Deutschland, deine Götter

Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern
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Woran in Deutschland so alles geglaubt wird

Gideon Böss schaut sich zwischen Alpen und Nordsee um, ob auch etwas für seine bislang unerlöste Seele dabei ist. Die Auswahl ist groß, vielfältig – und sehr unterhaltsam.

»Ein ungewöhnlicher Deutschlandführer und ein wichtiges Buch zum Verständnis unseres Landes. Man liest und staunt und fühlt sich bestens unterhalten. Unbedingt lesen!«
Feridun Zaimoglu

Längst haben wir in Deutschland amerikanische Verhältnisse. Zumindest was die religiöse Vielfalt angeht. Neben den Platzhirschen katholische und evangelische Kirche gibt es längst ein multikulturelles Durcheinander der verschiedensten Gottheiten. Magische Wölfe, verheiratete Hexen, gutmütige Aliens, fernöstliche Buddhas und ein lebendiger Johannes der Täufer. Egal welche Art der Seelenrettung dem Einzelnen zusagt, er wird für jede einen Anbieter finden. Gideon Böss reist durch das ganze Land, um sich mit Mitgliedern der verschiedensten Gruppen zu treffen und sich ihre Weltsicht erläutern zu lassen. Dabei entsteht eine kurzweilige und doch informative Momentaufnahme darüber, wie knapp fünfhundert Jahre nach Luther im Land der Reformation geglaubt, gebetet und gehofft wird.

Leseprobe
Wicca

Wer durch dieses Wohnzimmerfenster schauen würde, jetzt, um kurz vor Mitternacht würde nicht nur eine Frau in grüner Robe sowie fünf Altäre bemerken, auf denen Tierfiguren, Knochen, Kessel und Kerzen liegen, sondern vor allem einen Mann, der ein Schwert in die Höhe reckt. Was der Schwertkämpfer aber sagt, kann nur ich hören. Denn ich sitze vor ihm, eingeklemmt zwischen Vogelfedern und drei Tonfiguren mit aufgemalten Gesichtern. Er hat einen Vollbart und Bauchansatz, ist etwa vierzig Jahre alt, heißt Thomas und arbeitet als Informatiker in einem kleinen Unternehmen. Außerdem ist er Hexe. In letzterer Funktion erläutert er mir gerade, welche Schutzschilder jeder Mensch gegen böse Zauber hat.
»Wenn du nicht an Hexerei glaubst, ist ein Schadenszauber wirkungslos. Wenn du nicht weißt, dass jemand einen Schadenszauber gegen dich ausgesprochen hat, ist er auch wirkungslos und wenn du nicht findest, dass er berechtigt ist, ist er ebenfalls wirkungslos!« Thomas sitzt auf dem Sofa und spricht mit einer beruhigenden Stimme, wie wenn ein Chefarzt eine Diagnose erläutert. Er
wollte mir damit die Aufregung nehmen. Wobei mich
die Auswirkungen von Schadenszauber ohnehin weniger nervös macht als sein Schwert. Ein echtes Schwert. Schwerter unterscheidet ganz erheblich von Zaubern, dass es Eisen egal ist, ob man an Eisen glaubt oder nicht.
»Und noch etwas«, fährt er fort, »willst du, dass wir auch Göttin und Gott in unseren Kreis rufen oder ist dir das zu viel?«
»Was machen die beiden?«
»Ganz kurz gesagt: Die Göttin hat das Universum erschaffen und Gott ist ihr Begleiter.«
»Ja, dann absolut, sie sollen auch kommen!«
Thomas nickt und Nina, seine Frau, nickt auch. Sie trägt zur grünen Robe noch ein auffälliges Pentagramm als Halsschmuck. Sie ist etwas jünger als ihr Mann, dafür aber stilsicherer gekleidet. Thomas hat sich für Jeans und rotes Hemd entschieden und sieht genau so zivil aus wie ich mit Jeans und blauem Hemd.
»Eines noch«, meint Thomas, »es kann sehr gut sein, dass du nach der ersten so intensiven Begegnung mit Göttern und Elementen unruhig bist und nicht schlafen kannst. Iss und trinke dann noch etwas. Das hilft. Nicht dass du sonst am nächsten Morgen völlig erschöpft, mit Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen aufwachst.«
»Ist das dein Tipp gegen Götterkater?«
»So kann man es sehen«, lacht Nina. Überhaupt ist
die Stimmung erstaunlich locker. Beiden nehmen ihren
Glauben ernst, was aber Kichern und Lachen weder während der Vorbereitungen noch während der Durchführung der Rituale ausschließt. Dann geht es los, mein erstes Hexenritual. Um einen besonderen Bezug zu mir herzustellen, hatten meine Gastgeber entschieden, dass mein Buch im Mittelpunkt des Rituals stehen soll. Es wird einen Zauber geben, der mir bei der Fertigstellung helfen soll.
Meine Gastgeber sind Hexen und gehören der Glaubensrichtung Wicca an. Diese Unterscheidung ist in etwa die gleiche wie bei einem Christen, der auch einer speziellen Richtung angehört. Hexe zu Wicca ist wie Christ zu Katholik (zum Beispiel) . Im Gegensatz zu den Christen sind die Hexen aber ein scheues Volk. Woran jedoch das Jahrhunderte lange Mobbing durch das Christentum einen erheblichen Anteil hat. Bevor ich den ersten Hexen gegenüberstand, gab es deswegen eine wesentliche Hürde zu nehmen: Finde ich überhaupt welche? Es gibt kein organisiertes Hexentum mit heiligen Tempeln und einer festen Organisationsform. Es gibt keinen Zentralrat der Hexen, keine Pressestelle und keine PR-hungrigen Vorzeigehexen. Es gibt eigentlich gar nichts. Also fast nichts. Deswegen führt der Weg ins Hexentum übers Internet. Bald fand ich mehrere Homepages, auf denen sich Menschen als Hexen vorstellten,
aber wenig Bereitschaft zeigten, darüber zu sprechen
oder sogar direkt vor dem ganzen Thema warnten, wie in dieser E-Mail:
Über den neuheidnischen Hexenkult wollen Sie schreiben … Es wird nichts nützen, wenn ich Ihnen rate, die Finger von diesem teilweise wirklich gefährlichen Unsinn zu lassen.
Auf wenigen eigenen Foren, wie dem Hexenzirkel, tauschen sich Mitglieder und Interessierte aus. Über ein solches Forum gelang schließlich auch der Kontakt zu meinen beiden Hexen, mit denen ich heute Nacht ein Ritual feiere. Es dauerte noch mehrere E-Mails und ein langes Skype-Telefonat, bis es zu unserem Treffen kam. Meine Hexen sind eigentlich eine richtige Hexenfamilie mit einem zweijährigen Sohn. Und nein, sie haben ihn nicht im Hänsel-und-Gretel-Stil in ihr Hexenhaus gelockt! Das ginge schon alleine deswegen nicht, weil sie zur Miete in einer Wohnung leben.
»Wollen wir?« Thomas hat sich mittlerweile erhoben und ein rotes Seil um seinen Bauch gebunden, außerdem einen vergoldete Halsreif angelegt.
Nina, die sich viel mehr Mühe gegeben hat, optisch dem Bild einer Hexe zu entsprechen, erhebt sich. Ich stehe auch auf. Wir besprechen noch einmal kurz den
Ablauf des Rituals. Es ist dunkel im Zimmer, nur die
wenigen Kerzen flackern in den Ecken. Ich lege mein Smartphone ins Nebenzimmer, weil keine elektrischen Geräte im Kreis sein dürfen. (Herzschrittmacher und Hörgeräte werden von den Göttern nicht beanstandet. Vielleicht, weil sie als ziemlich alte Götter selbst darauf angewiesen sind, wer weiß das schon.)
»Nachdem Thomas den Kreis gezogen hat, rufen wir erst die Elemente an und laden danach Gott und Göttin in den Kreis ein.« Während Nina spricht, hat sich Thomas einen Stab gegriffen, in den ein Kristall eingelassen ist, und läuft einmal durch das Wohnzimmer.
»Der Kreis ist nun geschlossen«, erklärt er. Wir stellen uns um den Altar herum auf, der in der Zimmermitte steht. Wir halten uns an den Händen und Thomas spricht mit seiner Chefarztstimme zur Einstimmung eine Meditation.
Mit geschlossenen Augen höre ich ihm zu. Er fordert uns auf, unsere Arme ins Weltall auszustrecken und die Füße bis in den Erdkern sinken zu lassen.
Danach lösen wir unsere Hände voneinander. Nina stellt sich vor den Altar für den Osten und zeichnet mit ihren Händen ein Pentagramm in die Luft. »Götter der Luft, wir möchten euch bitten, an unserem Ritual teilzunehmen. Heil und willkommen!« Dann folgt meine Aufgabe. Ich entzünde die Hauptkerze auf dem Altar.
Dabei weiß ich nicht, ob sie nur der Atmosphäre dient
oder den Göttern helfen soll, uns leichter zu finden. Auf diese Weise laden wir alle vier Himmelsrichtungen ein, wobei die Elemente Wasser und Feuer hervorgehoben werden. Ein wenig überraschend spritzt mir Nina deswegen Wasser ins Gesicht und murmelt dazu »sei gesegnet«.
Weil ich nicht weiß, wie ich mit dieser unerwarteten Segnung umgehen soll, antworte ich mit »danke«.
»Du musst antworten, sei gesegnet«, flüstert sie.
»Sei gesegnet, Nina!«, korrigiere ich und habe damit womöglich im letzten Moment eine Verstimmung bei den Göttern verhindert. Als Nina dann vor mir mit einer kleinen Kerze vor mir auftaucht und mir Rauch zu-fächelt, weiß ich Bescheid.
»Sei gesegnet!«
»Sei gesegnet!«
Kein Problem.
Nina segnet auch Thomas, wobei sie ihre Segnungen mit Küssen unterstreichen. Außerdem kichern sie dabei, was in vielen anderen Religionen während einer heiligen Prozedur wohl mit Höllenqualen sanktioniert würde.
Thomas freut sich, weil er endlich sein Schwert ziehen darf und ein weiteres Mal den Kreis abläuft. Jetzt kommen wir zur Einladung der Ehrengäste, Göttin und Gott, den Erschaffern von allem.
»Das Schwert ist neu.« Thomas gibt sich keine Mühe,
seine Begeisterung für die Waffe zu verbergen. Durch die vier zusätzlichen Kerzen auf den Altären ist es mittlerweile deutlich heller im Zimmer, die Bücherregale und der Computer werfen schiefe Schatten an die Wände. Der Sohn scheint tief zu schlafen.
Wir stellen uns um den Zentralaltar, auf dem eine Räucherkerze, eine Teekerze, ein Glas Wasser und eine Schale Salz die vier Altäre des Zimmers symbolisieren. Erneut nehmen wir uns an den Händen. Nina ergreift als erste das Wort. »Göttin und Gott, wir haben heute einen Neugierigen in unserem Kreis, der sich über Wicca informieren möchte. Unterstützt ihn in seinem Projekt.«
Thomas appellierte danach auch noch einmal an die beiden Chef-Götter und machte mich sogar zu einem »Suchenden«.
»Jetzt«, flüstert Nina mir zu, und ich greife meinen Notizblock, in dem ich Termine und Adressen aufgeschrieben habe, die für meine Recherchen wichtig sind. Genau in diesem Moment wird es Mitternacht, was aber nur ein dramaturgischer Zufall ist. Über dem Räucherwerk, dem Feuer, dem Wasser und dem Salz bitte ich um verschiedene Dinge, die dem Buch gut tun sollen.
»Bist du fertig«, fragt Thomas schließlich nach.
Ich nicke.
»Gut, dann haben wir jetzt Zeit für Cakes and Wine!«
Nina klatscht vorfreudig in die Hände und schon stehen wir vor dem Hauptaltar, der nur Göttin und Gott geweiht ist. In einem Horn befindet sich Wein und auf einem Teller liegen Kekse. Nina zieht einen Zeremoniendolch, der auf dem Altar bereit liegt und tunkt ihn in den Kelch. Dabei spricht sie eine Formel, laut der das Männliche und Weibliche sich ergänzen. Man braucht nicht viel Fantasie, um dieser Dolch-und-Horn-Szene plötzlich die Jugendfreigabe zu entziehen.
»So«, seufzt Thomas und die beiden küssen sich wieder, »Durst?«
Er reicht mir das Horn, das gerade noch mit dem Dolch Unzucht getrieben hat.
Ich nehme einen Schluck und reiche es weiter an Nina. Wichtig ist dabei, dass es im Uhrzeigersinn kreist. Wir setzen uns auf das Sofa und teilen die Kekse.
»Was ist jetzt eigentlich«, will ich wissen, »sind wir mit den Göttern durch?«
»So gesehen, ja«, bestätigt Thomas und reicht mir schon wieder die Kekse, »wenn Cakes and Wine anstehen, kann über alles gesprochen werden, aber wir befinden uns noch immer im Kreis. Der ist noch nicht wieder aufgelöst.«
»Und wenn ich jetzt einfach zu meinem Smartphone ins Nebenzimmer gehen würde?«
»Dann würdest du das sicherlich merken, entweder
sofort oder im Verlauf des nächsten Tages, dass du dich
irgendwie schlapp fühlst oder nervös.«
»Weil die Götter gekränkt wären?«
Ich halte mittlerweile wieder das Horn in der Hand.
»Es ist ein magischer Kreis, der uns umgibt, unser Körper nimmt wahr, wenn wir ihn durchbrechen.«
Einen Moment lang überlege ich, den Praxistest zu machen. Aber etwas hält mich zurück. Sind es die Götter, ist es der Anstand oder das gemütliche Essen und Trinken? Ich kann es nicht sagen.
»Warum heißt das ›Cakes and Wine‹?«
»Weil Kekse und Wein bescheuert klingt«, meint Nina, »wir sind bei den Wicca ja in der britischen Tradition und da gibt es insgesamt viele englische Begriffe.«
»Gibt es eine heilige Sprache? Also in eurem Fall das Englische?«
»So was haben wir nicht.«
Ich esse einen weiteren Keks, während die Lichter auf den Altären leuchten. Thomas erzählt wieder etwas über sein Schwert, das ihn offenbar sehr beschäftigt. Er hat sich sogar für Schwertkampftraining angemeldet und plant, an Schaukämpfen teilzunehmen.
Ich nicke und Nina reicht mir den Kelch.
»Gibt es bei euch so etwas wie Sünden, die die Götter bestrafen?«
Er schüttelt den Kopf: »Nicht im christlichen Sinne
mit einem Gott, der einen verfolgt. Doch es kann schon sein, dass man Götter gegen sich aufbringt. Aber sie können uns nicht verführen, wir sind für jede unserer Handlungen selbst verantwortlich.«
»Sind die Götter dann unsere Berater?«
»Es ist viel komplexer, aber auf gewisse Weise ja.«
»Und sucht man die sich selbst aus, um sie dem eigenen Leben jeweils optimal anzupassen?«   
»So funktioniert das nicht. Wir können das nicht selbst entscheiden. Ich habe aktuell drei Götter, die mich begleiten und die habe ich mir nicht ausgesucht.«
»Hättest du gerne weniger oder andere?«
»Das hat schon alles seine Richtigkeit mit den Göttern. Fragen nach dem Warum sind dabei Zeitverschwendung.«
»Wenn die Götter uns nicht direkt strafen, warum sollte ich dann nicht anfangen zu morden, zu lügen und zu stehlen?«
In diesem Moment fährt der Rollladen mit einem leisen Summen nach unten. Thomas verpasst die Gelegenheit, das auf eigene magische Fähigkeiten zurückzuführen und flüstert stattdessen: »Das ist automatisch voreingestellt in der Nacht.«
»Weil«, greift Nina meine Frage auf, »alles dreifach auf uns zurückfällt.«
»Wenn ich jetzt schlecht über dich rede, fällt das in
dreifacher Form auf mich zurück?«
»Ja, weil du durch diese Lüge die Welt etwas schlechter gemacht hast.«
»Aber diese Dreier-Regel führt doch dazu, dass meine Bestrafung die Welt dreimal schlechter macht, als ich sie gemacht habe. Was ist das für eine Logik, nach der eine Tat dadurch sanktioniert wird, dass sie in noch viel größerem Ausmaß wiederholt wird?«
 »Es muss ja nicht auf die gleiche Weise geschehen, es kommt aber in dreifacher Höhe negativ auf dich zurück.«
»Finde ich pädagogisch trotzdem schwierig. Gilt diese Regel auch für gute Taten?«
»Ja.«
Ich trinke einen weiteren Schluck und schaue zum Altar von Gott und Göttin.
»Kann ich den Dolch mal anfassen?«
»Nimm es mir nicht übel, aber das sind sehr persönliche und intime Gegenstände, so wie …«, Nina sucht nach einem passenden Vergleich und schiebt dabei ihren Ring mit dem eingelassenen Pentagramm hin und her.
»Der eigene Geldbeutel«, kommt ihr Thomas zur Hilfe, doch bevor ich antworten kann, dass andere Leute meinen Geldbeutel gerne berühren dürfen, wenn es
ihnen wichtig ist, hat Nina diesen Vergleich schon mit
einem kurzen aber entschiedenen Kopfschütteln zur Seite gewischt.
»So wie Sexspielzeug!«, legt sie sich auf ein wesentlich überzeugenderes Bild fest.
»Was ist, wenn ein Wicca sich nicht mehr verhält wie ein Wicca? Wie kann man den aus der Gemeinschaft werfen?«
»Das ist schwer«, meint Thomas, »im Grunde interpretieren wir alle Rituale so, wie wir wollen. Es gibt keine vorgegebene Liturgie wie in anderen Religionen.«
»Wir haben ja deswegen auch keine Tempel oder Kirchen!«, ergänzt Nina.
»Habt ihr die aus Prinzip nicht, oder weil ihr einfach zu wenige seid?«
»Aus Prinzip«, meint sie.
»Die Anzahl spielt sicher auch eine Rolle«, ist Thomas da skeptischer, »in den USA gibt es eine viel größere Wicca-Community von mehreren Hunderttausend und da ist auch im Gespräch, ein festes Heiligtum zu errichten. Die sind dabei, feste Strukturen zu etablieren, zumindest manche Strömungen dort.«
»Für mich hat das mit der eigentlichen Wicca-Idee nichts zu tun«, fügt Nina an.
Wieder nehme ich mir einen Keks. Wir müssen aber aufpassen, dass mindestens einer übrig bleibt und am
Ende auch noch etwas Wein im Kelch ist. Beides wird
dann der Natur als Opfer dargebracht.
»Wie alt ist Wicca eigentlich?«, möchte ich wissen.
»Es gibt Leute, die sehen die Ursprünge in der Zeit der Renaissance, aber ich denke, Mitte der 1950er Jahre kann als Beginn angesehen werden« antwortete Nina.
»Für mich ist die Veröffentlichung des Buches Witch­craft Today das Gründungsjahr der Wicca. Also 1954«, stellt Thomas klar.
»Andere schätzen das tatsächliche Alter des gesamten Hexentums auf 40.000 Jahre«, fügt Nina hinzu.
»Also sind die Wicca irgendwann in den letzten knapp 40.000 Jahren gegründet worden. Aber keiner weiß, wann genau?«, will ich wissen.
»Wicca nicht, Wicca ist viel jünger. Höchstens Renaissance.Aber das Hexentum selbst, das schätzen manche auf 40.000 Jahre«, meint Nina.
»Ihr auch?«
»Nein. Diese Frage ist uns aber auch nicht wichtig, wir legen keinen Wert darauf, unseren Glauben durch eine nicht nachweisbare Verlängerung in die Vergangenheit aufzuwerten.«
So wie wir uns unterhalten, könnte es sich hier auch um die Garderobe einer Laienspielgruppe handeln, wobei sich zwei der drei Schauspieler schon wieder umgezogen haben.
»Wie viele Wicca gibt es in Deutschland?«
»Nicht viele, wahrscheinlich weniger als fünfhundert«, schätzt Thomas, »aber das ist schwer zu sagen, denn es gibt auch Hexen, die nicht in Coven organisiert sind.«
»Was ist Coven?«
»Coven sind die Gemeinschaften der Hexen.Wer keiner angehört, heißt freifliegende Hexe.«
Nina nimmt wieder einen Schluck aus dem Horn.
»Das ist aber auch selbstironisch gemeint, oder?«
»Natürlich!«
»Woher kommt eigentlich diese Verbindung der Hexe mit dem Besen? Gab es mal eine Zeit im Hexentum, in dem gehofft wurde, mit Gegenständen fliegen zu können? So wie die Alchemie ja auch hoffte, Stroh in Gold zu verwandeln.«
Thomas wartet kurz, ob Nina darauf reagiert, die aber gerade einen Keks isst.
»Es handelt sich vor allem um erpresste Geständnisse, die unter der Folter während der Hexenverfolgungen entstanden«, erläutert er. »Das Fliegen hat die Menschheit schon immer fasziniert, vermutlich wurde auch deswegen verlangt, so etwas zu gestehen. Es wurde ja alles gestanden, eine Beziehung zum Teufel, die Verhexung der Prinzessin, die Vergiftung der Schafsherde des Hirten.«  
Nina nickt zustimmend, bevor sie zu einer vernich
tenden Märchenbuchkritik ansetzt: »Wahrscheinlich hat nichts dem Ruf der Hexen mehr geschadet als die Brüder Grimm! An was denkt man sofort, wenn man an Hexen denkt? An die bösen alten Weiber, die Kinder in den Backofen stoßen wollen.«
Beide nicken. Ich nicke auch, aus Solidarität. Es ist wirklich schwer, sich gegen Vorurteile zu wehren, die durch die beliebtesten Märchenfiguren des Landes verbreitet werden.
Kurz darauf entschließen wir uns, die Zeremonie zu Ende zu bringen. Frisch gestärkt treten wir an den zentralen Altar zurück, in dessen Mitte auf einem kleinen Kessel die ganze Zeit über mein Notizblock liegt. Hand in Hand stehen wir da und meine beiden Hexen bedanken sich bei den Elementen, bei den Göttern und speziell bei Göttin und Gott für ihre Anwesenheit beim Zauber. Es freut mich in diesem Moment ungemein, dass sich uralte und mächtige Götter dafür interessieren, dass ich schreibe und was ich schreibe. Im Anschluss treten wir erneut vor die vier Altäre, es wird das Pentagramm in der Luft nachgezeichnet und ein Dank gesprochen, der mit »Heil und leb wohl« endet, bevor ich die jeweilige Kerze ausblase und so zum Rauswerfer der Götter werde. Thomas dreht abschließend eine weitere Runde mit dem Schwert, dann ist der Ring erloschen
und das Wohnzimmer ist wieder nur ein Wohnzimmer
mit Büchern, Kisten, CDs, einem Fernseher und leeren Amazonpaketen.
Wir sitzen noch einmal zusammen auf dem Sofa, so wie vor wenigen Minuten. Und eigentlich machen wir auch das Gleiche wie vor wenigen Minuten. Wir unterhalten uns und trinken etwas. Und doch ist alles anders. Wir sind nicht mehr im Kreis, die Elemente und Götter sind nicht mehr anwesend (mal abgesehen davon, dass sie überall und in allem sind) und Nina atmet durch.
»Das ist schon immer aufregend, wie so ein Ritual läuft«, lächelt sie.
»Kann da auch mal was schief gehen?«
Beide lachen wie Eingeweihte, denen hundert lustige Anekdoten einfallen.
»Wir haben einmal das Feuer im Norden angerufen«, meint Thomas grinsend, »daraufhin gab es einen kleinen Regenschauer!«
Nina seufzt, als sie daran zurückdenkt.
»Hier im Haus?«, wundere ich mich.
»Wir waren in einem Wald, mit anderen Hexen zusammen«, verneint Thomas.
»Spielt es denn eine Rolle, wo die Rituale gefeiert werden oder gibt es heilige Orte?«
»Sobald ein Ort geheiligt ist, ist er ein heiliger Ort«, antwortet Nina lachend.
Weil die beiden ein kleines Kind haben und es schon kurz vor zwei Uhr in der Nacht ist, verabschieden wir uns. Thomas hat immer noch diesen goldenen Reif um den Hals und verrät mir außerdem, dass die Kelten früher so in den Krieg zogen.
»Mit so einem Reif?«
»Ja. Mit so einem Reif und ansonsten nackt. Nur mit einem Schwert bewaffnet.«
»Wow«, meine ich, halte es aber für einen Nachteil, nackt zu kämpfen. Als ob Thomas meine Gedanken lesen kann, schiebt er noch nach: »Und sie hatten sich blau angemalt.«
Im Taxi stelle ich mir vor, wie Thomas nackt, nur mit Schwert und Halsreif bewaffnet, über nächtliche Felder stürmt. Blau angemalt und bereit, Aachen zu erobern.
Ich fahre durch eine leere Stadt. Aachen wirkt so ausgestorben, als ob ich als einziger den Aufruf zur Evakuierung überhört hätte. Und mein Fahrer natürlich. Während sich die Lichter der Laternen in der Scheibe spiegeln, denke ich an die Rituale, an denen ich eben teilnahm. Thomas und Nina haben dabei professionell und zugleich entspannt gewirkt. Sie hatten schon seit längerer Zeit keine Rituale mehr durchgeführt, weswegen mein Besuch auch ein angenehmer Anlass war, mal wieder Reif und Schwert und Gewand aus der Kiste zu holen, wie sie mir sagten. Im Hotelzimmer selbst schrei
be ich noch einige meiner Eindrücke auf, bevor ich ins
Bett gehe.
Ich schlafe so gut, dass ich es meinen beiden Hexen gegenüber nie zugeben würde, aus Angst, ihre religiösen Gefühle zu verletzen. Sie haben sich so viele Gedanken darüber gemacht, wie ich eine erste Begegnung mit solchen Kräften halbwegs überstehen kann, dass so ein Geständnis nicht passen würde. Andererseits wäre es ihnen vermutlich egal. Ein Blick in ihre Schriften spricht jedenfalls für eine große Gleichmut gegenüber anderen Erfahrungen. So heißt es im Klassiker Wicca – Die alte Religion im neuen Zeitalter:
Wir betrachten uns selbst nicht als Inhaber irgendeines besonderen Vorrechts auf die Wahrheit und wenn eine Gruppe von Menschen dies beansprucht, dann erscheint dies mehr als lächerlich.
Dementsprechend frei sind die Hexen auch in der Gestaltung ihrer Rituale. Wobei es eine Metaregel gibt:
Wenn es niemandem schadet, tue was du willst.
Es gibt auch nicht das eine heilige Buch, jedoch führt jede Hexe ein »Buch der Schatten«, in dem die Rituale und Zeremonien niedergeschrieben werden, die sie durchgeführt hat. Es können aber auch banale Dinge darinstehen, nur sollte sich jede Hexe hüten, zu intime Angelegenheiten festzuhalten. Sollten sie nämlich eines Tages einen anderen Menschen in den Wicca-Kult aufnehmen, will es die Tradition, dass die neue Hexe auch ein »Buch der Schatten« führt, was damit beginnt, erst einmal das »Buch der Schatten« des Mentors abzuschreiben.
Wie schließlich der Übergang zur Hexe abläuft, ist schriftlich festgehalten, auch wenn sich vermutlich kaum jemand etwas unter dieser Beschreibung vorstellen kann:
Während der Initiation muss der Priester die göttliche Kraft in den Körper des Schülers projizieren. Dies geschieht dadurch, dass der Priester Energie aus seinem Wurzel-Chakra in das Wurzel-Chakra des Schülers leitet, danach die Energie zurück in sein Kreuzbein-Chakra zieht, sie in das Kreuzbein-Chakra des Schülers leitet und so weiter den Körper aufwärts bis die Energie die Höhe des dritten Auges erreicht hat.
Bevor ich heute, an einem Sonntag, wieder zu meiner Hexenfamilie gehe, besuche ich die Aachener Innenstadt. Sie ist sauber, als ob die Straßen alle zwanzig
Minuten gefegt würden. Es gibt alte Gassen und im
mer wieder Karl den Großen. Mal als Figur auf dem Marktplatz, mal im Fenster einer Versicherung oder auf Werbeplakaten der Region Aachen. Weil Pfingstsonntag ist und es einen Dom gibt, besuche ich die Messe. Es ist ein starker Kontrast zu dem, was ich in der letzten Nacht an Zeremonien sah. Wenn religiöse Rituale Spielfilme wären, wäre der Spielfilm Pfingstmesse von einem Kontrollfreak wie Alfred Hitchcock gedreht worden, der manche Szene fünfzig Mal und öfter wiederholen ließ, bevor sie ihm gefiel. In diesem Dom wird nichts dem Zufall überlassen. Der Pfarrer geht ein Programm durch, das jeder Anwesende genau kennt und von dem jeder weiß, wann was an welcher Stelle passiert. Orgelmusik, Gebete, Weihrauch, Gesang, alles bekannt. Der Film Wicca hingegen würde von einem Filmstudenten gedreht, der chronisch pleite ist, ständig improvisieren muss und das Set im Garten seiner Eltern aufgebaut hat.
Als ich wieder vor der Tür meiner Hexen stehe, fällt mir ein, dass ich noch gar nicht über das Thema Magie mit ihnen gesprochen habe. Thomas öffnet mir und trägt keinen Reif mehr. Auch Nina hat nun einen Rollkragenpullover an und sähe aus wie eine unscheinbare Bibliothekarin, wenn da nicht ihr Pentagrammring wäre.  
Wir setzen uns dieses Mal in die Küche. Im Wohn
zimmer ist mittlerweile wieder der profane Alltag ein
gekehrt. Auf dem Boden liegt die Decke des Sohnes, um die herum großzügig Spielsachen verteilt sind. Die Altäre stehen zwar noch, aber nur, damit ich die Gelegenheit habe, sie zu fotografieren, was ich tue, während Nina mir ein paar Informationen zu den verschiedenen Elementen gibt. Dabei erfahre ich auch, dass die Knochen, neben denen ich heute Nacht saß, nicht aus einem Spezialgeschäft für heidnische Reliquien stammen, sondern vom letzten Brathähnchen übrig geblieben sind. Außerdem, dass Männer und Frauen Hexe genannt werden, unabhängig vom Geschlecht.
»Was ist mit der Magie? Könnt ihr zaubern?«
Beide lachen, während wir am Tisch sitzen.
»Magie verstehen die meisten Menschen falsch, weil sie keine Ahnung davon haben«, erklärt Thomas. »Alle sind überrascht, wenn ich ihnen sage, dass auch im Christentum an die Magie geglaubt wird. Gebete sind nichts anderes als der Einsatz von Magie.«
Nina nickt zustimmend. Aber weil nicht sie überzeugt werden muss, sondern ich, und ich nicht nicke, spricht Thomas weiter.
»Gebete sind nichts anderes als der Versuch, die Zukunft zu beeinflussen. Das ist auch das Ziel der Magie. Sie will Veränderungen erreichen.«
»Und schafft sie das?«
»Schaffen Gebete denn immer, was sie erreichen wol
len?«
Ich tue ihm den Gefallen, die rhetorische Frage zu beantworten.
»Nein.«
»Genauso ist es bei Magie. Es hängt von vielen Faktoren ab. Es kann Hindernisse geben, wegen der die Magie keine Chance hat. Da haben wir gestern ja drüber gesprochen, als es um den Schadenszauber ging. Du darfst aber nicht vergessen, dass die allermeiste Magie friedlich und positiv ist, nur sehr selten negativ. Es werden fast nur Schutzzauber und Heilungszauber gesprochen.«
»Welche Hindernisse kann es denn geben?«
»Kosmische Strömungen sind relevant, manche Zauber sind nur in bestimmten Konstellationen der Sterne möglich.Außerdem gibt es ein paar ganz grundsätzliche Grenzen, es können keine Gliedmaßen ersetzt werden. Wenn überhaupt, besteht nur die Möglichkeit, den Verlauf einer Krankheit zu verlangsamen oder den Körper so zu stärken, dass er sie besiegen kann.«
Ein bisschen ernüchternd ist es schon, was ich da höre. Schließlich gehörte es zu meinen positiven Vorurteilen, dass Hexen auch da noch etwas ausrichten können, wo die Schulmedizin an ihre Grenzen stößt. Und nun erfahre ich, dass die Schulmedizin die Zauberei längst in den Schatten gestellt hat. Im Gegensatz
zu Merlin und Bibi Blocksberg kann Doktor Meier sehr
wohl Gliedmaßen und Organe ersetzen.
Ebenfalls erstaunlich ist es, wie sich die hexische Fachliteratur mit dem Thema Zauberei befasst. Während andere Religionen versuchen, Gebete, Magie und weitere übersinnliche Ereignisse als Wunder zu bezeichnen, die jeder rationalen Erklärung enthoben sind, erläutern die Hexen lieber, was in solchen Momenten im Gehirn passiert:
Das Gehirn besteht aus einer Basis, dem Stammhirn, das eine Erweiterung des Rückenmarks ist, dem limbischen System und dem Kleinhirn, sowie der Cortex der Großhirnrinde. Das limbische System und die Cortex sind in zwei Hälften, die linke und die rechte Hemisphäre, unterteilt. Die Nerven, die die Bewegungen unserer Hände und Beine steuern, laufen im Rückenmark zusammen und setzen sich bis zum Gehirn fort. In der Höhe der Schädelbasis überkreuzen sie sich, sodass die Aktivitäten unserer linken Körperseite von der rechten Hemisphäre des Gehirns und die Aktivitäten der rechten Körperseite von der linken Hemisphäre kontrolliert werden. Bei zwei Drittel aller Menschen, normalerweise den Rechtshändern, ist die linke Hemisphäre dominant. Bei den übrigen,
von denen manche beidhändig sind, ist die rechte
Hemisphäre dominant.
Was sich hier liest, als hätte es Oliver Sachs geschrieben und als zu spröde wieder verworfen, ist der Versuch einer Religion, transzendente Erfahrungen mit den Mitteln der modernen Wissenschaften zu erklären. Allerdings nicht, um sie so als Selbstbetrug zu entlarven, sondern um den Ablauf klarer zu machen. Während Jesus nie auf die Idee kam, seine Wunderheilungen zu erklären, sind die heidnischen Götter anscheinend an den Erkenntnissen der Neurologie interessiert. Dass eine solche rationale Durchdringung einer mystischen Welt möglich ist, ohne dass die mystische Welt dadurch Schaden nimmt, ist das eigentliche Wunder an der Hexerei. Meine beiden Wicca jedenfalls haben keine Zweifel daran, dass wir von unzähligen Göttern umgeben sind und dass die Neurologie eine faszinierende Wissenschaft ist, obwohl sie Schritt um Schritt versucht, die Götterwelt ins menschliche Gehirn zu verbannen.
Nachdem die Zauberei also weniger spektakulär ausfällt als erhofft, möchte ich erfahren, wie die beiden eigentlich zu Hexen wurden.
»Ich war schon mit siebzehn eine Hexe«, erklärt Nina, »und als ich in einer Lebenskrise war, weil ich keinen Job bekam und meine Wohnung aufgeben musste, fand ich keine Ruhe mehr und entschied mich, mit meinem letzten Geld einkaufen zu gehen. Es reichte dann nur noch für eine Flasche Wein und ein Puzzle mit dem Motiv Dionysos.«
»Warum ein Puzzle?«
»Weil man sich damit lange beschäftigen kann und ich mich ablenken wollte. Den Dionysos kaufte ich, weil er so gut zur Flasche Wein passte.«
»Und dann?«
»Dann setzte ich mich in meine kleine Wohnung und legte das Puzzle zusammen, Stück für Stück und trank dabei den Wein. Und da spürte ich auf einmal die Gegenwart eines Gottes.«
»Vielleicht warst du einfach nur betrunken?«
Ohne auf meine Frage einzugehen, spricht sie weiter.
»Dieser Gott gab mir das Wissen darüber, dass ich zu verkrampft an die Herausforderungen in meinem Leben herangehe. Danach wurde alles leichter, ich fand bald einen Job und auch eine andere Wohnung.«
Sie grinst mich triumphierend an, als ob sie gerade den Werbeclip für eine Lebensversicherung dreht. Dann zeigt sie zur Wand. Dort hängt etwas, was ich bisher für ein Mosaik hielt, und erst jetzt merke, dass es tatsächlich ein Puzzle ist.
»Hast du dir mal überlegt, wie dein Leben weiterge
gangen wäre, wenn du an jenem Abend ein Werkzeug-
kasten-Puzzle gekauft hättest?«
»Werkzeugkasten gibt es nicht als Puzzle.«
Thomas hatte ihr die ganze Zeit intensiv zugehört, obwohl er die Geschichte sicher nicht zum ersten Mal gehört hat.
»Ich wuchs katholisch auf«, fängt er nun an, bevor ich ihn überhaupt fragen konnte, »und hatte als Jugendlicher einmal ein Erlebnis in der Kirche, wo ich eine intensive Verbindung zu einer höheren Macht spürte. Nur ein einziges Mal. Ich versuche, diese Verbindung wiederherzustellen, aber es gelang mir nie wieder. Mit Anfang zwanzig kam ich dann mit Hexen in Aachen in Kontakt und nahm an Ritualen teil, und da war sie plötzlich wieder, diese Verbindung!«
»Was war das dann in der Kirche für ein Gott?«
»Der christliche, nehme ich an.«
»Ist das mit deinem Glauben vereinbar?«
»Warum nicht?«
»Naja, ein orthodoxer Jude würde nicht schulterzuckend davon sprechen, Zeus begegnet zu sein.«
»Wir haben damit kein Problem, die Welt ist groß und die Götterwelt noch größer. Da ist Platz für viele Götter.«
Auch Nina unterstützt ihn mit einem Nicken. Sie legt ihre Hand in seine.
»Habt ihr euch auch über das Hexentum kennengelernt?«
»Genau, auf einem größeren Ritual im Wald mit vie
len anderen Hexen«, bestätigt Nina.
»Könntet ihr euch auch vorstellen, einen Partner zu haben, der keine Hexe ist?«
»Eigentlich nicht«, meint Nina.
»Nicht mehr«, ergänzt Thomas. »Es gibt ja auch viele Aktivitäten mit anderen Hexen, und da wäre es schwierig, wenn dein Partner nirgendwo dabei ist, weil ihn das nicht interessiert.«
Nun machen wir uns daran, unser gestriges Ritual zu Ende zu führen. Noch müssen etwas Wein und die letzten drei Kekse den Göttern zum Geschenk gemacht werden. Thomas kümmert sich um den Sohn, während Nina und ich in den Garten gehen. Ich halte den Teller mit den letzten drei Keksen, sie das Horn mit dem Wein.
»Was könnte euer Sohn machen, um euch später in euren religiösen Gefühlen richtig zu verletzen?«, will ich wissen. Nina öffnet das Gartentor. Es ist ein schöner Tag, blauer Himmel und Sonnenschein. Zwei Katzen schleichen durch das Dickicht und wir gehen auf eine junge Tanne zu.
»Das dürfte ihm schwer fallen, wir können gut damit leben, wenn jemand unseren Glauben nicht teilt. Uns fehlt der Anspruch, die einzige Wahrheit zu vertreten.«
»Ich finde es erstaunlich, wie offen ihr gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen seid.«
»Wir haben im Wicca die verschiedensten Vorstellungen von Himmel und Erde, ich gehöre einer ziemlich wissenschaftsfreundlichen Richtung an. Ich sehe auch kein Problem darin, wissenschaftliche Erkenntnisse zu akzeptieren. Wir wissen, dass die Göttin die Erde erschaffen hat und der Gott das Universum. Wie man sich Gott und Göttin aber vorstellt, bleibt ja jedem selbst übelassen.«
»Gott kann auch der Big Bang sein?«
»Warum nicht?«
Wir erreichen die Tanne. Das letzte Ritual steht an. Ich bin neugierig, ob es weitere Beschwörungen oder Lieder gibt. Nina kippt den Wein auf den Boden und fordert mich auf, die Kekse auf die nun feuchte Erde zu werfen. Ich werfe die Kekse.
Sie fallen.
Sie liegen da.
Die Sonne scheint.
Ich warte gespannt und ich warte vergeblich.
Nina geht zurück ins Haus. Kein heiliges Wort, keine germanisch klingenden Götternamen. Nur die Pantoffeln von Nina, die beim Gehen leise klackern.
Jede Entsorgung von Essensresten auf dem Komposthaufen strahlt mehr religiöse Erhabenheit aus als dieser letzte Schritt im Ritual. Es fühlt sich irgendwie falsch an. So als ob man die Gäste nach einem rauschenden Fest mit Probierpackungen einer neuen Warzencreme verabschiedete.
Kurz darauf geht mein Besuch in der Hexenwohnung zu Ende und ich fahre erneut durch ein erstaunlich leeres Aachen zum Hauptbahnhof. Mir hat die Offenheit gegenüber anderen Glaubensvorstellungen gefallen, die es unter den Hexen gibt. Insgesamt kommt mir diese Religion vor wie ein grimmig wirkender Motorradrocker, der aber in Wahrheit zwei verstoßene Katzenwelpen pflegt und ehrenamtlich in einem Kinderheim arbeitet. Tatsächlich haben die Hexen ein echtes Imageproblem. Zwar wirkt das Hexentum durch den Einsatz von Schwertern, alten Gewändern und dem Anrufen heidnischer Götter exotisch, aber in Wahrheit kann es auch von gemütlichen Kleinstadtspießern praktiziert werden.Wenn ich der Pressesprecher des Hexentums in Deutschland wäre, würde ich versuchen, die eigenen Rituale als eine Art Rettung des familiären Spieleabends zu verkaufen. Während Mami in der Küche noch die Knochen für das Ritual abkocht, säubert Papi das Schwert und die Kinder stellen den Göttern währenddessen kleine Geschenke auf die Altäre. Und dann können die Rituale so lange gehen, wie die Familie möchte. Was ich aber auf jeden Fall aus diesem Wochenende mitnehme, ist die Erkenntnis: Im Hexenkessel wird auch nur mit Wasser gekocht.
»Wer sich im wahrsten Sinne des Wortes göttlich amüsieren und dabei auch staunen will, sollte dieses Buch lesen.«
Dr. Alexander Altmann, Landshuter Zeitung, 11.6.2016

»...unser ultimativer Tipp: Wer sich im wahrsten Sinne des Wortes göttlich amüsieren und dabei auch staunen will, sollte dieses Buch lesen.«
Alexander Altmann, Nürnberger Nachrichten, 7.6.2016

»...eine durchweg gelungene Mischung aus Befragung, Beobachtung und Biss macht die Lektüre zum unterhaltsamen Lehrspaziergang.«
Das Magazin, Juni 2016

»Die Idee ist göttlich, das Ergebnis ein Segen.«
Tobias Jochheim, rp-online.de, 4.6.2016

»Böss liefert hier kein Sammelsurium kurioser Freaks, die sich schrägen Ritualen unterziehen. Er berichtet vielmehr von Teilen der deutschen Gesellschaft, die vielleicht die wichtigste Basis der international so gefeierten deutschen Willkommenskultur 2015 war.«
Doris Akrap, Taz am Wochenende, 23./24.4.2016

»Böss schreibt witzig, beobachtet scharf, aber ohne böse zu sein.«
Til Biermann, BZ, 4.4.2016

»Die Angst vor einer Übermacht des Islams ist sehr präsent in diesen Monaten nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Gideon Böss´ unterhaltsames Buch zu 26 Stationen des Glaubens sorgt in dieser Frage für eine willkommene Entkrampfung.«
Judith Luig, Berliner Morgenpost, 11.4.2016
Tropen
1. Aufl. 2016, 398 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50230-5
autor_portrait

Gideon Böss

Gideon Böss publiziert seit seinem Studium in verschiedenen Zeitungen, u. a. in Cicero und Focus. Seit 2008 schreibt er für DIE WELT die Online...

https://www.youtube.com/v/N1JCDmrGPrw&feature=youtu.be


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