sein können«, lenkte Max ein. »Das sind nicht unsere Kreise, wir finden da nichts raus.«
»Mir hat man das Gegenteil gesagt.«
»Dann hast du dir Blödsinn erzählen lassen«, beharrte mein Partner.
Der Typ spielte mit dem Ring, eine Marotte, die ich zum ersten Mal bemerkte. Er schien verärgert. Dann ließ er den Zeigefinger in der Luft kreisen. »Es ist gar nicht so schwer, einen Zünder zu besorgen …«
Falls er den Satz beenden wollte, Rossini ließ ihn nicht dazu kommen. Er sprang auf, packte den Thonetstuhl aus Buchenholz, auf dem er saß, und zerschmetterte ihn auf dem Rücken des Typs, der sich schreiend davonmachte.
Die Stille im Lokal ließ sich mit dem Messer schneiden. Die verblüfften, besorgten Gesichter der Gäste zeigten deutlich genug, dass der Vorfall nicht unbemerkt geblieben war.
Max stand auf. »Wir bitten um Entschuldigung«, verkündete er feierlich, »das war nur eine Auseinandersetzung unter Rivalen in der Liebe. Kurz, nichts Schlimmes.«
Eine Frauenstimme ließ sich aus dem Hintergrund hören: »He, Max, wenn wir so ein Märchen glauben sollen, musst du uns eine Runde spendieren.«
Ich wechselte einen Blick mit meinem Partner. »Natürlich«, sagte er laut. »Und die nächste Runde geht auch aufs Haus.«
Zwischen den begeisterten Rufen der Gäste war dieselbe Stimme zu hören: »Du bist ein Gentleman, Max. Dann streichen wir den Vorfall aus unserem Gedächtnis.«
Allgemeines Lachen, das uns ansteckte. Eine Wohltat. Das kam selten genug vor. Dabei hatte ich gelesen, Lachen sei gesund.
»Rivalen in der Liebe …«, murmelte Beniamino pikiert. »Als was stellst du mich hin?«
»Hast du nicht warten können, dass er von sich aus geht?«, fragte der Dicke.
»Beruhigt euch«, ging ich dazwischen. »Ist ja nichts passiert. Genießt den schönen Abend.«
Beniamino sah mich an. »Denkst du wirklich, der Idiot lässt sich nicht mehr blicken?«
»Ich hoffe es. Ich habe keinerlei Lust, im Hotel zu schlafen wegen seiner Knallkörper.«
Das Arschloch benutzte dann kein Dynamit, sondern schlichte brennbare Flüssigkeit, mit der er meinen Sˇkoda Felicia Baujahr 1994 abfackelte. Ramzi wollte mich trösten; erstens sei der Wagen schon alt gewesen, zweitens könne ich als steinreicher Westler mir doch was Besseres leisten.
Ich machte mir nicht die Mühe, ihm zu erklären, dass ich eben an meinem Felicia hing, der außerdem, der Statistik zufolge, zu den bei Straßenkontrollen am seltensten betroffenen Wagen gehörte. Nicht, dass ich immer etwas zu verbergen oder zu befürchten gehabt hätte, aber bei Personenkontrollen kam immer meine Vergangenheit als politischer Häftling ans Licht; es gab nichts Besseres, um die reizenden Ordnungskräfte giftig werden zu lassen, die noch nachtragender waren als die Pfaffen. Einmal Terrorist, immer Terrorist, so sah das für sie aus.
Auch wenn ich nie ein Terrorist gewesen bin. Ich hatte nur einfach einen Flüchtling beherbergt, ohne weitere Fragen zu stellen, und schon steckten sie mich für sieben lange Jahre ins Gefängnis.
Um einen neuen Felicia in gutem Zustand zu finden, wollte ich mich an Paolino Valentini wenden, einen Gitarristen, der das Modell genauso mochte wie ich, wenn auch aus ganz anderen Gründen.
Rossini kam gegen Abend. »Den Typen muss ich wohl beseitigen«, meinte er beim Anblick der verkohlten Reste von meinem Felicia.
»Muss das sein?«
»Gutes Zureden hat nicht genügt, und wenn die Nachricht die Runde macht, denkt am Ende jeder, er kann uns behandeln wie einen Fußabtreter.«
Ich suchte Max’ Blick, aber der zuckte nur mit den Schultern.
Also würde Beniamino sich noch ein weiteres Goldarmband anschaffen. Das war seine Art, die Skalps zu zählen. Oder den Überblick zu behalten, das hatte ich nie begriffen. Das Thema war mir immer zu heikel erschienen, um es einfach so anzusprechen.
Ich war nicht überzeugt. Absolut nicht. »Kommt, wir jagen ihm schwer Angst ein und schauen, wie er reagiert.«
Der Schmuggler zog eine Schnute. »Ich bezweifle, dass das hilft, aber ich will hoffen, dass du recht hast. Vielleicht ist er sogar zum Sterben zu blöd.«
Auch an dem Abend kreuzte der Typ wieder auf, das dritte Mal in Folge. Er kam behutsam näher, ließ die Hände vom alten Rossini nicht aus dem Blick.
Ich zeigte ihm die beiden Umschläge mit dem Geld. »Mein Felicia ist noch einen wert«, zischte ich wütend.
»Kein Problem.«
»Vielleicht haben wir eine Spur«, log Max.
»Nämlich?«, fragte der Typ hoffnungsvoll.
»Erst wollen wir wissen, was dich überhaupt interessiert. Der Stoff? Die Täter? Die Hintermänner?«
»Das kann ich nicht sagen.«
»Du kannst es nicht, oder du weißt es nicht?«, provozierte ich ihn, als wäre er nichts als ein Handlanger.
»Ihr schaut einfach, dass ihr möglichst viel rausbekommt. Was mich davon dann interessiert, könnt ihr meine Sache sein lassen«, antwortete er gereizt.
»Nein, so läuft das nicht«, schaltete sich der Dicke ein. »Vielleicht, und ich betone: vielleicht, haben wir rausgefunden, wo ein Teil des Heroins gelandet ist. Dann können wir dich mit den Leuten zusammenbringen, die es verkaufen, aber wie sie daran gekommen sind, musst du selbst herausfinden. Mehr können wir nicht tun.«
»In Ordnung. Wann bringt ihr mich hin?«
»Morgen Abend.«
Wir verabredeten uns an einer Stelle außerhalb von Mestre, in der Nähe des Flughafens, aber bevor er ging, verlangte ich, dass er mir den Wagen erstattete.

»Das Ganze kommt mir vor wie Theater«, bemerkte ich, während ich die Scheine unterm Tisch zählte.
»Wieso?«, fragte Rossini.
»Er hat die Taschen voller Geld, kann Sprengstoff und Zeitzünder besorgen, er weiß, wie man einen Wagen abfackelt, aber trotzdem kommt er mir immer noch vor wie ein Vollidiot«, erklärte ich. »Er wirkt so naiv. Trotzdem habe ich Schwierigkeiten zu glauben, dass er die Geschichte geschluckt hat, die wir ihm heute aufgetischt haben.«
Rossini zuckte mit den Schultern. »Was heutzutage alles rumläuft. Die Profis werden immer seltener. Aber egal, das finden wir bald heraus. Wenn er hinkommt, und dann noch allein, dann ist er wirklich ein Dummkopf.«
»Seine Chefs sind vielleicht keine.«
»Dann begreifen sie jetzt, dass sie uns besser nicht weiter nerven.«

Aber der Typ mit dem Ring war wirklich unbedacht. Pünktlich und ohne Begleitung kreuzte er an einem absolut menschenverlassenen Ort auf, wo die Bulldozer jüngst die Landschaft in eine staubige Wüste verwandelt hatten. Eine Autobahn samt dazugehörigen Brücken sollte hier gebaut werden, Teilstücke des Monuments, mit dem der Gouverneur der Region dafür sorgen wollte, dass die Nachfahren ihn als glänzenden Verwalter in Erinnerung behielten.

Kaum war er aus seinem Wagen, da hielt Rossini ihm schon die Pistole an den Kopf und führte ihn an den Rand eines tiefen Grabens. In dem hätten noch zwei Körper mehr Platz gehabt, wenn er denn in Begleitung gewesen wäre. Natürlich eine Idee des vorausschauenden Beniamino. Weder Max noch ich hätten Spitzhacke und Schaufel geschwungen, ohne zu wissen, für wie viele Gäste wir Platz brauchen würden.

»Das hier ist für dich«, zischte der alte Schmuggler. »Aber wenn du dich nicht mehr blicken lässt, kann es auch leer bleiben.«
Als einzige Antwort verpasste der Typ ihm einen harten Stoß mit dem Ellbogen in den Bauch, und Beniamino drückte ab. Eine Kugel in die Schläfe – der Idiot war tot, bevor seine Knie den Boden berührten.
Kurz war Rossini atemlos. »Hab noch nie einen gesehen, der so scharf drauf war, sich kaltmachen zu lassen.«
Die Gewissheit, es mit einem ungefährlichen Dilettanten zu tun gehabt zu haben, ließ uns alle Vorsichtsmaßnahmen vergessen. Wir verzichteten sogar darauf, seine Taschen oder seinen Wagen zu durchsuchen, den ich nach Vicenza bringen wollte. Höflichkeitshalber hinterlegten wir den Ring in dem Wagen, so dass seine Freunde, Chefs oder Komplizen erfuhren, dass man ihn beseitigt hatte.
So viel dazu. Am nächsten Tag war die Sache vergessen. Und ohne alle Gewissensbisse. Wir hatten alles versucht, um ihm klarzumachen, dass er bei uns an den Falschen war.
Einer der drei Umschläge diente zur Anschaffung eines neuen Felicia. Leider kein Modell aus der ersten Serie, sondern eines von 1996. Mit Hilfe des zweiten kurierten wir Ramzi und besorgten ihm eine Bleibe. Der dritte landete im Briefkasten eines Vereins, der sich um Straßenprostituierte kümmerte. Die meisten Huren müssen in einem Klima von täglichem Terror und Gewalt leben, und wir hatten einen Riesenrespekt und Bewunderung für die Freiwilligen, die allnächtlich versuchten, welche von der Straße zu holen.
Die folgenden Monate verliefen ruhig. Das einzige Ereignis des Jahres 2004 war die Rückkehr von Sylvie Anfang Dezember. Wir feierten im Winkel. Sie tanzte für uns, es war ein unvergesslicher Abend. Der alte Rossini war der glücklichste Mensch auf Erden.
»Sie kam und sagte: ›Jetzt bin ich wieder bei meinem Banditen‹«, erzählte er bewegt und umarmte mich.
»Ihm gelingt ein packendes Psychogramm von Nordostitalien, kühl abfotografiert und von Hinrich Schmidt-Henkel mit geladenem Revolver ins Deutsche übersetzt.«
Neue Zürcher Zeitung, 15.11.2011

»… vergnüglich-schwarzer Roman.«
Rolf App, St. Galler Tagblatt, 2.8.2011

»Mit großer Lust treibt Carlotto von der vernetzten Mafia bis zur korrupten Polizei alles vor sich her. Er teilt groß aus, und zeigt der eigenen Nation, wo der Schuh drückt.«
Martin G. Wanko, Vorarlberger Nachrichten, 20./21.8.2011

»... allererste Krimiklasse. Alles erinnert irgendwie an die gute alte Chandler-Zeit, spiegelt gleichzeitig aber auch das Berlusconi-Italien hinter den Kulissen wider. Wer Carlotto bislang verpasst hat, sollte diese Lücke schleunigst schließen.«
Dresdner Neueste Nachrichten, 15.8.2011

»Der Italiener Massimo Carlotto erzählt in "Banditenliebe" im schnoddrigen Ton, den Raymond Chandler für Philip Marlowe gefunden hat, eine spannende Mafia-Geschichte ... Es geht um Drogen, Wirtschaftsverbrechen, Korruption. Ein rasantes Lesevergnügen für Fans von Gangsterromanen.«
Oberhessische Presse, 16.12.2011

»Dieser kurzweilige Krimi trifft es so ziemlich mit jeder Seite auf den Punkt.«
Ralf Ruhenstroth, JogiBuchwelt, Juli 2011

»Ein Krimi der alles zu bieten hat: Spannung, Gefühl, Brutalität, Empfindsamkeit, Gnadenlosigkeit und Mitgefühl.« – Xirxe

»Eine Bündelung wissenswerter Fakten, stilsicher in der Geschichte verpackt, einnehmend und beeindruckend« - Hannali

»Superb geschrieben, sympathisch und authentisch. Beklemmend, aber auch befreiend, mutig und Mut machend, wenn man an Freundschaft und Liebe glauben will.« - Erinnye
Quelle: Lovelybooks
Tropen Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel (Orig.: L‘Amore del Bandito)
1. Aufl. 2011, 187 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50209-1
autor_portrait
Marijan Murat

Massimo Carlotto

Massimo Carlotto, geboren 1956 in Padua, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Italiens. Als Sympathisant der extremen Linken wurde er in den ...

Weitere Bücher von Massimo Carlotto



Unser Service für Sie

Zahlungsmethoden
PayPal (nicht Abos),
Kreditkarte,
Rechnung
 
weitere Infos

PayPal

Versandkostenfreie Lieferung
nach D, CH, A

in D und A inkl. MwSt.,
evtl. zzgl. in CH anfallende MwSt.
 
weitere Infos

Social Media
Besuchen Sie uns bei


www.klett-cotta.de/im-netz
Facebook Twitter YouTube
Newsletter-Abo

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de