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Krieg, junge Wut und gebrochene Herzen

Gerade von seiner Freundin getrennt, klaut der 19-jährige Julien das Auto seiner Mutter und fährt in einem Höllentrip an die Front in Kroatien. Er will seinem Leben einen Sinn geben oder ihm ein Ende setzen. Jahre später interviewt ihn dazu der abgehalfterte Journalist Martin, der seine große Chance als Schriftsteller wittert. Eine dunkle Wallfahrt ins ehemalige Jugoslawien.

Julien zieht in den Krieg, obwohl alle ihn davon abhalten wollen. Die kroatischen Grenzer, die ersten Soldaten, auf die er trifft, ja sogar die Polizei versuchen zu verhindern, dass er sein Leben wegwirft. Doch gegen alle Widerstände schlägt er sich durch und wird Scharfschütze in einer Auflärungseinheit. Dort lernt er zu lieben, so dass er sich den Namen seiner großen Liebe eigenhändig auf die Brust tätowiert.
Der drogenabhängige Martin hat weniger Glück. Er ist gerade von Helena, der Frau seines Lebens, verlassen worden. Martin ist am Ende, hofft aber immer noch auf den Durchbruch als Schriftsteller. Dazu will er Juliens Geschichte aufschreiben und verspricht ihm, sie groß rauszubringen. Temporeich erzählt »Drift« von Aufbruch, jugendlicher Wut und gebrochenen Herzen.

Michel Bozikovic beim Bachmannpreis 2011 weitere Informationen finden Sie hier:
Michel Bozikovic beim Bachmann‑Preis

Leseprobe
CAFÉ

»Du wirst dir eine Kugel in den Kopf jagen«, sagte sie, und Martin befürchtete, dass sie dieses Mal recht haben könnte. Er saß in einem Café nahe Helenas Wohnung und zeichnete Quader und Würfel in sein Notizbuch, große und kleine, aufeinander getürmte und ineinander verschachtelte. Leere Hüllen, dachte er; schreib deinen Namen hinein und es ändert nichts.

Vom Elan, mit dem er seine morgendliche Routine erledigt und den Weg ins Café gefunden hatte, war nach einer halben Stunde vergeblichen Wartens nichts mehr übrig, und die dünne, fiese Stimme in seinem Kopf machte die Sache nicht besser.

»Tick-tack, tick-tack«, quengelte sie jetzt, nachdem sie Martin einen Waschlappen geschimpft, an seinen Revolver erinnert und dazu aufgefordert hatte, ein Mann zu sein und das Ding endlich zu benutzen.

Ein Bier, fand er, müsste ihr das Maul stopfen.
Auf jeden Fall würde es seine Nerven beruhigen.
Er hob den Kopf und suchte nach dem Kellner, aber sein Blick fiel

auf die zwei Teeny-Mädchen am Nebentisch, was seine Stimmung vollends ruinierte; aus der Neugierde und Bewunderung, die sie anfangs für ihn gezeigt hatten, war zunächst Langeweile, dann Mitleid und schließlich Desinteresse geworden.

Ganz wie bei Helena.
»Ein Bier, bitte!«, rief er dem Kellner nach und dieser nickte, ohne sich umzudrehen, während er der etwa sechzigjährigen, eleganten und immer noch schönen Frau, die Martin zwei Tische entfernt gegenübersaß, ein Stück Quarktorte brachte.
Auch der Ausdruck der älteren Dame hatte sich verändert und das lebendige Funkeln in ihren Augen war Traurigkeit gewichen. Wie hatte sie ihn angelächelt, als er seinen Tisch in Beschlag nahm und seine Utensilien darauf verteilte, konzentriert und überlegt, Diktafon, Stifte und sein geliebtes Notizbuch – ein Künstler, musste sie
gedacht haben, ein Schriftsteller. Oder ein Journalist? Für wen er
wohl schreibt? Für eine der großen Zeitungen vielleicht. Und Martin hatte zurückgelächelt und genickt, um zu bestätigen, dass sie
den richtigen Eindruck von ihm hatte und er tatsächlich ein Künstler war – ein Künstler, im Begriff, ein äußerst wichtiges Interview
zu führen.

Ein Interview, das er zunächst mit einem Bier, dann mit einem zweiten und einem Schnaps und zu guter Letzt mit einem Liter Rotwein begrub. Es wurde Mittag, und Martin war betrunken.

Das Lokal füllte sich mit lauten, hungrigen Menschen, und Martin zahlte, packte sein Zeug und floh. Er konnte keine zufriedenen Gesichter ertragen, keine Gespräche am Nebentisch, kein Lächeln.

Mit weichen Knien und einem vom Gewicht seiner Tasche und seines Lebens gekrümmten Rücken steuerte er auf den Ausgang zu, weg von all den Leuten und zurück in Richtung Bett, weg von einem weiteren gebrochenen Versprechen und dem erneuten Beweis für seine an Dummheit grenzende Naivität.

Mit einem Grunzen warf er sich Schulter voran gegen die Tür, die viel leichter als erwartet nachgab, und fiel Gesicht voran zu Boden. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit dazu imstande war aufzusehen, bückte sich eine unscharfe Gestalt über ihn.

»Jesus, Martin!«, sagte sie. »Bist du in Ordnung?« Es war Julien. Martins Interview. Er hielt ihm die Hand hin und sagte: »Na komm, steh auf! Ich weiß da eine gemütliche Kneipe.«
Martin rappelte sich auf, torkelte durch ein paar Gassen und in ein dunkles Lokal hinein, welches er von Sauftouren mit Kollegen gut kannte. Er wählte die am weitesten vom Eingang entfernte Sitzecke, ein Séparée, das seit der Umwandlung des ehemaligen Stripclubs in eine Szenebar seinen Charakter im großen und ganzen beibehalten hatte, und ließ sich seufzend ins weiche, plüschrote Sitzpolster plumpsen.
Erschlagen wartete er im schummrigen Licht auf die zwei Tassen Kaffee, die die hauptsächlich aus Knochen und tätowierter Haut bestehende Kellnerin mit einem verständnisvollen Lächeln hinstellte, positionierte das Diktiergerät in der Mitte des Tisches und nahm einen Schluck ungesüßten Kaffee.
»Na dann los«, sagte er und drückte die Aufnahmetaste.

SENJ

Man ist neunzehn und adoleszent über beide Ohren und man rebelliert gegen alles und jeden und dröhnt sich zu, wann immer Zeit und Geld es erlauben, und da geht der Krieg los in dem Land, in das man zu gehören glaubt, dem Land, in dem die Eltern geboren und aufgewachsen sind und in, an, bei dem es ein Meer gibt, zwar kennt man das Land nur aus dem Urlaub, aber man entscheidet sich unter den Umständen, in denen man im anderen Land lebt, im Land, in dem man selbst geboren und aufgewachsen ist, zwischen zwei Optionen und selbstverständlich nimmt man den melodramatischeren Weg und man setzt sich hin, eines Sonntags, und schreibt:

»Sonntagsnebel, Sonntagsgrau, Sonntagsdepression.« Weiter kommt man nicht, denn die Gedanken sind schnell und längst beim Abschiedsbrief, den man Eltern, Brüdern und der Nachwelt hinterlassen will, sind bei der Organisation der Flucht und dem Zeichnen des letzten Weges, und man streicht den Brief, setzt die Unterschrift unter die alles zusammenfassenden vier Worte »Sonntag«, »Nebel«, »Grau« und »Depression« und schleicht sich durchs Treppenhaus zum Elternzimmer, wo man auf Zehenspitzen die Schlüssel zum Zweit- oder Drittwagen stiehlt und auf die Frage der Mutter, die durch die Gänge hallt und von einem wissen will, was man an diesem faulen Sonntag so tue und vorhabe, möglichst beiläufig antwortet, man wolle sich ein, zwei Stunden aufs Ohr hauen. Dann die beinahe schwarze Wildlederjacke, die man im Vorjahr aus Vaters Altkleidern geklaut hat, die schwarzen Lederhandschuhe, mit denen man Motorrad gefahren ist, bis alle um einen herum neben ihren Maschinen draufgegangen sind, und man schlüpft in seine schwarzen Lederstiefel und schwarzen Jeans und sieht mit schwarzem Rollkragenpulli, schwarzem Haar und schwarzem Dreitagebart lächerlich gefährlich aus für neunzehn Jahre.

Das Auto geräuschlos aus der Garage zu bekommen ist schwieriger, aber wie immer, wenn man wild zu etwas entschlossen ist, schafft man es und man wirft auf dem Weg hinunter, runter vom Berg, einen letzten Blick auf das Haus, in dem man so viel Schönes und Trauriges erlebt hat, und man weiß, dass alles, was einem lieb und teuer ist, in diesem Haus zurückbleibt und nicht ahnt, dass man sich zum letzten Mal gesehen hat.

Man ist neunzehn Jahre alt und es ist Krieg in dem Land, das man Heimat nennen möchte, dem Land, in dem Eltern, deren Eltern und Großeltern geboren wurden, aber man kann es nicht, darf es nicht Heimat nennen, hat selbst nur den Entwurf einer Heimat, einer Heimat, die man sich aus dem Original der Eltern zurechtgehobelt und wie einen Holzpfahl ins Herz gerammt hat: Für diesen Pflock wird man in den Krieg ziehen und sich umbringen oder umbringen lassen, man hat die Gründe und das Testosteron dafür, die nötige Romantik und alle Frustration der Welt, und man fühlt genügend Verachtung für das Land, in dem man lebt, in dem sich keiner um das Schicksal der Menschen kümmert, die Tag für Tag massakriert werden im Land der Eltern; sich helfen, indem man anderen hilft.

So einen Entschluss trifft man nicht von einem Tag auf den anderen, man muss eines Tages frustrierter und depressiver, verlorener und trauriger sein, als man es bereits über eine lange Zeit hinweg war, und man muss sich selbst mehr hassen als die Welt um einen herum und diese Heimat, die man im Herzen stecken hat, diesen Pflock aus rostigem Holz, rosarot anmalen, um sich ein Auto der Eltern zu krallen und das letzte Geld vom Schülerkonto abzuheben, mit einem Viertel davon Haschisch zu kaufen und sich anschließend in Richtung Süden aufzumachen, in den Krieg.

Bis zum Grenzpass ist jegliche selbstmörderisch-selbstaufopfernde Romantik reiner Verzweiflung gewichen und aus eingebildetem Heldentum der Wunsch geworden, sich selbst die Lichter auszublasen. Aber man hat weder eine Pistole noch ein Gewehr, also legt man sich in den Schnee, schließlich ist man in den Bergen, und das mitten im Winter.

So leicht erfriert sich’s nicht, es tut sehr schnell weh und man hat gekifft und nicht genügend getrunken, um sich bewusstlos hinzulegen und darauf zu warten, dass das Kalte ins Warme geht und das Leben aus dem Körper schwindet; nein, so geht das leider nicht. Also übernachtet man im Wagen, friert sich den Hintern ab und verflucht sich für die Schnaps- beziehungsweise Bieridee.

Am nächsten Morgen fährt man schleunigst weiter, weil man allzu deutlich vor Augen hat, wohin man zurückkehren müsste, sollte man umkehren, allein der Gedanke daran: lügen darüber, wo man die Nacht verbracht hat, sich winden wie ein Wurm. Warum hat man das Auto genommen, ohne zu fragen, und was war das für ein Zettel? Der Gedanke daran, zurück in die Schule zu gehen und dieselben Schwachköpfe wiederzusehen, monatelang noch, nein, dann doch lieber die ungewisse Zukunft, die südöstlich vor einem liegt, nur über die Grenze kommen muss man noch, zunächst über die eine, dann über die andere.

Was aber tun mit dem Hasch? Was, wenn die Eltern die Abschiedsnotiz auf Anhieb verstehen und nicht etwa erst nach ein paar Tagen, was der eigentliche Plan war, was, wenn sie die Polizei rufen oder schon angerufen haben und die jetzt an der Grenze auf einen wartet? Schma-a-a-ach!!! Das Auto wird schon in der Kolonne erkannt, die auf Durchlass wartet, die Beamten stellen sich dumm, bis man vor ihnen steht und der zur Sicherung heruntergelassenen Barriere, dann fragen sie auf Ticinesisch nach dem Passaporto und man zeigt ihn und sie bitten einen ganz freundlich, ob man mal aussteigen und den Kofferraum öffnen könne.

Man tut es (was denn sonst) und sie schauen pro forma hinein, aber um den Kofferraum und seinen Inhalt geht es gar nicht (wobei ja gut sein könnte, dass der Junior völlig ausgeflippt ist und unterwegs noch jemanden umgebracht und in den Kofferraum gesteckt hat – mit dem Ziel, was genau mit der Leiche anzustellen?) und sie fragen, wohin es gehen soll, und man solle doch bitte mal mitkommen, zur Personenkontrolle.

Sie führen einen in ein Büro, wo ein älterer Beamter sitzt, der auf die Vater-Karte setzt, und er sagt freundlich, man solle sich doch bitte setzen, und dann macht man das und er eröffnet einem, dass die Eltern angerufen und gesagt haben, man solle das Auto nicht über die Grenze lassen, und ihm könne man doch erzählen, worum es gehe, er sei ja auch mal jung gewesen. Und man wird dasitzen mit hängenden Schultern und Knoten im Bauch und man wird sich fragen, warum man nicht im Schnee liegen geblieben ist; aber es war einfach zu kalt.

Irgendwie hat man das Gefühl, dass die Polizei noch nicht verständigt worden ist, schließlich ist es kurz vor sieben Uhr morgens und man ist schon öfter mal mit dem Auto verschwunden und hat bei einer Freundin übernachtet und natürlich hat man ihm eine Szene gemacht, aber was soll man tun, der Junge ist unverbesserlich und doch der eigene Sohn und man liebt ihn, also wartet man, bis er auftaucht oder sich meldet.

Deshalb hat man nicht das Gefühl, dass die Eltern die Polizei angerufen haben – noch nicht. Man hat das Momentum auf seiner Seite und man fragt sich, was tun mit dem Hasch, es ist doch so verdammt viel. Man hat noch nicht einmal ein Fünftel von den zehn Gramm geraucht, und eines ist klar: Rüberschmuggeln kommt nicht in Frage; wenn man schon nicht erwartet wird (das hat man sich mittlerweile eingeredet), muss man sich’s nicht versauen, indem man versucht, Drogen, wie weich auch immer, über die Grenze zu schmuggeln. Aber zum Fenster raus? Nie im Leben, keine Chance. Also bleibt einem nur eines übrig: runterschlucken. Acht Gramm.
Acht Gramm? Wie weit ist es noch zur Grenze? Wie lange wird es dauern, bis man total daneben sein wird in der Birne und einen verklebten Matschmund und Augen haben wird, die einem schier aus dem Kopf flutschen? Es gilt, präzise zu kalkulieren und genau auf die Straßenschilder zu achten, denn die ganze Stange kriegt man ja nicht auf einmal runter, so viel steht fest. Man wird sich Stück für Stück vorarbeiten müssen, Stück für Stück mit Bier runterspülen, denn außer Bier hat man nichts zu trinken dabei.

»Bier?«, fragt’s, und: »Warum hat man es nicht in der Nacht zuvor getrunken und sich in den Schnee gelegt?«, und man erinnert sich, dass dieses eine Bier nicht den Ausschlag gegeben hätte und man es sich aufsparte, um am Morgen nach der zu erwartenden Horrornacht überhaupt wieder in die Gänge zu kommen. Aber Bier? Man will es sich nicht mit Drogen versauen, dafür aber Bier trinken und blasen müssen und schließlich mit gespreizten Arschbacken vor ein paar Arschlöchern mit Pistolen stehen? Nein: Das Bier gehört nach hinten und man schmeißt es, über die Rückbank, in den offenen Kofferraum. Man wird würgen müssen, runterwürgen auf Gedeih und Verderb.

Der Plan steht, also konzentriert man sich auf die Ortsschilder und irgendwann auf die Schilder, die einem sagen, wie weit man noch von der Grenze entfernt ist und welche Spur man nehmen muss, wenn man ein Lastwagen ist oder keiner.

Man ist kein Lastwagen, also nimmt man die mittlere Spur (die ganz links ist für die Nichtlaster mit Anhängern reserviert, für Großfamilien-Wohncamions und andere Kriechtiere) und man kaut und kaut und bringt schon bald den Mund nicht mehr auf; der Speichel hat sich in Harz verwandelt, alles klebt und man wird paranoid, weil man es auf keinen Fall schaffen wird, nicht mit der abklingenden Bierfahne von voriger Nacht und den Glubschaugen, und man bringt die Lippen nicht auseinander – wie soll das denn gehen? Was, wenn man gefragt wird? Nach dem Wetter oder dem Lieblingsdrink, der bevorzugten Stellung beim Sex oder danach, wohin es gehen soll? Was antwortet man dann? Mhmljamdrmst ?

Man ist tapfer und kämpft weiter, kaut schneller, je kürzer die Abstände zwischen den Tafeln werden, und bei »500 m« wird einem bewusst: Man wird es nicht schaffen. Also nimmt man noch einen letzten, möglichst großen Bissen und wirft den Rest über Bord. Das Herz tut einem weh und man beginnt sich zu fragen, ob die Chancen nicht doch besser gewesen wären, hätte man das Hasch einfach unter den Sitz geworfen und nicht einen Teil zum Fenster hinaus und den Rest in sich hinein, um dann halluzinierend vor Zöllnern und Polizisten zu sitzen und auf keine Frage antworten zu können – mal ganz abgesehen von der Verschwendung; hätte man nicht die besseren Chancen gehabt?

Die Zeit für Kontemplation ist vorüber, man steht in der Schlange, drei Autos vor einem. Das Bier liegt im Kofferraum, man bringt den Mund nicht auf, beginnt mit der Zunge rumzuspielen, um ein bisschen Spucke zusammenzukriegen, doch es klappt nicht. Also nimmt man (das hat man, sechsjährig, aus einem Karl-May-Buch – war’s Winnetou oder Schmetterhand in Arabien?) eine Murmel in den Mund, die man in der Ablage zwischen den Sitzen findet (wie die Murmel da hinkommt und warum sie immer noch da liegt, weiß Gott beziehungsweise Manitu allein), und man versucht es so und tatsächlich bildet man sich ein, etwas mehr Spucke im Mund zu haben, aber dann Panik.

Was, wenn der Beamte denkt, die Murmel im Mund sei das Hasch, das der Zöllner damals in Griechenland nicht entdeckt hat, als man Proviant für die Segelferien in den Backen rüberschmuggelte; was, wenn man sich verschluckt und dem Zöllner schließlich Hasch und Murmel an einer pikanten Biersauce vor die Füße kotzt?

Man nimmt sie raus, die Murmel, bevor man dem Feind zu nahe ist, die schauen nämlich immer schon vorher, die Zöllner, aus genau diesen Gründen: Legt jemand noch schnell etwas weg, steckt er Koks in den Stiefel, rückt er die Pistole unter dem Sitz zurecht oder hält er dem entführten Baby den Mund zu? Mit sechs Gramm Hasch im Bauch ist man sehr, sehr aufmerksam.

Man fährt langsam an, den Blick möglichst neben die Zöllner und Polizisten auf den Wagen vor einem gerichtet, der gerade los- und nach Italien hineinfährt, und dann ist es so weit: Man lässt das Fenster runter, macht das Radio leiser und versucht mit möglichst gleichgültigem Gesicht, den Anschein eines normalen Menschen zu machen.

Der Zöllner schaut einen trotzdem kritisch an, als man ihm den Pass durchs Fenster reicht, das ist sein Job, und man hat Glück in der ganzen Misere, denn der Zöllner kümmert sich mehr um die Übereinstimmung des Bildes im Passaporto mit dem Gesicht im Wagen als um die Augen des Fahrers und dessen Haschpegel, und man antwortet auf die Frage, wohin man wolle, cool und erstaunlich deutlich: Nach Milano, eine Freundin besuchen. Es wird noch besser und der Zöllner ist nicht impertinent und fragt etwa nach der Straße (die man in diesem Moment einfach nicht gewusst und gelogen hätte, man habe an der letzten Raststätte vor Milano abgemacht und würde dort von der italienischen Amica abgeholt) und auch nicht nach der BH-Größe oder dem Namen der ominösen Freundin in Milano. Und so nickt man zurück, versucht ein Lächeln und macht, dass man mit möglichst wenig Druck aufs Gaspedal und samtig weichem Kuppeln delikat davonkommt.

Das Jauchzen und die freudigen Schläge auf das Lenkrad stellen sich nach ungefähr hundert Metern ein und das, obwohl man keinen Grund dazu hat, wo man sich doch umbringen und in den Krieg ziehen will und kein bisschen Lebensfreude mehr in sich tragen dürfte, aber was soll’s, zum Teufel. Man jauchzt, wie der Mensch das dann tut, wenn er das vermeintlich Unmögliche mit einem Äußersten an Heldenmut und einer göttlichen Portion Glück geschafft hat, und man denkt sich: Nichts wie ab zur nächsten Raststätte – und zwar der unmittelbar nächsten, nicht der erst kurz vor Milano, an der die Freundin (mit BH-Größe 75 C, so nebenbei) vergebens auf einen wartet: Whisky, ein Sandwich, man platzt vor Energie und Zuversicht und das Haschisch zündet Feuerwerke der Euphorie und man fährt nicht zu schnell und freut sich des Lebens.

An der Raststätte angekommen, gibt man sich Mühe, nicht allzu high zu wirken, obwohl man innerlich bis über beide Ohren grinst: Man versucht, die Augen offen zu behalten, obwohl man sich hinlegen und in einen LSD-ähnlichen Rausch verfallen könnte, aber man schafft es, die zwei Flaschen Whisky, die Chips, das Sandwich (Mineralwasser ist auf dieser Reise nicht gefragt) und die Coca-Cola, mit der man den Whisky notfalls verdünnen will, an die Kasse zu tragen, ohne irgendwas davon fallen zu lassen. Irgendwie gelingt es einem, sich ruhig zu verhalten, während die Verkäuferin an der Kasse einen sehr, sehr durchdringend ansieht und sich dabei denkt, dass man solche Scheißtypen nicht auf die Straße lassen dürfte, weil sie doch immer die Falschen umbringen, Mütter mit ihren Kindern hinten drin oder junge Menschen überhaupt, sie selbst vielleicht, nach Feierabend – hat man je davon gehört, dass Politiker oder Mafiosi bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen?

Bevor beide sich weitere Gedanken darüber machen können, was für ein mieser Arsch man doch ist, hat man ihr schon das Geld in die Hand gedrückt (zum Glück nehmen sie im Nachbarland auch Nachbarsgeld), hat das Wechselgeld eingesteckt und ist mit den Getränken, dem Knabberzeug und seinem Silvesterkopf verschwunden.

Natürlich beginnt man nicht auf dem Parkplatz der Raststätte zu trinken, man könnte von Polizisten erwischt oder von einem übereifrigen Bürger angezeigt werden (und sei es nur aus Prinzip und weil der Säufer im parkierten Auto, anders als man selbst, jung und kein italienischer Säufer ist), also macht man, dass man so schnell wie möglich die Chipstüte aufreißt und griffbereit positioniert, die Whiskyflasche öffnet, wieder schließt und zwischen Sitz und Handbremse klemmt – zum ungebremsten Zugriff.

Dann kommen die fünf Stunden quer über Land – eine Strecke, die man schon hundert Mal gefahren ist, achtzig davon hinten drin, im Auto der Eltern, ein paar Mal allein oder mit dem Bruder oder der Freundin, und immer ging’s in die Ferien. Jetzt geht’s in den Krieg, denkt man sich, und das Leben um einen herum scheint allzu ungeniert und teilnahmslos angesichts der Tatsache, dass Menschen sterben, nicht irgendwo, Tausende von Meilen weit entfernt (was an der Tragödie nichts ändern würde), nein, keine drei-, vierhundert Kilometer weiter südöstlich sterben sie, auf der anderen Seite der Grenze da vorn, wo man entweder ankommen und Menschen töten oder sich selbst töten lassen wird; vielleicht tut man es auch gleich hier, mitten auf der Autobahn, man könnte einen Mafioso oder korrupten Politiker erwischen, der Verkäuferin an der Tankstelle zuliebe, ein Schlenker nach links oder rechts und die Autos wickeln sich um einen der Pfeiler, auf denen diese Autostrada-(wie heißen die Dinger noch mal?)-Raststätten stehen, und es ist vorbei, fertig, aus, vorbei der Schmerz, die Angst, das junge Leben.

Pathetisches, ekelhaftes Selbstmitleid. Furchtbar: Hätte man The Smiths mitgenommen, man würde sich für die zweite Variante entscheiden, aber aus den Boxen scheppern die Red Hot Chili Peppers, volle Lautstärke, und die Aggression und die Kraft der Musik obsiegen und eines steht fest: Man wird zur Grenze gelangen, wird dem Zöllner sagen, man sei freiwillig da, wolle in den Krieg und auf der Seite seiner Landsmänner und Landsfrauen gegen den Aggressor kämpfen, und der Zöllner wird bestätigend nicken und einem alles Gute wünschen.

Kaum ist der Entschluss gefasst, dem Krieg die Wahl zu überlassen, kommen die Bilder: Man sieht sich in Kampfuniform im Matsch liegen, verdreckt und blutig die Kugeln und Granaten ignorieren, die um einen herum einschlagen, zurückschießen und Feinde eliminieren, man sieht seine Eltern, wie sie einen während des Fronturlaubs besorgt am Telefon fragen, wie es einem geht, und Vater trotz aller Sorge den Stolz nicht verbergen kann, dass ihr Sohn, obwohl er nicht in seinem Heimatland geboren wurde oder dort lebt und deswegen ins Militär einrücken musste, sich freiwillig entschieden hat und jetzt, in diesem Moment, im Heimatkrieg all das verteidigt, was ihn und seine Kultur ausmacht.

Das Auto ist klein, ein Zweit- oder Drittwagen, aber man holt aus ihm raus, was geht. Nicht übertrieben rücksichtslos, nicht übertrieben halsbrecherisch, man will ankommen, dort, wo man hingehört oder nicht, dort, wo der Zöllner schließlich, verzweifelt ob des Anblicks, den man ihm bietet, nach den Versicherungspapieren fragt statt danach, ob man getrunken habe aus der einen leeren oder der anderen halbleeren Flasche Whisky, die man provisorisch hinter dem Sitz versteckt hat, und man hat keine, wie man schnell feststellt, Versicherungspapiere, und man schaut ihn an, den jungen, müden Zöllner, der mit sich ringt und schließlich korrekt bleibt und einen mit nervös zuckenden Augen anschaut und sagt, er könne einen nicht rüberlassen, über die Grenze, hinein ins Getümmel.

Man glaubt ihm nicht, nicht nach den letzten achtzehn Stunden, so etwas kann, so etwas darf nicht sein, man will ankommen, raus aus dem Wagen und sich hinlegen, ausstrecken, nur für ein paar Stunden, einen klaren Gedanken fassen und am nächsten Morgen halb nüchtern, aber zielstrebig bei einer Kaserne oder einem Rekrutierungsbüro anklopfen, doch er lässt kein Argument zu, der junge, müde Zöllner; zurück, wenden, sorry, es tut ihm leid, und man glaubt ihm das sogar.

Und doch könnte man heulen vor Wut und Frustration, und dass man gesagt bekommt, man solle es weiter oben, etwas weiter im Norden versuchen, vielleicht lasse einen jener Zöllner durch, ändert nichts daran. »Warum?«, fragt man. Warum sollte jener einen durchlassen, wo man doch bei ihm nicht durchgekommen ist? Keine Antwort – er weiß sie nicht, er will sie nicht wissen; er will einenloswerden.

Vielleicht ruft er den nördlichen Kollegen ja an, redet man sich ein, und sagt ihm, er solle bei dem jungen Kerl im kleinen, weißen (!) Auto nicht nach den Versicherungspapieren fragen und ihn einfach durchlassen, aber man weiß, das wird nicht geschehen, und eine Stunde später steht man wieder in der Kolonne, diese ist kürzer. Man schaut sich die Gegend an, bewundert die bizarren Felsen, die, rot von der eisenhaltigen Erde, in der untergehenden Sonne dunkelorange leuchten, und man ist sehr entspannt, als man endlich an der Reihe ist; entweder man wird durchgelassen oder man verbringt noch eine Nacht auf einem Parkplatz irgendwo im Niemandsland oder am Waldrand nahe der Grenze, wo man sich wenigstens den Hintern nicht abfrieren wird, und tatsächlich geschieht, was nicht geschehen soll: Versicherungspapiere. Bitte.

LIMMATPLATZ

Julien war weg und Martin klappte sein Notizbuch zu. Er winkte der Kellnerin und klaubte sein Portemonnaie mit zittrigen Fingern aus der Jackentasche, nach vier Kaffees in etwa so nüchtern wie nach einer durchzechten Nacht.

»Achtzehn.« Martin gab ihr einen Zwanziger und sagte, sie könne den Rest behalten. Nicht sonderlich beeindruckt vom Trinkgeld schlurfte sie durch die dunkle Bar zum Tresen und Martin hörte das »Katsching« der Kasse und das Klimpern vom Kleingeld, das sie in ihr Trinkgeldglas warf, was ihn auf Umwegen daran erinnerte, dass er außer seinem Projekt noch andere Verpflichtungen hatte und einkaufen gehen musste.

Seit Martin seine letzte Stelle verloren hatte – »Verloren, was heißt verloren«, hatte Helena damals gesagt, »sie ist dir nicht abhanden gekommen, irgendwie, du hast ihn nicht verlegt, deinen Job, weil du unachtsam warst, nein, sie haben dich rausgeschmissen, weil du ein arroganter Scheißer bist!« –, war Martin Hausmann. Und als solcher unter anderem auch für Staubsaugen, Wäschewaschen und, natürlich, die Zubereitung des Abendessens zuständig.

Nicht, dass ihm das etwas ausmachte oder dass er sich seiner hausmännischen Pflichten schämte, im Gegenteil. Er fand, in einer modernen Beziehung und angesichts der Wirren des heutigen Lebens mussten beide Partner flexibel und imstande sein, die vorgegebene, veraltete Rollenverteilung zu überdenken und, wenn nötig, neu zu definieren. Dass das gesellschaftlich belächelt wurde, war ihm mittlerweile egal: Bis auf die zwei Jugendfreunde, mit denen er sich regelmäßig auf ein Bier traf, waren seine Kontakte zu Mitmenschen ohnehin auf einen kümmerlichen Rest geschrumpft und beschränkten sich auf Floskeln gegenüber alten Menschen im Tram und beim Überqueren der Straße: »Darf ich Ihnen mit der Tasche helfen?« – »Kommen Sie, es ist grün, ich begleite Sie über die Straße.«

Aber das war ein Zustand auf Zeit: Sobald das »Projekt Julien« abgeschlossen war, wäre alles wieder wie früher und Helena würde diese Zeit schnell vergessen. Er würde sie auf Händen tragen und verwöhnen, wie die Prinzessin, die sie in seinen Augen war.

Martin sah auf die Uhr. Es war kurz nach vier, was hieß, er konnte in aller Ruhe einkaufen und sich noch ein wenig entspannen, bevor er mit dem Kochen anfing.

Bei all der Freizeit, über die Martin jetzt verfügte, war Zeitmanagement kein so großes Thema mehr. Nur eines war wichtig: Das Essen musste zur verabredeten Zeit auf dem Tisch stehen. In diesem Punkt war Helena, man könnte sagen: pingelig. Als er sich an die Szene erinnerte, die sie ihm vor kurzem gemacht hatte, schüttelte Martin lächelnd den Kopf.

Er war seit über einer Stunde in der Küche am Rumhantieren gewesen, als Helena nach Hause kam. Sie betrat die Küche und Martin wollte ihr einen Kuss auf die Lippen und ein Glas Wein in die Hand drücken, als sie, wie vom Blitz getroffen, einen halben Meter vor ihm stehenblieb und ungläubig auf die Töpfe auf dem Herd starrte.

Martin folgte ihrem Blick und sah neben der vollen Salatschüssel den kleinen Topf, in dem die fertige, pikante Tonnosauce auf kleinster Flamme vor sich hinbrodelte, und gleich daneben den zweiten, großen, mit dem Wasser kurz vor dem Siedepunkt, auf dem Herd stehen. Mit zwei Gläsern Wein in den Händen stand er ratlos zwischen ihr und dem Essen und verstand nicht. Er wollte gerade den Mund aufmachen, um zu fragen, nach der Richtung, dem Bogen, einem Hinweis, irgendeiner Erklärung dafür, was los war, als sie schnellen Schrittes an ihm vorbeiging, die offene Packung Spaghetti nahm, die er bereitgestellt hatte, um sie in ein, zwei Minuten ins Wasser zu geben, weit ausholte und Martin die Spaghetti mit einer Wucht an den Kopf warf, dass die Packung förmlich explodierte und die Teigwaren durch die ganze Küche flogen. Einen Moment lang standen sich beide still gegenüber.

Was zum Teufel …?! Martin schüttelte die Spaghetti aus dem Haar, aber noch bevor er etwas sagen konnte, legte Helena los.
»Was bist du für ein Mann?!«, bellte sie ihn an, kurz davor, ihm nach der Spaghetti-Attacke auch noch eine zu scheuern.
Martin war, gelinde gesagt, überrascht. Und ihm war nicht im Ansatz klar, worin das Problem lag. Er schloss die Augen, holte tief Luft und begann leise:
»Helena – was, um Himmels willen …?«
Aber Helena unterbrach ihn. Sie schlug ihm die Faust gegen das Brustbein, stampfte mit ihren teuren Stiefeln auf den Boden, dass das ganze Haus erzitterte, und tobte weiter: »Um Himmels willen ? !«
»Ja!«, versuchte Martin es erneut. »Was ist in dich gefahren? Spinnst du? Und außerdem: Das hat grad wehgetan!«
Sie warf ihre Tasche aufs Sofa (nur eine ihrer Extravaganzen: wer hat schon ein Corbusiersofa in der Küche stehen, mal ehrlich) und stemmte die Hände in die Hüften. Mit all der Bosheit und all dem Gift, das sie in ihre schönen, großen, braunen Augen zu zaubern imstande war, blitzte sie ihn an.
»Ich will dir sagen, was in mich gefahren ist … Du hockst den ganzen Tag faul herum … Nein, entschuldige, stimmt nicht, du arbeitest … Du machst da etwas, Kunst, nicht wahr, Schreiben. Aber weißt du was?«
»Was?«, wurde Martin laut, darauf wollte er wirklich eine Antwort hören.
»Aus deiner Schreiberei wird nie und nimmer was, und warum, das sehen wir anhand dieses kleinen, wunderprächtigen Beispiels, denn das einzige, worum ich dich gebeten habe, ist, dass wir etwas Warmes zu essen haben, wenn ich kaputt von der Arbeit komme, aber nein, das bringst du nicht fertig, ist ja auch zu viel verlangt. Richtig?! Na sag schon! Ist das zu viel verlangt?«
Martin versuchte, seine in alle Winde verwehten Gedanken zu bündeln, aber es gelang ihm nicht; es war wie Mückenfangen in einem Astronautenanzug auf dem Mond – Mondmückenfangen. Hm. Das würde er irgendwo unterbringen.
Helena katapultierte ihn vom »Projekt Julien« zurück auf die Erde. Sie holte tief Luft und schrie ihn an: »Ist-das-et-wa-zu-viel-verlangt ? !«
Martin stand, mit zwei Gläsern Wein in den Händen und einem Rest Spaghetti in den Haaren, zur Salzsäule erstarrt vor ihr, brachte den Mund weder mechanisch auf, noch war er imstande, ihr irgendetwas Kohärentes, Zusammenhängendes entgegenzusetzen, es fühlte sich an, als stünde er einen Meter neben sich und wartete fasziniert darauf, was Helena als nächstes sagen, was sie als nächstes tun würde.
»Ich füttere dich durch«, tobte sie, »lasse dir alle nur erdenklichen Freiheiten, du gehst aus, mitten in der Nacht, kommst völlig zugeknallt morgens um sieben nach Hause und ich vögel auch noch mit dir, weil du’s dir ja sonst bei einer anderen holst, aber bitte, von mir aus, wenigstens ein Punkt, in dem du Talent beweist, aber wie dankst du es mir? Na? Wie-dankst-du-es-mir?!!! Dass ich all meine Pläne und Prinzipien für dich und deine Schwachsinnsideen verabschiedet habe und mich damit zufriedengebe, ein Leben im Standbymodus zu führen?«
Noch ein Moment der Stille folgte, allerdings nur außerhalb von Martins Kopf. In ihm drin schrien an die zwanzig Stimmen durcheinander und wollten alle recht haben und Helena die Meinung sagen, aber sie verstummten kollektiv, kaum erhob sie wieder ihre Stimme.
»Du sagst nichts? Okay, dann will ich es dir sagen: Du dankst es mir, indem du drauf scheißt! Es ist dir egal, wie dir alles egal ist, wie ich dir egal bin!«
Martin wusste nicht, wann sie schöner war: Entspannt, vor dem Einschlafen, beim Schlafen oder Aufwachen, während und nach dem Sex oder jetzt, wütend wie Dschinghis Khan in der Schlacht.
»Du kümmerst dich um nichts, du bist eine Pflanze, nein, eine Pflanze ist produktiver, du armes, kleines, verlorenes Kerlchen! Der große Journalist? Von wegen! Du bist ja nicht mal imstande, rechtzeitig das Essen auf den Tisch zu stellen! Was für ein Mann! Was für ein Traum von einem Mann! Komm, sag, du Traummann, hast du dir unser Leben so vorgestellt? Dass ich arbeite, die Miete zahle, das Essen, die Zigaretten, deinen Alkohol, deine Drogen, Nutten UND dass ich dich auch noch bekoche?!«
Martin musste etwas sagen, jetzt, er wusste es, aber es war, als hätten die Spaghetti sich in seinen Stimmbändern verfangen und sie lahmgelegt, und Helena schlich sich an ihn heran wie eine Tigerin. Keinen Zentimeter mit ihrer Nase von seinem Kinn entfernt blieb sie stehen.
»Wie? Sorry, ich versteh nicht … Hast du ja gesagt? Ja? Weil wenn das so ist, dann sag ich dir Folgendes: Verpiss dich, verpiss dich, verpiss dich! Verpiss dich aus meinem Leben! Jetzt, heute, sofort!«
Und damit schnappte sie sich ihre Tasche, stieß Martin mit ihrem spitzen Ellbogen zur Seite und stürmte aus der Wohnung.
Immer noch sprachlos, zu den Spaghetti in den Haaren jetzt auch noch über und über mit Wein vollgespritzt, stellte Martin die Gläser auf die Ablage und rannte ihr ins Treppenhaus hinterher.
»Das Wasser kocht ja schon!«, rief er ihr nach. »Keine zehn Minuten und wir können essen!«
Aber Helena lief weiter die Treppen runter und fluchte vor sich hin und Martin glaubte, etwas wie »Scher dich zum Teufel!«, »Elender Schlappschwanz!« und »Wichser, Wichser, Wichser!« zu hören – aber vielleicht täuschte er sich auch.

An jenem Abend kam Helena spät und mit einer heftigen Rotweinfahne nach Hause und legte sich wortlos neben ihn schlafen. Das Thema wurde nie wieder angesprochen, aber seit jenem Tag gab es in Martins Leben diesen einen Fixpunkt, an dem nichts, aber auch gar nichts vorbeiführte: Das Essen stand zur verabredeten Zeit dampfend auf dem Tisch, da konnte kommen, was wollte. Also holte er sein Notizbuch hervor, riss eine Seite heraus und schrieb alle Zutaten auf, die er für eines ihrer Lieblingsgerichte, einen chinesischen Fried Rice à la Martin, brauchte – Einkaufszettel waren auch etwas, weswegen sie sich über ihn lustig machte, aber es ging einfach nicht anders; ohne Einkaufszettel vergaß er garantiert eine kleine, aber wahrscheinlich essentielle Zutat. Er las die Notizen nochmals durch, nickte zufrieden, steckte den Zettel in die Hosentasche und verließ die dunkle Bar.

Draußen empfing ihn die Langstraße mit buntem Leben, das übliche Bild im Sommer: Menschen aller Rassen und Couleur gingen mehr oder weniger zielstrebig an ihm vorbei, die Autos standen im Stau und jeder dritte oder vierte Schwarze bot ihm Koks, jeder fünfte oder sechste Weiße Heroin an. Martin ging nach links, schnell und zielstrebig, um möglichst rasch von seinen Ex-Versuchungen wegzukommen; er mied die Langstraße wie andere Syphilis.

Er überquerte den Limmatplatz und ging auf den größten Lebensmittelladen im Quartier zu, wo er alles finden würde, was er für das Abendessen brauchte: Paprika, Peperoni, Schinken, Ei, Oliven, Cocktailtomaten und wilden Reis – Zwiebeln und Knoblauch hatte er immer vorrätig. Vor dem großen Eingang zum Laden holte er die kleinen Kopfhörer aus der Tasche, doch bevor er sie ins Diktafon stecken und sich die Hörer in die Ohren stöpseln konnte, fasste ihn jemand am Ellbogen. Martin drehte sich um und vor ihm stand ein Dealer, an dessen Namen er sich nicht erinnern konnte, obwohl er früher hundert Mal Heroin bei ihm gekauft hatte.

»Hey!«, sagte der Dealer. Martin schaute sich um, peinlich berührt. Er hatte all den Typen eingeschärft, ihn unter keinen Umständen anzusprechen, wenn er nicht allein unterwegs war oder die Situation ihn irgendwie kompromittieren könnte, denn den Junkies sah man den Junkie auf Meilen an und Martin wollte nicht mit solchen Gestalten gesehen werden, schließlich hatte es vor kurzem noch eine Zeit gegeben, da er gearbeitet und jederzeit von einem Kollegen oder einer Kollegin beim Drogenkauf hätte gesehen werden können; kein allzu wünschenswertes Szenario.

Aber hold on, wait a minute, dachte Martin, schon im Begriff, sich umzudrehen und wortlos weiterzugehen, a) ich bin allein unterwegs, und b) so scheiße sieht dieser Typ nicht aus, im Gegenteil, vermutlich sogar besser als ich selbst im Augenblick. Also lächelte er und gab dem Dealer die Hand.

»Hey.«
»Brauchst du was?«, fragte der Dealer.
Martin lächelte breiter, er lächelte das Lächeln des Überlegenen:

Nein, er brauchte nichts. Er war clean und hätte es dem Dealer am liebsten auch mit einem schadenfreudigen Unterton ins Gesicht geschmiert, aber Tatsache war, dass man nie wusste, und deswegen sagte er nur:

»Nein, danke, heute nicht.«
»Okay, dann mach’s mal gut«, antwortete der Dealer, und Martin sah ihm hinterher, wie er sich unter die Menschen mischte, die an der neuen, hässlichen Haltestelle auf ein Tram Richtung Stadt oder stadtauswärts warteten, und verlor ihn sogleich aus den Augen. Er steckte die Stöpsel in die Ohren und startete die Wiedergabe, wo er sie zuvor angehalten hatte.
Mit dem Zutatenzettel in der Hand und Juliens Stimme in den Ohren ging er einkaufen.

GOLIOTOK

Versicherungspapiere. Man denkt nicht an Versicherungspapiere, während man mit pochendem Herzen und zugeschnürtem Hals versucht, lautlos ein Auto aus der Garage zu bekommen. Versicherungspapiere und gewissenhafte Zöllner sind schuld daran, dass man ein zweites Mal wendet und bei der ersten Möglichkeit, neben der Straße anzuhalten, den Kopf auf dem Lenkrad beschließt, es irgendwie durch den Wald zu versuchen, Vierradantrieb sei Dank. Aber wie fährt man mit einem Auto durch einen Wald – ja wie kommt man überhaupt da zu ?

Zuerst mal muss man von der Straße runter, einen kleinen Weg finden, einen breiteren Forstpfad vielleicht oder eine Traktorspur, irgendetwas Befahrbares, und man darf unter keinen Umständen die Richtung aus den Augen verlieren – Krieg, Tod, Erlösung: SüdSüdost –, man muss die fiktive Grenzlinie im Kopf behalten und mit neunzig Grad erwischen, doch sollte einem das auch gelingen; wo, zum Henker, kommt man auf der anderen Seite raus? Irgendwo vor einer Schlucht, vermutlich, denkt’s, und nur ein Weg ist möglich – ein drittes Mal Wenden kommt nicht in Frage: Wenn-schon-dennschon-Thelma-and-Louise.

Blödsinn. Denken, überlegen, weniger träumen, mehr Whisky, und zwar subito, Cola hinterher, Kopf schütteln, Hirn einrenken: Die unmittelbare Gegend, sie ist, hofft man, weniger stark bewacht als die weiter weg, und so versucht man es nahe der Zollstelle, ein paar hundert Bäume weiter, man zählt sie: hundert, -neunzig, zweihundertdreizehn. Glaube besteht darin, dass man Realität damit verändern kann, und der Irrsinn darin, dass man ihn sofort findet, den Weg, den einen, der einen über die Grenze führen wird: Es ist ein Bauern-Traktoren-Esel-Weg, und der Mann, der nach etwa einem halben nierendurchrüttelnden und stoßdämpferquälenden Kilometer an der Grenze in einem winzigen Häuschen sitzt, hört Radio und kümmert sich nicht drum, dass sich da etwas nähert: Okay, das Licht ist diffus, bemerkt man, vermutlich sieht er weder den Wagen noch das ausländische Nummernschild, und wenn, ignoriert er beides, keinen Bock, der Typ, und man könnte den Affen knutschen und schlagen dafür, schließlich könnte man auch ein Feind sein: Das vierradangetriebene weiße Vieh kraxelt weiter, im ersten Gang, man verbeult den Auspuff und malträtiert die Federungen, aber zwanzig Minuten später hat man wieder Asphalt unterm Gummi und es ist die Straße, auf der man schon vorher hätte sein sollen, man ist dort angekommen, wo die Autos fahren, die durch den Zoll gelassen wurden, die Versicherten, und es geht weiter, heiße Ohren, Euphorie, ein Herzschlag bis zum Hals, man ist fast zu Hause, in Slowenien zumindest, und trotz der Gegenwehr fährt man im roten Sonnenuntergang dem Meer entgegen, wo man natürlich nicht ankommt, zumindest nicht so, wie man sich das vorgestellt hat.

Senj ist schon immer ein besonderer Ort gewesen, einerseits, weil man dort immer anhielt, um auf die Toilette zu gehen, etwas zu trinken, Eiscreme zu schlabbern und zum ersten Mal im Jahr die Füße ins Meer zu tunken, andererseits, weil da die Burg der Roten Zora steht, die Burg, in der sie mit ihrer kleinen Bande lebte und von wo aus sie ihre Streifzüge und Streiche plante – es war eine kleine Burg, aber sie hatte Bedeutung für einen und sie war immer schön beleuchtet und in die Rote war man verliebt gewesen, als man ein Junge war und keine Folge im Fernsehen ausgelassen hat, und während man in die Nacht hinein durch Slowenien rast, überlegt man sich, was mit den Kroaten sein wird und ob man auch mitten in der Nacht durch einen Wald kommt, aber man hat Glück und die Zöllner wollen nichts von Versicherungspapieren wissen und winken einen gegen elf Uhr nachts fluchend und kopfschüttelnd durch, nachdem man ihnen sagt, dass man die Papiere vergessen hat; sie überzeugen sich von der Echtheit des Reisepasses und durchsuchen den Wagen nach Waffen: Keine Versicherungspapiere? Fuck off …!

Gut, die haben andere Sorgen, denkt man und hat irgendwie das Gefühl, dass sie sich solche Auftritte, wie man selbst gerade einen hingelegt hat, seit Kriegsausbruch gewöhnt sind: bleiche, verwöhnte und gelangweilte oder selbstmordgefährdete Jungs in »geborgten« Autos, die in den Krieg wollen, Helden werden oder etwas in der Art.

Trotz der Freude, es an den Ort des Geschehens geschafft zu haben, hätte es einem Warnung genug sein sollen, dass man sie nicht sah, die kleine Steinburg der Roten, als man gegen Mitternacht nach ihr suchte, sie stand nicht dort, wo sie in dieser und in jeder anderen Nacht hätte stehen sollen, da waren weder beleuchtete Steinmauern, eine sexy Rote Zora in ihren frühen Dreißigern, noch verrostete mittelalterliche Kanonen, deren Mündungen durch die Scharten in den Wällen ragten – klar, überlegt’s, man muss ja keine Zielscheibe bieten, man wäre ja blöd, leuchtete man die Dorfburg an, damit sich unerfahrene Kanonenschützen daran üben können, und kaum hat man begriffen, dass die Burg deshalb nicht gelb leuchtet, weil man sich jetzt im Kriegsgebiet befindet, biegt man schon um die nächste Kurve und dann Blitzgewitter von etwas wie Stadionscheinwerfern, undeutliche Stoppschilder daneben und trotz des blendenden Lichts in ihrer Massivität unmissverständlich deutliche Panzersperren dahinter, und man steigt, die Hände ins Lenkrad verkrallt, mit aller Kraft auf die Bremse, um nicht die Soldaten übern Haufen zu fahren, die sich vor der Sperre aufgebaut haben und überfahren nie und nimmer Kameraden werden könnten.

Kaum steht man, der Puls schneller als die Zylinder unter der Haube, zielen zwei Figuren mit Maschinenpistolen durch die Windschutzscheibe und links und rechts und hinten auch Gewehrläufe und Soldaten in Tarnanzügen – Zora, sag, wie war das noch mal mit den zwei depperten Dorfpolizisten? – und es wird auf Kopfhöhe gegen die Scheibe geklopft, mit dem Gewehrlauf, und man nimmt die Hände hoch, schockiert ob der geisterhaften Szenerie und erschüttert ob der eigenen Dummheit, dann stärkeres Klopfen und ein Zeichen mit der Laufmündung, die wiederholt nach unten zeigt, worauf man betont langsam die Linke zum Fenstergriff sinken lässt und zur Sicherheit mit der Rechten eine Kurbelbewegung macht und das Fenster runterlässt und sich trotzdem unsicher ist, ob man nicht gleich durchsiebt wird – Fenster unten oder oben.

Man zwinkert raus, versucht, etwas zu erkennen, aber da sind keine Gesichter, nur Schatten und Figuren im Flutlicht, und wären es Feinde und hätte man eine Pistole und wollte man, man wüsste nicht, worauf zielen und schießen, und aus dem Scheinwerferlicht fragt eine Stimme mit deftigem Lokalkolorit nach dem Namen und danach, was man hier wolle, und man sagt ihn, den Namen, man buchstabiert ihn förmlich, denn, Heimat hin oder her: Kalaschnikows fühlen sich nicht gut an, sitzt man ihnen gegenüber.

Man sagt, sprudelt förmlich heraus, man sei hier, um für die Heimat zu kämpfen und man wolle der Armee beitreten, freiwillig, koste es, was es wolle und einen auch das eigene Leben, man habe nichts zu verlieren, und wenn überhaupt, dann solle der winzige Verlust auch Sinn machen, und wenn es Sterben sei für dieses Land, wenn es denn das sei, was geschehen müsse, dann solle es eben so sein, Punkt, aus, Amen.

Ob es die wirre Unverblümtheit oder das junge, bleiche Gesicht ist, man wird nicht erschossen, sondern nach dem Pass gefragt und man zieht ihn langsam aus der Jackentasche, zeigt ihn und ist froh, dass das Militär nichts von Versicherungen wissen will; kaum sind die Dokumente besehen, die Nummer am Wagen mit den Papieren verglichen und die Besitzer desselben eruiert, fährt man vor einem schwarzen Opel einem schwarzen Golf hinterher, runter von der Hauptstraße, hinunter zur Küste, zum Fähranlegeplatz des kleinen, alten Häfchens eines nach einer Familie benannten Anhängsels von Senj, wo man den Wagen abstellt und vor zwei immer mal wieder erinnernd in die Rippen gestoßenen Gewehrläufen runter bis auf Meereshöhe geht bis vor ein Haus mit einer schweren Holztüre, auf die im Code geklopft wird – Klopfcode, denkt man, und wie alt diese Methode doch ist, und dann wütend: Wie zum Henker war der Rhythmus noch mal – zwei, eins, zwei, zwei, zwei oder eins, drei, eins, eins –, man hat ihn sich nicht gemerkt; nutzloses, besoffenes, bekifftes Hirn, Scheiße noch mal.

Schlüssel-, Scharnierquietschen und Holzknarren, Gewehrlauf zielgenau in die Wirbelsäule gestoßen und der Befehl »Los!«, und man wird geschubst, hinein in das zu einem provisorischen Militärstützpunkt umfunktionierte Wohnzimmer eines Privathauses, wo an einem riesigen Holztisch zwölf oder vierzehn Soldaten sitzen und nach dem Abendessen schwarzen Kaffee trinken und Zigaretten rauchen: Die Türe donnert hinter einem zu und man wundert sich über das eigene Wundern über die verwunderten Blicke, die doch nur natürlich sind, und das nicht nur, weil man mittlerweile so müde und ausgebrannt ist, dass man sich kaum mehr auf den Beinen halten mag und aussehen muss wie frisch aus dem Grab; die erstaunten Augenpaare lassen einen deutlich spüren, dass ihre Besitzer bereits gehört haben, aus welchen Gründen man hier ist, und sie fragen wort- und verständnislos und mit dicken Schatten unter den Augen: Warum zum Teufel, was soll das und ob man eigentlich den Verstand verloren habe …

Man solle sich setzen, wird einem gesagt und dann die Frage, die man zu allerletzt als allererste erwartet hätte, nämlich, ob man hungrig sei, und man sagt ja, wie ein Wolf: Man bekommt Brot, Käse und Speck vorgesetzt und schaut sich die Leute an, die man gern Landsleute nennen würde – sie noch müder und ausgebrannter als man selbst, und man sagt, man habe eine halbe Flasche Whisky im Auto und ob man ihnen einen Schluck anbieten dürfe; zuerst essen, dann könne man den Whisky gerne holen, lautet die Antwort.

Also isst man brav, trinkt dazu ein Glas kalte Bevanda und beantwortet die restlichen Fragen, die dank dem mit Wasser gemischten Weißwein, einheimischem Speck, Käse und Brot einfacher zu beantworten sind, und die Fragen sind direkt, geradezu unanständig direkt, aber so ist man selbst, denkt man, und im Krieg fallen direkte Fragen vermutlich noch etwas direkter aus, und man antwortet ebenso ehrlich und direkt, gesteht, dass man Probleme hat und die Schnauze voll von dem Land und den Leuten und der Freundin dort oben im Norden, wo einen nichts mehr hält, man wolle zurück, nach Hause, oder dorthin, wo das Herz sich zu Hause fühlt, man wolle helfen, wolle kämpfen, wolle endlich etwas Sinnvolles mit diesem sinnlosen Leben anfangen.

Ob man den Verstand verloren habe, wird man gefragt, mehrstimmig und jetzt laut und geradeheraus; man habe doch alles, was man sich nur wünschen kann.

»Alles, außer gesundem Menschenverstand!«, sagt einer und beginnt tatsächlich, einem zu erklären, in was für einem Land man dort oben lebe, nämlich in einem Land, in dem man mit einer guten Ausbildung eine gute Stelle finden könne, studieren solle man und arbeiten und eine Familie gründen und glücklich sein. Allgemeine Zustimmung. Aber man schüttelt nur müde den Kopf.

»Was willst du hier, Junge?«, fragt ein anderer. »Was willst du in dieser Sauerei von einem an Wahnsinn und Sinnlosigkeit nicht zu übertreffenden Krieg? Den Heldentod sterben?« Das hätten andere schon für einen übernommen, sagt er, da sei nichts mehr zu holen. Erst recht nicht für einen, der hier nichts verloren habe, weder Frau noch Kinder noch sonst wen oder was.

»Geh nach Hause, Kleiner! Schlaf dich aus und fahr morgen zurück.«
Man will nicht unhöflich sein, aber man widerspricht, von wegen Sicherheit und Familie und Freundin und das sei alles nicht so,
wie es scheine oder sein solle, und Verwandte habe man hier außerdem auch und es mache sowieso keinen Unterschied, lieber einen
schnellen und sinnvollen Tod als ein langsames, jahrzehntelanges
Dahinkrepieren im Bewusstsein, zum richtigen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen zu sein, und das sei jetzt einfach so und man
könne nicht anders und müsse hier sein, hier und nirgends sonst.

Nach einer Weile scheint es, als ob man verstanden worden ist, aber vielleicht sind es auch nur die Promille, denn während man gemeinsam den Whisky trinkt (die halbe Flasche ist schnell auf fünfzehn kleine Gläschen verteilt), beginnt einer der älteren Soldaten, derjenige, neben den man anfangs gesetzt und von dem man mit Essen versorgt wurde, von seinem ersten großen Liebeskummer zu erzählen, statt einem eine Moralpredigt zu halten, die man ebenso gut von seinen Eltern hätte haben können. Er krempelt den Ärmel hoch und zeigt einem vier fingerdicke Narben, die quer über seinen linken Unterarm verlaufen; so etwas, sich umbringen wollen, das mache keinen Sinn, sagt er, und gehe die Eine, komme eine Andere, die Richtige, und man dürfe sich nicht das Leben nehmen, es sei zu wertvoll. Und in den Krieg zu ziehen, freiwillig, schön und gut, aber hauptsächlich ungefragt, ja ungebeten und ohne Ausbildung sogar unwillkommen, sei, wie bei Tempo zweihundert das Lenkrad herumzureißen, nur um herauszufinden, wie das sei und ob man überleben werde, und man erzählt dem Soldaten nichts vom Mafioso-Politiker, den man nach der ersten Flasche Whisky auf der Autostrada zwar gesucht, aber leider nicht gefunden und erwischt hat, sondern man protestiert und sagt, so sei das nicht, man fleht ihn und alle anderen an, zu verstehen.

Natürlich weiß man, dass er recht hat, dieser Mann, Vater, Bruder, Onkel, Ehemann und Überlebende, der so offen über etwas so Intimes wie einen misslungenen Selbstmord spricht, aber man bringt es nicht raus, kann es nicht sagen, kann nicht zugeben, dass man das Schicksal provozieren will und einem durch die freiwillige Teilnahme am Krieg eventuell der Selbstmord abgenommen wird, aber es ist auch nicht nötig, es zuzugeben, es auszusprechen, denn alle wissen, was in einem vorgeht und dass es keinen Sinn macht, darüber zu reden – zumindest nicht jetzt, mitten in der Nacht, während man kaum noch die Augen offenhalten und zusammenhängend denken kann, also lassen sie einen in Ruhe und befehlen einem, sich hinzulegen.

Das zugewiesene Sofa steht alt und verbeult direkt hinter dem Tisch vor dem von innen und außen verriegelten und mit Holzverschlägen abgedichteten, lichtundurchlässigen Fenster, und man kippt um, wie ein gefällter Baum, und tritt weg, noch während sich die Augen schließen, und man träumt schon, von Wäldern und Schluchten, Autobahnunfällen und Zöllnern, bevor die dicke Wolldecke, die einem übergeworfen wird, den Körper berührt.
»Der kapitelweise Wechsel zwischen diesen beiden ganz auf ihre Weise durch die Hölle gehenden Figuren sorgt auf beiden Ebenen bis zuletzt für Spannungen.«
Thomas Volkmann, INterkultur Stuttgart, 11/2011

»Temporeich erzählt "Drift" von Aufbruch, jugendlicher Wut und gebrochenen Herzen.«
Sf Magazin, November 2011
Tropen
1. Aufl. 2011, 320 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50211-4
autor_portrait
Oliver Nanzig

Michel Bozikovic

Michel Bozikovic, geboren 1971 in Zürich, studierte Philosophie, Politologie und Publizistik in Konstanz und Zürich. 2000 bis 2006 führte er sein...



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