Tödlicher Staub

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Radioaktiver Müll an den Traumstränden Sardiniens: vom Öko-Skandal zum spannenden Krimi

Carlottos spannender und actionreicher Roman deckt die kriminellen Machenschaften von Mafia und Politik, Militär und Industrie auf.

Jahrelang haben Massimo Carlotto und elf investigative Journalisten und Autoren geforscht und einen Öko-Skandal offengelegt. »Tödlicher Staub« ist ein aufregender Thriller und zugleich ein wütender Aufschrei gegen die schmutzigen Machtspiele von Mafia und Militär.

Pierre Nazarri wird als Deserteur von der Militärpolizei gesucht. Er ist erpressbar und muss die Drecksarbeit für eine dubiose, paramilitärische Organisation machen, die ihn auf die junge Tierärztin Nina angesetzt hat. Die Nachforschungen, die die junge Frau im Zusammenhang mit einer Reihe mysteriöser Erkrankungen und Missbildungen bei Schafen und Ziegen macht, scheinen ein paar einflussreichen Persönlichkeiten zu weit zu gehen.

Auf www.taz.de finden Sie einen lesenswerten Artikel mit dem Thema: »Müllkippe der Nato - Das vergiftete Paradies«.

Leseprobe
MERCANTI DI LIQUORE
Ein Schwarm Rebhühner flatterte auf, als der kleine Geländewagen vor überkam. Nina bremste ab, um auf eine Piste einzubiegen, die sich in der Macchia verlor. Der Stachelginster kratzte an den Seiten des Wagens entlang. Am liebsten hätte sie die Klimaanlage ausgestellt, die Fenster geöffnet und die Düfte des Sommers ungehindert hereingelassen, aber es hatte seit mindestens drei Monaten nicht mehr geregnet, und die Reifen wirbelten dicke weiße Staubwolken auf. Sie fuhr an einer von schwärzlichen Kiesadern durchzogenen Wand aus Kalkstein entlang, dann steil bergab durch ein ausgetrocknetes Bachbett. Ihre Fahrt endete vor einem rostigen Tor.

Der alte Balloi erwartete sie umgeben von seinen Hunden im Schatten einer Steineiche. Er nickte ihr zu und ging langsam zu dem verlassenen Schafstall hinüber. Die Schafe brachte er bei diesen Gelegenheiten immer weg. Nina wartete, bis der Hirte den Eingang erreicht hatte, erst danach stieg sie aus dem Wagen, öffnete die Ladeklappe und holte eine Plastikkiste heraus.

Balloi nahm seine Baskenmütze ab und wischte sich mit einem sauberen weißen Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Sein Gesicht war wie aus Holz geschnitzt. Tiefe Falten, von der Zeit und den Mühen eines Lebens gezogen, das keine Erholungspausen kennt. Wie sein Vater und der Vater seines Vaters.

»Es ist das vierte, Frau Doktor«, sagte er leise.
Nina nickte. Sie zog ein paar Banknoten aus der Hosentasche und reichte sie ihm. »Wie geht es den anderen ?« Der Hirte zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, gut. Sie wissen ja, ich gehe da nicht so nah ran.«
»Ich schaue nachher mal nach ihnen.«
Sie betrat den Stall und betrachtete den winzigen, am Boden liegenden Kadaver. Als Erstes machte sie ein paar Aufnahmen, dann bettete sie ihn in die mit Trockeneis gefüllte Kiste.
Balloi war weggegangen, genau wie die anderen Male, als wollte er nichts mit der Sache zu tun haben. Nina lud die Kiste ein, nahm ihre Tasche und lief zu einer kleinen Einzäunung. Zufrieden mit dem, was sie dort sah, machte sie rund zwanzig Minuten lang Notizen.
Im Schritttempo rollte sie durch das Tor hinaus. Der Hirte wanderte einen Pfad entlang, den Rücken ihr zugewandt. Nur die Hunde drehten sich um und starrten dem Geländewagen nach, bis die Macchia ihn verschluckt hatte.
Auf dem schma len schwarzen Asphaltband der Provinzstraße mit ihren scharfen Kurven betrachtete sie die träge kreisenden weiß-roten Flügel der Windkraftanlagen.
Eigentlich hätte sie den Inhalt der Kiste sofort zu Hause in der Kühltruhe verstauen müssen, doch nachdem sie rasch überschlagen hatte, wie lange das Trockeneis hielt, beschloss sie, sich den Luxus eines Bades zu leisten .
Der Strand war menschenleer. Im Mastixgebüsch zog sie sich den Badeanzug über und lief zum Wasser. Es war kalt, bis gestern hatte der Mistral die Küste gepeitscht. Sie fröstelte. Endlich holte sie tief Luft, sprang hinein und tauchte bis zum Grund. Sie grub die Hände in den Sand, stieß sich ab und schwamm zur Oberfläche zurück.
Es war bereits der siebenunddreißigste Tag, an dem Pierre Nazzari auf dem Sofa in der Hotelhalle in Cagliari saß und so tat, als lese er Zeitung. Er kam immer kurz vor sieben und blieb bis elf. Das Personal hatte Anweisung, ihn nicht zu beachten. Alle hielten ihn für einen Bullen, doch das war er nicht. Die Carabinieri, die echten, hatten ihm gesagt, vielleicht – und sie betonten das »vielleicht« – würde hier ein Mann vorbeikommen, den nur er allein mit Sicherheit identifizieren konnte. Nach der ersten Woche hatte er gemeint, das werde wohl nie geschehen, aber die Carabinieri erinnerten ihn dar an, dass er nichts Besseres zu tun hatte, als da zu sitzen. Sie hatten recht. Außerdem war es für Nazzari wichtig, ihn hier zu sehen. Die Sache abzuschließen, würde auch bedeuten, seine Rechnung mit den Bullen zu begleichen.
Um Viertel vor neun hatte er bereits die ausführlichen Berichte von den Wettkämpfen des Vortags bei den Olympischen Spielen in Peking studiert. Abgesehen vom Fußball hatte er sich nie für Sport interessiert, jetzt war er sogar über Gewicht und Länge der Wurfspeere informiert.
Eine Minute danach traten zwei gutgekleidete Männer mit verschlafenen Gesichtern aus dem Fahrstuhl und gingen in den Frühstücksraum. Ganz sicher Maghrebiner. Der Informant hatte dar auf hingewiesen, dass der Gesuchte von zwei Tunesiern begleitet würde.
Pierre dachte sofort, heute könnte der Tag X sein, und konnte sich nicht mehr auf den Klatsch von der Costa Smeralda konzentrieren, eines seiner Lieblingsthemen in der Zeitung. Eine reiche Frau, schon immer Mittelpunkt der sagenhaften Nächte der Nabobs im Urlaub, hatte beschlossen, ihren Reichtum zu verleugnen, war in die Politik gegangen und wollte einen auf volksnah machen. Ein Freund und Geschäftspartner tat es ihr gleich und bot den Gästen des Lokals, das beiden gehörte, ein Touristenmenü für zweihundert Euro pro Person an. Getränke exklusive, versteht sich. In seinem Verdruss über die fruchtlose Warterei interessierte Pierre sich krankhaft für diese Geschichte, doch jetzt hatte der Anblick der beiden Männer ihn in Alarmbereitschaft versetzt.
Zwanzig Minuten später trat der Gesuchte aus dem Fahrstuhl. Tatsächlich, es war Michele Ceccarello. Noch bevor Pierre sein Gesicht sah, erkannte er ihn an seinem Humpeln. Er selbst hatte ihn vor ein paar Jahren lahmgeschossen, als er bei einer Auseinandersetzung den Kopf verlor. Hinter der Zeitung spähte er nach Ceccarellos Gesicht, während dieser an ihm vorbeiging. Die plastischen Chirurgen hatten ganze Arbeit geleistet, aber Pierre hatte zu lange mit ihm zu tun gehabt, um manche Details nicht wiederzuerkennen, vor allem die Form des linken Ohrs. Die Stimme zerstreute dann alle restlichen Zweifel. Das an die Angestellten in der Rezeption gerichtete »Guten Morgen« hatte er lange Zeit hindurch allmorgendlich genau so gehört.
Am liebsten hätte Pierre die Ordnungskräfte angerufen und die Nachricht durchgegeben, doch er hatte klare Anweisungen. Er sollte Ceccarello und seine Komplizen beschatten und dann berichten. Der Leutnant, der die Ermittlung leitete, hatte gesagt, er würde Ceccarello zwar gern sofort festnehmen, könne es aber nicht.
Ceccarello setzte sich zu den beiden Tunesiern. Trotz seines Hinkens hatte er sich das Auftreten eines Offiziers von der Militärakademie bewahrt, mit seinem eleganten dunklen Anzug und dem nach hinten gekämmten Haar, das seine flächige Stirn und die Adlernase zur Geltung brachte.
Nach dem Frühstück kamen die drei zurück in die Halle. Sie unterhielten sich auf Französisch. Ceccarello zahlte die Zimmer in bar, dann fuhr er hoch, das Gepäck holen.
Pierre ging hinaus und stieg in seinen Wagen, um sie zu verfolgen. Hoffentlich beeilten sie sich, dachte er. Der japanische Kleinwagen, den ihm die Carabinieri zur Verfügung gestellt hatten, stand in der späten Augustsonne, und nach wenigen Minuten klebte ihm das Hemd am Leibe.
Endlich rollte eine Limousine mit verdunkelten Scheiben heran. Der Fahrer stieg aus; er war weithin als Bodyguard erkennbar. Gefolgt von einigen Kofferträgern, kamen Ceccarello und seine Freunde aus dem Hotel.
Pierre hielt sich rund dreißig Meter hinter dem Wagen und achtete dar auf, nicht aufzufallen. Der andere fuhr entspannt, offenbar ohne die geringste Eile.
Er hingegen war durchaus nicht ruhig. Er fürchtete ständig, den Wagen zu verlieren oder bemerkt zu werden. Er fühlte sich nur bei Dingen sicher, die er gut beherrschte, und für Beschattungen war er nicht ausgebildet. Zum Glück war die Fahrt kurz. Nach wenigen Minuten glitt die Limousine durch die Einfahrt zum Yachthafen Marina Piccola. Pierre stellte den Wagen beim Eingang ab und mischte sich unter die Badenden und Touristen auf der Promenade, die zu den Anlegern führte.
Er zückte das Handy. Zu seinen Aufgaben gehörte es, Fotos zu machen, und bis jetzt war er nicht dazu gekommen.
Die Limousine hatte vor einer luxuriösen Motoryacht gehalten. Mehr als zwanzig Meter elegantes Kunstharz mit feinen goldenen Verzierungen. Schmale Linienführung, der Bug so scharf wie ein Stilett. Ein schwimmender Traum, der nur darum nicht sofort ins Auge fiel, weil er zwischen seinesgleichen ankerte.
Pierre zoomte die Yacht heran und machte ein paar Aufnahmen. Er prüfte die Qualität und fluchte leise zwischen den Zähnen. Ceccarello war nur von hinten zu sehen. Von der Menge getarnt, ging er vorsichtig näher, doch die drei waren schon an Bord verschwunden. Er konnte nur noch den Namen des Schiffes festhalten, der am Rumpf prangte: His Majesty. Dann wurden die Motoren gestartet, und ein Matrose machte die Leinen los.
Hinter Pierre warf ein Mann den Zigarettenstummel zu Boden, nahm sein Handy und rief Ceccarello an.
»Ihr wart nicht allein«, raunte er.
»Scheiße. Wer?«
»Nie gesehen. Er steht neben den beiden Bäumen, von dir aus gesehen rechts.«
Im Schiff nahm der Humpelnde das Fernglas zur Hand und trat an eines der verspiegelten Fenster, durch die niemand herein sehen konnte. Er stellte das Fernglas scharf. Als er Pierre erkannte, war er eher überrascht denn beunruhigt.
»Den kenne ich«, sagte er. »Pierre Nazzari, Maresciallo Pierre Nazzari, der Arsch, der mich in Afghanistan fertiggemacht hat.«
»Er hat dich erkannt … Was machen wir?«
»Er ist kein Bulle, er wird selbst gesucht. Ich glaube, er will und kann unserer Operation nicht in die Quere kommen.«
»Denkst du, der ist zufällig hier?« Der andere zweifelte hörbar dar an.
»Vielleicht ja, vielleicht nein. Folge ihm und versuche, es rauszufinden. Ich ergreife solange ein paar Vorsichtsmaßnahmen.«
Ceccarello beendete das Gespräch und lächelte den beiden Maghrebinern zu, die ihn beobachteten.
»Probleme ?«, fragte der eine auf Französisch.
»Absolut keine«, log der Ex-Offizier. »Alles läuft nach Plan.«
Er holte eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und öffnete sie. Während er sein Glas füllte, dachte er, dass er sich bald rächen konnte, endlich. Überrascht stellte er fest, dass er dar auf nicht vorbereitet war. Er hatte mittlerweile gedacht, den Hurensohn hätte er ein für alle Mal verloren. Er hatte ihn nicht so gründlich jagen können, wie er gewollt hätte, seine verschiedenen Geschäfte hinderten ihn dar an.
Die Motoryacht löste sich langsam vom Anleger und drehte sich dem offenen Meer zu. Pierre ging zurück, doch nicht zum Auto, sondern er setzte sich an den Tisch einer Strandbar, von den Ortsansässigen die »Bar an der ersten Haltestelle« genannt. Seit jeher wird der Poetto, der Hausstrand von Cagliari, mit Hilfe von Haltestellen unterteilt. Die meisten der unzähligen Strandbesucher kommen mit dem Bus – eine Menge von bunten Badeanzügen, die in der Mordshitze ein erfrischendes Bad, ein bisschen Sonnenbräune und ein kaltes Getränk in einer der Bars suchen.
Er bestellte sich ein Bier. Und genau das täuschte den Mann, der ihm gefolgt war. Für ihn war klar, wenn Nazzari etwas mit den Bullen zu tun hätte, würde er sie sofort anrufen, stattdessen saß er seelenruhig unter einem Sonnenschirm und blickte aufs Meer. In Wahrheit war Pierre aufgewühlt und hatte das Bier bestellt, um sich zu beruhigen. Ceccarellos Anblick hatte ihn an Afghanistan erinnert und alle anderen Gedanken sofort verdrängt, denn dort unten war sein Leben kaputtgegangen. Nazzari und Ceccarello waren einst Geschäftspartner gewesen, im Sold eines örtlichen Warlords, der verhindern wollte, dass die Aktivitäten der italienischen Truppen seinen im Operationsgebiet gelegenen Opiumanbau störten. Dann verriet Ceccarello dem afghanischen Chef den Namen des Informanten eines anderen Militärs. Der Mann wurde umgebracht, mitsamt seiner ganzen Familie. Leider hatte er Nazzari regelmäßig Schwarzen Afghanen beschafft, den Pierre seinerseits an die Fallschirmjäger der Fremdenlegion verkaufte, die ihn wiederum in die Flieger nach Frankreich luden. Die beiden Partner zerstritten sich deswegen, Pierre verlor den Kopf, packte sein Maschinengewehr beim Lauf, schlug Ceccarello erst nieder und zerschmetterte dar aufhin sein rechtes Bein. Er ließ sich von den Legionären aus dem Lager schmuggeln und floh über Pakistan nach Kroatien. Dort glaubte er sicher zu sein, da die Sache es nie in die Zeitungen geschafft hatte. Ganz und gar beruhigt war er allerdings erst, als er von seinen französischen Freunden erfuhr, dass Ceccarello aus dem italienischen Krankenhaus verschwunden war, nachdem man ihn gewarnt hatte, dass die Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl gegen ihn vorbereitete. Obwohl die Sache nie publik geworden war, hatte sie ihren gesetzlich vorgeschriebenen Lauf genommen, und Pierre war in Abwesenheit zu glatten zwanzig Jahren verurteilt worden.
Unterdessen war er in Dubrovnik im Hause von Zlatka untergekommen, einer Kellnerin in den Vierzigern, die er in seinem Stammlokal kennengelernt hatte. Sie hatten begonnen, miteinander zu plaudern, und waren schließlich im Bett gelandet. Nicht die große Liebe, eher die Begegnung zweier, die nach Zuneigung dürsteten. Sie hatte eine missglückte Ehe hinter sich, er fühlte sich wie ein Schiffbrüchiger, der sich ein neues Leben aufbauen musste. Zum Glück hatte er einige Ersparnisse, damit konnte er sich das Schweigen und die Hilfe eines örtlichen Polizisten erkaufen und brauchte nicht zu arbeiten.
Eines Morgens, er frühstückte gerade in der Bar, tauchten zwei Italiener auf, setzten sich an seinen Tisch und ließen ihn äußerst diskret ihre Dienstausweise sehen: Carabinieri. Er leugnete, Pierre Nazzari zu sein, und hielt ihnen seinen auf einen gewissen Marco de Rossi, Journalist aus Verona, ausgestellten Pass hin. Der Ältere der beiden, Capitano Porrà, nahm ihn zur Hand und verzog anerkennend den Mund. »Gar nicht schlecht gemacht, den kannst du sogar behalten. Nenn dich ruhig weiter so.« »Ich verstehe nicht«, stotterte Pierre.
»Ich erklär dir mal, wie wir die Sache sehen«, meinte der Offizier. »Für uns sind Deserteure in etwa dasselbe wie Nutten. Wenn wir sie um einen kleinen Gefallen bitten, müssen sie zusehen, dass sie ihn uns schnell erfüllen.«
»Ein Auslieferungsverfahren dauert wahnsinnig lange …«
Porrà wedelte mit dem Handy. »Das dauert genau einen Anruf. Wir haben hervorragende Verbindungen zur kroatischen Polizei, und nach der Staatsanwaltschaft fragt kein Mensch.«
Sie steckten ihn in ein Flugzeug und brachten ihn nach Italien. In Venedig stiegen sie in eine Maschine nach Cagliari um, in der andere Militärs unter der Leitung von Tenente Deidda ihn übernahmen. Sie stellten ihm eine Wohnung zur Verfügung, einen Wagen, ein Handy und Spesen. Und so wurde Pierre Nazzari alias Marco de Rossi ein inoffizieller Mitarbeiter. Seine Aufgabe war es, den früheren Maggiore Ceccarello zu identifizieren und zu verfolgen, der mittlerweile in sehr viel gefährlicheren Kreisen als den afghanischen tätig war; Kreisen, in denen die organisierte Kriminalität eine große Rolle spielte, außerdem Nachrichtendienste verschiedener Länder und in jüngerer Zeit gegründete Banden professioneller Gewalttäter, Söldner, die sich bei jedem verdingten, der ordentlich zahlte. Gerade die Gefahr, in schwer kalkulierbare, gefährliche Situationen zu geraten, hatte die Carabinieri dazu bewogen, sich Ceccarello möglichst diskret zu nähern. Pierre hatte man im Gegenzug für seine Kooperation die Möglichkeit in Aussicht gestellt, außer Landes zu kommen und nicht weiter gestört zu werden, allerdings derart vage, dass er selbst keine Sekunde dar an glaubte. Jetzt, da er die Mission erfüllt hatte, würde er endlich feststellen können, wie realistisch dieses Versprechen war. Nur die Angst, tatsächlich eine professionelle Nutte geworden zu sein, hielt ihn von diesem Anruf ab. Vollends beruhigt rief sein Verfolger Ceccarello an. »Er trinkt Bier und schaut aufs Meer.«
»Ich sag’s ja: ein Arschloch, aber ungefährlich. Trotzdem, bleib an ihm dran. Ich will wissen, wo er wohnt und was er so macht.«
Der Mann suchte die Toiletten auf. Pierre ging unterdessen zu seinem Wagen. Er stand in der Sonne und wählte die Nummer, die ihm die Carabinieri gegeben hatten.
Als der andere an Nazzaris Tisch ein Touristenpärchen sitzen sah, war er kurz verblüfft. Ohne zu zögern lief er zu seinem vor der Bar abgestellten Moped. Er ließ es an, gab Gas, und schon hatte er Nazzari gefunden, der geduldig vor einem überfüllten Kreisverkehr wartete. Er folgte ihm bis zum Markt San Benedetto. Dort parkte Nazzari und kaufte Brot und Obst, um dann ein altes Mietshaus zu betreten.
Pierre füllte Wasser in seinen Pastatopf, machte den Herd an und mischte sich einen Martini. Vor seiner Zeit beim Militär hatte er in einer Edelbar gearbeitet und sich zum Barkeeper ausbilden lassen. Er drehte das Glas in den Händen und fragte sich zum x-ten Mal, warum er sich eigentlich damals freiwillig gemeldet hatte. Wäre er bei den Aperitifs und Longdrinks geblieben, er wäre nie so in die Scheiße geraten. Doch wie immer, wenn er dar über nachdachte, wurde ihm klar, dass der Fahneneid die beste Möglichkeit gewesen war, um nicht restlos dem Koks zu verfallen, das an seiner früheren Arbeitsstelle in großen Mengen konsumiert worden war. In Wirklichkeit war er aber auch für die Armee nicht geeignet. Er hatte sich ausschließlich wegen des höheren Soldes nach Afghanistan gemeldet und weil er sicher war, dass er dort eine ruhige Kugel schieben und mit Drogenhandel schön etwas dazuverdienen konnte.
Er aß einen Teller Spaghetti mit der Soße, die er tags zuvor gekocht hatte. Ein Rezept seiner Großmutter väterlicherseits. Seine Mutter war Belgierin und hatte den italienischen Gaumen ihres Mannes, eines Minenarbeiters, nie zufriedenstellen können. Vielleicht war das auch der Grund dafür gewesen, dass er sich ohne Rücksicht auf Verluste von ihr getrennt hatte und mit dem Sohn nach Italien zurückgekehrt war, während die Mädchen, Zwillinge, in Vottem geblieben waren. Als er starb, wuchs Pierre bei den Großeltern auf. Von seinem Vater war ihm nichts geblieben als das Geheimnis eines guten Sugo.
Er legte sich aufs Sofa und baute sich zur besseren Verdauung einen Joint. Der Schwarze Afghane, das war besseres Zeug gewesen als das hier. Dieser Super Skunk, den man in Cagliari bekam, war mit Sicherheit genmanipuliert, und wenn man übertrieb, wirkte er wie synthetische Pillen. Er übertrieb, um den Stress des Wartens zu mildern.

Pierre hatte die Gewohnheit, den Fernseher laufen zu lassen, während er sich rasierte. Am nächsten Morgen hatte er einen Lokalsender eingestellt. Wenn etwas in der Gegend passierte, brachte der es immer als Erster, und so war denn auch das Erwartete der Aufmacher der Acht-Uhr-Nachrichten.

»Den Ermittlungsbehörden ist gestern der größte Schlag gegen den Drogenhandel seit Jahren gelungen«, berichtete der Sprecher. »Hochsee-Einheiten und Drogenfahnder der Finanzpolizei brachten hundert Seemeilen südlich von Cagliari in internationalen Gewässern einen Fischkutter auf, der fünfeinhalb Tonnen Haschisch geladen hatte. Elf Personen wurden festgenommen.«

Pierre ließ den Rasierer ins Waschbecken fallen und lief zum Fernseher. Fünfeinhalb Tonnen, das war wirklich eine Menge. Neugierig wartete er, dass die anderen Nachrichten durch waren und der Sprecher auf die Meldung mit dem Fischkutter zurückkam.
»Im Rahmen der Sonderkontrollen gegen illegale Einwanderung auf dem Seewege durchsuchte die Hochsee-Einheit der Finanzpolizei von Cagliari letzte Nacht einen Fischkutter, an dessen Bord sie eine Rekordmenge an Drogen im Verkaufswert von rund fünfzig Millionen Euro entdeckte. Den Ermittlungsbehörden zufolge handelt es sich dabei um den größten Schlag gegen den Drogenschmuggel in Italien seit Jahren. Die Menge entspricht allein rund einem Viertel der in diesem Jahr landesweit von der Finanzpolizei sichergestellten leichten Drogen. Während der Beschlagnahme gab es leichtere Auseinandersetzungen, als einige Seeleute Widerstand leisteten, doch hatte die Anti drogeneinheit die Lage rasch im Griff und konnte die gesamte Besatzung in Gewahrsam nehmen, insgesamt elf Personen, darunter zwei bereits polizeibekannte Tunesier. Gegenwärtig werden Identität und Nationalität der übrigen Festgenommenen überprüft.«

Fotos der Besatzung wurden gezeigt. Pierre erkannte die beiden Männer aus dem Hotel wieder, nur Ceccarello war nicht dabei. Weder das Gesicht von früher noch das vom plastischen Chirurgen hergestellte. Während des gesamten Berichts fiel kein einziges Mal der Name der Yacht, den er den Carabinieri durchgegeben hatte. Offenbar hatte Ceccarello die Operation von Bord der His Majesty aus geleitet und sich rechtzeitig abgesetzt.

Und genauso war es gelaufen. Dass Nazzari im Hafen gesichtet wurde, ließ Ceccarello besonders vorsichtig sein. Möglichst eilig hatte er die Tunesier auf den Kutter umsteigen lassen, dem er selbst gut zwanzig Meilen vor ausfuhr. Jetzt telefonierte er mit seinem Handlanger, der Pierre beschattete, einem ehemaligen Söldner, der im Irak gewesen war. Früher hatte er als Rausschmeißer in Diskotheken gearbeitet, doch als das Gerücht umging, in der Region Florenz sei ein Anwerber unterwegs, meldete er sich sofort. »Geld und Abenteuer«, hatte er seinen Freunden erklärt. Inzwischen ließ er sich Franchino nennen.

»Ich weiß, wo er wohnt. Wenn du willst, mach ich ihn fertig, das Stück Scheiße«, zischte er ins Handy.
»Abwarten«, entgegnete Ceccarello. »Wir müssen erst rausfinden, für wen er arbeitet. Meine Informanten sagen, der Tipp an die Finanzpolizei kam von einer anonymen Quelle, außerdem aus Rom, nicht aus Cagliari.«
»Vielleicht vom Geheimdienst …«
Ceccarello legte auf. Franchinos Annahme ergab keinen Sinn, denn die Information stammte eben von einem Geheimdienstler, und auch der hatte bei der gescheiterten Operation schwere Verluste erlitten.

Pierre blieb den ganzen Tag über zu Hause. Die Carabinieri riefen selten an. Wenn sie ihm etwas mitteilen wollten, kamen sie zu ihm. So auch früh am nächsten Morgen. Tenente Deidda warf drei Lokalblätter auf den Küchentisch, deren Titelseiten dem großen Coup gewidmet waren.

»Gut gemacht.« Er tätschelte ihm die Wange.
»Aber Ceccarello ist davongekommen.«
»Mach dir um den keine Gedanken.«
»Ihr habt mich aus Dubrovnik hierhergeschleppt, und jetzt soll ich mir keine Gedanken machen?«
»Nein«, antwortete der Offizier, »das geht dich nichts mehr an.«
»Dann sind wir wohl quitt ?«, traute Pierre sich zu fragen. »Und können uns Lebewohl sagen …«
Deidda grinste vielsagend. »Wir sind mit dir fertig. Aber du kriegst eine andere Aufgabe zugeteilt.«
Pierre gingen die Nerven durch. Er beschimpfte Deidda, bis der ihn bei der Gurgel packte und an die Wand drückte: »Hast du vergessen, was Capitano Porrà über Huren und Deserteure gesagt hat?«
Nazzari bekam keine Luft mehr und konnte nur nicken. »Du hast zwanzig Jahre Militärstrafe abzusitzen«, fuhr der Tenente fort. »Dass du jetzt nicht in Santa Maria Capua Vetere oder schlimmer noch in Gaeta sitzt, ist ein Geschenk des Himmels, das du nicht verdienst. Du hast die Uniform verhöhnt, du Dreckstück.«
Der Carabiniere ließ ihn los, und Pierre rutschte zu Boden, hustend und um Luft ringend. Deidda kritzelte eine Adresse auf die Ecke einer Zeitungsseite. »Morgen früh um neun. Pünktlich.« Er steckte das geliehene Handy ein, dann die Autoschlüssel. Schließlich nahm er die Geldkarte aus Nazzaris Portemonnaie.
»Die Wohnung kannst du erstmal behalten.«
Er schloss leise die Tür hinter sich. Pierre rappelte sich auf,
wankte zum Waschbecken und ließ sich kaltes Wasser über den Kopf laufen. Im Grunde hatte er immer gewusst, dass sie nie geplant hatten, ihn laufen zu lassen. Jetzt warf diese Gewissheit allerdings eine Frage auf: An dem Tag, da sie keine Verwendung mehr für ihn hatten, was wurde dann aus ihm ? Er blickte auf seine Hände. Sie zitterten.

Nazzari erschien pünktlich am angegebenen Ort. »Ich will zu Sebastiano«, sagte er der jungen Frau hinterm Tresen des Flamingo. »Er ist noch nicht da.« Sie goss einem Kind einen Ananassaft ein. »Du bist Marco, der Neue?«
»Carlotto bringt den Zynismus der Berlusconi-Jahre auf den Punkt.«
Maike Albath, Süddeutsche Zeitung, 30.10.2012

»Außer Zweifel steht jedenfalls, dass seine Kriminalromane als Indikatoren für den Zustand der italienischen Gesellschaft wesentlich präziser sind als all de wehmütigen Jugend- und Familiengeschichten, die das Publikum in sentimentaler Italianità baden. Wenn sonst keiner politische Investigationen betreibt, muss es eben der Kriminalroman tun. In Italien findet er Stoff genug.«
Steffen Richter, Neue Zürcher Zeitung, 16.10.2012

»Es wimmelt von korrupten Polizisten, zwielichtigen Militärs, Söldnern, bestechlichen Politikern und Mafiosi, die alle darum kämpfen ihre Pfründe zu sichern. Der Thriller "Tödlicher Staub" zeigt die Trauminsel von ihrer hässlichen Seite.«
Marie Claude Bianco, TAZ, 16.06.2012
Tropen Kriminalroman
Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel
1. Aufl. 2012, 160 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50207-7
autor_portrait
Marijan Murat

Massimo Carlotto

Massimo Carlotto, geboren 1956 in Padua, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Italiens. Als Sympathisant der extremen Linken wurde er in den ...

Mama Sabot

Mama Sabot ist ein Gruppe aus neun sardischen Journalisten und Schriftstellern, die an der Recherche für »Tödlicher Staub« mitgewirkt haben.

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