Würde - Annäherung an einen vergessenen Wert in der Psychotherapie

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Die Würde des Patienten ist antastbar

Als Psychotherapeutin, die mit traumatisierten Menschen arbeitet, sieht Luise Reddemann im psychotherapeutischen Umfeld häufige Verletzungen der Würde von PatientInnen. In ihrem Essay arbeitet sie fünf konkrete Bereiche heraus, in denen ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen große Sensibilität walten lassen sollten.

Der medizinische und psychotherapeutische Alltag ist voll von größeren und kleineren Würdeverletzungen. Am häufigsten sind Unachtsamkeit, Mangel an Empathie und das Bedürfnis nach Selbstschutz. Diese Beobachtungen führen die Autorin, die viele Jahre lang als Klinikleiterin tätig war, zu einem grundsätzlichen Nachdenken darüber, welchen Stellenwert »Würde« heute noch hat:
- Die Autonomie des Anderen verdient grundsätzlichen Respekt.
- Es gilt, die Würde der Verletzlichkeit und des möglichen Scheiterns anzuerkennen.
- Gerade PsychotherapeutInnen sollten das Recht des Patienten auf ein »Nein« des Mitteilens anerkennen.

Unter allen Angehörigen der helfenden Berufe wird dieses Buch einen überfälligen Diskurs anstoßen und große Aufmerksamkeit auslösen.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
TEIL I: »Das Wasser des Lebens«
1. »Das Wasser des Lebens«
2. Menschliche Verletzlichkeit, Sterblichkeit und Würde
3. Erste Annäherung
»Ehrfurcht vor dem Leben«
Fragen und Themen, zu denen mich »Ehrfurcht vor dem Leben« und Arno Gruen anregen
4. Philosophische Sichtweisen
5. Geistesgeschichtliche Positionen zum Würde-Begriff
Emmanuel Levinas
Richard Rorty
6. Über die Würde der Frauen
Seyla Benhabib
Über den Mythos der »heiligen Hochzeit«
7. Über die Verletzung der Menschenwürde in unseren Tagen oder: »Nur weil man Analphabet ist, fehlt es einem nicht an Würde«
Ethnopsychoanalytische Sicht
TEIL II: Würde und Psychotherapie
1. Allgemeine Überlegungen
2. Fünf Bereiche, in denen das Thema Würde besondere Beachtung verdient
3. Exkurs: »Psychotherapie« - ein fiktives Interview
4. Würde und Traumatherapie
Schluss
Danksagung
Literatur

Leseprobe

Vorwort
»Die Würde des Menschen ist unantastbar«, heißt es in unserem Grundgesetz. Die Gründungsväter und -mütter unserer Verfassung haben um diesen Satz gerungen. Dass er in diesem Land notwendig in die Verfassung eingehen musste, versteht sich aus unserer Geschichte. Viele Länder, die später ihre Verfassungen - neu - schrieben, haben auf das deutsche Modell zurückgegriffen.
Mir selbst wurde die Frage nach der Menschenwürde bewusst, als mein Mann und ich uns Ende der 60er-Jahre mit den unvorstellbar grausamen Verhältnissen in Kinderheimen beschäftigten und uns mit anderen dafür engagierten, Kinder und Jugendliche aus den Heimen herauszuholen. Die Würde der Kinder wurde damals in der Heimerziehung fast überall systematisch mit Füßen getreten.
Mein Entsetzen setzte sich fort, als ich begann, als junge Ärztin in der Psychiatrie zu arbeiten. PatientInnen waren in großen Sälen untergebracht. Es gab keinerlei offene Stationen. Viele LangzeitpatientInnen arbeiteten beinahe umsonst für die Anstalt. Das Recht auf Menschenwürde schien hier nicht zu gelten.
Ich engagierte mich im »Mannheimer Kreis« und der Deutschen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie, Organisationen, denen es um eine Reform der Psychiatrie ging. In jenen Jahren veränderte sich durch das Aufbegehren vieler junger PsychiaterInnen und KollegInnen aus anderen Berufsgruppen sehr viel in der Psychiatrie, und die daraus hervorgegangene Psychiatrie-Enquete tat ein Übriges, dass sich die Verhältnisse unter Würde - und anderen humanitären Aspekten deutlich verbesserten. Ich bin stolz darauf, dass ich damals Teil dieser Bewegung sein konnte, und es erfüllt mich mit Entsetzen und Wut, wenn ich in einem neuen Lehrbuch zur »Psychotherapie der chronischen Depression « diesen Satz lese: »Die Behandlung chronisch depressiver Erwachsener - d. h. das Aufbrechen der hartnäckigen Panzerung im Bereich von Gedanken, Gefühlen und Verhalten, die die Erkrankung ausmacht - entspricht dem Durchbrechen einer Granitmauer mithilfe eines zehn Pfund schweren Vorschlaghammers. Man schlägt immer wieder an der gleichen Stelle ohne erkennbaren Effekt auf die Wand ein, bis sich plötzlich, fast unmerklich ein schmaler Haarriss bildet. Unter weiteren Hammerschlägen vergrößert sich der Riss langsam, bis die Wand schließlich zusammenbricht und zerbröckelt.« (Mc Cullough, J. P., 2007, S. XXIV , Hervorhebung L. R.) Derart gewalttätige Bilder empfinde ich als würdeverletzend, sie vermitteln jungen KollegInnen ein Bild der Psychotherapie voller Gewalt und Missachtung für die Würde der Kranken und des Rechts auf Scheitern.
Jede und jeder kann Würdeverletzungen ausgesetzt sein, nicht nur durch andere, sondern auch durch Lebensereignisse, die wir als entwürdigend empfinden und die uns aufrufen, uns unserer Würde bewusster zu werden und sie gerade in Zeiten der Entwürdigung und - vermeintlicher - Würdelosigkeit zu verteidigen, auch und gerade vor uns selbst.
Würde kommt in Alltagsdiskursen relativ häufig vor. Man spricht von der Würde des Alters, der Würde von Kranken und Sterbenden, der Würde von Kindern, der Würde von Entrechteten, um nur einiges zu nennen. Diejenigen, die über Würde sprechen, erwecken häufig den Eindruck, als sei der Begriff klar und einfach. Versucht man aber, ihm auf den Grund zu gehen, wird er spröde und schwer fassbar. So ist es jedenfalls mir ergangen.
Bei meinen Recherchen hatte ich mehr und mehr den Eindruck, dass Würde den Philosophen und den Rechtsgelehrten zu gehören schien. Spricht man z. B. im ärztlichen Bereich über Würde, so werden jeweils die Medizinethiker eingeladen, sich zu äußern. Die Beschäftigung mit den philosophischen Grundlagen erlebte ich als anregend und mühsam, da ich mich mit der Sprache der PhilosophInnen nicht leicht tue.
Die Definitionen sind widersprüchlich. In einem philosophischen Wörterbuch im Internet lese ich Folgendes:
»Als Würde oder Menschenwürde bezeichnet man einen sozialen, inneren, sittlichen Wert der Persönlichkeit und auch das Verhalten in dem Wissen um diesen Wert. Dabei ist die Bezeichnung Würde vorzuziehen, da sie weniger anthropozentrisch ist. Der Begriff spielt in der ethischen und rechtsphilosophischen Debatte eine große Rolle. Nach Kant hat alles, was über jeden Preis erhaben ist, Würde. Würde ist für Kant ein innerer Wert. Autonomie ist die Grundlage der Würde. Nach Schiller ist die Würde Ausdruck einer erhabenen Gesinnung. Es ist umstritten, wie man den Begriff der Würde ohne theo logischen Bezug analysieren kann. Häufig wird der Begriff der Würde an den Begriff der Person gebunden. Man fängt sich damit allerdings alle Probleme ein, die man im Zusammenhang mit dem Personen begriff bekommt, ohne etwas Zusätzliches zu gewinnen. Bestimmt man Würde als eine (Wesens-)Eigenschaft des Menschen, ist sie ungeeignet, Normen zu begründen, da man dann vom Sein auf ein Sollen schließen würde.« (Philex)
Und in Meyers Lexikon ist, etwas einfacher klingend, nachzulesen: Würde, die einem Menschen kraft seines inneren Wertes zukommende Bedeutung; auch Bezeichnung für die dieser Bedeutung entsprechende achtungsfördernde Haltung (Menschenwürde).
Schon aus diesen beiden Definitionen wird deutlich, dass sich die PhilosophInnen keineswegs einig sind, was dieser Begriff aussagen kann. Das stört sie nicht, denn sie sind es gewöhnt, kontroverse Meinungen auszutragen und zu ertragen. Für den nach begrifflicher Sicherheit Suchenden mag das aber irritierend sein.
Mir wurde klar, dass meine Beschäftigung mit diesem Begriff nichts weiter als eine Annäherung sein kann. Dennoch ist es mir ein Anliegen, ihn mit Themen, die die Psychotherapie berühren oder sogar zum Teil beinhalten, zu verknüpfen oder diese Themen unter Würdegesichtspunkten zu betrachten. Durch Richard Rorty fühlte ich mich schließlich ermutigt, denn er meint als Philosoph, dass Menschen durch »rühr selige Geschichten« mehr verstehen als durch Philosophie. Anrührende Geschichten, so möchte ich das nennen, gibt es genug in der Psychotherapie. Jede Psychotherapeutin und jeder Psychotherapeut kennt auch solche, die mit Würdeverletzungen zu tun haben, aber auch die, in denen es gelingt, Würde auch unter schwierigen Umständen zu wahren.
Die lexikalischen Definitionen machen deutlich, dass der Begriff herausfordert. Die Ergebnisse meiner Annäherungsbemühungen zu vermitteln, erwies sich ebenfalls als Herausforderung.
Ich beginne mit einem Märchen, das für mich besonders starke Aussagen zum Thema Würde macht, nämlich dem Märchen »Das Wasser des Lebens«. Es steht am Anfang des Buches mit der Einladung an die Leserin/den Leser, es wirken zu lassen und sich eigenen Einfällen dazu zu überlassen. Später werde ich es dann im Rahmen des Kapitels »Menschliche Verletzlichkeit, Sterblichkeit und Würde« kommentieren und interpretieren.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema auch mittels Märchen- und Mythentexten erschien mir besonders ergiebig und entspricht psychotherapeutischen Traditionen einerseits und meiner Arbeitsweise, die stark von inneren Bildern geleitet ist, andererseits.
Auf eine Darstellung mich ansprechender philosophischer Sichtweisen will ich nicht verzichten. Dazu gehört ganz wesentlich eine feministisch- philosophische Sichtweise. In Zeiten, in denen es als schick oder opportun gilt, sich vom Feminismus zu distanzieren, ist es mir wichtig zu betonen, dass in so vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens die Rechte und die Würde von Frauen subtil und/oder offen massiv übergangen werden, dass ich die Augen davor nicht verschließen will. Eine »achtungsfördernde Haltung« Frauen gegenüber vermisse ich auch in einigen Bereichen der Psychotherapie. Dies geschieht eher auf subtile Weise.
Als problematisch empfinde ich auch, dass der Begriff »Würde« in den gängigen psychotherapeutischen Lehrbüchern und Fallberichten z. T. überhaupt nicht und z. T. nur beiläufig verwendet wird. Ich werde der Frage nachgehen, ob wir gut daran täten, dies zu ändern. Weil diejenigen, auf die ich mich berufe, nicht von allen als vertrauenswürdig angesehen werden, habe ich mir die Frage gestellt, wie weit reicht Würde? Muss man dafür »vollkommen« sein? Nein, der Gedanke, dass sie »unantastbar« ist, egal, wie jemand lebt und sich äußert, ist es ja gerade, der mich aufwühlt. So meinen manche, Albert Schweitzer habe sein »Leben, inmitten von Leben« allzu sehr aus einer paternalistischen Sicht vertreten und damit auch verletzt. An Richard Rorty wird kritisiert, dass er seine Philosophie aus einer privilegierten Position eines weißen Mannes aus der intellektuellen Mittelschicht, der keine Not kannte, formuliert hat. Würde gehört für mich zu den Begriffen, die einen nicht in Ruhe lassen, die immer herausfordern, niemals völlig in ein Raster gepresst werden können und sich insoweit auch einem Kanon entziehen.
An das Thema gesellschaftlicher Würdeverletzungen werde ich mich mit Mitteln der Ethnopsychoanalyse, die meinem wissenschaftlichen Denken nahe kommt, annähern.
Die Teile, in denen es um grundsätzliche Fragen der Philosophie und der Sozialwissenschaften geht, können auch übersprungen oder später gelesen werden. Sie sind mir dennoch wichtig.
Kundige LeserInnen werden vieles vermissen und meine Sichtweisen »subjektiv« finden. Das Ziel dieses Buches ist es, LeserInnen dafür zu gewinnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und Würde einen Stellenwert in der Psychotherapie zu geben.
Zunächst lade ich die Leserin/den Leser ein, sich auf das Märchen »Das Wasser des Lebens« einzulassen, denn mir sagt es viel über Würde. [...]
Klett-Cotta Leben lernen Leben Lernen 212
2. Aufl. 2013, 144 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-89066-2
autor_portrait

Luise Reddemann

Prof. Dr. med. Luise Reddemann ist Nervenärztin  und Psychoanalytikerin.Seit gut 25 Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit Trauma und...

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