Sehnsucht nach dem Vater

Die Psychodynamik der Vater-Sohn-Beziehung - jetzt billiger statt 29,95 EUR
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Väter und Söhne: eine unmögliche Beziehung?

Wozu brauchen Söhne Väter? Und wie kommt ein Junge damit zurecht, dass er keinen Vater hat? Oder dass er einen hat, der sich nicht für ihn interessiert, von ihm getrennt lebt, ihm unerfüllbare Aufträge mit auf den Lebensweg gibt?

Aus psychoanalytischer Perspektive konzipiert der Autor eine Entwicklungspsychologie der Vater-Sohn- Beziehung. Er schildert die zentralen Entwicklungsstationen der Vater-Sohn-Beziehung von der Geburt bis ins hohe Alter. Dabei stellt er empirische entwicklungspsychologische Befunde zusammen und beleuchtet sie kritisch. Psychoanalytische Interviews mit vaterlosen Söhnen aller Altersstufen veranschaulichen die individuellen Folgen von Vaterlosigkeit auf lebendige Art. Ein Blick auf die »vaterlose Gesellschaft« des 21. Jahrhunderts rundet das Buch ab.

Zielgruppe:
- PsychoanalytikerInnen
- Entwicklungspsychologen
- Betroffene

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 11
Erster Teil: Vater und Sohn - eine Beziehung fürs Leben? 15
1 Sehnsucht nach dem Sohn: Phantasien über den ungeborenen Sprössling 19
Die Umkehrung der Vater-Sohn-Beziehung 20
Die Erweiterung und das Überleben des eigenen Selbst 21
Der Wunsch nach einem Sohn als Ausdruck homosexueller Strebungen 23
Angst vor dem Sohn 24
2 Väter am Wickeltisch: Konkurrenz mit den Müttern oder primäre
Väterlichkeit? 25
Die früheste Vater-Kind-Beziehung 25
Die Bedeutung der frühesten Beziehung zwischen Vater und Sohn 31
Umgang mit dem männlichen Säugling 32
Vorläufer einer männlichen Geschlechtsidentität 33
3 Zweites und drittes Lebensjahr: Befreier oder Störenfried? 36
Der Vater als »Befreier« 40
Der Vater als Störenfried und Rivale 42
Der Vater als »einer, der so ist wie ich« 43
Die Rolle der Mutter für die Beziehung zwischen Vater und Sohn und die drei Dimensionen der Vaterschaft 44
4 Viertes bis sechstes Lebensjahr: Hetero- und Homosexuelles zwischen Vater und Sohn 47
Der gegengeschlechtliche Dreieckskonflikt 47
Der gleichgeschlechtliche Dreieckskonflikt 50
Rivalität und Liebe: Bedeutung des ödipalen Vaters und Ergebnisse des vollständigen Dreieckskonflikts 53
5 Zwischen Schulbeginn und Pubertät: Väterliche Rückendeckung erwünscht! 57
6 Ein Sturm kommt auf: Symbolischer Vatermord in der Adoleszenz 61
Ent-Idealisierung des Vaters: Anfang oder Ende? 62
Überlegungen zum homosexuellen Begehren des Sohnes 64
Der Sohn als ebenbürtiger Rivale 68
7 Väter und erwachsene Söhne 70
Übergang ins junge Erwachsenenalter 70
Übergang zur Vaterschaft 72
Das mittlere Erwachsenenalter 73
Der Tod des Vaters 74
8 Die Bedeutung des Vaters in unterschiedlichen Entwicklungsphasen 76
Zweiter Teil: Sohn ohne Vater - ein Mangel fürs Leben? 77
9 Allein mit der Mutter 82
Familie B. 83
George (4 Jahre): Der kleine Ritter 91
Pierre (3 Jahre): Einer, der Ritter und Piraten versenkt 99
10 Geschlechtsidentität und Entwicklung der Sexualität 107
Peter (49 Jahre): Eine Nische in Neapel 111
11 Aggression und Vaterhunger 135
Familie A 139
Janosch (5 Jahre): Ein Spiel mit dem Feuer 146
David (7 Jahre): Der Rebell im schwarzen T-Shirt 154
12 Vaterlosigkeit als narzisstische Wunde 158
Alexander (41 Jahre): Meinem Vater verzeihe ich alles! 159
13 Entwicklung des Gewissens 179
Werner (56 Jahre): Der Vertriebene 182
14 Das Bild des abwesenden Vaters und die Suche des Sohnes nach dem Vater 206
Sascha (21 Jahre): An den Vater lass' ich keinen 'ran 208
15 Zusammenfassung und allgemeine Trends 230
Dritter Teil: Die Abschaffung der Väter als gesellschaftliches Phänomen 233
16 Die Enttäuschung der Massen am Vaterprinzip im Ersten Weltkrieg 235
17 Die vaterlose Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg 238
18 Bestandsaufnahme der vaterlosen Gesellschaft nach der Jahrtausendwende 241
Literatur 245
Angaben zum Autor 254

Leseprobe

Einleitung
Ein weiteres Buch zum Vaterthema - gibt es davon nicht längst genug? Ist der Markt nicht schon überschwemmt mit Veröffentlichungen, die alle Facetten dieses Themas abhandeln? Die öffentliche Diskussion um die vaterlose Gesellschaft, das in den Medien allgegenwärtige Phänomen der »neuen Väter«, die Krise der klassisch bürgerlichen Familie mit ihren Auswirkungen auf die kindliche Sozialisation und dergleichen mehr sind jedenfalls nicht neu. Was also hat dieses Buch zu bieten, das es nicht schon gäbe?
In meiner langjährigen wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Vaterproblematik habe ich Hunderte von wissenschaftlichen, populärwissenschaftlichen und literarischen Publikationen gesichtet, die sich um Väter drehen. Dabei hat sich etwas vom Phänomen der Vatersehnsucht auf die Literatur suche übertragen: Ich fand nur selten das, was ich suchte, es blieb ein Gefühl des Mangels zurück! Am ehesten noch trafen einige Schriftsteller den Kern des Phänomens, das ich untersuchen wollte. Aus diesem Grund habe ich einige besonders treffende literarische Zitate an geeigneter Stelle in dieses Buch übernommen.
Die akademisch-psychologische Fachliteratur besteht zu einem großen Teil aus entwicklungspsychologischen Studien zu eng umgrenzten Problemen, die mit Vatermangel, Vaterabwesenheit oder völliger Vaterlosigkeit einhergehen: Kognitive Entwicklung, aggressives und delinquentes Verhalten, Geschlechtsrollenentwicklung oder andere »Variablen« werden im Zusammenhang mit der vorgefundenen oder nicht existenten Vaterbeziehung untersucht, und die Ergebnisse werden häufig ohne Berücksichtigung komplexerer Zusammenhänge referiert. Der Familienforscher Wassilios Fthenakis hat die bereits in den 80er Jahren nahezu unüberschaubare Fülle dieser Art von Fachliteratur in zwei großen Vater-Bänden zusammengestellt und diskutiert (Fthenakis 1985 und 1988). In der Vielzahl interessanter Forschungsergebnisse vermisste ich immer wieder ein tiefgreifenderes Verständnis der komplexen emotionalen Zusammenhänge von Vaterbeziehung, Vatermangel oder Vaterlosigkeit. Die detaillierte Beschreibung der Gefühlswelt rund um das Vaterthema findet sich in der Psychoanalyse. In zahllosen Fallgeschichten gehen Psychoanalytikerinnen und -analytiker den Spuren nach, die an- oder abwesende Väter in der Seele ihrer Kinder hinterlassen haben, und die Psychoanalyse bietet auch einige sehr brauchbare Theorien zur Bedeutung des Vaters in Kindheit, Adoleszenz und Erwachsenenalter. In den vergangenen zehn Jahren erschienen zudem einige interessante Monographien und Sammelbände zum Vaterthema aus psychoanalytischer Perspektive (z. B. Grieser 1998, Metzger 2008, Walter 2008) Schließlich gibt es noch die populärwissenschaftliche »Ratgeberliteratur«, in der zuweilen durchaus Brauchbares zu finden ist. Aber eben nur zuweilen; vieles ist allzu vereinfachend beschrieben, pragmatisch auf drängende Alltagsprobleme zugeschnitten, eben Rat gebend, und das manchmal ohne solides theoretisches Fundament.
Mit diesem Buch versuche ich einen »Trilog«, der meines Wissens im Hinblick auf das Vaterthema bisher nur selten unternommen wurde: Ich möchte phänomenologische Beschreibung, wissenschaftliche Theorien und Befunde sowie eigene psychoanalytische Interviews auf eine Weise zusammenstellen, die eine Ahnung von der Komplexität der Vaterproblematik auf gut lesbare und verständliche Weise vermittelt.
Die Sehnsucht nach dem Vater zu erforschen, die mein eigenes Leben in starkem Ausmaß geprägt hat, schien mir besonders vielversprechend bei solchen Menschen, die weitestgehend ohne Vater aufwachsen oder aufgewachsen sind. Dabei erschien es mir keineswegs unbedeutend, aber doch zunächst zweitrangig, auf welchen Umstand diese Tatsache jeweils zurückzuführen war. Natürlich macht es einen Unterschied, ob ein Mensch seinen Vater niemals kennengelernt hat, ob er ihn früh durch Tod verlor oder ob sich der Vater einst von der Mutter trennte und damit gleichzeitig auch eine umfassende Trennung von seinem Kind vollzog. Allen diesen Menschen ist aber eines gemeinsam: Sie hatten (oder haben) zu wenig Vater. Damit erleben sie lediglich in verschärfter Form, was viele Kinder in unserer Gesellschaft erleiden, die zwar mit Vätern aufwachsen, jedoch mit solchen Vätern, die physisch wie psychisch überwiegend abwesende Väter sind. Was mich interessierte, war die jeweils ganz persönliche Art und Weise, diesen Vatermangel zu erleben, damit umzugehen und zurechtzukommen.
Einschränkungsfreudiger war ich, als ich mich dazu entschloss, die Auswirkungen von Vaterlosigkeit nur an einem Geschlecht zu untersuchen, nämlich am männlichen. Die psychoanalytische Entwicklungspsychologie hat differenzierte Befunde und Theorien dafür vorgelegt, dass die Bedeutung des Vaters für das Mädchen zwar in mancher Hinsicht ähnlich, doch in vielen Aspekten grundsätzlich verschieden ist von seiner Bedeutung für den Jungen (vgl. dazu Mertens 1992 und 1994, Seiffge-Krenke 2001, King 2002). Neben ausgesprochen persönlichen Gründen, mich auf die Vater-Sohn-Beziehung zu konzentrieren, erschien mir diese Beschränkung auch fachlich sinnvoll, und ich verweise auf interessante Publikationen zur Bedeutung des Vaters für die Tochter (z. B. Britton 2005, Happel 2003).
Meine fachliche Annäherung an das Vater-Sohn-Thema erfolgte in mehreren Etappen: Zunächst beschäftigte ich mich mit Problemen von Paaren, die im Zusammenhang mit der Geburt ihres ersten Kindes entstehen können (Schon 1992). Damit war ich bei den psychoanalytischen Theorien zur Triangulierung gelandet (Schon 1995). Dabei hat mich die Entwicklung des Beziehungsdreiecks stets im Hinblick auf alle Beteiligten interessiert - also nicht nur bezogen auf das Kind, sondern auch auf Vater und Mutter und ihre Beziehung zueinander. Die Auswirkungen jeweiliger Dreieckserfahrungen betrachte ich also nicht nur im Hinblick auf die kindliche Entwicklung, sondern auch in ihrem Einfluss auf das Leben der Erwachsenen.
In der diesem Buch zugrundeliegenden Untersuchung befasse ich mich mit einem unvollständigen Beziehungsdreieck: dem zwischen Mutter, Sohn und einem (aus welchen Gründen auch immer) abwesenden Vater. Die Auswirkungen einer solchen Dreieckserfahrung können vielfältig sein und variieren sehr stark zwischen den einzelnen Betroffenen. So ist die Zusammenstellung einer Anzahl von Porträts vaterloser Jungen und Männer im zweiten Teil dieses Buchs zwar auch geleitet vom Versuch, Gemeinsames zu entdecken. Doch in erster Linie geht es um individuelle Lebensgeschichten und Entwicklungsverläufe. Aber bevor wir uns dem Schicksal der vaterlosen Söhne zuwenden, möchte ich mich im ersten Teil des Buchs zunächst mit der Bedeutung des anwesenden Vaters für die Entwicklung von Söhnen beschäftigen. Zu diesem Zweck habe ich entwicklungspsychologische und psychoanalytische Theorien und Befunde zur Bedeutung des Vaters zusammengetragen und versucht, einen Entwicklungsüberblick der Vater-Sohn-Beziehung von der vorgeburtlichen Zeit bis ins hohe Erwachsenenalter zu bieten. Im zweiten Teil stelle ich acht vaterlose Jungen und Männer vor. Ihre ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten, denen lediglich die Vaterlosigkeit gemeinsam ist, werden ergänzt um Theorien und Beobachtungen zur Vaterlosigkeit aus Psychologie und Psychoanalyse. Im dritten Teil schließlich geht es um einen sozialpsycho logischen Blick auf das Problem der Vaterlosigkeit. Das Phänomen der »vater losen Gesellschaft«, das schon nach dem Ersten Weltkrieg von Paul Federn beschrieben und Anfang der 60er Jahre von Alexander Mitscherlich gründlich untersucht wurde, soll in seinen unterschiedlichen Facetten noch einmal aus der veränderten sozialen Perspektive zum Anfang des 21. Jahrhunderts betrachtet werden.
Nach diesen einleitenden Bemerkungen möchte ich nun die Bühne freigeben für die beiden Hauptdarsteller dieses Buches: Vater und Sohn.
Erster Teil: Vater und Sohn - eine Beziehung fürs Leben?
Paul pflegte zu sagen »und das ist mein Sohn, Hall«, so als wäre es gar nichts. Aber in den Augen seiner Kumpels konnte ich sehen, dass sie meinten, er dächte keineswegs, das wäre gar nichts. Sie schauten ihn an mit einem Aufblitzen von Liebe und einem bisschen Eifersucht. Dann schauten sie mich an, und in ihren Augen konnte ich sehen, dass mein Vater stolz auf mich war. Ich wusste nicht, warum er stolz auf mich war, ich wusste nicht, was ich getan hatte, ihn stolz zu machen. Aber er war es, ich konnte das sehen in den Augen seiner Freunde, und es erfüllte mich mit einem Glück, das ich bis heute empfinde.
»Sohn. Lass mich Dir eines sagen. Renn nie vor irgendwas davon. Ich schwör Dir, wovor Du auch immer davonläufst, es wird zurückkommen eines Tages, bewaffnet bis an die Zähne, Mann! Es wird zurückkommen, und Du wirst nicht mehr wissen, wie Du davonlaufen sollst. Es wird zurückkommen in einer Form, gegen die Du Dich nicht mehr wehren kannst.«
James Baldwin, »Just Above my Head«
Man kann nur etwas herausfinden darüber, was einem Sohn fehlt, wenn er ohne Vater aufwächst, indem man sich zunächst klarmacht, was die Bedeutung eines anwesenden Vaters ist oder sein kann. Aus diesem Grund stelle ich meiner Untersuchung zur Vaterlosigkeit einen ausführlichen ersten Teil voran, in dem ich Beobachtungen, Theorien und Befunde zu den möglichen Aufgaben und Funktionen des anwesenden Vaters zusammentrage.
Die Beziehung zwischen Vater und Sohn hat zu allen Zeiten die Menschen bewegt, vor allem natürlich die Männer: Als Söhne ihrer Väter und als Väter ihrer Söhne; als junge Schutzbefohlene älterer Männer und als Meister, Leitfiguren oder Vorgesetzte jüngerer Männer. Die tiefe Bindung zwischen dem Vater und seinem leiblichen Sohn, aber auch die Verbundenheit zwischen Vaterfiguren und »Söhnen« im übertragenen Sinn prägen das Leben eines jeden Mannes im Guten wie im Schlechten.
Vor gut hundert Jahren, als Sigmund Freud begann, die Eltern-Kind-Beziehungen im Hinblick auf ihre psychischen Folgen für das Kind zu untersuchen, galten Väter (zumindest in der Theorie) vor allem als strenge, unangenehme Zeitgenossen. In den allerersten Lebensjahren schienen sie unbedeutend für das Kind - diese Zeit gehörte ganz allein der Mutter-Kind-Beziehung. Doch spätestens ab dem dritten oder vierten Lebensjahr des Kindes besannen sie sich auf ihre Erziehungsaufgaben. Besonders für den Sohn wurde es ab diesem Zeitpunkt ungemütlich, wenn der Herr Papa auftauchte: Das harmonische Idyll der Mutter-Sohn-Beziehung wurde gestört; Väter bemühten sich, ihren Söhnen »Zucht und Ordnung« beizubringen und sie auf die Härten des Lebens in der Welt draußen vorzubereiten. Und nicht zuletzt beanspruchten sie die Aufmerksamkeit und Liebe der Frau Mama und machten ihren Sprösslingen auf diese Weise klar, dass sie keineswegs die Nummer Eins im Leben der Mutter zu sein hatten (siehe viertes Kapitel).
In den 50er und 60er Jahren finden sich vereinzelte Beiträge psychoanalytischer Autoren zur Bedeutung des Vaters in den ersten Lebensjahren. Doch erst seit den 70er Jahren kann man von einer kontinuierlichen und allmählich differenzierteren Vater-Forschung sprechen. Natürlich spiegelt das veränderte Forschungsinteresse auch einen ganz realen gesellschaftlichen Wandel. Zu Freuds Zeiten waren die gängigen Vorstellungen darüber, was und wie ein Vater zu sein hatte, anders als heute. Doch wir sollten nicht glauben, vor hundert Jahren seien Väter niemals zärtlich und liebevoll zu ihren Kindern gewesen oder hätten in den ersten Lebensjahren keinerlei Interesse an ihnen gezeigt. Ebenso ist Skepsis angebracht, wenn es darum geht, die vielbeschworene »neue Väterlichkeit« von heute einzuschätzen. Wir müssen wohl ganz genau hinschauen, was und wie viel sich tatsächlich verändert hat an den modernen Vätern und ihrer Beziehung zu den Kindern.
In der Fachliteratur wird zunehmend nicht nur die frühe Bedeutung des Vaters für die gesunde Entwicklung des Kindes untersucht; in der klinischen und entwicklungspsychologischen Forschung finden sich auch immer mehr Hinweise auf die Rolle des »frühen« Vaters im Zusammenhang mit der Entstehung psychischer Störungen. Damit scheint der jahrzehntelang vorherrschende Trend, Mütter für jede Fehlentwicklung verantwortlich zu machen (»mother-blaming«), zumindest in seiner Einseitigkeit überwunden. Dennoch sind wir meines Erachtens von einer befriedigenden Situation in der Vater-Forschung noch weit entfernt. Die besondere Beziehung zwischen Vater und Säugling wird erst allmählich als Untersuchungsgegenstand entdeckt (z. B. Wegeler-Schardt und Köhler-Weisker 2008). Es fehlt eine den Vater konsequent einbeziehende Entwicklungstheorie für die ersten anderthalb Lebensjahre. Ein weiterer Mangel besteht in meinen Augen darin, dass zu wenig untersucht wird, ob der leibliche Vater in den ersten Lebensjahren nur ein ersetzbarer Träger bestimmter Funktionen ist (ersetzbar z. B. durch Stiefvater, Großvater, Onkel usw.) oder was das Spezifische, möglicherweise Unersetzbare an einem anwesenden leiblichen Vater sein könnte. Die Liste der Forschungslücken ließe sich fortsetzen.
Es ist also immer noch ein Mangel an Untersuchungen zur frühen Vaterschaft zu verzeichnen. Ich werde im Folgenden wichtige Beiträge verschiedener Autorinnen und Autoren zu den unterschiedlichen Phasen der VaterSohn-Beziehung zusammenstellen. Der erste Teil des Buchs ist aber aus den genannten Gründen weit davon entfernt, eine umfassende, schlüssige oder gar abgerundete Entwicklungstheorie zur Bedeutung der Vater-Sohn-Beziehung präsentieren zu können. Aus moderner psychoanalytischer Perspektive möchte ich folgende Fragen stellen: Was ist für den Sohn ein hinreichend guter Vater? Wie kann eine erfreuliche, lebensbejahende und entwicklungsfördernde Vater-Sohn-Beziehung aussehen? Wie könnte die Sehnsucht nach dem Vater gestillt werden, an der so viele Männer in unserer Kultur noch im Erwachsenenalter leiden? Ist das überhaupt möglich?
Der amerikanische Psychotherapeut Robert Bly formuliert eine erste Antwort auf diese Frage: »Wenn Vater und Sohn wirklich viele Stunden gemeinsam verbringen, könnte man sagen, dass eine Substanz, die fast wie Nahrung ist, von dem älteren Körper auf den jüngeren übergeht« (Bly 1991, S. 136). Das klingt natürlich allzu esoterisch, und im Folgenden möchte ich etwas präziser beschreiben, welche »Substanz« es denn ist, die vom Vater auf den Sohn übergeht, sofern der Vater anwesend ist und sich mit seinem Sohn auch beschäftigt.
An anderer Stelle (Schon 1995) habe ich die entwicklungspsychologische Tradition der Mutter-Kind-Forschung aus zweierlei Gründen kritisiert: Erstens wegen ihrer Einseitigkeit , der die Annahme zugrunde liegt, die Mutter sei zumindest in den ersten Lebensjahren die ausschließliche, in jedem Fall aber die wichtigste Bezugsperson des Kindes. Zweitens wegen ihrer Betrachtungsweise: Fast immer wurde die Mutter-Kind-Beziehung unter dem Aspekt der Zweisamkeit untersucht, und man vergaß, dass diese Beziehung in der Realität häufig und innerpsychisch immer in ein Beziehungsdreieck eingebunden ist, in dem (auch bei alleinerziehenden Müttern) der Vater und seine Beziehungen zu Frau und Kind(ern) eine wichtige Rolle spielen. »Väter sind immer psychisch anwesend, auch in vaterlosen Kindern«, sagt der amerikanische Psychoanalytiker Michael Diamond (1991, S. 2). Wenn ich mich im Folgenden mit der Vater-Sohn-Beziehung beschäftige, möchte ich nicht wie die Mutter-Kind-Forscher den Fehler begehen, sie als eine isolierte Zweierbeziehung zu betrachten. Auch diese Beziehung ist eingebettet in ein reales und innerpsychisches Beziehungsdreieck, aus dem die Mutter im wahrsten Sinne des Wortes nicht wegzudenken ist. Und so werde ich in diesem Buch - auch wenn es darin um den Vater geht - immer wieder auch nach der Mutter fragen.
Da die Theorien und Forschungsergebnisse zur Bedeutung des Vaters noch viele Lücken aufweisen und teilweise nicht geschlechtsspezifisch differenzieren, findet sich in diesem ersten Teil auch eine Anzahl an Aussagen, die vom Geschlecht des Kindes unabhängig sind. Ich habe mich aber bemüht, für jede Entwicklungsphase auch das Typische und Besondere der Bedeutung des Vaters für den Sohn herauszuarbeiten.
1 Sehnsucht nach dem Sohn: Phantasien über den ungeborenen Sprössling
Neben der Sehnsucht des Sohnes nach dem Vater, die dieses Buch zum Gegenstand hat, gibt es natürlich auch die Sehnsucht des erwachsenen Mannes nach einem Sohn, und beide haben, wie ich meine, viel miteinander zu tun. Aus diesem Grund beginnt die Exkursion durch die verschiedenen Entwicklungsphasen der Vater-Sohn-Beziehung lange vor der Geburt des Sohnes: mit den väterlichen Vorstellungen, Phantasien und Wünschen gegenüber dem künftigen Sprössling.
Der Wunsch nach einem Kind speist sich aus vielen Quellen. So fanden beispielsweise Frick-Bruder und Schütt (1992, S. 227) narzisstische, depressive und kreative Anteile beim Kinderwunsch von Männern und Frauen. Welche Anteile jeweils überwiegen, hängt unter anderem vom eigenen kindlichen Erleben der werdenden Eltern ab. Bei einem Vorherrschen schöpferischer Anteile des Kinderwunsches wird das Kind als eigenständiges drittes Wesen, das aus einer lebendigen Zweierbeziehung hervorgeht, um seiner selbst willen gewünscht. Neben anderen, auch negativen Gefühlen, die ganz natürlich sind, überwiegt bei den Eltern die Freude über diesen »Dritten im Bunde«, und sie sind bestrebt, ihm seine Individuation zu ermöglichen.
Ein zukünftiges Kind um seiner selbst willen zu wünschen, hieße konsequenterweise auch, keine Vorlieben zu hegen gegenüber seinem Geschlecht. Es ist jedoch eine Tatsache, dass ein überwiegender Teil aller Männer (und übrigens auch der Frauen!) sich eher einen Sohn wünscht als eine Tochter. Dies gilt in nahezu allen Kulturen; bei manchen Völkern führte und führt es sogar zur Tötung von erstgeborenen Mädchen. Scheinbar rationale Beweggründe wie die Notwendigkeit eines »Stammhalters« oder der Wunsch eines Bauern oder Handwerkers nach einem kräftigen Sohn, der ihm bei der Arbeit zur Hand geht, können nur eine oberflächliche Erklärung für das Phänomen der männlichen Bevorzugung von Söhnen bieten. Auch feministische Ansätze, die den Erhalt der patriarchalen Vormachtstellung des Mannes und die Sicherung der Unterdrückung des Weiblichen hervorheben, bilden wohl nur einen Teilausschnitt tieferliegender Hintergründe ab. In unserer Gesellschaft, in der die Gleichberechtigung der Frau zumindest vordergründig weit fortgeschritten ist, erfährt die männliche Bevorzugung eines Sohnes eine nicht zu unterschätzende soziale Zensur: Viele Männer würden sie nicht mehr offen äußern, bei anderen ist die tiefe Sehnsucht nach einem Sohn längst der Verdrängung anheimgefallen. Welche unbewussten Gründe kann der starke Wunsch des Mannes nach einem Sohn haben? Michael Diamond (1991) hat einige Aspekte gefunden, von denen ich drei herausgreifen und näher beleuchten möchte.
Die Umkehrung der Vater-Sohn-Beziehung
Sehr bedeutsam scheint die Beziehung eines Mannes zu den fürsorglichen Qualitäten seines eigenen Vaters zu sein. Aus der in der Kindheit überwiegend positiv erlebten Zuwendung des Vaters kann im erwachsenen Mann der Wunsch entstehen, nun selbst väterliche Liebe an einen Sohn weiterzugeben. In diesem guten Fall kann der betreffende Mann sozusagen aus dem Vollen schöpfen. Wie oft ertappt sich ein solcher Vater dabei, dass er dem Sohn auf genau dieselbe Weise etwas erklärt oder beibringt, wie es einst sein Vater mit ihm tat!
In dem Disney-Kinofilm »König der Löwen« rettet Mufasa, der König, seinen Sohn Simba aus einer tödlichen Gefahr, in die dieser aus Leichtsinn und Übermut geraten war. Danach entwickelt sich ein Gespräch zwischen Vater und Sohn über Mut, Angst und Stärke. Mufasa bringt seinem Sohn bei, dass es nicht mutig ist, sich in Gefahr zu begeben, sondern dumm. Und die idealisierte Vorstellung des Sohnes, sein Vater habe niemals Angst, rückt er zurecht mit den Worten: »Doch, auch ich habe Angst. Ich hatte Angst um dich!« Danach erzählt er Simba etwas, das schon sein eigener Vater ihm einst sagte: Er weist auf den Sternenhimmel mit der Bemerkung, dort oben seien alle Könige der Vorzeit versammelt und schauten auf sie herab. Wenn Simba einmal allein und hilflos sei, solle er sich dessen bewusst sein und sich an ihre Stärke und Weisheit erinnern. Auch er selbst, Mufasa, werde nach seinem Tod dort oben sein.
Es ist die verinnerlichte Erfahrung eines schützenden, liebevollen und klugen Vaters, die es dem später vaterlos heranwachsenden Simba ermöglicht, seinen Platz im Leben zu finden. Wir sprechen von der inneren Repräsentanz des Vaters (auch Vaterbild oder Vaterimago), die im Lauf der Entwicklung aus der realen Erfahrung mit dem Vater gespeist wird, aber auch aus kindlichen Phantasien über den Vater. Bei Simba ist sie zudem geprägt von dem Erleben, dass sein Vater selbst eingebettet ist in eine Art »Ahnengalerie« überwiegend positiv besetzter Väterlichkeit. Während sich bei Walt Disney die väterlichen Repräsentanzen »da oben« (im Himmel) befinden, geht die Psychoanalyse davon aus, dass jeder Mensch solche Vaterbilder in seiner Seele trägt. Sie müssen keineswegs immer hilfreich und tröstlich sein, sondern können, je nach der erlebten Vatererfahrung, auch sehr destruktive Züge annehmen.
Eine negativ erlebte Vater-Sohn-Beziehung kann den Wunsch des Mannes nach einem Sohn besonders heftig werden lassen. Die stärker von unbewusstem Hass und Rachewünschen geprägte Variante einer solchen Konstellation bestünde darin, mithilfe eines Sohnes nun einmal »den Spieß herumzudrehen« und all die Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit loszuwerden (und sie auf diese Weise im Sohn zu erzeugen!), die der Vater einem einst beschert hat. Wir kennen aber auch eine stärker von Sehnsucht und den ursprünglich dem Vater geltenden Liebeswünschen geprägte Variante der Vater-Sohn-Beziehung: In einer intensiven, engen, dyadischen Beziehung zu seinem Sohn befriedigt der Vater verspätet seinen eigenen lebenslangen »Vaterhunger«. Peter Blos (1990) hat davor gewarnt, dass die emotionale Entwicklung des Sohnes durch eine solche Bindung an den Vater nicht gefördert, sondern behindert werde. Auch die Wiederbelebung eines bereits verstorbenen Vaters kann heimliches Motiv des männlichen Wunsches nach einem Sohn sein. Brazelton und Cramer (1991) beschreiben unter dem Motto »Der Säugling als Geist der Vergangenheit« eindrucksvolle Fälle von Eltern, die in ihrem Kind unbewusst einen Elternteil und die Interaktion mit diesem wiederbeleben. Ein weiterer Aspekt betrifft die Wiedergutmachung als Ausdruck von Schuldgefühlen über die eigene Abnabelung: Indem man(n) den Eltern einen Enkel schenkt, gibt man ihnen den kleinen Sohn wieder, der man selbst nicht mehr ist.
Die Erweiterung und das Überleben des eigenen Selbst
Unter diese Kategorie fallen Tendenzen in der Vaterschaft, die wir im Fachjargon als »narzisstisch« zu bezeichnen gewöhnt sind. Dieser wissenschaftlich wie umgangssprachlich überfrachtete Begriff umfasst hier wie im Folgenden stets zwei einander ergänzende Aspekte: einen konstruktiven, den man mit der humanistischen Vorstellung der »Selbstaktualisierung« umschreiben kann, sowie einen eher destruktiven, mit dem egozentrische Prozesse gemeint sind, die eine echte Bezogenheit auf andere Menschen verhindern.
Das Streben nach Selbstaktualisierung in der Beziehung zu einem erwünschten Sohn kann für einen Vater bedeuten, die eigene kindliche Entwicklung mit seinem Jungen noch einmal nachzuerleben, sich den damals erfahrenen Problemen und Konflikten erneut zu stellen und daran zu wachsen. Weniger entwicklungsförderlich ist es, wenn der zukünftige Sohn in der Phantasie und den Wunschvorstellungen des Vaters all das verwirklichen soll, was ihm selbst verwehrt blieb. Der Vater benutzt in diesem Falle den Sohn als ein sogenanntes »Selbstobjekt«: Anstatt sich eigenen Enttäuschungen und Konflikten zu stellen, gibt ein solcher Vater dem Sohn unbewusst den Auftrag, sie stellvertretend für ihn zu überwinden bzw. zu lösen. In diesem Bereich liegt schon vor der Geburt eines realen Sohnes durchaus destruktives Konfliktpotential: Je mächtiger die reparativen und selbstaufwertenden Phantasien eines Mannes über seinen künftigen Sohn sind, desto größer wird seine narzisstische Wut sein, wenn der Sohn sich ganz anders entwickelt, als der Vater es für ihn geplant hat.
In dem autobiographischen Roman »Padre Padrone« schildert Gavino Ledda (1989) die quälende und brutale Geschichte der Beziehung zu seinem Vater: Der Vater nimmt den kleinen Gavino aus der Schule und entfernt ihn von Mutter und Geschwistern, um ihn zu seinem Ebenbild (!) zu machen - einem Schafhirten in den kargen Hügeln Sardiniens. Es beginnt ein zähes Ringen um Autonomie und Unterwerfung, und als der herangewachsene Sohn beschließt zu lernen, um den Schulabschluss nach holen und studieren zu können, will der Vater ihn töten. Die ebenfalls unterdrückte Mutter und die Geschwister werden zu ängstlichen Randfiguren in dem mörderischen Kampf zwischen Vater und Sohn, der nur durch einen totalen Abbruch der Beziehung und das Fortgehen Gavinos aus seiner Heimat beendet werden kann.
Normalerweise kommen natürlich auch die Vorstellungen der Mutter ins Spiel. Auch sie hat ja Phantasien darüber, wie ihr »Sohnemann« einmal werden soll. Ähneln sie dem Bild, das ihr Mann von seinem künftigen Sprössling hat, oder sind sie vielleicht ganz anders? Wie viele Jungen wurden schon von ihren Vätern verächtlich als »Muttersöhnchen« bezeichnet! Und wie viele Mütter wenden sich mit der Bemerkung »Genau wie dein Vater« enttäuscht von ihren Söhnen ab! Hier wird deutlich, wie groß auch der Einfluss der elterlichen Beziehung auf die künftige Entwicklung des Sohnes ist.
Der unbewusste Wunsch nach Unsterblichkeit fällt ebenfalls unter die narzisstische Kategorie: Der schwer zu ertragende Gedanke an das Älterwerden und den Tod kann durch einen Wunschsohn kompensiert werden, der in Vaters Fußstapfen treten und sein Leben und Werk fortsetzen soll. So manchem Vater, der aus dem Nichts ein florierendes Unternehmen geschaffen hat, fällt es schwer zu begreifen, dass der Sohn anders ist als er, dass er andere Berufswünsche hat und gar nicht daran denkt, den narzisstischen Auftrag des Vaters zu erfüllen. Psychologische Organisationsberater beschreiben heftige Konflikte um die Führungsnachfolge in Familienunternehmen, die auf einer solchen Konstellation beruhen (z. B. Haubl 2008).
Der Wunsch nach einem Sohn als Ausdruck homosexueller Strebungen
Ausgehend von seiner These der ursprünglichen psychischen Bisexualität des Kindes 7 nahm Sigmund Freud an, dass jeder Junge in einer bestimmten Entwicklungsphase nicht nur heterosexuelle Liebeswünsche auf seine Mutter richtet, sondern auch homosexuelle auf den Vater (siehe Kap. 4): Durch Identifikation mit der Mutter nehme der Junge in psychosexueller Hinsicht eine passive Position ein und wünsche sich ein Kind von seinem Vater. Diese Wünsche würden jedoch im Laufe der Entwicklung meistens zugunsten einer Identi fikation mit dem Vater und einer aktiven psychosexuellen Position - den heterosexuellen Strebungen - rasch und umfassend verdrängt. Dennoch ist der Kinderwunsch des Mannes laut Freud zu einem nicht unerheblichen Teil auf diese frühe weibliche Identifikation zurückzuführen; er ist sozusagen ein »Überbleibsel« der unterdrückten Homosexualität.
Manche der triebtheoretisch begründeten Auffassungen Freuds über die psychosexuelle Entwicklung sind inzwischen durch modernere Vorstellungen ersetzt worden, andere wurden ohne nähere Untersuchung über Bord geworfen, weil sie nicht dem Zeitgeist entsprachen. Doch ungeachtet der Frage, ob man sich Freuds These der psychischen Bisexualität anschließt oder nicht, können wir es heute als gesichertes Wissen betrachten, dass jeder Mensch männliche und weibliche Identifizierungen in jeweils unterschiedlicher Ausprägung und Gewichtung in sich trägt. Und so existieren auch in jedem Menschen »männliche« und »weibliche« Beziehungswünsche gegenüber dem eigenen und dem anderen Geschlecht. Darum stellt sich auch heute noch die Frage nach dem Entwicklungsschicksal homosexueller Strebungen im heterosexuell lebenden Mann. Ein Weg besteht nach psychoanalytischer Auffassung in der Sublimierung homoerotischer Wünsche in innigen, nicht-sexuellen Beziehungen zu anderen erwachsenen Männern. Einen anderen Ausdruck finden homosexuelle Strebungen im männlichen Wunsch nach einem Sohn und in der gelebten Beziehung zu diesem. Häufig ist die Beziehung zu seinem Sohn die einzige gleichgeschlechtliche Beziehung, in der ein Mann sich gestattet, zärtliche Liebesregungen auch gegenüber einem anderen männlichen Wesen auszudrücken und zu leben. Problematisch sind in diesem Zusammenhang VaterSohn-Beziehungen, die durch eine überstarke Homophobie des Vaters geprägt werden: Solche Väter verbieten sich und ihren Söhnen jeglichen Ausdruck von Weichheit und Zärtlichkeit in der gleichgeschlechtlichen Beziehung.
Angst vor dem Sohn
Das Gegenstück des Wunsches und der Sehnsucht nach einem Sohn ist die Angst vor ihm. Diese Angst kann viele Gesichter haben. Neben der Befürchtung, vom eigenen Sohn einst überflügelt und in seinen Schwächen bloßgestellt zu werden, ist die Furcht des Mannes zu erwähnen, durch den Sohn bei seiner Frau an die zweite Stelle verwiesen zu werden. Hier kann sich sowohl eine alte Geschwisterrivalität des werdenden Vaters spiegeln als auch die einstige kindliche Stellung im Beziehungsdreieck mit den eigenen Eltern: Wenn der Mann in seiner Herkunftsfamilie Partnerersatz der Mutter war, fürchtet er unbewusst, es könne ihm das gleiche Schicksal drohen wie einst dem eigenen Vater. Auch die unbewusste Angst vor den oben erwähnten homosexuellen Liebeswünschen kann einen Mann fürchten lassen, Vater eines Sohnes zu werden.
Zusammenfassend können wir davon ausgehen, dass die Gefühle der meisten Väter gegenüber ihren künftigen Söhnen eine Mischung aus Wünschen, Hoffnungen und Ängsten, aus liebevollen und feindseligen Impulsen darstellen. Die künftige reale Beziehung zwischen Vater und Sohn wird immer positive und negative Seiten enthalten, wenn auch von Fall zu Fall in durchaus unterschiedlicher Gewichtung. So ist davon auszugehen, dass Väter ihren Söhnen nicht nur Wachstum ermöglichen, sondern gleichzeitig diesen Prozess stören können.
Klett-Cotta Fachbuch
1. Aufl. 2010, 251 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94658-1
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Lothar Schon

Lothar Schon, Dr. phil., Dipl. Psych., ist Psychoanalytiker in eigener Praxis in München. Er ist Dozent für psychoanalytische Entwicklungspsychologie...


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Auf der Suche nach dem »hinreichend guten« Vater

Psychoanalytische Verfahren

Reihe Basiswissen Psychoanalyse, Band 2

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