Otherland. Band 3

Berg aus schwarzem Glas
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»Suche den legendären Berg aus schwarzem Glas, von dem es heißt, er reiche bis zu den Sternen, und dort wirst du die Antwort finden.«

Sie erschien Paul Jonas im Traum. Er kannte sie so gut, ihre merkwürdige geflügelte Gestalt, ihre traurigen Augen. Er kannte diese Frau, die von sich sagte, sie sei ein »gesprungener Spiegel«, aber seine Erinnerung an sie, wer sie war, was sie ihm bedeutet hatte, war verloren. Und doch war die geheimnisvolle Nachricht, die sie ihm brachte, seine einzige Hoffnung, dieses labyrinthische virtuelle Netzwerk, das Otherland hieß, zu überleben.

»Du wirst das, was du suchst, bei Sonnenuntergang vor Ilions Mauern finden.«

So sprach die geheimnisvolle schlafende Frau zu Orlando. Aber was sollte das bedeuten? Und wie sollte ein schwerkranker Junge, der in einem virtuellen Ägypten voller feindseliger, blutrünstiger Götter und mythischer Kreaturen um sein Leben kämpfte, je dieses Ziel finden?

Im dritten Band, dem bisher spannendsten, erhält die Erzählung ein neues Tempo, denn die Zeit wird knapp: Die Gralsbruderschaft macht sich bereit, den letzten Schritt zu tun - nämlich einzugehen in das Netzwerk Otherland, um das ewige Leben zu gewinnen. Die Rätsel um Paul Jonas werden gelüftet, und Renie und ihre Freunde sehen sich mit dem schrecklichsten Geheimnis von Otherland konfrontiert, das immer nur schaudernd »Der Andere« genannt wird...

Im November 2004 hat Tad Williams für »Otherland« den Corine-Future Preis erhalten.

Leseprobe
Während die Frau sprach, zog die Flamme der Öllampe mehrmals seinen Blick auf sich, und die flackernde Helle kam ihm in diesem ruhigen Raum wie das einzig Wirkliche im ganzen Universum vor. Selbst ihre Augen, die großen dunklen Augen, die er so gut kannte, schienen nur ein Detail aus einem Traum zu sein. Es war beinahe nicht zu glauben, aber dies hier war endlich, ganz ohne Frage, sie. Er hatte sie gefunden.
Aber so einfach kann es nicht sein, dachte Paul Jonas. Das wäre das erste Mal.
Und natürlich hatte er recht.

Zuerst hatte es tatsächlich den Anschein, als ob eine lange verschlossene Tür zu guter Letzt doch noch aufgegangen wäre - oder vielmehr, als ob Paul, dem das Entsetzen über Gallys Tod immer noch in den Knochen steckte, die Endrunde eines extrem langwierigen und unbegreiflichen Wettkampfs erreicht hätte.

Die Frau des verhinderten Heimkehrers Odysseus, die alle für seine Witwe hielten, vertröstete ihre Freier schon seit geraumer Zeit mit der Ausrede, vor jedem Gedanken an eine neue Vermählung müsse sie erst ihrem Schwiegervater das Leichentuch gewebt haben. Allnächtlich, wenn die Freier betrunken eingeschlafen waren, trennte sie dann die Arbeit des Tages heimlich wieder auf. Darum traf Paul, als er in der Gestalt ihres Mannes zu ihr kam, sie am Webstuhl an. Als sie sich umdrehte, sah er, daß das Motiv des Tuches Vögel waren, hell blickende, schön geflügelte Vögel, jede einzelne Feder ein kleines Wunder aus farbigen Fäden, aber er schaute nicht lange darauf. Die geheimnisvolle Erscheinung, die in so vielen Gestalten und in so vielen Träumen zu ihm gekommen war und die sich an diesem Ort als hochgewachsene, schlanke Frau im reifen Alter darstellte, stand ihm jetzt wartend gegenüber.
„Es gibt so viel, was wir zu bereden haben, mein langverschollener Mann - so viel!“
Sie bot ihm ihren Hocker an. Als er sich gesetzt hatte, kniete sie sich mit natürlicher Grazie zu seinen Füßen auf die Steinplatten. Wie alle im Haus roch sie nach Wolle, Olivenöl und Holzrauch, aber darunter war noch ein Duft, den Paul als ihren ureigenen empfand, ein Hauch von Blumigkeit, Körperlichkeit.

Seltsamerweise umarmte sie ihn nicht, ja rief nicht einmal die Dienerin Eurykleia zurück, um ihrem so lange vermißten Gatten Wein oder Speisen bringen zu lassen, aber Paul war nicht enttäuscht: Antworten auf seine vielen Fragen interessierten ihn viel mehr. Die Lampenflamme flackerte, dann wurde sie still, als ob die Welt den Atem anhielte. Alles an ihr wirkte vertraut, sprach von einem Leben, das er verloren hatte und unbedingt wiedergewinnen wollte. Er wollte sie an sich pressen, aber irgend etwas, vielleicht ihr kühler, ein wenig scheuer Blick, hielt ihn ab. Er war von den Ereignissen ganz benommen und wußte nicht, wo er anfangen sollte.
„Wie ... wie heißt du?“
„Wie ich heiße? Penelope, du Seltsamer“, sagte sie, und ein Verwunderungsfältchen erschien zwischen ihren Brauen. „Hat dich die Fahrt in das düstere Reich des Todes sogar um dein Gedächtnis gebracht? Das wäre aber sehr traurig.“
Paul schüttelte den Kopf. Den Namen von Odysseus´ Gemahlin kannte er, aber er hatte keine Lust, ein vorgegebenes Szenarium auszuagieren. „Aber wie heißt du wirklich? Vaala?“
Der sorgenvolle Blick verfinsterte sich. Sie lehnte sich von ihm weg wie von einem Tier, das sie jeden Augenblick anspringen konnte. „Bitte, Odysseus, sage mir, was du von mir zu hören wünschst. Ich will dich nicht erzürnen, denn sonst könnte es geschehen, daß deine Seele gar keine Ruhe mehr findet.“
„Seele?“ Er streckte die Hand nach ihr aus, doch sie scheute zurück. „Meinst du denn, ich bin tot? Schau doch, ich lebe! Faß mich an!“
Noch während sie ihm mit einer ebenso anmutigen wie entschlossenen Bewegung auswich, wechselte ihre Miene schlagartig von Furcht zu Verwirrung. Gleich darauf überkam sie eine tiefe Traurigkeit, und ein Blick erschien, der keinen Bezug zu ihren vorherigen Reaktionen zu haben schien. Es war beängstigend mit anzusehen.
„Ich habe dich lange genug mit meinen Frauensorgen aufgehalten“, sagte sie. „Die Schiffe zerren an den Ankertauen. Die Helden Agamemnon und Menelaos und die andern warten ungeduldig, und du mußt übers Meer nach dem fernen Troja fahren.“
„Was?“ Paul wurde aus dem plötzlichen Stimmungsumschlag nicht schlau. Eben noch hatte sie ihn behandelt, als wäre er das Gespenst ihres Mannes, jetzt wollte sie ihn hopplahopp in den Trojanischen Krieg schicken, der längst aus sein mußte - wieso sonst sollten alle so staunen, daß er noch lebte? „Aber ich bin doch gerade zu dir heimgekehrt. Du sagtest, du hättest mir viel zu erzählen.“

Einen Moment lang erstarrte Penelopes Gesicht, bevor es auftaute und den nächsten, wieder ganz anderen Ausdruck annahm, eine Leidensmaske erzwungener Tapferkeit. Was sie sagte, gab praktisch keinen Sinn. „Bitte, guter Bettler, zwar bin ich sicher, daß Odysseus, mein Gatte, tot ist, aber wenn du mir irgend etwas von seinen letzten Tagen berichten kannst, verspreche ich dir, daß du nie wieder Hunger leiden wirst.“
Ihm war zumute, als stellte sich ein fester Bürgersteig, auf den er zu treten gemeint hatte, als ein sausendes Karussell heraus. „Warte! Ich verstehe nichts von alledem. Kennst du mich denn nicht? Eben hast du noch das Gegenteil gesagt. Wir sind uns in dem Schloß des Riesen begegnet. Dann haben wir uns auf dem Mars wiedergesehen, wo du Flügel hattest. Dort war dein Name Vaala.“
Erst verhärtete sich das Gesicht seiner einstigen Frau zornig, dann aber wurde ihr Blick milder. „Du Armer“, sagte sie mitfühlend. „Nur einige der vielen Schicksalsschläge zu leiden, die meinen erfindungsreichen Gatten ereilten, hat dich um den Verstand gebracht. Ich werde dir von meinen Mägden ein Bett anweisen lassen, ein wenig abseits, wo die grausamen Freier dir nicht das Leben zur Qual machen. Vielleicht weißt du mir am Morgen Vernünftigeres zu berichten.“ Sie klatschte in die Hände, und die greise Eurykleia erschien in der Tür. „Besorge diesem alten Mann einen sauberen Schlafplatz, und gib ihm zu essen und zu trinken!“
„Das kannst du nicht mit mir machen!“ Paul beugte sich vor und packte den Saum ihres langen Kleides. Mit einem Auflodern echter Wut fuhr sie zurück.
„Du gehst zu weit! Dieses Haus ist voll von bewaffneten Männern, die dich nur zu gern umbringen würden, wenn sie hoffen dürften, mich damit zu beeindrucken.“

Er sprang auf und wußte nicht, was er tun sollte. Die ganze Welt schien mit einem Schlag eingestürzt zu sein. „Kannst du dich wirklich nicht an mich erinnern? Vor wenigen Minuten konntest du es noch. Mein wirklicher Name ist Paul Jonas. Sagt dir das gar nichts?“
Penelope entspannte sich, aber ihr förmliches Lächeln war steif, geradezu gequält, und einen Moment lang meinte Paul, hinter ihren Augen ein verängstigtes Wesen flattern zu sehen, einen eingesperrten Vogel, der verzweifelt zu fliehen versuchte. Der Eindruck verblaßte; sie winkte ihm zu gehen und wandte sich wieder ihrer Webarbeit zu.
Draußen vor der Tür legte er der alten Frau die Hand auf die Schulter. „Sag mir, kennst du mich?“
„Selbstverständlich, Odysseus, selbst in diesen Lumpen und mit deinem grauen Bart.“ Sie führte ihn die schmale Stiege ins Erdgeschoß hinunter.
„Und wie lange bin ich weg gewesen?“
„Zwanzig schreckliche Jahre, Herr.“
„Warum denkt meine Frau dann, ich sei jemand anders? Oder daß ich im Begriff sei, nach Troja aufzubrechen?“
Eurykleia schüttelte den Kopf. Sie wirkte nicht übermäßig beunruhigt. „Vielleicht hat der lange Kummer sie krank im Kopf gemacht. Oder vielleicht hat ein Gott ihren Blick umnachtet, so daß sie die Wahrheit nicht sehen kann.“
„Oder vielleicht bin ich einfach verloren“, murmelte Paul. „Vielleicht bin ich dazu verurteilt, ewig herumzuirren.“
Die alte Frau schnalzte mit der Zunge. „Du solltest vorsichtig mit deinen Worten sein, Odysseus. Die Götter hören alles.“

Er lag zusammengerollt auf der gestampften Erde des Küchenfußbodens. Die Sonne war untergegangen, und der kalte Nachtwind vom Meer pfiff durch das große, zugige Haus. Die angenehme Wärme des Backofens, die von den Steinen abstrahlte, versöhnte ihn völlig mit der Asche und dem Schmutz um ihn herum, doch selbst die Tatsache, daß er es warm hatte, statt irgendwo draußen frieren zu müssen, war kein großer Trost.
Denk doch mal nach, sagte er sich. Im Grunde wußtest du genau, daß es nicht so leicht werden würde. Die Dienerin sagte: „Vielleicht hat ein Gott ihren Blick umnachtet.“ Könnte es das sein? Irgendein Zauber oder sowas? Es gab in dieser Welt so viele Möglichkeiten, und an handfesten Tatsachen wußte er nur das wenige, was Nandi Paradivasch, mit vielen bewußten Auslassungen, ihm erzählt hatte. Paul war als Kind im Lösen von Rätseln oder in Strategiespielen nie besonders gut gewesen, hatte viel lieber vor sich hingeträumt, jetzt aber verfluchte er dieses Kind, das er gewesen war, für seine Trägheit.
Aber niemand würde ihm diese Arbeit abnehmen.
Während Paul darüber nachsann, was aus ihm geworden war - eine denkende Figur, vielleicht die einzige, auf diesem großen Spielbrett des Homerischen Griechenland Ä, ging ihm, gedämpft und doch mächtig wie ferner Donner, eine Erkenntnis auf. Ich gehe das völlig falsch an. Ich denke über diese Simwelt nach, als ob sie real wäre, obwohl sie bloß eine Erfindung ist, ein Spielzeug. Aber ich muß sie als Erfindung begreifen lernen. Welche Spielregeln gelten hier? Wie funktioniert dieses Netzwerk tatsächlich? Warum bin ich Odysseus, und was soll hier mit mir geschehen?

Er versuchte angestrengt, sich an seinen Griechischunterricht in der Schule zurückzuerinnern. Wenn diese Simwelt sich um die lange Fahrt aus Homers Odyssee drehte, dann konnte das Haus des Königs auf Ithaka nur am Anfang der Geschichte vorkommen, beim Aufbruch des Irrfahrers, oder am Schluß, bei seiner Rückkehr. Und auch wenn dieser Ort noch so realistisch war - wie alle Simwelten, in die es ihn bisher verschlagen hatte Ä, real war er trotzdem nicht: Vielleicht konnte einfach nicht jede Eventualität einprogrammiert werden. Vielleicht gab es sogar für die Besitzer des Otherlandnetzwerks finanzielle Grenzen. Das würde bedeuten, daß es eine endliche Anzahl von Verhaltensmöglichkeiten geben mußte, begrenzt zum Teil dadurch, was die Replikanten verstehen konnten. Irgendwie hatte Pauls Erscheinen hier in der Frau, die derzeit Penelope hieß, mehrere gegensätzliche Reaktionen ausgelöst.

Aber wenn er widersprüchliche Verhaltensweisen auslöste, warum hatte die Dienerin Eurykleia ihn dann sofort als verkleideten und nach langer Abwesenheit heimgekehrten Odysseus erkannt, ohne ein einziges Mal an dieser Erkenntnis irrezuwerden? Damit folgte sie weitgehend der Originalvorlage, sofern er sich auf seine Lektüre vor langer Zeit verlassen konnte. Warum also sollte die Dienerin richtig reagieren und die Herrin des Hauses nicht?
Weil sie verschiedenen Kategorien angehören, begriff er. Es gibt in diesen Simulationen nicht bloß zwei Typen von Personen, echte und falsche, es gibt wenigstens noch einen dritten Typ, auch wenn ich nicht weiß, was es damit auf sich hat. Gally war einer von diesem dritten Typ. Die Vogelfrau, Vaala oder Penelope, oder wie sie in Wirklichkeit heißen mag, muß auch eine sein.
Das klang fürs erste halbwegs logisch. Die Replikanten, die restlos Teil der Simulationen waren, hatten keinerlei Zweifel daran, wer sie waren oder was um sie herum geschah, und verließen die Welten, für die sie geschaffen worden waren, anscheinend niemals. Im Grunde verhielten sich Reps wie die alte Dienerin so, als ob sie und die Simulationen vollkommen real wären. Sie waren zudem gut programmiert; wie erfahrene Schauspieler gingen sie über Patzer und Unsicherheiten der menschlichen Teilnehmer einfach hinweg.
Am anderen Ende des Spektrums waren sich die richtigen Menschen, die Bürger, immer darüber im klaren, daß sie sich in einer Simulation befanden.
Aber es gab offenbar noch einen dritten Typ, Figuren wie Gally und die Vogelfrau, die sich von einer Simwelt in die andere bewegen konnten, aber sich dabei in jedem Environment Gedächtnis und Ichidentität in unterschiedlichem Maße bewahrten. Was waren sie also? Gestörte Bürger? Oder weiter fortgeschrittene Reps einer neuen Art, die nicht simulationsspezifisch war?
Da kam ihm ein Gedanke, und selbst die wohlige Wärme vom Backofen konnte nicht verhindern, daß ein eisiger Schauder ihm über den Rücken lief.
Gott steh mir bei, das trifft auf Paul Jonas genauso zu wie auf sie. Was macht mich so sicher, daß ich ein richtiger Mensch bin?

Die helle Morgensonne über Ithaka drang in fast jeden Winkel des Hauses und scheuchte den inkognito reisenden König nicht lange nach Tagesanbruch von seiner Lagerstatt neben dem Ofen hoch. Paul hatte ohnehin kein Bedürfnis, länger liegenzubleiben - das Wissen, daß die Küchenmägde virtuell waren, machte ihre giftigen Bemerkungen über seine Abgerissenheit und Schmutzigkeit auch nicht viel liebenswerter.
Obwohl die alte Eurykleia bereits alle Hände voll damit zu tun hatte, den Wünschen der Freier und des übrigen Hauses nachzukommen, sorgte sie dafür, daß er etwas zu essen bekam - sie hätte ihm viel mehr gebracht als das Stück Brot und den Becher mit stark verdünntem Wein, die er sich geben ließ, aber er hielt es nicht für klug, bei irgend jemand Neid oder Verdacht zu schüren. Das Behagen, mit dem er das krustige Brot kaute, brachte ihn auf die Frage, wie wohl sein wirklicher Körper ernährt wurde. Trotz des kärglichen Mahles und seines Bemühens, nicht weiter aufzufallen, berieten sich etliche der Mägde bereits flüsternd darüber, welchen von ihren Favoriten unter Penelopes Freiern sie dazu bewegen sollten, diesen dreckigen Alten aus dem Haus zu jagen. Paul wollte sich nicht mit einem der adligen Schnorrer messen - selbst wenn er die Kraft und Ausdauer bekommen haben sollte, einen dieser strotzenden Recken zu besiegen, war er doch müde und niedergeschlagen und absolut nicht zu weiteren Kämpfen aufgelegt. Um jede Konfrontation zu vermeiden, nahm er seinen Brotkanten und ging hinaus, um an der Steilküste spazierenzugehen und nachzudenken.

Einerlei, was die Schöpfer dieser Simulation sonst noch im Sinn gehabt hatten, dachte Paul, das wunderbar klare, helle Licht des Mittelmeeres hatten sie jedenfalls hervorragend hingekriegt. Selbst so früh an diesem heißen Morgen sahen die Felsen an der Küste makellos weiß aus wie frisches Papier und reflektierten das Licht derart grell, daß er nicht zu dicht in ihrer Nähe stehen konnte. Obwohl er die Sonne im Rücken hatte, mußte er die Augen beschatten.
Ich muß die Spielregeln lernen, dachte er, während er den unter ihm kreisenden Möwen zusah. Nicht bloß für Griechenland, sondern für dieses ganze Netzwerk. Ich muß sie durchschauen, oder ich werde ewig im Dunkeln tappen. Die andere Erscheinungsform von Vaala, die Frau, die zuerst im Traum zu mir gesprochen hat und dann durch das Neandertalerkind, meinte, ich müsse zu einem schwarzen Berg.
„Er reicht bis zum Himmel“, hatte sie ihm erzählt, „er verdeckt die Sterne. Dort liegen alle Antworten auf deine Fragen.“ Doch als er sie gefragt hatte, wie er dort hinkomme, hatte sie geantwortet: „Ich weiß es nicht. Doch es kann sein, daß es mir einfällt, wenn du mich findest.“ Und dann hatte die Traumversion von Vaala ihn hierhergeschickt, die Frau zu suchen, die allem Anschein nach sie selbst in anderer Gestalt war - aber an dem Punkt setzte die Logik vollkommen aus. Wie konnte es sein, daß sie Bescheid wußte ... und dennoch nicht Bescheid wußte? Was mochte das zu bedeuten haben? Es sei denn, seine Vermutung vom gestrigen Abend traf zu und sie war weder ein normaler Mensch noch simuliert, sondern etwas anderes. Hatte sie vielleicht gemeint, daß sie von Simulation zu Simulation Zugriff auf unterschiedliche Erinnerungen hatte?

Aber in der Gestalt dieser Penelope scheint sie überhaupt nichts zu wissen, dachte er säuerlich. Sie weiß nicht mal, daß sie nur eine Rolle spielt, weiß nicht, daß sie selbst mich hierhergeschickt hat.
Er bückte sich, hob einen flachen Stein auf und schleuderte ihn in die steife Brise vom Meer; erst Sekunden später platschte er am Fuß des schroffen Kliffs ins Wasser. Der Wind wechselte die Richtung und schubste Paul einen Schritt näher an den Abgrund heran, immer noch in sicherer Entfernung vom Rand, aber doch nahe genug, daß sich sein Unterleib bei dem Gedanken an den langen Sturz zusammenkrampfte.
Es gibt so vieles, was ich nicht weiß. Kann ich wirklich von etwas sterben, das hier in einer Simulation passiert? Die goldene Harfe meinte, auch wenn nichts real sei, könnte das, was ich sehe, mich verletzen oder töten. Wenn dies alles ein Simulationsnetzwerk ist, hatte sie mit der ersten Behauptung recht, und ich sollte davon ausgehen, daß die zweite ebenfalls stimmt, auch wenn sie nicht sehr vernünftig klingt. Nandi benahm sich jedenfalls so, als ob wir beide in Xanadu in echter Gefahr schwebten ...

Schrill pfeifende Musik ertönte ein ganzes Stück weit hinter ihm und störte seine Konzentration. Er seufzte. Fragen über Fragen, und nirgends ein Ende abzusehen. Wie war dieser andere griechische Mythos nochmal, von einem vielköpfigen, drachenartigen Ungeheuer - der Hydra? Wenn man ihr einen Kopf abschlug, wuchsen dafür zwei neue nach - erging es ihm nicht genauso? Man sollte meinen, das Zusammentreffen mit Nandi und der Venezianerin Eleanora hätte alle Rätsel aufklären müssen, die ihn plagten, aber je mehr Fragen er weghackte, um so schneller ließ er einen dichten Strauß neuer Hydraköpfe sprießen. Es war wie ein verwickelter modernistischer Thriller über entfesselte Verschwörungstheorien, eine Fabel über die Gefährlichkeit paranoider Wahnvorstellungen.
Die Flöte schrillte abermals, als ob ein Kind seine Aufmerksamkeit gewinnen wollte. Er runzelte die Stirn über die Ablenkung - aber zur Zeit war eigentlich alles Ablenkung. Selbst die Mitteilungen, die ihm anscheinend helfen sollten, waren dubios. Eine Traumversion von Vaala hatte ihn hierher zu einer anderen Version von ihr geschickt, die ihn nicht kannte. Er hatte einen hilfreichen Hinweis von der goldenen Harfe erhalten, die er im Schloß eines Riesen gefunden hatte, aber dann hatte sie erst wieder in der Eiszeit zu ihm gesprochen, wo sie zu einem Juwel geworden war.
War das Schloß nun ein Traum oder eine andere Simulation? Und von wem stammt diese Harfenbotschaft überhaupt? Wenn sie von Nandis Leuten stammt - sie sind meines Wissens die einzigen, die versuchen könnten, einen wie mich zu warnen Ä, warum hatte dann Nandi noch nie von mir gehört? Und wer ist diese Vogelfrau Vaala, und warum bin ich mir so gottverdammt sicher, daß ich sie kenne?

Paul holte den letzten Rest Brot aus einer Falte seines zerschlissenen Umhangs, kaute und schluckte ihn hinunter und setzte dann seinen Weg auf dem Felsgrat in der ungefähren Richtung der aufdringlichen Flöte fort. Als er dem Pfad bergab folgte, wurde das Spielen von einem lauten und rasch immer lauter werdenden Bellen übertönt. Es war kaum durch seine zerstreuten Gedanken in seine Wahrnehmung gedrungen, als schon vier mächtige Doggen mit weit aufgerissenen roten Mäulern in wilder Jagd den Pfad hinaufgeprescht kamen, aufgeregt und blutrünstig kläffend. In jähem Schrecken blieb er stehen und wich ein paar Schritte zurück, aber der Hang hinter ihm war steil und bot keine Zuflucht, und daß er keine Chance hatte, vor diesen vierbeinigen Monstern davonzulaufen, war ihm klar.
Während er sich bückte und den Boden nach einem Ast abtastete, mit dem er sich wehren und das Unvermeidliche immerhin noch ein wenig hinauszögern konnte, gellte ein lauter Pfiff über den Hügel. Die Hunde hielten etwa zehn Meter vor Paul an und drehten sich wütend bellend auf der Stelle, kamen aber nicht näher. Ein schlanker junger Mann trat weiter unten hinter einem Stein hervor, musterte Paul kurz und pfiff dann noch einmal. Die Hunde zogen sich knurrend zurück, verzichteten sichtlich ungern auf die sichere Beute. Als sie den jungen Mann erreicht hatten, gab dieser dem vordersten einen leichten Klaps auf die Flanke, und alle trotteten wieder den Hang hinunter. Er winkte Paul, ihm zu folgen, dann setzte er eine Flöte an die Lippen, drehte sich um und schlenderte mit heiterem, wenn auch nicht sehr musikalischem Gefiepe hinter den rasch enteilenden Hunden her.
Paul wußte nicht, was er von alledem halten sollte, aber hatte nicht vor, jemanden zu kränken, dem so große, angriffslustige Tiere aufs Wort gehorchten. Er ging hinterher.

Ein ebenes Stück Land zwischen den Hügeln kam hinter der nächsten Biegung in Sicht, ein weiter offener Platz mit wenigen Gebäuden darauf, aber was Paul zunächst für eine weitere große Wohnanlage hielt, etwas primitiver gebaut als der Königssitz auf dem Hügel, stellte sich bald als ein Gehöft heraus, in dem Vieh gehalten wurde, vor allem Schweine, wie es aussah. Ein ausgedehnter ummauerter Bereich war in Koben unterteilt worden, von denen jeder mehrere Dutzend Mutterschweine beherbergte. Einige hundert weitere lagen draußen vor den Koben auf dem weitläufigen Hof, faul und träge wie reiche Touristen an einem Drittweltstrand.
Der junge Mann mit den Hunden war irgendwohin verschwunden, aber ein leicht hinkender älterer Mann tauchte jetzt aus dem Schatten einer der höheren Mauern auf, die Sandale, die er gerade ausbesserte, noch in der breiten Hand haltend. Sein Bart war fast gänzlich grau, aber sein massiger Oberkörper und seine muskulösen Arme deuteten darauf hin, daß er sich die Kraft seiner jüngeren Jahre zu einem gut Teil bewahrt hatte.
„Komm, Alter“, rief er Paul zu. „Du hast Glück gehabt, daß mein Junge bei den Hunden war, als sie auf dich losgingen. Mich freut es natürlich auch - ich habe hier schon genug Scherereien, und es hätte mir Schimpf und Schande gebracht, wenn sie dich zerrissen und gefressen hätten. Komm, trink einen Wein mit mir, und dabei kannst du mir deine Geschichte erzählen.“
Der Mann und seine Worte stießen irgendeine Erinnerung in Paul an, aber er bekam sie nicht richtig zu fassen. Abermals verfluchte er sich dafür, daß er so unaufmerksam gewesen war, als er Homer gehabt hatte, erst in Cranleigh und dann noch einmal an der Universität.
Andererseits, woher hätte ich das wissen sollen? Klar, wenn mir jemand gesagt hätte: „Hör mal, Jonas, eines Tages wirst du in einer Live-Version der Odyssee landen und dort um dein Leben kämpfen müssen“, da hätte ich die Nase wahrscheinlich ein bißchen tiefer in die Bücher gesteckt. Aber wer hätte das ahnen können?
„Sehr freundlich von dir“, sagte er laut zu dem Mann, in dem er den Obersauhirten vermutete, den Schweinefleischzüchter sozusagen. „Ich hatte nicht vor, deine Hunde wütend zu machen. Ich bin leider fremd hier.“
„Fremd? Du bist wohl mit dem Schiff gekommen, das bei der Grotte des Phorkys anlegte? Sei´s drum, nur ein Grund mehr. Es soll niemand von Eumaios sagen, er habe einem Fremden nicht die gebührende Gastfreundschaft erwiesen.“
Paul glaubte sicher, den Namen schon einmal gehört zu haben, aber das bloße Wissen, daß er ihn kennen sollte, half ihm nicht im geringsten.

Die Hütte des Sauhirten war spärlich eingerichtet, aber es war dennoch angenehm, aus der Sonne zu kommen, die schon lange vor Mittag ziemlich heiß war, und keine Staubwolken mehr aufzuwirbeln. Der mit Wasser versetzte Wein, den Eumaios ihm reichte, war ebenfalls willkommen. Paul nahm einen langen Zug, dann noch einen, ehe er sich für eine Unterhaltung gerüstet fühlte.
„So sage mir denn die Wahrheit, Fremder“, begann Eumaios. „Du kommst von dem phäakischen Schiff, das gerade lange genug in der Bucht Halt machte, um sich mit frischem Wasser aus der Quelle einzudecken, ist es nicht so?“
Paul zögerte, dann nickte er. Irgendwas mit den Phäaken war in der Odyssee vorgekommen, soweit reichte seine Erinnerung noch.
„Falls dies dein erster Besuch in Ithaka ist, hast du dir einen traurigen Zeitpunkt dafür ausgesucht.“ Eumaios rülpste und rieb sich den Bauch. „Zu andern Zeiten hätte ich dir ein Mastschwein vorsetzen können, aber gegenwärtig kann ich nur ein Ferkel erübrigen, und ein mageres und kleines obendrein. Die Freier, die sich im Hause meines Herrn einquartiert haben, verprassen sein Gut. Trotzdem, Bettler und Fremde kommen im Namen des Zeus, du sollst also nicht hungrig von dannen gehen.“

Der Sauhirt schwadronierte noch eine ganze Weile über dieses Thema weiter und verbreitete sich ausführlich darüber, wie lasterhaft Penelopes unerwünschte Freier seien und wie übel die Götter seinem Herrn Odysseus mitgespielt hätten. Paul erinnerte sich dunkel daran, daß er irgendwie verwandelt sein mußte - einer der Götter hatte Odysseus´ Gesicht verändert, damit er unerkannt von seinen Feinden nach Hause zurückkehren konnte Ä, und fragte sich, wieso die alte Eurykleia ihn hatte erkennen können, während der Sauhirt ihn als Fremden behandelte.
Nach vielleicht einer Stunde müßigen Geplauders schlachtete sein Gastgeber zwei Ferkel, zerlegte sie und briet ihr Fleisch an Spießen über dem Feuer. Trotz der Freundlichkeit des Mannes merkte Paul, wie er langsam ungeduldig und mißmutig wurde. Ich könnte hier wochenlang herumspazieren und mir von all den edlen alten Bedienten überschwengliche Lobeshymnen auf ihren edlen verschollenen Herrn anhören, aber unterdessen muß ich in meinem eigenen Haus auf dem Fußboden schlafen. Er besann sich und grinste schief. Im Haus der Figur, die ich darstelle. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß ich was unternehmen muß.

Eumaios setzte ihm Gerstengrütze und Spieße mit gebratenem Schweinefleisch vor. Beim Essen redete Paul über dies und das, aber er hatte nicht gut genug von dem Epos im Kopf, um viel erzählen zu können, was den Sauhirten interessierte. Unterstützt von dem Essen, mehreren gut gefüllten Schalen Wein und der nachmittäglichen Hitze verfielen er und Eumaios schließlich in eine satte, schweigende Dumpfheit, die sich nicht sehr von der der Tiere draußen unterschied. Eine dunkle Erinnerung regte sich in Paul.
„Hat der König nicht einen Sohn? Tele ... irgendwas?“
„Telemachos?“ Eumaios rülpste abermals leise und kratzte sich. „Ja, ein Prachtkerl, ganz der Vater. Er hat sich heimlich auf die Suche nach unserem armen Odysseus begeben - ich glaube, er wollte zu Menelaos, dem Kameraden seines Vaters vor Troja.“ Während er die schlechte Behandlung beschrieb, die Telemachos von den Freiern erdulden mußte, ging Paul die Frage durch den Kopf, ob die Abwesenheit des Sohnes zum Szenarium der Simwelt gehörte, oder ob es einen direkten Bezug zu ihm gab. Hätte Gally dieser Sohn sein sollen? Der Gedanke war schmerzlich ernüchternd, und einen Moment lang betrachtete Paul sich selbst wie von außen - hingelümmelt in der stinkenden Hütte eines imaginären Sauhirten, betrunken von verdünntem Wein und unverdünntem Selbstmitleid. Es war kein schöner Anblick, nicht einmal in seiner Vorstellung.
Sei nicht blöde, sagte er sich. Das System hätte nur dann wissen können, daß ich Gally bei mir hatte, wenn er mit mir in diese Simulation gekommen wäre, und das ist er nicht. Diese Dreckskerle haben ihn in Venedig umgebracht. So unklar ihm sein eigener Zustand war, an Gallys Schicksal war kaum zu zweifeln - die grauenhafte, erschütternde Szene war völlig eindeutig gewesen.

Aber während er an den Jungen dachte, kam ihm abermals die Frage, wie das ganze System funktionieren mochte. Es gab Bürger und Replikanten, soviel war klar, aber fielen alle anderen, die Gallys und die Penelopes, in ein und dieselbe Kategorie? Die Vogelfrau war hier, aber es gab auch eine Version von ihr auf dem Mars. Und was war mit der, die ihm im Traum erschien? Wenn es mehrere Versionen von ihr gab, konnten diese dann niemals koexistieren, niemals ihr Wissen einander mitteilen? Sie mußten irgendeinen roten Faden gemeinsam haben, wie sonst hätte die Traumfrau in der Neandertalerwelt von ihrem anderen Ich hier auf Ithaka wissen können?
Und was war mit seinen Verfolgern, diesen beiden scheußlichen Kreaturen, die ihn von einer Simulation zur anderen hetzten? Waren sie richtige Menschen?
Die letzten Momente in Venedig fielen ihm wieder ein, das bizarre Durcheinander der Ereignisse - Eleanora, eine reale Frau, die jedoch in ihrer eigenen Simulation als eine Art Gespenst erschienen war, die Finchfigur und die Mulletfigur, die ihn erneut aufgespürt hatten, herzlos und gnadenlos wie ansteckende Viren ... und die Pankies.
Mein Gott, wie passen die da rein? überlegte Paul. Sie sahen aus wie Finch und Mullet, aber sie waren anders - der gleiche Fall wie bei den verschiedenen Gestalten meiner Vogelfrau. Aber in jeder Simulation, wo ich war, hat es immer nur eine Version von ihr gegeben, entweder eine real vorkommende Figur wie Penelope oder eine Traumgestalt. Die Pankies und ihre Doppelgänger sind beide zur gleichen Zeit in Venedig aufgetaucht ...
Er konnte den merkwürdigen Ausdruck nicht vergessen, der auf Undine Pankies breitem, schwammigem Gesicht erschienen war, die instinktive, geradezu automatische Reaktion. Dann hatten sie und ihr schmächtiger Ehemann sich einfach abgewandt und waren in den Katakomben verschwunden wie zwei Schauspieler, die gemerkt hatten, daß sie im falschen Stück waren.
Seltsam, wie häufig wichtige Dinge - besonders solche, die mit der geheimnisvollen Frau zu tun hatten - sich im Dunstkreis der Sterbenden und Toten abspielten. Die venezianischen Gruften, der sterbende Neandertalerjunge, die exhumierten Leichen im Friedhof an der Westfront. Tod und Sterben. Obwohl, in Hampton Court hatte es auch ein Labyrinth gegeben. Labyrinthe und Friedhöfe - was faszinierte diese Leute daran?
Ein Gedanke keimte in ihm auf. Schlagartig nüchtern geworden setzte er sich gerade hin. „Ich habe eine Frage, guter Eumaios“, begann er unvermittelt. Wenn diese Wesen Maschineneffekte waren, dann war es um so wahrscheinlicher, daß es Regeln gab, Logik ... Antworten. Er mußte bloß herausfinden, wie sie lauteten. „Erzähle mir, wie die Menschen in deinem Land die Götter um Hilfe bitten.“

Penelope erteilte ihm am Abend abermals eine Abfuhr, indem sie Paul anfangs als den bemitleidenswerten Bettler behandelte, den sie am Tag zuvor fortgeschickt hatte, dann aber rasch in den schmerzlichen Abschied einer liebenden Gattin umschwenkte, ihm Glück auf seiner Fahrt nach Troja wünschte und ihm wortreich beteuerte, sie werde sein Haus und sein Gut treulich verwalten und seinen kleinen Sohn zu einem wackeren Mann aufziehen.
Ich hab sie offensichtlich mit irgendwas in eine Schleife gebracht, dachte er. Es tat weh mit anzusehen, wie die Frau, der er so lange nachgejagt war, etwas beweinte, das keinen Bezug zur aktuellen Realität hatte, nicht einmal zur verzerrten Realität des Simulationsnetzwerkes, doch es bestätigte ihn in seinem Vorhaben. Ich könnte ewig so weitermachen, schien es ihm, und es würde nicht das geringste ändern.
„Warum kann deine Seele keine Ruhe finden, lieber Mann?“ fragte sie plötzlich mit einem erneuten jähen Umschwung. „Ist es, weil deine Gebeine unbetrauert an einem fernen Gestade liegen? Weil die Götter, die dir zu Lebzeiten zürnten, deinen Namen und deine Taten auslöschen wollen? Habe keine Angst, nicht alle Götter sind dir feind, und du sollst nicht ungerächt bleiben. Andere werden mit Geschichten aus diesen fremden Ländern dein Angedenken und deinen guten Namen wieder aufrichten. Gerade jetzt begehrt mich ein Mann zu sprechen, um mir von deinem Leben und deinen Taten während deiner Abwesenheit zu berichten, und eines Tages wird dein Sohn, der verständige Telemachos, imstande sein, deinen schmählichen Tod zu rächen.“
Diese Mitteilung ließ kurz die Neugier in ihm aufflackern, bis er begriff, daß der Mann, von dem sie sprach, er selbst war, daß sie diese andere Episode in die jetzige Szene einbaute, in der er als sein eigener Geist auftrat.
Es ist so, wie ich gleich dachte, sagte er sich deprimiert. Dies könnte immer so weitergehen. Irgendwie hab ich diese Schleife ausgelöst - ich muß sie auch beenden. Ein eisiger Gedanke durchfuhr ihn: Aber wenn sonst gar nichts mehr von ihr übrig ist? Wenn sie bloß eine kaputte Puppe ist, nichts weiter?
Paul schüttelte die Vorstellung ab - er konnte es sich schlicht nicht leisten, diese Möglichkeit in Erwägung zu ziehen. Die Suche nach dieser Frau war nahezu das einzige, was seinem Leben einen Sinn gab. Er mußte daran glauben, daß sein Gefühl, sie zu kennen, etwas bedeutete. Er mußte daran glauben.

Zwei weitere Tage vergingen.
Aus einem eigenartigen Gefühl der Treue heraus gab Paul Penelope eine letzte Chance, die Wahrheit zu erkennen, aber wieder pendelte sie sich, nach dem Ausschlag in die Extreme von Paul als Geist und Paul als Bettler, auf die Vorstellung ein, er sei im Aufbruch nach Troja, und wollte nichts anderes hören. Ein ums andere Mal sagte sie ihm liebevoll trauernd Lebewohl, nur um anschließend gleich wieder von vorn mit dem Abschiednehmen anzufangen. Das einzige, worauf sie nicht kam, war das Szenarium, das alle anderen Ithakesier durchspielten - daß seine Figur, Odysseus, im Verborgenen aus dem Trojanischen Krieg heimgekehrt war, gealtert zwar, aber gesund und wohlbehalten. Er vermutete, das hatte eine Bedeutung, aber verstand nicht, welche. Auf jeden Fall war er jetzt entschlossen, die Schale des Rätsels zu zertrümmern, statt den Rest seines Lebens mit fruchtlosen Lösungsversuchen zu verbringen.
Die alte Dienerin Eurykleia, stellte er mit geradezu krankhafter Dankbarkeit fest, behandelte ihn weiterhin mit dem felsenfesten Vertrauen einer treuen Märchenamme. Als er ihr dargelegt hatte, was er wollte, wiederholte sie ihm seine Anweisungen, um ihm zu zeigen, daß sie sich alles richtig gemerkt hatte.
Er ging den krakeelenden Freiern und den treulosen Mägden und Hausdienern aus dem Weg und verbrachte die restliche Zeit damit, auf der Insel, dem Traum-Ithaka, herumzuwandern. Er suchte Eumaios noch einmal auf und unternahm dann, nach der Wegbeschreibung des Sauhirten, einen langen Spaziergang über die von Bienen summenden Hügel zu einer kleinen ländlichen Kultstätte auf der anderen Seite der Insel. Der Ort wurde allem Anschein nach schon lange nicht mehr gepflegt: Eine gesichtslose, von Wind und Wetter abgewetzte Statue stand in einer Nische, die von den Resten längst verwelkter Narzissen völlig eingestaubt war, umgeben von Zypressenzweigen, die so trocken waren, daß sie jeden Geruch verloren hatten.
Während er im Gespräch mit göttlichen Mächten vor dem vergessenen Heiligtum in der Mulde am Hang stand, die Luft drückend und still bis auf das ewige Atmen des Meeres, betete er sicherheitshalber auch für sich selbst. Gewiß, dies war bloß eine Simulation, das aufwendige Machwerk von Menschen, wie er einer war, und somit betete er letzten Endes zu einem Team von Gearingenieuren und Grafikdesignern, aber sein Boß in der Tate Gallery hatte ihm oft eingeschärft, die Verdrehtheit und Selbstverliebtheit von Künstlern niemals zu unterschätzen.

Benommen erwachte er aus einem Traum von Gally und wußte im ersten Augenblick nicht, wo er war.
Er befühlte den Boden. Er lag auf Sand, und im Westen, wo die Sonne hinter den Hügeln untergegangen war, glomm ein schwaches, ersterbendes Licht. Er war beim Warten am Strand eingeschlafen.
Der verlorene Junge war ihm in seinem Traum als der noch unbekannte Telemachos erschienen, ein schöner Jüngling mit schwarzen Ringellocken, der aber Gallys listigen Gassenbengelblick gehabt hatte. Er hatte auf einem dunklen Fluß ein kleines Boot durch treibende Nebelschwaden gepaddelt und Pauls Namen gerufen. Der Drang, auf ihn zuzueilen, war stark gewesen, aber irgendeine Lähmung im Traum hatte Paul daran gehindert, sich zu bewegen oder auch nur zu antworten, während der Junge in einer Wolke aus weißem Nichts entschwand.
Jetzt hatte er Tränen der Hilflosigkeit auf den Wangen, ganz kühl im Abendwind vom Meer, aber allem Jammer zum Trotz verspürte er auch eine Bestätigung: Dieser Traum von Gally auf dem Unterweltsfluß bedeutete bestimmt, daß er richtig handelte. Als Paul sich aufsetzte und den Schlaf abschüttelte, faßte er sich langsam wieder. Der Strand war leer bis auf ein paar Fischerboote, deren Besitzer sich schon lange zum Abendessen begeben hatten. Meer und Himmel verschmolzen zusehends zu einer einzigen dunklen Masse, und das Feuer, das er am Nachmittag mit viel Mühe entzündet hatte, flackerte nur noch schwach. Paul sprang auf, und wie er gesagt bekommen hatte, legte er erst Zypressenzweige und dann größere Stücke Treibholz nach, bis die Flammen wieder hoch aufloderten. Als er damit fertig war, war das Sonnenlicht gänzlich erloschen und strahlten die Sterne von einem Himmel herab, der nicht durch die in Pauls Zeitalter allgegenwärtige künstliche Beleuchtung eingegraut war.
Als ob sie darauf gewartet hätten, daß alles ordentlich vorbereitet war, drangen jetzt von weiter unten am Strand Stimmen an sein Ohr.
„Dort, wo das Feuer brennt - siehst du es, Herrin?“
„Aber das ist sehr sonderbar. Bist du sicher, daß es keine Räuber oder Piraten sind, die dort ein Lager aufgeschlagen haben?“
Paul stand auf. „Hierher, Penelope“, rief er. „Du brauchst keine Furcht vor Räubern zu haben.“
Penelope trat aus der Dunkelheit, das Schultertuch fest um sich gezogen, und im Feuerschein sah man ihren Blick tiefer Befremdung. Trotz ihres Alters und ihrer kürzeren Beine folgte Eurykleia ihr dicht auf dem Fuße.
„Ich bringe sie, Herr“, verkündete die Dienerin. „Wie du befohlen hast.“
„Danke.“ Er hatte das Gefühl, etwas Poetischeres sagen zu sollen, aber für derartige Sachen fehlte ihm die Begabung. Seine persönliche Homerübersetzung würde leider prosaisch bleiben müssen.
Penelope lachte nervös. „Ist das ein Komplott? Hast du, meine älteste und liebste Dienerin, mich an diesen Fremden verraten?“
„Du erkennst mich also immer noch nicht?“ Paul schüttelte den Kopf. „Es spielt keine Rolle. Dir wird nichts geschehen, das verspreche ich. Ich schwöre es bei allen Göttern. Bitte, setz dich.“ Er holte tief Atem. Es war ihm so einleuchtend vorgekommen, als er es geplant hatte - seine Entscheidung, den Kampf gegen die Simulation aufzugeben, sich vielmehr darauf einzulassen und so diese Frau auf schmerzlosem Wege wieder zur Vernunft zu bringen, damit sie ihm von Nutzen sein konnte, wie ihr Alter ego es zweifellos beabsichtigt hatte. „Und zwar“, erklärte er, „werde ich die Götter um Hilfe anrufen.“

Penelope warf Eurykleia einen scharfen Blick zu, dann ließ sie sich würdevoll im Sand nieder. Ihr dunkles Schultertuch und die noch dunkleren Haare, deren wenige graue Strähnen im Sternenlicht nicht zu sehen waren, faßten das bleiche, mißtrauische Gesicht mit einem Schattenrahmen ein. Ihre großen, wie ausgeschnittenen Augen schienen Blicklöcher in die Nacht zu sein.
Die Dienerin reichte Paul ein Bronzemesser, das in ein Stück Tuch gewickelt war. Auch er hatte ein Bündel dabei, aus dem er die dürren Hinterläufe eines geschlachteten schwarzen Schafes auspackte, den Lohn, den er sich von Eumaios´ Schwager damit verdient hatte, daß er einen Nachmittag lang eine Hürde ausgebessert hatte. Es erschien Paul als ein armseliges Opfer, aber Eumaios - der seine erste Adresse gewesen war, weil er an Schweinefleisch als Opfergabe gedacht hatte - hatte ihm versichert, ein schwarzer Schafbock sei das einzige, was in Frage komme, und Paul hatte sich dem zweifellos überlegenen Wissen des Mannes gebeugt.
Während Penelope mit bangem Schweigen zusah, häufte Paul Stöcke auf das Feuer und schnitt dann Fleisch und Fett von den Schenkeln des Schafbocks herunter, wie Eumaios es ihm erklärt hatte. Er legte die Knochen auf den Stockhaufen und darüber das Fleisch und das Fett. Gleich darauf stiegen dicke Rauchwolken von dem Opferfeuer auf, und als der Wind wechselte, bekam er nicht nur den verlockenden Duft von bratendem Fleisch in die Nase, sondern auch etwas Tieferes, Älteres und weitaus Verstörenderes - den Geruch von Brandopfern, von angstvoll bezahlter Schuld, von menschlicher Unterwerfung unter ein übermächtiges und mitleidloses Universum.

„Ich verstehe das nicht“, hauchte Penelope. Ihre großen Augen verfolgten jede seiner Bewegungen, als ob er ein wildes Tier wäre. „Was machst du da? Warum sollte ich herkommen?“
„Du denkst, du kennst mich nicht“, erwiderte Paul. Er versuchte einen ruhigen Ton zu bewahren, aber er begann, eine merkwürdige Begeisterung zu fühlen, womit er überhaupt nicht gerechnet hatte. Der Traum vom armen, toten Gally, die prasselnden Flammen am windigen Strand, die Nähe der Frau, deren Gesicht so lange sein einziger Talisman gewesen war, dies alles zusammen gab ihm das Gefühl, endlich auf der Schwelle zu etwas Realem, etwas Entscheidendem zu stehen. „Du denkst das, aber die Götter werden dir dein Gedächtnis zurückgeben.“ Er war sich jetzt sicher, daß er das Richtige tat. Das ekstatische Glühen in seinem Kopf bewies es. Schluß damit, sich treiben zu lassen - jetzt bezwang er die Simulation mit ihren eigenen Mitteln und machte sie sich dienstbar. „Sie werden jemand senden, und sie wird dir helfen, dich zu erinnern!“
„Du machst mir Angst.“ Penelope wandte sich Eurykleia zu, und Paul hoffte, diese würde ihr begütigend zureden, aber die Dienerin blickte genauso unglücklich wie ihre Herrin.
„Dann sag mir einfach, was ich wissen muß.“ Paul trat vom Feuer zurück und breitete die Arme aus. Der Wind riß an seinem dünnen Gewand, aber er fühlte nur die Hitze der Flammen. „Wer bist du? Wie sind wir hierher geraten? Und wo ist der schwarze Berg, von dem du mir erzählt hast?“
Sie starrte ihn an wie ein in die Enge getriebenes Tier.
Es fiel ihm schwer, geduldig zu bleiben, am liebsten hätte er geschrien. Er hatte so lange gewartet, war von einem Ort zum anderen gestoßen, gezerrt und geworfen worden, immer der Passive, immer der Ausgelieferte. Er hatte hilflos daneben gestanden, als der Junge, sein einziger wirklicher Freund in diesem bizarren Universum, vor seinen Augen getötet wurde. Jetzt sollte diese Hilflosigkeit ein für allemal ein Ende haben. „Erzähl mir einfach von dem schwarzen Berg! Wie kann ich ihn finden? Weißt du nicht mehr? Deswegen bin ich hier. Deswegen hast du mich hierher geschickt!“
Sie duckte sich noch mehr zusammen. Ein Funkenflug stob aus dem Feuer auf und wirbelte auf dem Wind davon.
„Nicht? Na gut, dann muß ich die Götter anrufen.“ Er würde die Logik ihrer eigenen Welt gegen sie kehren. Er würde eine Erscheinung heraufbeschwören.
Als er sich in den Sand kniete, meldete sich Eurykleia nervös zu Wort: „Das ist Schaffleisch, nicht wahr, Herr? Sicher doch ein schwarzes Mutterschaf, oder, Herr?“
Er begann, mit beiden Händen einen langsamen Rhythmus auf den Boden zu schlagen, wie der alte Eumaios es ihm beschrieben hatte. „Es ist ein Bock. Still jetzt, ich muß mich auf den Spruch besinnen.“
Die Dienerin war aufgeregt und erschrocken. „Aber so etwas ist ein Opfer an ...“
„Psssst.“ Er verlangsamte seine Schläge auf den Sand und intonierte dann rhythmisch:

„Heil dir, Unsichtbarer,
Aidoneus, Sohn des Ältesten, Kronos,
Bruder des Donnerers Zeus,
Heil!
Heil dir, Gott der dunklen Säulen,
Hades, Herrscher der Unterwelt,
König im Reiche des Schweigens,
Heil!
Nimm dieses Fleisch, Gott der trächtigen Tiefe,
Nimm dieses Opfer.
Erhöre mein Flehen ...“

Er hielt inne. Er hatte den Gott des Todes angerufen, was an diesem Ort bestimmt so gut war wie ein Friedhof oder ein sterbendes eiszeitliches Kind.
„Schick mir die Vogelfrau!“ schrie er und schlug dazu weiter im Takt auf den Sand. „Sage ihr, ich will sie sprechen! Ich will, daß diese Penelope sie sieht!“ Die Worte klangen plump, unpassend neben der dichterischen Diktion der Beschwörung, und er rief sich die Worte der Traumfrau ins Gedächtnis. „Komm zu uns! Du mußt zu uns kommen!“
Stille trat ein. Nichts geschah.
Wütend begann Paul abermals, auf den Sand einzutrommeln. „Komm zu uns!“
„He-Herr“, stotterte Eurykleia, „ich dachte, du wolltest die Hilfe der Raterin Athene erflehen, die deiner Sippe schon lange freundlich gesonnen ist, oder des großen Zeus. Ich dachte, du wolltest vielleicht sogar den Meeresgott Poseidon um Vergebung bitten, von dem viele sagen, du habest ihn mit irgend etwas gekränkt, und deshalb habe er dich auf deiner Heimfahrt zu vernichten gesucht. Aber dies, Herr, dies ...“
Sein letzter Schlag auf den Boden schwang noch nach, ein lautloses Echo, das er dennoch hinab in die Tiefe pulsen fühlte. Die hellen Flammen schienen jetzt langsamer zu flackern, als müßte ihr Licht durch tiefes Wasser dringen oder erreichte ihn durch eine verzögerte und nachlassende Übertragung.
„Was hast du?“ Seine Ungeduld wurde von einem pochenden Magendrücken gedämpft - die Furcht der Dienerin war groß und echt. Ihre Herrin Penelope schien jenseits von Angst und Schrecken zu sein, denn ihre Züge waren schlaff und reglos bis auf die Augen, die fiebrig aus ihrem leichenblassen Gesicht blickten. „Was willst du mir sagen, Alte?“
„Herr, du solltest keine Gebete um ... solche Sachen an ... an den Unterirdischen richten!“ Eurykleia rang mühsam nach Luft. „Haben dir die Jahre ... in fremden Ländern den ... das Gedächtnis geraubt?“
„Wieso denn nicht? Hades ist ein Gott, oder etwa nicht? Die Leute beten zu ihm, nicht wahr?“ Zum Druck in seinem Magen kam noch ein würgender Brechreiz hinzu.
Die alte Dienerin schlug in die Hände, doch sie schien die Sprache verloren zu haben. Die Erde unter Pauls Füßen wirkte straff wie ein Trommelfell, eine atmende Membran, die in einem langsamen, fernen Rhythmus schwang. Doch das Schwingen wurde stärker.
Es ist kein Fehler, ich weiß, daß es kein Fehler ist ... oder?
Noch während er die Klauen des Zweifels zufassen fühlte, war sie da.
Ihr Ebenbild Penelope sprang auf und taumelte auf dem mit einemmal abgründig gewordenen Sandboden zurück, denn der Umriß der Vogelfrau bildete sich aus dem Rauch heraus, eine Engelsgestalt in einem einheitlichen luftigen Grauton, deren große Flügel hinter ihr zu zerfließen schienen. Das Gesicht der Erscheinung war eigenartig formlos, ähnlich der vom Regen abgescheuerten Statue des Unterweltsgottes in seiner Nische auf der anderen Seite der Insel. Aber nach dem ungläubigen Entsetzen auf ihrem Gesicht zu urteilen, erkannte Penelope dennoch ihr eigenes Abbild, selbst in dieser körperlosen Form.
Das Rauchgesicht wandte sich ihm zu. „Paul Jonas, was hast du getan?“
Er wußte nicht, was er sagen sollte. Alles, was er geplant hatte, alles, womit er gerechnet hatte, löste sich in Nichts auf. Die Erdoberfläche schien nur noch eine dünne Haut über einem ungeheuer tiefen Schlund zu sein, und etwas bewegte sich dort unten, etwas Riesengroßes, vor dem es, Reue hin oder her, kein Entrinnen gab.
Der Engel zitterte, und die Rauchwolke wallte. Selbst in dieser schemenhaften Form konnte er deutlich die Züge der Vogelfrau aus dem Schloß des Riesen erkennen, und ungeachtet seines Schreckens verzehrte er sich nach ihr. „Du hast den Einen, der Anders ist, gerufen“, sagte sie. „Er sucht jetzt nach dir.“
„Was meinst du damit?“
„Du hast ihn angerufen. Den Einen, der dies alles träumt. Warum hast du das getan? Er ist schrecklich!“
Trotz seiner inneren Wirrnis nahm Paul schließlich wahr, daß Penelope schon seit einer ganzen Weile vor Grauen stöhnte und jammerte. Sie war hingefallen und warf sich Sand auf den Kopf, als wollte sie sich begraben. Er zog sie hoch, teils um ihr zu helfen, aber teils auch aus Wut darüber, daß ihre Halsstarrigkeit ihn an diesen Punkt gebracht hatte. „Schau hin! Das ist sie!“ schrie er den Rauchengel an. „Du hast mich zu ihr geschickt, aber sie kann mir nicht sagen, wo ich hinsoll. Ich wollte, daß sie mir erklärt, wie ich zu dem schwarzen Berg komme.“
Die Erscheinung war so wenig bereit wie Penelope, ihrem Double in die Augen zu blicken: Als Paul seine verhinderte Gemahlin in ihre Richtung stieß, zuckte die Engelsgestalt zurück, so daß eine Welle durch ihren ganzen Körper lief und ihre Flügel verwackelten. „Wir können nicht ...“ Das Gesicht aus Rauch verformte sich. „Wir dürfen nicht ...“
„Mach einfach, daß sie es mir sagt. Oder sag du es mir! Ich halte das nicht mehr aus!“ Paul spürte eine stärker werdende Kraft unter den Füßen und gleichzeitig hinter den Augen einen überall anwachsenden Druck, der förmlich die Luft zu sprengen schien. „Wo ist dein gottverdammter schwarzer Berg?“ Er schubste Penelope abermals auf die Erscheinung zu, aber es war, als wollte er zwei sich abstoßende Magneten mit Gewalt zusammenbringen. Penelope riß sich mit tierischer Stärke von ihm los und stürzte weinend in den Sand.
„Sag´s mir!“ brüllte Paul. Er wandte sich an den Engel. „Warum sagt sie es mir nicht?“
Der Schemen löste sich langsam auf. „Sie hat es dir gesagt. Sie hat dir, was sie weiß, in der einzigen Weise gesagt, die ihr möglich ist. Deshalb habe ich dich zu ihr geschickt. Sie ist diejenige, die weiß, was du als nächstes tun mußt.“
Paul haschte nach ihr, doch die Engelsgestalt war tatsächlich aus Rauch: sie zerrann in seinen zupackenden Fingern. „Was soll das heißen?“ Er drehte sich um und ergriff statt dessen Penelope, schüttelte sie. Sein Zorn drohte zu explodieren, die kaum noch zu haltende Spannung der Nacht war wie ein großer dunkler Blutklumpen in seinem Kopf. „Wohin soll ich gehen?“
Penelope schrie vor Qual und Entsetzen auf. „Warum tust du mir das an, Odysseus?“
„Wo soll ich hin?“
Sie weinte und schlotterte. „Nach Troja! Du mußt nach Troja! Deine Gefährten erwarten dich dort!“
Paul ließ sie los und taumelte zurück, als ob ihn ein Stein getroffen hätte. Die Erkenntnis schnitt ihm wie ein Messer durchs Herz.

Troja - das einzige, was sie gesagt hatte, das nicht das Ende der Geschichte signalisierte, die einzige Antwort, die nicht zu der übrigen Simulation paßte. Durch die Wolke des inneren Aufruhrs hindurch, den sein Kommen ausgelöst hatte, hatte Penelope ihm die ganze Zeit über mitgeteilt, was er wissen mußte ... aber er hatte nicht hingehört. Statt dessen hatte er sie hierhergeschleppt, die Frau, die er so sehr gesucht hatte, und sie unbekümmert um sein Versprechen, ihr werde kein Leid geschehen, unbarmherzig gequält. Er hatte eine Kraft angerufen, der keiner von ihnen zu begegnen wagte, obwohl sie ihm bereits mehrmals die Auskunft gegeben hatte, die ihr anderes Ich ihm nicht geben konnte.
Was es auch sein mochte, das er aus den dunklen Tiefen heraufbeschworen hatte, das Ungeheuer war er selber.
Mit tränenblinden Augen kehrte Paul dem Feuer den Rücken zu und wankte über den Sand davon, auf den er eben noch getrommelt hatte. Er stolperte über die zusammengekrümmt daliegende Eurykleia, aber blieb nicht stehen, um festzustellen, ob sie lebendig oder tot war. Das Ding, vor dem sich sogar die geflügelte Frau gefürchtet hatte, war jetzt ganz nahe, qualvoll nahe, so nahe wie sein eigener Herzschlag.
Er sucht nach mir, hat sie gesagt. Er stolperte abermals und fiel hin, und torkelnd wie ein Betrunkener rappelte er sich wieder auf. Den Unterirdischen nennen sie ihn. Er konnte die atmende Lebendigkeit der Erde unter sich spüren. Ein Teil von ihm, ein winzig kleiner, ferner Teil, protestierte schrill, es sei alles bloß Einbildung, er dürfe nicht vergessen, daß er sich in einem großangelegten virtuellen Spiel befand, aber das war wie eine Kinderflöte in einem Orkan. Jedesmal, wenn seine Füße den Boden berührten, fühlte er die Gegenwart des dunklen Unbekannten mit so schmerzhafter Intensität, als ob er auf einer heißen Herdplatte liefe.
Ein jäher Einfall veranlaßte ihn, den Strand hinunter zu den Fischerbooten zu eilen. Er griff sich das erste, schob es über den glitschigen Sand und fluchte wie von Sinnen, wenn es kurz steckenblieb. Zuletzt schwamm es frei im flachen Wasser, und er wälzte sich über den Rand hinein.
Bloß keine Erdberührung mehr. Seine Gedanken waren durcheinander wie ein vom Tisch gewischtes Kartenspiel. Etwas Großes. Totes. Aber jetzt kann es mich nicht mehr finden. Es war unglaublich erschütternd gewesen, was es auch sein mochte - konnte eine bloße Simulation so etwas bewirken?
Er nahm eines der im Boot liegenden Ruder und paddelte auf das weindunkle Meer hinaus. Als er sich umdrehte, konnte er vom Strand nur noch die ersterbende Flamme seines Feuers erkennen. Falls Penelope und Eurykleia noch dort waren, hüllte die Dunkelheit sie ein.
Die immer höher werdenden Wellen hoben den Bug des kleinen Bootes mit jedem Anrollen in die Höhe und ließen es dann mit lautem Klatschen wieder fallen. Paul legte das Ruder beiseite, um sich an den Bootswänden festzuhalten.
Troja, dachte er, während er krampfhaft versuchte, mit nüchternen sberlegungen dem übermächtigen Grauen zu trotzen. Ein schwarzer Berg. Gibt es in der Nähe von Troja einen Berg ...?
Die nächste Woge warf ihn beinahe über Bord, und er klammerte sich noch fester an das Boot. Obwohl keine Wolken am Himmel waren, nichts zwischen ihm und den diamanthellen Sternen, droschen die Wellen immer heftiger auf den kleinen Nachen ein. Eine riß mit einem mächtigen Schwung das ganze Boot hoch und höher, bis er dachte, gleich würde es kentern und ihn ins Wasser befördern. Als er auf dem Wellenkamm langsam abkippte, sah er vor sich eine unnatürlich geformte Woge aufsteigen, höher als alle anderen, eine dunkle, an den Rändern lumineszierende Masse, in der das Meer selbst die Gestalt eines bärtigen Mannes mit einer Krone annahm, zehnmal größer als er. Einen Moment lang meinte er, das „andere“ Wesen, von dem der Engel gesprochen hatte, habe ihn gefunden, und er überließ sich der Verzweiflung.

Eine donnernde Stimme ließ seine Schädelknochen erzittern. „Listenreicher Odysseus“, dröhnte sie, „Sterblicher, du weißt, daß ich, Poseidon, geschworen habe, dich zu vernichten. Dennoch verläßt du die Sicherheit deiner heimischen Insel und begibst dich abermals in meinen Machtbereich. Du bist ein Narr. Du hast wahrlich den Tod verdient.“
Der große Meereskönig hob die Hand. Die Wellen, die jetzt auf Pauls zerbrechliches Boot einstürmten, waren berghoch. Es stieg zuerst langsam empor, dann wurde es mit einem jähen Ruck hoch in die Luft geschleudert.
Er klammerte sich an die wirbelnde Nußschale und konnte dabei nur einen einzigen Gedanken fassen: Ich bin ein Narr, das stimmt - ein hirnverbrannter Idiot ...
Als er hinunter ins Wellental stürzte und dort aufschlug, schien das Meer hart wie Stein zu sein. Sein Boot zerbarst in Stücke, und Paul wurde in die zermalmende, nasse Schwärze hinabgezogen.
»Im Fall von „Otherland“ lässt sich nur mit jedem verstreichenden Jahr am besten erkennen, wie weitsichtig Tad Williams ist.«
Thomas Klingenmaier, Stuttgarter Zeitung, 11.07.2013

»Seitdem der amerikanische Schriftsteller Tad Williams seinen „Otherland“-Zyklus publiziert hat, ist im Bereich der literarischen Fantasy nicht mehr wie zuvor.«
Andreas Platthaus, Stuttgarter Zeitung, 13.07.2013
Hobbitpresse Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring (Original: Otherland Volume Three: Mountain of Black Glass)
6. Aufl. 2008, 813 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen, farbige Vorsätze, geprägter Überzug
ISBN: 978-3-608-93423-6
autor_portrait
Marijan Murat

Tad Williams

Tad Williams ist ein kalifornischer Superstar. Seine genre-erschaffenden und Genregrenzen sprengenden Bücher wurden mehrere zehn Millionen Male...

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