Funkstille

Wenn Menschen den Kontakt abbrechen
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»Es wäre leichter, wenn er tot wäre«

Nahe Verwandte oder Partner brechen plötzlich, ohne Vorwarnung, jeglichen Kontakt ab, sie reagieren nicht und sind unerreichbar. Was den Zurückgelassenen bleibt, ist nur die nicht enden wollende Hilf- und Ratlosigkeit und die quälende Frage nach dem Warum.

Der Sohn von Lisa-Maria W. lebt und ist gesund. Doch für sie ist er nur noch ein Phantom. Das älteste ihrer drei Kinder will keinen Kontakt mehr zu ihr. Es gab keinen Abschied, keine erklärenden Worte – und bis heute kein Wiedersehen …
Kann das Band zwischen zwei Menschen so brutal gekappt werden? Was geht in Menschen vor, die sich plötzlich abwenden? Wie gehen die Angehörigen mit ihrem Schmerz und ihren Fragen um? Und vor allem: Gibt es Möglichkeiten, solche abrupten Kontaktabbrüche zu verhindern? Mit viel Einfühlungsvermögen spürt Tina Soliman die Hintergründe auf, vor denen sich das Phänomen der Funkstille abspielt. Sie begleitet Verlassene auf der Suche nach Antworten und spricht auch mit den Menschen, die wortlos gegangen sind.

Ein >> Interview mit Tina Soliman und weitere Informationen zum Thema »Funkstille« finden Sie auf der Website zum Buch unter: www.funkstille-buch.de

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Inhaltsverzeichnis
Vorwort und Dank
Einleitung
Funkstille – von einem Tag zum nächsten ohne jede Nachricht
Erstes Kapitel
Die Verlassenen
»Dieses Schweigen ist wie eine offene Wunde« 21
»Man lebt damit wie mit einem abgeschlagenen Bein« 24
»Ich kam nicht zu ihm durch« 27
Wissen wollen, woran man ist 29
»Es gibt nichts, was mich so aus der Bahn geworfen hat« 31
»Es ist immer da, wie eine Hintergrundmusik« 33
Die Dominanz des Verlassenen 39
»Was habe ich falsch gemacht ?« 41
Der Verlassene – das Opfer ? 44
Die »Knoten« in den Beziehungen 45

Zweites Kapitel
Die Abbrecher
»Das war ein wahrer Vernichtungskrieg« 47
»Ich habe 18 Jahre in einem Gefängnis gelebt« 55
»Ich habe reagiert, wie man es eben tut, wenn man bedroht ist« 59

Drittes Kapitel
Das Schweigen »Wenn man sich mit Worten nicht verstanden fühlt,dann muss man Taten sprechen lassen« 66
»Das Schweigen bedeutet, dass etwas nicht stimmt« 70
»Kommunikationsabbruch: Ist wirklich alles vorbei ?« 74
»Schweigen ist das Schlimmste, was es gibt« 77

Viertes Kapitel
Die Motive »Lass mich in Ruhe !« – Die Funkstille als Schutzraum 81
»Ich will nur noch weg !« – Die Funkstille als letzter Ausweg 93
»Du bist für mich gestorben« – Die Funkstille als Machtmittel 97
»Ich schweige, weil ich mich schäme« – Die Funkstille als Folge von Kränkungen 100

Fünftes Kapitel
Biografische Fragmente
»Warum bin ich so geworden, wie ich bin ?« 104
»Jeder hat sich um sich selbst gekümmert « 115
»Ich glaubte, ich würde damit fertig, und ahnte nicht, dass es doch Folgen hatte« 120
»Da ist eine extreme Sensibilität und Hilflosigkeit« 131
»Sei froh, dass du lebst !« 136
»Mit allen musste sie sich verkrachen« 140

Sechstes Kapitel
Die Persönlichkeit »Wir tragen alle unsere Besonderheiten in uns« 144
Kontaktabbruch – noch normal oder schon verrückt ? 147
Das richtige Maß für Nähe und Distanz fehlt – Die schizoide Persönlichkeit 148
»Ich habe keine Schwächen« – Die narzisstische Persönlichkeit 153
»Da wusste ich, dass ich therapeutische Hilfe brauchte« – Psychosen und die genetische Disposition 160
Loslassen ? Niemals ! – Die neurotische Persönlichkeit 163
Die Funkstille – ein Suizid mit Notausgang? 165

Siebtes Kapitel
Funkstille – ein Zeichen unserer Zeit ? 169

Achtes Kapitel
(K)ein Weg zurück ?
Eiszeit mit Ende – Die Funkstille als Beziehungspause 175
Weiterleben, aber wie ? – Wenn aus der Funkstille kein Weg zurückführt 183
Zurück zum Anfang ? – Ein Neubeginn nach der Funkstille 186
Nachwort
»Nicht schweigt in Gedanken, wer mit der Stimme schweigt« 193
Überblick über die Personen in den vorgestellten Geschichten 195


Leseprobe
Einleitung

Funkstille – von einem Tag zum nächsten ohne jede Nachricht

Funkstille – ein Wort aus der Schifffahrt. Es beschreibt die Einstellung des Funkverkehrs, um den Empfang von Notsignalen sicherzustellen.

Funkstille – in der menschlichen Beziehung ein Wort wie ein Donnerschlag. Es beschreibt den plötzlichen und wortlosen Abbruch einer Beziehung.

Funkstille – Es ist ein wissenschaftlich noch unerforschtes Phänomen, von dem noch keinerlei Zahlenmaterial vorliegt – und doch sind mehr Menschen betroffen, als bislang vermutet. Ein plötzlicher Kontaktabbruch, ohne jegliche Begründung, kann das gesamte Weltbild eines Menschen erschüttern. Die Last des Verlustes wiegt schwer. Die Abwendung und Abwesenheit des zuvor nahen Menschen schmerzt. Ratschläge wie »verzeih' doch !« , »fang' neu an!« oder »vergiss endlich!« sind gut gemeint, aber völlig nutzlos und gehen an der viel schwierigeren Realität vorbei. Ein Abschluss ist nicht möglich, weil es keinen Abschied gab. Ein Abschied hätte Antworten geben können, Antworten, die einen Kontaktabbruch nachvollziehbar machen.

Zu Beginn meiner Recherche sprach ich mit über hundert Betroffenen, davon waren etwa ein Drittel Abbrecher. Bald zeigte sich: Weil der Kern des Problems in einem radikalen Abbruch der Kommunikation besteht, ist auch die Kommunikation mit den Betroffenen über das Thema schwierig. Die Abbrecher taten sich schwer damit, überhaupt über die Funkstille zu sprechen. Die Verlassenen wiederum, deren Gedanken oft seit vielen Jahren um dieselben Fragen kreisten, konnten kaum ein Ende finden. Nein, bekam ich immer wieder zu hören, man habe keine Ahnung, warum es zur Funkstille gekommen sei. Und fast immer kam irgendwann die Frage: Gibt es die Chance, sich wieder zu begegnen? Gibt es Paare und Familien, die wieder zusammenfinden – auch nach einer langen Zeit der Funkstille? Und: Müssen »Abbrecher« und »Verlassene« sich nicht grundlegend ändern, um einander wieder begegnen zu können? Kann der Verlassene dem Abbrecher nach einer langen Zeit des Schweigens überhaupt noch trauen?

Redebedarf über das »Nicht-reden-Können« oder »Nichtreden-Wollen« gab es also genug, Mutmaßungen zuhauf, aber auch mindestens so viele offene Fragen. Ich versuchte, ein Muster in den Verhaltensweisen der Betroffenen zu erkennen, teilweise mithilfe von Fachleuten, teilweise, indem ich die Geschichten miteinander verglich. Ich fragte mich: Warum können einige Menschen über Konflikte, Verletzungen und unterschiedliche Sichtweisen reden und andere nicht? Oder ist die stille Beschäftigung mit einem Beziehungsproblem vielleicht gar die wirkungsvollere Methode, es zu lösen? Und ich fragte mich: Warum reagieren die Betroffenen bei dieser Problematik schamvoller als beispielsweise Menschen, die ein Kind durch Suizid verloren haben, wie ich es bei meinen Recherchen zu einem Film über den Freitod erlebt habe?

Die Verletzungen sitzen offenbar tief. Schuld, Scham und Versagensgefühle spielten in meinen Gesprächen mit den Betroffenen eine wichtige Rolle. Überraschend war für mich: Der Verlassene ist nicht per se das Opfer, und dem Abbrecher kann nicht einfach die Täterrolle zugeschoben werden. Vielmehr leiden beide Seiten. Der Abbrecher sieht sich zu seiner Handlung gezwungen, sieht keinen anderen Ausweg. »Wir haben beide geblutet darin«, erklärte eine Abbrecherin, die den Kontakt zur verlassenen Person wieder aufgenommen hat.

Ich versuchte, mich in die Gefühls- und Gedankenwelt beider Parteien hineinzuversetzen. Beide vertreten ihre subjektive Wahrheit. Wie sich der Kontaktabbruch angebahnt hat, kann im Nachhinein keiner der Betroffenen mehr so genau sagen, nur in vagen Grundzügen umreißen. Auf der Suche nach den Ursachen der Funkstille habe ich mit Psychoanalytikern und -therapeuten gesprochen. Auch sie werden im Folgenden zu Wort kommen.

Zwei Erkenntnisse beeinflussten schon zu Beginn der Gespräche mein Denken, und sie bestätigten sich mit jedem Wort oder Erklärungsversuch der Abbrecher: Schweigen ist auch Kommunikation! Denn man kann nicht nicht kommunizieren. Es gibt Gründe, die vielleicht nonverbal kommuniziert wurden, und es gilt, dieses Schweigen zu entschlüsseln. Genau das will ich in diesem Buch versuchen. Und ich ahne: Der Moment des Bruchs ist im Nachhinein kaum noch nachzuvollziehen – es ist eine lautlose Explosion, die in dem Moment, in dem sie sich ereignet, unbemerkt bleibt. Die Loslösung fand oft schon vor dem Abbruch statt!

Maja, eine Abbrecherin, mit der ich gesprochen habe, hat den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen. Sie erklärt: »Ich hatte die Liebe schon vorher verloren, konnte sie nicht mehr fühlen, spüren, und das machte es für mich an dieser Stelle unaushaltbar, deshalb bin ich aus dem Kontakt rausgegangen, um diese Verletzung und den Verlust nicht permanent zu fühlen. Ich ertrug es nicht mehr, konnte aber mein Dilemma nicht verständlich machen. Alles hat mit einer tiefen Verletzung zu tun. Ich fühlte mich von meiner Mutter nicht geliebt und verstanden, sonst hätte ich mich ihr ja anvertrauen können. Ich habe dann den Kontakt abgebrochen, um innerlich nicht ganz zu zerbrechen«, so Maja.

Der Abbrecher hat oft das Gefühl, ungeliebt zu sein und hat auch oft selbst die Fähigkeit zu lieben verloren. Der andere fordert etwas von ihm, von dem er selbst nicht genug hat. Und der Verlassene versteht nicht, dass der Abbrecher unter Liebesmangel leidet. Er war doch schließlich immer da. Dass die Loslösung oft schon vor dem eigentlichen Kontaktabbruch erfolgte, kann der Verlassene nicht erkennen. Er leidet unter der Kränkung des Zurückgelassen-Seins. Das Gefühl der Verletzung trübt auf beiden Seiten die Wahrnehmung. Das Bedürfnis, das Verhalten und die Beweggründe des jeweils anderen zu verstehen, und das Vermögen, ihm auch »negative« Gefühle zuzugestehen, sind in Mitleidenschaft gezogen. Wenn ein Familienmitglied den Kontakt abbricht, erschüttert es damit die Grundsicherheit der ganzen Familie, sagen Experten. Es fehlte in dieser Familie vielleicht das Handwerkszeug, um Konflikte zu lösen. Fest steht, dass die Funkstille als »Lösungsmittel« in Familien, in denen sie schon einmal praktiziert wurde, immer wieder auftaucht. Die Funkstille wird so zum Verhaltensmuster. »Wir werden verlassen oder wir verlassen, ungerecht behandelt und betrogen. Und immer wieder scheint das Szenario sich zu wiederholen. Wir erleben erneut die gleichen Dramen, weil wir uns immer wieder gleich verhalten«, beobachten Verhaltenstherapeuten. Trifft eine Kränkung auf einen wunden Punkt, werden auch unverarbeitete Verletzungen der Vergangenheit reaktiviert. Aber: »Man kann nicht auf Dauer vor sich selbst weglaufen. Man kann die Baustellen der Vergangenheit nicht schließen, indem man sie umfährt«, sagt einer der von mir befragten Psychologen. Man muss den Schmerz über Dissonanzen aushalten können. Aber wie stellt man sich schmerzhaften Auseinandersetzungen, wenn man verunsichert und verletzt ist, nicht weiß, was man wirklich fühlt, keine Kraft für den Konflikt hat, sich schämt oder enttäuscht ist? Bietet es sich da nicht an, das Schweigen als Mittel zu wählen, um gehört zu werden?

Sind Funkstille und Beziehungsabbruch möglicherweise auch Zeichen einer Zeit, in der enge Bindungen durch die stetige Beschleunigung des Lebens und das Primat der Selbstbestimmung, der Mobilität und Flexibilität in besonderer Weise auf dem Prüfstand stehen? »Konflikt = Stress – die Anstrengung spare ich mir lieber«, scheinen viele Menschen zu denken.

Wie aber kann man sich von den Problemen der Gegenwart befreien, ohne den Bezug zur Vergangenheit zu verlieren? Den Erscheinungsformen der Funkstille, ihren Ursachen und Folgen soll in diesem Buch nachgegangen werden. Es wird um Verletzungen gehen, um Angst und um die Suche nach einem Schutzraum, um die Unmöglichkeit der Kommunikation und letztlich darum, sich vielleicht doch wieder begegnen zu können. Die Erfahrungen der Menschen, die bereit waren, mit mir über die Funkstille in ihrem Leben zu sprechen, haben vieles erhellt. Manche von ihnen sind inzwischen wieder miteinander in Kontakt. Für sie war die Funkstille kein endgültiger Schlussstrich unter die Beziehung. Bei anderen sieht es so aus, als müssten sie eine Zukunft hinnehmen, in der der Abbrecher dauerhaft fehlt. Wie hängt das Verhalten des Abbrechers mit dem des Verlassenen zusammen? Wie sieht die Lebenswelt des Verlassenen aus, der von einem Tag auf den anderen ohne den einst nahen Menschen – und ohne Antworten – weiterleben muss? Wie ergeht es den Abbrechern? Im Folgenden sollen beide Seiten eingehend beleuchtet werden und Betroffene zu Wort kommen.

»Dramaturgisch einleuchtend leitet Soliman von der Konstellation Abbrecher/Verlassener über zu zentralen Bausteinen des Scheiterns, zu Aspekten wie Charakter und Biografie inklusive familienhistorischer Vorprägung ... Ein lesenswerter Beitrag zur Erforschung von radikaler Kommunikationsunterbrechung, Beziehungsverweigerung und Familiensprengung.«
Alexander Kluy, Psychologie heute, Januar 2012

»Die Autorin stellt in einfühlsamen Gesprächen Menschen vor, die vom Thema Kontaktabbruch betroffen sind. Zudem helfen Fragen an Psychologen, die schmerzhaften Entscheidungen zu begreifen. "Höre, was ich nicht sage!", lautet die Botschaft des Buchs, das von der ersten bis zur letzten Seite unter die Haut geht.«
Emotion, Februar 2013

»Ein Sachbuch mit Cliffhangern, so spannend wie informativ.«
Journal Frankfurt, Nr. 07/11
Klett-Cotta
8. Druckaufl. 2016, 196 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94562-1
autor_portrait

Tina Soliman

Tina Soliman ist Journalistin, Autorin und Regisseurin. Sie volontierte bei der »FAZ«. Seit den 90er-Jahren hat sie preisgekrönte TV-Dokumentationen f...

http://www.youtube.com/v/6SyscgVkgOY

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