Das Risiko der Verbundenheit - Intersubjektivitätstheorie in der Praxis

Buchdeckel „978-3-608-89006-8
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Das Gelingen einer Therapie beruht auf der Entwicklung von Patient und Therapeut

Das Buch entfaltet zwei miteinander zusammenhängende Themen: das Risiko, das die Verbundenheit für den Patienten und für den Therapeuten bedeutet, und die Anwendung der Intersubjektivitätstheorie.

Eine der wichtigsten Weiterentwicklungen innerhalb der Psychoanalyse der letzten 15 Jahre ist die von Stolorow, Atwood und Orange formulierte »Intersubjektivitätstheorie«. Sie versteht - im Gegensatz zu Freud - Therapie als Prozeß der gemeinsamen Konstruktion von Patient und Therapeut. Der Therapeut ist nicht neutrale Instanz, der die Selbsteinsicht des Klienten voranbringt, ohne im eigenen Erleben betroffen zu sein. Das Gelingen der Therapie beruht darauf, daß sich beide weiterentwickeln - wenn auch nicht unbedingt auf derselben strukturellen Ebene.

Dieses, auch theoretisch recht anspruchsvolle Konzept hat der Autor für die praktische Arbeit des Psychotherapeuten »übersetzt« und ausformuliert. Anhand von acht psychoanalytischen Grundbegriffen
- Empathie
- Abwehr
- Spaltung
- Das Unbewußte
- Trauma
- Der Mythos der isolierten Psyche
- Übertragung / Gegenübertragung
- Affekte
beschreibt er anschaulich und konkretisiert an zahlreichen Fallgeschichten, wie Intersubjektivitätstheorie praktiziert wird und welche Fallstricke dabei zu umgehen sind.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
1. Kapitel: Psychoanalytische Mythen
Einleitung
Der Mythos des isolierten Geistes
Der Mythos der Neutralität
Der Mythos der Neutralität als Abstinenz
Der Mythos der Neutralität als Objektivität
Der Mythos der Neutralität und die wechselseitige Regulierung
Der Mythos der suggestionsfreien Deutung
Der Mythos der unkontaminierten Übertragung
Der Mythos der Objektivität
2. Kapitel: Introspektiv-empathische Untersuchung: eine intersubjektive Alternative zur Neutralität
Einleitung
Kohuts Kritik des impliziten Wertsystems der Psychoanalyse
Persönliche Bedeutungen versus objektive »Wahrheit«
Klinische Vignetten
Analytische »Wahrheit«: Eine emergente Eigenschaft des Dialogs
Probleme der Introspektion
Die Klinische Wirkung der introspektiv-empathischen Haltung
Missverständnisse über die Empathie
Der Umgang mit Geschenken und Fragen
Ein weiteres klinisches Beispiel
Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Selbstpsychologie und Intersubjektivitätstheorie
Vergleich des Empathiekonzepts und der introspektivempathischen Untersuchung
Perspektivischer Realismus und das Risiko der Verbundenheit
Die irreführende Dichotomie von Innen und Außen
Empathie versus Authentizität?
Was ist eine empathische Intervention?
3. Kapitel: Affekte: der Paradigmenwechsel in der Psychoanalyse
Wer, um alles in der Welt, ist schuld daran, dass ich mir diesen Beruf ausgesucht habe?
Freuds Affekttheorie: psychologische Entdeckungen und metapsychologische Museen
Der Traditionalismus als Hindernis von Erneuerungen
Anmerkungen zum historischen Hintergrund des Traditionalismus
Affekte: Energieumwandlung versus Informationsverarbeitung
Klinische Vignette: Affekte und das Risiko der Verbundenheit
Die Unvermeidbarkeit des Risikos der Verbundenheit
Gefühle der Unverbundenheit im Dienst der Integritätserhaltung
Bedeutung und Handhabung der Wechselwirkung im therapeutischen Prozess
Klinisches Beispiel der Wechselwirkung in einer sexualisierten Übertragung
Das Gefühl der Dinge: Die Vielschichtigkeit des Gefühlslebens
Emotionales Gedächtnis
Klinisches Beispiel des emotionalen Gedächtnisses
Das emotionale Gedächtnis und Deutungen in der intersubjektiven Matrix
Emotionale Verfügbarkeit
Klinisches Beispiel der emotionalen Verfügbarkeit
Hindernisse und Einschränkungen der emotionalen Verfügbarkeit
Die Rolle der Affektivität in der Organisation des Selbsterlebens
Klinisches Beispiel der affektiven Responsivität
Die Selbstobjekt-Funktion der affektdifferenzierenden
Abstimmung: Abgrenzung und Selbstdefinition
Klinisches Beispiel der Affektdifferenzierung
Die Synthese widersprüchlicher Affekte und das integrierte Selbstgefühl
Affekttoleranz und der Gebrauch der Gefühle als Signale
Klinisches Beispiel der Entsomatisierung und Artikulation von Affekten
4. Kapitel: Trauma
Einleitung: Der dünne Vorhang
Die »Normalen« und die »Traumatisierten«
Klinisches Beispiel
Trauma: Unerträgliche Affekte
Trauma und der Umgang mit reaktivem Schmerz
Trauma zerstört die Zeit
Entwicklungstraumata
Klinisches Beispiel
Die Rolle der Zeugenschaft des Anderen
5. Kapitel: Übertragung
Einleitung
Klinisches Beispiel
Übertragung als Regression
Übertragung als Verschiebung
Ängste des Therapeuten
Übertragung als Projektion
Übertragung als Verzerrung
Die Deutung der »leading edge« der Übertragung
»Auf«spielen statt »Aus«agieren [acting up statt acting out]
Diskussion des Fallmaterials von Frau B.
Übertragung und Gegenübertragung: das intersubjektive Feld
Danksagung
Literatur

Leseprobe

Vorwort
Robert D. Stolorow
Besser als jedes andere mir bekannte Buch über die therapeutische Praxis illustriert Chris Jaenickes Werk »Das Risiko der Verbundenheit«, wie ein Analytiker das, was ihm die eigene psychoanalytische Theorie vorgibt, praktiziert. Jaenickes psychoanalytische Theorie ist die intersubjektive Systemtheorie, das heißt ein Bezugsrahmen, der die tiefe emotionale Verbundenheit, die sich im therapeutischen Prozess zwischen zwei Menschen entwickelt, und die durch sie ermöglichten Einsichten ins Zentrum der analytischen Untersuchung des Feldes rückt, das durch die interagierenden emotionalen Welten beider Beteiligter gebildet wird. In dieser theoretischen Perspektive konstituieren Verstehen und emotionales Engagement ein unauflösliches kontextuelles Ganzes. Zu praktizieren, was die Theorie vorgibt, setzt deshalb voraus, dass beide Beteiligte das »Risiko der Verbundenheit« eingehen. Dies ist der rote Faden, der sich durch alle Kapitel von Jaenickes Buch zieht.
Scharfsinnig deckt Jaenicke die Mythen auf, mit denen Analytiker ihr Ausweichen vor der Gefahr eines tiefen emotionalen Engagements in der Vergangenheit gerechtfertigt haben. Da wären zum Beispiel der Mythos von dem neutralen und objektiven Analytiker und der damit direkt zusammenhängende Mythos der unkontaminierten Übertragung. Solche Mythen, allesamt Varianten jener Doktrin vom isolierten menschlichen Geist, die die Psychoanalyse von Descartes übernommen hat, können den Analytiker vor dem Gewahrsein seiner eigenen tiefen Beteiligung an jedem Aspekt des therapeutischen Prozesses schützen. Demgegenüber empfiehlt Jaenicke die empathisch-introspektive Erforschung des gesamten intersubjektiven Systems, die er mit ausführlichem Fallmaterial illustriert.
Jaenicke zeigt, dass es das eigentliche Ziel einer intersubjektiven, kontextualistischen Perspektive in der Psychoanalyse ist, den Affekt, das heißt das subjektive emotionale Erleben, in den Mittelpunkt der psychoanalytischen Theorie und Praxis zu stellen. Weil das emotionale Erleben des Menschen von Geburt an in intersubjektive Kontexte eingebettet ist, kontextualisiert die Betonung des motivationalen Primats der Affekte ausnahmslos sämtliche Aspekte der psychoanalytischen Theorie und Praxis. Jaenickes klinische Beispiele demonstrieren, dass die Kontextualität emotionaler Erfahrung nirgendwo deutlicher zutage tritt als im psychischen Trauma, das als überwältigender, unerträglicher Affekt erlebt wird.
Jaenicke stellt überzeugend dar, dass die Annahme einer intersubjektiven Perspektive auch das Verständnis der Übertragung, des mutmaßlichen Dreh- und Angelpunkts der psychoanalytischen Methode, radikal verändert. Unter intersubjektivem Blickwinkel wird die Übertragung als ein Erleben verstanden, das durch die psychische Welt des Patienten und durch Aktivitäten des Analytikers, die wiederum Manifestationen seiner eigenen psychischen Welt sind, ko-determiniert ist. Indem sich Patient und Analytiker emotional aufeinander einlassen, konstituieren sie gemeinsam ein dynamisches psychisches Feld. Die genaue Beobachtung, das Verstehen und die deutende Abklärung der Schicksale dieses intersubjektiven Systems bilden, wie der Autor zeigt, die eigentliche Essenz der psychoanalytischen Arbeit. Jaenickes Buch wird dem Kliniker, der vor den mit solcher Arbeit zwangsläufi g einhergehenden Risiken der emotionalen Verbundenheit nicht zurückschreckt, sondern sich der Herausforderung stellt, eine große Hilfe sein.
Santa Monica, April 2006
1. Kapitel
Psychoanalytische Mythen
»Übertragung und Gegenübertragung bilden zusammen ein intersubjektives System der wechselseitigen Beeinflussung.
Neutrale Analytiker, reine Deutungen, unkontaminierte Übertragungen - keine dieser mythischen Wesenheiten hat innerhalb eines solchen Systems Bestand«
Orange, Atwood, Stolorow
»Der analysierbare Patient ist der Patient, bei dem sich der Analytiker die Illusion der Neutralität bewahren kann.« Merton Gill
Einleitung
Vor 25 Jahren habe ich meinem Lehranalytiker einen Vorschlag gemacht: Ich bat ihn, unseren therapeutischen Prozess als Kartenspiel zu betrachten, genauer, als »52 card pick-up«. Bei diesem Spiel werden sämtliche Karten in die Luft geworfen und dann eingesammelt und so, wie sie kommen, ausgespielt. Mein Lehranalytiker war konsterniert und antwortete lediglich, dass ihm eine solche Vorstellung unmöglich sei. Hinter meinem Vorschlag steckte, wie ich mich erinnere, der Wunsch, ihm auf eine neue und für uns beide unvorhersehbare Weise zu begegnen. Ich fühlte mich getrieben von einer tiefen Sehnsucht, aus meinem Gefängnis der inneren Isolation auszubrechen, und einem diffusen Wunsch nach einer emotionalen Verfügbarkeit meines Analytikers, die ich bislang nicht kennen gelernt hatte. Seine Ablehnung veranlasste mich zu umso nachdrücklicheren Anstrengungen, Kontakt zu ihm zu finden und von ihm auf eine Weise gesehen zu werden, die existenziell wichtig für mich war. Meine gesamte Analyse schien auf eine einzige Frage hinauszulaufen: Mit dem Gefühl, gerade von einer Klippe gesprungen zu sein, fragte ich ihn, ob er die gleichen Gefühle für mich empfinde wie ich für ihn. Seine orakelhaft-analytische Antwort lautete, dass mir die Antwort bereits bekannt sei. Ich gab mich damit nicht zufrieden, sondern ging noch einen Schritt weiter und fragte ihn ganz direkt, ob er mich liebe. Ich habe seine Antwort nicht mehr in Erinnerung - »ja« lautete sie jedenfalls nicht. Gleichwohl ließ er mich spüren, dass ihn die Frage an sich berührt hatte. Es war, als öffnete er ein Fenster zu seinem eigenen Innern. Was ich erblickte, war etwas Rohes und Authentisches, eine Mischung aus Verletzbarkeit, Hilflosigkeit, Unbehagen und Irritation, weil ich ihm so zugesetzt hatte. Mir genügte dies. Eine Kluft zwischen meinem inneren Selbsterleben und ihm hatte sich geschlossen.
Dieses Buch ist zwei zentralen Themen gewidmet: Dem Risiko, das die Verbundenheit für den Patienten und für den Therapeuten bedeutet, und der klinischen Anwendung der intersubjektiven Systemtheorie. Ich hoffe, zeigen zu können, dass beide Themen miteinander zusammenhängen. Merton Gill (1983) schrieb, dass »der analysierbare Patient ein Patient [sei], bei dem der Analytiker sich die Illusion der Neutralität bewahren« könne (S. 213). In einem »Jenseits der Technik« überschriebenen Kapitel zitieren Orange, Atwood und Stolorow ([1997] 2001) Ferenczi als einen wichtigen Vorläufer ihrer Intersubjektivitätstheorie, weil er »anerkannte, dass die Psychoanalyse eine intime menschliche Pra xis konstituiert« (S. 48). Allgemein formuliert, besagt die These der Intersubjektivitätstheorie, dass »die Psychoanalyse Phänomene zu erhellen versucht, die in einem spezifischen psychologischen Feld auftauchen, das durch die Überschneidung von zwei Subjektivitäten konstituiert wird - der des Patienten und der des Analytikers. In dieser Konzeptualisierung wird die Psychoanalyse nicht als Wissenschaft vom Intrapsychischen verstanden, die sich auf Ereignisse konzentriert, die mutmaßlich innerhalb eines isolierten psychisches Apparates stattfinden [...] Vielmehr wird Psychoanalyse hier als Wissenschaft vom Intersubjektiven verstanden, die sich auf das Zusammenspiel zwischen den unterschiedlich organisierten subjektiven Welten des Beobachters und des Beobachteten konzentriert [...] Die Psychoanalyse ist insofern einzigartig unter den Wissenschaften, als der Beobachter gleichzeitig auch der Beobachtete ist« (Atwood und Stolorow, 1983, S. 41 f.).
Wenn der Beobachter gleichzeitig der Beobachtete ist, fällt der »Cordon sanitaire« (Brandchaft, 1993) um den Therapeuten herum weg. Das Risiko, das die Verbundenheit für den Therapeuten mit sich bringt, erhöht sich dadurch gewaltig, denn seine neue Position macht ihn wesentlich verwundbarer. Therapeuten waren den stürmischen Gefühlen ihrer Patienten zu allen Zeiten ausgesetzt. Wenn man aber Pathologie nicht länger allein im Patienten lokalisiert, sondern dessen Affektzustände als untrennbaren Teil des psychoanalytischen Feldes betrachtet, das untersucht wird - eines Feldes, das nicht nur durch die Reaktionen des Therapeuten und ihre Auswirkungen auf den Patienten, sondern durch die gesamte Persönlichkeit des Analytikers mitbestimmt wird -, dann beginnen wir zu verstehen, welche Risiken die Verbundenheit für beide Beteiligte mit sich bringt und weshalb das Bedürfnis auftauchen kann, defensiv zu reagieren: Der Patient wehrt die Verbindung ab, indem er im Therapeuten den distanzierten Professionellen sieht, und dieser wiederum distanziert sich, indem er den Patienten als pathologisch betrachtet.
Ich habe die klinische Vignette aus meiner Lehranalyse nicht geschildert, um Einblick in meine eigene Psyche zu geben (auch wenn sie zweifellos entsprechende Rückschlüsse zulässt), sondern vielmehr, um drei Hauptthesen dieses Buches zu exemplifizieren. Die erste lautet, dass sich das Risiko der Verbundenheit unter einem intersubjektiven Blickwinkel als inhärenter und notwendiger Bestandteil der therapeutischen Behandlung erweist, weil die wechselseitige Regulierung aus intersubjektivistischer Sicht ein Sine qua non des therapeutischen Prozesses bildet. Die zweite These besagt, dass die Wahl der psychoanalytischen oder therapeutischen Schule, der sich ein Kliniker zugehörig fühlt, aufs engste mit seiner Subjektivität zusammenhängt, so wie alle Theorien in der Subjektivität des Theoretikers gründen (Atwood und Stolorow, 1979). Und drittens ist es in der Behandlung nicht nur unmöglich, der eigenen Subjektivität zu entkommen; sie stellt vielmehr die Grundlage unserer Arbeit dar.
[...]
»Es gibt dicke Wälzer über die Psychoanalyse, die handeln von vorne bis hinten nur vom Patienten. Nicht in einem Satz erwähnt der Psychoanalytiker an spannenden Stellen, wie es ihm dabei ging und worauf der Patient möglicherweise reagiert hat. Anders ist bei Büchern über die Intersubjektive Psychoanalyse. Chris Jaenickes Buch liest sich wie ein Fluss. Anhand vieler Beispiele zeigt er, wie das Zusammenspiel von Therapeut und Patient funktioniert. ... Ein lesenswertes Buch für alle, die sich für die Intersubjektive Psychoanalyse interessieren.«
Dunja Voos, Medizin im Text, 25.2.2015

»Chris Jaenicke hat sein Buch über die intersubjektive Systemtheorie in der psychoanalytischen Praxis und das Risiko der Verbundenheit in seiner Muttersprache, auf englisch, geschrieben, und Elisabeth Vorspohl hat es für die deutsche Originalausgabe übersetzt. Indem Das Risiko der Verbundenheit zuerst ins Deutschland erscheint, wo Jaenicke seit zwanzig Jahren zu Hause ist, illustriert es das hermeneutische und intersubjektive Prinzip der Unausweichlichkeit der eigenen realen Situation — eine Unvermeidlichkeit, die es zu begrüßen und anzunehmen gilt. Chris Jaenicke ist aber auch in New York zu Hause gewesen, und dort habe ich 1983 oder 1984 zum erstenmal einen Vortrag von ihm gehört, in dem er über "Kohut’s Concept of Cure" sprach. Ich hielt diesen Beitrag für außerordentlich hilfreich, so dass ich mich in den folgenden Jahren immer wieder fragte, wohin sein Verfasser wohl entschwunden sein mochte. 1996 fanden wir über bestimmte Themen meiner eigenen Arbeit zusammen und nahmen eine Korrespondenz zwischen Berlin und New York auf. So begann eine Freundschaft, die das Risiko der Verbundenheit trefflich illustriert. Wir sehen uns alle drei oder vier Jahre und fühlen einander bei diesen Begegnungen so tief verbunden, dass uns beiden etwas fehlt, wenn die räumliche Distanz zwischen Berlin und New York wieder hergestellt ist.
Dem aufmerksamen Leser wird bereits klar geworden sein, dass ich weder zu diesem Buch noch zu seinem Autor genügend Abstand habe, um objektiv urteilen zu können — sofern dies überhaupt möglich ist. Das Risiko der Verbundenheit und folglich auch dieser Rezensionsessay haben eher den Charakter eines fortlaufenden Gesprächs, an dem auch meine Kollegen Robert Stolorow und George Atwood teil haben, denn Jaenicke hat unsere Arbeiten benutzerfreundlich und erfahrungsnah dargestellt und diese Beschreibung zugleich mit einer Infragestellung herkömmlicher psychoanalytischer Behandlungskonzepte verbunden. Mich erinnert sein Vorgehen an die berühmten Worte von Jürgen Habermas, der über Hans-Georg Gadamer meinte, dass dieser die Heideggersche Provinz urbanisiert habe. In ähnlicher Weise holt Jaenicke die intersubjektive Systemtheorie von den Höhen abstrakter Allgemeingültigkeit herunter, um sie auf die gelebte Erfahrung unserer psychoanalytischen Praxis anzuwenden und zu zeigen, dass sie uns in der täglichen Arbeit Mut macht, die emotionalen Risiken unseres Berufs einzugehen:
"Ich denke, man muss sein Herz öffnen, um fühlen zu können, doch wenn man diesen Mut aufbringt, läuft man Gefahr, emotional vernichtet zu werden. Das menschliche Dilemma: verschließe dein Herz, und du bist sicher — aber tot; öffne es, und du bekommst die Chance, dich lebendig zu fühlen — und tiefen Schmerz zu erleiden. Das ist der Grund, weshalb da, wo Liebe ist, ein Verlust nie fern ist." (Persönliche Mitteilung)
Dies ist eine neue und unprätentiöse Stimme, die mit klaren, deutlichen Worten zu uns spricht und fast ohne psychoanalytischen Jargon auskommt. Wahrscheinlich kann nur derjenige eine solche Stimme hören und von ihr profitieren, der es gelernt hat, in seinem privaten Leben und im Beruf vor der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit des Leidens, das jede wirklich wichtige menschliche Beziehung in sich birgt, nicht davonzulaufen. Jaenickes persönlicher Ton zeugt jedenfalls von dem Mut des Autors, sich vor den Gefahren nicht zu verstecken, denen wir auf der analytischen Reise begegnen — dem Erleben unserer Verwundbarkeiten, unserer Scham, ja auch Erfahrungen wie Fragmentierung und Selbstverlust, die wir manchmal als Psychose bezeichnen.
Im Anschluss an die Darstellung seines Verständnis der intersubjektiven Systemtheorie und seiner eigenen Arbeit mit diesem Ansatz kehrt Jaenicke im zweiten Kapitel zurück zu Heinz Kohut und dessen Schriften, die seine erste psychoanalytische Inspirationsquelle waren. Er verfolgt die Ursprünge und die Entwicklung von Kohuts Sichtweise des empathischen Verstehens und seiner zentralen Bedeutung im psychoanalytischen Prozess und erklärt einleuchtend und überzeugend, weshalb es ein Missverständnis ist, Empathie mit Sanftheit und Freundlichkeit gleichzusetzen. Sodann arbeitet er Kohuts Ansatz in das intersubjektive System ein, wo Empathie den Weg zu einem wechselseitigen Verstehen bahnt. Sobald der Versuch zu verstehen zu einer genuin relationalen Suche nach Bedeutung wird, setzen sich beide Beteiligte Gefahren aus. Zu ihnen zählt das Risiko, erkannt zu werden, sich unsicher zu sein, endlich, verwundbar und fehlbar zu sein. Damit verbunden sind vor allem die Möglichkeit einer Retraumatisierung und die Wahrscheinlichkeit des Verlusts. Beide Partner können einander verletzen und/oder schaden, sie können einander Schmerz zufügen, psychotisches Erleben und sogar Suizidalität im Anderen auslösen. Das Missverstehen kann eskalieren und in eine Sackgasse einmünden. Da wir nicht von Anfang an wissen können, ob unser "mögliches Verstehen" (Gadamer) den Patienten mit einschließt, setzen wir womöglich Lebensjahre aufs Spiel — Lebensjahre des Patienten, aber auch unsere eigenen. Gleichwohl weist uns Jaenicke wiederholt darauf hin, dass in dem Bereich, in dem es darum geht, die persönliche Erfahrungswelt des Patienten innerhalb des spezifischen analytischen Systems zu verstehen und zu beschreiben, nur der etwas gewinnen kann, der bereit ist, auch etwas zu wagen.
Trotzdem ist der psychoanalytische Weg nicht gänzlich ungesichert. Selbstachtung und Respekt vor dem Anderen, die Berufsethik und Verantwortung des Analytikers für seine Patienten — all dies sorgt für Grenzen und Abgrenzungen, innerhalb deren wir spielen, träumen, miteinander sprechen und uns auf Risiken einlassen können. Eines aber steht fest, nämlich dass eine Rückkehr in die Zeiten ausgeschlossen ist, in denen der Psychoanalytiker der "Besserwisser" war, der durchschaute, was sich im Unbewussten des Patienten wirklich abspielte, und seine Aufgabe darin sah, diese "Einsichten" auch dem Patienten zu vermitteln. Diese Art Schutz vor emotionalem Leiden ist für uns nicht mehr akzeptabel.
Jaenickes drittes Kapitel, "Affekte: der Paradigmenwechsel in der Psychoanalyse", bildet sozusagen das Kernstück dieses Buch. "Ich schließe mich der regelmäßig wiederkehrenden Kunde vom Tod der Psychoanalyse nicht an. Der einzige Grund zur Besorgnis ist eine Unterschätzung der wichtigen Bedeutung, die den Emotionen und der Verbundenheit zukommt" (persönliche Mitteilung). Die Verschiebung der Aufmerksamkeit von Kognition und Einsicht auf die Emotionalität der wechselseitigen Beziehung bedeutet, dass sich beide Partner einem Risiko aussetzen. Mut und pragmatische Umsicht werden zu zentralen analytischen Tugenden, die an die Stelle von Anonymität und Neutralität treten.
Anhand ausführlicher klinischer Beispiele illustriert Jaenicke die Risiken und Gefahren, die mit emotionaler Verfügbarkeit und Verwundbarkeit einhergehen. Diese Beispiele bestätigen seine Überzeugung, dass emotionaler Schmerz nur dann durch die gemeinsame Suche nach emotionaler Wahrheit in der Psychoanalyse geheilt werden kann, wenn beide Beteiligte bereit sind, sich vorbehaltlos aufeinander einzulassen, das heißt, diese Risiken einzugehen. "Psychoanalyse", so Jaenicke im 3. Kapitel, "ist keine Detektivgeschichte, die man sich ungefährdet von außen ansehen kann, um herauszufinden, wer wem was warum angetan hat. Um einen Patienten verstehen zu können, müssen wir Teil seiner emotionalen Geschichte werden und diese Geschichte zu einem Teil unserer selbst werden lassen." Er meint auch, dass der zähe Traditionalismus der Psychoanalyse, der uns Analytiker veranlasst, an den strengen Regeln festzuhalten, die man uns gelehrt hat, und uns an ihrem Geist zu orientieren, aus dem Bedürfnis resultiert, sich vor diesen Risiken der Verbundenheit zu schützen.
Ich möchte dazu nur sagen, dass zwischen Tradition im umfassenden Sinn — der Tradition als kultureller Heimat — und dem Traditionalismus, der uns zu regelorientiertem, ängstlichem Verhalten veranlasst, ein großer Unterschied besteht. Bedauerlicherweise kann sich der Traditionalismus als eine "Hermeneutik des Misstrauens" äußern, wie Ricœur es formuliert hat. Mit Jaenickes Worten: "Für diese Sichtweise ist der Patient wenn nicht ein Gegner, so doch ein Betrüger, der uns ständige, nie ermüdende Wachsamkeit abverlangt. Neutralität wird dann als kritische, skeptische Haltung missverstanden" (persönliche Mitteilung). Wie Gadamer (1960) aufgezeigt hat, ist andererseits die Tradition selbst die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt in Frage stellen und verstehen können.
Wenn das Affektkapitel das Kernstück bildet, dann ist das Traumakapitel das Herz dieses Buches. Jaenickes Beschreibung einer eigenen schweren Traumatisierung und ihrer kurzfristigen sowie lebenslangen Folgen ermöglicht es uns, seine Entschlossenheit und Fähigkeit, mit dem stummen Leiden und der Entfremdungserfahrung seiner Patienten in Kontakt zu kommen, besser zu verstehen. Für diesen Autor ebenso wie für mich selbst setzt sich die intersubjektive Systemtheorie in die Gewissheit um, dass unser eigenes Leiden — und all das, was wir, indem wir unseren Schmerz überlebten, in und über Beziehungen gelernt haben — einem heilenden, verstehenden Dialog mit unseren Patienten den Weg bahnt. Bernard Brandchaft und Jaenicke lehren uns, dass dieser Weg für beide Partner unweigerlich gefahrvoll ist — eine Gratwanderung zwischen dem Selbstverlust im Dienste der Aufrechterhaltung verzweifelt benötigter Bindungen und reaktiven Formen der Selbstdefinition, die unsere Bindungen zerstören, so dass wir einsam und allein zurückbleiben. Der Analytiker, der den Mut hat, jahrelang intensiv mit einem schwer traumatisierten Patienten zu arbeiten, das Geschehen mit ihm gemeinsam und für ihn zu bezeugen und Hand in Hand mit ihm den Dämonen (den emotionalen Überzeugungen oder Organisationsprinzipien) entgegenzutreten, kann durch diese Zusammenarbeit zwar nicht die Chance auf einen Neubeginn oder auf ein Leben ohne künftige Verletzungen und tödliche Verwundungen eröffnen, aber er kann die Voraussetzung schaffen, eine tief empfundene Akzeptanz zu entwickeln. Eine solche Akzeptanz befreit von der schambesetzten Überzeugung, für die eigenen Verletzungen selbst verantwortlich zu sein, ermöglicht es, die zuvor unannehmbare Geschichte als eigene Geschichte anzuerkennen, und hebt dadurch Dissoziationen auf. Jaenicke selbst sieht diese Aufgabe als konsequenten Versuch, "das zu stärken, was übrig geblieben ist". "Auf der anderen Seite des Verlusts", so erläutert er, "wartet eine tiefe Anerkennung und Wertschätzung der Gabe der Bezogenheit."
Keineswegs überraschend beschließt Jaenicke sein Buch mit Überlegungen zu psychoanalytischen Konzepten der Übertragung, die in der Ausbildung der meisten Analytiker verbindlich waren und den emotionalen Kontakt zu unseren Patienten gewaltig erschwerten. Die Übertragung als Projektion oder Verschiebung anzusehen schützt uns vor dem Gewahrsein unserer eigenen Mitwirkung an der Art und Weise, wie der Patient uns erlebt, und somit vor der Wahrnehmung unserer eigenen Verwundbarkeit. Die Risiken der Verbundenheit zu akzeptieren, ja sogar willkommen zu heißen, bedeutet nicht nur, die Übertragung als eine von Grund auf relationale Erfahrung zu begreifen; vielmehr erhöht eine solche Sichtweise unsere emotionale Verfügbarkeit für den Patienten — wodurch allerdings zugleich die Risiken der psychoanalytischen Reise steigen.
Wie können wir Analytiker überleben, wenn wir Tag für Tag, Jahr um Jahr, mit einem "offenen Selbst" arbeiten? Abgesehen von dem Rat, dass man "ein abwechslungsreiches, anregendes Beziehungs- und kulturelles Leben außerhalb der Arbeit führen" sollte, halte ich den verstehenden Beistand gleichgesinnter Kollegen für entscheidend. Solche Kollegen zu finden aber ist nicht leicht. Wenn wir über diese "Arbeit mit offenem Herzen" berichten, setzen wir uns nicht selten massiver Kritik und Häme aus: der Analytiker, so heißt es, sei masochistisch, weiche der Aggression aus, sei allzu "selbstpsychologisch" und deshalb viel zu freundlich, allzu unbefangen oder gar exhibitionistisch in seinen Selbstenthüllungen — oder schlechterdings unanalytisch (will sagen: nicht genügend distanziert und zurückhaltend). Allzu häufig zieht sich der junge Analytiker dann entweder in eine extrem einsame, aber emotional aufgeschlossene Arbeitsweise zurück, oder er richtet sich in der von ihm erwarteten, distanzierten Position des "Besserwissers" ein. Die Alternative, die uns vorschwebt, hat Chris Jaenicke in seinem couragierten Buch beschrieben — eine Einladung und ein Appell, eine virtuelle Gemeinschaft zu bilden, die die Risiken der Verbundenheit in der Psychoanalyse willkommen heißt. Ich hoffe, dass seine Arbeit mit dem "Risiko der Verbundenheit" anderen Analytikern helfen wird, einander zu finden.«
Donna Orange (Selbstpsychologie, November 2006)
 
Klett-Cotta Leben lernen Leben Lernen 195,
aus dem Amerikanischen von Elisabeth Vorspohl
1. Aufl. 2006, 216 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-89006-8
autor_portrait

Chris Jaenicke

Chris Jaenicke, Dipl. Psych., ist Psychoanalytiker, Lehranalytiker, Supervisor und Dozent in der Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und...

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Veränderung in der Psychoanalyse

Selbstreflexionen des Analytikers in der therapeutischen Beziehung


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