Zerbrechliche Dinge

Geschichten & Wunder

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Ein Buch eines der weltweit erfolgreichsten Fantasy-Autoren

Gaiman versteht es meisterhaft, den Übergang von Traum, Wirklichkeit und dem stets präsenten Untergang zu schildern und taucht dabei tief ein in den subtilen Strom der Phantastik.

»Gaiman ist ganz einfach eine wahre Fundgrube an Geschichten - in jedem Medium ein Glücksfall.« Stephen King

Ein liegengebliebener Leihwagen auf einem einsamen Highway, ein düsteres Zirkuszelt voller versteckter Geheimnisse, die flirrende Hitze der ägyptischen Wüste in ihrer menschenfeindlichen Schönheit - egal, wohin Neil Gaiman seine Figuren führt, sie werden stets mit der Zerbrechlichkeit ihrer eigenen Welt konfrontiert - Abgründen, in denen manch Unglücklicher verloren ging.

Wo zum Beispiel bleibt die Vermisstenanzeige für die unglückliche Misses Finch, die während einer Zirkusnummer für immer verschwand? Und wer hat die Mitglieder des Clubs der Epikuräer je wieder gesehen, die sich der Suche nach noch nie gekosteten kulinarischen Genüssen verschrieben haben? Wohin ist der Junge auf der Party verschwunden, der endlich seine Angst vor Mädchen überwinden wollte?

Der Autor ist Träger sämtlicher Fantasy- Preise (Lokus-, Hugo-,World- Fantasy-Award u.a.) und Bestsellerautor der Comicserie »Sandman« und »American Gods«.

Inhaltsverzeichnis
Kies auf der Straße der Erinnerung 7
Verbotene Braute gesichtsloser Sklaven im geheimen Haus der Nacht grausiger Gelüste 15
Bitterer Kaffeesatz 37
Gustav hat den Frack an 67
Wie man auf Partys Madchen anspricht 77
Eine Studie in Smaragdgrün 99
Die wahren Umstande im Fall des Verschwindens von Miss Finch 135
Sonnenvogel 161
Fressen und gefressen werden 193
Virusproduzentenkrupp 209
Goliath 215
Oktober hat den Vorsitz 235
Der Herr des Tals 257
Am Ende 327

Leseprobe
Kies auf der Straße der Erinnerung

Mir gefällt es, wenn das Leben wie eine Geschichte verläuft. Die Realität kommt dem allerdings nur selten nahe, von den seltsamen Ereignissen, mit denen wir immer wieder konfrontiert werden, ganz zu schweigen. Sie finden keinen richtig überzeugenden Schluss. Wenn wir über merkwürdige Dinge sprechen, ist das in etwa so, als erzählten wir einen Traum: Wir können vermitteln, was in dem Traum passiert ist, aber nicht, wie der Traum möglicherweise auf unseren ganzen Tag abfärbt.
Als Kind glaubte ich, dass es Orte gebe, wo es spukt - verlassene Häuser und Orte, die mir Angst einjagten. Nach Möglichkeit mied ich sie, was zur Folge hatte, dass meine Schwestern völlig überzeugende Geschichten über merkwürdige Gestalten erzählen konnten, auf die sie in den Fenstern leerstehender Häuser einen flüchtigen Blick erhascht hatten, und ich nicht. Daran hat sich nichts geändert.
Dies ist meine Gespenstergeschichte, und was soll ich sagen - sie ist nicht überzeugend.
Ich war fünfzehn.
Wir wohnten in einem neuen Haus, das im Garten unseres alten Hauses errichtet worden war. Das alte Haus vermisste ich noch immer: Es war eine große alte Villa gewesen. Wir hatten die eine Hälfte bewohnt. Die Leute, die die andere Hälfte bewohnten, verkauften sie an einen Bauunternehmer, und so verkaufte mein Vater unsere Haushälfte ebenfalls an ihn.
Das war in Sussex, ein Ort, durch den der Nullmeridian verläuft: Ich wohnte in der östlichen Hemisphäre und ging in der westlichen Hemisphäre zur Schule.
Das alte Haus war eine Schatzkammer merkwürdiger Dinge gewesen: Brocken glitzernden Marmors und mit flüssigem Quecksilber gefüllte Glaskolben; Türen, hinter denen Backsteinmauern zum Vorschein kamen; sonderbare Spielsachen; lauter Dinge, die uralt und in Vergessenheit geraten waren.
Es heißt, in meinem eigenen Haus - einem viktorianischen Backsteingebäude mitten in Amerika - spuke es. Das habe ich mir jedenfalls sagen lassen. Es gibt nur wenige Menschen, die noch bereit sind, hier eine Nacht alleine zu verbringen. Meine Assistentin erzählte mir von den Nächten, die sie hier zugebracht hat: von der Porzellanspieluhr, die plötzlich mitten in der Nacht anfing zu spielen, und wie sie völlig überzeugt gewesen sei, dass jemand sie beobachtete. Andere Leute brachten ähnliche Beschwerden vor, nachdem sie alleine in meinem Haus geschlafen hatten.
Mir ist hier noch nie etwas widerfahren, das mich beunruhigt hätte, aber ich habe hier auch noch nie eine Nacht allein verbracht. Und ich bin nicht sicher, ob ich das wirklich will.
»Wenn ich hier bin, begegnen mir keine Gespenster«, sagte ich einmal, als ich gefragt wurde, ob es in meinem Haus spuke.
»Vielleicht bist du es, der darin spukt«, gab jemand zu bedenken, aber das bezweifle ich ehrlich gesagt. Wenn wir denn hier ein Gespenst haben, dann ist es ein furchtsames Geschöpf, das größere Angst vor uns hat als wir vor ihm.
Aber ich wollte von unserem alten Haus erzählen, das verkauft und abgerissen wurde (ich konnte es damals nicht ertragen, es leerstehen zu sehen, aber ebenso wenig konnte ich es ertragen zuzuschauen, wie es zerstört und einplaniert wurde: Mein Herz hing an diesem Haus, und selbst jetzt noch höre ich nachts, bevor ich einschlafe, den Wind durch die Eberesche seufzen, die vor fünfundzwanzig Jahren vor meinem Kinderzimmerfenster stand). Und so zogen wir in das neue Haus, das, wie gesagt, im Garten unseres alten Hauses gebaut worden war, und einige Jahre vergingen.
Damals lag das Haus auf halbem Weg eine gewundene Kiesstraße hinunter, von Feldern und Bäumen umgeben mitten im Nirgendwo. Würde ich jetzt dorthin zurückkehren, so wäre die Kiesstraße bestimmt gepflastert, und wo sich früher Felder erstreckten, befände sich wohl eine endlose Wohnsiedlung. Aber ich werde nicht dorthin zurückkehren.
Ich war fünfzehn, dünn und schlaksig, und natürlich wollte ich unbedingt cool sein. Es war ein Herbstabend.
Vor unserem Haus stand ein Laternenpfahl, der aufgestellt worden war, als das Haus gebaut wurde, und er war in dieser lampenlosen ländlichen Gegend ebenso fehl am Platz wie der Laternenpfahl in den Narnia-Geschichten. Es war eine Natriumlampe, die gelb leuchtete und alle anderen Farben verblassen ließ - alle außer Gelb und Schwarz.
Eigentlich war sie nicht meine Freundin (meine Freundin wohnte in Croydon, wo ich zur Schule ging, eine grauäugige Blondine von unvorstellbarer Schönheit, die, wie sie mir gegenüber oft klagte, etwas durcheinander war und nicht recht verstehen konnte, warum sie ausgerechnet mit mir ging), aber ich war mit ihr befreundet, und sie wohnte nur zehn Minuten zu Fuß von mir entfernt, auf der anderen Seite der Felder im älteren Teil des Ortes.
Ich wollte zu ihr hinüberlaufen, um Schallplatten anzuhören, rumzusitzen und zu quatschen.
Ich trat aus dem Haus, rannte die mit Gras bewachsene Böschung hinunter zur Auffahrt und blieb wie angewurzelt vor einer Frau stehen, die unter der Straßenlaterne stand und zu dem Haus hinaufstarrte.
Sie war angezogen wie eine Zigeunerkönigin in einem Bühnenstück oder wie eine maurische Prinzessin. Sie sah gut aus, ohne jedoch schön zu sein. In meiner Erinnerung war sie farblos, bis auf die allgegenwärtigen schwarzgelben Schattierungen.
Völlig überrascht darüber, jemandem gegenüberzustehen, wo ich niemanden erwartet hatte, sagte ich: »Hallo.«
Die Frau sagte nichts. Sie sah mich an.
»Suchen Sie irgendjemanden? «, fragte ich, oder etwas in der Art, und wieder sagte sie nichts.
Und sie sah mich immer noch an, diese Frau, die eigentlich nicht hätte da sein dürfen, mitten im Nirgendwo, gekleidet wie einem Traum entsprungen, und noch immer sagte sie kein einziges Wort. Allerdings lächelte sie jetzt, und es war kein nettes Lächeln.
Und plötzlich hatte ich Angst: maßlose, entsetzliche Angst, wie jemand in einem Traum, und ich ging davon, die Auffahrt hinunter und um die Ecke, während mir das Herz in der Brust pochte.
Ich stand dort, außer Sichtweite des Hauses, und schaute zurück, und es stand niemand unter dem Laternenpfahl.
Bis zum Haus waren es nur fünfzig Schritte, aber ich wollte und konnte mich nicht umdrehen und zurückgehen. Ich hatte zu große Angst. Stattdessen rannte ich die dunkle, von Bäumen gesäumte Kiesstraße hinauf in den Ort und eine weitere Straße entlang zu der Straße, an der meine Freundin wohnte, und als ich dort anlangte, war ich völlig außer Atem und brachte kein Wort heraus, ganz so, als seien alle Höllenhunde hinter mir her gewesen.
Ich erzählte ihr, was ich erlebt hatte, und wir riefen bei meinen Eltern an, die mir erklärten, es stünde da niemand unter dem Laternenpfahl, und einigermaßen widerstrebend sagten sie ja, sie würden mich mit dem Auto abholen, damit ich an dem Abend nicht nach Hause laufen musste.
Und mehr ist nicht dran an meiner Geschichte. Ich wünschte, es wäre anders: Ich wünschte, ich könnte euch von dem Zigeunerlager erzählen, das vor zweihundert Jahren an ebendieser Stelle niedergebrannt worden war - oder irgendetwas anderes, das diese Geschichte zu einem überzeugenderen Abschluss bringen könnte, irgendetwas, sodass es eine richtige Geschichte wäre -, aber ein solches Lager gab es nicht.
Und so habe ich auch, wie für die anderen seltsamen Ereignisse meiner Welt, für dieses Vorkommnis keine Erklärung. Es ist keine Geschichte mit einem runden Schluss.
Und in meiner Erinnerung bleiben mir nur ihr gelbschwarzes Lächeln und eine Ahnung der Furcht, die ich empfand.
I.
Irgendwo in der Nacht kratzte eine Feder über Papier.
ii. Ihre Füße knirschten über Kies, während sie, von panischer Angst erfüllt, die von Bäumen gesäumte Auffahrt hinaufrannte. Das Herz pochte ihr laut in der Brust, und sie hatte das Gefühl, gleich würden ihre Lungen platzen. Keuchend atmete sie die kalte Nachtluft ein. Ihr Blick war
auf das Haus gerichtet, das sich vor ihr erhob; das einsame Licht in einem Zimmer unter dem Dach zog sie an wie eine Kerzenflamme eine Motte. Über ihr und weit entfernt im
tiefen Wald hinter dem Haus jauchzten und kreischten die Geschöpfe der Nacht. Auf der Straße hinter ihr hörte sie ganz kurz etwas aufschreien - ein kleines Tier, so hoffte sie, das einem Räuber zum Opfer gefallen war, aber sicher konnte sie sich nicht sein.
Sie rannte, als wären ihr die Legionen der Hölle auf den Fersen, und warf nicht einmal dann einen Blick hinter sich, als sie die Veranda der alten Villa erreichte. Im blassen Mondlicht wirkten die weißen Säulen wie Skelette, wie die bleichen Knochen einer gewaltigen Bestie. Sie krallte ihre Finger in den hölzernen Türrahmen, schnappte nach Luft, wandte sich um und starrte die lange Auffahrt hinunter, als warte sie auf etwas. Schließlich klopfte sie an der Tür - zaghaft zuerst, dann fester. Das Klopfen hallte durch das Haus. Das Echo, das zu ihr zurückkehrte, hörte sich an, als klopfe jemand in großer Ferne an eine andere Tür, gedämpft und tot.
»Bitte! «, rief sie. »Wenn da jemand ist - irgendjemand -, bitte lasst mich ein. Ich flehe Euch an. « Sie erkannte ihre eigene Stimme nicht wieder.
Das flackernde Licht in dem Zimmer unter dem Dach verblasste und erlosch, tauchte ein Stockwerk tiefer wieder auf und nacheinander in den jeweils darunter gelegenen Fenstern. Offenbar eine einzelne Person mit einer Kerze. Das Licht verschwand in den Tiefen des Hauses. Sie rang verzweifelt um Atem. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bevor sie auf der anderen Seite der Tür Schritte hörte und durch eine Ritze in dem verzogenen Türrahmen den Schein der Kerze sah.
»Hallo? «, sagte sie.
Die Stimme, die daraufhin erklang, war so trocken wie alte Knochen - eine ausgedörrte Stimme, die an knisterndes Pergament und modrige Grabbehänge gemahnte. »Wer ist da? «, sagte sie. »Wer klopft da? Wer besucht mich in dieser Nacht aller Nächte? «
Die Stimme beruhigte sie keineswegs. Sie blickte in die Nacht hinaus, die das Haus einhüllte, straffte dann die Schultern, warf ihre rabenschwarzen Locken in den Nacken und sagte in einem Tonfall, der, so hoffte sie, keine Furcht verriet: »Ich bin es, Amelia Earnshawe, seit kurzem eine Waise und auf dem Wege, eine Stellung als Gouvernante eines Jungen und eines Mädchens anzunehmen, den beiden kleinen Kindern von Lord Falconmere, dessen grausame Blicke ich während des ersten Gesprächs in seiner Londoner Residenz ebenso abstoßend wie faszinierend fand, und dessen adlerartiges Gesicht mich bis in meine Träume verfolgt.«
»Was habt Ihr dann hier zu suchen, vor diesem Haus, in dieser Nacht aller Nächte? Schloss Falconmere liegt gut zwanzig Meilen entfernt von hier auf der anderen Seite des Moors. «
»Der Kutscher, ein widerlicher Kerl und auch noch stumm dazu- jedenfalls tat er so, denn er sprach kein Wort, sondern äußerte seine Wünsche nur in Form von Knurren und Kollern -, hat sein Gespann wohl eine Meile die Straße hinunter zum Stehen gebracht, wenn ich mich nicht täusche, und mir mittels Gesten zu verstehen gegeben, ich solle aussteigen. Als ich mich weigerte, zerrte er mich grob aus der Kutsche und stieß mich auf die kalte Erde, und dann peitschte er wild auf die Pferde ein und raste den Weg zurück, den wir gekommen waren, wobei er meine Taschen und meinen Koffer mit sich nahm. Ich habe ihm hinterhergerufen, aber er kehrte nicht um, und ich hatte den Eindruck, dass in dem finsteren Forst hinter mir eine tiefere Düsternis dräute. Ich habe das Licht in Eurem Fenster gesehen, und ich ... ich ...« Es gelang ihr nicht länger, so zu tun, als sei sie tapfer, und sie begann zu schluchzen.
»Euer Vater«, drang die Stimme von der anderen Seite der Tür zu ihr herüber. »War er etwa der ehrenwerte Hubert Earnshawe? «
Amelia hielt die Tränen zurück. »Ja. Ja, das war er. «
»Und Ihr - Ihr sagt, Ihr seid eine Waise?«
Sie musste an ihren Vater denken, an seine Tweedjacke, als der Mahlstrom ihn erfasste, ihn auf die Felsen warf und ihn ihr für immer entriss.
»Er starb bei dem Versuch, meiner Mutter das Leben zu retten. Sie sind beide ertrunken. «
Sie hörte das dumpfe Knirschen eines Schlüssels, der in einem Schloss umgedreht wurde, und dann wurden zwei eiserne Riegel zurückgezogen. »So seid denn willkommen, Fräulein Amelia Earnshawe. Seid willkommen auf Eurem Erbteil in diesem Haus ohne Namen. Jawohl, willkommen in dieser Nacht aller Nächte.« Die Tür schwang auf.
Der Mann hielt eine schwarze Talgkerze in der Hand; die flackernde Flamme erleuchtete sein Gesicht von unten und verlieh ihm ein unheimliches, gespenstisches Aussehen. Er hätte Jack O'Lantern sein können, dachte sie bei sich, oder ein ungewöhnlich alter Axtmörder.
Mit einer Handbewegung bedeutete er ihr hereinzukommen.
»Warum sagt Ihr das immer wieder? «, fragte sie.
»Was sage ich immer wieder? «
»›In dieser Nacht aller Nächte.‹ Das habt Ihr jetzt schon dreimal gesagt. «
Für einen Moment starrte er sie nur an. Dann bedeutete er ihr noch einmal mit knochenblassem Finger, sie solle eintreten. Als sie seiner Einladung folgte, hielt er ihr die Kerze ganz nahe vors Gesicht und starrte sie mit Augen an, die noch nicht gänzlich wahnsinnig waren, aber auch bei weitem nicht zurechnungsfähig wirkten. Er schien sie einer Musterung zu unterziehen, und schließlich brummte er etwas und nickte. »Hier entlang.« Mehr sagte er nicht.
Sie folgte ihm einen langen Korridor hinunter. Die Flamme der Kerze warf phantastische Schatten, und in ihrem Schein tollten und tanzten die Standuhr und die brüchigen Stühle, die einen Tisch umstanden. Der alte Mann hantierte ungeschickt mit seiner Schlüsselkette und schloss dann eine Tür in der Wand unterhalb der Treppe auf. Aus der dahinterliegenden Finsternis drang der Geruch von Moder, Staub und Einsamkeit zu ihnen herauf.
»Wohin gehen wir? «, fragte sie.
Er nickte, als hätte er sie nicht verstanden. Dann sagte er: »Es gibt welche, die sind, was sie sind. Und dann gibt es welche, die nicht sind, was sie zu sein scheinen. Und dann gibt es wiederum welche, die nur zu sein scheinen, was sie zu sein scheinen. Merkt Euch meine Worte, und merkt sie Euch gut, Tochter von Hubert Earnshawe. Habt Ihr mich verstanden? «
Sie schüttelte den Kopf. Er ging weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Sie folgte dem alten Mann die Treppe hinunter.
III.
In weiter Ferne und ferner Zeit warf der junge Mann seine Feder auf das Manuskript; sepiafarbene Tinte spritzte über das Ries Papier und den auf Hochglanz polierten Tisch.
»Das taugt nichts«, sagte er bedrückt. Behutsam tupfte er den Zeigefinger in den Tintenklecks, den er gerade auf dem Tisch gemacht hatte, wobei er das Teakholz noch dunkler verfärbte. Dann rieb er sich achtlos mit dem Finger über den Nasenrücken und hinterließ dort einen dunklen Fleck.
»Wirklich gar nichts, Sir?« Der Butler war völlig geräuschlos eingetreten.
»Es geht wieder los, Toombes. Humor schleicht sich ein. An allen Ecken und Enden lugt Selbstparodie hervor. Und ich gebe mich, ohne es zu wollen, mit literarischen Konventionen ab, äffe sowohl mich nach als auch die ganze schreibende Zunft.«
Der Butler musterte seinen jungen Herrn, ohne zu blinzeln.
»Soweit ich weiß, wird Humor heutzutage in gewissen Kreisen sehr geschätzt, Sir. «
Der junge Mann legte den Kopf in die Hände und rieb sich mit den Fingerspitzen gedankenvoll über die Stirn. »Das ist nicht das Entscheidende, Toombes. Ich möchte eine Geschichte erzählen, wie sie das Leben hätte schreiben können, eine getreue Darstellung der Welt, wie sie ist - was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Stattdessen ergehe ich mich, während ich schreibe, in einer Schuljungenparodie auf die Marotten meiner Standesgenossen. Ich reiße dürftige Witze. « Er hatte sich Tinte über das ganze Gesicht geschmiert. »Sehr dürftig.«
Aus dem verbotenen Zimmer unter dem Dach des Hauses erklang ein unheimlicher, heulender Schrei, der durch das ganze Haus hallte. Der junge Mann seufzte. »Ich glaube, es ist besser, wenn Tante Agatha etwas zu essen bekommt, Toombes. «
»Jawohl, Sir.«
Der junge Mann griff wieder zur Feder und kratzte sich mit der Spitze müßig das Ohr.
Hinter ihm, nur schlecht beleuchtet, hing das Porträt seines Ur-Urgroßvaters. Die gemalten Augen waren schon vor langer Zeit sorgsam herausgeschnitten worden, und echte Augen starrten nun aus dem Leinwandgesicht auf den jungen Schriftsteller herab. Diese Augen funkelten lohfarben. Hätte sich der junge Mann umgedreht und sie bemerkt, hätte er sie für die goldenen Augen einer großen Katze oder eines missgebildeten Raubvogels gehalten, wenn dergleichen denn möglich wäre. Diese Augen gehörten nicht in den Kopf eines Menschen. Aber der junge Mann drehte sich nicht um. Stattdessen nahm er ein Blatt Papier, tauchte seinen Federkiel in das gläserne Tintenfass und schrieb weiter: »Ja ...«, sagte der alte Mann und stellte die schwarze Talgkerze auf das schweigende Harmonium. »Er ist unser Herr, und wir sind seine Sklaven, auch wenn wir uns vormachen, dass dem nicht so sei. Aber wenn die Stunde gekommen ist, dann fordert er ein, was er begehrt, und es ist unsere Pflicht und unser Wille, ihm das zu beschaffen, wessen ...« Er schauderte und holte tief Luft. Dann sagte er nur: »... wessen er bedarf. « Die Fledermausgardinen flatterten in dem glaslosen Fensterrahmen - ein Unwetter zog auf. Amelia presste sich das Seidentaschentuch an die Brust, das Monogramm ihres Vaters nach oben. »Und das Tor?«, fragte sie im Flüsterton. »Zur Zeit Eurer Vorfahren war es verriegelt, und bevor er verschwand, hat er Anweisung erteilt, dass es geschlossen bleiben soll. Aber es gibt noch immer Tunnel, welche die alte Gruft mit dem Friedhof verbinden. « »Und Sir Fredericks erste Ehefrau ...?« Er schüttelte traurig den Kopf. »Hoffnungslos wahnsinnig und auch nur eine mittelmäßige Cembalospielerin. Er hat das Gerücht in Umlauf gebracht, sie sei tot, und vielleicht haben einige das sogar geglaubt. « Lautlos wiederholte sie die letzten sechs Worte, die er gesagt hatte. Dann sah sie zu ihm auf, und in ihrem Blick lag neue Entschlossenheit. »Und was ist mit mir? Nachdem ich nun erfahren habe, warum ich hier bin - was ratet Ihr mir, was ich tun soll? « Er schaute sich in dem leeren Saal um. Dann sagte er in eindringlichem Tonfall: »Flieht von hier, Fräulein Earn shawe. Flieht, solange noch Zeit ist. Flieht um Euer Leben, flieht um Euer unsterbliches Aagh.«
»Mein was? «, fragte sie, doch kaum waren ihr die Worte über die Lippen gekommen, brach der alte Mann zusammen. Ein silberner Armbrustbolzen ragte ihm aus dem Hinterkopf.
»Er ist tot«, sagte sie, ebenso bestürzt wie erstaunt.
»O ja«, bestätigte eine grausame Stimme von der anderen Seite des Saals. »Aber er war schon tot, bevor der heutige Tag anbrach, mein Mädchen. Ich glaube sogar, dass er schon eine ungeheuer lange Zeit tot war. «
Vor ihren entsetzten Augen begann die Leiche zu verfallen. Das Fleisch tropfte und triefte, verweste und verflüssigte sich, die Knochen zerbröckelten und lösten sich auf, bis nichts mehr übrig blieb als eine stinkende Masse, wo einst ein Mensch gewesen war.
Amelia ging daneben in die Hocke und tauchte eine Fingerspitze in das widerliche Zeug. Sie leckte den Finger ab und verzog das Gesicht. »Mich deucht, Ihr habt recht, mein Herr, wer immer Ihr seid«, sagte sie. »Ich würde schätzen, dass er schon fast hundert Jahre tot ist. «
V.
»Ich trachte danach«, sagte der junge Mann zu der Kammerzofe, »einen Roman zu schreiben, der das Leben so widerspiegelt, wie es ist, und zwar bis in die kleinste Einzelheit. Und doch gerät mir, während ich schreibe, alles zu Unflat und plumpem Possenspiel. Was soll ich nur tun? Na, Ethel? Was soll ich tun? «
»Mit Verlaub, Herr, das weiß ich nicht«, erwiderte die Kammerzofe. Sie war hübsch und jung und vor einigen Wochen unter geheimnisvollen Umständen in das große Haus gekommen. Sie drückte den Blasebalg noch einige Male, bis das Herz des Feuers grell orange glühte. »Ist das alles? «
»Ja. Nein. Ja«, sagte er. »Du kannst gehen, Ethel. «
Das Mädchen nahm die leere Kohlenschütte und durchquerte ohne Hast den Salon.
Der junge Mann machte keinerlei Anstalten, an seinen Schreibtisch zurückzukehren; stattdessen stand er vor dem offenen Kamin und betrachtete gedankenverloren den menschlichen Schädel auf dem Sims und die gekreuzten Schwerter, die darüber an der Wand hingen. Das Feuer knisterte und fauchte unter dem Brechen der Kohlestücke.
Er hörte Schritte hinter sich, ganz nahe. Der junge Mann drehte sich um. »Du?«
Der Mann, der ihm gegenüberstand, sah ihm zum Verwechseln ähnlich - die weiße Strähne im kastanienbraunen Haar zeigte deutlich, dass sie demselben Geschlecht entstammten, wenn es denn noch eines Beweises bedurft hätte. Die Augen des Fremden waren dunkel, sein Blick unstet, und seinen straffen Mund umspielte ein trotziger Zug.
»Ja - ich! Ich, dein älterer Bruder, den du schon seit vielen Jahren für tot gehalten hast. Aber ich bin nicht tot - oder vielleicht bin ich nicht mehr tot - und ich bin zurückgekehrt - ja, zurückgekehrt aus Gegenden, die besser niemand bereisen sollte -, um einzufordern, was rechtmäßig mir gehört.«
Der junge Mann zog die Augenbrauen hoch. »Ich verstehe. Nun, all das hier gehört offensichtlich dir - wenn du beweisen kannst, dass du der bist, der du zu sein behauptest.«
»Beweisen? Ich muss nichts beweisen. Ich berufe mich auf mein Geburtsrecht, auf das Recht meines Blutes - und des Todes. « Mit diesen Worten riss er beide Schwerter von der Wand und reichte eines davon mit dem Griff zuerst seinem jüngeren Bruder. »Sei auf der Hut, mein Bruder - und möge der Bessere gewinnen.«
Die Klingen blitzten im Schein des Feuers, und Stahl küsste Stahl in einem ausgeklügelten Tanz aus Stoß und Parade. Bisweilen schien es nicht mehr zu sein als ein anmutiges Menuett oder ein höfischer, wohlbedachter Tanz. Dann wieder herrschte ungezähmte Wildheit vor, und Schlag folgte so schnell auf Schlag, dass das Auge nicht mehr folgen konnte. Immer im Kreis ging es, alsbald die Stufen zum Zwischengeschoss hinauf und schließlich die Treppe zum großen Saal hinunter. Sie schwangen sich von Vorhängen zu Kronleuchtern. Sie sprangen auf Tische und wieder hinunter.
Der ältere Bruder war offensichtlich erfahrener und vielleicht auch der bessere Fechter, aber der jüngere Mann war frischeren Mutes, er kämpfte wie ein Besessener und zwang seinen Gegner immer weiter zurück und zurück und zurück bis direkt vor das prasselnde Feuer. Der ältere Bruder streckte die linke Hand aus und griff nach dem Schürhaken. Wutentbrannt schlug er damit nach dem Jüngeren, der sich duckte und ihm mit eleganter Bewegung das Schwert durch die Brust stieß.
»Es ist aus. Ich bin ein toter Mann. «
Der jüngere Bruder neigte sein tintenfleckiges Gesicht.
»Vielleicht ist es besser so. Wahrlich, weder Haus noch Ländereien begehrte ich. Nur um meinen Frieden, so glaube ich, war es mir zu tun. « Da lag er nun und blutete purpurn auf die grauen Steinplatten. »Bruder? Nimm meine Hand. «
Der junge Mann kniete nieder und ergriff eine Hand, die bereits, so schien es, kalt wurde.
»Bevor ich in die Nacht entschwinde, wohin mir niemand folgen kann, muss ich dir noch etwas gestehen. Ich glaube, dass mit meinem Tod der Fluch von unserem Geschlecht genommen ist. Und dann ...« Sein Atem ging nur noch pfeifend, und auf seinen Lippen bildeten sich Blasen. »Und dann ... das ... das Ding im Abgrund ... meide den Keller ... die Ratten ... das - es folgt dir! «
Und damit sank sein Kopf auf den Stein, und seine Augen rollten nach oben, blicklos, für immer.
Vor dem Haus krächzte dreimal ein Rabe. Und aus der Gruft unter dem Haus drang plötzlich eine seltsame pfeifende Melodie zu ihnen herauf - für manche hatte die Totenwache offenbar bereits begonnen.
Der jüngere Bruder und, so hoffte er, nunmehr wieder der unangefochtene Träger seines Titels griff nach einem Glöckchen und läutete nach einem Diener. Der Butler Toombes stand in der Tür, noch bevor das letzte Läuten verklungen war.
»Das hier soll fortgeschafft werden«, sagte der junge Mann. »Aber respektvoll. Er ist gestorben, um seine Ehre wiederherzustellen. Unser beider Ehre vielleicht.«
Toombes sagte nichts, nickte aber, um zu zeigen, dass er verstanden hatte.
Der junge Mann verließ den Salon. Er suchte den Spiegelsaal auf - einen Saal, aus dem mit Bedacht alle Spiegel entfernt worden waren; an den getäfelten Wänden zurückgeblieben waren unregelmäßig geformte Schatten. Da der junge Mann sich alleine wähnte, dachte er laut nach.
»Genau das ist es, worüber ich gesprochen habe«, sagte er. »Wäre so etwas in einer meiner Geschichten geschehen - und dergleichen geschieht unentwegt -, hätte ich mich gezwungen gesehen, es unbarmherzig auszumerzen. « Er schlug mit der Faust gegen die Wand, wo einst ein sechseckiger Spiegel gehangen hatte. »Was ist nur los mit mir? Weshalb dieser Makel?«
Sonderbare umhertrippelnde Geschöpfe schnatterten und schnodderten hinter den schwarzen Vorhängen am Ende des Raums, hoch droben im düsteren Eichengebälk und hinter der Wandvertäfelung, aber eine Antwort auf seine Frage hatten sie nicht. Er hatte auch keine erwartet.
Er stieg die Haupttreppe hinauf, ging einen dunklen Flur entlang und betrat seine Studierstube. Jemand, fiel ihm gleich auf, hatte sich an seinen Papieren zu schaffen gemacht. Später, nach der Versammlung, würde er wohl herausfinden, wer.
Er setzte sich an seinen Schreibtisch, tauchte einmal mehr seinen Federkiel ins Tintenfass und schrieb weiter.
Draußen brüllten die Ghulfürsten vor Enttäuschung und Hunger, warfen sich in ihrem gierigen Zorn gegen die Tür, doch die Schlösser waren stark, und Amelia hegte die nicht unbegründete Hoffnung, dass sie halten würden.
Was hatte der Holzfäller zu ihr gesagt? Seine Worte kamen ihr wieder in den Sinn, just als sie ihrer am meisten bedurfte, als stünde er direkt neben ihr, seine mannhafte Gestalt nur wenige Zentimeter entfernt von ihren weiblichen Rundungen; der Duft seines ehrlich sich mühenden Körpers hüllte sie ein wie ein berauschendes Parfüm, und sie hörte seine Worte, als flüstere er sie ihr in ebendiesem Augenblick ins Ohr. »Nicht immer war ich des Standes, in dem du mich jetzt siehst, Mädchen«, erklärte er ihr. »Einst hatte ich einen anderen Namen und eine Bestimmung, die nichts damit zu tun hatte, klafterweise Feuerholz von umgestürzten Bäumen zu schlagen. Aber wisse dies: Der Sekretär birgt ein Geheimfach - das behauptete jedenfalls mein Großonkel, wenn er einen über den Durst getrunken hatte ...«
Der Sekretär! Natürlich!
Sie eilte zu dem alten Schreibtisch hinüber. Zuerst konnte sie keine Spur von einem Geheimfach finden. Sie zog die Schubladen auf, eine nach der anderen, bis sie bemerkte, dass eine davon nicht so tief war wie die übrigen.
Daraufhin zwängte sie ihre weiße Hand in die Aussparung dahinter und ertastete dort einen Knopf. Entschlossen drückte sie darauf. Etwas gab nach, und ihre Hand schloss sich um eine Schriftrolle.
Amelia zog die Hand zurück. Die Schriftrolle war mit einem staubigen schwarzen Band umwickelt, und mit fliegenden Fingern öffnete sie den Knoten und entrollte das Papier. Dann las sie, wobei es ihr Mühe bereitete, die veraltete Handschrift zu entziffern und ihren Sinn zu verstehen. Während sie las, nahmen ihre edlen Züge eine gespenstische Blässe an, und sogar ihre veilchenblauen Augen wirkten trübe und unruhig.
Das Klopfen und Kratzen wurde immer lauter. In Bälde würden sie durchbrechen, daran hegte sie keinen Zweifel. Keine Tür konnte sie auf Dauer aufhalten. Sie würden durchbrechen, und Amelia wäre eine leichte Beute für sie. Wenn nicht ...
»Weicht! «, rief sie mit zitternder Stimme. »Ich beschwöre euch, die ihr dort draußen lauert, und Euch am allermeisten, o Prinz der Aasfresser. Im Namen der heiligen Übereinkunft zwischen Eurem Volk und dem meinen.«
Die Geräusche verstummten. Das Mädchen hatte den Eindruck, die plötzliche Stille verriete Bestürzung. Schließlich sagte eine brüchige Stimme: »Die Übereinkunft? « Und ein Dutzend Stimmen flüsterte ebenso gespenstisch: »Die Übereinkunft« - ein heiseres, unheimliches Rauschen.
»Jawohl! «, rief Amelia Earnshawe, und ihre Stimme zitterte nicht mehr. »Die Übereinkunft.«
Denn die Schriftrolle, die so lange im Verborgenen gelegen hatte, enthielt die Übereinkunft - das gefürchtete Abkommen, das die Gebieter des Geschlechts und die Gäste der Gruft in weit zurückliegender Zeit geschlossen hatten. Darin wurden die grauenhaften Rituale festgeschrieben, die sie alle über Jahrhunderte aneinandergekettet hatten - Rituale des Blutes, des Salzes und mehr.
»Wenn du die Übereinkunft gelesen hast«, sprach eine tiefe Stimme hinter der Tür, »dann weißt du, wessen wir bedürfen, Tochter Hubert Earnshawes. «
»Bräute«, sagte sie schlicht.
»Die Bräute«, ertönte ein Flüstern von jenseits der Tür, und es wurde lauter und vervielfachte sich, bis sie den Eindruck hatte, das ganze Haus poche und halle im Gleichklang mit diesen Worten - zwei Silben, in denen grenzen-lose Sehnsucht mitschwang und Liebe und ... Hunger.
Amelia biss sich auf die Lippen. »Ja. Die Bräute. Ich werde euch Bräute bringen. Euch allen.«
Sie sprach leise, aber sie hörten sie, denn auf der anderen Seite der Tür herrschte Schweigen, ein tiefes, samtenes Schweigen.
Und dann zischte die Stimme eines Ghuls: »O ja! Und wäre es vielleicht möglich, als Beilage diese kleinen leckeren Brötchen zu bekommen? «
VII.
Heiße Tränen brannten dem jungen Mann in den Augen. Er schob die Blätter von sich und schleuderte den Federkiel durchs Zimmer. Tinte spritzte über die Büste seines Ur-Ur-Urgroßvaters, braune Tupfen auf geduldigem weißem Marmor. Der große trübsinnige Rabe, der auf der Büste hockte, wäre fast heruntergefallen und konnte sich nur halten, indem er mehrmals mit den Flügeln schlug. Unbeholfen hüpfend wandte er sich um und starrte den jungen Mann aus schwarzen Augen an.
»Ach, es ist unerträglich! «, rief dieser. Er war blass und zitterte. »Es gelingt mir nicht und wird es nie. Ich schwöre, bei ...« Da zauderte er und grübelte darüber nach, welcher der zahlreichen Flüche aus dem Familienarchiv wohl passen mochte.
Den Raben schien das nicht zu beeindrucken. »Bevor du zu fluchen anfängst und womöglich noch ehrenwerte und friedlich ruhende Vorfahren aus ihrem wohlverdienten Grab zerrst, beantworte mir nur eine Frage. « Die Stimme des Raben klang wie Stein, der auf Stein schlägt.
Erst sagte der junge Mann kein Wort. Es ist nicht ohne Beispiel, dass Raben sprechen, aber dieser hier hatte dergleichen noch nie getan, und der junge Mann war höchlichst überrascht. »Gewiss. So stelle deine Frage. «
Der Rabe legte den Kopf schief. »Bereitet es dir etwa Vergnügen, dieses Zeug zu schreiben? «
»Vergnügen?«
»Dieses lebensechte Zeug, das du da hinkritzelst. Ich habe hin und wieder einen Blick über deine Schulter geworfen. Und sogar ab und an etwas gelesen. Findest du Gefallen daran, dergleichen zu schreiben? «
Der junge Mann betrachtete den Raben von oben herab. »Es ist Literatur«, erklärte er, als hätte er ein Kind vor sich. »Wahre Literatur. Dem wahren Leben nachempfunden. Der Wirklichkeit. Es ist die Aufgabe des Künstlers, den Menschen die Welt zu zeigen, in der sie leben. Wir halten ihnen einen Spiegel vor. «
Vor dem Fenster zerteilte ein Blitz den Himmel. Der junge Mann blickte hinaus: Ein gezackter Streifen blendend hellen Feuers tauchte die knochendürren Bäume und die verfallene Abtei auf dem Hügel in ein unheimliches Licht.
Der Rabe räusperte sich. »Ich habe dich gefragt, ob es dir Vergnügen bereitet. «
Der junge Mann musterte den Vogel; dann wandte er den Blick ab und schüttelte wortlos den Kopf.
»Deshalb versuchst du immer wieder, es zu zerpflücken«, sagte der Vogel. »Nicht der Satiriker in dir zwingt dich, das Gewöhnliche und das Alltägliche zu verspotten. Lediglich die Langeweile angesichts des Laufs der Dinge. Siehst du das ein? « Er hielt inne, um mit dem Schnabel eine abstehende Feder glattzustreichen. Dann sah er den jungen Mann erneut schräg von unten an. »Hast du jemals darüber nachgedacht, etwas Phantastisches zu schreiben? «, fragte er.
Der junge Mann lachte. »Etwas Phantastisches? Hör mal, ich verfasse Literatur. Phantastik hat nichts mit dem Leben zu tun. Das sind esoterische Träume, von einer Minderheit für eine Minderheit verfasst. Das ...«
»... ist das, was du schreiben würdest, wenn du wüsstest, was gut für dich ist. «
»Ich bin Klassizist«, sagte der junge Mann. Er streckte die Hand nach einem Regal mit den Klassikern aus - Udolpho , Das Schloss von Otranto , Die Handschrift von Saragossa , Der Mönch und all die anderen. »Das ist Literatur. «
»Nimmermehr«, sagte der Rabe. Das waren die letzten Worte, die der junge Mann ihn jemals sprechen hörte. Er hüpfte von der Büste herunter, breitete die Flügel aus und glitt durch die Tür des Arbeitszimmers in die lauernde Dunkelheit hinaus.
Der junge Mann erschauerte. Er ließ sich die gängigen Themen der Phantastik durch den Kopf gehen: Autos und Börsenmakler und Pendler, Hausfrauen und Polizei, Kummerkästen und Seifenreklame, Einkommensteuer und billige Restaurants, Zeitschriften und Kreditkarten und Straßenlaternen und Computer...
»Reiner Eskapismus, das ist wahr«, sagte er laut. »Aber ist nicht die vornehmste Triebkraft des Menschen die Sehnsucht nach Freiheit, der Drang zur Flucht? «
Der junge Mann kehrte an seinen Schreibtisch zurück, schob die verstreuten Seiten seines unvollendeten Romans zusammen und warf sie kurzerhand in die unterste Schublade zu den vergilbten Landkarten, den rätselhaften Testamenten und den mit Blut unterzeichneten Dokumenten. Staub wirbelte auf, und er musste husten.
Er nahm eine frische Feder und schnitt mit dem Taschenmesser ihre Spitze zurecht. Fünfmal sicher angesetzt, und er hatte einen Kiel. Er tauchte die Spitze in das gläserne Tintenfass. Einmal mehr begann er zu schreiben.
Amelia Earnshawe steckte die Scheiben Vollkornbrot in den Toaster und drückte ihn nach unten. Sie stellte die Zeitschaltuhr auf Dunkelbraun, denn so aß George sie gerne. Amelia mochte ihren Toast lieber kaum angesengt. Sie aß auch gerne Weißbrot, selbst wenn es keine Vitamine hatte. Sie hatte seit einem Jahrzehnt kein Weißbrot mehr gegessen. George saß am Frühstückstisch und las seine Zeitung. Er blickte nicht auf. Er blickte nie auf. Ich hasse ihn , dachte sie und war erstaunt darüber, dass sie dieses Gefühl in Worte gefasst hatte. In Gedanken sagte sie es noch einmal. Ich hasse ihn. Es war wie ein Lied. Ich hasse ihn für seinen Toast und für seinen Kahlkopf und dafür, wie er den Miezen im Büro nachstellt - Mädchen, die gerade von der Schule gekommen sind und ihn hinter seinem Rücken auslachen, und dafür, wie er mich ignoriert, wenn er
keine Lust hat, mit mir zu reden, und dafür, wie er »Was, Liebling? « sagt, wenn ich ihm eine einfache Frage stelle, als hätte er längst meinen Namen vergessen. Als hätte er vergessen, dass ich überhaupt einen Namen habe.
»Rührei oder ein wachsweiches? «, sagte sie laut.
»Was, Liebling?«
George Earnshawe betrachtete seine Frau mit zärtlicher Zuneigung, und er wäre sehr erstaunt gewesen, hätte er gewusst, wie sehr sie ihn hasste. Seine Gefühle für sie waren dieselben, wie er sie für alles in diesem Haus hegte, was seit zehn Jahren gut funktionierte. Für den Fernseher, zum Beispiel. Oder für den Rasenmäher. Er hielt es für Liebe. »Weißt du, wir sollten wirklich auf einen dieser Protestmärsche gehen«, sagte er und deutete auf den Leitartikel der Zeitung. »Um zu zeigen, wie engagiert wir sind. Findest du nicht auch, Liebling? «
Der Toaster ließ ein Geräusch hören, um zu zeigen, dass er fertig war. Nur eine dunkle Scheibe wurde ausgeworfen. Amelia nahm ein Messer und fischte die zweite Scheibe heraus. Der Toaster war ein Hochzeitsgeschenk von Onkel John gewesen. Bald würden sie einen neuen kaufen oder das Brot unter dem Grill toasten müssen, so wie ihre Mutter früher.
»George? Möchtest du Rührei oder ein wachsweiches? «, fragte sie betont leise, und etwas an ihrer Stimme ließ ihn aufblicken.
»Ganz wie es dir gefällt, Liebling«, sagte er liebenswürdig, und später an jenem Vormittag sollte er seinen Kollegen im Büro erklären, dass er nicht den blassesten Schimmer hatte, warum sie einfach nur dastand, die Toastscheibe in der Hand, und warum sie in Tränen ausbrach.
IX.
Der Federkiel kratzte über das Papier, und der junge Mann war völlig vertieft in sein Tun. Sein Gesicht wirkte sonderbar zufrieden, und über seine Augen und seine Lippen glitt ein Lächeln.
Er war völlig in seine Arbeit versunken.
Irgendetwas kratzte und kroch hinter der Wandvertäfelung herum, doch er hörte es kaum.
Hoch droben unter dem Dach schrie und zeterte Tante Agatha und rasselte mit ihren Ketten. Ein seltsames Kichern drang von der verfallenen Abtei herüber, wurde höher und höher, bis ein manisches Lachen die Nachtluft zerriss. Durch den finsteren Forst hinter dem großen Haus schlurften und schlappten formlose Gestalten, und junge Frauen mit raben-schwarzen Haaren flohen vor ihnen in panischer Angst.
»Schwöre! «, sprach Butler Toombes drunten in der Speisekammer zu dem tapferen Mädchen, das sich für eine Kammerzofe ausgab. »Schwöre mir, Ethel, bei deinem Leben, dass du keiner lebenden Seele jemals ein Wort von dem verraten wirst, was ich dir erzähle ...«
Gesichter pressten sich an Fensterscheiben, und Worte wurden in Blut geschrieben; tief in der Gruft trat ein einsamer Ghul knirschend auf etwas, das vielleicht einmal lebendig gewesen war; vielarmige Blitze zuckten über den pechschwarzen Himmel; die Gesichtslosen wandelten auf Erden; und alles war gut.
»Knallharte Fakten, seelische Befindlichkeiten, das Eindringen des Magischen in den Alltag, die große Religion und der kleine Aberglaube stehen gleichrangig nebeneinander. Oft geht es in den Geschichten um geheimnisvolles Verschwinden, aber Unsicherheit bedeutet bei Gaiman stets auch Bereicherung: Erlösung von der Gewissheit der Grenzen der Welt.«
Thomas Klingenmaier, Stuttgarter Zeitung, 23.04.2010
Hobbitpresse Aus dem Englischen von Hannes und Sara Riffel (Fragile Things)
1. Aufl. 2010, 330 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, farbiges Vorsatz
ISBN: 978-3-608-93876-0
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Neil Gaiman

Neil Gaiman, geboren 1960 in England, arbeitete zunächst als Journalist. Weltweit bekannt wurde er durch seine Comic-Serie »Sandman«. Er ist Autor...



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