Das Paradies

Meine Jugend nach der Mauer
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Die Stimme einer neuen Generation – die letzten Kinder von Marx und Milka

»Das Paradies« ist die Geschichte einer Kindheit im Ostdeutschland der 90er-Jahre. Das Portrait einer Generation, die die DDR nur aus der Erinnerung der Eltern kennt. Andrea Hanna Hünniger erzählt von einem Land, das die Deutsche Einheit wie ein Kahlschlag, ein Raubzug, eine Brandrodung trifft.

Die 90er-Jahre in Ostdeutschland: neue Supermärkte, rote Mountainbikes, schweigende Eltern. Wie nebenbei ist für die damals fünfjährige Autorin die Mauer gefallen. Der Vater bekommt eine Hirnhautentzündung, die Mutter eine Umschulung. »DDR? Was ist das?« fragt die Autorin ihre Eltern, die stumm werden wie die Fische im Aquarium.
Was sollen die großen Supermärkte, wenn die Eltern einem nie Süßigkeiten kaufen? Was immer der Sozialismus war, da schwingt etwas von Zahnarzt mit. Während die Eltern sich hinter den Plattenbaumauern verschanzen, erziehen die Kinder sich selbst zwischen der Kleingartensiedlung, die alle das »Paradies« nennen und den Probierständen im Supermarkt, wo es den Helmut-Kohl-Gedenkkuchen gibt, den man mit der Verpackung essen kann.
Andrea Hanna Hünniger erzählt brillant von ihrer Generation – die zwischen den Idealen der Eltern und Verheißungen eines neuen Landes steht.

»Die ersten Worte, die ich von Andrea Hanna Hünniger las (und mit ihr wechselte), ließen mich bereits ungeduldig auf das warten, was jetzt vor uns liegt: Die brillante literarische Re- und Dekonstruktion Ostdeutschlands durch eine 1984 in Weimar geborene Erzählerin.«
Thomas Meinecke

Inhaltsverzeichnis
1. Siedlung 7
2. Mütter 29
3. Freiheit 53
4. Drogen 73
5. Funktionäre 99
6. Westdeutsche 119
7. Glaube 145
8. Psychotherapeuten 165
9. Ausland 189 Danksagung 219


Leseprobe

1. Siedlung


Ein Indianer besteigt einen Hügel, strauchelt, hält sich an Grasbüschel und Wacholderbüschen fest. Oben stützt er sich gegen den Wind. Die Augen gehen auf, die Sonne geht auf. In der Ferne kann er andere Hügel sehen, weite Felder. Damit es angenehmer ist, legt er ein Kissen auf die Gleise und seinen Kopf darauf. Er schüttelt das Kissen noch einmal auf, testet die richtige Position für seinen Körper. Quer über die Gleise. Er braucht den Überblick. So ist es gut, so kann man lange liegen. Er weiß nicht genau, wann ein Zug kommt, es gibt keinen genauen Plan, er wird es dann hören. Eine Hand bindet er am Gleis fest.

Um drei Uhr nachmittags ist der große Platz gesperrt. In der Mitte unseres Plattenbauviertels wird ein gigantischer Supermarkt eröffnet. Endlich. Es ist nicht der erste Supermarkt, den wir sehen, aber der größte, ein Labyrinth, ein Disneyland für den täglichen Bedarf. Es heißt, es soll eine richtige Spielzeugabteilung geben. Fleischtheken, deren Ende man nicht sehen kann. Das ganze Viertel ist gekommen. Auf dem Vorplatz versammeln sie sich, orientieren sich an Bratwurstständen, an kostenlosen Schutzhüllen für eine künftige ECKarte, die verteilt werden (»Mama, was ist das?« – »Eine Schutzhülle für eine EC-Karte.« – »Was ist eine Schutzhülle für eine EC- Karte?« – »Eine Schutzhülle für eine EC-Karte, was sonst?«). Von der Bank natürlich, die nebenan auch eröffnet. Kugelschreiber und Kredite gibt es auch, kostenlos. Fast. Überall muss man was unterschreiben und kann dann Zettel mitnehmen und Kugelschreiber und Schutzhüllen. Versicherungen auch. Obwohl man da inzwischen skeptisch geworden ist. Aber der Einstieg in die Finanzwelt ist reizvoll. Aktien, Fonds, alles ist möglich. Ich träume, dass wir in einem weißen Haus auf einer großen grünen Wiese wohnen werden. Vielleicht auch mit einer Terrasse mit fest installiertem Grillplatz und Grillzange.

Luftballons mit dem Supermarktlogo hängen an Plastikmarkisen, Schlager donnern metallen über den Platz mit den großen, aufgerissenen Betonplatten. Es ist Februar 1995 in Weimar, in der größten Plattenbausiedlung der Stadt, und ohne es richtig mitzubekommen, beiße ich in einen Pfannkuchen mit Senffüllung.

Eine Schlange bildet sich vor dem Eingang. Man solle endlich die Türen öffnen, ruft einer und lacht. Wir frieren. Meine Mutter prüft ihren Einkaufszettel. Die meisten haben ein Faschingskostüm an. Marienkäfer sind viele Frauen, vor allem die Kindergärtnerinnen oder Lehrerinnen oder Krankenschwestern. Als Indianer gehen die Kinder. Wer Arbeit hat, den erkennt man am Faschingskostüm, das heute schon im Betrieb vorgeführt wurde, die meisten sind schon ein bisschen alkoholisiert. »Siehste, im Kapitalismus musste och warten.« Dann geht die automatische Tür auf, Menschen in weißen Kitteln stehen am Eingang und begrüßen die Menge, von der sie sofort umgerannt werden.

Meterhohe Regale, Produkte wie nach Farben geordnet. Wir stehen vor den Regalen wie vor einer Goldader. Damit hat niemand gerechnet. Erst einmal stehen alle lange in der Gemüse abteilung, die gleich am Eingang ist. So viele Möglichkeiten, so viele Gänge, die man wählen kann, dass sich niemand bewegt. Aus den Lautsprechern dudelt Radiomusik. Durchsagen: »Herzlich willkommen im Globus-Supermarkt.«

»Wo gibt’s denn hier Tinte für den Füllfederhalter?«, fragt meine Mutter eine Frau im weißen Kittel, die Pakete aufreißt. »Reichlich vorhanden«, sagt sie. »Reichlich« sagt sie, als wäre das etwas ganz Neues, sie sagt es in jedem Satz, reichlich Platz, reichlich Zeit, als sage man das als neue Bundesbürgerin.

»Reichlich« ist irgendwie untertrieben. Ein großes Regal verschiedener Größen und Formen, Farben und Verpackungen strahlt uns entgegen. Meine Mutter zieht aus ihrer Jackentasche eine leere, alte, zerknitterte Pelikan-Packung und vergleicht diese mit denen im Regal. Sie prüft jede Reihe, wühlt sich in die Tiefen des Regals hinein wie eine besessene Schatzgräberin. Ich lehne am Wagen. Dann scheint sie gefunden zu haben, was sie sucht, und schmeißt es in den Wagen, die leere Packung steckt sie in die Jackentasche.

Wir schieben unseren Wagen durch die Reihen, links und rechts leuchtende Suppendosen, viele verschiedene Arten von Klopapier. Dreilagig normal, dreilagig de luxe, vierlagig Luxus plüsch, Feuchttücher. »Das ist ja auch eine ganz schöne Verschwendung!«, sagt meine Mutter, und das erinnert mich an einen Besuch in Frankfurt am Main, wo sie auf einer öffentlichen Toilette nach einem Handtuch suchte, um sich die Hände zu trocknen. Sie kam entgeistert aus der Toilette und klopfte meinem Vater auf die Schulter: »Die trocknen sich hier die Hände mit Papier ab!«

Jedenfalls biegen wir so um die Ecke und da geht mein Puls unheimlich hoch, weil vor uns die Süßigkeitenabteilung erscheint, sie leuchtet und blinkt und ist bunter als alles, was ich bisher gesehen habe. Dann hält mich meine Mutter fest, und ich merke, dass mir der Mund aufsteht, und ich sehe andere Mütter, die andere Kinder festhalten, und manche ziehen etwas aus dem Regal und rennen zum Einkaufswagen und schmeißen es rein, und als meine Mutter eine Packung Kaugummi nimmt und liest, was da so drin ist, packe auch ich alles, was ich greifen kann, in den Wagen: Milka-Schoko lade, Kinderschokolade, Überraschungseier, Gummi- Colaflaschen, Gummibärchen, Toffifee, Mohren köpfe, Liebesperlen, Zuckerstangen, Hanuta und weiße Mäuse. »Weiße Mäuse? Mama! Bitte!« Und meine Mutter dreht sich um, beobachtet mich und sagt dann: »Kannst du gleich wieder alles schön aus dem Wagen zurück ins Regal bringen.«

Mir laufen die Tränen übers Gesicht. »Wozu gibt’s denn dann Süßigkeiten?«
»Früher brauchten wir nicht ständig Süßigkeiten. Oder hast du heute etwa Geburtstag?«
»Nein.«
»Ist Weihnachten?«
»Nein.«
»Na dann.«
»Scheiß DDR.«
»Fräulein.«

Etwas ratlos und verwirrt bummeln wir Richtung Kühlbereich. Überall hängen Plakate mit lachenden, jungen Familien drauf. »Hier gibt’s mehr Werbung als je für den Sozialismus«, sagt meine Mutter. In meinem Kopf entsteht das Bild eines gewissen Dings namens Sozialismus, er ist klein, bucklig und schlecht gelaunt und hat große, weiße Zähne. Ich weiß nicht, warum, etwas von Zahnarzt muss ich da mitdenken. Das einzig Bekannte im Supermarkt sind die alten Fliesen. Wo sich die Gänge zwischen den Regalen kreuzen und man einen Nachbarn trifft, grüßt man, weiß aber nicht, welche Vorfahrtsregeln hier gelten. Rechts vor links. Bitte, nach Ihnen. Danke. Sehr höflich fahren wir alle schön hintereinander, eine Reihe. Einkaufen in Zeitlupe. An einem kleinen Stand bietet eine breit grinsende Dame in einem grauen Kostüm und mit glattgeföhnten, an der Schulter wie eine Schanze nach außen schwingenden blonden Haaren kleine Kuchen an: »Versuchen Sie mal den Helmut-Kohl- Gedenkkuchen, den man gleich mit der Verpackung essen kann.« Große Begeisterung in den Gesichtern. Um sie herum stehen ein paar Leute aus unserem Haus und kauen fleißig, während die Frau dahinter eifrig die braunen Klumpen zusammen mit der Verpackung in Scheiben schneidet und parallel zueinander vor sich aufbaut. Stefan Meyer winkt uns ran: »Hier! Kannst du kosten. Gar nich mal so schlecht. Denk ich mal.« – »Kosten« sprach er aus, als wäre es ein Wort aus edelsten Kreisen. Ich renne sofort hin und stecke mir ein paar Kuchenstücke in die Jackentasche. »Du hast aber ein schönes Indianerkostüm an. Bist du Winnetou?«, sagt die Frau zu mir und hält mir einen der braunen Klumpen ins Gesicht. Was für eine Frage, natürlich bin ich Winnetou. »Sie haben einen sehr hübschen Jungen«, sagt die Frau zu meiner Mutter und meine Mutter sagt danke.

Genau genommen fressen sich unsere Nachbarn und ich von da an fast täglich an den Probierständen im Supermarkt durch. Einmal gab es Weltraumnahrung, und man konnte viele im Viertel sehen, wie sie an Weltraumeis, Sorte Fürst Pückler mit Waffel, knusperten: »Schmeckt och«, hieß es. Und das stimmt auch, Weltraumeis schmeckt genauso wie richtiges Eis, nur dass es eben warm war und trocken, und das war ja sinnlos, weil man Eis isst, damit einem kälter wird im Sommer, dachte ich.

Plötzlich stoppen die Männer ihr Kauen und meine Mutter den Einkaufswagen. Es wird ganz still. Nur einer muss von dem Kuchen kurz aufstoßen, dann hören alle auf ein Lied aus den Lautsprechern, das jeder zu kennen scheint, nur ich nicht. »Dass wir noch die Wärme spürten, die uns heute verloren scheint. Lalala. Nie, nie zuvor …« Ohne sich zu bewegen, hören alle unter dem Neonlicht das Lied von Electra. Mir kommt das sehr schön vor. Meine Mutter nimmt während des Songs eine große Packung eingefrorener junger Erbsen aus der Gefriertruhe, als ihr die Tränen kommen.

Silvio kommt mit weißem Kittel auf meine Mutter zugelaufen und sagt: »Tschuldigung, mal Tasche auf, bitte.« Silvio. Silvio! Silvio war ein Angestellter meiner Mutter am Institut für Pflanzenforschung. Seine Aufgabe: Zahlen aufschreiben, Tabellen mit Stift und Lineal ziehen. Silvio hat Pickel, und Silvio rasiert sich seit einigen Monaten den Kopf. »Zum Dienst gemeldet für Deutschland, einig Vaterland«, so grüßt Silvio an der Bushaltestelle, wenn kein Erwachsener in der Nähe ist. Silvio mit den Schnürsenkeln. Weiß und rot. Silvio legt sehr viel Wert darauf, dass jeder die Botschaft seiner Schnürsenkel versteht. Es würde ja das beste Symbol keinen Sinn machen, wenn es niemand entschlüsselte, und deshalb hält er von Zeit zu Zeit Vorträge an der Bushaltestelle, was rote und weiße Schnürsenkel bedeuten, die Zahlen 88 und 18, diese und jene Flagge, warum es Leute wie mich und meine Schwester früher nicht gegeben hätte und dass die Erfindung der Autobahn eine große Leistung sei. »Und warum ist das jetzt eine große Leistung, ich mein, auf die Idee hätt ich auch kommen können«, sagte mal meine Schwester zu Silvio und der sagte: »Willste eine auf’s Maul?«

Und mehr wusste Silvio darüber eben auch nicht. Autobahn. Mehr fiel ihm und seinen Freunden dazu nicht ein. Silvio jedenfalls steht jetzt da, neben ihm ein älterer Mann mit Schnauzbart, der so aussieht wie ein richtiger Chef, der gar nichts sagen muss, der einfach streng guckt, mit grauen, sauber zurückgelegten Haaren, mit prüfenden Blicken auf Silvio, auf meine Mutter, auf mich. Als wäre das jetzt eine Vorführung und der Mann guckt, ob alle ihren Text können. »Silvio«, sagt meine Mutter. »Herr Brunner, ich bin jetzt hier Filialleiter.« In der Tasche ist natürlich nur die zerknüllte alte Pelikan-Pappe und ein Knopf und ein Schlüssel. »Na dann. Glück gehabt.«

Am Morgen laufe ich schon in einem Indianerkostüm in die Schule, es ist das letzte Jahr in der Grundschule. Das Gymnasium ist auf der anderen Seite der Erdkugel, also irgendwo am anderen Ende der Stadt. Also das letzte Jahr in einer Schule, in die alle Kinder aus dem Plattenbauviertel gehen. Wo man im Februar Fasching feiert. Wo Hunderte Pfannkuchen verteilt werden. Wo ein Pfannkuchen mit Senf gefüllt wird. Etwa drei Viertel der Klasse im Indianer- oder Cowboykostüm kommen. Wir aus dem Viertel sind immer Indianer. Tagelang spult meine Mutter Winnetoufilme durch, drückt auf »Pause«, wenn Winnetou in der Nahaufnahme zu sehen ist. Wir zeichnen und schneidern nach. Das Kostüm sieht aus wie das Original.

Mir fiel auf, wie hässlich es hier war. Wo immer man hinsah, schauten die immer gleichen grauen Wände mit ihren rauen, unfreundlichen Fassaden zurück. Über mir ein großes Fenster mit aschgrauem Himmel. Die großen Risse in den Platten auf dem Gehweg versuchte ich zu umgehen, ging den einzig möglichen Weg, der aus der Siedlung hinausführt, einen schmalen Gang zwischen zwei Zäunen. Rechts die Klärgrube. Man gewöhnte sich mit den Jahren an den Geruch.

Auf der einen Seite harkte ab und zu ein alter Mann, der nach einem Bahnhofswart aussah, mit flachem grauem Hut und grauem Mantel. Seine Harke, stellte ich mir vor, hätte auch eine Schranke sein können, die nur er, aus einem kleinen Grenzhäuschen heraus, heben und senken konnte.

Etwa 7000 Menschen leben hier. Mindestens 15 Blöcke reihen sich aneinander. Der größte misst 50 Meter in der Länge, hat zwölf Etagen und wurde sofort nach 1989 hellblau angemalt. An den Ecken verschwimmt er an guten Tagen mit dem Himmel. An schlechten Tagen sieht das Haus wie eine Pappkulisse aus. Ich wohne in der Prager Straße Nummer 14, einem halbrunden Bau. Eingeweiht 1981. Die Leute rissen sich um eine Wohnung im Neubau. Neubau – das war nur ein anderes Wort für Freiheit, Unabhängigkeit und dichte Fenster. Ein Traum von Luxus und Moderne. Über 1,5 Millionen Träume von Luxus und Moderne hat man bauen lassen. Es heißt, hier habe die DDR ihr sozialistisches Großprojekt umgesetzt. Unsere Nachbarin sagte: »Eine dumme Idee in dummem Beton.« Mein Vater sagte: »Nach wie vor schimmelfrei.« Für mich sind diese Bauten der Beweis, dass es das Land wirklich gegeben hat. Ein Beweis, den man nicht so einfach in den Müll werfen kann wie Schränke, Lampen, Fernseher, Blumentöpfe, Kaffeekannen, Trabis, Pullover, Matratzen, Gläser oder Kanarienvögel.

Die Mülldeponie ist nicht weit von unserem Viertel entfernt, sie wuchs in den letzten Jahren zu einem großen Antiquitätenhaufen an. Der Regen spülte mit der Zeit die Lacke und Farben aus den Dingen, der große Haufen wurde grau, und die Farben und Lacke sickerten als giftiger Schleim langsam in die Erde, in unser Grundwasser. Also musste der ganze Müll umgeschichtet werden, es war ein monumentaler Anblick: Riesige Maschinen, die einen Haufen toter Wohnzimmer umschichteten. In diesem Moment habe ich die DDR begriffen, eigentlich das ganze Universum. Vergänglichkeit, Sterblichkeit. DDR ist so etwas schön Morbides. Das war letzten Sommer. Nur eines wunderte mich. Nämlich die Geschwindigkeit, mit der hier Gegenstände weggeschmissen wurden. Wenn Geschichte erst in den Dingen verständlich wird, dachte ich, dann kann man hier nichts mehr verstehen, weil es nichts gibt, womit man sich erinnern kann. Die Ostdeutschen, die ich kenne jedenfalls, sind keine Bewahrer, heben nichts auf, lassen nichts liegen, nicht für später, nicht für irgendwann, im Keller nur Kohlen, auf dem Dachboden nur Bretter oder kein Dachboden. Man muss sich, dachte ich etwas verwirrt, schon selbst zuerst zerlegen, bevor man von anderen erobert werden kann. Und das machen Ostdeutsche mit Freude. Und vielleicht habe ich deshalb einen Tick entwickelt, habe deshalb begonnen, alles Mögliche zu sammeln, zu archivieren und für alle Zeit aufzuheben. Im Herbst Blätter vom Ahornbaum, Kastanien, alte Schrauben, Zigarettenstummel, Bilder aus Zeitungen. Ich begann, Tagebuch zu schreiben. Erster Eintrag 13. Oktober 1994: »Ich habe Geburtstag und einen Gameboy bekommen. Träume in der Nacht von Tetris.«

Als das Problem mit dem Müll gelöst war und keine Giftgase mehr in das Viertel hineinwehten, wurden die Fassaden mit Baugerüst und Planen verhüllt, wochenlang hingen Arbeiter an den Wänden, und als die Planen wieder abgenommen wurden, strahlte das frisch angestrichene Blau dieses Blocks so hell, als hätte jemand das Licht angemacht.

Hitler wollte da, wo jetzt das Viertel stand, einen riesigen Flughafen bauen. Das erzählte unsere Nachbarin gern. In Weimar begegnete man, wo immer man hinging, Hitler oder Goethe. In unserem Viertel begegneten wir täglich Margot Honecker. Als die Grundschule eingeweiht werden sollte – das war vor meiner Geburt, im Jahr 1981 –, kündigte sie sich als Festrednerin an. Und plötzlich wurden eilig Fußwege betoniert und Bordsteine gelegt, und auf die, sagte unsere alte Nachbarin immer, hätte man normalerweise zehn Jahre warten müssen, wäre eben nicht Margot Honecker gekommen, und nun müsse man diesem Drachen auch noch fast dankbar sein. Bei ihr, also bei unserer Nachbarin – sie wohnte direkt gegenüber unserer Wohnung –, bekamen wir warme Milch und weiche Kekse, wenn wir wieder den Schlüssel vergessen hatten. Sie hatte richtig lange Haare, was ziemlich besonders war. Grau-schwarz, in einem Haarnetz zusammengebunden, und wenn die Sonne drauf fiel, schimmerten sie wie Silber. Klein und zart war sie, ihre Knochen knackten, sie stöhnte oft, wirkte sonst aber munter. Ihre Worte hatten immer einen metallenen Klang. Sie sprach dialektfrei und streng in einem sehr deutlichen Deutsch. Angeblich war sie einmal Sängerin gewesen. Die schweren, dunklen Gardinen und der dicke Perserteppich machten aus ihrem Wohnzimmer eine Art schalldichter Plüschpuppenstube. Darin trank sie ihren Tee so, als habe jemand es ihr befohlen. Sie: »Ihr Süßen, ich bin 86 Jahre alt und höre schlecht, bitte schreit nicht so rum, sonst werde ich wirklich noch taub.« Meine Schwester: »Sie sind 86 Jahre alt? Echt? Sie sehen gar nicht so aus. Höchstens wie 83.« Sie schlurfte ans Fenster und zog ein braunes, blumiges Tuch von einem nach oben spitz zulaufenden, goldenen Käfig, öffnete das Türchen, worauf der gelbe Kanarienvogel sogleich in Panik geriet und wild im Käfig herumflatterte. »Dann warst du ja auch im Krieg? Oder?« Sie nahm ein Döschen aus dem Käfig und füllte Körner hinein. Ihre spitze Nase zuckte. »Ach was. Krieg, ihr wisst doch gar nicht, was das ist.« – »Doch«, sagten wir beide gleichzeitig, »Krieg ist nicht gut.« Sie sagte nichts mehr, nur der Kanarienvogel begann mit seinem Gezwitscher. Als sie starb, landete auch der Käfig im Müll.

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, fällt mir ein, dass sie eine von ganz wenigen alten Leuten war. Eigentlich gab es hier keine alten Leute, außer einem Mann im Rollstuhl, und der war gar nicht alt, der sah nur alt aus, weil er im Rollstuhl saß, glaube ich. Aber man zog ja in unser Viertel, um modern zu sein, und wenn man mich fragt: Alte Leute sind selten modern. Das wäre ja auch unheimlich, wenn sie modern wären, dann gäbe es dort keine Kekse und keine Geschichten. Unsere Nachbarin erzählte zum Beispiel, und das ist schon eine echt gute Geschichte, dass unser Block von russischen Panzern gebaut worden ist, in denen russische Soldaten saßen, die dafür, dass sie mit den Panzern Häuser bauten, zwei Flaschen Schnaps bekamen. Und wer kann von seinem Haus schon behaupten, es sei von russischen Panzern gebaut wurden. Direkt neben unserem halbrunden Block führte ein schmaler Weg durch Gestrüpp in eine Kleingartensiedlung, die jeder nur »Das Paradies« nannte. Im Paradies rauchten wir unsere ersten Zigaretten und Joints, nahmen die ersten psychedelischen Pilze, wurden verprügelt und gejagt, die meiste Zeit haben wir uns dort versteckt. Im Paradies haben wir gegrillt. Im Paradies brannten später alte Trabanten aus. Im Paradies hat man die Platten nur vage durch die Baumwipfel gesehen. Im Paradies wurden Anfang der Neunzigerjahre stillgelegte Bahngleise für den ICE München–Berlin wieder in Betrieb genommen. Es war der goldene Zug Richtung Westen. Wir bewunderten die glatten, rot-weißen neuen Züge. Sie waren mit Sicherheit schneller als die Traktoren, die meine Mutter übers Feld gejagt hatte und über die sie nicht müde wurde zu erzählen. Sie erzählte, wie schnell und sauber und besonders modern die Technik der DDR gewesen sei. Doch das war etwas anderes. Hier rauschten Weltraumkörper auf einer kleinen Anhöhe, gesäumt von ein paar Wacholderbüschen gegen den Lärm, an unserem Viertel vorbei. Wir wären gern mitgefahren.

Bevor man zum Ausgang der Siedlung kam, wo der Schaffner seine Harke hob, musste man quer durch die ganze Siedlung, vorbei an vier großen Plattenbaureihen laufen, die so dicht beieinander standen, als frören sie. Zwei kurze Reihen standen quer, zwei längere mit zwölf Eingängen und drei Etagen schlossen die kleine Siedlung wie riesige Mauern ab, jede Wohnung mit einem Balkon, einige mit Blumentöpfen, alle mit den gleichen Blumentöpfen, in denen im Sommer überall die gleichen Blumen blühten. Klein und gedrungen wackelten sie im Wind. Ich erinnere mich, wie einige Jahre zuvor an einem bestimmten Tag sehr viele Fahnen vor die Fenster gehängt wurden. Tag der Gründung der DDR vermutlich. In diesen Tagen, im Februar, verhedderte sich nur noch eine Fahne des untergegangenen Staates vor dem Fenster unserer Nachbarin, die gerade gestorben war, was wir allerdings erst einige Tage später merkten. Als wir es merken, müssen meine Schwester und ich hinter verschlossener Wohnungstür ausharren, bis der Krankenwagen die Leiche weggefahren hat, und ich frage meine Mutter, wohin unsere Nachbarin jetzt kommt. »Sie kommt ins Grab, sie ist tot.«

»Wie ist es, wenn man tot ist?«
»Dann ist man ganz einfach nicht mehr da.«
»Kommt man in eine andere Welt?«
»Nein, da kommt man nirgendwohin.«
»Ist es so, als würde man träumen?«
»Es ist nichts.«
»Schwarz?«
»Ja, schwarz.«
Statt der DDR-Fahnen jedenfalls hingen jetzt lustige kleine Blumentöpfe an den Balkonen, und die Gardinen hinter den Fenstern wurden immer bunter. Keine lauten Gelage an den Kellertreppen hinter dem Haus, keine Rufe, kein Lachen und kein unendlich lange anhaltendes Geraune in der Nacht, was so nervte und so schön war. Es zogen, wenn es Sommer wurde, am Abend von den Balkonen nur Grillgeruch und leise Schluck geräusche durch die Luft.

Ich war spät dran auf dem Weg zur Schule, blieb trotzdem beim Bahnhofswärter für einen Moment stehen und sah zu, wie er grimmig die Harke hob, während ich mir wünschte, dass die Schule einfach verschwinden würde oder abbrennen oder unwiederbringlich zerstört worden sei durch ein Erdbeben. Was für eine Befreiung das wäre! Aber das würde niemals geschehen. Die Schule wird leider niemals abbrennen, es wird sie ewig geben und Lehrer auch und die sind immer alt und sterben trotzdem niemals. Ich schlurfte weiter.

Mittlerweile war ein Haufen Zäune um alles Mögliche gezogen worden. Besitz wurde mit Maschendraht angezeigt. An einer Stelle wurden drei Nadelbäume eingezäunt. »Zum Schutz«, sagte der Mann in der ABM, »damit du da nicht reinlatschst, Kind«, sagte der Bahnhofswärter, die Harke schwingend. Außer den Kindergärtnerinnen, waren viele ihren Job los und standen auf der Straße herum. Wer als ABM-ler arbeitete, pflegte fortan die Blumenbeete. Es waren so viele ABM-Leute unterwegs, dass schon bald unser Viertel von Stiefmütterchen überwuchert war. Neben jedem Bordstein ein Blumenbeet, extrem gut gepflegt. Andere begannen zu saufen. Ich erinnere mich an Stefan Meyer, einen fetten Bauarbeiter, der mit drei Kindern – das vierte war noch nicht geboren – zwei Hauseingänge weiter wohnte, aber der wohnte da eigentlich kaum, sondern soff im Getränkemarkt und lag dann nachts vor unserer Tür, weil er glaubte, hier zu wohnen, was aber nicht der Fall war. Mein Vater half ihm die ersten Male nach Hause, er stützte ihn und schob und verschwand dabei beinahe in dem Fett des Mannes. Später öffnete er die Tür nicht mehr, sondern wartete, bis Stefan Meyer, der gerade unseren Absatz vollgekotzt hatte, die drei Etagen allein wieder nach unten und auf die Straße gekrochen war. Er vergaß nie, einmal noch ins Treppenhaus zu kotzen. Jemand hatte es am Morgen meist etwas lieblos aufgewischt. Und es roch dann nach einer Mischung aus Spülmittel und Kotze. Und manchmal lag Stefan Meyer noch am Morgen da, neben unseren kleinen Schuhen mit den praktischen Klettverschlüssen, weil mit drei Kindern alles schnell gehen musste. Während wir uns dann leise die Schuhe anzogen, hob und senkte sich sein gewaltiger Bauch. Er sah sehr schlecht aus. In seiner Latzhose lag er da, im Gesicht so blass, mit verdrehtem, eingeknicktem Hals quer auf den kalten Stufen, die aussahen, als wollte jemand Dreck imitieren, aber unsere Nachbarin behauptete, man habe hier auf amüsante Weise Marmor imitieren wollen.

Wir wohnten im längsten Block, der das Viertel vom Feld trennte. Aus unserem Kinderzimmer konnten wir weit über diese Felder schauen und am Abend die Sonne hinter geduckten Hügeln untergehen sehen. Wir sahen, wie sich die Landstraße über die Erde legte, wie sie sich schlängelte, als habe sie es besonders eilig, davonzukommen. Wir dachten, wir könnten die Erdkrümmung erkennen. Stundenlang saßen meine Schwester und ich am Fenster, an unseren Kirschfurnierschreibtischen, und überlegten, an welchem Punkt es nach unten ging, wo die Welt wohl abknickte. Vom Küchenfenster aus, auf der anderen Seite der Wohnung, schauten wir auf den nächsten Block, ein Ausblick wie auf einen Adventskalender, nur für das ganze Jahr, und auf die Klärgrube. Daneben befanden sich eine schaukellose Schaukel und ein Sandkasten in L-Form. Er war ganz neu. Neues Land, neuer Sandkasten. Leider fehlte noch der Sand, und so gruben wir in schleimigem Torf herum. Besser als nichts. Vorher hatte an dieser Stelle nur ein alter Traktorreifen gelegen, in dessen Gummirundungen die Spinnen und Mäuse im Kreis rannten.

Die Leute im Viertel sind Klempner, Elektriker, Heizungswärter, Verkäufer, Kindergärtner und ein paar windige Typen, von denen niemand weiß, was sie tun. Eine Revolution gab es hier nicht. Gründe gab es weder dafür noch dagegen. Man war hier tendenziell eher gegen alles. Einige behaupten, »die Schnauze voll« zu haben oder »nicht mehr durchzublicken«. Es war, als vibriere ein ständiges Murren durch die Wände.

Das habe ich auch nicht verstanden. Es war doch ganz einfach. Ich bekam doch ein neues Mountainbike und plötzlich die Aussicht, nach Disneyland zu kommen. Was war daran schlecht? Mauerfall war etwas Wunderbares, und ich war mir sicher, dass wunderbare Dinge geschehen würden. Es hatte gut begonnen, damit, dass unsere ziemlich reiche Tante Sibylle mir ein schönes rotes Mountainbike schenkte, mit dem ich tagelang durch das Viertel fuhr: zum Schaffner und durch die Kleingartensiedlung, an den riesigen Plattenhäusern entlang, vorbei an den Eingängen, die alle gleich aussahen, so dass ich manchmal im Fahren den Eindruck hatte, ich würde kein Stück vorwärtskommen, weil da schon wieder die gleiche Treppe, das gleiche Geländer, der gleiche Busch war. Dann fuhr ich mit dem Mountainbike aus dem Viertel heraus, man musste gut aufpassen, weil um uns herum alle Straßen aufgerissen wurden, die sich nun wie tiefe, sehr tiefe, ausgetrocknete Flussbetten durch die Landschaft fraßen. Mich hat das immer an Festungsgräben erinnert, und das fand ich toll, weil wir folglich sicher waren und beispielsweise keine Panzer oder so was angreifen konnten. Ich schlängelte mich auf einem schmalen Gehweg ganz nah an der Bauschlucht vorbei. Ich sah drei Arbeiter, die unten irgendwas mit Schaufeln machten, fragte mich, ob sie die Schlucht selbst gegraben hatten, konnte nicht glauben, dass sie diese sicher ein Meter tiefe Schlucht mit ihren Schaufeln gebuddelt hatten. »Wie unmöglich«, dachte ich und war ganz auf diesen Gedanken konzentriert, da rutschte ich mit dem Vorderrad wie eine Klippe hinunter und stürzte mit dem Mountainbike einen Meter tief in die Schlucht. Ich war tot. Dachte ich. Tot mit einem roten Mountainbike – es war der schönste Tod meines Lebens. Als mich die drei Arbeiter aufhoben und ich die Augen öffnete, schaute ich in total entsetzte und besorgte Gesichter. »Sollen wir einen Arzt rufen?« – »Nein, nein, geht schon«, sagte ich und nahm mir vor, jeden Schmerzensschrei zu unterdrücken und jetzt wirklich sehr stark zu sein und bestimmt nicht zu weinen. Denn es war schon doof genug, mit einem Mountainbike hier reinzufallen, und das hatte wahrscheinlich ziemlich bescheuert ausgesehen. Und die dachten bestimmt: Typisch Mädchen, die flennt sicher gleich. Ich hatte wahnsinnige Kopfschmerzen und schob das Mountainbike hinter die nächste Kurve, wo ich unbedingt weinen musste, sonst wäre ich geplatzt.

Zu Hause war mein Vater schon lange krank. Erst bekam er Mumps, dann eine Lungenentzündung, dann eine Hirnhautentzündung, ein Nierenleiden und dann Depressionen. Er ließ sich von einer Rotlichtlampe bescheinen, während er mit dem neuen Videorekorder alle möglichen Filme aufnahm. Das Haus verließ er nicht mehr, las keine Zeitungen, schaute sich nur noch im Fernsehen Western an. Nachbarn, Lehrer oder Freunde wunderten sich später immer wieder, wenn ein Hinweis auf einen Vater auftauchte. Eine Lehrerin rief sogar bei uns an, um herauszufinden, ob die seltsam unleserliche Unterschrift unter der Vier in einem Deutschaufsatz nicht vielleicht doch von mir käme. Wenn das Telefon klingelte, erschraken alle und niemand ging ran, es sei denn, mein Vater erlaubte es. Das Telefon hatten wir vor ein paar Jahren bekommen. Nagelneu stand es da, mit einer tollen Nummer, die wir aber unter Androhung der für ein Kind schlimmsten vorstellbaren Strafe nicht herausgeben durften, nämlich der, niemals nach Disneyland Paris fahren zu dürfen. Das Verbot hatte ich nach zwei Tagen vergessen und schrieb in der Grundschule die Nummer auf ein paar Zettel. Am gleichen Tag, nachmittags, klingelte das Telefon. Alle erschraken. Es klingelte zum zweiten Mal. Dann nahm mein Vater vorsichtig den Hörer vom Telefon.

»Ja, bitte? … Wer ist denn da? Wer? Nein, wir wollen an keinem Gewinnspiel teilnehmen. Um welches Gewinnspiel geht es denn? … Ein Auto und fünf weitere Hauptgewinne? Ein Auto haben wir schon. Woher haben Sie diese Nummer? … Eine computergenerierte Zufallsnummer? Wie soll das denn gehen? Mit einem Computer? Das haben Sie schon gesagt. Ach, das wissen Sie nicht? Und wo steht der Computer, der Zufallsnummern generiert? Das wissen Sie auch nicht. Löschen Sie die Zufallsnummern auch wieder? Von welcher Firma? Wie bitte?«

Am anderen Ende hatte man aufgelegt. Mein Vater schwitzte und zog das Telefonkabel aus der Wand. Weshalb der Anschluss für ein paar Wochen tot war. Später wählten meine Schwester und ich, wenn sonst niemand zu Hause war, Zufallsnummern und warteten, ob jemand abnehmen würde. Wir wählten Auslandszufallsnummern, hörten manchmal tatsächlich eine fremde Sprache und legten sofort wieder auf. Rückblickend sicher Unsinn, aber wie alle unsinnigen Ideen machte es Spaß. Wir bestellten später über dieses Tele fon 50 Pizzas für die Nachbarn und warteten am Fenster, ob unsere Bestellung wirklich geliefert werden würde. Auch Taxis bestellten wir gern und häufig für Leute, die wir nicht mochten, was dazu führte, dass die Taxizentrale kein Auto mehr schicken wollte. Wobei natürlich hier niemand ernsthaft auf die Idee gekommen wäre, ein Taxi zu bestellen, das war so abwegig wie Kaviar oder Cocktails oder echtes Leder.

Draußen roch es nach Weichspüler. Eine Frau aus unserem Block hängte Wäsche auf und redete mit einer anderen Frau, die weiße Unterhemden an die grünen Leinen klemmte. Sie lachten. »Na, wenigstens keine so harten Handtücher mehr wie früher, die musste man mit einer Säge von der Leine schneiden.« Es stank jetzt auch noch im Herbst nach Bergfrühling.

Ich habe das nie verstanden, wie man so naiv sein kann zu glauben, dass man glücklicher werden würde, nur weil es Weichspüler für alle gibt. Aber unser Bürgermeister wollte unserem Plattenbauviertel bald neuen Glanz verleihen. Das Viertel war ihm peinlich, schon zeichne sich hier ein Problembezirk ab, das sei nicht gut, denn man brauche Touristen. Über viele Jahre hatten sich einige Schlaglöcher in die Wege gebohrt, wie kleine Bombenkrater sprenkelten sie die großen, dicken Betonplatten der schmalen Straßen. Um 1995 herum kam also die erste große Veränderung, die uns glücklich machen sollte. Die Schlaglöcher wurden ausgebessert. An diesem Morgen, als ich den Bahnhofswärter schon von einiger Entfernung den Garten mit der Harke durchkämmen sah, in Gedanken versunken, trat ich in die erste, noch schlickhafte Masse weißen Betons. Wie in Treibsand sickerten meine Füße hinein. Was Beton war, wusste ich nicht. In meinen Comics gab es Moore und Treibsand, und ich hielt diese Masse wohl für Treibsand, weshalb ich die Füße einen nach dem anderen aus der glucksenden, zähen Masse herauszog, indem ich mich sofort auf den Boden legte, und sie dann nicht besonders gründlich am Bordstein abstrich. In der Schule begrüßten mich schon andere mit ebenfalls betonverklebten Schuhen. Ein zartes, kleines Mädchen hatte sogar bis zu den Waden im Beton gesteckt. Ich fragte mich, wo sich wohl das so tiefe Loch befand.

Wir lachten uns gegenseitig aus, lachten darüber, wie bescheuert der andere war, verglichen, wer mehr Beton an den Waden hatte, wer ihn schon ins Gesicht und in die Haare geschmiert hatte, überlegten, ob man deshalb jetzt Ärger bekommen würde, und diskutierten lange über das beste Rettungsprogramm, wenn man im Treibsand steckt, bis nach und nach der Schlamm an den Füßen hart und schwer wurde. Jeder Kieselstein, auf den wir traten, jede Art von Dreck drückte sich in unsere Klumpfüße hinein und blieb stecken. Das Gehen fiel allen bald sehr schwer.

Die Fortschritte der Bauarbeiten konnten wir immer an uns selbst ablesen. Wurde eine Straße aufgerissen, um neue Rohre zu verlegen, fielen mindestens zwei Kinder in die Straßengräben. Zuletzt kam schwarzer Teer auf die Straßen. Riesige Walzmaschinen rollten über die dampfenden Straßen. Für diesen Teer, der lange heiß und ätzend in der Luft hing und sich oft auch auf unsere Haut legte, hatte sich immerhin eine Art Hausrezept finden lassen. Wir wurden von oben bis unten mit Butter eingerieben. Manche als Präventivmaßnahme, schon bevor sie mit Teer überhaupt in Berührung kamen. Die Fußabdrücke im Beton sind nicht ausgebessert worden. Man sieht sie vor dem Supermarkt, auf Gehwegen und Parkplätzen, versteinert wie Spuren von Dinosauriern.

Vor dem Eingang des Supermarktes blinzelt meine Mutter in die Februarsonne, kalte Schlagermusik kommt aus Boxen, Luftballons mit dem Supermarktnamen darauf. Sie wirkt etwas verloren. Dabei ist unser Einkauf doch so toll gelaufen, wir haben so viel gekauft, dass wir noch eine Plastikkiste kaufen mussten, um alles nach Hause schleppen zu können. Und ich denke immer noch an das Süßigkeitenregal, als ich Lucian sehe.

Lucian steht mit seiner Mutter vor einer Würstchenbude. Sie hat einen Plastikbecher in der Hand und müde, glasige Augen. Sie lacht und drückt mich fest. Sie riecht, wie Stefan Meyer nachts riecht. Auch Lucian steckt im Indianerkostüm. Ich beneide ihn sofort um seine roten und gelben Federn und ärgere mich, dass mir niemand so was kauft. Er erzählt, dass letzte Nacht ein großer LKW aus einer Kurve geflogen und mitten in das Bordell im Nachbardorf hineingefahren ist. Wir lachen. Das ganze Haus ist eingestürzt? Nein, nur die Hälfte. Wir lachen. Ich stelle mir vor, wie es aussieht, wenn ein LKW die Hälfte eines Hauses über den Haufen fährt und man nun in die stehengebliebene Hälfte des Hauses hineinschauen kann wie in ein Puppenhaus, stelle mir vor, dass jemand im Nachthemd aus dem Bett steigt, geweckt vom Lärm, weil das Haus einstürzt. Das Dorf heißt Dasdorf und ich will ihn noch fragen, was im Bordell so eigentlich passiert, und erinnere mich, dass wir da nebenan in der Scheune die Bananen am Hintereingang abgeholt haben, und frage mich, ob das die gleichen Leute betreiben, und denke, dass die Hauptstraße doch viel zu klein ist für einen LKW. Es dämmert, als ein Junge mit schmutziger Nase, der Sohn von Stefan Meyer, der, seit er fünf Jahre alt ist, nicht mehr wächst, aus irgendwelchen Büschen herausgelaufen kommt und sagt, dass ein Zermatschter auf den Gleisen liegt. Polizei. Krankenwagen. Alle da. Stefan Meyer steht da und guckt, als hätte sein Sohn eine Bank überfallen, und schnauzt ihn vor versammelter Mannschaft an, was das denn für eine beschissene Nachricht ist. Der Junge sagt, dass das wohl der Florian sei, weil der ja immer den Häuptling macht und die bunte Kopfbedeckung da oben liegt. Wir dürfen nicht hochlaufen. Wir dürfen nichts. Höchstens uns fragen, ob das wahr ist. Wir treffen uns im Indianerkostüm an der Bushaltestelle. Wir überlegen, ob das alles möglich ist. Ich informiere die anderen darüber, dass Florian womöglich in einem schwarzen Land ist. Wir diskutieren die Geschichte, als wäre sie verhandelbar.

Das war Freitag. Und am Freitag hat sich Florian, schon 14 Jahre alt, mit einem Kissen auf die Gleise gelegt, damit sein Kopf nicht so hart liegt, und hat dann seinen Arm festgebunden. Und als der ICE Richtung München drüberfuhr, zerplatzte das Kissen und die Federn flogen in das Paradies herein.

2. Mütter

Das Arbeitsamt ist unordentlich. Und voll. In dem langen, grauen Gang gibt es drei Stühle, auf denen drei alte Damen sitzen. Der Rest lümmelt auf dem Boden, dicht beieinander, links und rechts an die Wand gelehnt. Wenn eine Mitarbeiterin mit einem großen Aktenstapel aus einer der Türen kommt, an ihnen vorbeiläuft, ziehen sie die Beine ein, ab und an rutscht sich einer in eine gerade Position. Meine Mutter stöhnt. Sie nimmt die schmale Schneise zwischen den Wartenden, die fremden Beine ziehen sich mit jedem Schritt meiner Mutter ein. Ich schaue nicht zur Seite. Höchstens ein bisschen. »Hallo«, sagt meine Mutter zu einer dicken Frau, »hallo«, sagt sie, »na, na.«

Die Frau hat einen Stapel T-Shirts unter dem Arm. Auf dem obersten prangt Micky Maus. »Da hatte ich es endlich geschafft, an die Bügelmotive zu kommen, habe 150 T-Shirts mit Goofy und Micky Maus bebügelt und drei Wochen später kommt die Wende. Und jetzt kann jeder solche T-Shirts in der Kaufhalle kaufen. Nicht nur das. Jetzt heißt es, es sei illegal, Kopien zu machen.« Die Frau schüttelt den Kopf, meine Mutter klopft ihr auf die Schulter und dann an die Tür.

»Herein.«
Wüstes Büro. »So, Frau Hünniger, Sie kommen ja pünktlich. Akte ist auch schon da. So, dann woll’n wir mal sehen.« Genaues Blättern. »Oho, eine Frau Doktor sogar, na, das tragen wir gleich mal in der Qualifikation nach. So.« Sie kritzelt. Im Regal dudelt ein Radio. »Lambada« läuft. Die Frau summt ein bisschen mit.

»Was haben Sie gerade im Angebot?«, fragt meine Mutter. »Was haben wir im Angebot. Nun, als Erstes könnten Sie eine Umschulung machen. Das wäre dann sogar hier in Weimar. Da müssen Sie der Kinder wegen nicht weg. Gibt ja jetzt überall neue Institute, wo man was lernen kann. Kostet natürlich teilweise was extra. Wir hätten hier einen neuen Bildungsträger in der Agraringenieurschule, die wird ja jetzt abgewickelt, da wird man jetzt umgeschult. Umgang mit Standardsoftware und Tabellen, was für Leitungspersonal aus der Landwirtschaft, steht hier.«

»Ja, hört sich gut an.«
»Danach können Sie eine ABM-Stelle haben, in der Stadtverwaltung. Da müsste das Volkseigentum zurückgeführt werden in die Gemeinde oder an die ehemaligen Eigentümer. Dazu gehört Recherche, und Sie müssen den Angestellten den Umgang mit der Software beibringen, also was Sie in der Umschulung gelernt haben.«
»Ja, hört sich gut an.«
»Sie können aber auch hier im Arbeitsamt anfangen. Wir sind vollkommen überlastet.«
»Nein, danke, das hört sich nicht gut an.«
»Na dann, schade, auf Wiedersehen.«
Und zu mir: »Pass schön auf deine Mutter auf.«
Draußen ist die Schlange an der Wand noch länger geworden. Sieht aus wie ein Tausendfüßler. Ich habe das Gefühl, mich bei meiner Mutter für etwas entschuldigen zu müssen. Und das Gefühl bin ich lange nicht mehr losgeworden. Mir tat irgendwas leid. Was war hier eigentlich los? Die Routine, mit der wir seit einer Weile verschiedene Ämter besuchten, war wie der Rest einer geordneten, heilen Welt.
Wie viel Lebenszeit wir in Arbeitsämtern, Autohäusern, Möbel märkten, in Umschulungsräumen und im Wartebereich der Bank verbracht haben, weiß ich nicht, aber sie bilden die deutlichsten Erinnerungen.

Die Frau mit den T-Shirts schenkt mir im Vorbeigehen eins mit Micky Maus. »Sei froh, dass du noch ein Kind bist«, sagt sie. Und das klingt, als gäbe es etwas, das man besser nicht wissen sollte. Als solle man froh sein, von nichts eine Ahnung zu haben oder nicht Auto fahren zu können. Und da will man sich auch gleich entschuldigen für etwas, von dem man noch nichts weiß. Es gibt unzählige Dinge, die man nicht weiß, zum Beispiel ob ein Regenwurm weiterlebt, wenn man ihn in zwei Teile schneidet, wie eine Katze den Sprung von einer Mauer unbeschadet überleben kann oder wie Eiscreme hergestellt wird. Man weiß, dass man es nicht weiß, das ist nicht schlimm. Man kann ja jemanden fragen, wie das geht. Schwieriger ist es, wenn man nicht weiß, was man nicht weiß.

Apropos Auto. Auf dem Heimweg stehen wir plötzlich im Stau, eingezwängt zwischen etwas schrottig aussehenden Autos, die weder Trabi noch Wartburg sind, aber dafür bunt und ein bisschen rostig. Sie haben ein rotes Nummernschild und so weit ich das überblicken kann, ist die Straße bis hinten zur Tankstelle auf beiden Fahrspuren wie von einer Blech lawine verschüttet. Neben der Tankstelle hat jemand ein paar Fähnchen aufgehängt und die heranfahrenden Autos parken dort und bekommen ein Preisschild. Meine Mutter liebt Autos. Sie weiß über einen Sechszylindermotor mehr als die meisten, die einen haben. Wir schauen uns also gleich ein paar der Autos an.

Zu Hause macht sich meine Mutter einen Wermut mit Eis. Eis ist etwas sehr Wichtiges geworden. Und die Eiswürfelproduktion wird in der neuen Gefriertruhe ungeheuer liebevoll vorangetrieben. Wenn es an etwas nicht mangelt, dann sind es Eiswürfel. Eiswürfel im Wermut, in der Limonade, im Wein. Es ist herrlich. Es ist wie in amerikanischen Serien und Western, in denen die reichen, so gepflegt aussehenden Leute immer Eis in ihre Drinks fallen lassen. Obwohl wir das eigentlich gar nicht wollen, benehmen wir uns in dieser Hinsicht wie richtige Amerikaner. Oder so, wie ich mir einen Amerikaner vorstelle: einer, der immer Eiswürfel hat, einen Hut, ein Lasso und Kaugummis.

Es ist Wochen her, dass mein Vater zuletzt mit mir gesprochen hat. Er ist schon lange so etwas wie ein Weiser, der Dinge murmelt, kaum in ganze Sätze verpackt, die man nicht versteht, die klingen wie Wahrheiten. So etwas wie: »Wirst schon sehen!« oder »Die Vögel fliegen tief«, und das heißt dann etwas. So wie ein Horoskop.

Jetzt sitzt er auf dem Sofa, verlässt das Sofa nie, sitzt tagsüber auf dem Sofa, isst auf dem Sofa, schläft manchmal auf dem Sofa, während der Fernseher bis spät in der Nacht läuft. Das Licht einer Rotlichtlampe scheint auf sein rechtes Ohr, er hat eine Hirnhautentzündung oder noch Mumps, ich weiß nicht mehr genau. Während er seine Tage auf dem Sofa verbringt, schwimmen hinter ihm kleine Fischchen in einem kleinen Aquarium, und wenn ich die Fische füttere, rieselt das Futter langsam, wie Staub, auf den Kopf meines Vaters.

Das geht schon lange so, Wochen, Monate, ich habe nicht mitgezählt, das geht so, seit ich mit meiner Mutter und meinem Bruder vor dem Fernseher saß und zugeguckt habe, wie dort im Fernsehen Menschen in Trabis und wirren Frisuren über die Grenze gefahren sind. Meine Mutter war die ganze Zeit still, murmelte nur manchmal, sie sei gespannt, wie es weitergeht. Aber die Sendung lief schon den ganzen Nachmittag. Ich saß zu Hause, weil meine Eltern mich aus dem Kindergarten herausgenommen hatten, weil ich dort eine Geschichte erzählt hatte, die meine Eltern leider nicht mochten. Wir mussten uns im Kindergarten im großen Schlafsaal alle in einen Kreis setzen, 15 Fünfjährige ungefähr und eine Kindergärtnerin, nämlich Tante Beate, und die fragte jeden: »Und was macht denn dein Papa?« – »Zu meinem Papa fällt mir nichts ein«, sagte ich, und Tante Beate schaute mich merkwürdig an. »Ich glaube, er war mal Soldat und …« Wenn ich schon nicht wusste, was mein Vater eigentlich machte, denn er war weder Maurer noch Bäcker noch Fabrikarbeiter, er machte etwas auf einem Feld und am Computer, und das habe ich überhaupt nicht verstanden. Aber wenn man nichts weiß, muss man sich etwas einfallen lassen, was alle von den Sitzen reißt: »… und fährt einen VW.« Punkt. Tante Beate hat große Augen gemacht und ich dachte: »Toll gemacht«, und habe auf die Bewunderung gewartet. »Bist du dir sicher, dass ihr einen VW habt?«

»Ja«, sagte ich, »ganz neu, steht noch in der Garage, hat noch niemand gesehen.« Das hatte ich mir gut ausgedacht. Denn Tante Beate wohnte ja auch in der Siedlung, und die hatten eine Garage nicht weit von unserer, und da musste man dran denken, wenn man behauptete, dass wir ein neues Auto hätten. »Ich glaube nicht, dass sich dein Vater einen VW kaufen würde.« Das glaubte ich aber schon. Und als ich nach Hause ging, fragte ich meinen Vater, ob wir uns schnell einen VW kaufen könnten, weil ich heute im Kindergarten gesagt hätte, dass wir einen haben. Mein Vater ruft meine Mutter. »Karin?« – »Peter?« – »Karin, deine Tochter erzählt, dass wir einen VW haben.« Dann nahm er mich zu seinem Globus, der auf einem Regal stand, und zeigte mir unser Land. »Das sind wir, das ist die DDR, Deutsche Demokratische Republik. Hier gibt es keine VWs.« Sie war ganz klein. »Und was ist das?« – »Das ist die BRD, Bundesrepublik Deutschland. Da gibt es VWs und Demokratie, die ist aber keine, da wird man vom Kapital regiert.« Das habe ich überhaupt nicht verstanden, aber so getan, als hätte ich es verstanden, und genickt.

»Sprechen die auch deutsch?«
»Ja.«
»Und warum heißen die dann anders?«
»Weil es ein anderes Land ist.«
»Warum?«
»Das ist wie das Verhältnis zwischen dir und deiner

Schwester. Nicht einfach.«
Ich verstand.
»Zwischen den zwei Ländern steht eine große Mauer.« »Warum?«
»Damit die Bürger der BRD hier nicht reinkommen.« »Schade.«
»Überhaupt nicht schade! Und jetzt räum eure Räuberhöhle auf.«
Vielleicht war es an dem Tag oder an einem Tag später oder eine Woche später, als ich mit meiner Mutter in den Konsum ging, der ein Stück die Straße runter war, an einem Platz mit großen Betonplatten, nicht weit von der Klärgrube entfernt. Da tuschelten zwei Frauen hinter dem einen Regal, das es in dem Laden gab, und fragten meine Mutter, als sie wie zufällig um die Ecke bogen, ob alles so weit gut laufe. Ja, schön, da könne man sich ja auch ein Auto leisten bei den guten Verhältnissen von so manchem, da freue man sich allgemein, wenn es anderen auch mal gut gehe, wo wiederum andere ja selbst für Obst anstehen müssten, während der eine oder andere – sie schienen mir etwas durcheinanderzubringen – tatsächlich doch schon einen Westschlitten fahre. Und da sagte meine Mutter nur, dass es kein neues Auto gebe, und entfernte sich mit dem Kinderwagen und einem sozialistischen Gruß. Und wir gingen raus, und meine Mutter guckte auf die Betonplatten und sagte, dass ich zu alt sei für den Kindergarten.

Deshalb saß ich zu Hause, als die Mauer fiel, und spielte mit meinen Murmeln. Es war schon dunkel und ich hatte meinen Schlafanzug angezogen. Meine Mutter guckte fern, und mein Bruder saß auf ihrem Schoss. Er war erst im Frühling geboren und noch so klein, dass ich über ihn vorerst nur sagen kann: Er zog mich an den Haaren. Der Mann im Fernsehen saß an einem Schreibtisch und sagte, dass ab sofort jeder reisen dürfe. Sie wechselte den Sender, und da lief das Gleiche noch einmal. Nicht, dass ich mich gelangweilt hätte. Aber ich ging in die Küche und guckte von dort aus dem Fenster auf die Klärgrube und die Wiese, und unten auf der Straße sammelten sich ziemlich viele Menschen.

»Rote Socken raus«, brüllte dann einer. Ich machte das Fenster auf, steckte den Kopf raus und winkte zu ihnen runter, und dann drehten sich viele Gesichter zu mir nach oben, und sie brüllten, dass rote Socken jetzt rausmüssten und dass die Mauer auch wegmuss. Auf einigen Balkonen schlurften Menschen, die man bisher nur in Straßenkleidung gekannt hatte, in Pyjamas und Pantoffeln und mit eingedrehten Haaren bis zum Geländer. Auch sie beugten sich herunter, um zu schauen, was los war.

»Was ist eine rote Socke?«, fragte ich meine Mutter, die, kaum dass sie das Fensterknarren gehört hatte, blitzschnell in die Küche kam. Dann guckte auch sie aus dem Fenster.

»Sind die betrunken?«, fragte sie.
»Was sind rote Socken?«
»Ich denke, die kommen gerade erst aus der Fabrik.« »Oh, Fabrik!«, sagte ich, als wäre jetzt alles klar, und

stellte mir die Fabrik vor wie unsere Wohnung: Die Waschmaschine läuft, der Trockner rumpelt. Papa kommt mit Kohlen aus dem Keller, während die Suppe auf dem Herd überkocht, Mama bügelt rote Socken, hört Radio, meine Schwester und ich hüpfen über den Teppich, einer fällt dann immer und knallt mit dem Kopf gegen den Wandschrank oder die Tischkante oder gegen einen der 20 Pflanzentöpfe, die aus dem Wohnzimmer so eine Art Wald machen, und heult dann, und das ist so eine richtig schöne Fabrik, unsere Fabrik mit roten Socken.

Meine Eltern gingen aber sonst in keine Fabrik. Sie hatten ein Institut und gossen dort Pflanzen, befühlten ihre Blätter im Gewächshaus, notierten sich auf ihren Feldern etwas in ein Formular. Wenn sie daraus eine bestimmte Erkenntnis gewonnen hatten, wurde diese allen landwirtschaftlichen Betrieben in der Nähe mitgeteilt. Ich saß oft auf dem Acker und atmete den Geruch der kühlen Erde ein. Im Sommer, wenn das Korn auf den Feldern schon gelb und trocken geworden war, rannten meine Schwester und ich in die Felder und versteckten uns zwischen den Halmen. Bis meine Mutter mit dem Mähdrescher kam. Meine Mutter fuhr diesen Mähdrescher, und ihr von der Sonne braungebranntes Gesicht strahlte dabei. Ihr rollte auf dem Feld ein Lastwagen hinterher, und der Mann brüllte ihr immer zu, dass sie endlich geradeaus fahren solle. Sie war sehr gründlich, sehr konzentriert, und man konnte durch die Sonnenbrille nicht immer erkennen, ob sie uns sehen konnte, aber dann pfiff sie nach uns, und wir rannten zu ihr, und dann brüllte sie etwas vom Mähdrescher herunter, weil sie fast taub vom Lärm war, und wischte sich mit einem zerrissenen Lappen den Schweiß aus dem Gesicht und lachte. Sie sah aus wie ein Filmstar. Ein Filmstar, der Mähdrescher fährt. Am Abend roch sie nach Benzin und Seife. Vielleicht wäre das ein guter Moment gewesen, alles anzuhalten.

Man sprach sie mit »Frau Doktor« an und ich dachte, alle, die einen Mähdrescher führen, hießen Frau oder Herr Doktor, und ich habe dann auch alle anderen mit Herr oder Frau Doktor angesprochen, auch noch viel später, als ganz andere die Maschinen lenkten.

Oder: »Oh, deine Mutter hat einen Doktor. Ist sie denn Arzt?«
»Nein, sie fährt Mähdrescher.« Hier hat der andere dann immer gelächelt. Aber schon damals vermutete ich, dass das etwas sehr Seltenes war, dass eine Frau Doktor hieß und kein Arzt war. Warum sollte auch jemand da, wo keiner mehr als der andere hat, einen Titel vor den Namen bekommen?
Das Institut war ein langes, niedriges Gebäude mit kleinen Fenstern, dazu ein Gewächshaus und Scheunen, wo der Traktor stand. Hinter dem Haus lagen ein kleiner Garten, in dem bestimmte Kartoffeltypen gezüchtet und untersucht wurden, und ein Brunnen, der auf alles aufpasste. Er war gelb und hatte einen großen Hebel, mit dem man Wasser nach oben in den Hahn pumpte. Wir warfen meist Steine in das Loch und warteten auf das Geräusch, wenn der Stein ins Wasser fiel. Es dauerte extrem lange und dann hörte man das Platschen. Es klang, als wäre er in den Pazifik gefallen. »Papa, der Stein ist bestimmt in Amerika gelandet.«
»Fein«, sagte mein Vater.

Regnete es, hockte ich im Büro und guckte Silvio zu, wie er etwas in einen Computer tippte und mit der Nase schniefte. Silvio gab mir ein Blatt Papier und Buntstifte, und ich sollte malen, während er wieder auf seinen Computer guckte, so arglos, so wie ein Eichhörnchen sah er aus, und wenn ihm etwas nicht passte, merkte man das sofort, weil er kräftig stöhnte und brummte und alles möglichst laut auf den Tisch knallte. Und ich malte dann einen Panzer, in dem eine Familie wohnte. Zum Frühstück gab es für alle Hackbrötchen mit Zwiebeln. Mittags gab es Hackbrötchen mit Zwiebeln und am Nachmittag manchmal Kuchen und Kaffee oder Hackbrötchen mit Zwiebeln.

Worüber haben sie damals gesprochen? Ich weiß es nicht. Mutter, worüber hat man damals gesprochen? Ich weiß es nicht mehr.

Es schienen modellierte Tage zu sein, nichts Unvorhergesehenes, keine Überraschung, als hätte es nichts zu beschützen, zu bekämpfen gegeben, als hätte niemand scheitern, umfallen, sterben können. Keine Eile und kein Grund, heute etwas anderes zu machen als gestern. Jeder schien genau zu wissen, was zu tun war, nie stand jemand rum oder suchte etwas. Alles hatte seinen Platz. Nie Unordnung. Vielleicht war auch nicht genug da, um Unordnung zu machen. Es fühlte sich an, als könne sich nie etwas ändern, und manchmal habe ich darüber nachgedacht und gedacht, dass das eigentlich ganz schön so ist, weil man genau weiß, wann man Geschenke bekommt, also dass jedes Jahr Weihnachten und Geburtstag ist und Erntedankfest und Bastelnachmittage und das Schlachten auf dem Hof meiner Großeltern und der Geburtstag von Mama. Gut war auch, dass man jeden Tag irgendwo ab geholt wurde und dass jeder wusste, wo der andere war. Andererseits fand ich es unheimlich, dass sich nie etwas änderte. Würde ich immer das gleiche Dreirad haben und das gleiche Kinderzimmer? Später nämlich, ich weiß es genau, als alle sagten, die Mauer muss weg und jetzt wird alles anders, war ich erleichtert. Der Grund dafür schreibt sich Latzhosen. Ich hatte Latzhosen in allen Farben, rot, grün, als Cordlatzhose, als Jeanslatzhose, weiß-blaugestreifte Stofflatzhose, Latz hose mit kurzen Beinen, Winterlatzhose mit Watte gefüllt. Und ich hasste Latzhosen. Wenn sich alles änderte, dachte ich, mussten sich folglich auch die Latzhosen ändern. Und das taten sie auch. Leider kaufte meine Mutter für uns dann als Erstes zusammen mit dem Videorekorder auch Trainingsanzüge, und die waren noch bescheuerter. Ich will nicht sagen, dass die Leute keinen Geschmack hatten, aber er war sehr anders als der ihrer Kinder oder des Rests der Welt. Was war in sie gefahren? Bis zur Unkenntlichkeit geschminkte Frauen. Leuchtend blonde Strähnen in den Haaren. Als müsste jetzt nachgeholt werden, was man 40 Jahre verpasst hatte. 40 Jahre Sozialismus mussten weggefärbt werden und in bunten Trainingsanzügen verschwinden. Im ersten Moment fällt es einem ja gar nicht wirklich auf, doch rückblickend betrachtet sah man in dem neon blauen, mit rosa Blitzen bedruckten Trainingsanzug aus wie ein Clown. Später behaupteten alle, man habe sich dem Westgeschmack anpassen müssen. Das Gegenteil war der Fall: Vom Musikgeschmack bis zu den Tischtüchern haben sie alles selbst ausgetauscht, ganz ohne Drohungen. Ein Verkauf des Selbst, der auf Ahnungslosigkeit basierte, so wie der Indianer das Feuerwasser nimmt und danke sagt und noch nicht weiß, dass es ihn zugrunde richten wird.

Ich suche für einen Moment im Schrank unter dem Aquarium ein Netz, um einen der glubschäugigen Fische herauszuholen, der schon längere Zeit bewegungslos im Wasser treibt, und als ich wieder hochkomme und mit dem Netz ins Wasser tauche, sehe ich meinen Vater nicht mehr. Angesichts der Wunder, die seit einiger Zeit in der Wohnung vor sich gehen, zum Beispiel das Wunder Film wird von einer schwarzen Kassette abgespielt, das Wunder Holz an der Wand, das sich anfühlt wie eine Tapete oder das Wunder Mikrowelle, das Wunder Heizung, das gegen das Wunder Eisblumen am Fenster eingetauscht wurde – angesichts dieser Wunder bin ich bereit zu glauben, mein Vater sei in den Fernseher hineingegangen oder in das eigenartige Kupferbild an der Wand mit einer Frau drauf, die ein langes Kleid trägt, das vom Wind durcheinandergebracht wurde, und einen Bogen in der Hand hält. Das habe ich mal in einem Film gesehen, also dass Menschen auch in Bildern verschwinden können. Dann raschelt hinter mir etwas, ich drehe mich um, und er steht da mit meiner Jacke und Schuhen und sagt, ich solle mich anziehen, wir müssten los.
»Ihr Buch steckt voller poetischer Formulierungen, voller Sätze zum Unterstreichen, mal komisch und mal melancholisch, mal cool und mal klug. Und so kann man der Autobiografie "Das Paradies" am Ende das wohl größte Kompliment machen, das man einer Autobiografie machen kann: Dass man das Gefühl hat, die Autorin kennengelernt zu haben. Und dass man sie gerne noch näher kennenlernen würde.«
Tobias Becker, Spiegel Online, 31.10.2011

»Es ist die Suche einer jungen Frau nach einem Teil ihrer Identität, voll trauriger und auch amüsanter Anekdoten. Sie zeigt, dass auch nach mehr als 20 Jahren über die DDR noch längst nicht alles gesagt ist.«
Ulrieke Thiele, Der Tagesspiegel, 16.10.2011

»Ein langes Therapiegespräch, dessen erklärtes Ziel die Befreiung von einer fremdbestimmten Identität ist; die Ablösung von einer DDR, von der die ganze Welt eine Vorstellung zu haben scheint - außer denjenigen, die dort geboren wurden.«
Christoph Schröder, Die Tageszeitung, 10.11.2011

»Hier erzählt ein Mensch, wie er empfunden, was er geschrieben und erlebt hat auf eigensinnige und unverbrauchte Weise. Gutes Buch, stark geschrieben.«
Thomas Schindler, ARD Morgenmagazin, 14.10.2011

»Ihr Text liest sich wie die Reportage einer Jugendlichen, die gelegentlich in die Nähe der Plauderei gerät. Das macht die Lektüre leichtfüßig und unterhaltsam, zugleich gewinnt man Seelenlagen, die im Westen immer noch gelegentlich missverstanden werden.«
Ekkehart Rudolph, Stuttgarter Zeitung, 16.11.2011

»Mit Ostalgie hält Hünniger sich nicht auf, sarkistisch richtet sie ihren Blick auf die Leerstelle, die das rasante Verschwinden der DDR im Bewusstsein vieler Ostdeutscher hinterlassen hat - die ja tatkräftig daran mitwirkten, indem sie alles wegwarfen, was an die DDR erinnerte.«
Bernd Haasis, Stuttgarter Nachrichten, 16.11.2011

»Das Buch ist eine Alternative zum üblichen Diskurs in Klischees, eine Auseinandersetzung mit dem Schweigen der Eltern, der immer noch spürbaren Fremdheit zwischen Ost und West und der Frage: Wie geht es weiter? ... Oft beobachtend-sachlich, zeitweise humorvoll, manchmal tragisch analysiert sie kompromisslos - ein warmherziges Buch, mit bitter-süßem Unterton.«
Claudia Urbasek, Nürnberger Zeitung, 3.12.2011

»Es sind die Widersprüche, die sie als Herausforderung empfindet. Neben dem Grau der Plattenbauten und der Tragik mancher Episode, die von Selbstmord oder Psychiatrie handelt, wächst und wuchert das wilde Paradies einer Jugend, die sich ihre Vergangenheit aus Erzählungen, Erinnerungen, Büchern und Filmen rekonstruieren muss, um die Gegenwart zu begreifen. Genau das macht Andrea Hanna Hünniger mit wachem und neugierigem Blick.«
Ralph Gerstenberg, Deutschlandfunk Büchermarkt, 30.12.2011

»Ein tolles Buch für alle, die auf die eigene Jugend in den 1990ern zurückschauen wollen. Und natürlich für jene, die wissen wollen, wie junge Menschen die Nachwendezeit zwischen Gameboy, Glücksrad und Goldbären von Harribo erlebt haben.«
Tino Dallmann, MDR figaro, 4.12.2011
Tropen
2. Aufl. 2011, 219 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50305-0
autor_portrait
Tobias Kruse

Andrea Hanna Hünniger

Andrea Hanna Hünniger, geboren 1984 in Weimar, wuchs dort in den Neunzigerjahren in einem Plattenbauviertel auf. Sie studierte Literatur, Geschichte...

http://www.youtube.com/v/FlMuTUC2Wqw


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