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Die Revolution des Sehens

Neue Einblicke in die Superkräfte unserer Augen

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Warum wir sehen, was wir sehen

Dieses Buch handelt von Superkräften des Sehens: dem Vermögen, Farben zu sehen, die Fähigkeit, plastisch zu sehen, Bewegungen wahrnehmen und Dinge oder Lebewesen zu erkennen.

Wir verfügen über ungeahnte visuelle Kräfte und verdanken sie einer (R)Evolution des Sehens. Wie kamen wir zu diesen Superkräften? Warum sehen wir Farben? Warum befinden sich unsere Augen vorne? Warum nehmen wir optische Täuschungen wahr? Weil wir Farben sehen, können wir die Gefühle anderer Menschen erkennen, zumindest erahnen - verfügen also über beinahe telepathische Fähigkeiten. Unsere Augen liegen vorne, damit wir uns dem stellen können, was sich vor uns befindet. Optische Täuschungen entlarven wir, weil unser Gehirn täuschende und richtige Wahrnehmung ständig miteinander vergleicht. Wir erfassen also mehr als nur eine Wirklichkeit gleichzeitig.

Mark Changizi, einer der bedeutendsten Forscher der Neurobiologie, präsentiert die wichtigsten neuen Erkenntnisse zum menschlichen Sehen und öffnet dem Leser im wörtlichen wie im übertragenen Sinn die Augen für das, was wir sehen.

Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Über-Sinnlich 7

Kapitel 1: Farbtelepathie 13
Empathen 15
Nackte Farben 17
Grüne Lichtquanten 20
Die kuriose »Unbuntheit« menschlicher Haut 23
Ethnische Illusionen 28
Waldorfsalat 31
Hautfernsehen 32
Farbige Menschen 39
Nackt! Wer? Wo? 41
Eine gesunde Gesichtsfarbe. 47
Was bei der Farbempfindung passiert 53
Blut im Auge 61
Farbkleckse 65
Live und in Farbe 69

Kapitel 2: Röntgenblick 71
Unser Charly 73
Wo sind sie geblieben, die Zyklopen? 76
Ich blicke durch – durch mich selbst 81
Hier sein, aber von dort sehen 85
Videospiele für Zyklopen 92
Die zweigeteilte Welt 99
Unvereinbare Ansichten 102
Steinaugen 108
Der Preis der blinden Hinterseite 113
Groß und blattliebend 117
Die Zukunft des Vorwärts-Sehens 126
Durchschaut 138

Kapitel 3: Hell-Sehen 141
Kristallkugelaugen 143
Entschuldigen Sie bitte meine Evolution 146
Auf Messers Schneide 150
Mein Supercomputer läuft so langsam 156
Der Moment, der nie kommt 159
Den Film retuschieren 163
Der Salamander-Superblick 170
Täuschende Täuschungen 172
Verwacklungskontrolle 181
Die bedrohlich näher rückende Zukunft 188
Die nichteuklidische Gegenwart 193
Vereinheitlichte Täuschungen 198
Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart 202


Kapitel 4: Gedankenlesen205
Superlesemedium 207
Gut im Zuhören 211
Handwerk − Werkhand 214
Zähmung der Wildaugen 216
Von den Händen der Kinder 218
Wort und Objekt 223
Das Problem mit den Sprechschreibern 230
Verbindungspunkte 232
Subdinge 236
Die Natur in Buchstaben 244
Homo turingipithecus 250
Vergiss nicht zu schreiben 257
Personen- und Sachregister. 261


Leseprobe
Einleitung: Über-Sinnlich

In dem Film Unbreakable (Unzerbrechlich) von M. Night Shyamalan sagt der Bösewicht Elijah Price: »Manche Leute können es einfach nicht glauben, dass sie oder andere ungewöhnliche Eigenschaften haben.« Und tatsächlich ist sich David Dunn, der Held der Geschichte, seines siebten Sinnes für das Böse und seiner Unverwundbarkeit (ausgenommen Ertrinken) gar nicht bewusst. Wäre ihm diese Erkenntnis nicht von seinem Widersacher aufgezwungen worden, hätten weder er selbst noch andere je etwas von seiner übernatürlichen Begabung bemerkt.

Auf den ersten Blick überrascht es, dass Dunn keinen blassen Schimmer von seinen Fähigkeiten hat. Wie kann er bei seiner Arbeit als Wachmann tagtäglich von seinem detektivischen Supertalent auf der Jagd nach dem Bösen Gebrauch machen, ohne davon zu wissen? Doch ist dies nicht bei den meisten – ob übernatürlichen oder anderen – Begabungen der Fall? Schon das Stehen-Können zum Beispiel erfordert komplexe Berechnungen, die uns nicht bewusst sind. Komplizierte Maschinen wie David Dunn und wir selbst funktionieren nur, weil wir über eine beträchtliche Anzahl von »Kräften« verfügen, die im Zusammenspiel funktionieren, von denen uns aber jeweils immer nur ein paar wenige bewusst sind. Die natürliche Auslese hat dafür gesorgt, dass unser kostbares Bewusstsein nur dort zum Einsatz kommt, wo es am dringendsten gebraucht wird – und am wenigsten Schaden anrichten kann –, während alles andere unbemerkt unter der Oberfläche weiterläuft.

Selten verkünden unsere autonom funktionierenden Körperteile, wozu sie da sind. Keine Leber hat jemals mitgeteilt, sie sei für die Entgiftung zuständig, noch nie wurde eine mit Anleitung geliefert. Bis zum heutigen Tag haben Neurochirurgen noch kein Hirnareal gefunden mit einem Etikett, auf dem geschrieben steht: »Unentbehrlich fürs Hellsehen. Nicht ohne medizinische oder geistliche Beratung entfernen!« Unsere Körperfunktionen werden von unetikettiertem Fleisch gesteuert, und kein – noch so ausgeklügeltes – Gerät wird uns gestatten, sie in unseren Labors einfach abzulesen.

Nichtphysische Fähigkeiten wiederum sind noch schwerer festzunageln, weil sie normalerweise nur dann bestens funktionieren, wenn wir sie wie vorgeschrieben zur richtigen Zeit am richtigen Ort gebrauchen. Sie haben sich im Laufe von Millionen von Jahren entwickelt, damit wir mit ihrer Hilfe überleben und uns vermehren. Man kann sie nicht verstehen, ohne die Umgebung zu verstehen, für die sie sich entwickelt haben, so wie man nicht weiß, was ein Tacker ist, wenn man Papier nicht kennt.

Unsere außergewöhnlichen Kräfte lassen sich weder durch Introspektion erfassen noch unters Mikroskop legen. Auch wenn man die dabei involvierte Materie, den Körper, das Fleisch, in allen Einzelheiten studieren würde, wäre das nur die halbe Miete: Man kann sie eben nicht einfach be-greifen. Glücklicherweise verfügen wir aber über Möglichkeiten, wie wir ihnen trotzdem auf die Schliche kommen können. Mit Hilfe von wissenschaftlichen Methoden kann man eine Hypothese über den Zweck einer biologischen Struktur – also welche Fähigkeiten sie verleiht – aufstellen und überprüfen. Man kann auch Prognosen abgeben, etwa zur Varianz einer Fähigkeit abhängig vom jeweiligen Habitat oder in Bezug darauf, welche anderen Charakteristiken ein Tier mit dieser Eigenschaft außerdem noch haben könnte, oder sogar in Bezug darauf, wie diese biologische Struktur aussehen müsste, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Auf diese Weise werden in der Wissenschaft Fähigkeiten identifiziert.

Und genau damit will ich mich in diesem Buch beschäftigen. Genauer gesagt, handelt das Buch von Superkräften. Noch genauer, von Superkräften des Sehens – vier sind es, von jedem wichtigen visuellen Teilbereich eine: Farbsehvermögen, binokulares Sehen, Bewegungswahrnehmung und Objekterkennung. Oder im Vokabular der Superhelden: Telepathie, Röntgenblick, Hellsehen und Gedankenlesen. Nun könnten Sie denken: »Das kann doch unmöglich wahr sein, dass wir über solche Kräfte verfügen? Hat dieser Autor noch alle Tassen im Schrank?« Ich kann Sie sofort beruhigen: Alles geht mit rechten Dingen zu, auch in diesem Buch. So behaupte ich: Wir verfügen über Superkräfte, doch dahinter stecken weder mysteriöse Mechanismen noch Magie noch sonst irgendwelche krummen Dinge, sondern nichts anderes als Körper und Gehirn. Vertrauen Sie mir – ich bin ein nüchterner, muffliger und pingeliger Wissenschaftler, der sich darüber aufregt, wenn auf einem dieser pseudowissenschaftlichen Kabelsender ein Beitrag über »Ahnungen«, »Geheimnisse« oder anderen Nonsens läuft.

Aber warum schreibe dann ausrechnet ich über Superkräfte? »Keine Superkräfte ohne Magie«, oder? Mag ja sein. Aber ich würde eher sagen: »Keine Magie – und trotzdem Superkräfte!« Ich nenne diese vier Fähigkeiten deswegen Superkräfte, weil sie übermenschlichen Charakteren zugeschrieben werden, die uns Normalbürgern weit überlegen sind.

Wegen Ihrer ungeahnten visuellen Superkräfte werden Sie, bin ich fest überzeugt, Vergnügen an diesem Buch haben. Superkräfte machen wirklich Spaß. Ganz bestimmt. Doch sind sie nur ein Teil der Geschichte. Jede einzelne ist nur die Spitze eines Eisbergs, unter der die fundamentale Frage nach dem Ursprung unseres Wesens liegt. Die Frage, welche ich in diesem Buch zu beantworten versuche, lautet: »Warum?« Warum sehen wir Farbe? Warum befinden sich unsere Augen vorn? Warum nehmen wir optische Täuschungen wahr? Warum sind die Buchstaben so geformt, wie sie geformt sind, und nicht anders?

Worin besteht um Himmels Willen die Verbindung zwischen diesen vier zutiefst wissenschaftlichen Fragen und den vier übersinnlichen Fähigkeiten? Ich möchte nur äußerst ungern alle Antworten jetzt schon liefern – dafür ist ja der Rest des Buches da –, aber hier sind schon mal ein paar Appetithäppchen. Mit dem Farbsehvermögen können wir Haut erkennen und daran die Emotionen und Zustände unserer Freunde und Feinde ablesen (Telepathie). Unsere Augen liegen vorn, damit wir an unserer eigenen Nase vorbei und durch allen anderen Kram, der uns die Sicht versperrt, hindurch sehen können (Röntgenblick). Wir nehmen optische Täuschungen wahr, weil unser Gehirn zur korrekten Wahrnehmung der Gegenwart versucht, in die Zukunft zu schauen (Hellsehen). Und schließlich wurden Buchstaben im Laufe der Jahrhunderte zu Formen entwickelt, die Dingen unserer Umwelt ähneln, weil wir gelernt haben, diese gut zu erkennen. Mit Hilfe der Buchstaben können wir mühelos die Gedanken der Lebenden lesen … auch die der Toten (Gedankenlesen) .

Obwohl die Geschichten hinter diesen »übersinnlichen« Fähigkeiten im Besonderen vom Sehen handeln, handeln sie im Allgemeinen vom Gehirn und dessen Evolution. Die Hälfte Ihres Gehirns ist speziell für die Berechnungen der visuellen Wahrnehmung da, weswegen man das Gehirn nicht betrachten kann, ohne die Hälfte der Energie auf das Visuelle zu verwenden. Wenn Sie den Hör- und den Riechsinn ausließen, würden Sie längst nicht so viel verpassen. Unser Gehirn ist nicht nur »halb visuell« ausgeprägt, unser Sehsystem befindet sich auch in den Gehirnarealen, die bei Weitem am besten bekannt sind. Seit einem Jahrhundert beschäftigen sich die Forscher der Visuellen Psychophysik mit der Beziehung zwischen den Reizen, die wir vor Augen haben, und mit den Wahrnehmungen »dahinter«, die diese Reize im Gehirn auslösen. In den vergangenen Jahrzehnten haben Neuroanatomen wie John Allman, Jon Kaas und David Van Essen die visuellen Gehirnareale von Primaten kartographiert und noch viele andere Forscher die darin aktiven Funktionsspezialisierungen und Mechanismen identifiziert.

Um das Warum des Gehirns zu verstehen, muss man sich außerdem dessen Evolutionsgeschichte und die vorherrschenden natürlichen ökologischen Bedingungen klar machen, und auch hier ist der Sehsinn besser bekannt als die anderen Sinne und deren Kognitions- und Verhaltensmerkmale. Weil das Sehen bei weitaus mehr als der Hälfte der am besten erforschten Hirnareale eine Rolle spielt, also mehr, als fürs eigentliche Sehen notwendig ist, sollte das Sehvermögen ein fester Bestandteil jedes ernstzunehmenden Erklärungsversuchs des Gehirns sein.

Und wer bin ich, abgesehen davon, dass ich ein nüchterner, spießiger und pingeliger Kabelfernsehzuschauer bin? Ich bin theoretischer Neurowissenschaftler, der sein Physik- und Mathematikstudium dazu nutzt, innovative neurowissenschaftliche Theorien zu entwickeln und zu testen. Ganz besonders interessieren mich jedoch die Funktionen und Bauweisen des Gehirns, des Körpers, des Verhaltens und der Wahrnehmung. Ich finde Biologie und Neurowissenschaften deswegen so spannend, weil ich verstehen möchte, warum die Dinge so sind, wie sie sind, und nicht, wie sie funktionieren. Wenn Sie mir eine Beschreibung der Gehirnmechanismen, die unserer Farbwahrnehmung zugrunde liegen, liefern würden, bliebe die mir wichtigste Frage immer noch unbeantwortet: Warum haben wir Mechanismen herausgebildet, die diese Art von Wahrnehmungsgeschehen überhaupt erst möglich machen? Es geht mir also nicht um die proximativen, mechanischen Gründe (für die ich nur ein müdes Lächeln übrig habe), sondern um die ultimativen Gründe dafür, dass wir so sind, wie wir sind. Bei der Suche nach Antworten auf diese Warum-Fragen musste ich mich außerdem mit der Evolution beschäftigen, denn nur ein Verständnis der Evolution und der ökologischen Bedingungen, unter denen ein bestimmtes Merkmal (wie der Besitz des Farbensinns) herausgebildet wurde, führt zu einer endgültigen Antwort. Folglich bin ich auch ein theoretischer Evolutionsneurowissenschaftler und behandle in diesem Buch nicht nur die vier neuen Theorien der Sehforschung, sondern betone vor allem auch die Rolle der Evolution.

Genug der einleitenden Worte. Auf geht’s!
Kapitel 1 Farbtelepathie


»Ho Ho!« sagte der Leopard. »Vielleicht überrascht es dich, aber du fällst hier im Dunkeln auf wie ein Senfpflaster auf einem Kohlensack.«

»Sehr witzig, aber davon kriegen wir auch kein Mittagessen«, erwiderte der Äthiopier. »Das Entscheidende ist, uns nicht unserer Umgebung anzupassen. Ich befolge Papios Rat. Er hat gesagt, ich soll mich verändern; und weil ich nichts zu verändern habe außer meiner Haut, verändere ich die.«

»Wie?« fragte der Leopard und war ungeheuer aufgeregt. »Ich lege mir eine hübsche, praktische, schwärzlich-bräunliche Farbe zu, mit ein bisschen Rot und ein wenig Schieferblau. Genau das Richtige, um sich in Höhlen und hinter Bäumen zu verstecken.«
Also veränderte er an Ort und Stelle seine Haut, und der Leopard wurde noch viel aufgeregter; er hatte noch nie gesehen, wie ein Mensch die Hautfarbe wechselt.

Empathen

Stellen Sie sich vor, Ihre beiden Kinder stehen in einem Haufen Glasscherben und einer Pfütze Milch und zeigen mit dem Finger aufeinander. Jetzt wäre es ausgesprochen praktisch, wenn Sie telepathische Fähigkeiten hätten – Vierjährige zu verhören kann recht unergiebig sein, und alle beide zu bestrafen würde Ihnen auch nicht gefallen. Leider wird Ihnen höchstwahrscheinlich kein übernatürliches menschliches Wesen zur Hilfe eilen. Die sind nämlich damit beschäftigt, auf ihren Raumschiffen die Emotionen von Aliens mit umfunktionierten Torpedos auszuloten oder die Menschheit vor völkermordenden Mutanten zu retten. Sie sind auf sich selbst gestellt.

Könnten denn auch Sie Gedanken lesen oder Emotionen erahnen? Wenn »Emotionen erahnen« heiß t, Gesichtsausdrücke zu erkennen, dann ja – das können wir alle. Aber das ist immer noch keine »Telepathie«. Von Telepathen erwarten wir, dass sie etwas Außergewöhnliches leisten und irgendwie mit Spezialsensoren zum Empfang von Emotionssignalen ausgerüstet sind. Weil das Lesen von Gesichtern aber keine besondere Ausrüstung und auch keinen sechsten oder siebten Sinn erfordert, sondern wir nur unsere Augen brauchen und anschließend unser Gehirn, um die visuelle Information auszuwerten, zählt dies nicht als Telepathie.

Telepathie – d. h. mit Spezialsensoren ausgestattet zu sein, mit denen wir herausfinden können, was im Kopf der anderen vorgeht – ist aber weniger verrückt, als es zunächst klingen mag. Es gibt Tiere, die die Gehirnaktivität eines anderen Tieres tatsächlich spüren können: Schnabeltiere, Aale und Haie verfügen dank spezieller Organe über einen Elektrosinn , mit dem sie die elektrische Energie des Nervensystems anderer Tiere orten können. Sie können zwar die Gehirnaktivität anderer Tiere aus der Entfernung aufspüren, aber nicht zwischen verschiedenen Arten der Gehirnaktivität unterscheiden, weswegen man hier auch nicht von Telepathie sprechen kann. Leider könnte Ihnen auch ein Aal nicht mitteilen, welches Kind die Milch verschüttet hat, und er würde in Ihrer Küche wohl nur noch mehr Chaos veranstalten.

In Neurolabors ist es tatsächlich möglich, in Köpfe hineinzuschauen, und zwar mit Hilfe von Technologien wie etwa der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), die die Gehirnaktivität sichtbar macht. Die Neurowissenschaftler Yukiyasu Kamitani und Frank Tong zum Beispiel zeigten Probanden, die in einer Kernspinröhre lagen, unterschiedlich ausgerichtete Streifenmuster. Aufgrund der Gehirnscans konnten die Wissenschaftler feststellen, welches der acht Muster die Probanden gerade betrachteten. Nun lagen Ihre Kinder zur Tatzeit wahrscheinlich nicht gerade zufällig in einem Kernspintomographen, aber Sie könnten dem Geheimnis auch mit einer viel primitiveren Methode auf die Spur kommen: mit einem Lügendetektor. Ein Lügendetektor – im späten 19. Jahrhundert erfunden und seither in der Strafverfolgung im Einsatz – ist eine Art primitives Gedankenlesegerät. Es misst körperliche Veränderungen, z. B. von Puls, Atem, Hautleitfähigkeit und Blutdruck, die mit bestimmten Emotionen oder Stimmungen einhergehen, wobei man sich auf längst bekannte Erkenntnisse der Psychophysiologie beruft.

Bei Veränderungen des Körperzustands verändert sich oft auch die Verteilung des Blutes im Körper. Dies wiederum wirkt sich auf die Farbe und andere Eigenschaften der Haut aus. Aus dieser Idee schlug ein Bioingenieur namens Takuo Aoyagi Kapital, als er im Jahre 1972 das Pulsoximeter erfand. Dieses Gerät erfasst die Hautfarbwerte, die wiederum den Sauerstoffgehalt im Blut und die Veränderungen der Blutmenge anzeigen. Man findet es auch heute noch in fast jedem Krankenhaus – auch Ihre ungezogenen Kinder trugen wahrscheinlich kurz nach ihrer Geburt ein solches Gerät am Fuß. Es wird allerdings zur Kontrolle des Allgemeinzustandes der Patienten verwendet, und nicht, um deren Emotionen zu erahnen. Da Emotionen und Stimmungen aber bekanntlich den körperlichen Zustand beeinflussen, ist das Pulsoximeter im Grunde doch ein potenzieller Gedankenleseapparat.

Fällt Telepathie also doch nur in die Aufgabengebiete der Superhelden, Schnabeltiere, Polizisten und Ärzte? Oder verfügen auch wir, wenigstens bis zu einem gewissen Grad, über diese übermenschliche Fähigkeit? Wie wir noch sehen werden, sind auch wir mit einem Spezialwerkzeug ausgestattet, das uns ein Fenster auf die Gedanken anderer Leute öffnet: Wir können Blut unter der nackten Haut wahrnehmen. Wie Takuo Aoyagis Pulsoximeter sind wir nämlich in der Lage, zwei Blutwerte zu erfassen: den Sauerstoffgehalt und die Blutkonzentration. Wie geht das? Mit den Farbrezeptoren in unseren Augen oder mit Hilfe des Farbsehvermögens. Unsere Augen messen die Blutwerte, indem sie die Farbe der Haut wahrnehmen, ganz ähnlich wie Pulsoximeter. Unser Farbsinn ist demnach eine Art Ur-Oximeter, und so wie Oximeter im Prinzip auch dazu verwendet werden können, Stimmungen und Emotionen zu erfühlen, so befähigt uns unser Farbsinn dazu, sich wie ein Empath in andere Menschen hineinzufühlen. Dieses Kapitel erzählt die Geschichte von der Farbe und den Empathen, eine Entdeckung, die ich 2006 zusammen mit Qiong Zhang und Shinsuke Shimojo in den Proceedings of the Royal Society of London veröffentlicht habe. Die Geschichte beginnt bei unserer Haut.

Nackte Farben

Neben Papageien, Fischen, Chamäleons, Tinten fischen, Bienen, Blumen und Früchten sehen wir Menschen unfarbig aus. Die Farbe unserer Haut würde sich wohl kaum für ein Karussell oder eine Cornflakespackung eignen; auch bei einer Bewerbung um den Posten als Gartendeko hätten wir gegen Flamingos und Windrädchen keine Chance. Innenarchitekten sind wenig begeistert von der Farbe »Haut«, egal um welche es sich handelt. Viele Gartentiere sind vielfarbig und können auch Farben sehen, wie beispielsweise Vögel, Fische, Reptilien und Bienen. Diese beiden Eigenschaften, lässt sich daraus schließen, können durchaus Hand in Hand gehen (tun dies allerdings nicht immer – farbige Tintenfische sind farbenblind). Ein über das Wesen Mensch mutmaßender Alien könnte aufgrund unseres langweiligen natürlichen Aussehens und unserer Untauglichkeit als Gartendeko oder Leuchtreklame zu dem Schluss kommen, wir könnten keine Farben sehen.

Können wir aber. Dass wir in Farbe sehen können, müsste dem beobachtenden Alien eigentlich sofort an unseren kulturellen Produkten auffallen, die längst nicht so langweilig aussehen wie wir. Unsere Kleidung ist knallbunt, aber auch manche Gesichter: Modebewusste Frauen können leicht 30 Minuten pro Tag damit verbringen, Farbe in ihr Gesicht zu zaubern. Doch nicht nur der Körper, auch die Wohnung wird mit Farbe bekleckert. Hier sind wir sogar bereit zu hitzigen Auseinandersetzungen mit dem Ehepartner, ob die Wände sonnengelb oder doch lieber lindgrün gestrichen werden sollen. Auch zur Farbe von Zahnbürsten, Toastern, Geschirrspülern, Mülleimern, Stiften und Computern haben wir eine Meinung, ja sogar die von der Toilette ist uns wichtig. Produkte, die es nur in einer Farbe zu kaufen gibt, sind kaum zu finden. Henry Fords Satz »Jeder Kunde kann sein Auto in der Farbe haben, die ihm gefällt, Hauptsache, es ist schwarz« ist so eindrücklich, weil es ja gerade so selten vorkommt, dass man nicht zwischen mehreren Farben auswählen kann. Dies verdeutlicht: Wir sind geradezu besessen von Farbe.

Unsere bunte Kultur – ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass wir zum Farbensehen fähig sind – ist allerdings ein recht neues Phänomen, nur ungefähr einige tausend Jahre alt. Obwohl Angehörige primitiver Stämme ihre Körper bemalten und sich mit Tätowierungen und Tierfragmenten schmückten, war ihre kulturelle Umwelt im Großen und Ganzen weniger bunt als unsere. Dass wir aber schon vor Zehntausenden von Jahren Farbe wahrnehmen konnten, also lange vor der Existenz farbig gestalteter Kulturartefakte, lässt sich daran feststellen, dass außer uns auch viele andere Primaten farbsehen können. Wofür auch immer diese Fähigkeit gut sein soll – sie ist nicht zuerst dafür da, um die Farben unserer Kultur zu erkennen, sondern umgekehrt verwenden wir in unserer Kultur Farben, weil sie etwas widerspiegeln, das zu sehen wir fähig geworden sind.

Wozu haben wir denn nun aber die Fähigkeit zur Farbwahrnehmung? Neuere Evidenz legt die Vermutung nahe, der Grund für deren Evolution bei uns habe etwas mit der Haut zu tun. Aber in Anbetracht unserer langweiligen Hauttöne erscheint diese Theorie eher abwegig, denn die Fähigkeit zur Farbwahrnehmung ist doch schließlich zur Wahrnehmung von Farben da, nicht wahr? Diese Logik führte zu der Hypothese (die, seit sie im 19. Jahrhundert von Grant Allen und zeitgenössischen Anthropologen wie John Mollon, Daniel Osorio und Misha Vorobyev aufgestellt wurde, vor allem vertreten wird), dass wir Farben sehen, um auf der Nahrungssuche gegen den Hintergrund von Blättern Früchte erkennen zu können – Früchte sind farbig. Und vor gar nicht so langer Zeit schlugen die Anthropologen Peter W. Lucas und Nathaniel J. Dominy vor, dass Farbe dazu da sei, damit wir junge, essbare Blätter erkennen können – auch diese sind farbig. Die Farbwahrnehmung ist dazu da, um Farbiges wahrzunehmen, und weil unsere Haut nicht farbenfroh ist, kann das Sehen von Farben unmöglich dafür da sein, Haut zu sehen. Fall erledigt.

Aber wenn Farbe nicht dazu da ist, Haut zu sehen – warum sind Menschen dann so davon besessen, Körper und Gesicht mit Farbe zu schmücken? Um das Ausmaß dieser Vorliebe zu zeigen, habe ich die Farben von insgesamt 1813 westlichen Kleidungsstücken aus der Zeit zwischen dem Mittelalter und dem Jahr 1800 gemessen, die ich einem Buch von Auguste Racinet entnommen habe. Rot tauchte am häufigsten auf, ungefähr zu 20 Prozent, gefolgt von Blau, Weiß und Grün. Farben von der Palette der natürlichen Hauttöne traten in 8 Prozent der Fälle auf. Die Ergebnisse sind in Abbildung 1.1 (siehe Farbteil) zusammengefasst. Wie Sie sehen, haben die Farbtöne der Kleidungsstücke keine große Ähnlichkeit mit denen der Haut. Jahrmillionen lang beschränkte sich Körperschmuck auf die langweiligen natürlichen Farbtöne von Haut und Fell, aber kaum waren künstliche Farbtöne da, begannen Menschen, sich förmlich mit Farben zu überschütten! Das lüftet jedoch immer noch nicht das Geheimnis, warum wir lieber bunte Kleidung sehen als die weniger bunte Haut.

Es sei denn – vielleicht ist unsere Haut ja bunter, als ich Ihnen bisher verraten habe. Sie sieht jedenfalls nicht immer gleich aus. Neben ihrer thermoregulierenden, regenerativen und wasserabstoßenden Eigenschaft besitzt die Haut einen erstaunlichen, beinahe magischen Hang zur Farbe, der beinahe unbemerkt und unerkannt bleibt. Haut kann sich durchaus verfärben. Und nicht nur das. Sie kann sogar, und zwar unabhängig vom Hauttyp, jeden, aber wirklich jeden Farbton annehmen (eine Meisterleistung, die ich später erklären werde). Diese Farbenfreudigkeit der Haut muss man sich unbedingt klarmachen, wenn man verstehen will, dass die Farbwahrnehmung dazu da ist, um die Haut zu erkennen und dadurch vor allem Stimmungen, Emotionen und andere physiologische Zustände erspüren zu können (obwohl diese Fähigkeit natürlich auch bei der Suche nach Früchten und Blättern potenziell sehr nützlich ist) .

Grüne Lichtquanten

Bevor ich mich kopfüber in die Geschichte unserer Haut stürze, könnte es hilfreich sein, einmal genau zu benennen, was Farbe eigentlich ist – und was nicht –, weil die intuitiven Auffassungen vieler Laien diesbezüglich oft auf Missverständnissen beruhen. Zum Beispiel wird gemeinhin angenommen, dass das Farbensehen mit der Wahrnehmung von Wellenlängen zu tun hat. Dies ist ein Irrtum. Auch wenn diese zur Farbwahrnehmung sicherlich wichtig sind. Jedes Kind weiß ja, dass wir nur einen bestimmten Wellenlängenbereich des Lichts wahrnehmen können, nämlich den Bereich zwischen 400 nm und 700 nm. Außerdem ist bekannt, dass kurze Wellenlängen als Violett oder Blau, mittlere Wellenlängen als Grün, Gelb und Orange und die langen als Rot wahrgenommen werden. Am besten lässt sich diese Korrespondenz zwischen Wahrnehmung und Physik am Regenbogen erkennen.

Der Regenbogen ist im Grunde jedoch nichts als ein »roter Hering«, der uns in die Irre führt. In unserer Netzhaut befinden sich drei Sorten von Neuronen, die auf Licht reagieren, die sogenannten Zapfen. Jede dieser drei Zapfenarten ist für einen bestimmten Wellenlängenbereich empfänglich und reagiert auf die entsprechenden Lichtreize. K-, M- und L-Zapfen reagieren jeweils auf kurze, mittlere und lange Wellenlängen. Zapfen sind – neben den Stäbchen, mit deren Hilfe wir auch bei wenig Licht, etwa in der Nacht, etwas sehen können – die grundsätzlich wichtigsten optischen Sen soren, über die wir verfügen und auf denen alle visuellen Wahrnehmungen beruhen. Wenn es beim Farbensehen nur darum ginge, einzelne Wellenlängen zu unterscheiden, bräuchte unser Auge allerdings nicht drei Zapfensorten, sondern nur zwei. Hätte man einen Zapfen für die weithin kurzen Wellenlängen und einen zweiten für die langen, würde jede einzelne Wellenlänge eine relativ unterschiedliche Reaktion auslösen. Sogar Farbenblinde, genau genommen Rotgrünblinde, nehmen verschiedene Wellenlängen wahr, um zwischen Farben unterscheiden zu können (obwohl die Farben, die sie in einem Regenbogen erkennen, von Blau über Grau zu Gelb reichen – ein Thema, auf das ich später zurückkommen werde).

Tiere haben die Fähigkeit zur Farbwahrnehmung aber nicht entwickelt, um Lichtquanten zu erkennen, sondern Objekte, die realen Objekte ihrer Umgebung, welche normalerweise alle Lichtwellenlängen auf das Auge abstrahlen. Von Objekt zu Objekt unterschiedlich ist jedoch der quantitative Wellenlängenanteil, den das Auge von einem Objekt empfängt. Diesen nennt man Reflexionsspektrum . Stellen Sie sich vor, dass im Bereich von 400 nm bis 700 nm jeder einzelne Nanometer unabhängig von allen anderen variieren kann und dass jedes dieser 1-nm-Intervalle zehn verschieden große Lichtanteile enthalten kann. Das Reflexionsspektrum des ersten Intervalls, das bei 400 nm liegt, bestünde demnach aus zehn verschiedenen Lichtanteilen, von denen jeder beim nächsten Intervall, d. h. bei 401 nm, wiederum aus zehn Lichtanteilen besteht. Dies ergibt 102 = 100 Möglichkeiten, wie Licht das Auge erreichen kann, und zwar nur die Wellenlängen der ersten beiden Intervalle. 300 Intervalle ergeben demnach 10 300 mögliche Reflexionsspektren für jedes Objekt, also 10 300 verschiedene Oberflächenarten, die – jede mit einem anderen Reflexionsspektrum – Licht an Ihr Auge senden. Diese Zahl grenzt ans Unendliche.

Glücklicherweise sind farbensehende Tiere nicht sehr daran interessiert, zwischen allen möglichen Oberflächen unterscheiden zu können. Stattdessen lokalisieren sie nur ganz bestimmte Punkte im Spektrum, und zwar diejenigen, mit denen sie Oberflächenarten erkennen können, die für ihr Überleben wichtig sind. Im Vergleich damit sind unsere Augen recht dürftig ausgestattete Spektrometer; wir verfügen nicht über 300 verschiedene Arten von Zapfen für den Empfang von Wellenlängen, d. h. einen pro Nanometer, sondern nur über drei Zapfen, die drei verschiedene Bereiche des Wellenlängenspektrums sondieren. Aber es reicht, die Aktivitäten der drei Zapfen miteinander zu vergleichen, damit wir den Unterschied wichtiger Oberflächen erkennen können. Die Tatsache, dass wir mit nur drei Zapfen auskommen müssen, hat zur Folge, dass manche Objekte mit unterschiedlicher Spektralverteilung aussehen, als hätten sie die gleiche Farbe. So wie Sie den Unterschied zwischen roten und grünen Socken erkennen können, während Ihr farbenblinder Freund dies nicht kann, so sieht ein Vogel mit seinen vier Zapfensorten unterschiedliche Farben, die für das Menschenauge identisch zu sein scheinen. Wie wir im Laufe dieses Kapitels noch sehen werden, haben unsere Zapfen genau die richtige Empfindlichkeit, um zwischen den spektralen Veränderungen der Haut zu unterscheiden, welche wiederum auf die Physiologie des Blutes zurückgehen.

Die kuriose »Unbuntheit« menschlicher Haut

Schauen Sie sich einmal zu Hause in Ihrem Zimmer um. Welche Farben haben die Dinge, die sich in Ihrem Umkreis befinden? Bei mir sieht es so aus: Meine Couch ist rötlich-brau n, die Wände weiß, die Bildschirmoberfläche meines Computers ist blau und der Schnabel einer Spielzeugente orange; meine Bücher haben alle mögliche Farben. Sämtliche Farben meiner Umgebung kann ich problemlos beim Namen nennen; auch meine dreijährige Tochter kann das. Und wahrscheinlich haben auch Sie kein Problem damit.

Aber fragen Sie sich nun einmal selbst, welche Farbe Ihre Haut hat. Das Komische mit der Hautfarbe ist nämlich, dass es – im Gegensatz zu all den Dingen unserer Umgebung, deren Farbe wir mit Leichtigkeit benennen können – anscheinend keinen passenden Ausdruck für die Farbe unserer eigenen Haut gibt. Von Menschen, die eine andere Hautfarbe haben als man selbst, kann man leichter sagen, sie seien »weiß«, »rosa«, »braun« oder »schwarz«, während die eigene Haut (bzw. die Haut, die evolutionsbedingt in Ihrem Kulturkreis vorherrschend wurde und die wahrscheinlich auch die Ihrige ist) nur schwer zu beschreiben ist. Hellhäutige Menschen europäischer Abstammung würden sagen, dass ihre Haut pfirsichfarben sei, dann aber eingestehen, dass diese Antwort nicht sehr zufriedenstellend ist. Hellbraun trifft es auch nicht. Rosa? Nein. Es gibt einfach keine richtige Farbbezeichnung. Menschen mit afrikanischen Vorfahren könnten sagen, dass ihre Haut braun oder schokoladefarben sei, würden dann aber ebenfalls zugeben, dass diese Bezeichnung doch nicht so ganz stimmt. Zu allen Zeiten wurden die Begriffe zur Beschreibung der Haut von der jeweils herrschenden Gruppe bestimmt. In einer Schachtel mit Crayola-Wachsmalstiften zum Beispiel gab es früher einen Stift mit dem Namen »fleischfarben«, der später in das politisch korrektere »pfirsichfarben« geändert wurde.

Das Problem eines fehlenden Farbnamens zur passenden Beschreibung des Hauttons existiert nicht nur im Englischen und im Deutschen, sondern anscheinend in allen Sprachen. In den letzten 50 Jahren haben sich die Beweise gehäuft, dass alle Menschen die gleichen Farben sehen und dass Sprachen weltweit den optischen Bereich der Farben tendenziell auf die gleiche Weise beschreiben. Dies leuchtet ein, und doch war die akademische Welt anderer Meinung, als die Anthropologen Brent Berlin und Paul Kay diese Idee in den 1960er Jahren zum ersten Mal präsentierten und gegen jeden Protest verteidigten. Ihre bemerkenswerteste Entdeckung war vor allem, dass jede Sprache über höchstens elf verschiedene Farbbezeichnungen verfügt: Weiß, Grau, Schwarz, Blau, Grün, Gelb, Orange, Rot, Braun, Rosa und Violett. In den meisten Sprachen gibt es noch weitere Farbbegriffe, aber im Gegensatz zu den oben genannten fundamentalen elf werden diese zusätzliche Begriffe von Sprache zu Sprache unterschiedlich verwendet, und oft ist ihre Bedeutung einem signifikanten Anteil der Bevölkerung nicht bekannt. So sind diese elf Farben den meisten Deutsch oder Englisch sprechenden Menschen sicher geläufig, während Cyan, Malve oder Chartreuse viele ins Schwimmen bringen.

Für unser Thema sind diese elf grundlegenden Farbbegriffe insofern relevant, als kein einziger davon sich gut zur Beschreibung der Haut eignet. Der Wissenschaftler Robert Boynton, der 1963 das Center for Visual Science an der Rochester University gründete, konnte beweisen, dass Hautfarben bei den elf Grundfarben zu kurz kommen. Mit ein bisschen Fantasie passen die meisten Farben, die es gibt, in eine der elf Kategorien, aber für die Farben, die man in der menschlichen Haut findet, braucht man eine ganz schön große Portion Fantasie. Auch dazu gibt es allerhand verschiedene Auffassungen. Robert Boynton bat 18 Personen, die am schlechtesten kategorisierbare Farbkollektion der Haut zu benennen. Die Antworten fielen folgendermaßen aus: Fünf Personen antworteten mit »Pfirsich«, vier mit »Hellbraun«, drei mit »Braun«, drei mit »Lachs«, zwei mit »Orange« und eine Person gab »Rosa« an. Das ist die Farbtonleiter der menschlichen Haut, für die die Sprache keinen passenden Farbbegriff kennt.

Es sieht also ganz danach aus, dass man die eigene Hautfarbe nur schwer benennen kann. Aber das ist noch nicht alles. Hinzu kommt, dass wir die Haut anders wahrnehmen als andere Farben. Machen wir zur Veranschaulichung ein kleines Experiment: Suchen Sie sich ein Foto von jemandem (wie in Abb. 1.2 [siehe Farbteil]) und benennen Sie alle Farben, die Sie darauf erkennen können. Da Sie wahrscheinlich kein naives Versuchskaninchen sind – Sie werden schon in etwa wissen, worauf ich hinaus will −, können Sie das Experiment auch mit einem Freund oder einer Freundin machen.

Die Idee zu dieser einfachen Übung stammt aus einer Beobachtung während eines Werbespots im Fernsehen, als rot-weiß gekleidete Menschen sich vor einem rot-weißen Hintergrund befanden. Mir fiel auf, dass mir nur zwei Farben auffielen, Rot und Weiß. Nur diese. Aber was war mit den Menschen, die ja auch in der Werbung vorkamen? Sicher waren deren Gesichter und Hände nicht rot oder weiß angemalt. Das hätte ich doch bemerkt! Ich hatte beinahe übersehen, dass in dem Werbespot nicht zwei, sondern eigentlich drei Farben vorkamen: Rot, Weiß und Haut. Ich habe die Hautfarbe ganz anders als die anderen Farben wahrgenommen und erfahren: Mein Gehirn hat die Haut überhaupt nicht als Farbe registriert. Rot und Weiß habe ich wie Malfarben empfunden, die Farbe der Haut hingegen als einen Mangel an Farbe. Sogar die Farbe Weiß, die ja oft gar nicht als Farbe gilt, war in dem Film leicht erkenn-, definier- und benennbar. Ich wette mit Ihnen, dass Sie, Ihr Freund oder Ihre Freundin beim Zählen der Farben auf dem Foto die Hautfarbe übersehen hätten.

Als ich diese Unde finierbarkeit unserer eigenen Hautfarbe zum ersten Mal bemerkte, hat mich das richtig umgehauen. Das Überraschende daran ist nicht nur, dass die Hautfarbe zu den wenigen Farben gehört, die wir so schwer benennen können, sondern vor allem auch angesichts der Tatsache, dass Haut etwas sehr Wichtiges ist. Wir sehen sie jeden Tag! Auf das Gesicht anderer Menschen zu blicken ist eine unserer Hauptbeschäftigungen. Erfolg und Niederlage hängen zu großen Teilen davon ab, wie wir mit unseren Mitmenschen auskommen, daher ist die Haut nicht einfach irgendetwas, sondern eine äußerst wertvolle Sache. Welch ein Zufall, dachte ich, dass die Haut zu den wichtigsten Dingen unseres Leben gehört und gleichzeitig aber auch zu den wenigen Dingen, deren Benennung uns große Schwierigkeiten bereitet – und zu den wenigen Dingen, die so seltsam unbunt aussehen (sogar im Vergleich zur Farbe Weiß!). Meine Intuition sagte mir, dass dies gar kein Zufall ist.

Aber warum? Warum hat die Evolution dafür gesorgt, dass wir unsere Hautfarbe nicht einordnen können und als unbunt empfinden? Wofür sollte das gut gewesen sein? Stellen Sie sich etwas vor, das eine klar benennbare Farbe hat – beispielsweise Orange. Wenn ich 100 Orangen vor Ihnen aufbaue, werden darin einige Farbschwankungen sichtbar, die Sie aber nicht weiter beachten werden. Unbewusst werden Sie alle verschiedenen Schattierungen in ein und dieselbe Kategorie packen: Orange. Dass man Unterschiede beim Klassifizieren ignoriert, ist Programm. Klassifizieren ist Stereotypisieren. Lässt sich die Farbe allerdings nicht definieren, passiert das Gegenteil. Sie scheren all die verschiedenen Schattierungen nicht über einen Kamm, sondern nehmen jeden noch so kleinen Unterschied wahr. Weil unsere Hautfarbe nicht klassifizierbar ist, können wir alle kleinen Abweichungen besser sehen und registrieren deswegen bei der Hautfarbe anderer Menschen auch die kleinen Unterschiede. Ich fragte mich, ob dies kein Zufall ist. Hat sich unsere Fähigkeit des Farbensehens womöglich genau zu diesem Zweck entwickelt?

Erinnern Sie sich an etwas, das ich zuvor gesagt habe: Wir nehmen die Hautfarbe anders wahr als andere Farben, inklusive Weiß. Die Hautfarbe erscheint von der Qualität her unbunt. Was könnte der Grund dafür sein? Denken Sie an eine Parallele beim Geschmack. Wie schmeckt Ihr eigener Speichel? Sein Geschmack ist eigentlich unvergleichlich. Und dasselbe trifft auf den Geruch Ihrer Nase zu, natürlich – sie riecht nach gar nichts. Auch scheint Ihre Haut gar keine Temperatur zu haben. Wir sind so ausgestattet, dass wir nur die Abweichungen vom Normalzustand wahrnehmen, weswegen wir Geschmack, Geruch oder Temperatur meistens nicht sehr deutlich wahrnehmen. Beachten Sie aber, dass sie schon die kleinste Abweichung der chemischen Inhalte Ihres Mundes schmecken. Weil sie Ihren Speichel im Basiszustand nicht schmecken, merken Sie, wenn der Geschmack davon abweicht. Dasselbe trifft auf Geruch und Temperatur zu. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, wie bemerkenswert es ist, dass Sie mit einer bloßen Berührung Ihrer Hand feststellen können, ob jemand Fieber hat? Nicht nur, dass Sie es fühlen können, die fiebrige Person fühlt sich richtig heiß an, auch wenn deren Körpertemperatur nur um ein Grad höher als Ihre ist. Diese erstaunliche Fähigkeit, Temperaturunterschiede wahrzunehmen, beruht zum Teil darauf, dass wir unsere normale Körpertemperatur gar nicht spüren. Was wir bemerken, ist der Unterschied zwischen der Wahrnehmung von Nichts und Etwas.

So verhält es sich auch mit der scheinbaren »Unbuntheit« Ihrer Haut. Sie ist so wenig farblos wie Ihr Körper geschmack- oder temperaturlos ist. Weil unser Farbwahrnehmungssystem die eigene Hautfarbe auf Null geeicht hat, können wir die Farben abseits dieser Null-Linie, also des Basisfarbtons der Haut, leichter erkennen. Wir sind so gebaut, dass wir minimale Veränderungen vom Grundgeschmack unseres Speichels schmecken (nämlich nur ein paar Moleküle Salz) und winzige Veränderungen unserer Grundtemperatur fühlen können. Aufgrund der Schwierigkeit, die wir beim Wahrnehmen und Einordnen der Hautfarbe haben, kann man ableiten, dass der Zweck des Farbensehens darin besteht, von der Grundlinie abweichende Hautfarben wahrzunehmen.

Und wozu soll das gut sein? Weil es wahrscheinlich von großem Vorteil ist, wenn man die am Hautfarbenwechsel ablesbare Stimmung und Befindlichkeit anderer Menschen sehen kann. Nichtfarbige, nichtklassifizierbare Hauttöne sind also goldrichtig, wenn das Farbensehen dafür da ist, durch das Fenster der Haut hindurch ins Innere der Menschen zu spähen.

Klett-Cotta aus dem Englischen von Carmen Scharlach (Orig.: The Vision Revolution. How the lastest research overturns everything we thought we knew about human vision.)
1. Aufl. 2012, 263 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 16 Seiten Farbteil, s/w-Abbildungen
ISBN: 978-3-608-94660-4
autor_portrait
Rensselaer / Mark McCarty

Mark Changizi

Mark Changizi, geboren 1969, wurde 2002 Fellow am renommierten Sloan- Swartz Institut am Caltech, arbeitet heute als Evolutionsneurobiologe und ist...


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