Shadowmarch. Band 3

Die Dämmerung
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Jetzt endlich Band 3 der »Shadowmarch«-Serie!

Vielfältig sind die Bedrohungen des Landes Eion. Von Norden dringt im Schutz undurchdringlichen Nebels ein Elbenheer vor, und im Süden schmiedet der machtbesessene Herrscher Sulepis Eroberungspläne. In diesen Wirren lastet auf Prinz Barrik und seiner Schwester Briony eine übergroße Aufgabe.

Eine riesige Elbenarmee überschreitet die Schattengrenze, und nichts scheint sie aufhalten zu können. Als Barrick in die Hände der heimtückischen Feinde fällt, ist Briony gezwungen, aus der Südmarkfeste zu fliehen.

Ist es das Schicksal der Völker Eions, zwischen den Armeen der Elben und des Autarchen zerrieben zu werden? Gelingt es Briony, in der Fremde Unterstützung zu finden, um den Thron zurückzuerobern? Und ist Barrick der Herausforderung gewachsen, die ihn immer weiter in die Schattenlande hineinführt ...?

Ein echter Tad Williams: vielschichtig erzählt und voller Spannung von der ersten bis zur letzten Seite. Seine »Otherland«-Tetralogie ist eines der großen Meisterwerke der modernen Phantastik und wurde zum Weltbestseller. Mit der »Shadowmarch«-Trilogie knüpft er an seinen ersten großen Erfolg, die Saga um den »Drachenbeinthron«, an.

Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung Band 1 - Die Grenze 11
Zusammenfassung Band 2 - Das Spiel 15
Vorspiel 19
Erster Teil Schleier
1 Nur eine Theaterkrone 31
2 Eine Straße unterm Meer 43
3 Im Seidenwald 60
4 Ohne Herz 74
5 Ein Tröpfchen Seelenfrieden 86
6 Abgebrochene Zähne 103
7 Ein Platz an der Tafel des Königs 118
8 Falke und Weih 134
9 Tod in den Äußeren Hallen 149
10 Die Schläfer 167
11 Parieren und Zustechen 180
12 Zwei Barmherzige und ein Dichter 192
13 Tropfen von Der Nadel 207
14 Drei Narben 222
Zweiter Teil Mantel
15 Die Befleckte Taube 239
16 Im Pilzgarten 258
17 Fischköpfe 274
18 König Hesper ist Unpässlich 293
19 Träume von Blitzen und Dunkler Erde 310
20 Die Dornenbrücke 327
21 Die Fünfte Laterne 347
22 Der Flickenmann 368
23 Die Zunft der Kallikan 384
24 Zu viel für Tausend Dichter 403
25 In Schlaf 420
Dritter Teil Leichentuch
26 Von ganz Unten 437
27 Eintagsfliegen 452
28 Die Einsamen 464
29 Grund zum Hass 483
30 Licht am Fuß der Treppe 501
31 Ein Stück Schnur 522
32 Ein riskantes Unternehmen 540
33 Kinder in Käfigen 559
34 Der Sohn des ersten Steins 576
35 Ringe, Keulen und Dolche 597
36 Auge in Auge mit der Stachelschweinfrau 618
37 Unter einem Knochenweißen Mond 634
38 Erobererheere 651
39 Eine weitere Biegung des Flusses 671
Anhang
Personen 689
Orte 696
Dinge und Anderes 700

Leseprobe
Vorspiel

» Erzähl mir die Geschichte zu Ende, Vogel.« Der Rabe legte den Kopf schief. »Welche Geschichte?«
»Die vom Gott Kupilas - Krummling, wie ihr ihn hier nennt. Erzähl, Vogel. Es pisst vom Himmel, mir ist kalt, ich habe Hunger und irre in der grässlichsten Gegend der Welt herum.«
»Unsereins ist auch nass und hungrig«, rief ihm Skurn in Erinnerung. »Hat kaum was gefressen in letzter Zeit, grad mal einen zerquetschten Kokon dann und wann.«
Diese Vorstellung hob Barricks Laune auch nicht gerade. »Erzähl einfach weiter. Bitte.«
Der Rabe glättete sein verkrustetes Gefieder, jetzt schon deutlich milder gestimmt. »Na ja, wenn ihr meint. Wo war unsereins denn stehengeblieben?«
»Wie er seine Urgroßmutter traf. Und sie wollte ihn lehren ...«
»Ah ja. Weiß es jetzt wieder, unsereins. "Ich werde dir beibringen, in den Landen der Leere zu reisen", sagte die Urgroßmutter zu Krummling, "jenen Landen, die neben allen Dingen sind und an jedem Ort, so nah wie ein Gedanke und so unsichtbar wie ein Gebet." War's das, was unsereins zuletzt erzählt hat?«
»Ja, genau.«
»Könnt Euch vielleicht vorher noch was zu essen beschaffen, unsereins?« Skurn war wieder bester Dinge. »ist voll von Pfeifmotten, dieses Stück Wald ...« Er sah Barricks Gesichtsausdruck. »Nun gut, Prinz ist-mir-alles-nicht-gut-genug - aber gebt bloß nicht Skurn die Schuld, wenn ihr vor lauter Magenknurren mitten in der Nacht aufwacht ...«
»Krummling verbrachte lange Tage an der Seite seiner Urgroßmutter Leere, lernte alles über die Geheimnisse ihres Landes und seiner Straßen und wurde noch weiser, als er ohnehin schon war. Er lernte viele Tricks, wie man im Land seiner Urgroßmutter reisen konnte, und sah viele Dinge, wenn niemand merkte, dass er hinschaute. Und wenn sein Körper auch verkrüppelt war und sein eines Bein kürzer als das andere, sodass sein Gang klang wie ein Wagen mit einem gebrochenen Rad, klicketti-klack, klicketti-klack, konnte Krummling schneller reisen als irgendwer sonst - selbst sein Vetter Trickser , den die Menschen Zosim nennen.
Trickser war der Fixeste von der ganzen Sippe der drei Brüder, der schlaue Herr der Straßen und der Dichtkunst und der Verrückten. Der clevere Trickser hatte sogar manche von Leeres Geheimnissen ganz allein herausbekommen, aber er hatte seine Urgroßmutter auch »Alte Windstimme im Brunnen« genannt, wenn er nicht ahnte, dass sie zuhörte. Daraufhin hatte sie dafür gesorgt, dass Trickser nichts mehr über ihr Land und dessen Seltsamkeiten lernte.
Krummling aber war ihrem Herzen nahe, und ihn lehrte sie alles. Je mehr Krummling lernte, je mehr Worte und Kräfte ihm zuwuchsen, desto ungerechter fand er es, dass sein Vater getötet und seine Mutter geraubt worden war, dass seine Onkel und alle seine übrigen Verwandten in der Verbannung im Himmel saßen, während die, die ihnen das angetan hatten, und vor allem die drei mächtigsten Brüder - Perin, Kernios und Erivor, wie ihr sie nennt -, auf Erden lebten und lachten und sangen. Darüber sann Krummling lange nach, bis ihm schließlich etwas einfiel - der schlauste und listigste Plan, den es je gab.
Alle drei Brüder hatten jetzt Wachen und Beschützer um sich, die über furchterregende Kräfte verfügten, also genügte ein einfacher Überfall nicht. Der Wassermann Erivor hatte Wölfe des Meeres rings um seinen Thron und Giftquallen, und außerdem waren da seine Wasserkrieger, die den ganzen grünen Tag und die ganze grüne Nacht über ihn wachten. Der Himmelsmann Perin wohnte in einem Palast auf dem höchsten Berg der Welt, umgeben von seiner Sippe, und er hatte den mächtigen Hammer Donnerschlegel, den Krummling selbst für ihn gemacht hatte und der die Welt zerschlagen konnte, wenn er nur lange genug auf sie einhämmerte. Und der Steinherr (Kernios, wie Euer Volk ihn nennt) hatte zwar nicht so viele Gefolgsleute, lebte aber in seiner Burg tief in der Erde inmitten der Toten und war bewehrt mit Tricks und Worten, die einem die Augen aus dem Kopf brennen oder die Knochen in brüchiges Eis verwandeln konnten.
Doch eine Schwachstelle hatten alle drei Brüder, und das war die Schwachstelle, die jeder Mann hat: die eigene Frau. Denn in den Augen ihrer Frauen, so heißt es ja, sind selbst die Erstgeborenen nicht besser als irgendjemand sonst.
Schon lange hatte der schlaue Krummling Freundschaftsbande zu den Frauen zweier der Brüder geknüpft: zu Nacht, die Himmelsmanns Gemahlin war, und zu Mondfrau, die von Steinmann verstoßen und dann von seinem Bruder Wassermann zur Frau genommen worden war. Beide Frauen beneideten ihre Männer um deren Freiheiten und wünschten, sie könnten auch draußen in der Welt herumlaufen, lieben, wen sie wollten, und tun, wonach ihnen der Sinn stand. Also gab Krummling jeder von beiden einen Trank, damit sie ihn ihrem Gemahl in den Weinbecher schüttete, und erklärte dazu: ›Davon werden eure Männer die ganze Nacht schlafen, ohne auch nur ein einziges Mal aufzuwachen. Und während sie in tiefem Schlaf liegen, könnt ihr tun, was euch beliebt.‹
Nacht und Mondfrau freuten sich über Krummlings Geschenk und versprachen, es noch am selben Abend zu benutzen.
Der dritte Bruder, der kalte, harte Steinmann, hatte Krummlings Mutter Blume - Zoria, wie ihr sagt - gefunden, als sie nach dem Ende des Krieges allein und verloren umherirrte. Er hatte sie mitgenommen, um sie zu seiner Frau zu machen, und seine bisherige Gemahlin Mondfrau in die Welt hinausgejagt. Steinmann hatte Krummlings Mutter einen neuen Namen gegeben, Helle Morgenröte, doch obwohl er sie mit Gold und Edelsteinen und anderen Gaben der schwarzen Erde schmückte, lächelte sie nie und sprach auch nicht, sondern saß immer nur da wie eine der Toten, über die Steinmann auf seinem dunklen Thron herrschte. Also ging Krummling jetzt im Dunkeln zu seiner Mutter und erzählte ihr von seinem Plan. Er musste nicht lügen, nicht vor ihr, die sie hatte mit ansehen müssen, wie ihr Gemahl getötet, ihr Sohn gepeinigt und ihre Familie verbannt wurde. Als er ihr den Trank gab, sagte sie immer noch nichts und lächelte auch nicht, küsste Krummling aber mit ihren kalten Lippen aufs Haupt, ehe sie sich abwandte und wieder in den endlosen Gängen von Steinmanns Haus verschwand. Nur ein einziges Mal noch sollte Krummling sie wiedersehen.
Als alles eingeleitet war, ging Krummling zuerst zu Wassermanns Haus tief drunten im Meer. Er reiste durch die Lande seiner Urgroßmutter Leere, wie sie es ihm beigebracht hatte, damit ihn niemand in Wassermanns Haus kommen sähe. Krummling glitt an den Wölfen des Meeres vorbei wie eine kalte Strömung, und wenn sie auch ahnten, dass er in der Nähe war, vermochten sie ihn doch nicht zu packen und mit ihren scharfen Zähnen in Stücke zu reißen. Ebenso wenig konnten ihn die Giftquallen stechen - Krummling schlüpfte zwischen ihnen hindurch, als wären sie nur Seerosen.
Als er schließlich Wassermann in dessen Gemach fand, von dem Trank, den ihm Mondfrau verabreicht hatte, in tiefem Betäubungsschlaf, da hielt Krummling inne, denn ihn überkam ein sonderbares Zögern. Wassermann hatte nicht mitgetan, als die anderen beiden Brüder Krummling gepeinigt hatten, und Krummling hasste ihn nicht so sehr wie Himmelsmann und Steinmann. Aber Wassermann hatte Krieg gegen Krummlings Familie geführt. Er hatte mitgeholfen, Krummlings Mutter zur Witwe zu machen, und hatte gemeinsam mit seinen Brüdern Krummlings restliche Sippe in den Himmel verbannt. Und außerdem würde, solange Wassermann auf Erden wandelte, das Blut von Feuchtes Sippe, Krummlings Feinden, fortleben. Also bestand Krummlings Gnade darin, dass er Wassermann nicht weckte, damit er seinem Los ins Auge sähe, sondern einfach nur eine Tür zu einem Teil von Leeres Landen öffnete, wo niemand je gewesen war, einem geheimen Ort, den selbst seine Urgroßmutter vergessen hatte, und den schlafenden Wassermann da hindurchstieß. Als Erivor der Wassermann aus der Welt verschwunden war, machte Krummling die Tür wieder zu.
Er verließ das unterseeische Haus auf seinen geheimen Wegen und überlegte, ob er sich Himmelsmann oder Steinmann als nächsten vornehmen sollte. Von den drei Brüdern war Himmelsmann der stärkste und grausamste, und er hatte sich zum Herrn aller Götter gemacht. Er herrschte in seinem Palast auf dem Berg namens Xandos - Stab -, und dieser Götterhof schützte ihn wirksamer als alle Mauern. Seine Söhne Jägersmann, Reitersmann und Schildträger waren fast so stark wie er, und auch seine Töchter Weisheit und Wildnis konnten fast jeden Krieger besiegen, erst recht aber einen Krüppel wie Krummling. Insofern wäre es sinnvoll gewesen, Himmelsmann in seiner gewaltigen Festung als Letzten anzugreifen.
Aber tatsächlich war es der kalte, stumme Steinmann und nicht sein zorniger Bruder, den Krummling am meisten fürchtete.
Also reiste er auf Leeres Wegen zum Berg Stab, und Feuchtes gesamte Sippe fühlte seine Gegenwart, vermochte ihn aber weder zu sehen, noch zu hören oder zu riechen. Nur Jägersmann der Scharfäugige und Wildnis die Flinkfüßige ahnten ungefähr, wo er war. Die grausame, schöne Wildnis rannte hinter Krummling her, bekam ihn aber nicht richtig zu fassen und riss nur ein Stück von seinem Hemd ab. Jägersmann schoss einen magischen Pfeil ab, der tatsächlich die verborgenen Wege erreichte, die Krummling ging, und sein Ohr kerbte, sodass ihm Blut auf die Schulter und die elfenbeinerne Hand tropfte. Doch aufhalten konnten ihn beide nicht, und gleich darauf war er in Himmelsmanns Palast, wo der Hausherr von dem Trank in tiefem Schlaf lag.
›Wach auf!‹, schrie er den schlafenden Himmelsmann an. Sein Feind sollte wissen, was ihm geschah, und durch wen.
›Wach auf, Poltermaul - dein Ende ist da!‹
Himmelsmann war sehr stark, auch nach Krummlings Trank noch. Er sprang von seinem Lager auf, ergriff seinen mächtigen Hammer Donnerschlegel, der so groß war wie ein Heukarren, und schwang ihn. Doch er verfehlte Krummling und zerschmetterte sein eigenes Riesenbett.
›Mach dir nichts draus‹, erklärte ihm Krummling. ›Dieses Bett brauchst du nicht mehr. Bald wirst du in einem anderen schlafen - einem kalten Bett an einem kalten Ort.‹
Himmelsmann brüllte Krummling an, er sei ein Verräter, und schleuderte dann seinen Hammer mit der ganzen Kraft seines mächtigen Arms. Wäre ein anderer als Krummling sein Ziel gewesen, ganz gleich, ob Gott oder gewöhnlicher Mann, hätte ihn Donnerschlegel in Stücke gehauen und die Stücke zu Kohle verbrannt. Doch der Hammer verharrte mitten im Flug.
›Glaubst du, ich würde dir eine Waffe schmieden, die du gegen mich gebrauchen könntest?‹, fragte ihn Krummling. ›Du nennst mich einen Verräter, aber du hast meinen Vater - deinen eigenen Bruder - heimtückisch angegriffen und getötet. Jetzt bekommst du, was du verdienst.‹
Und Krummling kehrte Himmelsmanns Hammer gegen den Gott selbst, und das Dröhnen der Schläge war wie Donnerhall. Himmelsmann Perin rief nach seiner Familie und seinen Gefolgsleuten, damit sie ihm zu Hilfe kämen. Alle, die auf dem Berg Stab wohnten, eilten herbei. Doch Krummling öffnete eine Tür zu Leeres Landen, und ehe Himmelsmann noch ein Wort sagen konnte, hieb er wieder mit dem gewaltigen Hammer nach ihm und schleuderte ihn in die offene Tür.
Leeres Lande zogen an Himmelsmann wie ein Windsog, aber Himmelsmann hielt sich mit aller Kraft seiner mächtigen Hände am Fußboden fest. Er ließ nicht los, vermochte sich aber auch nicht aus Leeres Reich wieder in die Welt zu ziehen. Als Krummling das sah, lächelte er, ging zurück zur Tür von Himmelsmanns Gemach, öffnete sie und versteckte sich dahinter. Alle übrigen Götter und Göttinnen des Berges, Weisheit und Schildträger und die ganze Sippe, stürmten herein. Als sie ihren Herrn in solcher Gefahr sahen, rannten sie zu ihm, packten ihn an den Armen und wollten ihn wieder hereinziehen, doch Leeres Zauber war so stark, dass sie nicht dagegen ankamen. Während sie sich mühten, trat Krummling aus seinem Versteck und zu dem dürren Gott Greistum, der zuhinterst stand. Greistum hatte Himmelsmann gar nicht zu fassen bekommen, aber er zog an Weisheit, die an Jägersmann zog, der wiederum Himmelsmanns Hand umklammerte.
›Ich erinnere mich wohl, wie du auf den Leichnam meines Vaters gespuckt hast‹, sagte Krummling zu Greistum, hob dann die bronzene Hand und die elfenbeinerne Hand und gab dem Alten einen Stoß. Greistum stolperte vorwärts und fiel gegen Weisheit, die wiederum gegen Jägersmann fiel, und die ganze Schar, die ihrem Herrn zu Hilfe geeilt war, taumelte in Leeres Lande. Da löste sich auch Himmelsmanns Griff, und sie stürzten ins kalte Dunkel, alle miteinander.
Krummling lachte, als er sie fallen sah, lachte noch lauter, als sie brüllten und Verwünschungen ausstießen, und lachte am allerlautesten, als sie verschwunden waren. Er hatte lange an all dem Bösen getragen, das sie ihm getan hatten, und verspürte kein Mitleid.
Einer von Himmelsmanns Sippe jedoch war nicht herbeigeeilt, um seinem Herrn zu helfen. Das war Trickser, der nie etwas tat, was er anderen überlassen konnte. Als er sah, was geschehen war - dass Himmelsmann, der stärkste aller Götter, besiegt und verbannt worden war -, da bekam Trickser es mit der Angst. Er rannte aus dem Palast der Götter, seinen Vater Steinmann zu warnen.
Und als Krummling schließlich von dem hohen Berg Xandos hinabstieg und zu Steinmanns Haus lief, war der flinke Trickser schon vor ihm dort angelangt. Krummling hatte nicht wie geplant die Überraschung auf seiner Seite, und als er ans mächtige Tor von Steinmanns Haus kam, fand er es verschlossen und verriegelt und von vielen Kriegern bewacht. Doch das konnte Krummling nicht aufhalten. Auf Wegen, die nur er und seine Urgroßmutter kannten, stahl er sich an den Kriegern vorbei, bis er schließlich vor dem Gemach von Steinmann selbst stand. Trickser hatte seinen Vater gewarnt und wollte sich gerade davonschleichen, aber Krummling stellte ihn, und es kam zum Kampf. Krummling packte Trickser um die Kehle und ließ nicht wieder los. Trickser verwandelte sich in einen Stier, eine Schlange, einen Falken und selbst in eine Flamme, doch Krummling ließ ihn immer noch nicht los. Schließlich gab Trickser auf, nahm wieder seine eigentliche Gestalt an und bettelte um sein Leben.
›Ich habe ja versucht, deine Mutter zu retten‹, winselte Trickser. ›Ich habe versucht, ihr zur Flucht zu verhelfen. Und ich war doch immer dein Freund! Als alle anderen gegen dich waren, habe ich für dich gesprochen. Und als sie dich verjagten, habe ich dich da nicht aufgenommen und dir Wein zu trinken gegeben?‹
Krummling lachte. ›Du wolltest meine Mutter für dich, und du hättest sie dir genommen, wäre sie nicht geflohen. Du hast nicht für mich gesprochen, du hast für niemanden Partei ergriffen - so machst du es immer, damit du dich dann auf die Seite des Siegers schlagen kannst. Und mich aufgenommen und mir Wein gegeben hast du nur, um mich betrunken zu machen und aus mir herauszubekommen, wie man all die magischen Dinge macht, die ich für Himmelsmann und die anderen gefertigt hatte, aber meine Elfenbeinhand hat mich beschützt, indem sie den Becher zerbrach, deshalb scheiterte dein Plan.‹ Er hob Trickser am Hals hoch und trug ihn in Steinmanns Gemach. Krummling fürchtete den Herrn der dunklen Erde immer noch, aber er wusste, dass er es so oder so zu Ende bringen wollte.
Steinmann Kernios traute niemandem, deshalb hatte er den Trank von Krummlings Mutter nicht getrunken. Er stand bereit, in seiner fürchterlichen grauen Rüstung, den schrecklichen Speer Erdstern in der Hand. Er war im Vollbesitz seiner Kräfte und in seinem eigenen Palast. Doch vor allem hatte er noch eine weitere Waffe, und als Krummling auf Leeres Wegen sein Gemach betrat, zeigte er sie ihm.
›Hier ist deine Mutter‹, sagte Steinmann, ›die ich in mein Haus aufgenommen habe und die es mir mit Verrat vergolten hat.‹ Steinmann hielt Helle Morgenröte fest gepackt, die Speerspitze an ihrer Kehle. ›Wenn du dich mir nicht ergibst und dich nicht mit eben jenen Zaubern Leeres, die dir erlaubten, meine Brüder zu töten, hier und jetzt selbst bindest, wird sie vor deinen Augen sterben.‹
Krummling rührte sich nicht. ›Deine Brüder haben mehr Gnade erfahren, als sie meiner Familie zuteilwerden ließen. Sie sind nicht tot, sie schlafen nur in kalten, leeren Landen, wie auch du es bald tun wirst.‹
Steinmann lachte. Sein Lachen, so heißt es, war wie Wind aus einer Gruft. ›Und das soll besser sein als der Tod? Für immer im Leeren zu schlafen? Wie dem auch sei, dir wird solche Gnade, wie du es nennst, nicht zuteilwerden. Du wirst dich selbst vernichten, oder aber deine Mutter wird ihr Leben lassen, und dann töte ich dich ohnehin.‹
Krummling hob Trickser hoch, der noch immer im Griff seiner Bronzehand um Atem rang. ›Und was ist mit deinem Sohn?‹
Steinmanns Stimme war wie das garstige Grollen eines Erdbebens. ›Ich habe viele Söhne. Wenn ich überlebe, kann ich noch weitere zeugen. Wenn nicht, ist mir gleich, wer mich überlebt. Mach, was du willst.‹ Krummling warf Trickser von sich. Eine ganze Weile sahen er und Steinmann sich an wie Wölfe, die sich über einem erlegten Tier belauern, beide nicht willens, den ersten Schritt zu tun. Da fasste Krummlings Mutter plötzlich mit zitternden Händen die scharfe Speerspitze, schnitt sich damit selbst die Kehle durch und sank in einem Blutschwall auf den Boden von Steinmanns Gemach.
Steinmann zögerte nicht. Während Krummling noch auf seine Mutter starrte, die am Boden ihr Leben aushauchte, warf der Herr der schwarzen Erde den mächtigen, blutverschmierten Speer genau auf Krummlings Herz. Krummling versuchte, Erdstern zu gebieten, aber Steinmann hatte die Waffe mit seinen eigenen mächtigen Zauberworten belegt, und Krummling hatte keine Gewalt über sie. Ihm blieb gerade noch die Zeit, einen Schritt zur Seite zu tun, in Leeres Lande. Der Speer flog an ihm vorbei und traf die Wand mit solcher Wucht, dass der halbe Palast einstürzte und alle Lande ringsum erzitterten und erbebten.
Als Krummling wieder aus Leeres Straßen hervortrat, stürzte sich Steinmann auf ihn. Sie rangen lange Zeit, während um sie herum der Palast zusammenbrach. So gewaltig war ihre Stärke und so erbittert ihr Ringen, dass das Gestein der Erde selbst zertrümmert und zermalmt wurde, die Felsgipfel herabstürzten und zu Staub zerfielen, das Land sich senkte und das Meer von allen Seiten hereinbrach, sodass sie schließlich auf einer Steininsel mitten im Wasser kämpften.
Schließlich hielten sie sich gegenseitig an der Kehle. Steinmann war stärker, und Krummling blieb nichts anderes übrig, als wieder in die Wege des Dunkels zu entweichen, aber Steinmann ließ nicht los und wurde mitgerissen. Während sie durchs Leere stürzten, bog Steinmann Krummlings Rücken durch, bis er ihm beinah das Rückgrat brach. Krummling konnte nicht mehr atmen und nicht mehr denken, so mörderisch war Steinmanns Griff.
›Jetzt schau mir in die Augen‹, sagte Steinmann. ›Dann wirst du ein Dunkel sehen, das größer ist als alles, was Leere je erschaffen oder auch nur erdenken könnte.‹
Beinah wäre das Krummlings Ende gewesen, denn hätte er dem Herrn der Schwarzen Tiefen in die Augen gesehen, wäre er in den Tod hinabgezogen worden, doch er wandte den Blick ab und grub die Zähne in Steinmanns Hand. Das war ein solcher Schmerz, dass Steinmann seinen Griff lockerte und Krummling ihn ganz abschütteln konnte. Und Steinmann fiel und fiel ins trübe, kalte Dunkel.
Krummling wanderte eine Zeitlang benommen und verwirrt in den entlegensten Teilen von Leeres Landen umher, doch schließlich fand er zu Steinmanns Haus zurück, wo der Leichnam seiner Mutter lag. Er sank neben ihr auf die Knie, merkte dann aber, dass er nicht weinen konnte. Stattdessen berührte er die Stelle, wo sie ihn geküsst hatte, beugte sich dann über die Tote und küsste ihre kalte Wange.
›Ich habe die vernichtet, die dich vernichtet haben‹, erklärte er ihrem reglosen Körper.
Ohne Vorwarnung durchfuhr ihn ein schrecklicher Schmerz, als Steinmanns mächtiger Speer sich in seine Brust bohrte. Krummling kam taumelnd auf die Beine. Trickser trat aus dem Schattendunkel, wo er sich versteckt hatte. Der Gott der boshaften Streiche lachte und sprang fröhlich umher.
›Und jetzt habe ich dich vernichtet‹, rief Zosim der Trickser. ›Alle Großen außer mir sind tot, und ich allein herrsche jetzt über die ganze Welt und die sieben mal sieben Berge und die sieben mal sieben Meere!‹
Krummling griff mit der Bronzehand und der Elfenbeinhand an den Speer Erdstern, der ihn gefällt hatte. Die mächtige Waffe ging in Flammen auf und verbrannte zu Schlacke. ›Ich bin nicht vernichtet‹, sagte Krummling, obgleich schwerverwundet. ›Noch nicht ... noch nicht ...‹«
Erst als sich das Schweigen so lange hinzog, dass er schon merkte, wie er einnickte, sah Barrick auf. »Vogel? Skurn? Was geschah dann?« Er riss die Augen auf. »Wo bist du?«
Gleich darauf kam ein überwiegend schwarzes Etwas mit schwerem Flügelschlag aus dem ewiggrauen Himmel herab, im Schnabel irgendein grässliches Gezappel.
»mmm«, sagte das schwarze Etwas, während ihm noch die Mehrzahl der Beine vergeblich strampelnd aus dem Schnabel hing. »Fein. Erzählt es Euch später zu End, unsereins. Hat nämlich ein ganzes Nest von denen hier entdeckt. schmecken genau wie tote maus, eh sie zu aufgebläht ist und platzt. soll unsereins Euch auch ein, zwei davon holen?«
»O Götter«, stöhnte Barrick und wandte sich angeekelt ab. »Wo immer ihr seid, ob lebendig oder tot, bitte, gebt mir Kraft.«
Für so viel Dummheit hatte der Rabe nur ein verächtliches Schnauben. »Um Kraft zu beten, reicht nicht. Essen muss man, wenn man bei Kräften bleiben will.«

3 Im Seidenwald
Der soterische Gelehrte Kyros wiederum berichtet, ein alter
Kobold habe ihm erklärt, die Götter seien »uns hierher
gefolgt« (nämlich aus einer ursprünglichen Heimat »jenseits
der Meereswasser«).
Eine Abhandlung über die Elbenvölker Eions und Xands
Ich habe einen Plan, Vogel.« Barrick Eddon löste eine weitere Dornenranke Widerhaken für Widerhaken von seinem Arm. »Einen sehr klugen Plan. D u findest mir einen Weg, der mich nicht durch jeden einzelnen Dornenbusch von ganz Zwielichtlerland führt ... und ich werde deinen hässlichen kleinen Schädel nicht mit einem Stein zermalmen.«
Skurn hüpfte auf einen tieferen Ast herab, achtete aber immer noch darauf, nicht in Barricks Reichweite zu gelangen. Er plusterte sein verschmiertes Gefieder. »sieht nun mal alles anders aus von hoch droben.« sein Ton war mürrisch. sie hatten beide seit der Mitte des Vortags nichts mehr gegessen. »so genau kann unsereins das nicht immer erkennen.«
»dann flieg tiefer.« Barrick erhob sich, rieb sich die Reihe kleiner, blutender Piekser und krempelte den zerrissenen Hemdärmel wieder herunter.
»›Flieg tiefer‹, sagt er«, grummelte Skurn. »als ob er der Herr wär und Skurn der Diener, statt dass wir gleichberechtigte Handelspartner sind, so wie vereinbart .« Er schlug mit den Flügeln. »Vereinbart!«
Barrick seufzte. »Und warum führt mich mein ... Partner dann ständig durch das dornigste Gelände weit und breit? Für hundert Schritt haben wir einen ganzen Tag gebraucht. Wenn wir dieses Tempo beibehalten, bringen wir den ...« Plötzlich fiel Barrick ein, dass ein dunkler Wald, der voller wie auch immer gearteter Ohren sein mochte, vielleicht nicht unbedingt der beste Ort war, um über Fürstin Stachelschweins Spiegel zu sprechen, den Gegenstand, den zum Thron der Qar zu bringen er hatte schwören müssen. »Wenn wir dieses Tempo beibehalten, werden selbst die Unsterblichen gestorben sein, bevor wir sie gefunden haben.«
Skurn schien jetzt etwas milder gestimmt. »ist von oben nicht zu sehen, der Boden, weil die Bäume zu dicht sind, vor allem diese Hartstengelbäume. Aber unsereins wagt's nicht, tiefer zu fliegen. seht ihr denn nicht? dort im oberen Geäst sind Seidenfäden gespannt, und manche flattern sogar über die Baumkronen hinaus, nur um Prachtkerle wie unsereins zu fangen.«
»Seidenfäden?« Barrick mühte sich jetzt wieder weiter und benutzte den rostigen, alten, abgebrochenen Speer, den er an der Straße gleich bei Großetiefen gefunden hatte, um sich den Weg freizuschlagen, wenn das Gestrüpp zu dicht wurde. Es war zwar nicht der dichteste Wald, den er diesseits der Schattengrenze gesehen hatte, aber er war voller widerspenstiger Klammerranken, die jeden Schritt so beschwerlich machten, als watete man durch Morast. In Verbindung mit dem immer gleichen Zwielicht dieser lande genügte das, um selbst das tapferste Herz verzagen zu lassen.
»Ja. Ist der Seidenwald, das hier«, krächzte der Rabe. »Wo die Seidenwickler leben.«
»Seidenwickler? Was sind das für Kreaturen?« der Name klang nicht besonders bedrohlich, was nach der Begegnung mit Kettenjack und seinen monströsen Dienern immerhin eine nette Abwechslung wäre. »sind das Zwielichtler?«
»Wenn ihr meint, ob sie Hohe sind, nein.« Skurn flatterte ein paar Äste weiter und wartete, dass Barrick auf seine langsame und eintönige Art hinterherkam. »sie sprechen weder, noch gehen sie auf den Markt.«
»auf den Markt ?«
»Nicht wie richtiges Elbenvolk, nein.« der Vogel hob den Kopf. »Pst«, sagte er scharf. »das klingt wie was Kleines, dummes in den letzten Zügen. Abendbrot!« der Rabe schwang sich vom Ast, flatterte zwischen den Bäumen davon und ließ den verdutzten Barrick allein zurück.
Er hieb sich dort, wo das Dornengestrüpp am lichtesten schien, ein Plätzchen frei und setzte sich hin. sein schlimmer Arm pochte seit stunden, sodass er nicht besonders unglücklich über die Ruhepause war, aber trotz des Verdrusses, den ihm der Vogel bereitete, war Skurn doch wenigstens jemand, mit dem er sich in diesen landen der ewigen Düsternis, des grauen Himmels und der bedrohlichen, mit schwarzem Moos behangenen Bäume unterhalten konnte. Ohne den Vogel schien sich die stille wie Nebel um ihn zu verdichten.
Er schlang die arme um die Knie und zog die Beine eng an den leib, um nicht zu zittern.
Nach Barricks Schätzung musste es mehr als ein halbes Tagzehnt her sein, dass Gyir und Vansen gefallen waren und er dem labyrinthischen unterirdischen Reich des Halbgotts Kituyik entronnen war. Im ewigen Zwielicht der Schattenlande war es schwer, Zeiträume abzuschätzen, aber er wusste, dass er mehr als ein halbes dutzend mal geschlafen hatte - diesen langen, tiefen, aber irgendwie dennoch nicht erholsamen schlaf, den er hier lediglich fand. In der Welt dort draußen war Kerneia gekommen und vergangen, während er und seine Kameraden unter der Erde gefangen gesessen hatten - das wusste Barrick, weil der grässliche Kituyik ja die Absicht gehabt hatte, den Tag des Erdherrn zu feiern, indem er Barrick und die anderen opferte. Da sie Südmark im Ondekamene verlassen hatten, um gegen die Zwielichtlerarmeen zu kämpfen, bedeutete das, dass er seine Heimat seit über einem Vierteljahr nicht mehr gesehen hatte. Was mochte in dieser langen Zeit geschehen sein? Waren die Zwielichtler dort angelangt? stand seine Schwester Briony unter Belagerung?
Vielleicht zum ersten mal seit jenem schrecklichen Tag auf dem Kolkansfeld erkannte Barrick Eddon seine sonderbare innere Gespaltenheit: Er fühlte noch immer eine unerklärliche, fast schon sklavische Loyalität zu dieser majestätischen, furchteinflößenden Kriegerin, die ihn auf dem Schlachtfeld aufgelesen und über die Schattengrenze geschickt hatte (wenn er sich auch immer noch nicht erinnern konnte warum oder mit welchem Auftrag), aber gleichzeitig wusste er jetzt, dass diese dunkle Kriegerin Yasammez war, Fürstin Stachelschwein, die Kriegsherrin der Qar, die nichts kannte als ihren Hass auf alle Sonnländer ... Barricks Volk. Wenn die Qar in diesem Moment Südmark belagerten, wenn seine Schwester und die übrigen Südmärker in Gefahr oder sogar schon ermordet worden waren, dann auf Betreiben dieser Frau.
Und jetzt hatte er noch eine Mission für Yasammez und die Qar geerbt. An die erste, von dem Tag, an dem ihn die dunkle Fürstin auf dem Schlachtfeld verschont hatte, konnte er sich nicht erinnern: Es fühlte sich an, als hätte Yasammez diesen Auftrag in ihn hineingegossen wie Öl in eine Kanne und dann den Stopfen so tief hineingedrückt, dass er selbst ihn nicht mehr herausbekam. Den zweiten Auftrag hatte er allein auf das Wort ihres obersten Gefolgsmannes Gyir hin übernommen: Weil der gesichtslose Elbe, kurz bevor er für Barrick sein leben hingab, geschworen hatte, dass die Mission für die Menschen und die Elben gleichermaßen wichtig sei. Und deshalb tauchte Barrick jetzt, da er endlich frei war, zu tun, was jedes vernünftige Wesen täte (nämlich so schnell wie möglich wieder zur Schattengrenze und in die Sonnenlande zurückzukehren), immer tiefer in dieses land der Nebel und des Wahnsinns ein.
Wie auf dieses Stichwort hin schien der Nebel zurückzukehren. Es war kälter geworden, seit der Vogel davongeflogen war, und vom Boden stiegen jetzt milchige Schwaden auf. Barrick kam sich vor, als säße er in einer wogenden Wiese von Geistergras: Bald würde auch sein Kopf im Nebel verschwinden. Der Gedanke gefiel ihm gar nicht, also rappelte er sich auf.
Der Bodennebel wurde immer dichter, strudelte wie Wasser um die grauen Baumstämme - kroch sogar die Stämme empor. Bald würde er überall sein. Wo war dieser verfluchte Vogel? Wie konnte er einfach davonfliegen und einen Gefährten im stich lassen - was war das für eine Loyalität? Wann würde er zurückkommen?
Wird er überhaupt zurückkommen?
Der Gedanke war eine kalte Hand, die sich um sein pochendes Herz schloss. Der Vogel hatte Gyir keinen Schwur geleistet, so wie Barrick. Skurn kümmerten weder die Wünsche der Sonnländer noch die der Qar sonderlich - eigentlich kümmerte ihn kaum etwas außer seinem Bauch und dem widerwärtigen Zeug, mit dem er ihn füllte. Vielleicht war der Rabe ja plötzlich zu dem Entschluss gekommen, dass er hier nur seine Zeit vergeudete.
»Skurn!« der Ruf flatterte so kraftlos aus seiner Kehle wie ein Pfeil von einer gerissenen sehne und wurde von der trüben Düsternis des ewigen abends geschluckt. »sei verflucht, du widerlicher Vogel, wo bist du?« Er hörte die Wut in seiner stimme und besann sich eines Besseren. »Komm zurück, Skurn, bitte! du ... Du darfst auch unter meinem Hemd schlafen.« das hatte er ihm sonst, wenn es kalt geworden war, verboten: schon beim Gedanken, diesen stinkenden, alten Aasvogel samt dem in seinem Gefieder hausenden Getier an seiner Brust zu beherbergen, hatte ihn geschaudert, und das hatte er dem Raben auch gesagt - in aller Deutlichkeit.
Jetzt allerdings bereute Barrick seine Strenge.
Allein . Ein Gedanke, den er aus Angst, davon überwältigt zu werden, bisher nie zugelassen hatte. seine gesamte Kindheit hatte er als eine Hälfte von »die Zwillinge« verbracht, einer Einheit, von der sein Vater, sein Bruder und die Bediensteten immer so gesprochen hatten, als handelte es sich dabei nicht um zwei Kinder, sondern um ein ungemein schwieriges, zweiköpfiges Kind. Und zudem waren die Zwillinge so unablässig von Dienern und Höflingen umgeben gewesen, dass sie verzweifelt nach Fluchtmöglichkeiten gesucht hatten, um einmal allein sein zu können; einen Großteil seiner Kindheit hatte Barrick Eddon damit verbracht, Verstecke zu finden, in die Briony und er sich zurückziehen konnten. Im Moment erschien ihm ein bevölkertes Schloss allerdings eher wie ein schöner Traum.
»Skurn?« Plötzlich kamen ihm Zweifel, ob es eine gute Idee war, seine Einsamkeit einfach so hinauszuschreien. In den vergangenen Tagen waren sie kaum auf andere Wesen getroffen, doch das hatte vor allem daran gelegen, dass Kituyik und seine Armee hungriger Diener das Terrain in einem beträchtlichen Umkreis um Großetiefen von allem gesäubert hatten, was größer war als eine Feldmaus. Aber jetzt war er weit von den Minen des Halbgottes entfernt ...
Barrick erschauerte wieder. Er wusste, er täte besser daran zu bleiben, wo er war, doch der Nebel stieg, und er glaubte immer wieder, in der wabernden Ferne Anzeichen irgendeiner Aktivität zu erkennen, als ob einige der perlweißen Schwaden sich nicht mit dem Wind, sondern selbständig bewegten.
die Brise frischte auf, wurde kälter. Ein seufzen und Wispern schien durch die Blätter über seinem Kopf zu gehen. Barrick packte den Speer am gebrochenen Schaft und machte sich auf den Weg.
der Nebel schränkte seine sicht ein, aber er kam ohne allzu viel stolpern voran, wenn er auch ab und zu mit dem Speer prüfen musste, ob ein dunkler Fleck im Gestrüpp zu seinen Füßen nicht ein Loch war, wo er hineintreten und sich den Knöchel verstauchen könnte. Doch der Pfad vor ihm schien jetzt überraschend frei, weit einfacher zu bewältigen als das dornige Dickicht der letzten stunden. Erst nach ein paar hundert Schritten ging ihm auf, dass er sich nicht länger einen Weg suchte, sondern einem folgte : Weil der Weg frei war, ging er dahin, wo dieser Weg hinführte.
Und wenn irgendjemand ... oder irgendetwas ... will, dass ich genau das tue ...?
Noch ehe ihm die Tragweite dieser Frage völlig bewusst war, huschte etwas am Rande seines Sichtfelds vorbei. Er fuhr herum, doch bis auf einen Nebelfetzen, den der von ihm selbst verursachte Luftzug bewegte, war da nichts. Als er sich gerade wieder zurückdrehte, flitzte ein Stück vor ihm etwas Nebelfarbenes über den Pfad, war aber zu schnell wieder verschwunden, als dass er es genauer hätte erkennen können.
Er blieb stehen. Mit zitternden Händen hob er den schartigen Speer. Dort, ein Stück entfernt, bewegte sich eindeutig etwas im Nebel zwischen den Bäumen, mannsgroße Gestalten, aber bleich und verflucht schwer zu erkennen. Wieder war über ihm dieses Wispern, das jetzt weniger wie die stimme des Windes und mehr wie eine unverständliche, zischende Sprache klang.
Plötzlich hinter ihm ein Rascheln, unendlich leise, weiche Schritte auf Laub - Barrick wirbelte herum und sah für einen Moment etwas, das keinen Sinn ergab: die Gestalt war fast so groß wie ein Mensch, aber verwachsen wie eine Alraunenwurzel und wie ein königlicher Leichnam in etwas eingewickelt: in nebelweiße Fäden - vielleicht war es ja Nebel, dachte er schaudernd, Nebel, der eine entfernt menschliche Gestalt angenommen hatte. An manchen stellen waren die Nebelfäden nicht dicht genug gewickelt, und etwas glänzend Grauschwarzes quoll und triefte hervor. Auch wenn die Erscheinung keine erkennbaren Augen hatte, schien sie Barrick sehr gut sehen zu können; im nächsten Augenblick verschwand das bleiche Wesen wieder im Nebel abseits des Pfads. Erneut ging Gewisper über seinen Kopf hinweg und fand ein Echo. Barrick drehte sich wieder nach vorn, weil er Angst hatte, umzingelt zu werden, doch für den Augenblick hatten sich die Fadenknäuelkreaturen in den schützenden Nebel zurückgezogen.
Seidenwickler . so hatte der Vogel sie genannt, und diese grässliche Gegend, hatte er gesagt, heiße Seidenwald.
Etwas dünnes, klebrig wie eine Spinnenwebe, traf sein Gesicht. Er griff danach, aber es wickelte sich irgendwie um seinen Arm. statt die andere Hand hochzureißen und ebenso einfangen zu lassen, zerrte er mit der Speerspitze an den Fadenfesseln und sägte daran herum, bis sie mit einem scharfen, aber dennoch lautlosen Schnappen rissen. Wieder schwebte ein Faden auf ihn zu, als driftete er im Wind, wickelte sich dann aber mit erschreckender Präzision um ihn. Und wieder riss er mit dem Speer daran, fühlte, wie der Faden sich festkrallte und stärker spannte. Er hob den Blick und sah über sich eins der weiß umwickelten Wesen im Geäst hocken und wie ein Marionettenspieler herabhängende Seidenfäden manövrieren. Er schrie erschrocken auf, stieß mit dem abgebrochenen Speer nach der Kreatur und spürte, wie die Spitze in etwas eindrang, das fester war als Nebel oder selbst Seidenfäden, aber trotzdem nicht wie ein normales Tier oder ein Mensch; es fühlte sich an, als stieße er in ein in feuchten Pudding gewickeltes Bündel Stöcke.
Der Seidenwickler gab einen bizarren, flötenden Seufzer von sich und kletterte ins höhere Geäst, wo er hinter Nebelschwaden und einem zwischen Ästen gespannten Schleier aus Seidenfäden verschwand.
Barrick riskierte einen Blick vor sich und sah, dass der Pfad, der eben noch so breit und einladend gewirkt hatte, sich jetzt fast bis auf seine Schulterbreite verengte - ein Tunnel aus weißen Fasern wie das Wohngespinst einer jagenden Spinne. Sie versuchten, ihn in diese Falle zu zwingen, ihn tiefer und tiefer hineinzutreiben, bis er nicht mehr umkehren konnte, bis seine Gliedmaßen umgarnt waren und er so hilflos war wie eine gefangene Fliege.
Wie war das alles so schnell passiert? Ihm pochte das Blut im Schädel. Eben noch hatte er dort gesessen und an zu Hause gedacht - und jetzt würde er sterben.
Etwas bewegte sich links vom ihm. Barrick schwang seinen Speer im weiten Bogen, versuchte verzweifelt, die Kreaturen auf Abstand zu halten. Er spürte eine hauchzarte Berührung im Nacken, als wieder ein Seidenwickler wehende Fäden auf ihn herabschleuderte. Barrick schrie auf und schlug um sich, um die klebrigen Stränge loszuwerden.
mitten auf dem Pfad stehen zu bleiben, würde sein Schicksal besiegeln, das war ihm klar. »Zieh dich hinter eine Mauer zurück oder such dir irgendeine Rückendeckung «, hatte ihm Shaso immer eingeschärft. Barrick wandte sich vom Pfad weg und bahnte sich einen Weg durchs Unterholz. Den Bäumen ganz entkommen würde er nicht, das war ihm klar, aber wenigstens konnte er selbst bestimmen, wo er sich dem Gegner stellen wollte. Immer wieder den auf ihn zufliegenden Fadenbündeln ausweichend, schlug er sich zu einer kleinen Lichtung durch, in deren Mitte ein einzelner riesiger Baum mit tellerförmigen, rotgoldenen Blättern und dickem, grauem Stamm stand; die Rinde war rauh und gefurcht wie die Haut einer Echse. Barrick postierte sich mit dem Rücken zum Baumstamm. Wer auch immer sein Gegner war, in diese Zweige würde er nicht so leicht gelangen, da der Baum keine Berührung mit seinen Nachbarn hatte.
Nebel umwallte seine Füße, erreichte stellenweise Hüfthöhe, während Barrick in das immer dichter werdende, milchige Weiß starrte. Und obwohl sein verkrüppelter Arm an den stellen, wo er ihn vor so langer Zeit gebrochen hatte, wie Feuer brannte, hielt er seinen abgebrochenen Speer mit beiden Händen fest umklammert, aus Angst, er könnte ihm aus den Fingern geschlagen werden.
Sie kamen jetzt aus der trüben Suppe auf ihn zu, bleiche, geisterhafte Schemen, die selbst kaum mehr als Nebel schienen. Aber diese Seidenwickler waren real. Das hatte er gespürt, als er die Speerspitze in einen gerammt hatte. Und wenn sie real genug waren, um sich aufspießen zu lassen, waren sie auch real genug, um zu töten.
Etwas kitzelte ihn im Gesicht. Ganz auf die herannahenden Gestalten konzentriert, hob er reflexhaft die Hand, um es wegzuwischen, ehe er begriff, worum es sich handelte, und zur Seite sprang. Wieder hatte sich eine dieser Kreaturen von hinten angeschlichen, um ihre Seidenschlingen zu schleudern, und als er um den mächtigen Baumstamm herumtrat und ihr gegenüberstand, hob die nicht-ganz-menschliche Gestalt in fast schon komischem Erschrecken den Seidenumwickelten, beinahe gesichtslosen Kopfknubbel wie ein bei verbotenem Tun ertappter Hund. Barrick glaubte, zwei feuchte, dunkle Flecken zu erkennen, die aus dem kunstvollen Fadengewirr herausspähende Augen sein mochten. Er stieß so fest mit dem Speer zu, dass er die rostige spitze fast gänzlich im Bauch der Kreatur versenkte. Es schmatzte so tief im inneren des Seidenwicklers, dass er überzeugt war, ihn getötet zu haben, doch als er den Speer herausreißen wollte, bekam er ihn fast nicht frei, und als er ihn dann doch draußen hatte, blubberte nur eine geringe Menge einer zähen, dunkelgrauen Flüssigkeit aus dem Loch in der Seidenhülle. Immerhin taumelte der Seidenwickler unter offenkundigen schmerzen rückwärts, bevor er sich umdrehte und in den Nebel davonhastete. Barrick drehte sich gerade rechtzeitig um, um einen weiteren Seidenwickler, von dessen Fingern Seidenstränge hingen, über die Lichtung auf sich zukommen zu sehen. Barrick duckte sich, die Fäden blieben neben seinem Kopf an der Rinde kleben, und für einen Augenblick war das Wesen ein Gefangener seiner eigenen Waffe. Es ruckte mit der verkrümmten Hand, bis die Seide riss, doch in diesem Augenblick stieß ihm Barrick den Speer in die Brust. Allerdings bekam er nicht viel Druck hinter den Stoß, sodass die Speerspitze nicht sehr tief eindrang, aber er ließ die Hand den Schaft hinaufgleiten, um ihn kürzer zu fassen, zog dann die Klinge abwärts und schlitzte so der Kreatur den Rumpf, wenn auch nicht sehr tief, von der Brust bis zur Leibesmitte auf. Zu seiner Verwunderung spie die Wunde diesmal förmlich graue Flüssigkeit, und noch während die lautlosen Gefährten des Seidenwicklers aus dem Nebel kamen, glitt die verwundete Kreatur zu Boden, lag keuchend und blubbernd da und zuckte wie eine enthauptete Schlange.
Das innere der Kreaturen bestand fast nur aus Flüssigkeit, wie das Mark gekochter Knochen. Vielleicht war die Umhüllung ja keine Kleidung, sondern eher so etwas wie eine Schale oder Haut - eine Art Schutzpanzer für ihre weichen Körper. In diesem Fall war ein Speer so ziemlich die ungeeignetste Waffe gegen sie. Er brauchte etwas mit einer langen, scharfen Klinge - ein Schwert oder wenigstens ein Messer -, was er jedoch nicht hatte. Wenn ihn nur einer von dem halben dutzend Seidenwickler, die jetzt auf ihn zukamen, zu fassen bekam, würden sie ihn schnell zu Boden zerren, und dann würden sie ihn einwickeln wie eine Spinne ein Insekt ...
Er dachte an Briony, die ihn zweifellos längst für tot hielt. [...]
7 Ein Platz an der Tafel des Königs
Als weiteren Beweis für das Ketzertum der Elben führt der Soterianer Kyros an, wie eng sich die Qar-Version der Theomachie an die xandische Häresie anlehnt, welche die Götter des Trigon als die Feinde des Menschengeschlechts darstellt, die unterlegenen Götter - Zmeos Weißfeuer und seine Geschwister - hingegen als dessen Wohltäter ...
Eine Abhandlung über die Elbenvölker Eions und Xands
Ich bin bestürzt und wütend wegen dieser schrecklichen Sache, Hoheit«, sagte Finn Teodorus. »dem Mord an Eurer Dienerin! Selbst in meinem Gefängnis habe ich kaum von etwas anderem reden hören.«
»Noch viel schlimmer ist es für die Familie der kleinen Talia, des Mädchens, das sterben musste.« Briony lächelte ihn traurig an. »›Hoheit‹ - es ist seltsam, wenn ihr mich so nennt, Finn.«
»Na ja, noch seltsamer muss es doch wohl gewesen sein, dass wir Euch in der ganzen Zeit, die ihr mit uns gereist seid, immer nur mit ›Junge‹ oder ›Tim‹ angesprochen haben.« Er lachte. »Zoria unerkannt auf der Flucht - wahrhaftig!«
Sie seufzte. »Um ehrlich zu sein, es fehlt mir. Tim hat vielleicht nicht so gut gespeist wie eine Prinzessin, aber ihn wollte wenigstens niemand vergiften.«
»Es ist wirklich schockierend, Hoheit. Habt ihr eine Ahnung, wer so etwas wollen könnte?«
Sie blickte auf die Tür von Teodorus' Zelle, die Erasmias Jino absichtlich einen Spalt offen gelassen hatte. Draußen erkannte sie die Farben eines der Wachsoldaten. Es wäre töricht, etwas zu sagen, was niemand mithören sollte. »Ich weiß nur, dass ein Kind durch Gift starb, das für mich bestimmt war. Lord Jino hat versprochen, den Schuldigen zu finden.«
»Lord Jino?« Finn Teodorus lachte bitter. »Den kenne ich - ein hartnäckiger Bursche. Er kann ganz schön einschüchternd sein. Ich bin sicher, er wird zu einem Ergebnis kommen.«
»O Finn, haben sie Euch schlecht behandelt?« Sie musste gegen den Drang ankämpfen, ihm die Arme um die hängenden schultern zu schlingen, aber sie war jetzt wieder eine Prinzessin, da gehörte sich so etwas nicht. »ich habe ihnen gesagt, dass ihr ein anständiger Mensch seid.«
»Verzeiht, Hoheit, aber dann trauen sie Eurem Wort wohl auch nicht.«
Sie sah kurz zur Tür, stand dann auf und machte sie leise zu. Sollen sie sie doch wieder aufmachen, wenn sie unbedingt zuhören wollen . »Erklärt mir noch mal«, sagte sie leise, »wir haben vielleicht nicht viel Zeit - was solltet ihr hier in Tessis für Brone tun?«
Die Miene des Stückeschreibers war unglücklich. »Bitte, bestraft mich nicht dafür, dass ich mich in Eure Familienangelegenheiten gemischt habe. Ich habe nur getan, was Brone von mir wollte - ich schwör's, ich wäre ihm nicht zu Diensten gewesen, wenn ich gedacht hätte, dass irgendeine böse Absicht dahintersteckte!«
»ich bezweifle, dass er Euch die Wahl gelassen hat«, sagte Briony mit einem bitteren lächeln. »ich würde vermuten, er hat Euch eine Bezahlung für Eure mühe geboten, Euch aber auch gedroht, falls ihr nicht einwilligen würdet.«
Teodorus nickte düster. »Er sagte, wir würden nie wieder die Genehmigung erhalten, in Südmark zu spielen.«
»Sagt mir, was er von Euch wollte.«
Teodorus zog ein Taschentuch aus seinem Ärmel und wischte sich die glänzende stirn. Er hatte etwas abgenommen, seit ihn die Syanesen eingesperrt hatten, war aber immer noch ein fülliger mann. »ich habe, wie ihr wisst, Briefe hier am Königshof abgeliefert, aber ich hatte keine Ahnung, was darin stand. Außerdem befahl man mir, Dawet dan-Faar eine Botschaft in einer bestimmten Schänke zu hinterlassen, und das habe ich getan. Die BotSchaft lautete, wir würden im Falschen Frauenzimmer sein - und ich hätte Nachrichten aus Südmark für ihn. Aber ich bin nicht dazu gekommen, mit ihm zu sprechen. Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat, diesen Soldaten zu entwischen ...«
»Ich nehme an, sie haben ihn entkommen lassen«, sagte Briony. »ich war in dem Moment etwas abgelenkt, aber das Ganze sah doch sehr nach ...«, sie legte sich den Finger an die Nase, »... einem abgekarteten Spiel zwischen Dawet und den Wachen aus.« sie schüttelte den Kopf. Spionage - welch verwirrender, klebriger Sumpf. »Und was hättet ihr Dawet sagen sollen, wenn ihr dazu gekommen wärt?«
»Ich sollte ihm sagen, dass ... dass ein Handel immer noch möglich sei, dass Drakava Olin aber nicht nur heimkehren lassen, sondern ihm auch noch einen Trupp Bewaffneter mitgeben müsse, um einen Verrat der Tollys zu verhindern, die den Thron an sich reißen wollten.«
Das war ein schock. »Ein Handel mit Drakava? mMeinte er die hunderttausend Golddelfine oder meine Hand? Hat Brone mich Drakava angeboten - was mein Vater und mein Bruder nicht getan haben?«
Teodorus zuckte die Achseln. »ich habe schon öfter Botendienste für Avin Brone geleistet. Er gab mir immer nur, was ich brauchte, gewöhnlich einen versiegelten Brief. Dan-Faar gegenüber wollte er nicht riskieren, dass irgendetwas schriftliches existierte, aber er sagte mir nur, was ich wissen musste.«
Briony lehnte sich zurück, und heiße Röte stieg ihr ins Gesicht. »ach ja? Vielleicht hat der Graf von Landsend ja eigene Pläne - Geheimnisse gar.«
Dem Stückeschreiber war jetzt sichtlich nicht wohl in seiner Haut. »ich ... Ich ... ich weiß nicht mehr darüber, was er von diesem Tuani dawet wollte, ich schwör's. Bitte, seid mir nicht böse, Hoheit.«
Briony merkte, dass sie Teodorus Angst gemacht hatte - einem der wenigen Menschen, die sie freundlich behandelt hatten, als sie es nicht gemusst hätten: Der Stückeschreiber zitterte, und auf seiner Stirn standen Schweißperlen.
Ich bin mal wieder eine echte Eddon . Wie mein Vater wünsche ich mir oft, behandelt zu werden, als wäre ich nicht von königlichem Geblüt, und vergesse darüber, dass meine Zornausbrüche andere um ihr Leben fürchten machen ...
»Keine Angst, Finn.« Sie lehnte sich wieder zurück. »Ihr habt mir und meiner Familie nichts zuleide getan.«
Teodorus sah immer noch höchst unglücklich drein, schaffte es aber immerhin, »danke, Hoheit« zu sagen.
»Doch Eure Dienste für Südmark sind noch nicht beendet - ich habe noch mehr für Euch zu tun. Ich brauche einen Sekretär. Von den Syanesen kann ich niemandem trauen, aber ich benötige jemanden, der sich am Hof unauffällig bewegen kann - jemanden, der ein Ohr ... und eine Schwäche ... für Klatsch und Tratsch hat.«
Finn Teodorus sah auf, das Gesicht eine Mischung aus Erleichterung und Verwirrung. »ihr meint doch wohl nicht mich, Hoheit?«
Briony lachte. »Um ehrlich zu sein, ich dachte an Feival. Er hat schon öfter Höflinge beiderlei Geschlechts gespielt, warum sollte er nicht auch für mich einen spielen? Nein, mit Euch habe ich andere Pläne, Finn. Ich möchte, dass ihr und die übrigen Mitglieder der Truppe meine Ohren hier in Tessis seid. Findet heraus, was die Leute denken, vor allem über Südmark - was es an Nachrichten über den Krieg dort gibt und über die Usurpation des Throns durch die Tollys.« Sie erhob sich. »Ohne Information kann ich keine Entscheidungen treffen. Ohne eigene Quellen erfahre ich nur, was ich nach Meinung König Enanders und seiner Gefolgsleute erfahren soll.«
»Natürlich, Prinzessin - aber wie kann ich Euren Auftrag erfüllen? ich bin doch ein Gefangener!«
»Nicht mehr lange. Dafür werde ich sorgen. Seid tapfer, Freund Finn. Ihr steht jetzt in meinen Diensten, und ich werde mich um euch kümmern.«
Briony ging zur Tür und riss sie auf. »Schauspieler! Oh, was bin ich froh, sie los zu sein!« Sie sagte es so laut, dass es die Wachen hören mussten. »Bringt ihn wieder in seine Zelle! Ich bin die Gesellschaft professioneller Lügner leid.« [...]
Er verbeugte sich im Eintreten. »Guten morgen, Herrin. Werdet ihr mich heute töten?«
»Warum fragt ihr, Kayyin? Hattet ihr andere Pläne?«
Das war ihre rituelle Begrüßung. Aber es war nicht nur Ironie.
Lady Yasammez hatte die Augen geschlossen. Ihre Gedanken waren weit geschweift und eben erst hierher zurückgekehrt, an diesen fremden Ort, in diese Sonnländerstadt am Meer - diesem Meer, das dasselbe war, das auch gegen die Felsen vor Qul-na-Qar schlug, und das doch so anders aussah und sich so anders anfühlte. Ja, in nur wenigen hundert kurzen Jahren hatte der Mantel alles verändert, dieses große Tuch, das der Krumme sie zu ihrem Schutz zu erzeugen gelehrt hatte - aber war es nur der Mantel, der die Dinge verändert hatte? War nicht in den Herzen des Volkes selbst - ihres Volkes - etwas gewachsen, das die Sonne nicht mehr liebte? Sie dachte über Kayyin nach, während er vor ihr stand, mit seinem seltsamen, traurigen Lächeln. Welcher Qar sah je so aus, hatte diesen Ausdruck von Furcht und Schuldgefühl, den nur ein Sterblicher zustande brachte? Sie sind nicht so anders als wir, wie Ihr vermutlich glaubt - das hatte Kayyin selbst einmal zu ihr gesagt. Damals hatte sie es als einen seiner Versuche abgetan, sie zu erzürnen, sie dazu zu bringen, ihn zu töten, sein unnatürliches Halbleben zu beenden. Später dann hatte sie begonnen, darüber nachzugrübeln. Und wenn es nun stimmte?
Und plötzlich, als sie an die dunklen Wellen dachte, die unablässig vor Qul-na-Qar anbrandeten, kam ihr noch ein anderer Gedanke: Und wenn nun die Sonnländer, diese sterblichen Insekten, die zu zerquetschen sie sich seit Jahren sehnte, durch deren Schwerter sie gern sterben wollte, wenn sie dem Feind nur vorher einen ausreichenden Blutzoll abgefordert hatte ... wenn die sterblichen nicht nur genauso waren wie ihr Volk, sondern besser? Wie lange konnte ein Wesen mit gebeugtem Rücken gehen, ehe es sich nicht mehr aufzurichten vermochte? Wie lange konnten Höhlengeschöpfe so leben, als würden sie eines Tages ans Licht zurückkehren, ehe ihre Augen schließlich verkümmerten und ihre Haut so weiß wurde wie Leichenfleisch? Wie lange konnte man das Leben einer minderwertigen Kreatur führen, ehe man eine minderwertige Kreatur wurde ?
»Ihr habt den Kampf immer noch nicht begonnen, Herrin«, brach Kayyin schließlich das Schweigen.
»Kampf?«
»Es ist nur Tage her, dass ihr geschworen habt, die Sterblichenstadt da vor uns zu zerstören. Wisst ihr noch? Das war, als ihr die beiden Frauen aus Südmark gefangen genommen habt. Da wart ihr höchst beeindruckend, Herrin, überaus furchterregend. ›Es wird eine Freude sein, die schreie eures Volkes zu hören‹, habt ihr ihnen erklärt. Aber ich kann nicht umhin zu bemerken, dass ihr hier sitzt und die Schreie noch immer nicht ertönt sind. Könnte es sein, dass ihr noch einmal über Euren blinden Hass nachgedacht habt?«
»Blinder Hass?« Gereizt wandte sie sich ihm zu. Dass sie sich ärgerte, war als solches schon ärgerlich - er lebte nur dafür, sie zu provozieren, und sie verabscheute es, ihm die Genugtuung zu geben. Aber was sie jetzt sagte, klang sonderbar, fast schon gehässig. »Es ist nur der Vernunft geschuldet, dass sie noch leben. Nur ein Narr zögert nicht, ehe er etwas tut, das nicht rückgängig zu machen ist - und was ich mit den Sterblichen vorhabe, ist von dieser Art. Wenn der Gott tot ist, werden die Sterblichen ebenfalls sterben.« Sie sah ihn an, gestattete sich ein Blinzeln, ein kurzes Zeichen leiser Überraschung. »Wollt ihr wirklich, dass ich sie heute angreife, Kayyin? Wollt ihr das Ende der Sterblichen beschleunigen? Ich dachte, ihr fühltet Euch ihnen mittlerweile näher.«
»Ich will, dass ihr Euch darüber im Klaren seid, was in Euch vorgeht, Herrin. Davon, so scheint mir, wird vieles abhängen.«
»Was redet ihr da für einen Unsinn?«
»Unsinn, der mir ins Ohr geflüstert wurde, ehe ich mich selbst wieder kannte.« Kayyin hielt einen Moment inne, als suche er nach Worten. »Es spielt keine Rolle. Doch auch wenn ihr es mir vielleicht nicht glaubt - ich fürchte um unser Volk, o meine Mutter. Ich fürchte Eure Entscheidungen. Deshalb, so nehme ich an, frage ich Euch. Wie ein ungezogenes Kind, das auf die Rückkehr der Mutter wartet, fürchte ich die strafe weit weniger als das Warten.«
»Das liegt daran, Kayyin, dass ihr ein Kind seid, verglichen mit mir. Wenn ich zuzuschlagen beschließe, wird es schnell gehen und grausam und endgültig sein. Ich werde eine macht gegen diesen Ort einsetzen, die alles lebende tötet, selbst die Vögel in den Bäumen und die Maulwürfe in der Erde.«
Erstmals wirkte er überrascht, lag plötzlich so etwas wie Angst auf seinem Gesicht. »Was? Was würdet ihr mit ihnen machen?«
»Das geht dich nichts an, kleiner Wendehals. Doch weil die Zerstörung so vollständig sein wird, beginne ich damit nicht, ehe ich mir nicht sicher bin.«
»Dann gebt ihr also zu, dass ihr Zweifel habt?«
»Zweifel? Ha!« Sie ergriff Weißfeuer, das auf ihrem Schoß gelegen hatte, erhob sich, streckte die langen Beine und legte dann das Schwert auf den Ratstisch. Die große Halle, die einst der Ratssaal der Stadt gewesen war, war leer, beherbergte nicht einmal mehr Geister. Ihre Wachen warteten draußen. Wie Kayyin waren auch sie sicherlich missgelaunt und ungeduldig wegen der langen Verzögerung, nachdem der Krieg schon so gut wie gewonnen schien. Doch im Gegensatz zu ihm waren sie Soldaten und würden die Disziplin haben, es für sich zu behalten. »Soll ich Euch eine Geschichte erzählen?« [...]
Hobbitpresse Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann (Orig.: Shadowrise/Shadowmarch 3)
2. Aufl. 2010, 701 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen, vier Vorsatzkarten
ISBN: 978-3-608-93719-0
autor_portrait
Marijan Murat

Tad Williams

Tad Williams ist ein kalifornischer Superstar. Seine genre-erschaffenden und Genregrenzen sprengenden Bücher wurden mehrere zehn Millionen Male...

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