Seelische Spaltung und innere Heilung

Traumatische Erfahrungen integrieren
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In den Spiegel der eigenen Seele blicken

Das Selbst traumatisierter Patienten ist häufig tief gespalten, was zu immer neuem Leid führt. Wie es gelingt, die Abspaltungen ins Bewusstsein des Patienten zu heben, ihre Funktionen zu klären und therapeutische Strategien zu entwickeln, zeigt der Autor an zahlreichen eindrucksvollen Beispielen.

Jeder Mensch kann Spaltungsprozesse an sich selbst beobachten. Wenn eine Situation für uns emotional schwierig wird, reduzieren wir unsere Gefühle; wir spalten sie ab. Dieser nützliche Selbsthilfeakt der Psyche kann bei Traumatisierungen zu tiefen und dauerhaften Spaltungen der Persönlichkeit führen. Für Psychotherapeuten stellen diese Patienten eine große Herausforderung dar.

Anhand zahlreicher Fallbeispiele gibt der Autor hier seinen Erfahrungsschatz weiter:
- Er beschreibt die Bandbreite der vorkommenden Spaltungen.
- Er zeigt, wie Therapeuten Spaltungen und unbewusste Persönlichkeitsanteile bei ihren Patienten erkennen.
- Er vermittelt die nötigen Strategien, um mit dieser Patientengruppe effektiv zu arbeiten. Die Weiterentwicklung der Familienaufstellung im Sinne einer Aufstellung der »inneren Familie« spielt hierbei eine zentrale Rolle.

Nicht nur Fachleute, auch Betroffene und Angehörige von traumatisierten Menschen werden dieses Buch mit Gewinn lesen.

Inhaltsverzeichnis

Herzlichen Dank!
1. Tiefe Risse und kleine Wunden
2. Die »Seele«
3. Begriffe und Konzepte von Spaltung
3.1 Schizophren, ambivalent, zerrissen, blockiert
3.2 Spaltung und Dissoziation
3.3 Theorieansätze zum »Vielfachwesen Mensch«
4. Trauma und Spaltung
4.1 Dissoziationen in Belastungssituationen
4.2 Dissoziationen und Stress
4.3 Traumatische Notfallreaktionen
4.4 Auf- und Abspaltungen
4.5 Gesunde Anteile
4.6 Traumatisierte Anteile
4.7 Überlebens-Ich-Anteile
4.8 Vielfache Spaltungen
4.9 Extreme Polarisierungen
4.10 Stabilität und Balance
4.11 Körperliche Grundlagen für Spaltungen
5. Formen von Spaltungen
5.1 Existenztraumata
5.2 Verlusttraumata
5.3 Bindungstraumata
5.4 Bindungssystemtraumata
6. Spaltungen und Verstrickungen
6.1 Unheilvolle Symbiose
6.2 Kindliche Abhängigkeitsmuster
6.3 Mittragen elterlicher Spaltungen
6.4 Verstrickte Paarbeziehungen
6.5 Verstrickungen in der Psychotherapie
6.6 Verstrickungen in der Sozialarbeit
6.7 Wahnhafte Verstrickungen
7. Leben im Überlebensmodus
7.1 Aktionismus
7.2 Symptome unterdrücken
7.3 Krankheiten beseitigen
8. Innere Heilung
8.1 Erkennen der Spaltungen
8.2 Verstehen der gespaltenen Anteile
8.3 Verstehen der Gesamtorganisation der Anteile
8.4 Rekonstruktion der Wirklichkeit
8.5 Überlebensanteile für die Therapie gewinnen
8.6 Selbstbefreiung des traumatisierten Anteils
8.7 Lösungsansätze bei den vier Traumaarten
8.8 Sich aus der kindlichen Abhängigkeit lösen
8.9 Verschmelzung oder Nebeneinander?
8.10 Leben statt Überleben
9. Die therapeutische Arbeit mit Aufstellungen
9.1 Von Familien- zu Traumaaufstellungen
9.2 Die Komplexität von Aufstellungen
9.3 Die Praxis des Traumaaufstellens
9.4 Methodische Aspekte des Aufstellens
9.5 Spiegelneurone
9.6 Spiegelungs-Resonanzphänome
10. Forschungsprojekt zur Aufstellungsmethode
10.1 Fragestellung der Forschung
10.2 Stichprobe und Durchführung der Erhebungen
10.3 Wie Patienten Aufstellungen erleben
10.4 Wie zuverlässig können Stellvertreter widerspiegeln?
10.5 Neue Informationen aus Aufstellungen
10.6 Zusammenfassung und Diskussion
11. Blick nach vorne
Literatur

Leseprobe

8. Innere Heilung
Wie im Innen, so im Außen
Unter innerer Heilung verstehe ich einen Prozess, der nicht im Außen, sondern in der eigenen Seele den Ausweg sucht. Innere Heilung bedeutet, sich nicht mehr abhängig davon zu machen, was andere für einen tun oder von einem erwarten. Wer den Weg der inneren Heilung geht, hat die Zuversicht, dass sich die Probleme im Außen lösen werden, sobald die innere Bereitschaft dafür vorliegt. Das gesunde Ich beugt sich deshalb auch keinem Aktionsdruck eines Überlebens-Ichs mehr. Der Weg der inneren Heilung nimmt die Probleme im Außen sogar als eine Chance wahr, sich in erster Linie selbst besser zu verstehen und sich zu fragen, wofür die eigene Seele dieses oder jenes Problem im Moment möglicherweise braucht. Sich mit seinen Spaltungen nicht nur zu arrangieren, sondern sich daraus zu befreien, ist kein einfacher und bequemer Weg. Vielleicht ist es im Endeffekt aber sogar der kürzeste Weg von allen.
Es sind nach meiner Erfahrung verschiedene Prozesse, die stattfinden, um Schritt für Schritt in einen Zustand innerer Heilung zu gelangen.
8.1 Erkennen der Spaltungen
An erster Stelle steht das Erkennen und Anerkennen der eigenen Spaltungen. Da es ein Wesensmerkmal der Spaltung ist, dass die voneinander getrennten Seelenanteile keine bewusste Verbindung mehr miteinander haben, kann ein Mensch auch nur entweder in dem einen oder in dem anderen Anteil im vollen Bewusstsein wahrnehmen, fühlen, denken und handeln. Er kann sich nur in einem traumatisierten, in einem Überlebensanteil oder in seinem heil gebliebenen Anteil seiner selbst bewusst sein. Es ist ein großer, erster Schritt auf dem Weg der inneren Heilung, wenn sich Menschen ihrer seelischen Spaltungen bewusst werden und erkennen, in welchen Alltagssituationen sie den Wechsel von einer Teilpersönlichkeit zur anderen vollziehen.
Im folgenden Beispiel beschreibt eine Patientin ihre Erfahrungen nach einer Therapiesitzung, in der wir mit ihrem Täter- und Opferanteil arbeiteten, die sich unversöhnlich gegenüberstanden. Ihre Mutter wollte sie nicht haben, da sie aus einer außerehelichen Beziehung hervorging und ihr Vater gleichzeitig zwei weitere Frauen geschwängert hatte. Die Patientin überlebte die Abtreibungsversuche ihrer Mutter und war später wiederholt deren Mordanschlägen ausgesetzt. Die zerstörerische Energie ihrer Mutter war zu einem Teil ihrer selbst geworden. Ihre anderen Anteile mussten dagegen ankämpfen, sich schützen und diesen selbstzerstörerischen Anteil in Schach halten. Dieser mit dem gewalttätigen und ablehnenden Anteil ihrer Mutter symbiotisch verschmolzene Anteil - in der Fachsprache würde man hier von »Täterintrojekten« sprechen (Huber, 2003) - setzte die Anschläge der Mutter erneut in Szene, die in der Kindheit der Patientin stattgefunden hatten.
»Wegen dem stirbst du nicht. Mach weiter!«
»Nach der letzten Stunde war anfänglich viel Gedankenkreisen, ich wollte alles ergründen und erforschen. Als vieles abgespult war, kam ein Dampfkessel von Gefühlen in mir hoch: Zweifel, Ärger, Zerstörungswut. Ich sprach mit diesem aufbegehrenden Anteil: ›Was brauchst du? Was kann ich für dich tun, damit es dir besser geht?‹
Ich fuhr mit dem Fahrrad in die ruhige Natur hinaus zum Brombeerpflücken. Ein Abhang mit leuchtenden schwarzen Beeren lud mich ein. Als ich das Gefäß fast voll hatte, sah ich ganz oben noch welche. Ich ging hin und pflückte. Da flog plötzlich das Gefäß weg, ich machte einen Salto rückwärts. Als ich wieder zu mir kam und die Augen öffnete, lag ich am unteren Rand des Abhangs im nassen Gras. Ich prüfte, ob ich noch ganz war, und bedankte mich für den Schutz. Leicht benommen hörte ich in mir eine befehlende Stimme: ›Mach mit dem Pflücken weiter, weil du noch ganz bist.‹ Automatisch stand ich auf und fing wieder an zu pflücken. Plötzlich hielt ich inne und erkannte die Situation. Diese Stimme in mir war gewaltsam und ohne jedes Mitgefühl. Ich erkannte, dass es in mir verschiedene Anteile gab: einen Teil, der mich zerstören will, einen Teil, der mich schützt, und einen Teil, der im Notfall den Körper verlässt. Etwas Ähnliches war mir bereits vor 25 Jahren passiert, als ich den Totalschaden mit meinem Auto hatte. Eine zerstörerische Energie ergriff mich, das Auto war erfüllt damit. Ich raste von einem Stoppschild aus auf ein Verkehrsschild zu, das 150 Meter entfernt war. Das Auto überschlug sich und lag auf dem Dach. Es war völlig Schrott. Außer einem Schock und einem leichten Schleudertrauma hatte ich keine Kratzer. Die zerstörerische Energie nahm ich als etwas von außen Kommendes wahr, ebenso wie die mich schützende Lichtenergie.
Ich sehe jetzt auch noch eine weitere Verbindung. Mit achteinhalb Jahren musste ich beim Heuladen helfen. Der Wagen war schon übervoll, und meine Mutter rief mir zu: ›Nimm das Heu und stampfe es ganz hinten außen fest.‹ Im nächsten Moment fuhr sie dann plötzlich mit dem Traktor vorwärts. Ich flog rückwärts vom Wagen, prallte hart auf dem Boden auf und rang nach Luft. Meine Mutter kam zu mir und sagte: ›Wegen dem stirbst du nicht. Leg dich dort unter den Baum, bis der Schwindel vorbei ist.‹ Ich hatte danach wochenlang Rückenschmerzen.
Mit 35 Jahren ließ ich meine Rückenschmerzen medizinisch abklären. Auf dem Röntgenbild zeigte sich, dass auf der Höhe der Brustwirbel zwei Wirbel ineinander verkeilt sind. Der Arzt meinte: ›Sie müssen in früher Jugend einen heftigen Sturz erlebt haben.‹
Als Kind war ich voller Fragen über meine Umwelt. Heute bin ich es in Bezug auf meine eigene Innenwelt. Wie kann ich mir selbst vertrauen, wenn ein Teil in mir ist, der mir Schaden will, mich umbringen will? Ein Teil in mir vertraut blindlings und verrät mich auch. Er ist dumm und blöd. Wie kann ich da anderen vertrauen? Ich habe das Gefühl, in mir sind viele kleine Risse und Spaltungen eingebettet in die große Spaltung zwischen Gefühl und Verstand.«
Besonders bei Bindungstraumata bildet sich in einem Menschen eine komplexe Struktur von Auf- und Abspaltungen aus. Die Aufstellungsmethode kann diesen Schritt zur Selbsterkenntnis, welche unterschiedlichen Anteile in der eigenen Seele vorhanden sind, in hohem Maße fördern. Sie ist wie ein Röntgenbild für das Erkennen seelischer Strukturen. Indem er für seine Spaltungen jeweils eigene Stellvertreter auswählt, kann sich der Patient von außen beobachten und das Zusammenspiel seiner verschiedenen Anteile ansehen. Das Hinsehen aus einer Beobachterperspektive begünstigt die Herausbildung einer neuen Bewusstheitsstufe, die notwendig für den späteren Integrationsprozess der verschiedenen Seelenanteile ist.
8.2 Verstehen der gespaltenen Anteile
Auch für das intensivere Kennenlernen der einzelnen Persönlichkeitsanteile ist die Aufstellungsmethode nach meinen Erfahrungen hervorragend geeignet. Die Stellvertreter verleihen den Wahrnehmungen, Gefühlen und Gedanken der einzelnen Anteile Ausdruck und Stimme. Der Patient kann sehen, was seine einzelnen Anteile bewegt, wie sehr oder wie wenig sie in Kontakt miteinander sind. Gerade bei den tieferen und primären Spaltungen sieht er, wie getrennt voneinander der traumatisierte und der Überlebensanteil existieren und sich gegenseitig kaum wahrnehmen. In der Regel ignoriert der Überlebensanteil den traumatisierten Anteil, wendet sich von ihm weg, lehnt ihn ab, hält ihn für einen Simulanten, erachtet es für sinnlos und gefährlich, sich mit ihm zu befassen, oder hat Angst davor, dass er unkontrollierte Dinge macht. Das Überlebens-Ich steht der aufdeckend arbeitenden Psychotherapie verständlicherweise sehr ablehnend und kritisch gegenüber.
Traumatisierte Anteile sind in den meisten Fällen in ihrer Welt eingeschlossen, ohne Kontakt zu den anderen Anteilen und mit sich selbst beschäftigt. Sie frieren, zittern, schwanken, blicken starr auf einen Punkt auf dem Boden oder in der Ferne. Sie stehen starr da, sind wie in Watte gepackt, fühlen sich wie unter einer Glasglocke oder legen sich voller Verzweiflung eingerollt auf den Boden. Sie sind in ihren jeweils eigenen Filmen gefangen. Alles, was ich in der Fachliteratur über traumatisierte Zustände gelesen oder bei traumatisierten Menschen unmittelbar beobachten konnte, habe ich bereits auch in Aufstellungen durch Stellvertreter repräsentiert gesehen.
Angst und Erstarrung
Bei Hermann hatte sich nach Einschätzung seiner Ärzte über 15 Jahre lang ein Tumor in seinem Gehirn entwickelt. Auch nachdem dieser Tumor operativ entfernt worden war, bekam Hermann wieder Kopfschmerzen und geriet in Schwindel- und Erstarrungszustände. Das Gehirngewebe wucherte weiter. Hermann wollte sich in einer Aufstellung damit auseinandersetzen, welche seelische Bedeutung dieser Tumor in seinem Kopf hat. Der Seelenanteil, der mit diesem Tumor in Verbindung steht, erwies sich als ein frühkindlicher Zustand, der keinen Kontakt zu seiner Mutter bekam, da diese sich nicht entscheiden konnte, ob sie ihn als ihr Kind haben wollte oder ihn lieber abtreiben sollte. Dahinter wirkte das Schicksal der Großmutter, die, durch Krieg und sexuelle Gewalt traumatisiert, völlig in Angst erstarrt war. Für sie erschien der Tod als der einzige Ausweg, der sie aus dieser Erstarrung befreien konnte. Als wir den Tod in die Aufstellung brachten, zog es den Anteil von Hermann, der mit seinem Tumor in Verbindung steht, magnetisch zum Tod hin. Er klammerte sich an den Tod als seinen einzigen Halt. Hermann, der im Außenkreis saß, räumte nun ein, dass er schon sein ganzes Leben lang voller Ängste ist und auch schon öfter an Suizid gedacht hatte. Als dann der lebendige Anteil der Großmutter in die Aufstellung genommen wurde, den sie wegen der Traumatisierungen preisgegeben hatte, wendete sich das Blatt. Plötzlich waren echte Gefühle da, und auch Hermann im Außenkreis wurde von diesen Gefühlen tief berührt. Er öffnete immer mehr sein Herz und konnte aus tiefer Seele weinen. Es gelang ihm, so in Kontakt mit seinem abgespaltenen Anteil zu treten und ihn zu bewegen, den Tod als seinen Fixpunkt loszulassen.
In einer späteren Sitzung arbeiteten wir direkt mit diesem in seiner Angst erstarrten sehr frühen Seelenanteil. Indem er gegen körperlichen Widerstand ankämpfen musste, den ich mit meiner Körperkraft erzeugte, wachte er aus seiner Erstarrung auf und wurde immer beweglicher und entspannt zugleich.
Diese Arbeit, Spaltungen sichtbar zu machen, kann auch in der Einzeltherapie stattfinden. Ich gebe dazu den Patienten die Gelegenheit, Kissen als Platzhalter für ihre verschiedenen Persönlichkeitsanteile auszuwählen. Wenn sie sich in das Energiefeld der verschiedenen Persönlichkeitsanteile begeben, können sie die unterschiedlichen Wahrnehmungen, Körpergefühle, Stimmungen und Haltungen ihrer verschiedenen Seelenanteile erspüren, wenn sie dafür offen sind.
8.3 Verstehen der Gesamtorganisation der Anteile
Das Phänomen der seelischen Spaltung ist allein vom Verstand nur schwer zu begreifen. Das Überlebens-Ich weigert sich ohnehin, Spaltungen als Realität zu sehen. Die Erfahrungen in der Therapie, und insbesondere durch Aufstellungen, können für die gesunden Ich-Anteile ein neues Bewusstsein darüber schaffen, was seelische Spaltungen sind, wie sie entstanden sind und wie sie sich im Laufe des Lebens weiterentwickelt haben. Das tiefere Verständnis für die gesamte Organisation der seelischen Spaltungen, das Mit- und Gegeneinander der einzelnen Anteile ist für Therapeuten eine wichtige Voraussetzung, um Patienten zu helfen, aus diesen Spaltungen wieder herauszukommen. Ansonsten arbeitet man möglicherweise isoliert mit einem einzelnen Anteil, glaubt ein gutes Ergebnis erzielt zu haben, und ein anderer Anteil, der sich bislang im Hintergrund gehalten hat, macht den Effekt der therapeutischen Behandlung dann wieder zunichte.
»Teufel und Engel«
Besonders bei Missbrauchserfahrungen können die Spaltungen bei Patientinnen und Patienten so tief greifend sein, dass diese ohne ein Verständnis ihrer seelischen Gesamtorganisation nicht zu sich selbst finden können. Eine Patientin beschreibt ihren Erkenntnisprozess: »Das Wichtigste, das ich erfahren habe, war, dass ich eine Spaltung habe. Das habe ich im Laufe der Therapie erkannt. Und in einer Aufstellung ist dann etwas sehr Wichtiges für mich herausgekommen. Nämlich dass bei einer Spaltung nicht ›Gut‹ und ›Böse‹ getrennt wird. Mit einer Bewertung kann man da überhaupt nicht rangehen. Sondern es gibt einfach zwei Dinge, die getrennt werden voneinander. Und weil sie getrennt sind voneinander, darum entsteht das Problem. Beziehungsweise weil keine Bewusstheit zwischen den beiden Anteilen stattfindet.
Bei mir ging es im Wesentlichen um meinen Großvater, bei dem ich mehr oder weniger aufgewachsen bin, weil meine Mutter mich am liebsten umgebracht hätte. Für diesen Großvater war ich das Wichtigste und Liebste auf der Welt, und er umgekehrt für mich auch. Er war der Einzige, den ich hatte. Und gleichzeitig hat er mich aber auch so wahnsinnig, so rituell missbraucht. Diese ganzen rituellen Geschichten stammen von ihm. Er war in so einem pseudoreligiösen Kreis, und dadurch ist das passiert. Durch die Aufstellung ist mir klar geworden: mein Großvater stand zweimal da. Der eine war einfach wunderbar, den liebe ich, den liebe ich auch heute noch. Das ist ein ganz toller Mann, ein liebenswerter Mensch. Was Spaltung bedeutet, ist mir ganz klar geworden. Dieses Nebeneinander-existieren-Können, obwohl es sich eigentlich gegenseitig ausschließt. Man könnte ja meinen, man kann den Teufel und den Engel nicht in einem haben. Aber wir können es.«
Durch mehrere Aufstellungen wurde dieser Patientin die Gesamtorganisation ihrer Persönlichkeit und das Neben- und Gegeneinander der verschiedenen Anteile in ihr immer deutlicher bewusst: »Bei mir ist es so, dass ich einen Anteil in mir habe, das ist die ›Therapeutin‹. Die kann wirklich rausgehen, ein Stück weggehen - und dann ganz allein die Regie übernehmen. Die hat überhaupt keine Probleme. Die ist total fit. Die ist ganz gut. Und dann habe ich noch so einen anderen Anteil, den nenne ich immer ›die Alltagsbewältigerin‹, die mit wirklich allem fertig wird. Da gibt es nichts, womit die nicht fertig wird. Die fährt auch den anderen Anteilen total über den Mund und sperrt die alle ein. Sie sagt, jetzt ist Ruhe. Also, Probleme gibt es jetzt nicht mehr! Also Schluss jetzt! Jetzt haut mal ab!
Aber wie es den anderen geht, diesen anderen, die sonst so nie in Erscheinung treten, das habe ich vorher nicht gewusst. Das habe ich in der Aufstellung erfahren. Wie schlecht es denen wirklich geht, das habe ich vorher nicht gewusst. Ich habe es selbst für mich gar nicht so empfunden. Weil ich ja diese beiden anderen Teile habe, in die ich dann sofort geflüchtet bin - ich konnte ja sofort, wenn es mir zu viel wurde, immer gleich abhauen. Und dann habe ich die armen Kinder da im Keller sitzen lassen, und dann waren sie mir egal. Natürlich war das auch eine Überlebensstrategie. Das habe ich wirklich nicht gewusst. Das habe ich da erst gesehen.«
»Das Buch ist gut strukturiert, fachlich korrekt und zugleich verstehbar (auch für Laien) geschrieben. Das Buch ist fundiert und zeichnet sich sowohl durch seine empathischen, achtsamen und zugleich theoretisch fundierten Darstellungen als auch durch seine hohe ethische und fachliche Verantwortung aus. (...) Das Buch ist allen zu empfehlen, die interessiert sind an gelingender Kindheit und gelingendem Leben, besonders aber für Eltern, Erziehende, SozialarbeiterInnen und TherapeutInnen.«
Dr. Michaela Schumacher (www.socialnet.de, 17.11.2008)
Klett-Cotta Leben lernen Leben Lernen 203
4. Aufl. 2014, 264 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-89051-8
autor_portrait

Franz Ruppert

Franz Ruppert, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, ist Professor an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München und in eigener...

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