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Natürliche Ziele

Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens

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Können wir guten Gewissens mit der Natur umgehen, so wie wir es tun?

Die Sicht, daß die Natur zielgerichtet ist, gehört zur Menschlichkeit des Menschen, und hat eine lange philosophische Geschichte. Die Kenntnis dieser Geschichte ist geeignet, szientistische Vorurteile zu zerstören und der natürlichen Naturbetrachtung ihr Gewissen zurückzugeben.

Die neuzeitliche Naturwissenschaft beginnt mit dem Verzicht auf die Frage nach der Zielgerichtetheit natürlicher Prozesse. Diese Frage ist nach einem Wort von Francis Bacon »wie eine gottgeweihte Jungfrau, die nichts gebiert«. Naturbeherrschung ist Eingreifen in natürliche Prozesse auf Grund der Einsicht in kausalgesetzliche Bedingungszusammenhänge. Um Naturbeherrschung aber geht es dem neuzeitlichen Typus von Wissenschaft. »Eine Sache kennen, heißt wissen, was man mit ihr machen kann, wenn man sie hat«, schreibt Thomas Hobbes. Es gibt aber eine andere Weise des Kennens, für welche die Natur nicht primär Herrschaftsobjekt ist, sondern unser Zuhause; natürliche Lebewesen, nicht nur Verwertungsmaterial, sondern Mitgeschöpfe, unverwandt und zeitlebens selbst auf etwas aus.

Bisher von Robert Spaemann bei Klett-Cotta erschienen:
- Glück und Wohlwollen
- Grenzen
- Personen
- Reflexion und Spontaneität
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Inhaltsverzeichnis


Vorwort

Einführung
Die Frage »Warum?«
Die Antworttypen auf die Warum-Frage
Die Warum-Frage im Bereich des Lebendigen

I. Platons Konzept der Teleologie
1. Teleologie und platonische Ideenlehre
2. Platons Lehre von der Bewegung
3. Teleologie und platonische Eros-Lehre
4. Teleologie und politische Philosophie

II. Aristoteles
1. Dynamis und ousia als Konstituentien der aristotelischen Theorie der Bewegung
2. Die aristotelische Lehre von der Bewegung
3. Immanente und transzendente Teleologie

III. Die Ausweitung der Teleologie in der Spätantike und ihre ontotheologische Fundierung in der Scholastik
1. Die Universalteleologie im stoischen Denken
2. Die Vollendung der teleologischen Weltsicht: Thomas von Aquino (1225-1274)
3. Höhepunkt und Peripetie des teleologischen Denkens

IV. Krise und Entmachtung des teleologischen Denkens bis zur Frühneuzeit
1. Die Krise der Naturteleologie im Hochmittelalter und der Frühneuzeit.
Argumente und Motive bei Buridan, Bacon, Descartes
2. Die Inversion des teleologischen Denkens
3. Nietzsches Angriff auf die invertierte Teleologie (Vorgriff)

V. Vermittlungsversuche zwischen Teleologie und Universalmechanik bei Leibniz, Wolff und Kant
1. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716)
2. Christian Friedrich Wolff (1679-1754)
3. Immanuel Kant (1724-1804)
4. Die verschiedenen Formen der Zweckmäßigkeit bei Kant
5. Das Verhältnis von kausalmechanischer und teleologischer Naturinterpretation
6. Die ontologische Dimension des Teleologieproblems
7. Die praktisch-philosophische Dimension des Teleologieproblems
8. Das Teleologieproblem im Werk des späten Kant (nach 1796)

VI. Teleologie im Deutschen Idealismus: Fichte, Schelling, Hegel
1. Johann Gottlieb Fichte (1762-1814)
2. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1175-1854)
3. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)

VII. Die Radikalisierung und Zerstörung der Erhaltungsteleologie im 19. Jahrhundert
1. Arthur Schopenhauer (1778-1859)
2. Friedrich Nietzsche (1844-1900)

VIII. Die Vollstreckung des Antiteleologismus durch die Naturwissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts
1. Grundlagen des biologischen Darwinismus
2. Evolutionstheorie und Teleologie
3. Die Ausweitung der Evolutionstheorie auf das gesamte Gebiet der Wissenschaft
4. Die entteleologisierte Wirklichkeit

IX. Kritik am Antiteleologismus
1. Gegenkritik an der Evolutionstheorie
2. Gegenkritik an der wissenschaftstheoretischen Analyse des Teleologieproblems

X. Die wiederentdeckte Teleologie
1. Zum symbolischen Charakter der Sprache
2. Das Mißlingen der »Entanthropomorphisierung«
3. Der neue Status der Evolutionstheorie
4. Zur »Notwendigkeit« teleologischen Denkens
5. Teleologisches Denken und Beweislast
6. Teleologie und Interesse
7. Der ontologische Status der Teleologie

XI. Teleologie und Teleonomie

Anmerkungen
Verzeichnis der verwendeten Literatur (Auswahl)
Register

Leseprobe


Einführung

»Die Betrachtung natürlicher Prozesse unter dem Aspekt ihrer Zielgerichtetheit ist steril, und wie eine gottgeweihte Jungfrau gebiert sie nichts«, hat Francis Bacon geschrieben, einer der Herolde jener »tapferen neuen Welt«, in der gottgeweihte Jungfrauen keinen Platz haben. (1) Die Frage, ob auf Dauer für Menschen darin Platz bleiben werde, wäre Bacon wohl ganz unverständlich gewesen. Nutzenmaximierung durch wissenschaftliche Naturbeherrschung schien ihm ein eindeutiges Ziel und wichtiger als der unbedingte Respekt vor den Wesen, um deren Nutzen allein es gehen kann. Dem Anwalt der Krone waren peinliches Verhör, Folter und Rechtsbeugung im Dienste des entstehenden Absolutismus ebenso legitim wie die Reduktion des Umgangs mit der Natur auf das peinliche Verhör. (2) Die Frage, wozu etwas gut sein muß, um gut zu sein, ist nicht nützlich. Aber wie wollen wir wissen, was nützlich ist, wenn wir diese Frage unbeantwortet lassen?

Daß etwas geschieht, weil es zu etwas gut ist, das ist offensichtlich dann der Fall, wenn wir selbst etwas aus diesem Grunde tun. Es ist die heute noch herrschende Ansicht, es sei nur dann der Fall. Die teleologische Betrachtung anderer Prozesse als menschlicher Handlungen sei aus naturwissenschaftlichen, logischen und sprachanalytischen Gründen unzulässig, weil prinzipiell teleologische in nicht-teleologische Theorien, teleologische in nicht-teleologische Sprechweisen überführbar seien. Dieser Ansicht soll im folgenden widersprochen werden. Schon prima facie kommen dem, der die einschlägige Literatur liest, Zweifel. Der Zweifel richtet sich erstens auf die niemals diskutierte Beweislastverteilung. Gesetzt den Fall, es sei wahr, daß teleologische Rede sich prinzipiell in nicht-teleologische übersetzen ließe, so würde auch das Umgekehrte gelten. Es gibt jedoch ein stillschweigendes Einverständnis, daß die eine Sprache vor der anderen den Vorrang habe und daß nicht etwa die nicht-teleologische, sondern die teleologische Sprache im Falle ihrer Übersetzbarkeit eliminiert werden oder doch auf den Status einer uneigentlichen Rede herabgesetzt werden müsse. Dabei wird unterstellt, daß der »Teleologe« etwas Sonderbares und Unwahrscheinliches behauptet, wenn er von einer prinzipiellen Ähnlichkeit menschlicher Handlungen mit anderen Arten des Geschehens ausgeht. Wo für diese Ähnlichkeit der Beweis nicht erbracht werden könne, müsse vielmehr die Unähnlichkeit als das »Normale« für bewiesen gelten. Wenn wir bedenken, daß Aristoteles den Anaxagoras als ersten »Nüchternen unter irre Redenden« bezeichnete, weil er gegenüber den ionischen Naturphilosophen finale Deutungen in die Natur eingeführt habe, dann hatte er offenbar einen anderen Begriff von Normalität und von dem, was im Zweifelsfalle der Begründung bedürftig sei und was nicht. Ohne über das »Interesse der Vernunft bei diesem ihrem Widerstreite« (Kant) zu sprechen, d. h. hinter diese Paradigmendifferenz zu schauen, ist das Teleologieproblem gar nicht entscheidbar. Es sei denn, es ist durch eine definitorische Immunisierungsstrategie im vorhinein entschieden. Daß dies häufig geschieht, ist der zweite Prima-facie-Grund dafür, an der angeblich definitiven Erledigung des Teleologieproblems zu zweifeln. Daß Zwecke »gesetzt« werden, daß solche Setzung nur durch einen bewußten Willen geschehen kann, daß als solcher zwecksetzender Wille nur der menschliche Wille in Frage komme, all das wird in der Regel erst einmal als selbstverständlich vorausgesetzt, um dann in umständlichen Verfahren zu zeigen, daß so verstandene Zwecke in der außermenschlichen Natur nicht »vorkommen«. (3) Eine andere Immunisierungsstrategie besteht darin, daß man einen Begriff von Erklärung einführt - z. B. das sogenannte Hempel-Oppenheim-Schema -, der auf eine deterministische Abhängigkeit bestimmter Ereignisse von Antecedensbedingungen abhebt. Natürlich folgt daraus, daß der Begriff einer »teleologischen Erklärung« aus empirischen und logischen Gründen zu verwerfen ist. (4) Aber was ist mit einer so trivialen Einsicht gewonnen?

Aufgabe der Philosophie ist nach einem Worte Hegels »Erkenntnis dessen, was in Wahrheit ist«. Im Unterschied zu Disziplinen, die mit spezielleren Interessen der Wirklichkeit sich nähern, kann Philosophie nicht das Raster von Nominaldefinitionen an die Wirklichkeit herantragen. Sie würde dabei zwar bestimmte Antworten auf bestimmte Fragen erhalten, aber sie wüßte nicht, ob sie die richtigen Fragen gestellt hat. Was sind richtige Fragen? Was sind richtige Fragen, wenn wir Menschen »kennenlernen« wollen? Wir können viele Aspekte an sie herantragen, Aspekte der Haar- und der Hautfarbe, der Tierkreiszeichen oder des Intelligenzquotienten. Wir können ihre Handlungsweisen statistisch untersuchen, wir können einen Selbstmordversuch in Relation setzen zu statistischen Selbstmordraten in bestimmten Jahreszeiten - sie sind bekanntlich im Sommer höher als im Winter - oder zu dem Land, in dem der Mensch lebt.

»Was in Wahrheit ist«, erfahren wir freilich nur, wenn wir mit dem Menschen selbst sprechen. Was er selbst denkt, meint, fühlt und will, erfahren wir nur, wenn wir, ehe wir über ihn sprechen, mit ihm gesprochen haben. Mit ihm sprechen heißt nicht nur: ihn Fragen beantworten lassen, die wir ihm stellen. Das kann genügen, wo uns ein spezifisches Erkenntnisinteresse leitet, wo wir z. B. die Eignung als Filialleiter oder Pilot testen wollen. Wo es uns darum geht, ihn »als ihn selbst kennenzulernen«, müssen wir unsere Interviewbogen zur Seite tun und uns in Umgang und Gespräch einlassen, in welchem nicht wir allein mehr »Herr des Verfahrens« sind.

Gibt es ein analoges »Kennenlernen der Natur«? Wir können, so scheint es, nicht mit der Natur reden, sondern nur über sie. Und wenn wir schon die Analogie des Sprechens verwenden wollen, so scheint doch eher Kant mit dem Bild des Richters recht zu haben, der die Zeugen im Zeugenstand verhört, oder Goethe, der sagt, daß wir die Natur auf die Folter spannen, um Aussagen zu erpressen, ungeachtet dessen, daß die so Erpreßte vielleicht von sich aus ganz anderes im Sinne hat. (5)

Genau dies ist das Problem der Teleologie. Die These, die am Vorabend der neuzeitlichen Wissenschaft steht, besagt, daß solches Reden in bezug auf die Natur nutzlos, empirisch unausweisbar und sinnlos ist. (6) Diese These beendete die fast zwei Jahrtausende währende Vorherrschaft der aristotelischen Ansicht, daß wir die Natur nur erkennen können, wenn wir sie aus sich selbst heraus zu verstehen versuchen. Warum kommt es zu dieser Wende?

Die Philosophie als das Bemühen, die Wirklichkeit zur Sprache zu bringen, muß zunächst an solche Fragen ohne nominal-definitorische Vorentscheidungen herantreten.

Anmerkungen

1) F. Bacon: De dignitate et augmentis scientiarum 111,5; in: The Works of Lord Bacon, Bd. II (London 1841, S. 340): nam causarum finalium inquisitio sterilis est, et, tanquam virgo Deo consecrata, nihil parit.

2) Vgl. Kuno Fischer: Francis Bacon und seine Schule (Heidelberg 1904, S. 70 ff.).

3) E. G. W. Stegmüller: »Da von Zwecken nur gesprochen werden kann, wenn ein ›zwecksetzender Wille‹ vorliegt ...« (1969, S. 585).

4) Wer teleologische Erklärungen in der Natur für angemessen erachtet, nimmt an, »daß das Naturgeschehen durch Geister und Dämonen gelenkt wird«, so W. Stegmüller (1961, S. 29). Das Phänomen wird aus Realisationsbedingungen erklärt, »die durch Betätigung von hellseherischen Fähigkeiten erschlossen werden müßten« (S. 25).

5) I. Kant: Vorrede KrV (B XIII; Ak. - A. III, 10); J. W. v. Goethe: »Die Phänomene müssen ein für allemal aus der düstern empirisch-mechanisch-dogmatischen Marterkammer vor die Jury des gemeinen Menschenverstandes gebracht werden« (Sophien-Ausgabe II, 11 S. 147, Weimar 1893).

6) Zumindest hatte Bacon nur die Nutzlosigkeit betont; heute erklärt Lagerspetz dagegen ausdrücklich jede teleologische Auffassung in der theoretischen Biologie als hinderlich und falsch (K. Lagerspetz, 1959).

[...]
»In der Neuzeit wurde die Vormachtstellung der Teleologie, die sie seit Aristoteles inne hatte, gebrochen. Lediglich als brauchbares Als-ob-Prinzip wurde sie am Tisch der naturwissenschaftlichen Erklärungsmodelle toleriert und dabei immer argwöhnisch beäugt. ... Spaemann, einer der wichtigsten philosophischen Emeriti unserer Tage, engagiert in vielen Debatten, konservativ und kirchnah, verteidigt die Teleologie angriffslustig gegen ihre Zersetzer.«
Oliver Müller, Berliner Zeitung, 9.1.2006
Klett-Cotta
1. Aufl. 2005, 308 Seiten, Breitklappenbroschur
ISBN: 978-3-608-94121-0
autor_portrait
Marijan Murat

Robert Spaemann

Robert Spaemann, geboren am 5. Mai 1927 in Berlin, studierte Philosophie, Romanistik und Theologie in Münster, München und Fribourg, promovierte 1952...

Reinhard Löw

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