Der Flüchtling

Dieses Buch erwerben
18,95 EUR
gebunden mit Schutzumschlag
versandkostenfrei nach D, CH, A; in D, A inkl. Mwst., in CH evtl. zzgl. in CH anfallender Mwst. - Akzeptierte Zahlungsmittel

Die besten Krimis schreibt das Leben - die persönliche Geschichte des Starautors Massimo Carlotto

Sechs Jahre Gefängnis, fünf Jahre Exil, elf Prozesse. Ein Leben unter Terroristen und Mafiosi. Der große italienische Krimiautor Massimo Carlotto hat aus seiner so unglaublichen wie wahren Lebensgeschichte spannende Literatur gemacht.

20. Januar 1976: Die 25-jährige Studentin Margherita Magello wird in ihrem Zimmer in Padua mit 59 Messerstichen ermordet. Massimo Carlotto, 19 Jahre, Student und Mitglied der linksradikalen Bewegung entdeckt das Opfer und geht zur Polizei, um den Vorfall zu melden. Er wird festgenommen und wegen Einbruchs angeklagt. Es beginnt ein beispielloser Schauprozess. Kurz vor der Urteilsverkündung flieht Carlotto nach Paris und von dort einige Jahre später nach Mexiko. Unter politisch Verfolgten und brutalen Verbrechern lernt er zu überleben, ohne den Verstand zu verlieren.

Leseprobe
Für Silvia Baraldini
Die dem ersten Kapitel vor angestellten Zeilen stammen aus dem Theaterstück Nessuno (Niemand) von Luciano Nattino und Antonio Catalano von der Compagnia Teatrale Alfieri aus Asti.
Vor den anderen Kapiteln werden Songs von Stefano Maria Ricatti zitiert (von der CD Blu - Ed. Rossodisera), einem Sänger, Autor, Komponisten und guten alten Freund. Seine Platten liegen mir besonders am Herzen, sie haben mir in ungezählten schlaflosen Nächten beigestanden.
Überhaupt möchte ich mich bei all den vielen Künstlern bedanken, die mir über die Jahre ihre Solidarität, Freundschaft und Unterstützung geschenkt haben.
EINFÜHRUNG
Meine Vergangenheit war schweres Gepäck. Um es abwerfen und mich endlich der Zukunft zuwenden zu können, benötigte ich fünf große Holzkisten. In einwöchiger akribischer Arbeit archivierte ich sechsundneunzig Kilogramm Gerichtsakten, Tausende Briefe und Telegramme, Hunderte Zeitungsartikel, Dutzende Videokassetten mit Aufzeichnungen verschiedener Fernsehsendungen, vor allem Talkshows. Diese fünf Kisten befinden sich jetzt im Keller; ihr Inhalt dokumentiert die letzten achtzehn Jahre, fast die Hälfte meines Lebens.
Ich bin ein Stück Justizgeschichte, der »Caso Carlotto«. Auf der Straße, im Zug oder im Flugzeug werde ich oft angesprochen: »Heh, Sie sind doch der Fall Carlotto!« Nicht nur, dass ich als der langwierigste und meistdiskutierte Fall der italienischen Rechtsgeschichte bekannt bin, ich werde auch an den Universitäten studiert, als Extremfall, einer, der sich nicht wiederholen wird. Kein italienischer Bürger wird erneut einen solchen Prozess durchmachen müssen wie ich. Es ist rechtstechnisch unmöglich.
Das macht mich zu einem menschlichen Fall, einem raren Beispiel für die systematische - zynische und betrügerische - Zerstörung eines Lebens. Auch wenn ich nicht der Ansicht bin, dass Pech ansteckend ist, wollte ich das doch sofort klarstellen, damit jeder leichten Herzens entscheiden kann, ob er weiterliest oder nicht.
Diese Geschichte begann am 20. Januar 1976, da ich als Zeuge eines Verbrechens bei den Carabinieri vorsprach, und endete am 7. April 1993, dem Tag, als der Präsident der Republik beschloss, den Fall durch einen Gnadenerlass abzuschließen.
Ich habe sechs Jahre im Gefängnis gesessen, habe elf Prozesse über mich ergehen lassen müssen, in jeder Instanz bis hin zum Verfassungsgericht; es haben sich sechsundachtzig Richter und fünfzig Gutachter mit dem Fall befasst, und am Ende wäre ich beinahe an einer Krankheit gestorben, die mir der Knast eingebracht hat.
Was meine Schuld oder Unschuld angeht, haben die betroffenen Gerichte einander stets aufs Neue widersprochen und dabei nicht mit scharfer Kritik gespart. Den Vogel schossen die Richter des letzten Verfahrens ab, die mich als sehr, sehr schuldig hinstellten und in ihrer schriftlichen Begründung ausführten: »Mit diesem Urteil wünscht der Gerichtshof aus dem ›Caso Carlotto‹ ein Verfahren zu machen, das die Würde des italienischen Justizwesens wiederherstellt« - eine seltsame Sicht, geteilt nur von den wenigen, die in der ungewöhnlich großen Anzahl von Verhandlungen eine Verwirklichung der rechtsstaatlichen Prinzipien sehen wollten.
Ich hingegen habe mich immer als sehr, sehr unschuldig angesehen und bin überzeugt, dass ein unüberbrückbarer Abgrund zwischen den realen Geschehnissen und ihrer rechtlichen Bewertung klafft. Die Diskussion ist noch nicht beendet, sie erfreut sich bester Gesundheit und harrt dar auf, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg sich ihrer annimmt.
Diese autobiographischen Aufzeichnungen handeln indessen nicht von den Gerichtsverfahren, sondern schildern die Situation des Verfassers - der jahrelang zu einem Leben im Untergrund, auf der Flucht gezwungen war - und seine Rolle während der letzten Monate der gerichtlichen Klärungsversuche. Ich habe sie aufgeschrieben, ohne mich selbst dabei allzu ernst zu nehmen, wie stets in jenen Jahren: Das war meine Verteidigung gegen den Schlaf der Vernunft und die Blindheit der Vorsehung. Achtzehn Jahre lang habe ich stets vermieden, von mir selbst zu sprechen, um keine störenden Elemente in die Schlacht vor den Gerichten zu bringen. Diese Verhaltensmaxime hat den individuellen Aspekt immer hinter dem rechtlichen zurückstehen lassen, im Sinne all derer, die noch an eine gerechte Gerechtigkeit glauben (so wie einst).
Ich bin überzeugt, dass das die korrekteste und aussichtsreichste Einstellung ist. Trotz meines persönlichen Scheiterns auf Verfahrensebene hat mein Fall immerhin sowohl dem Kassationsgericht als auch dem Verfassungsgericht Anlass zu zwei wichtigen, hellsichtigen Grundsatzurteilen gegeben, dank deren heute die Wiederaufnahme von Prozessen möglich ist. Und er hat ganz allgemein zur öffentlichen Debatte nicht nur über Justizirrtümer, sondern auch über den Sinn von Strafen, über Strafanstalten und haftbedingte Krankheiten beigetragen.
Nur sehr wenig wurde bislang über das Leben im Untergrund geschrieben und berichtet, und dieses Wenige betraf im Wesentlichen den Bereich des organisierten Verbrechens. So organisiert wie natürlich auch die Fluchtmöglichkeiten der Beteiligten. Diese Aufzeichnungen hingegen beschreiben das Leben, die Verhaltensweisen und den Alltag eines, der durch den Zufall zur Flucht gezwungen war. Ein besonderer, absolut ungefährlicher Flüchtling, dem es einzig darum ging, zu überleben und Tag um Tag erneut seine Freiheit zu bewahren.
Wovon hast du geträumt
als du deine Heimat verließest
kopfüber
die Beine in der Luft
ins Leere geschleudert
mit offenem Mund?
Mein Leben auf der Flucht endete eines Tages im Januar 1985, als Melvin Cervera Sanchez, ein junger, vielversprechender Anwalt aus bester Familie, beschloss, unser Verhältnis zu beenden, indem er mich an die Federales verkaufte.
Sanchez war mein Kojote. Wer in Mexiko irgendein offizielles Dokument benötigt (auch wenn er jedes Recht dar auf hat, zum Beispiel als mexikanischer Staatsbürger), muss sich an diese sauberen Herren wenden, die ihren Spitznamen ihrem ausgefuchsten Gespür verdanken und für Geld deine Probleme mit der Bürokratie lösen. Der Kojote sollte nicht mit dem Schleuser verwechselt werden, einer anderen staatstragenden Gestalt, die ihrerseits die illegale Ausreise in die Vereinigten Staaten organisiert. Deutlich gefräßiger als der Vorgenannte, erleichtert der Schleuser seine Kunden um ihr gesamtes Hab und Gut, um sie hernach in schrottreife Lieferwagen zu pferchen. In neun von zehn Fällen lässt er sie einfach mitten in der Wüste stehen (auf der mexikanischen Seite der Grenze wohlgemerkt) oder nahe den angelegentlich informierten US -Grenzwachen, denn der Schleuser schätzt es besonders, in Dollar bezahlt zu werden.
Ich hatte beschlossen, mich an einen Kojoten zu wenden, weil ich es leid war, mit Touristenvisa durch die Welt zu streifen. Ich wollte das beenden und mir den Traum jedes Flüchtigen erfüllen: mit neuer Identität ein neues Leben beginnen.
Nach Mexiko hatte mich die Liebe geführt, denn Alessandra, meine damalige Freundin, mochte keines der anderen Länder, in denen ich mich zuvor aufgehalten hatte. Alessandra lebte in Italien, besuchte mich dann und wann und blieb immer nur gerade so lange, bis ihr klar war, dass sie den Ort nicht mochte und nie und nimmer dort leben würde. Uns verband eine große Liebe. Sie endete am Tag meiner Festnahme, nach dem ich sie nie wieder zu sehen bekam; irgendwann erfuhr ich, dass sie einen Vertreter geheiratet hat und in Mattarello wohnt, einem kleinen Dorf im Trentino. Vielleicht erklärt das, warum sie nicht in eine Stadt wie Paris, Barcelona oder Lissabon ziehen wollte.
Auf Mexiko war die Wahl dank der Lektüre von Erinnerungen eines Revolutionärs von Victor Serge gefallen. Ursprünglich ein militanter Anarchist in Frankreich, hatte er die Oktoberrevolution als Bolschewik erlebt, war dann Opfer der stalinschen Säuberungen geworden und nach einem langen Aufenthalt in Sibirien im Land der unvollendeten Revolution gestrandet.
Alessandra hatte dieses Buch sehr gefallen, mir zwar etwas weniger, dennoch faszinierte mich die Vorstellung dieses Landes ganz aus Sonne, Tequila, Tortillas und Revolución. Ich muss aber gestehen, dass der Aufenthalt in Mexico City - einundzwanzig Millionen Einwohner, galoppierende Umweltverschmutzung durch ungeklärte Abwässer, das Toben der durchgedrehten Megalopolis, alles Gründe, aus denen die Stadt als eine der unwirtlichsten der Welt gilt - meine anfängliche Begeisterung ein klein wenig schmälerte.
Melvin Cervera Sanchez schien genau der Richtige zu sein. Als Schwager eines bekannten Linksintellektuellen, der sich meiner Sache angenommen hatte, verfügte er über alle sozialen und beruflichen Qualifikationen, um mir zur mexikanischen Staatsbürgerschaft zu verhelfen. Der Intellektuellenfreund hatte uns bei einem Fest miteinander bekannt gemacht; bereits am Tag dar auf erläuterte mir Melvin in seiner Kanzlei das geplante Vorgehen - und präsentierte mir seine Rechnung. Sie war gesalzen. Dass er sofort bezahlt werden wollte, hielt ich für eine ortsübliche Gepflogenheit. Zwar dachte ich auch dar an, dass er vielleicht versuchen könnte, mich zu linken, doch das verwarf ich sogleich, denn wenn in Italien jemand bei dem Versuch ertappt wird, dir beim Erschleichen der Staatsbürgerschaft zu helfen, kriegt er schweren Ärger und seine Familie gleich mit. Kurz, ich dachte, dank der Verschwägerung mit meinem Freund könne er mir gar keine Probleme bereiten. Das war der Angelpunkt meiner Überlegungen. Doch in Mexiko laufen die Dinge anders.
Melvins Plan erschien genial: Er wollte den verstorbenen Sohn eines italienischen Emigrantenpaars wiederauferstehen lassen. Der Staatsbürgerschaftsnachweis dieses modernen Lazarus sollte eine Reise durch die Ämter antreten und dabei durch die Befreiung vom Militärdienst und andere Dokumente angereichert werden, bis hin zur Eintragung ins Wählerverzeichnis. Ich war derart begeistert, dass es mir nicht im Geringsten verdächtig vorkam, wie beharrlich Melvin einmal dar auf bestand, mich nach Hause zu begleiten. Zum ersten Mal schlief ich ohne Angst vorm nächsten Tag sanft ein. Unsanft geweckt wurde ich dann von fremden Männern mit pomadisiertem Haar und dunklen Brillen, die überfallartig in meinem Zimmer auftauchten, schwer bewaffnet und schwer nervös.
Mehr noch als der Verrat überraschte mich, wie sehr sie darauf fixiert waren, mich zum Terroristen zu erklären. Um den Preis in die Höhe zu treiben, hatte Melvin, diese Frohnatur, den Federales weisgemacht, ich sei ein gefährlicher Flüchtling und Mitglied der Brigate Rosse. Erschrocken über die möglichen Folgen dieser Fehlinformation nannte ich meinen wahren Namen, doch dank eines verhängnisvollen Zufalls ähnelte er fast auf den Buchstaben genau dem eines in Mexiko gesuchten italienischen Brigatista, der zwei Polizisten getötet hatte.
Das Ganze wurde zu einer ausweglosen Tragödie. Sie verfrachteten mich in die Calle de Soto, zum Sitz der berüchtigten Politischen Polizei, und spielten mir dort zehn Tage lang übel mit. Ermittlern habe ich es nie recht machen können, habe jedes Mal gewirkt, als wollte ich sie austricksen, und meine Unschuldsbeteuerungen haben nicht nur nie gefruchtet, sondern stets dazu geführt, dass der Verhörende nur noch gereizter wurde. Außerdem gelang es mir zuverlässig, Missverständnisse zu erzeugen und so die Wut derer anzustacheln, die mit mir zu tun hatten, war ihr einziges Ziel doch, ein schönes Geständnis zu erlangen und dann nach Hause zu gehen, befriedigt, sich ihren Lohn verdient zu haben.
Das Erste, was mich bei den Federales missliebig machte, war mein Familienname.
»Wie heißt du, cabrón ?«
»Carlotto, Massimo.«
»Den vollständigen Namen, hijo de puta !«
»Carlotto, Massimo, sage ich doch.«
»Heißt dein Vater Carlotto oder deine Mutter?«
»Mein Vater.«
»Und deine Mutter?«
»Villani.«
»Also heißt du Massimo Carlotto Villani!«
»Nein, Herr Inspektor, ich heiße Massimo Carlotto, wenn ich Massimo Carlotto Villani heißen würde, wäre ich jemand anderes.«
»Wie, jemand anderes?«
»Ja, ich bin Massimo Carlotto, Massimo Carlotto Villani ist jemand anderes.«
»Schafft ihn weg, dieser pendejo will mich verarschen, der braucht ein bisschen Behandlung!« Der Inspektor war puterrot.
Während seine Untergebenen mir mit Geschick und Sorgfalt die Seele aus dem Leib prügelten, wurde mir klar, wo das Problem lag: Anders als in Ialien hat in Mexiko jedermann einen doppelten Nachnamen. Ich wollte die Behandlung unterbrechen, aber nichts zu machen: Alles kann man den mexikanischen Polizeibeamten nachsagen, aber nicht, dass sie ihre Befehle nicht auf Punkt und Komma ausführen würden. Später gelang es mir irgendwann und trotz gewisser Artikulationsschwierigkeiten, dem Inspektor die Sache klarzumachen.
Die zweite Frage galt meinem Alter, doch auch hier gab es Verwirrung, und das Ganze fing von vorn an. In zehn Tagen bekamen sie nicht mehr als zwei Seiten Verhörprotokoll zusammen. Kurz, es war eine hässliche Erfahrung, und die Erinnerung dar an überfällt mich jedes Mal, wenn ich beim Pinkeln die hellen Narben sehe, die davon auf meinem Penis zurückgeblieben sind.
Dar um verfluchte ich Melvin und seine ganze Familie. Heute nicht mehr. Die Zeit ist bekanntlich ein universelles Heilmittel. Vergangenes ist vergangen, außerdem ist Melvin tot.
Diese traurige Nachricht erreichte mich 1987, während meines Aufenthalts in der Strafvollzugsanstalt von Padua. Eines Tages kam ein Brief aus Mexiko, darin ein Zeitungsausschnitt, in dem vom Mord an dem jungen Anwalt berichtet wurde: fünf Schüsse, Kaliber 45, auf der Schwelle seines Hauses. Der Artikel vermutete die Privatrache einiger Guerilleros vom Frente Farabundo Martí, denen Melvins notorische Geschäftstüchtigkeit ein Dorn im Auge war. Tatsächlich hatte sich herausgestellt, dass eine seiner letzten beruflichen Anstrengungen im Verkauf einiger politischer Flüchtlinge an die salvadorianische Geheimpolizei bestand.
Bis heute ist mir unklar, welcher gnadenreiche Umstand mich nach zehn Tagen in der Calle de Soto von einem Terroristen in einen einfachen unerwünschten Ausländer verwandelte, den es schnellstens außer Landes zu bringen galt. An einem einzigen Vormittag schafften sie mich zu einem Arzt, der mich notdürftig zusammenflickte, zur Ausländerbehörde, wo die Formalien geregelt wurden, in eine Wäscherei, um zu waschen, was ich am Leibe trug (alles andere wie auch meine übrige Habe war bereits in Staatsbesitz übergegangen), in ein Hotel, wo ich duschen konnte, und schließlich in eine Filiale der KLM , wo das Flugticket nach Italien gekauft wurde.
Ich hätte sonst wohin reisen und bei null anfangen können. Doch diese Erfahrung war eine schwere Prüfung gewesen, und eine gerichtliche Auseinandersetzung, sogar aus dem Gefängnis her aus geführt, schien mir nicht die schlechteste Alternative. Jedenfalls damals noch.
Bereits am Nachmittag war ich über Amsterdam unterwegs nach Mailand-Linate. Vor dem Abflug war es Besatzung und Mitpassagieren nicht entgangen, dass ich ein Abschiebehäftling war. Die Federales wollten mich eiligst an Bord bringen und loswerden, während die Flughafenpolizei verlangte, dass ich die Ausreisegebühr bezahlte. Als ich sagte, dass meine »Begleiter« alles, was ich besaß, an sich genommen hatten, Barschaft inbegriffen, meinte die Polizei, dann müssten die zahlen. Die Lautstärke nahm zu, bald flogen Schimpfworte hin und her, bis ein beherzter Steward den Disput dadurch beendete, dass er mich beim Arm nahm und zum reservierten Platz führte.
Ich saß neben einer jungen Frau aus England, die nach einem langen Urlaub auf Yucatán mit ihren Eltern nach Liverpool zurückkehrte. Sie sprach fließend Spanisch und fragte mich, neugierig geworden, was vorgefallen war. Ich lieferte ihr eine bereinigte Fassung, da ich keine Lust hatte, ihr zu erzählen, dass dies für mich ein Flug ins Gefängnis war, für eine Freiheitsstrafe von fünfzehn Jahren.
Ich war ihr sympathisch, sie war in Plauderlaune. Ich musterte sie intensiv, ja begierig; ich wusste, dass ich für lange Jahre nicht mehr die Gesellschaft einer Frau würde genießen können, und sog jede Bewegung, jedes Wort von ihr auf. Nach der Zwischenlandung in Chicago schlief sie ein, und ich betrachtete sie weiter, aber es war in meinem Kopf schon kein Platz mehr für sie, der war von all den Erinnerungen an den Knast erfüllt, die ich jahrelang zu verdrängen versucht hatte.
Jetzt würde ich wieder ein Gefangener sein. Je mehr Stunden verstrichen, desto wirklicher wurde diese Aussicht. Ich konnte geradezu den Geruch des Gefängnisses riechen und die unverwechselbaren Geräusche hören. Gitter, Rufe, Schlösser. Und die Stille, eine so unnatürliche, von Verzweiflung getränkte Stille, dass sie mich in den ersten Monaten immer wieder aus dem Schlaf hochschrecken ließ. Damals war ich neunzehn Jahre alt. Dann wurde ich zwanzig. Einundzwanzig. Dann kam die Freiheit. Entlassen und wieder verurteilt. Abermals verurteilt. Die Flucht. Und jetzt, mit neunundzwanzig, ging es wieder in den Knast.
In Amsterdam stieg ich um, in der Wartezeit rief ich bei meinen Eltern an. Meine Mutter nahm ab. Eine Frau ganz aus Honig und Stahl. Als ich ihre Stimme hörte, blieb mir kurz die Luft weg, und ich dachte einen Augenblick einfach, immerhin komme ich nach Hause.
»Ciao, Mama, hier ist Massimo.«
»Ciao, Massimo, wir kommen nach Mailand.«
»Wisst ihr Bescheid?«
»Ja, man hat uns benachrichtigt.«
»Und was jetzt, Mama?«
»Wir kämpfen für eine Revision des Prozesses.«
Prophetische Worte.
Es kann immer noch schlimmer kommen. In Mailand, ohne Papiere außer einem Ausweisungsbescheid, hielt ich den Zöllnern die Handgelenke hin und zeigte ihnen so, dass ich bereit war, mich zu stellen. Welch ein Schlag war es, als sich erwies, dass es gar keinen Haftbefehl gab, dass auch nicht international nach mir gefahndet wurde. Jahrelang hatte ich gelebt wie ein gehetztes Tier, dabei hatte mich niemand je gesucht, nicht einmal zu Hause in Italien. Welche Ironie des Schicksals! Der guten Form halber brachten sie mich ins städtische Gefängnis San Vittore, wo mir nach dreizehn Tagen der Haftbefehl präsentiert wurde. Endlich. Sonst hätte ich allmählich gedacht, ich hätte all die Verhandlungen vorm Schwurgericht nur geträumt.
Der Haftbefehl war zwar ausgestellt, dann aber in einer Schublade vergessen worden. Ohne meine Rückkehr nach Italien wäre er wohl auf immer und ewig darin verschollen, sonst hätte es kaum fast zwei Wochen gedauert, ihn aufzutreiben.
So endete also mein Dasein als Flüchtling und begann das als Knastbruder. Keine leichte Umstellung; manchmal verfiel ich in Verhaltensweisen meiner jüngeren Vergangenheit und versuchte zum Beispiel, mich für meinen kurz vor der Ent lassung stehenden Zellengenossen auszugeben. Doch das ging nicht lange so, die Wärter brachten mir bald bei, dass das hoffnungslos war.
Im Verlauf meiner Auseinandersetzung mit der Justiz, die noch acht weitere Jahre lang andauern sollte, bis zum 7. April 1993, bin ich häufig aufgefordert worden, von jener Zeit meines Lebens zu berichten, in der ich per Zufall zum Flüchtling wurde. Meist habe ich geantwortet, dass es eine fürchterliche Erfahrung war, die ich auch meinem schlimmsten Feind nicht wünschen würde. Wer tiefer schürfen wollte und sich nach einem treffenden Bild für das Leben auf der Flucht erkundigte, dem sagte ich: »Es ist wie der Blues: ein Seelenzustand.«
Diese Definition ist nicht auf meinem Mist gewachsen, aber ich habe sie mir zu eigen gemacht im Gedenken an die einzige kurze Freundschaft, die ich in der Calle de Soto erlebte. Ich teilte mir die Zelle kurz mit einem Deutschen; seinen Namen oder was ihn dazu getrieben hatte, nach Mexiko zu kommen, habe ich nie erfahren. Ich weiß nur, dass er als Flüchtling zu wünschen übrigließ: Mit der Statur eines Wikingers, blauen Augen und blassblonden Haaren, dazu einem schaurigen Akzent durch Zentralamerika zu reisen, mit einem auf einen gewissen Ramón ausgestellten guatemaltekischen Reisepass, das war wirklich höchst leichtsinnig. Er war schon vor mir dort; als die Federales am ersten Abend die Zellentür aufsperrten, stand er mir ge gen über. Zum einzigen Mal übrigens klar und deutlich, denn sonst war es in der Zelle dunkel, bis auf ein paar Stunden am Tag, wenn je nach Sonnenstand ein kleines Fädchen Licht durch den Türspalt sickerte und auf die Wand fiel. Sofort überfiel er mich mit einem Haufen Fragen, die mir zeigten, dass er auch als Knastbruder Anfänger war.
»Hör gut her, mein Freund«, sagte ich. »Ich weiß nicht, wer du bist, und ich will es auch nicht wissen. Auch deine Fragen mag ich nicht beantworten, wir werden ausschließlich über das Leben in der Zelle reden. Apropos, hast du schon nachgeschaut, was hier drin ist?«
»Nein, hier drin ist nichts«, antwortete er, »nur ein kaputtes Klo.«
»Man muss wissen, wie man sucht.« Ich tastete die Spalten in den Wänden, am Boden und in der Toilettenecke ab. Nach wenigen Minuten hatte ich eine Zigarette, drei Streichhölzer sowie einen Bleistiftstummel gefunden und alle Insekten erschlagen, die mir untergekommen waren.
»Das Klo ist gezielt zerstört worden, damit man aus der Spülung trinken kann. Das heißt, sie geben einem hier nicht genug zu trinken«, erklärte ich dem Deutschen. Dann fragte ich ihn: »Hast du gelesen, was an der Wand steht?«
»Nein, warum?«
»Der Bleistiftstummel. Der ist hier, damit jeder Insasse eine Nachricht hinterlässt. Wer kann, gibt sie draußen weiter. Hast du schon mal gesessen?«
»Nein.«
»Sieht man.«
In meiner Tasche fand ich noch ein Stückchen Papiertaschentuch, das ich sorgfältig zusammenrollte, dann opferte ich ein Streichholz und hatte auf diese Weise eine improvi
sierte Fackel, dank derer ich ein paar von den Graffiti ent
ziffern konnte. Ich hatte recht vermutet, sie glichen sich alle: Name, Zuname, die Adresse eines Verwandten, der benachrichtigt werden sollte. Bisweilen auch der Name des für die Verhaftung verantwortlichen Spitzels oder Polizisten.
»Teilen wir uns die Zigarette?«, fragte er.
»Weißt du schon, in welchem Rhythmus die Wärter auf Kon trollgang gehen?«
»Nein.«
»Dann warten wir noch. Wenn sie das riechen oder sehen, reißen sie uns den Arsch auf.«
Die Hitze war erdrückend, wir saßen reglos in Unterhosen da. Er redete ununterbrochen, ich hörte kaum zu, er machte mich nervös mit seinen Tiraden über das Leben, den Menschen, die Natur. Mein Hirn war besetzt von der fieberhaften Suche nach Argumenten, die die pomadigen Beamten davon abbringen konnten, mir die Eier langzuziehen.
An jenen Satz über den Blues als Seelenzustand erinnere ich mich, weil »Ramón« mich irgendwann unversehens am Arm packte, mir in die Augen starrte und sagte: »Mano« - das ist Slang für »Bruder« -, und dann redete er wild drauflos. Ich dachte, jetzt ist er wirklich durchgedreht, und zischte ihm böse zu: »Cállate!« , halt's Maul.
Am Tag dar auf hatte ich das schwer zu bereuen. Er wurde zum Verhör abgeholt und kam übel zugerichtet wieder zurück. Noch in derselben Nacht starb er, während ich schlief, aber er leistete mir noch drei Tage lang Gesellschaft, bis ich einen der Wärter mit der Kette bestechen konnte, die ich von meiner Mutter hatte. Als die Sonne wieder auf die Ritzen in der Wand fiel, holte ich den Bleistiftstummel aus dem Versteck und kritzelte »Ramóns« Grabspruch hin: Deutsch, Mann, verstorben in den Tagen nach dem 21. Januar 1985, die Botschaft benachrichtigen.
Ich beschloss, zu diesem Anlass die Zigarette zu rauchen, und genoss sie langsam, beim Warten auf die Dunkelheit. Ich überlegte, auch etwas über mich zu schreiben, aber mir kamen nur pompöse Sätze in den Sinn, die in einer Zelle wie dieser lächerlich wirken mussten, und schlug es mir aus dem Kopf.
Noch heute denke ich schuldbewusst, dass all das Gerede des Deutschen nichts anderes war als eine Art geistigen Testaments, das ich nicht hatte hören wollen.
Nur wenige Male in meinem Leben habe ich mich so richtig besoffen. Eines davon war, als ich in der Zeitung las, dass nach dem großen Erdbeben in Mexico City eine Rettungsmannschaft im Keller der Calle de Soto die Leichen mehrerer gefesselter Folteropfer gefunden hatte. Die Regierung des Bundesstaats ordnete empört (empört vor allem über die Sorgfalt dieser Rettungsmannschaft) an, dass die Einrichtung geschlossen wurde, und irgendeine Charge musste für alle anderen den Kopf hinhalten.
Bis heute halte ich an dieser moralischen Selbstverpflichtung fest und sage stets, das Leben als Flüchtling ist ein Seelenzustand, obgleich ich eigentlich finde, dass meine eigene Erfahrung sich viel eher als eine Art Theater auf der Bühne des Überlebens bezeichnen ließe. Ganz wie in der Commedia dell'arte hat mein Gesicht für eine ganze Reihe von Masken herhalten müssen, Karikaturen sozialer Typen; Tag um Tag habe ich improvisieren müssen in einem Spielentwurf, einer Verflechtung meiner Geschichte mit der Justiz und der Entscheidung, mich ihr zu entziehen. Bewusst ausgewählte Figuren. Nur die Rolle in der Gerichtssoap, die der Prozess mir vor und nach der Flucht aufgezwungen hat, habe ich nie ausfüllen können. Gegen sie habe ich immer aus tiefster Überzeugung aufbegehrt.
Wer für einen Tag oder ein Leben lang unumschränkt über das Leben anderer bestimmen kann, sieht die ihm Ausgelieferten gern als eine Mischung aus den Tragikomikern Totò und Alberto Sordi: unterwürfig, nah am Wasser gebaut und nahe der Verzweiflung, maßlos lächerlich und übertrieben dramatisch.
Ich hingegen wirkte fast immer unbeteiligt, kalt, distanziert. Auf diese Weise war ich mein schlimmster Gegner, fanden meine Anwälte. Kalt und unbeteiligt gleichermaßen angesichts der Tragödie wie auch der paradoxen Komik, in die das Theater des Schwurgerichts oft abrutschte. Épater le bourgeois , das war die einzige Möglichkeit zur Auflehnung dagegen, ein Mitspieler wider Willen in diesem Theaterstück zu sein.
Für den amerikanischen Autor und Regisseur David Mamet besteht das Ziel von Theater darin, Sinn zu erzeugen, und die Figur, die ich darstellte, wollte nichts als für Rationalität sorgen, politische Vorurteile und eingefahrene Gewohnheiten überwinden und zu einer objektiven Bewertung der Tatsachen gelangen. Kurz, es ging mir darum, nach gerechten Maßstäben beurteilt zu werden. Dass das nicht willkommen war, haben die Kritiken / Strafen mehr als einmal nur zu deutlich gezeigt. Die Theatertruppe der Gerichtsbarkeit hatte ein für alle Mal entschieden, welche Rolle sie mir zuteilte. Vom vorgeschriebenen Text abzuweichen, war also eine Demonstration der Freiheit.
Es gibt verschiedene Kategorien von Menschen, die untertauchen. Mafiosi, Politiker, Unternehmer, Bankleute und manch andere mehr, die alle über ausreichende Mittel verfügen, um die Zeit auf der Flucht als eine Übergangsphase zu durchleben. Ich freilich gehörte zu keiner dieser Gruppen. Ich war der klassische Zufallsflüchtling, der nie auch nur im Entferntesten dar an gedacht hatte, mit der Justiz in Konflikt zu geraten und die Flucht aus der Heimat »improvisieren« zu müssen, als einzige Möglichkeit, Leben, Freiheit und Würde zu bewahren. Das Charakteristische an diesen Zufallsflüchtlingen besteht darin, dass sie über keinerlei Mittel verfügen und ebenso wenig Ahnung haben, wie man im Untergrund lebt.
Als meine Anwälte mir 1982 mitteilten, der Antrag auf Revision sei von der nächsten Instanz abgelehnt worden und ich müsse mich entscheiden, ob ich abermals untertauchen oder aber für fünfzehn weitere Jahre ins Zuchthaus gehen wollte, konnte ich erst einmal nichts tun, als zu weinen. Haltlos. Dann ging ich wie erstarrt zum Bahnhof, kaufte eine Fahrkarte nach Paris und fuhr los. An der Grenze wies ich meinen Reisepass vor; trotz meiner Situation war niemand auf die Idee gekommen, ihn einzuziehen. An diese Zugfahrt habe ich keinerlei Erinnerungen. Die Entscheidung zur Flucht war so unvorbereitet gekommen, dass mir jedes Bewusstsein dafür fehlte. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, so sehr hatte mich die Nachricht von dem Urteil, mit dem ich nie und nimmer gerechnet hätte, erschüttert.
Als ich in Paris an der Gare de Lyon ausstieg, weinte ich sofort wieder los und hörte erst auf, als ein Flic mich fragte, ob mir nicht gut sei.
Ich traute mich kaum aus der Metro hinaus, die ich nur zögerlich betreten hatte - ich hatte ja noch nie eine U-Bahn gesehen. In Padua benutzt man sogar kaum den Bus, alle fahren
Fahrrad.
Paris war der einzige Ort, wo ich hinkonnte, ein Ort, an dem seit jeher die politischen Exilanten Zuflucht gesucht und Generation um Generation eine regelrechte Kultur der Solidarität unter all jenen geschaffen hatten, die dazu gezwungen waren, ihr Land zu verlassen. Eine Gemeinschaft, die im Gegenzug der Stadt selbst intellektuell und künstlerisch viel gegeben und zu ihrem kosmopolitischen Gepräge beigetragen hatte.
Ich brauchte Hilfe, und ich sollte in den kommenden Zeiten unendlich viel Hilfe erhalten, ohne es je entgelten zu können. Ich bin wunderbaren Menschen begegnet, denen ich mein inneres Wachstum verdanke. Als ich ankam, posaunte ich die Verzweiflung des Justizopfers hinaus, doch angesichts der Schrecken, die hinter den Exilanten aus Griechenland, der Türkei und Kurdistan, aus Argentinien, Chile und dem Iran lagen, verstummte ich bald und lernte, den Wert der Würde zu erkennen.
Für all jene, die mir halfen, war ich ein Problem mehr auf dem Berg von Problemen, den es schon gab, doch nie hat sich einer von ihnen gedrückt. Ich wurde für ein gewöhnliches Verbrechen verfolgt, nicht aus politischen Gründen (auch wenn meine Mitwirkung bei Lotta Continua in den Verhandlungen großes Gewicht gehabt hatte), aber mir drohte nur, nach Italien zurückkehren und für fünfzehn Jahre ins Gefängnis zu müssen - für sie hingegen stand sehr viel mehr auf dem Spiel, sie riskierten die Ausweisung aus Frankreich, einem der wenigen Länder der Welt, die politisches Asyl gewährten. Genau darum habe ich Paris irgendwann verlassen, doch blieb der Kreis der Menschen, unter denen ich mich bewegte, stets derselbe.
Nur ein einziges Mal verließ ich ihn, und das war, als ich mich an Melvin Cervera Sanchez wandte.
Wer sich ein Haus im Nirgendwo baut
wer sich nicht mehr zu atmen traut
wer in sich hat ein großes Nichts
wer sich verbirgt offenen Gesichts
Die äußere Erscheinung ist für einen Flüchtling fundamental wichtig. Sie darf nicht dem Zufall überlassen bleiben, sondern muss die körperlichen Merkmale des Betreffenden und die Erfordernisse der Flucht mit den sozialen und kulturellen Gegebenheiten des gewählten Landes in Deckung bringen. Insofern wäre es keine gute Idee, sich an der Schweizer Grenze in einer Verkleidung als Zigeuner, Punk, Gothic-Jünger oder Späthippie zu präsentieren.
Generell ist ein unauffälliges Äußeres gefragt, vor allem aber gilt die goldene Regel, dass es möglichst beruhigend wirken soll. Es muss den Polizeibeamten, die dich beobachten oder festgenommen haben, den Eindruck vermitteln, einer, der so aussieht, könne ja gar nichts Unrechtes getan haben. Folglich war ich gezwungen, eine Reihe von Typen aus ganz anderen gesellschaftlichen Milieus zu verkörpern als denen, in denen ich mich sonst bewegte (und die in Sachen äußerer Erscheinung oft zu wünschen übrigließen ...).
Meine Masken konnten immer nur für optische Unauffälligkeit sorgen, einer genaueren Personenkontrolle hätten sie nie standgehalten. Das hieß auch, dass ich meinen Text aus dem Effeff beherrschen und in jedem Detail manische Sorgfalt walten lassen musste. Bis zu meiner Rückkehr nach Italien und der Entdeckung, dass kein Mensch auch nur im Traum dar an dachte, mich zu verfolgen, hielt ich mich für einen ausgebufften Verkleidungskünstler; danach hatte ich so meine Zweifel.
Bernard, meine erste Figur, hatte ich einem Film von Louis de Funès abgeschaut. Kurzes Haar, das die Ohren nicht bedeckte (auf den Fahndungsfotos sind sie immer gut zu erkennen), säuberlich gestutzter Kinnbart, Brille mit ungeschliffenen Gläsern und unechter Schildpattfassung. Blassbraune Anzüge aus dem Kaufhaus, Nullachtfünfzehn-Schnitt, grauenhafte Krawatten, und morgens wie abends schaute ein Exemplar des Boulevardblatts France Soir aus der Jacken- oder Manteltasche, je nach Jahreszeit. Schließlich eine ganz billige, sorgsam an den Ecken durchgescheuerte Lederjacke.
Wenn man diesen Bernard nur oberflächlich betrachtete, wirk te er wie einer, der a) in einem karg entlohnten Angestelltenverhältnis steht, wahrscheinlich in einem öffentlichen (hierzu trugen in erheblichem Maß die Schuhe von höchstens mittlerer Qualität bei, absichtlich neu besohlt und mit einem metallenen, halbmondförmigen Absatzschoner beschlagen); der b) eine ordentliche Familie samt Kinderschar hat (Trauring, kleine, bescheidene Geschenke zu den Festen und sonntags Kuchenpäckchen); der sich c) resigniert in sein Dasein fügt, politisch und gesellschaftlich unauffällig; der d) von angeborenem Respekt ge gen über den Behörden und von glühender Vaterlandsliebe erfüllt ist (verdeutlicht durch eine diskrete Trikolore im Knopfloch).
Ich weiß noch, wie ich innerlich frohlockte, als Alessandra mich in Paris besuchte und bei meinem Anblick ausrief: »Schatz, was hast du gemacht, du siehst ja aus wie ein Finanzbeamter!« Leider erinnerte ich sie auch ausgezogen noch an einen Finanzbeamten, und darunter hatte Bernards Sexleben ein wenig zu leiden ...
Trotzdem erlebte ich täglich Beweise dafür, dass die Tarnung funktionierte. Ich brauchte nur in einen Autobus zu steigen oder in die Metro (deren Gebrauch ich nach einiger Zeit erlernt hatte), schon signalisierten meine ordentlichen Mitbürger mir durch stumme Zeichen meine Zugehörigkeit: komplizenhaftes Zwinkern oder unmerkliches Kopfschütteln über Clochards, Zigeuner oder Straßenkünstler, die nicht in die heile Welt der Kleinbürger passten.
So war ich zwar ohne weiteres für diejenigen zu erkennen, die ich nachäffte, aber auch für deren Widersacher. Das zeigte sich eines Abends, als ich in der Metro vom Kino nach Hause fuhr. In meinem Waggon befand sich außer mir nur eine Gang von banlieusards ; sie beäugten mich sofort, und bereits an der Haltestelle Châtelet schlugen sie mich zusammen und raubten mir meine Uhr.
Dann kam Gustave; ich legte ihn als eine intellektuelle Variante von Bernard an, wahrgenommen wurde er jedoch stets als Belgier. Ich habe nie begriffen, warum, vielleicht, weil ich nie in Belgien gewesen war, aber wenn ich den Mund aufmachte, sagten die Leute als Erstes unweigerlich: »Ach, Sie sind ja gar kein Belgier!« Ich trug eine breite, dunkelblaue Baskenmütze, tief in der Stirn, den Rand nach hinten gezogen, einen zum hellbraunen Dufflecoat passenden Schal und grünliche Cordanzüge mit Flanellwesten, dar über bunte Fliegen. Inspiriert von gewissen Filmen über die Résistance, war Gustave der klassische junge Kunstgeschichtsdozent oder Musiklehrer, der den Kopf immer ein wenig in den Wolken trägt, sich so kleidet, seit er zwölf Jahre alt war (einzige Neuerung: keine kurzen Hosen mehr ...), und ohne Flausen im Kopf. Eine nicht nur beruhigende, sondern vollkommen harmlose Person.
Gustave entstand aus der Notwendigkeit heraus, abends Kunstausstellungen besuchen zu wollen, Programmkinos, Theater und Cafés, ohne ständig für einen Polizisten gehalten zu werden, wie es mir mit Bernard ständig ging. Bernard war meinen Freunden oft genug peinlich. Es ging so weit, dass in der Brasserie La Coupole in Montparnasse, die ich samstags frequentierte, um mich in demselben Ambiente aufzuhalten wie mein damaliger Lieblingsautor Manuel Scorza, mich eine Hure ansprach und sagte, Polizisten gewähre sie Rabatt.
Der Nachteil der beiden Figuren war nur, dass sie sich nicht der Gunst des weiblichen Geschlechts erfreuten (von Gunstgewerblerinnen mal abgesehen). Mehr noch, bereits beim ersten Blick wirkten die Frauen geradezu abgestoßen. Weiter bin ich nie gegangen, aber ich fragte mich immer, woher die echten Bernards und Gustaves ihre Freundinnen holen, schließlich pflegten sie gemeinhin zu heiraten. Bei Gustave dürfte die Antwort aller Wahrscheinlichkeit nach Belgien lauten, in Bernards Fall ist es das schiere Mysterium.
Während des Lebens im Untergrund habe ich bisweilen auch Figuren improvisieren müssen, mal nur für wenige Tage, mal, weil sie für eine spezielle Situation besonders geraten erschienen oder weil die gegenwärtige Deckung aufgeflogen war.
Wenn ich beispielsweise im Sommer mit dem Zug über die französisch-spanische Grenze fuhr, was damals wegen der baskischen Autonomiebestrebungen als nicht ungefährlich galt, sah ich derart naiv und harmlos aus, vielleicht auch ein wenig vernachlässigt, dass weder die französischen noch die spanischen Grenzbeamten meine Papiere sehen wollten. Der Kinnbart war gefallen, das Haar noch etwas kürzer geschnitten, und so wurde ich zu Lucien, einem Touristen, der mit weißer Tennismütze, weißem T-Shirt mit dem Aufdruck »I love New York«, blauen Shorts, gelben Frotteesocken und weißen Adidas-Schuhen an der Grenze aufkreuzte. Um den Hals trug ich dazu eine Feldflasche mit Wasser - wenn ich aus dem spanischem Baskenland kam, trug sie die Aufschrift Recuerdo de España , kam ich von der anderen Seite, prangte die Madonna von Lourdes auf ihr. Statt des klassischen Rucksacks, der die Angehörigen der Ordnungskräfte bekanntlich nervt und sie misstrauisch macht, hatte ich einen smaragd grünen Kunstlederkoffer dabei, voller Aufkleber von Jugendherbergen und katholischen Sportvereinen.
Die Redeweise dieses Lucien war von unverbrüchlicher guter Laune geprägt und von restloser Selbstlosigkeit im Um gang mit den Menschen. Der klassische Typ, der im Zug immer seinen Platz weggibt, auch wenn er eine Stunde vor Abfahrt da war, aber trotzdem froh und zufrieden ist und allen und jedem beim Ein- und Aussteigen zur Hand geht, dabei stets jede Menge vorgestanzter Sätze wie »Gute Reise und schönen Tag noch« auf den Lippen.
Andere Grenzen überquerte ich per Fahrrad; Mountain-Bikes gab es noch keine, so fuhr ich ein Tourenfahrrad voller Wimpel, Rückstrahler und Gepäckträger. Wenn ich dann völlig erledigt ankam, verschwitzt und stinkend (weiß der Teufel, warum die Grenzübergänge immer auf unerreichbaren Passhöhen liegen), löste ich in den Zöllnern jenes Mitleid aus, das man für diejenigen empfindet, welche sich im Urlaub gerne selbst quälen. Oft taten sie sogar so, als würden sie mich gar nicht sehen.
Am liebsten aber wechselte ich heimlich, über die grüne Grenze im Gebirge, die Länder. Wenn ich so wanderte, den Rucksack geschultert, fühlte ich mich glücklich und fast wie einer der Schmuggler in Der Geliebte der Großen Bärin .
Dann musste ich Bernard und Gustave umbringen, und zwar wegen eines Anrufs auf einer möglicherweise von der Polizei abgehörten Leitung. Traurig, aber wahr. Im Untergrund ist ein »möglicherweise« mehr als genügend, um alles stehen und liegen zu lassen und bei null anzufangen.
Horácio hatte diese Dummheit begangen, ein politisch glamouröser Exilant aus Argentinien; wie oft hatte ich ihm gesagt, er solle öffentliche Telefone benutzen, aber ihm wollte der Unterschied zwischen einem in den Untergrund Getriebenen und einem politischen Exilanten einfach nicht in den Kopf. Er wollte mich zu einem Fest einladen, und da ich keine Hintergrundgeräusche hörte, fragte ich sofort: »Horácio, du rufst von zu Hause aus an, oder?« Die schuldbewusste Stille war vielsagend genug. Eine Viertelstunde später stand ich auf der Straße, zog ein zusammengefaltetes Stückchen Papier mit einer Notfallnummer aus dem Portemonnaie und trat in eine Telefonzelle.
Das Ass in meinem Ärmel war ein vor den Obristen geflohener griechischer Kommunist, der in Frankreich geblieben war und dort als Psychiater Karriere gemacht hatte. Ich war ihm nie begegnet, er jedoch wusste um meine Situation; ich berichtete ihm das Vorgefallene, und wir verabredeten uns nahe der Place de la Bastille. Er kam zu spät, in einem zerbeulten senfgelben Lada, ein schmächtiges Männchen um die fünfundvierzig, gutgekleidet, so dunkelhäutig, dass man ihn eher für einen Nordafrikaner als für einen Griechen hätte halten mögen. Er war sehr freundlich und sympathisch, bot mir an, in seiner Wohnung zu wohnen; er würde bei seiner Freundin unterkommen, bis ich etwas anderes gefunden hätte.
Nur hatte er leider versäumt, mir mitzuteilen, dass seine Wohnung auf dem Gelände der psychiatrischen Klinik gelegen war, in der er arbeitete, was ich erst entdeckte, als wir durch das Tor fuhren. Es war eine Einrichtung für betuchte Patienten direkt vor der Stadt, eine schöne Villa, deren Stallungen man in eine Klinik umgewandelt hatte. Eine Privatklinik, die alternative Psychiatrie praktizierte. Die Ärzte lebten in Reihenhäusern, die sich in das Grün des Parks schmiegten, es gab einen Tenniscourt und einen Spielplatz für die Kinder. Nachdem er mir das Haus gezeigt und empfohlen hatte, einige Broschüren der kommunistischen Partei zu lesen (die, wie ich dann feststellte, auf Griechisch geschrieben waren), legten wir uns eine glaubwürdige Story zurecht, für den Fall, dass es neugierige Fragen gäbe. So erfanden wir Alberto, einen italienischen Kollegen, der für einige Tage hier zu Besuch war. Als Psych iater hatte ich mich nie ausgegeben, doch der echte beruhigte mich damit, dass es viel schwieriger wäre, beispielsweise einen Herzchirurgen zu mimen. Es war ein Freitag, am frühen Nachmittag; er verabschiedete sich mit den Worten, wir würden uns am Montag wiedersehen, übers Wochenende habe er frei.
Ungefähr eine halbe Stunde später meldete ich mich am Ausgang des Klinikgeländes; ich wollte in der Stadt eine neue Bleibe suchen, aber nicht, ohne vorher Horácio gründlich den Kopf gewaschen zu haben. Ich klopfte an die Scheibe, wartete geduldig, bis der Wachmann einen Artikel in seiner Sportzeitung fertiggelesen hatte, teilte ihm mit, ich müsse hinaus, und wies dar auf hin, ich sei ein Freund des griechischen Psychiaters. Der Mann lächelte verständnisinnig, öffnete aber nicht das Tor. Ich klopfte erneut, trug meinen Wunsch abermals vor und ergänzte ihn durch allerlei Details. Er betrachtete mich mit gleichbleibender Gutmütigkeit, aber es war klar, dass er durchaus nicht beabsichtigte, mich hinauszulassen.
Jetzt echauffierte ich mich, gar nicht so sehr, weil er mir nicht aufmachen wollte, sondern weil er mich offenbar nicht zu den »Gesunden« zählte. Ich pochte heftig an die Scheibe und brachte Sätze wie »Ich bin auch Psychiater« und das klassische »Sie wissen nicht, mit wem Sie es zu tun haben!« zustande. Jetzt schnappte auch er ein, wie nur die Franzosen es können. Ein Haufen Schimpfwörter und die Drohung, gleich werde er die Pfleger rufen.
Das war der Moment, in dem ich meinerseits lieber gutmütig lächelte, mich verabschiedete und schleunigst, fast im Laufschritt, zum Haus zurückkehrte. Ich hatte furchtbare Angst (und sah mich schon in der Zwangsjacke den Versuch starten, einer Horde mit Spritzen bewaffneter Pfleger klarzumachen, ich sei doch Alberto, ein Kollege des Griechen) und eine Mordswut im Leib (heute war schon genug schiefgelaufen), griff schnurstracks zum Telefon, und im selben Moment wurde mir klar, dass er mir die Nummer seiner Freundin gar nicht gegeben hatte. Ich durchsuchte das Haus nach Hinweisen, wer sie sein könnte. Nichts.
Stattdessen fand ich etwas, das mir sehr zu denken gab: eine Supermarkttüte voller Kondome. Griechischer Kondome. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Es waren hunderte, als gälte es, einen Atombunker zu bestücken. Ein Adressbuch, das ich in einer Schublade fand, gab mir kurz Hoffnung, aber natürlich kannte er halb Paris, es enthielt eine Unmenge Namen und Nummern.
Bevor ich in Trübsinn verfiel und mich mit der Idee abfand, für drei Tage in dieser Anstalt eingesperrt zu sein, versuchte ich mein Glück und schrieb eine Reihe von Nummern mit Frauennamen ohne Nachnamen heraus, in der Meinung, das wären alles Freundinnen. Doch war der erste Anruf auch der letzte. Eine Monique erklärte klipp und klar, nein, der Doktor sei nicht bei ihr zu Hause, sie sehe ihn nur einmal wöchentlich, und zwar in seiner Praxis. Eine Patientin.
Vierundzwanzig Stunden später waren die Zigaretten aufgeraucht. Ein fürchterliches Wochenende. Und zehn Tage später zog ich aus dem verfluchten Krankenhaus in die Nähe der Place de la République.
Dort hatte ich sowohl Wohnung als auch Arbeit gefunden, als Platzanweiser in einem Kino, das allerdings kaum Besucher hatte. Das Programm des Besitzers, eines Portugiesen, hatte gewiss seine Qualitäten, aber es konnte einem auch ganz schön auf die Nerven gehen, à la »Woche des angolanischen Films« oder »Woche des vietnamesischen Films«, und das alles dann in der Originalversion mit russischen Untertiteln. In Frankreich leben die Platzanweiser einzig und allein vom Trinkgeld, darum versuchte ich bisweilen, den Inhaber zu überreden, doch auch mal etwas zu zeigen, das ein bisschen Kasse zu machen versprach, aber der Film der Dritten Welt hatte so wenig Raum in Europa, dass der Portugiese - und er hatte ja auch recht damit - das Engagement über den Verdienst stellte.
Neben dem Kino befand sich eine bekannte Punkerkneipe, das Gibus , in dem es ständig Schlägereien gab: drinnen unter den Gästen, draußen, weil sie die Nordafrikaner attackierten. Mit dem Viertel, früher Heimat des Mittelstandes, war es aufgrund der für Großstädte typischen Alchemie langsam, aber sicher bergab gegangen, trotz der zentralen Lage; jetzt bot es billigen Wohnraum, auch für die ärmsten Einwanderer. Ich hätte mir etwas Gepflegteres leisten können, hatte aber nichts gefunden. Das Haus, in dem ich wohnte, hatte bessere Zeiten gesehen, jetzt war es ein Bienenkorb aus 20-Quadratmeter-Einzimmerwohnungen voller Ratten und Kakerlaken, in denen ganze Familien hausten, für tausend Francs im Monat. Ich war der einzige Weiße. Es war nicht leicht, hier akzeptiert zu werden, und ebenso wenig, eine geeignete Rolle zu finden. Die Bernards wohnten nicht in Vierteln wie diesem. So wählte ich eine »Maske«, die ich nur hier tragen konnte, was mich zwang, die Gegend monatelang nicht zu verlassen: José, der Spanier, Cowboyboots an den Füßen, Jeans und Lederjacke, blaue Matrosenmütze. Er arbeitete im Kino, machte aber den Eindruck, als würde er daneben noch irgendetwas Halbseidenes treiben. Das sorgte dafür, dass die Jungs der Nachbarschaft mich nicht allabendlich ausraubten.
Eines Tages hörte ich, als ich von der Arbeit nach Hause kam, wie ein paar junge Männer im Innenhof planten, den Punks eine Abreibung zu verpassen. Damit war ich ganz einverstanden, die waren wirklich unerträglich; ich ging hin und sagte, sie sollten das aber nicht direkt vorm Gibus tun, sonst würden wir vom Kino auch noch verwickelt, und wir wollten nicht, dass die Polizei ankam und herumschnüffelte oder, schlimmer noch, sich vor dem Lokal postierte. Wir plauderten ein wenig; bald schon berichtete ich von meinen Erlebnissen in Padua, wie wir gegen die »Faschos« losgezogen waren, und entwarf hypothetische Szenarien für eine Stadtguerilla. Das gefiel den jungen Leuten, und wir legten einen Schlachtplan zurecht. Die schnellsten Läufer unter ihnen sollten die Punks vom Gibus mit Provokationen weglocken und sich bis zu einem nahegelegenen, für unsere Zwecke geeigneten kleinen Platz verfolgen lassen. Auch die Bedingungen, die ich für das Ganze nannte - keine Waffen und keine zu Hackfleisch verarbeiteten Punks -, wurden am Ende akzeptiert, wenn auch widerstrebend.
Als ich am nächsten Abend nach Hause kam, war der Innenhof voll; viele hatten noch ihre großen Brüder mitgebracht. Nach allerlei Handschlägen begaben wir uns auf unsere Posten. Was ich da tat, widersprach sämtlichen Sicherheitsregeln, aber ich würde in diesem Viertel noch wer weiß wie lange wohnen müssen, da war es wichtig, akzeptiert zu sein. Alles lief nach Plan, der Feind wurde vernichtend geschlagen; solange ich dort wohnte, wurde nie wieder ein Nordafrikaner angefallen.
Mit Jason, einem englischen Computerexperten, begann ich wieder ein ruhigeres und deutlich komfortableres Leben. Diese Tarnung kam der Perfektion ziemlich nah, bis auf den einzigen Schönheitsfehler, dass ich weder etwas von Computern verstand noch ein Wort Englisch sprach.
Es gab tatsächlich einen wahren Jason, der die Wohnung auch über eine Agentur angemietet hatte; den Schlüssel holte eine seiner »Sekretärinnen« ab, auch sie durch und durch englisch. Niemand hatte ihn je zu Gesicht bekommen (ein Glück: er war klein, klapperdürr und rothaarig, ich hätte mich unmöglich für ihn ausgeben können), und darum wurde ich von Anfang an für ihn gehalten.
Um die Begegnung mit der Concierge zu bestehen - diese Drachen sind ja meist neugierig, klatschsüchtig und intrigant -, kam ich zur Schlüsselübergabe mit der angeblichen Sekretärin, die jetzt auch dolmetschte. Um den Kontakt mit der Concierge auf Grüße beim Kommen und Gehen zu beschränken, hatten wir beschlossen, dass Jason gerade erst über den Kanal gekommen und des Französischen nicht mächtig war. Solange ich hier wohnte, sagte ich ihr mit einem grässlichen, aus den Dick-und-Doof -Filmen abgeschauten Akzent Guten Tag und Auf Wiedersehen. Sie war um die vierzig Jahre alt. Als ich den Trauring an ihrem Finger sah, fragte ich mich erst, welchem Beruf ihr Mann wohl nachgehen mochte, doch dann sah ich seine Uniform: Er war Polizist. Zum Glück einer von der ruhigen Sorte, der zum Feierabend den Beruf mit der Uniform auszog und sich um seine eigenen Dinge kümmerte; die Hausbewohner waren das Bier seiner Frau.
Dann kam eine Zeit, in der ich Paris und auch Europa verlassen wollte, und um einfacher über die Grenzen zu kommen, spielte ich wieder den italienischen Touristen. Ich brauchte vorerst in Paris keine eigene Wohnung mehr und kam bei einer peruanischen Freundin im Pigalle-Viertel unter. Das war zwar eine Rotlichtgegend, aber ideal für die Tarnung als Tourist, denn von denen wimmelte es dort zu jeder Tages- und Nachtzeit. Nur musste ich aufpassen, keinen Reisenden aus Padua zu begegnen: Ich hätte ja nie gedacht, wie wild meine früheren Mitbürger auf Pigalle und seine glitzernden Erotiklokale waren. Ganze Busladungen von ihnen wurden herbeigekarrt; einmal lief ich sogar einem Naturkundelehrer aus dem Gymnasium über den Weg, der als Frömmler und Schikaneur bekannt war. Ich kam aus einem Tabakladen, und er erkannte mich nur darum nicht, weil er angesäuselt und viel zu beschäftigt war, seine Freunde erregt mit dem Ellbogen anzustoßen, um sie auf eine Gruppe von Prostituierten hinzuweisen.
Ich habe viel über die Allgegenwärtigkeit der Paduaner in der Welt nachgedacht; offenbar trifft man auf einen, egal wohin man geht. Und zwar einen, der dich kennt. Noch an den entlegensten Orten der Erde, wo der Flüchtling eigentlich meint, entspannen zu können, zuckte ich manchmal zusammen, weil ich einen erspähte, der mich in Teufels Küche bringen konnte. Vielleicht nicht sofort, aber dafür zu Hause, wenn er seine Fotos zeigte, da würde mein Mitbürger vielleicht ausrufen: »Moment mal, den kenne ich doch!« Außerdem sind die Paduaner immer mit der neuesten Video-Ausrüstung ausgestattet, und ich hatte mir bald angewöhnt, blitzschnell den Finger in die Nase zu stecken - niemand will seinen Freunden Urlaubsfotos zeigen, auf denen im Vordergrund einer beim Popeln zu sehen ist.
In Mexiko wurde ich dann zu Max, dem Studenten und Touristen. Keine sonderlich originelle Tarnung, aber es gab keine andere sich anbietende Rolle, vor allem wegen meiner allzu charakteristischen körperlichen Erscheinung, außerdem, weil ich nicht in die Haut von Figuren schlüpfen wollte, die ich gar nicht überzeugend darstellen konnte.
Die Qualität der Verkörperung ist ja für den Flüchtling so entscheidend wie für einen echten Schauspieler. Wenn dieser sich in seine Rolle nicht einleben kann und sich auf der Bühne nicht zu Hause fühlt, erregt er auch im Zuschauer ein Unwohlsein. Dasselbe gilt für den Flüchtling: Er muss seine Rolle ganz und gar natürlich spielen, sonst hat sein Gegen über sofort die Empfindung, dass da etwas nicht stimmt.
Max war sichtlich Europäer, eher aus dem Norden als aus dem Süden: Dank meiner Statur und der blauen Augen wurde er immer eher für einen Deutschen, Holländer oder Norweger gehalten, nie für einen Italiener. Er trug lässig-sportliche Markenkleidung, um finanziell potent zu erscheinen und sich von den Gammlern zu unterscheiden, die in Mexiko nicht gerade gern gesehen werden, und damit es wirkte, als könne er jeder wirtschaftlichen Eventualität begegnen. Die Kleidung musste ich mir aus Europa schicken lassen, denn ich fand in Mexiko nichts in meiner Größe; auch Geschäfte für Übergrößen gab es keine. Hätte Melvin mich nicht verraten und wäre ich Mexikaner geworden, so hätte ich tatsächlich sehr abnehmen müssen, um in das Kostüm der neuen Figur zu passen. Max war also Student - näher am Abschlussexamen übrigens als am ersten Semester - und zugleich Tourist, also musste er aussehen wie einer, der keine Geldsorgen kannte und sich ein schönes Leben in den Tropen leisten konnte. In Europa wäre er keine zehn Tage damit durchgekommen, aber in Zentralamerika konnte so eine Tarnung bei einiger Vorsicht auch zwanzig Jahre halten; die Leute waren von den Gringos allerlei Seltsamkeiten gewöhnt. Das typische Bild vom Touristen verlangt nun aber, dass das Äußere einen gewissen Wohlstand verrät, sonst wird er ungern toleriert.
Mehrfach habe ich mich in potenziellen Gefahrensituationen befunden, so zum Beispiel bei Personenkontrollen, doch ich habe nie die Aufmerksamkeit der Beamten erregt, die sich um Ausländer eher kümmerten, wenn die nicht so aussahen, als brächten sie reichlich begehrte Devisen ins Land.
Einmal fuhr ich im Bundesstaat Oaxaca mit dem Linienbus Richtung Mexico City. Die meisten Mitpassagiere waren Mexikaner, bis auf mich und zwölf US -Amerikaner. Sie gingen barfuß und waren in eine weiße Leinenkutte mit goldfarbener Kordel in der Leibesmitte gehüllt, und auf ihrem langen Haar trugen sie Dornenkronen aus Plastik. Neugierig erkundigte ich mich nach dem Grund für diesen Aufzug, und sie sagten, sie seien die Sekte der Zwölf Apostel. Sie kamen aus Belize und fuhren in die Hauptstadt, wo sie ich weiß nicht mehr welche Offenbarungen verkünden wollten.
Der Bus hielt an einer Straßensperre, und das Gesicht des Leutnants, der zur Passkontrolle einstieg, wechselte die Farbe, als er sie sah. Martialisch schritt er auf den nächsten zu. »Ausweis!«, befahl er.
»Haben wir nicht«, war die engelhafte Antwort. »Wir sind die Zwölf Apostel, wir brauchen keinen.« »Name?«, bellte der Offizier.
Und immer ekstatischer sagte der andere: »Matthäus, ich bin der Apostel Matthäus!«
Der Offizier packte ihn bei den Haaren, bellte einen Befehl, und der Bus füllte sich mit Soldaten, die die Apostel im Laufschritt mit den Gewehrkolben hinaustrieben. Kopfschüttelnd kam er dann auf mich zu: »Kennen Sie die?«
»Nie gesehen!«, antwortete ich.
»Haben Sie gehört, was die gesagt haben?«
»Ja.«
»Was soll ich denn jetzt in meinen Bericht schreiben? Etwa, dass ich die Zwölf Apostel verhaftet habe, weil sie keine Papiere dabeihatten?«
»Der "Caso Carlotto" gilt als einer der spektakulärsten Skandale der italienischen Justizgeschichte. "Der Flüchtling" aber erzählt - packend und erschütternd - vom Menschen hinter dem Fall.«
Jost-Ulrich Brand, Focus, 14.07.2010

»… wie Josef K. in "Der Prozess" kämpft Massimo Carlotto weiter erfolglos für seine Unschuld. Einen Freispruch wird es nie geben. Es vergehen acht weitere Jahre, bis er auf Druck der Öffentlichkeit begnadigt wird. Gnade wofür? Es liegt eine bittere Hoffnungslosigkeit über den Figuren in Carlottos Krimis. Mann muss "Der Flüchtling" lesen, um das zu verstehen.«
Der Tagesspiegel, 26.12.2010

»Das bewegende Protokoll der schier unglaublichen Lebensgeschichte liest sich spannend wie ein Thriller. «
Hendrik Werner, Bremer Tageszeitung, 15.08.2010
Tropen Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel (Orig.: Il fuggiasco)
1. Aufl. 2010, 184 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50205-3
autor_portrait
Marijan Murat

Massimo Carlotto

Massimo Carlotto, geboren 1956 in Padua, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Italiens. Als Sympathisant der extremen Linken wurde er in den ...

Weitere Bücher von Massimo Carlotto



Unser Service für Sie

Zahlungsmethoden
PayPal (nicht Abos),
Kreditkarte,
Rechnung
 
weitere Infos

PayPal

Versandkostenfreie Lieferung
nach D, CH, A

in D und A inkl. MwSt.,
evtl. zzgl. in CH anfallende MwSt.
 
weitere Infos

Social Media
Besuchen Sie uns bei


www.klett-cotta.de/im-netz
Facebook Twitter YouTube
Newsletter-Abo

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de