Traumjäger und Goldpfote

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Der schönste Katzenroman aller Zeiten!

In seinem ersten Fantasyroman taucht Tad Williams tief ein in die Mythologie und Eigenart der Wesen, die ein weiches Fell tragen und auf samtenen Pfoten gehen.
Ein gefährlich fauchender und von Herzen schnurrender Fantasyroman.

Die Stunde der Dämmerung hatte begonnen, und der Dachfirst, auf dem Traumjäger lag, war in Schatten gebettet.
Schlimmes geht vor unter den Nachfahren von Harar Goldauge und Fela Himmeltanz. Wohin bloß sind Fritti Traumjägers Freunde und Gefährten verschwunden? Und vor allem: Wo steckt Goldpfote, seine geliebte Gespielin? Zusammen mit Raschkralle und Dachschatten macht sich der Kater auf die Suche. Er kommt an den Königshof des ältesten Katzengeschlechts der Geschichte, und sein Weg führt ihn hinab bis in die dunkelste Katzenhölle. Und schließlich findet er, was kein Mensch und keine Katze je zuvor auch nur geträumt hatten ...

Leseprobe
Vorbemerkung des Autors

Mit wenigen Ausnahmen entstammen alle unbekannten Wörter, die in diesem Buch vorkommen, dem Höheren Gesang des Volkes. Wie andere Warmblüter besitzt das Volk zwei Sprachen. Die Gebrauchssprache, die es mit den meisten anderen Säugetieren teilt, ist der Gemeinsame Gesang, der größtenteils aus Gesten, Witterungen und Körperhaltungen besteht; dazu kommen ein paar leicht deutbare Geräusche und Schreie, welche die ganze Skala der Ausdrucksmöglichkeiten umfassen. Der Gemeinsame Gesang ist – wie in diesem Buch – in der Übersetzung nur unvollkommen wiederzugeben.

Bei bestimmten Anlässen oder bei spezifischen beschreibenden Passagen, wo der Gemeinsame Gesang nicht ausreicht, wird der Höhere Gesang benutzt. Fast der gesamte rituelle Bereich und natürlich das Geschichtenerzählen fallen in diese Kategorie.

Der Höhere Gesang ist eine überwiegend verbale Sprache, obgleich die Bedeutung eines Wortes auch durch die Körperhaltung und die Akzentuierung deutlich gemacht werden kann. Der Leser braucht also nicht fortwährend Wörter nachzuschlagen, denn die gebräuchlichen Wörter des Höheren Gesangs sind im Text übersetzt worden. Am Schluss des Buches findet sich überdies ein kleines Lexikon der Katzensprache für jene, die allzu kleinmütig sind, sowie ein Namensverzeichnis.

Warum ich meine Katze schätze Weil sie dem ersten Schein des göttlichen Glanzes im Osten Auf ihre Weise huldigt.
Weil sie das tut, indem sie ihren Leib siebenmal mit anmutiger Schnelle herumwirbelt …
Weil sie, nachdem sie gehuldigt und den Segen empfangen hat, An sich selber zu denken beginnt.
Und dies vollführt sie in zehn Stufen.
Erstens beschaut sie ihre Vorderpfoten, um zu sehen, Ob sie sauber sind.
Zweitens wirbelt sie mit den Hinterbeinen den Staub auf, Damit es hinter ihr sauber wird.
Drittens streckt sie sich gründlich mit gespreizten Vorderpfoten. Viertens schärft sie ihre Krallen an Holz. Fünftens wäscht sie sich.
Sechstens wälzt sie sich frisch gewaschen herum. Siebtens flöht sie sich, damit es sie beim Spaziergang nicht juckt. Achtens reibt sie sich an einem Pfosten. Neuntens fragt sie nach ihren Anweisungen. Zehntens begibt sie sich auf die Suche nach Nahrung … Wenn dann ihr Tagewerk vollbracht ist, macht sie sich An ihre eigentliche Arbeit.
Denn sie hält die nächtliche Wache des Herrn gegen den Feind. Denn sie bekämpft die Mächte der Finsternis mit knisterndem Fell und funkelnden Augen.
Denn sie widersteht dem Teufel, welcher der Tod ist, Indem sie sprühendes Leben verbreitet. In ihren Morgengebeten liebt sie die Sonne, und die Sonne Liebt die Katzen.
Sie entstammt der Rasse der Tiger.
Die Cherub-Katze ist dem Engels-Tiger verwandt. Ich schätze meine Katze, weil nichts süßer ist als ihr Frieden, wenn sie ruht. Weil nichts lebendiger ist als ihr Leben, wenn es in Bewegung ist. Weil Gott sie mit einer unendlichen Vielfalt von Bewegungen Gesegnet hat …
Weil sie nach jeder Musik tanzen kann …

Christopher Smart

TRAUMJÄGER UND GOLDPFOTE

In der Stunde vor Anbeginn der Zeit kam Tiefklar Urmutter aus der Finsternis auf die kalte Erde. Sie war schwarz, und die ganze Welt schien in ihr Pelz geworden zu sein. Sie verbannte die ewige Nacht und gebar die Zwei.

Harar Goldauge hatte Augen, so heiß und strahlend wie die Sonne zur Stunde der Kleineren Schatten; er war die Verkörperung des hellen Tags, des Mutes und des Tanzes.

Fela Himmeltanz, seine Gefährtin, war schön wie Freiheit und Wolken, wie das Lied heimgekehrter Wanderer.
Goldauge und Himmeltanz zeugten viele Kinder und zogen sie in dem Wald auf, der die Welt zu Beginn der Älteren Tage bedeckte. Kletterblitz, Wolfsgespiel, Laubsänger und Schimmerkralle, ihre Jungen, hatten kräftige Gebisse, waren scharfäugig, behende, aufrichtig und tapfer bis zu ihren Schwanzspitzen.
Doch die Eigentümlichsten und Schönsten von all den ungezählten Kindern Harars und Felas waren die drei Erstgeborenen.
Der Älteste hieß Viror Windweiß; sein Fell schimmerte wie Sonnenlicht auf Schnee, und er war schnell wie der Wind …
Das zweite Kind war Grizraz Kaltherz, grau wie die Schatten und voller Seltsamkeit …
Der Drittgeborene wurde Tangalur Feuertatze genannt. Er war schwarz wie Tiefklar Urmutter, doch seine Pfoten waren flammend rot. Er hielt sich abseits und sang für sich allein.
Unter den erstgeborenen Brüdern gab es Nebenbuhlerschaft. Windweiß lief so schnell und war so stark, wie eine Katze es sich nur erträumen konnte – niemand übertraf ihn im Springen oder Laufen. Feuertatze war klug wie keiner; er löste alle Aufgaben und Rätsel und ersann Lieder, die das Volk viele Katzenalter hindurch sang.
Kaltherz konnte mit den Leistungen seiner Brüder nicht wetteifern.
Er wurde neidisch und begann den Sturz von Windweiß und die Erniedrigung des Volkes zu betreiben.
So geschah es, dass Kaltherz ein mächtiges Untier gegen das Volk ins Feld schickte. Ptomalkum war sein Name, und es war die letzte Ausgeburt des Dämonen-Hundes Venris, den Tiefklar in den Tagen des Feuers vernichtet hatte. Ptomalkum, erweckt und genährt von Kaltherz’ Hass, tötete viele aus dem Volk, bevor er selbst von dem tapferen Windweiß erschlagen wurde. Jedoch Windweiß empfing so schwere Wunden, dass er rasch dahinsiechte und starb. Als er erkannte, dass seine Ränke zunichtegemacht waren, fürchtete sich Kaltherz, kroch in ein Loch und verschwand in der verschwiegenen Erde.
Groß war das Wehklagen am Hofe von Harar ob des Todes von Windweiß, den alle geliebt hatten.
Feuertatze, sein Bruder, von Gram erfüllt, floh den Hof, entsagte seinem Anspruch auf die Königswürde und wanderte in die Welt.
Fela Himmeltanz, Windweiß’ Mutter, war von jener Zeit an stumm, und sie blieb es ihr langes Leben lang.
Harar Goldauge jedoch war so von Zorn erfüllt, dass er weinte und gewaltige Eide schwor. Heulend ging er in die Wildnis und vernichtete alles, was ihm auf seiner Suche nach dem verräterischen Kaltherz in die Quere kam. Schließlich, unfähig, einen so großen Schmerz zu ertragen, flüchtete er sich in den Schoß der Urmutter im Himmel. Dort lebt er immer noch und jagt die leuchtende Maus der Sonne durch den Himmel. Oft blickt er von oben auf die Erde herab und hofft, Viror noch einmal unter den Bäumen des Welt-Waldes dahinlaufen zu sehen. Ungezählte Jahreszeiten folgten einander, und die Welt wurde älter, bevor Feuertatze seinem treulosen Bruder Kaltherz wieder begegnete.
In den Tagen von Prinz Glattbart, als Königin Dämmerstreif herrschte, kam Tangalur Feuertatze den Ruhus, dem Eulenvolk, zu Hilfe. Ein rätselhaftes Untier hatte die Nester der Eulen geplündert und alle Ruhu-Jäger getötet, die sich ihm in den Weg gestellt hatten.
Feuertatze machte eine Falle, indem er einen mächtigen Baum so lange mit den Krallen bearbeitete, bis er beinahe durchtrennt war, und legte sich dann auf die Lauer, den Räuber zu erwarten.
Als das Untier in dieser Nacht erschien und Feuertatze den Baum fällte, entdeckte er zu seinem Erstaunen, dass es Grizraz Kaltherz war, der unter dem Baum begraben lag.
Kaltherz bat Feuertatze, ihn zu befreien, und versprach, ihm die uralten Weisheiten zu enthüllen, derer er im Inneren der Erde teilhaftig geworden sei. Tangalur lachte bloß.
Als die Sonne aufging, begann Kaltherz zu schreien. Er wand sich und kreischte, so dass Feuertatze, obgleich er eine Finte fürchtete, seinen leidenden Bruder von der Last des Baumes befreite.
Kaltherz war so lange unter der Erde gewesen, dass die Sonne ihn blendete. Er kratzte und rieb sich seine gepeinigten Augen und heulte so erbärmlich, dass Feuertatze sich nach etwas umsah, womit er ihn vor dem glühenden Licht des Tag-Sterns schützen konnte. Sobald er sich jedoch abwandte, grub der geblendete Kaltherz sich einen Gang, schneller als es ein Dachs oder ein Maulwurf vermocht hätte. Als der aufgeschreckte Feuertatze sich über das Loch beugte, war Kaltherz aufs Neue im Inneren der Welt verschwunden.
Man erzählt sich, dass er noch immer dort wohnt, vor den Augen des Volks verborgen; dass er unter der Erde Übeltaten ersinnt und danach giert, in die Obere Welt zurückzukehren …

TEIL1

1. KAPITEL

… hängt keinem Irrtum nach: Wir sind nicht scheu und kümmerlich: Wir sind sehr hell und wach, Der Mond und ich!

W. S. Gilbert


Die Stunde der Steigenden Dämmerung hatte begonnen, und der Dachfirst, auf dem Traumjäger lag, war in Schatten gebettet. Er steckte tief in einem Traum voller

Sprünge und Flüge, als er ein ungewöhnliches Kribbeln in seinen Barthaaren spürte. Fritti Traumjäger, der junge Jäger des Volkes, wurde plötzlich wach und schnupperte die Luft. Mit gespitzten Ohren und starr abstehenden Barthaaren sog er prüfend die Abendbrise ein. Nichts Außergewöhnliches. Doch was hatte ihn dann geweckt? Grübelnd spreizte er die Pfoten und begann sich zu strecken, bis sein Körper vom Rückgrat bis zur Spitze seines rötlichen Schwanzes locker war.

Als er sich fertig geputzt hatte, war das Gefühl einer Gefahr verflogen. Vielleicht war es ein Nachtvogel gewesen über ihm … oder ein Hund unten im Feld … vielleicht …

Vielleicht werde ich wieder ein Kind, dachte Fritti bei sich selbst, das erschreckt vor fallenden Blättern Reißaus nimmt. Der Wind rubbelte durch sein frisch gelecktes Fell. Verärgert sprang er vom Dach in die hohen Gräser hinunter. Zuerst musste er etwas gegen den Hunger tun. Danach wurde es Zeit, zum Mauertreff zu gehen.
Das Dämmerlicht schwand, und Traumjägers Bauch war immer noch leer. Das Glück war ihm nicht geneigt gewesen.

Regungslos und geduldig hatte er am Eingang zur Höhle eines Ziesels auf der Lauer gelegen. Nachdem eine Ewigkeit nahezu lautlosen Atmens verstrichen und der Bewohner des Baus immer noch nicht aufgetaucht war, hatte Traumjäger enttäuscht aufgegeben. Missmutig hatte er auf dem Höhleneingang herumgetrampelt und sich dann auf die Suche nach einer anderen Beute gemacht.

Das Glück hatte ihn ganz und gar verlassen. Selbst ein Nachtfalter war seinem stürmischen Angriff entkommen und in Spiralen nach oben in die Dunkelheit geflogen.

Wenn ich nicht bald etwas fangen kann, sorgte er sich, werde ich zurückkehren und aus dem Napf fressen müssen, den die Großen für mich hinausgestellt haben. Harar! Was für ein Jäger bin ich eigentlich? Ein schwacher Anflug von Geruch ließ Traumjäger unvermittelt innehalten. Vollkommen bewegungslos und mit angestrengten Sinnen kauerte er und schnupperte. Es war ein Quieker, und so nahe, dass er ihn mit dem Wind wittern konnte.

Er bewegte sich schattenleicht, suchte sich sorgsam seinen Weg durch das Unterholz, und dann erstarrte er wieder. Dort! Anderthalb Sprünge vor ihm saß die Mre’az, die er gerochen hatte. Ohne Traumjäger zu bemerken, hockte sie da und stopfte sich Samen in die Backentaschen – die Nase zuckte nervös, die Augen zwinkerten unruhig.

Fritti ließ sich auf die Erde nieder, und sein aufgestellter Schwanz schlug hinter ihm hin und her. Immer noch kauernd, hob er sich auf die Hinterbeine und machte sich zum Angriff bereit – regungslos und mit gespannten Muskeln. Er sprang. Er hatte die Entfernung falsch eingeschätzt. Er sprang zu kurz, und als er mit zuckenden Tatzen landete, hatte der Quieker gerade noch Zeit, ein entsetztes Zirpen auszustoßen, ehe er – husch! – in seinem Loch verschwand.

Fritti stand über dem Fluchtloch und biss sich verlegen die Pfote. Als Traumjäger die letzten Brocken aus dem Napf leckte, sprang Spindelbein auf die Veranda. Spindelbein war ein wilder, grau und gelb gescheckter Tiger, der in einem Abzugskanal auf der anderen Seite des Feldes hauste. Er war ein wenig älter als Fritti, worauf er sich viel einbildete.

» Nre’fa-o, Traumjäger.« Spindelbein zog sich hoch und schärfte träge seine Krallen an einem hölzernen Pfeiler. »Sieht so aus, als hättest du heute Abend reichlich zu fressen bekommen. Sag mal, lassen dich die Großen für dein Abendessen Männchen machen? Ich habe mich oft gefragt, wie das abläuft, musst du wissen.« Fritti tat so, als hörte er nichts, und begann seinen Schnurrbart zu säubern.

»Mir fällt auf«, fuhr Spindelbein fort, »dass die Heuler eine Art Abmachung haben. Sie bringen den Großen Sachen, springen viel herum und bellen die ganze Nacht, um etwas zu fressen zu kriegen. Machst du das auch?« Spindelbein streckte sich lässig. »Ich bin einfach neugierig, verstehst du? Eines Nachts – oh, ich gebe zu, dass es nicht wahrscheinlich ist –, eines Nachts könnte ich einmal nicht fähig sein, mir etwas zum Abendessen zu fangen, und dann wäre es ganz hübsch, etwas zu haben, worauf man zurückgreifen kann. Ist Bellen sehr schwierig?«

»Sei still, Spindelbein.« Fritti fauchte, dann nieste er vor Lachen und sprang auf seinen Freund los. Sie rangen einen Augenblick, dann gaben sie sich frei und versetzten einander Tatzenhiebe. Schließlich, als sie müde waren, ließen sie sich kurz nieder, um sich zu lecken.

Als sie sich ausgeruht hatten, sprang Spindelbein von der Veranda herab und tauchte in die Dunkelheit. Fritti glättete ein letztes Stück Fell an seiner Seite, und dann folgte er ihm.

Gerade begann die Stunde der Tiefsten Stille, und hoch am Himmel, entrückt und gleichmäßig leuchtend, stand Tiefklars Auge.

Der Wind lief flüsternd durch die Blätter der Bäume, als Traumjäger und Spindelbein sich ihren Weg durch Felder und über Zäune bahnten. Manchmal verhielten sie, um auf die Geräusche der Nacht zu lauschen, dann stoben sie über schimmernde, vom Licht der Straßenlaternen erhellte Rasenflächen. Als sie am Saum der Alten Wälder anlangten, welche die Wohnungen der Großen umgaben, konnten sie die frischen Gerüche anderer Stammesgenossen riechen.

Jenseits der Anhöhe und hinter einem Wäldchen mächtiger Eichen lag der Eingang zur Schlucht. Traumjäger dachte mit Freude an die Lieder und Geschichten, die bei der zerfallenden Mauer die Runde machen würden. Er dachte auch an Goldpfote, deren schlanke, graue Gestalt und zierlicher gebogener Schwanz ihm seit kurzem fast ununterbrochen im Kopf herumspukten. Es war schön, zu leben und in der Nacht des Mauertreffs zum Volk zu gehören.

Tiefklars Auge warf ein perlmuttfarbenes Licht auf die Lichtung. Am Fuß der Mauer waren fünfundzwanzig oder dreißig Katzen versammelt – sie rieben sich aneinander in gravitätischer Begrüßung und beschnüffelten die Nase eines Neuankömmlings.

Viele Jüngere aus dem Volk übten sich in Scheinkämpfen. Traumjäger und Spindelbein wurden von einer Schar junger Jäger begrüßt, die lässig ein wenig abseits von der Menge herumstanden.

»Prächtig, dass ihr hier seid!«, rief Pfotenflink, ein junger Kater mit dickem, schwarz-weißem Fell. »Wir wollen gerade anfangen, Spring-in-die-Luft zu spielen – bis die Alten kommen, versteht sich.«

Spindelbein hüpfte hinüber, um mitzumachen, doch Fritti schüttelte höflich den Kopf und schob sich vorwärts durch die Menge, um nach Goldpfote Ausschau zu halten. Er konnte ihren Geruch nicht ausfindig machen, während er durch das Gewimmel von Katzen schlüpfte.

Zwei junge Felas, kaum dem Kätzchenalter entwachsen, begegneten ihm mit kokett gerümpften Näschen und rannten dann ausgelassen prustend weg. Er beachtete sie nicht und senkte seinen Kopf respektvoll, als er an Langstrecker vorüberkam. Der ältere Kater, der flach hingestreckt majestätisch am Fuß der Mauer lag, würdigte ihn eines Blinzelblicks aus seinen riesigen grünen Augen und grüßte ihn mit einem flüchtigen Ohrzucken.

Immer noch keine Spur von Goldpfote, dachte Fritti. Wo mochte sie sein? Niemand versäumte einen Mauertreff, wenn er es vermeiden konnte. Treffen fanden nur in jenen Nächten statt, in denen das Auge vollständig geöffnet und am hellsten war. Vielleicht kommt sie später, dachte er. Oder vielleicht ging sie in dieser Sekunde mit Springhoch oder Auenhusch spazieren – ihren Schwanz in voller Länge ausgestreckt, damit sie ihn bewundern konnten …

Der Gedanke machte ihn wütend. Er drehte sich um und versetzte einem halbstarken Kater einen Hieb, der hinter seinem Rücken Luftsprünge und Kapriolen vollführte. Es war der junge Raschkralle, der ihn derart erschreckt anblickte, dass es Fritti sogleich leid tat, dass er ihn geschlagen hatte. Dieser übermütige Springinsfeld war häufig eine Plage, aber er meinte es nicht böse.

»Tut mir leid, Raschkralle«, sagte er. »Ich hab nicht gewusst, dass du’s bist. Ich dachte, es wär der alte Langstrecker, und ich wollte ihm eine Lektion erteilen.«

»Wirklich?«, keuchte der junge Kater. »Das hättest du wirklich getan?« Fritti bereute seinen Scherz. Langstrecker würde ihn nicht sehr komisch finden.

»Vergiss es«, sagte er. »Es war ein Irrtum, und ich entschuldige mich.«
Raschkralle war entzückt, dass er wie ein Erwachsener behandelt wurde. »Natürlich nehme ich deine Entschuldigung an, Traumjäger«, sagte er würdevoll. »Es war ein verständlicher Irrtum.«
Fritti prustete. Er biss den jungen Kater spielerisch in die Flanke und setzte seinen Weg fort.

Die Zeit der Tiefsten Stille war halb vorüber und das Treffen in vollem Gange, und Goldpfote war immer noch nicht aufgetaucht. Während einer der Älteren die versammelte Menge ergötzte – inzwischen auf beinahe sechzig Köpfe angewachsen –, bahnte sich Fritti seinen Weg zu Spindelbein, der bei Pfotenflink und den anderen saß. Der Ältere beschrieb einen großen und möglicherweise gefährlichen Heuler, der wild in der Gegend herumlief, und Spindelbein und die anderen Jäger hörten aufmerksam zu, als Fritti ankam.

»Spindelbein!«, zischte er. »Kann ich einen Augenblick mit dir sprechen?«
Spindelbein gähnte und streckte sich, bevor er Fritti gemächlich auf seinen Sitz zwischen drei Wurzeln folgte. »Worum geht es denn?«, fragte er liebenswürdig. »Ist es Zeit für meine Übungsstunden im Bellen?«
»Bitte, Spindelbein, keine Scherze. Ich kann Goldpfote nirgendwo finden. Weißt du, wo sie ist?«
Spindelbein sah Traumjäger aufmerksam an, während der Alte eintönig weitersprach.
»Aha«, sagte er, »es kam mir gleich so vor, als wärst du mit deinen Gedanken woanders. All das wegen einer Fela?«
»In der vergangenen Nacht haben wir den Tanz des Einverständnisses getanzt!«, sagte Fritti erregt. »Aber wir konnten ihn nicht zu Ende bringen, bevor die Sonne aufging. Wir wollten ihn heute Nacht beenden. Ich weiß, dass sie mit mir einverstanden gewesen wäre! Was könnte sie dazu gebracht haben, das Treffen zu versäumen?«
Spindelbein klappte in gespieltem Entsetzen seine Ohren herunter. »Ein abgebrochener Tanz des Einverständnisses! Bei
Himmeltanz’ Schnurrbart! Ich glaube, ich sehe schon, wie dir
dein Fell ausgeht! Und dein Schwanz wird schlapp!« Fritti schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ich weiß, dass dir das
lächerlich vorkommt, Spindelbein, und bei deinem Geschwader
schwanzwedelnder Felas kümmert dich eine echte Verbindung
nicht. Aber mich kümmert sie, und ich mache mir Sorgen um
Goldpfote. Bitte, hilf mir.«
Spindelbein blickte ihn einen Augenblick aus blinzelnden
Augen an, und er kratzte sich hinter seinem rechten Ohr. »In
Ordnung, Traumjäger«, sagte er nur. »Was kann ich tun?« »Nun, ich denke, heute Nacht können wir nicht viel unternehmen. Wenn ich sie morgen aber nicht finden kann, könntest du
vielleicht herauskommen und dich mit mir ein wenig umsehen?« »Ich denke schon«, erwiderte Spindelbein. »Aber ich glaube,
dass ein wenig Geduld vielleicht … au!«
Pfotenflink hatte sich von unten angeschlichen und rammte
seinen flachen Kopf gegen Spindelbeins Hinterbacken. »Was soll
dies tiefsinnige Gerede? Borstenmaul wird gleich eine Geschichte erzählen, und ihr sitzt hier herum wie zwei fette Eunuchen!«
Traumjäger und Spindelbein hüpften hinunter und ihrem
Freund nach. Felas waren Felas, aber eine Geschichte war gewiss
nicht zu verachten!
Das Volk schloss sich enger um die Mauer zusammen – ein
Meer wedelnder Schwänze. Gemächlich und mit ungeheurer Würde erklomm Borstenmaul ein zerfallenes Mauerstück. Am höchsten Punkt hielt er inne und wartete.
Borstenmaul war, mit den elf oder zwölf Sommern, die er auf dem Buckel hatte, gewiss kein junger Kater mehr, doch alle seine Bewegungen zeugten von eiserner Beherrschung. Sein schildpattfarbenes Fell, früher mit glänzenden rostigen und schwarzen Flecken durchsetzt, war mit dem Alter ein wenig stumpf und der kräftige Borstenkranz, der um sein Maul spross, grau-weiß geworden. Seine Augen jedoch waren strahlend und klar und konnten eine unternehmungslustige junge Katze drei Sprünge entfernt zum Stehen bringen.
Borstenmaul war ein Oel-cir’va, ein Meister Alt-Sänger, einer der Bewahrer der Überlieferung des Volkes. Die ganze Geschichte des Volkes lebte in ihren Liedern, die im Höheren Gesang der Älteren Tage als ein heiliges Gut von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden. Im weiteren Umkreis des Mauertreffs war Borstenmaul der einzige Alt-Sänger, und seine Geschichten waren für das Volk so wichtig wie das Wasser oder wie die Freiheit, zu rennen und zu springen, wie es ihnen gefiel.
Von seinem Platz auf der Mauerkrone beäugte er lange Zeit die Katzen zu seinen Füßen. Das erwartungsvolle Mauzen wurde leiser und ging in ein leises Schnurren über. Einige der jungen Katzen – schrecklich aufgeregt und unfähig stillzusitzen – begannen sich wie wild zu putzen. Borstenmaul schlug dreimal mit dem Schwanz, und dann war es still.
»Wir danken unseren Älteren, die über uns wachen«, begann er. »Wir preisen Tiefklar, deren Auge unserer Jagd Licht gibt. Wir grüßen unsere Beute, weil sie das Jagen angenehm macht.«
»Wir danken. Wir preisen. Wir grüßen.«
»Wir sind das Volk, und heute Nacht sprechen wir mit einer Stimme von unser aller Taten. Wir sind das Volk.«
Unter dem Bann des uralten Rituals wiegten sich die Katzen sanft hin und her. Borstenmaul begann seine Geschichte.
»In den Tagen, da die Erde jung war – als einige der Ersten noch in diesen Gefilden umherstreiften –, herrschte am Hof von Harar Königin Seidenöhrchen, Enkeltochter von Fela Himmeltanz. Und sie war eine gute Königin. Ihre Pfote war ebenso gerecht zum Besten ihres Volkes wie ihre Kralle flink, ihre Feinde zu treffen.
Ihr Sohn und Mitherrscher war Prinz Neunvögel. Er war eine riesige Katze, kraftvoll im Kampf, rasch erzürnt, und ungeachtet seiner jungen Jahre barst er vor Stolz. Man erzählt sich, dass er, ein Kätzchen noch, am Tage, da er seinen Namen erhielt, mit einem einzigen Schlag seiner Tatzen neun Stare zugleich getötet habe. Also wurde er Neunvögel genannt, und der Ruhm seiner Stärke und Taten reichte weit.
Seit dem Tode von Windweiß waren viele, viele Sommer vergangen, und niemand, der zu dieser Zeit am Hofe lebte, hatte jemals einen der Ersten zu Gesicht bekommen. Vor Generationen schon war Feuertatze in die Wildnis gezogen, und viele glaubten, er sei tot oder habe sich seinem Vater und seiner Großmutter im Himmel beigesellt.
Als Geschichten von Neunvögels Stärke und Tapferkeit im Volk umzulaufen begannen, erzählt von Maul zu Ohr, und als Neunvögel anfing, jenen Kriechern Gehör zu schenken, die sich immer dem großen Volk an die Fersen heften, glaubte er mit der Zeit, die Größe der Erstgeborenen in sich zu erkennen.
Eines Tages wurde überall im Welt-Wald erzählt, Neunvögel sei nicht mehr damit zufrieden, Prinzregent an der Seite seiner Mutter zu sein. Es wurde zu einem Treffen aufgerufen, zu dem alles Volk von nah und fern kommen sollte, um zu feiern, zu jagen und zu spielen. Und auf dieser Versammlung wollte er den Königsmantel von Harar für sich beanspruchen – den Tangalur Feuertatze für unantastbar und einzig den Erstgeborenen vorbehalten erklärt hatte –, und Neunvögel wollte sich selbst zum König der Katzen ausrufen.
Und so kam der Tag, und das gesamte Volk versammelte sich am Hof. Während alle ausgelassen tanzten und sangen, dehnte Neunvögel seinen mächtigen Körper in der Sonne und sah zu. Dann erhob er sich und sagte: ›Ich, Neunvögel, stehe heute vor euch, um mit dem Recht des Blutes und der Klaue den Königsmantel zu beanspruchen, der so lange nicht mehr getragen worden ist. Wenn keine Katze unter euch ist, die etwas dagegen einzuwenden hat, dass ich diese uralte Bürde auf mich nehme …‹
In diesem Augenblick gab es ein Geräusch in der Menge und eine sehr alte Katze stand auf. Ihr Fell war überall grau durchschossen – besonders an den Beinen und Pfoten – und am Maul war es schneeweiß.
›Du beanspruchst den Mantel mit dem Recht des Blutes und der Klaue?‹, fragte die alte Katze.
›Das tue ich‹, erwiderte der Prinz.
›Mit welchem Recht des Blutes beanspruchst du die Königswürde?‹
›Mit dem Recht des Blutes von Fela Himmeltanz, das in meinen Adern fließt, du zahnlose alte Memme!‹, gab Neunvögel hitzig zurück und erhob sich von seinem Sitz. Das ganze versammelte Volk flüsterte erregt, als Neunvögel zum Vaka’az’me schritt, dem dreiwurzligen Sitz, der den Erstgeborenen geweiht war. Neunvögel hob seinen langen Schwanz und besprühte den Vaka’az’me mit seiner Jagdmarke. Und das erregte Flüstern steigerte sich, als die alte Katze vorwärtstrottete.
›Oh Prinz, der du König der Katzen sein möchtest‹, sagte der Alte, ›dein Blut gibt dir vielleicht einen Anspruch, doch wie steht es mit der Klaue? Willst du zum Zweikampf um den Mantel antreten?‹
›Gewiss‹, sagte Neunvögel lachend, ›und wer soll es mit mir aufnehmen?‹ Die anderen Katzen sahen einander ungläubig an und hielten nach einem mächtigen Herausforderer Ausschau, der mit dem kraftvollen Prinzen hätte kämpfen können. ›Ich werde gegen dich kämpfen‹, sagte der Alte schlicht. Die Katzen zischten vor Überraschung und machten Buckel, doch Neunvögel lachte bloß aufs Neue. ›Geh nach Hause, alter Junge, und schlag dich mit Käfern herum‹, sagte er. ›Ich werde nicht mit dir kämpfen.‹
›Der König der Katzen kann kein Feigling sein‹, sagte die alte Katze. Bei diesen Worten schrie Neunvögel wutentbrannt auf, sprang vor und holte mit seiner riesigen Tatze zu einem Schlag gegen den alten Graubart aus. Doch mit überraschender Schnelligkeit sprang der Alte beiseite und versetzte dem Prinzen einen Hieb an den Kopf, der ihn einen Augenblick lang betäubte. Sie begannen ernstlich zu kämpfen, und die Menge mochte ihren Augen kaum trauen, als sie sah, mit welcher Gewandtheit und welchem Mut die alte Katze gegen einen so gewaltigen und grausamen Kämpfer antrat.
Nach einer langen Weile packten sie sich und rangen miteinander, und obwohl der Prinz sich in seinem Nacken verbiss, fuhr der Alte mit den Krallen seiner Hinterbeine hoch und kratzte, und Neunvögel war überrascht, dass dieser lahme Alte seinem Fell solche Schmerzen zufügen konnte.
›Du hast eine Menge deines Fells eingebüßt, Prinz‹, sagte der Alte. ›Willst du auf deinen Anspruch verzichten?‹
Voller Zorn griff der Prinz an, und sie begannen erneut zu kämpfen. Der Alte packte den Schwanz des Prinzen mit seinen Zähnen, und als dieser versuchte, sich herumzudrehen und seinem Gegner das Gesicht zu zerfetzen, riss ihm der Ältere den Schwanz von seinem Körper. Das Volk fauchte vor Verwunderung und Furcht, als Neunvögel blutüberströmt herumwirbelte und sich erneut dem Alten stellte, der selbst verwundet war und keuchte. ›Dein Fell und deinen Schwanz hast du bereits gelassen, oh Prinz. Willst du nicht auch von deinem Anspruch lassen?‹
Rasend vor Schmerz stürzte sich Neunvögel auf den Alten, und sie rangen – fauchend und die Tatzen schwingend, dass Blut und Schaum in der Sonne glitzerten. Schließlich zwängte der Herausforderer Prinz Neunvögels Hinterteil unter eine Wurzel des Vaka’az’me.
Als der aufgewirbelte Schmutz sich gesetzt hatte, lief eine Welle plötzlicher Erregung durch die Menge der Zuschauer. Beim letzten Gefecht waren große Mengen weißen Staubes aus dem Pelz des Herausforderers herausgewirbelt worden. Die Haare an seinem Maul waren nicht mehr grau, und seine Pfoten und Beine leuchteten flammend rot.
›Du siehst mich in meiner wahren Gestalt, Neunvögel‹, sagte er. ›Ich bin Fürst Tangalur Feuertatze, Sohn von Harar, und es geschieht auf mein Geheiß, dass es keinen König der Katzen gibt. Du bist eine tapfere Katze‹, fuhr er fort, ›aber deine Anmaßung darf nicht ohne Strafe bleiben.‹ Mit diesen Worten packte Feuertatze den Prinzen am Genick und zog und streckte Körper und Beine in die Länge, bis sie dreimal so lang waren, wie sie es bei einer Katze gewöhnlich sind. Darauf befreite er den Prinzen aus der Klammer der Baumwurzel und sagte: ›Schwanzlos und haarlos, lang und ungelenk habe ich dich gemacht. Gehe nun und komme niemals mehr zum Hof von Harar, dessen Macht du an dich reißen wolltest. Doch dieses Schicksal lege ich dir auf: dass du jedem Angehörigen des Volkes dienen sollst, der es dir befiehlt, und dies gilt auch für alle deine Nachkommen, bis ich dein Geschlecht von diesem Bann befreie.‹
Und mit diesen Worten ging Fürst Tangalur davon. Das Volk verstieß den verunstalteten Neunvögel aus seiner Mitte, nannte ihn M’an – was ›ohne Sonnenlicht‹ bedeutet –, und er und alle seine Nachfahren gingen für immer auf ihren Hinterbeinen und tun es noch heute, denn ihre Körper sind zu lang gestreckt worden, als dass ihre Vorderbeine den Boden berühren könnten.
Neunvögel, der Thronräuber, von den Erstgeborenen bestraft, war der erste der Großen. Lange haben sie dem Volk gedient, ihm Schutz bei Regen und Nahrung gegeben, wenn die Jagd schlecht war. Und wenn heute einige von uns den in Ungnade gefallenen M’an dienen, so ist das eine andere Geschichte für ein anderes Treffen. Wir sind das Volk, und heute Nacht sprechen wir mit einer Stimme von unser aller Taten. Wir sind das Volk.« Nachdem er sein Lied beendet hatte, sprang er mit einer Kraft von der Mauer, der man seine vielen Sommer nicht anmerkte. Als er ging, senkte das versammelte Volk ehrfürchtig die Köpfe zwischen die Vorderpfoten.
Die Stunde des Letzten Tanzes stand nahe bevor, und die Gesellschaft löste sich in kleine Grüppchen auf. Die Katzen sagten einander Lebewohl, schwätzten und sprachen über das Lied.
Traumjäger und Spindelbein blieben noch eine Weile, besprachen ihre Pläne für den kommenden Abend mit Pfotenflink und einigen der anderen jungen Jäger, dann brachen sie auf.
Als sie über die Felder zurücktollten, stolperten sie über einen Maulwurf, der sich aus seinem Bau verirrt hatte. Nachdem sie ihn ein wenig gejagt hatten, zerbiss ihm Spindelbein das Genick und sie aßen. Mit wohlgefüllten Bäuchen trennten sie sich bei Frittis Veranda.
»Mri’fa-o, Traumjäger«, sagte Spindelbein. »Wenn du morgen meine Hilfe brauchst, ich werde zur Stunde der Steigenden Dämmerung am Waldrand sein.«
»Schöne Träume für dich, Spindelbein. Du bist ein guter Freund.«
Spindelbein schnipste mit dem Schwanz und war verschwunden. Fritti hüpfte in den Kasten, den die Großen ihm überlassen hatten, und sank in die Welt des Schlafs.

2. KAPITEL

Es ist das Nebelhafte, Ungreifbare. Wenn du es triffst, wirst du seinen Kopf nicht sehen, Und wenn du ihm folgst, nicht seinen Rücken.

Laotse


Fritti Traumjäger war das zweitjüngste aus einem Wurf von fünf Kätzchen gewesen. Als seine Mutter, Inez Graswiege, ihn zum ersten Mal beschnüffelte und die Feuchtigkeit der

Geburt aus seinem Fell leckte, spürte sie, dass er anders war – eine unmerkliche Besonderheit, die sie nicht zu deuten wusste. Seine blinden Säuglingsaugen und sein suchendes Mäulchen waren gleichsam beharrlicher als die seiner Brüder und Schwestern. Als sie ihn säuberte, spürte sie ein Prickeln in ihren Barthaaren, eine Andeutung unsichtbarer Dinge.

Vielleicht wird er ein großer Jäger, dachte sie.
Sein Vater, Streifenbauch, war gewiss ein stattlicher, kräftiger Kater. Sogar ein Hauch der Älteren Tage hatte ihn umgeben, besonders in jener Winternacht, als er mit ihr das rituelle Lied gesungen hatte.
Doch nun war Streifenbauch fort – seiner Nase nach und irgendeinem dunklen Drang folgend –, und sie war, natürlich, zurückgeblieben, um seine Nachkommen allein aufzuziehen.
Als Fritti heranwuchs, verlor sich die Erinnerung an ihre frühen Empfindungen. Die Gewohnheit und das schwere, alltägliche Geschäft, einen Wurf aufzuziehen, ließen viele ihrer feineren Gefühle abstumpfen.
Obgleich Fritti ein lebhaftes und friedfertiges Kätzchen war, gescheit und schnell von Begriff, so erfüllte er doch, was seine Größe anlangte, nie die Hoffnung seines Jäger-Vaters. Zu der Zeit, als das Auge sich dreimal über ihm geöffnet hatte, war er immer noch nicht größer als seine ältere Schwester Tirya und beträchtlich kleiner als jeder seiner zwei Brüder. Sein kurzes, ursprünglich cremefarbenes Fell hatte nachgedunkelt und eine Aprikosen-Orangen-Farbe angenommen, mit Ausnahme der weißen Streifen an Beinen und Schwanz und einer kleinen, milchigen, sternförmigen Zeichnung auf der Stirn. Nicht groß, aber flink und unternehmungslustig – von der kindlichen Tapsigkeit abgesehen – tanzte Fritti durch die erste Spanne seines Lebens. Er tollte mit seinen Geschwistern herum, jagte hinter Käfern, Blättern und anderen kleinen Dingen her, die sich bewegten, und übte seine unreife Geduld, um die anstrengende Kunst des Jagens zu erlernen, die Inez Graswiege ihren Kindern beibrachte.
Obgleich sich das Familiennest in einem Haufen von Holz und Feldsteinen hinter einer der festen Behausungen der Großen befand, führte Frittis Mutter die Kleinen manchen Tag über den Rand der M’an-Nester hinaus in das freie Land. Für die Kinder des Volkes war die Kenntnis des Waldes ebenso wichtig wie die der Stadt. Ihr Überleben hing davon ab, dass sie, wo immer sie sich befanden, schlauer, schneller und verschwiegener waren.
Wenn Graswiege das Nest verließ, zottelten ihre Jungen wie ein Trüppchen herumhüpfender Pfadfinder hinter ihr her. Mit der Geduld, die sich ihr durch ungezählte Generationen vererbt hatte, weihte sie ihre strubblige Meute in die Grundregeln des Überlebens ein. Sie lehrte sie das jähe Erstarren, den Sprung aus der Ruhestellung, die untrügliche Witterung, den sicheren Blick und den raschen Todesbiss – die ganze Kunst der Jagd, die sie beherrschte. Sie unterwies und machte es vor und prüfte die Jungen; und sie wiederholte die Übungen immer wieder, bis die Jungen sie begriffen hatten.
Gewiss wurde ihre Geduld oft auf die Probe gestellt, und zuweilen wurde eine verpatzte Übung mit einem scharfen Tatzenhieb auf die Nase des Übeltäters bestraft. Selbst für eine Mutter des Volkes gab es Grenzen der Zurückhaltung. Von allen Jungen Graswieges liebte Fritti das Lernen am meisten. Gleichwohl trug ihm seine Unaufmerksamkeit manchmal eine schmerzende Nase ein – besonders dann, wenn die Familie in die Felder und Wälder hinauszog.
Das verlockende Pfeifen und Zirpen der Fla-fa’az und die wimmelnden, bedeutungsreichen Gerüche des Landes konnten ihn von einem Augenblick zum anderen in einen Tagtraum versetzen, und er sang sich etwas vor von Baumwipfeln und Windstößen in seinem Fell. Diese Träumereien wurden häufig durch den schnellen Schlag der Tatze seiner Mutter auf die Nase unterbrochen. Sie hatte Übung darin, diesen abwesenden Blick zu erkennen.
Beim Volk waren Wachen und Träumen nicht haarscharf zu trennen. Obgleich die Katzen wussten, dass Traum-Mäuse echten Hunger nicht stillten und Traum-Kämpfe keine Wunden hinterließen, so war es doch unerlässlich in der wachen Welt, Kraft und Befreiung aus Träumen zu ziehen. Für das Volk hing sehr viel von ungreifbaren Dingen ab – von Gespür, Ahnungen, Gefühlen und Regungen –, und diese standen in so starkem Gegensatz zu den unverrückbaren Zwängen des Überlebens, dass Traum und Wirklichkeit einander bedurften und ein untrennbares Ganzes bildeten.
Das ganze Volk hatte außerordentlich scharfe Sinne – durch diese lebten und starben die Katzen. Trotzdem wuchsen nur wenige heran, die Weitspürer – Oel-var’iz – wurden, und diese entwickelten ihre Scharfsinnigkeit und Empfindlichkeit bis zu einem Grade, dass selbst das hohe Mittelmaß des Volkes bei weitem übertroffen wurde.
Fritti war ein großer Träumer, und eine Zeitlang hegte seine Mutter die Vorstellung, er verfüge vielleicht über diese Gabe des Weitspürens. Gelegentlich blitzte bei ihm eine überraschende Hellsichtigkeit auf. Einmal lockte er seinen ältesten Bruder durch Fauchen von einem hohen Baum herunter, und einen Augenblick später brach der Ast entzwei, auf dem sein Bruder gehockt hatte, und fiel zu Boden. Es gab noch andere Anzeichen seiner schärferen Var, doch im Laufe der Zeit, als er dem Kätzchenalter zu entwachsen begann, wurden solche Vorfälle seltener. Er neigte stärker der Zerstreutheit zu – wurde mehr ein Tagträumer und weniger ein Traumdeuter. Seine Mutter gelangte zu der Überzeugung, dass sie sich geirrt habe, und als die Zeit näher rückte, da Fritti seinen Namen bekommen sollte, vergaß sie diese Gedanken völlig. Das Leben einer Jagd-Mutter ließ es nicht zu, dass sie Hirngespinsten nachhing.
Nach ihrem dritten Auge wurden die jungen Katzen zum ersten Treffen gebracht, um ihre Namen zu bekommen. Die Verleihung der Namen war eine Zeremonie von außerordentlicher Bedeutung. In den Liedern des Volkes hieß es, alle Katzen hätten drei Namen: den Herznamen, den Gesichtsnamen und den Schwanznamen. Den Herznamen erhielt das Kätzchen bei der Geburt von seiner Mutter. Es war ein Name aus der alten Sprache der Katzen, dem Höheren Gesang. Er durfte nur von den Geschwistern, engen Freunden und jenen benutzt werden, die am Ritual teilgenommen hatten. Fritti war ein solcher Name.
Der Gesichtsname wurde der jungen Katze von den Älteren gegeben, wenn sie an ihrem ersten Treffen teilnahm, ein Name in der gemeinsamen Sprache aller warmblütigen Lebewesen, dem Gemeinsamen Gesang. Er konnte überall dort gebraucht werden, wo ein Name von Nutzen war.
Was den Schwanznamen anging, glaubten die meisten aus dem Volk, dass alle Katzen mit ihm auf die Welt kämen; es kam bloß darauf an, ihn herauszufinden. Ihn zu entdecken, war eine sehr persönliche Sache. War es einmal gelungen, wurde nie darüber gesprochen, und er wurde niemandem mitgeteilt. Zumindest stand fest, dass einige aus dem Volk ihren Schwanznamen nie entdeckten und bei ihrem Tod nur die zwei anderen kannten. Viele sagten, dass eine Katze, die bei den Großen – den M’an – gelebt habe, völlig das Verlangen einbüße, ihn herauszufinden, und sich bequem in ihrer Unwissenheit einrichte. Die Schwanznamen des Volkes waren so wichtig, geheimnisumwittert und kostbar und man sprach so zurückhaltend über sie, dass es nicht viel gab, über das man sich wirklich einig war. Man fand diesen Namen eben heraus oder man tat es nicht, sagten die Älteren, und es gebe kein Mittel, dies zu erzwingen.
In der Nacht der Namengebung wurden Fritti und seine Geschwister von ihrer Mutter zu dem besonderen Nasentreff der Älteren geführt, das dem eigentlichen Treffen voranging. Zum ersten Mal erblickte Fritti Borstenmaul, den Oel-cir’va, und den alten Leckschnüff und die anderen Weisen des Volkes, welche die Gesetze und Überlieferungen in ihrer Obhut hatten. Fritti, seine Geschwister und die Jungen einer weiteren Fela wurden in einem Kreis zusammengedrängt. Aneinandergekauert lagen sie da, während die Älteren sie langsam umschritten – sie schnupperten die Luft und gaben tiefe Knurrtöne von sich, die den Tonfall einer unbekannten Sprache hatten. Leckschnüff beugte sich herunter, ergriff mit seiner Tatze Frittis Schwester Tirya und stellte sie auf die Pfoten. Er starrte sie einen Augenblick an, dann sagte er: »Ich nenne dich Glockenrein. Begib dich zum Treffen.« Sie rannte fort, um ihren neuen Namen mitzuteilen, und die Älteren setzten ihre Prüfung fort. Ein Junges nach dem anderen zogen sie aus dem Haufen hervor, wo die jungen Katzen atemlos vor Erwartung lagen, und gaben ihm einen Namen. Schließlich war nur noch Fritti übrig. Die Älteren blieben vor ihm stehen und beschnüffelten ihn gründlich. Borstenmaul wandte sich an die anderen: »Riecht ihr es auch?«
Leckschnüff nickte. »Ja. Das breite Wasser. Die Orte unter der Erde. Ein sonderbares Zeichen.«
Ein anderer Älterer mit blau verschossenem Fell, der Ohrenspitz hieß, scharrte ungeduldig in der Erde. »Nicht von Bedeutung. Wir sind hier, um Namen zu geben.«
»Richtig«, stimmte Borstenmaul ihm zu. »Nun …? Ich rieche eifriges Suchen.«
»Ich rieche einen Kampf mit Träumen.« Das war Leckschnüff.
»Ich glaube«, sagte ein anderer Älterer, »er träumt bereits von seinem Schwanznamen, ehe er überhaupt seinen Gesichtsnamen bekommen hat!« Und sie alle schnieften stillvergnügt vor sich hin.
»Sehr gut!«, sagte Leckschnüff, und aller Augen richteten sich auf Fritti. »Ich nenne dich … Traumjäger. Begib dich zum Treffen.«
Verwirrt sprang Fritti auf und trabte eilig fort vom Nasentreff, fort von den gickernden Alten, die sich auf seine Kosten zu amüsieren schienen. Borstenmaul rief ihm mit scharfer Stimme nach: »Fritti Traumjäger!«
Er drehte sich um und begegnete dem Blick von Meister AltSänger. Über den lustigen Fältchen um die Nase waren die Augen des Alten warm und freundlich.
»Traumjäger. Alle Dinge dieser Erde dauern nur eine bestimmte Zeit. Vergiss das nicht. Willst du das versprechen?«
Fritti legte die Ohren an, wandte sich um und rannte zum Treffen.

Die letzten Tage des Frühlings brachten heißes Wetter, ausgedehnte Streifzüge ins Land – und Traumjägers erstes Zusammentreffen mit Goldpfote.

Als er sich dem Erwachsenenalter näherte, wurde die tägliche Gesellschaft seiner Brüder und Schwestern für Fritti weniger wichtig. Jeden Tag stand die Sonne länger am Himmel, und die Düfte, die der einschläfernde Wind herbeitrug, wurden süßer und kräftiger. So wurde er denn immer häufiger zu einsamen Pirschgängen verlockt und verließ den Bezirk der Behausungen, in dem seine Familie wohnte und schlief. Wenn die Stunde der Kleineren Schatten am heißesten war – wenn sein Hunger durch das Frühstück gestillt und seine natürliche Neugier erwacht war –, streifte er durch die Graslande wie seine Brüder von den Savannen, und wenn er an einem Berghang stand und Grashalme ihn am Bauch kitzelten, schwang er das Szepter seiner Träume über allem, was vor ihm lag. Auch die Tiefen der Wälder reizten ihn. Zwischen den Wurzelstöcken von Bäumen grabend, spürte er den Geheimnissen hastender Käfer nach, prüfte die Stärke der äußeren Zweige und genoss das aufregende Gefühl, wenn hoch oben die strömende Luft durch die empfindlichen Haare seines Gesichts und seiner Ohren strich.

Eines Tages, am Ende eines Nachmittags voll berauschender Freiheit und Entdeckungslust, kam Traumjäger aus dem niedrigen Buschwerk hervor, das seine Wälder umsäumte, und blieb stehen, um einen Zweig zu entfernen, der in seinem Schwanz hängen geblieben war. Während er mit gespreizten Beinen dasaß und mit den Zähnen an dem Holzstückchen zerrte, hörte er eine Stimme.

» Nre’fa-o, Fremder. Könnte es sein, dass du Traumjäger bist?« Aufgeschreckt sprang Fritti auf die Pfoten und wirbelte herum. Eine Fela, grau mit schwarzen Streifen, saß auf dem Stumpf einer lange abgestorbenen Eiche und betrachtete ihn. Er war so in seine Gedanken vertieft gewesen, dass er sie beim Vorübergehen nicht bemerkt hatte, obgleich sie nur vier oder fünf Sprünge von ihm entfernt hockte.

»Guten Tanz, Katzenfrau. Woher weißt du meinen Namen? Ich fürchte, den deinen kenne ich nicht.« Fritti vergaß den Zweig, der in seinem Schwanz hing, und beäugte die Fremde sorgfältig. Sie war jung – wie es schien, nicht älter als er. Sie hatte winzige, schlanke Pfoten und einen weichen gerundeten Körper.

»Es ist kein großes Geheimnis, wie unsere Namen lauten«, sagte die Fela mit einem belustigten Gesichtsausdruck. »Ich heiße Goldpfote, und so heiße ich seit meiner Namengebung. Was den deinen angeht, so habe ich dich bei einem Treffen von weitem gesehen, und deine Vorliebe für das Umherstreifen und Kundschaften wurde erwähnt – und hier habe ich dich dabei erwischt!« Sie nieste zierlich.

Als sie ihre anziehenden grünen Augen abwandte, fiel Traumjäger ihr Schwanz ins Auge, den sie um sich gerollt hatte, als sie sprach. Jetzt hob er sich, gleichsam wie aus eigenem Entschluss, und wedelte träumerisch in der Luft. Er war lang und schlank, lief in eine zarte Spitze aus und trug auf der ganzen Länge dasselbe schwarze Ringelmuster wie ihre Flanken und Hinterbacken.

Dieser Schwanz – dessen träge, lockende Bewegung auf der Stelle Frittis Bewunderung erregte – sollte ihn in größere Schwierigkeiten führen, als seine lebhafte Einbildung sich hätte ausmalen können.

Die beiden tollten ein wenig herum und unterhielten sich während der ganzen Stunde der Steigenden Dämmerung. Traumjäger stellte fest, dass er seiner neuen Freundin sein Herz ausschüttete, und war selbst überrascht, wie viel zum Vorschein kam: Träume, Hoffnungen, Wünsche – allesamt miteinander vermischt und kaum voneinander zu trennen. Und Goldpfote hörte geduldig zu und nickte, als spreche er die tiefsten Wahrheiten aus.

Als er sich zur Zeit des letzten Tanzes von ihr verabschiedete, nahm er ihr das Versprechen ab, sich am nächsten Tag wieder mit ihm zu treffen. Sie versprach es, und während des ganzen Weges nach Hause hüpfte er vor Freude. Als er zum Nest kam, war er so aufgeregt, dass er seine schlafenden Brüder und Schwestern weckte und seine Mutter aufschreckte. Als sie jedoch den Grund für seine fiebrige Unruhe erfuhr, die ihn nicht schlafen ließ, lächelte seine Mutter bloß und zog ihn mit sanfter Pfote an sich. Sie leckte ihn hinterm Ohr und schnurrte immer wieder: »Natürlich, natürlich …«, bis er endlich in die Traumwelt hinüberglitt.

Entgegen seinen Befürchtungen im Laufe des folgenden Nachmittags – der so langsam dahinzuschmelzen schien wie tauender Schnee – war Goldpfote tatsächlich zur Stelle, als das Auge über dem Horizont erschien. Auch am Tage darauf kam sie und am folgenden ebenfalls. Den ganzen Hochsommer hindurch waren sie beisammen, rannten, tanzten und spielten. Freunde, die sie beobachteten, sagten, dies sei mehr als ein reizvolles Spiel, das ausgekostet wurde und schließlich endete, wenn die junge Fela in die Tage ihrer Reife kam. Fritti und Goldpfote schienen eine tiefere Übereinstimmung gefunden zu haben, die später vielleicht zu einer Verbindung heranreifen konnte – und das war selten, besonders bei jungen Katzen.

In der gebrochenen Dunkelheit der Stunde des Letzten Tanzes strolchte Traumjäger durch die verstreut liegenden Behausungen der Großen. Er hatte sich die ganze Nacht mit Goldpfote in den Wäldern herumgetrieben, und seine Gedanken umkreisten wie gewöhnlich die junge Fela.

Er schlug sich mit etwas herum, wusste aber nicht, was es war. Er mochte Goldpfote gern, und er sorgte sich um sie – mehr als um jeden seiner Freunde oder gar um seine Geschwister –, doch es war anders, mit ihr zusammen zu sein, als mit irgendeinem anderen. Der Anblick ihres Schwanzes, der zierlich gewunden hinter ihr lag, wenn sie saß, oder anmutig in der Luft stand, wenn sie ging, erregte einen Bereich seiner Gedankenspielereien, für den er keinen Namen wusste.

Tief in diese Überlegungen versunken, gab er lange Zeit nicht auf die Botschaft acht, die der Wind ihm zutrug. Als schließlich eine Ahnung von Furcht in seine tiefe Versunkenheit drang, wurde mit einem Schlag seine Aufmerksamkeit wach, und er schwenkte den Kopf hin und her. Seine Barthaare bebten. Er sprang vorwärts und galoppierte nach Hause zu seinem Nest. Er meinte Schreckensschreie des Volkes zu hören, doch die Luft war ruhig und still.

Er kletterte über den letzten Dachfirst, glitt kratzend an einem Zaun hinab und plumpste zu Boden – und erstarrte vor Verblüffung und Furcht.

Wo der Haufen Gerümpel gewesen war, in dem seine Familie gehaust hatte … da war nichts mehr. Der Platz war so saubergefegt wie ein windgepeitschter Felsen. Als er seine Familie heute Morgen verlassen hatte, stand seine Mutter auf der Spitze des Haufens und leckte seine jüngste Schwester Schnurrweich. Nun waren sie alle verschwunden.

Er schoss vor und versuchte, den stummen Boden aufzukratzen, als wollte er ihm das Geheimnis dessen entreißen, was geschehen war. Doch es war M’an-Erde, gegen die Kralle oder Zahn nichts ausrichten konnten. Die widersprüchlichsten Gefühle wirbelten in seinem Kopf herum. Er wimmerte und schnüffelte die Luft.

Überall witterte er die erkalteten Spuren von Furcht. Die Gerüche seiner Familie und ihres Nestes waren immer noch da, doch sie waren vom schrecklichen Hauch der Angst und Wut überdeckt. Obgleich Zeit und Wind die Eindrücke sehr zerspellt hatten, konnte er dennoch wittern, wer hier am Werk gewesen war.

M’an waren hier gewesen. Die Großen hatten sich längere Zeit hier aufgehalten, doch hatten sie selbst keine Duftmarke von Furcht oder Zorn hinterlassen. Was ihre Ausdünstung bedeutete, war wie immer kaum auszumachen oder zu enträtseln – sie ähnelte mehr der fleißiger Ameisen und Bohrkäfer als der des Volkes. Hier hatte seine Mutter bis zuletzt mit ihnen gekämpft, um ihre Jungen zu schützen, doch die Großen verspürten weder Wut noch Furcht. Und nun war seine Familie verschwunden. In den nächsten Tagen fand er, wie er befürchtet hatte, keine Spur der Seinen. Er floh in die Alten Wälder und lebte dort allein. Weil er nur das aß, was er mit seinen noch ungeschickten Tatzen erlegen konnte, wurde er mager und schwach, doch er wollte sich keiner anderen Familie anschließen.

Spindelbein und andere Freunde brachten ihm hin und wieder etwas zu essen, konnten ihn aber nicht zur Rückkehr bewegen. Die Älteren schnieften weise und mischten sich nicht ein. Sie wussten, dass man Wunden wie diese am besten in der Einsamkeit behandelte, wo die Entscheidung, ob man leben oder sterben wollte, aus freiem Willen getroffen und später nicht bereut wurde.

Fritti sah Goldpfote überhaupt nicht, denn sie kam nicht, um ihn in seiner Wildnis zu besuchen. Er wusste nicht, ob dies aus Kummer oder aus Gleichgültigkeit geschah. Wenn er nicht schlafen konnte, quälte er sich mit erdachten Gründen.

Eines Tages – seit er seine Familie verloren hatte, war das Auge einmal geöffnet und einmal geschlossen gewesen – fand sich Fritti in den Randbezirken der Behausungen der M’an. Elend und entkräftet hatte er in einer Art Benommenheit den Schutz des Waldes verlassen.

Als er schwer atmend in einem Fleck willkommenen Sonnenlichtes lag, hörte er das Geräusch schwerer Fußtritte. Seine umdämmerten Sinne sagten ihm, dass sich M’an näherten. Die Großen kamen näher, und er hörte, wie sie einander mit ihren tiefen, dröhnenden Stimmen etwas zuriefen. Er schloss seine Augen. Wenn es denn bestimmt war, dass er seine Familie im Tod wiedertreffen sollte, schien es angemessen, dass diese Geschöpfe die Arbeit zu Ende brachten, die ihre Artgenossen begonnen hatten. Als er spürte, wie große Hände ihn packten, und der Geruch der M’an alles ertränkte, begann er hinüberzugleiten – ob in die Traumwelt oder noch weiter, wusste er nicht. Dann spürte er überhaupt nichts mehr.
Langsam und behutsam kehrte Frittis Geist in vertraute Bezirke zurück. Als das Denken wieder einsetzte, konnte er unter seinem Körper eine weiche Fläche spüren, und immer noch war ringsum der Geruch der M’an. Erschreckt öffnete er die Augen und blickte wild in die Runde.

Er lag auf einem Stück weichen Stoffes auf dem Boden eines Behälters. Das Gefühl, in einer Falle zu sitzen, entsetzte ihn. Er erhob sich auf seine unsicheren Pfoten und suchte einen Weg hinaus. Er war zu schwach, um zu springen, doch nach mehreren Versuchen gelang es ihm, sich mit den Vorderpfoten am Rand des Behälters festzuklammern und hinauszuklettern. Nachdem er auf dem Boden gelandet war, blickte er sich um und fand sich in einem offenen, überdachten Raum, der an eine der Behausungen der Großen grenzte. Obgleich der Geruch von M’an überall war, konnte er niemanden entdecken.

Gerade war er im Begriff, in die Freiheit zu humpeln, als er ein mächtiges Verlangen verspürte: Hunger. Er witterte Nahrung. Als er seine Blicke durch die Veranda schweifen ließ, entdeckte er einen zweiten, kleineren Behälter. Der Duft der Nahrung ließ das Wasser in seinem Mäulchen zusammenlaufen, doch er näherte sich dem Behälter vorsichtig. Nachdem er seinen Inhalt argwöhnisch beschnüffelt hatte, fraß er zögernd einen Bissen – und fand, dass es sehr gut schmeckte.

Zuerst ließ er ein Ohr aufgestellt, um die Rückkehr der M’an rechtzeitig zu bemerken, doch nach einer Weile überließ er sich völlig der Lust am Essen.

Er schlang das Essen hinunter, leerte den Behälter bis zum Grund, fand dann einen weiteren, der mit klarem Wasser gefüllt war, und trank. Diese Völlerei im Zustand äußerster Entkräftung machte ihn beinahe krank, doch die Großen, die das vorausgesehen hatten, hatten ihm nur eine bescheidene Menge Futter hingestellt.

Nachdem er getrunken hatte, wankte er hinaus ins Sonnenlicht, ruhte sich einen Augenblick aus und stand dann auf, um sich auf den Weg zum Wald zu machen. Plötzlich bog einer derer, die ihn gefangen hatten, um die Ecke des riesigen M’an-Nestes. Fritti wollte ausreißen, aber sein geschwächter Zustand erlaubte es nicht. Doch zu seiner Verwunderung machte der Große weder Anstalten, ihn zu packen, noch ihn zu töten, sondern er ging bloß vorbei, beugte sich nieder, um Traumjägers Kopf zu streicheln, und war dann verschwunden.

So begann der unbehagliche Waffenstillstand zwischen Fritti Traumjäger und den Großen. Diese M’an, in deren Vorhalle er sich wiedergefunden hatte, hinderten ihn niemals, zu gehen und zu kommen, wann er wollte. Sie stellten ihm Futter hinaus, das er fressen konnte, wenn er wollte, und wenn er es wünschte, konnte er in einem Kasten schlafen.

Nach mancherlei angestrengtem Nachdenken gelangte Fritti zu dem Schluss, dass die Großen möglicherweise dem Volk ein wenig ähnelten: Einige waren gutartig und führten nichts Böses im Schilde, wogegen anderen nicht zu trauen war – und es war die zweite Art gewesen, welche seine Familie und die Stätte seiner Geburt zerstört hatte. Diese Erwägung brachte Fritti eine Art von Frieden. Die Erinnerung an das, was er verloren hatte, begann in den Stunden des Wachens von ihm zu weichen – wenn auch nicht in seinen Träumen.

Als er gesünder wurde, machte es Fritti wieder Spaß, mit dem Volk zusammen zu sein. Er fand auch Goldpfote, unverändert vom Schnurrbart bis zum Schwanz. Sie bat ihn, ihr zu verzeihen, dass sie ihn während seiner schlimmen Tage in den Wäldern nicht aufgesucht habe. Sie hätte es nicht ertragen können, sagte sie, ihren Spielkameraden in solchem Elend zu sehen.

Er verzieh ihr, und er tat es mit Freude. Nun, da er seine Kraft zurückgewonnen hatte, tollten sie wieder zusammen über das Land. Alles war so, wie es gewesen war, außer dass Traumjäger ein wenig mehr zur Stille neigte und weniger zum fröhlichen Lärmen. Und doch bedeutete die Zeit, die Fritti mit Goldpfote verbrachte, ihm sogar noch mehr als zuvor. Nun sprachen sie hin und wieder über das Ritual, das sie vollziehen würden, wenn für Goldpfote die Zeit ihrer Reife gekommen und Traumjäger ein Jäger geworden war.

Und so ging ihr Hochsommer dahin, und der Wind begann eine Herbstmusik in den Baumwipfeln zu singen. In der letzten Nacht vor der Nacht des Treffens erstiegen Fritti und Goldpfote den Berghang, der sich oberhalb der M’an-Behausungen erhob. Schweigend saßen sie in der Dunkelheit der Tiefsten Stille, während unter ihnen ein Licht nach dem anderen erlosch. Endlich erhob Traumjäger seine junge Stimme zu einem Lied.

So hoch
Über den wogenden Baumwipfeln, Über dem strömenden Himmel – Sagen wir ein Wort.

Seite an Seite,
Auf dem buckligen Rücken der Welt, Jenseits von Sonne und Zeit,
Hört man diese Stimme …

Wir sind zusammen unterwegs, Unsre Schwänze im Wind, Wir wandern zusammen,
Wir sind voller Sonne und warm.

Lange, lange
Haben wir im Wald getanzt, Haben bloß nach vorn geblickt – Uns fehlte nur das Wort.
Aber bald
Werden wir den Sinn begreifen Und spüren in Haaren und Knochen – Nun, da wir es gehört haben.


Als Traumjäger aufgehört hatte zu singen, saßen sie die restlichen Stunden der Nacht hindurch still da. Die Morgensonne stieg auf, verjagte die Schatten und störte sie auf, doch als er sich Goldpfote zuwandte, um zum Abschied seine Nase an der ihren zu reiben, und als ihre Barthaare sich dabei berührten, war zwischen ihnen ein wortloses Versprechen.
Hobbitpresse Aus dem Amerikanischen von Hans J. Schütz (Orig.: The Tailchasers Song)
1. Aufl. 2012, 432 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93831-9
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Marijan Murat

Tad Williams

Tad Williams ist ein kalifornischer Superstar. Seine genre-erschaffenden und Genregrenzen sprengenden Bücher wurden mehrere zehn Millionen Male...

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