Die Autorin schildert anhand eindrücklicher Fallbeispiele, wie vielseitig Geschichten im Rahmen eines integrativen, ganzheitlichen und ressourcenorientierten Konzeptes psychotherapeutisch genutzt werden können.
Vielen Therapeuten fallen sofort KlientInnen ein, bei denen sie nach wenigen Gesprächen den Eindruck gewinnen, dass es nicht reicht, »nur« zu reden. Annette Pestalozzi-Bridel zeigt, dass es für die Gesundung der Patienten unerlässlich ist, neben der Sprachebene auch die »wortlosen Erzählungen« des Körpers und die Aussagekraft symbolischer Bilder wirken zu lassen.
Das auf diese Weise vorgenommene »Ent-decken« und Umgestalten von Geschichten in der Therapie ermöglicht »gefühlte Bedeutungen« und intensiviert somit wichtige Lernprozesse.
Die Autorin schildert anhand eindrücklicher Fallbeispiele, wie vielseitig Geschichten im Rahmen eines integrativen, ganzheitlichen und ressourcenorientierten Konzeptes psychotherapeutisch genutzt werden können.
ZIELGRUPPE:
- Alle PsychotherapeutInnen, besonders
- systemischer und tiefenpsychologisch orientierter Richtung
Schlüsselwörter:
Psychologie, Psychotherapie, Psychologische Beratung, Systemische Therapie, Familientherapie, Tiefenpsychologie, psychosomatisch, Körper, Körper und Psyche, Körperwahrnehmung, Körperorientierte Psychotherapie, Körpersprache, Embodiment, symbolische Bilder, Imagination, Bildersprache, Körpersprache, Resilienz, Ressourcen, ganzheitlich, Familiendynamik, Familientherapie, Psychodrama, Monodrama, Coaching, Grawe, Borst, C. G. Jung, Maja Storch, System Familie, Depression, Angst
Worte sind Silber – Was ist Gold?
Integratives Psychotherapiekonzept, systemisch und psychodynamisch: Multicodierter und multiperspektivischer Umgang mit Narrativen /Geschichten in Körper/Embodiment, symbolischen Bildern und Sprache.
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Danksagung 9
Vorwort 11
Einleitung 13
Einleitung
Im alten Ägypten bedeutete ein Kunstwerk zu schaffen , es zum Leben zu bringen, ihm sozusagen Leben einzuflößen. Psychotherapie ist insofern eine Kunst, als es ihr gelingt, heilsame Geschichten und die ihnen entsprechenden neuen Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln und lebendig werden zu lassen.
Geschichten sind schöpferische Gestaltungen, welche vergangene
Lebenserfahrungen und zukünftige Lebensmöglichkeiten organisieren, ihnen
ein Gesicht und damit Sinn verleihen. Heilsame Geschichten werden
aufgefunden und entdeckt: Sie entstehen, entwickeln und entfalten sich
im psychotherapeutischen Kontext auf der Basis alter, problematischer
Geschichten, die mit dem Blick auf Handlungsspielräume
ressourcenorientiert umgestaltet werden. Denn jede Geschichte,
Lebensgeschichte, Paar- und Familiengeschichte beinhaltet sowohl das »So
war es« im Sinne des Gegebenen, Unabänderlichen, wie auch das »Was
wäre, wenn « im Sinne des Veränderbaren, welches den Möglichkeitsraum
eröffnet. (vgl. Welter/Hildenbrand 1996)
Dabei sind Worte Silber, aber was ist Gold?
Das Anliegen dieses Buches ist es, die vielfältigen Formen des
Gestaltens von und des gestaltenden psychotherapeutischen Umgangs mit
Geschichten aufzuzeigen. Ein nicht nur auf das verbale Erzählen und
damit explizite Inhalte beschränkter Umgang mit Geschichten ist
umfassender und entspricht dem therapeutisch bedeutsamen Anliegen
ganzheitlichen Begegnens und Verstehens. Dieses muss vor allem auch den
Zugang zu unbewussten, impliziten Inhalten, welche problematisches
Verhalten maßgeblich steuern, eröffnen.
Vor dem Hintergrund neurobiologischer Erkenntnisse basieren
problematische Geschichten und ihnen entsprechende Handlungsmuster zu
einem Großteil auf gespeichertem, implizitem emotionalem
Erfahrungswissen, welches für die gegenwärtigen Verhältnisse nicht mehr
sinnvoll, d. h. maladaptiv ist. Dieses kann im Rahmen eines
psychotherapeutischen Prozesses umgestaltet werden in ein den aktuellen
Verhältnissen angepasstes, wohladaptives Wissen und Handeln. Therapie
ist in diesem Sinn mit Winslade und Monk (2000) als »archäologisches
Unternehmen« und das Entdecken von neuen Geschichten als »Archäologie
der Hoffnung« zu bezeichnen: Heilsame Geschichten werden sozusagen in
tieferen Schichten »sondiert« und aus der Dunkelheit, in der diese prä-
und nonverbalen Inhalte und Prozesse schlummern, ans Licht gebracht.
Geschichten werden nicht nur in Worten erzählt, sondern umfassender gestaltet:
körperlich, bildhaft und dramatisch. Jede Geschichte ist eine schöpferische Gestaltungs-Leistung im Sinn einer Wahr gebung .
Das Unsagbare von Geschichten verweist in der therapeutischen
Begegnung auf Erinnerungsspuren, die sogenannte »konzentrierte
Lebenserfahrung« (Roth), die der Organismus im schnell abrufbaren
impliziten Modus zur Verfügung stellt, aber auch auf das Unbewältigte,
einst Überfordernde, Verletzende und Traumatische, an dem die Sprache
oft zerbricht.
In den dunklen Nachtseiten von Geschichten stecken gleichwohl
vielfältige neue Möglichkeiten. Dort, wo mit dem Konjunktiv der
Phantasie, der Denkfigur des »Was wäre, wenn « Vergangenes in
Zukünftiges transformiert wird, schlummern Heilungspotenziale, welche in
den Hoffnungen und Wünschen der Klienten liegen.
Geprägt durch langjährige Ausbildung bei und die Arbeit mit Frau
Welter-Enderlin und dem Meilener Konzept therapeutischen Begegnens und
Verstehens (1996), ist der feste Bezugspunkt des psychotherapeutischen
Umgangs mit Klienten und ihren Geschichten die Verknüpfung von
Vergangenheit und Zukunft , diese doppelte Orientierung an »Wurzeln und Flügeln« (Welter-Enderlin 2003, S. 23), an dem »was war« und dem »was wäre, wenn «
Psychotherapeutisch bedeutsames Erforschen und Umgestalten von
Geschichten, welche die Grundlage von Veränderung bilden, geschieht in
der doppelten Orientierung an Vergangenheit und Zukunft, in einer
ständigen, fließenden Hin-und-her-Bewegung zwischen zwei Polen und
orientiert sich an zwei Perspektiven: an dem Blick in die Vergangenheit
(auf das Woher, die Herkunft) und in die Zukunft (auf das Wohin), an der
Problem- und der Ressourcenperspektive. Das Verstehen, um das es mir
geht, ist ganzheitlich geprägt und nimmt sowohl die expliziten wie
impliziten Dimensionen von Geschichten in den Blick. Die einseitig
kognitive Orientierung an expliziten, sprachlich fassbaren Inhalten
von Geschichten – wie sie in der systemischen Therapie immer wieder
vorkommt – schränkt die Möglichkeiten, zu verstehen und therapeutische
Entwicklungs- und Veränderungspotenziale zu stärken, erheblich ein.
Eine therapeutische Begegnung, die von solch einem Verständnis geprägt
ist, erfordert einen multiperspektivischen, mehrdimensionalen Umgang
mit Geschichten als Grundlage von Veränderung. Denn Inhalte von
Geschichten sind auf verschiedenen, miteinander in Wechselwirkung
stehenden Ebenen gespeichert, d. h. multicodiert: als Körpererinnerung,
bildhaft und sprachlich. Bewusstsein entwickelt sich als gestaltender
Erkenntnisprozess in diesen drei miteinander vernetzten Gestaltungs- und
Ausdrucksräumen: im Körper-, Bild- und Sprachraum.
Zwei verschiedene Bewusstseinsformen unterscheidend, geht es im Erkenntnisprozess einerseits um eine prä- und nonverbale Form des Erkennens durch das Körperselbst, welches bewusstseinsfähig, aber nicht an Sprache, sondern an körper liche Anzeichen gekoppelt ist; andererseits um eine sprachliche Form von Bewusstsein. Implizite Inhalte von Geschichten zeigen sich körperlich und in symbolischen Bildern, welche eng mit körperlich erlebten Empfindungen und Gefühlen verbunden sind; explizite Inhalte sind an die Wortsprache gebunden.
Sowohl das Erforschen und Auffinden von problematischen als auch das
Entdecken und Entwerfen von heilsamen Geschichten, d. h. das Finden von
alten und das Anbahnen von neuen neuronalen Netzwerken, muss auf allen
drei Ebenen stattfinden: So kann die Wechselwirkung von Sprach-, Bild-
und Körperraum psychotherapeutisch genutzt und der Multicodierung von
neuronalen Netzen Rechnung getragen werden.
Beim ganzheitlichen Umgang mit Geschichten geht es – neben expliziten
Inhalten – immer auch um das Einkreisen des Unsagbaren, im Bewusstsein,
dass ein großer Anteil menschlichen Fühlens und Handelns von unbewusst
verlaufenden, impliziten Inhalten und Prozessen gesteuert wird. Dabei
hat das Symbol – als »Darstellung des Unsichtbaren mit den Mitteln des
Sichtbaren« (Silberer 1988, S. 55) – eine große Bedeutung. Symbolische
Bilder sind »Dreh- und Angelpunkt« zwischen dem subsymbolisch
körperlichen System und der Sprache bzw. zwischen der Welt des
körperlichen Unbewussten und dem bewussten Verstand, der über Worte und
Sprache verfügt (vgl. Storch 2008, S. 84); sie weisen weit über die
sprachliche Ebene hinaus auf Hintergründiges, ergänzen diese in
sinnvollster Weise und vertiefen und bereichern das Entwicklungs- und
Veränderungspotenzial im therapeutischen Prozess: Sie sind Brennpunkte
der schöpferischen Entwicklung.
Im psychotherapeutischen Kontext geht es darum, Symbolbildungen,
symbolische Gestaltungen, symbolische Bildergeschichten zu bestimmten
Themen auf vielfältige Weise anzuregen und Träume als symbolische
Gestaltungen aufzunehmen. Dabei macht sich der Therapeut den
Projektionsvorgang psychotherapeutisch zunutze: Die Auswahl von Bildern
und Gegenständen, das Modellieren und Malen von Bildern, das Inszenieren
von Bildern mit Figuren und Gegenständen, das Erzählen von Träumen, die
Verkörperung von Bildern und symbolische Gestaltungen und Handlungen im
psychodramatischen Umgang mit Geschichten spielen eine zentrale Rolle.
Das Verständnis der Bildsprache, das Sich-ins-Bild-Setzen im
übertragenen Sinn, ist herausfordernde, inspirierende Aufgabe des
Therapeuten.
Meine Faszination gilt immer wieder den Prozessen, die, wenn die
Symbolbildung angeregt wird, vom Unbewussten der Psyche ausgehen und
prozesshaft vorangetrieben werden; die sich so oft als
Selbstheilungsprozesse erweisen, in denen die Heilungspotenziale der
Klienten zum Tragen kommen. Diese eigendynamischen Prozesse, welche die
Entfaltung und Entwicklung von Geschichten bewirken, sind nicht vom
bewussten Ich gesteuert; sie können ausgelöst werden und in Gang kommen,
aber sie sind nicht machbar ; sondern geschenkt –
oftmals in kritischen Situationen, in denen Patienten psychisch
gefährdet sind. Sie sind immer wieder Anlass zum Staunen, sie berühren
tief, sie bewegen und bilden das ursprüngliche Motiv, weshalb ich dieses
Buch schreibe.
Heilsame Geschichten entdecken und entwickeln umfasst neben der symbolischbildhaften Dimension auch die wortlose Erzählung des Körpers .
»Somatische Marker« – das Konzept des Neurowissenschaftlers Damasio
(2002) – zeigen impli zite Prozesse und Inhalte in Form von
Körperempfindungen und/oder starken Gefühlen an. Storch/Krause (2002)
hat Methoden entwickelt, wie somatische Marker psychotherapeutisch
genutzt werden können. Die achtsame Wahrnehmung von somatischen Markern
ermöglicht einen Zugang zu körperlich angezeigten Geschichten.
Gesundheitsdienliche Handlungsmuster, welche in sondierten/heilsamen
Geschichten entworfen werden, können über ein sogenanntes »Embodiment«
(Storch et al. 2006) im Körper verankert werden.
Psychosomatische Beschwerden stellen ihrerseits eine wortlose Erzählung des Körpers dar. Bilder spielen auch hier, beim Auffinden der dahinter verborgenen Leidensgeschichte und dem Entwerfen von heilsamen Geschichten eine Schlüssel-rolle.
Zum Aufbau des Buches: Im ersten Teil werden die theoretischen
Grundlagen eines mehrdimensionalen und multiperspektivischen Umgangs mit
Geschichten als Grundlage von Veränderung – auf der Sprach-, Bild- und
Körperebene und mit der Problem- und Ressourcenperspektive – dargestellt
und an Fallbeispielen belegt. Im zweiten Teil wird der mehrdimensionale
und multiperspektivische Umgang mit Geschichten methodisch und
praktisch konkretisiert und an Fallbeispielen und Fallverläufen
veranschaulicht.
Dieses integrative Konzept, das meine persönliche Handschrift trägt,
stellt einen Versuch dar, das für mich in vielen Jahren praktischer
psycho- und systemtherapeutischer Arbeit und Lehrtätigkeit Wesentliche
und mich immer wieder Faszinierende sowohl theoretisch wie auch
praktisch und mittels konkreter Fallbeispiele, Fallgeschichten
zugänglich und für andere anwendbar zu machen.
Aus systemischer Sicht wurde bis vor wenigen Jahren davon
ausgegangen, dass individuelles Verhalten ausschließlich oder zumindest
in erster Linie über den Beziehungskontext, in dem das Verhalten
stattfindet, zu erklären sei. Die Theorie der Selbstorganisation
lebender Systeme ergänzt diese Sicht insofern, als dass vor allem die
innere Selbstorganisation des Individuums letztlich bestimmend für sein
Erleben und Verhalten sei. Dies entspricht meinen eigenen
psychotherapeutischen Erfahrungen, die darüber hinaus zeigen, dass
Erlebens- und Verhaltensmuster in erster Linie geprägt sind durch
gespeicherte implizite emotionale Erfahrungen in der Kindheit und
Jugendzeit/Adoleszenz, welche sich über das ganze Leben hinweg
weiterentwickeln.
Grundsätzlich sind Erfahrungen aus früheren Schichten von Geschichten –
so auch aus vorangegangenen Partnerschaften oder aus Anfangszeiten von
Beziehungen – für aktuelles Verhalten prägend. Dementsprechend liegt der
Fokus dieses Konzeptes auf der intrapsychischen Ebene, d. h. einer
systemischen Annäherungsweise an die Psyche im Sinn der
psychotherapeutischen Arbeit mit innerpsychischen Systemen, die wie
äußere Systeme organisiert sind, sowie auf dem multiperspektivischen und
mehrdimensionalen Umgang mit Geschichten von Klienten als schöpferische
Gestaltungsleistungen, subjektive Präsentationen von Erfahrung und
zukünftigen Möglichkeiten. Der Blick für die Wechselwirkung zwischen
Außen- und Innenwelt, inneren und äußeren Systemen, die gegenseitige
Beeinflussung von innerer und äußerer Wirklichkeit, auch für die
Dialogik von Objektiv-Realem und Subjektiv-Imaginativem geht dabei nicht
verloren.
Das Umgestalten, Entwerfen und Umsetzen von neuen, heilsamen
Geschichten und Handlungsmustern geschieht mit Blick auf gegenwärtige
Verhältnisse, respektive Systeme und trägt diesen Rechnung. Sie werden
in Einzeltherapien im psychodramatischen Umgang durch symbolische
Repräsentation und Rolleneinkleidung einbezogen. In Paartherapien
richtet sich der Blick sowohl auf intrapsychische wie interaktionelle
Ebenen, es geht sowohl um alte individuelle wie auch alte
Paar-Geschichten.
Ein Kunstwerk zu schaffen bedeutet, es zum Leben zu bringen. Ich
hoffe, dass es diesem Buch gelingt, die reiche, vielseitige und kostbare
Erfahrung im Umgang mit Geschichten lebendig werden zu lassen – zu
vermitteln, dass dabei Worte Silber sind, die Nutzung der Wechselwirkung
von Körper-, Bild- und Sprachraum aber Gold ist.
Annette Pestalozzi-Bridel, Dr. phil., arbeitet in eigener psychiatrisch-psychologischer Praxis in Zürich und lehrt am Ausbildungsinstitut für...