Die Mafia - 100 Fragen, 100 Antworten

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Alles, was Sie über die Mafia wissen wollten und nie zu fragen wagten.

Die Geschichte der Mafia, ihre Rolle, ihre »Kultur«, ihre Bedeutung und ihre Wirkung in Italien von heute und im Europa von morgen: Informativ, aufklärend, erhellend, kompetent, herausfordernd, bissig ... notwendig. Ein allgemeinverständliches Buch über das unfassbare Phänomen »Mafia«.

Das Buch enthält detaillierte Information über die Mafia auf dem
neuesten Stand. Attilio Bolzoni ist einer der besten Mafia-Kenner
Italiens. Bolzoni zeigt die Geschichte, die Entwicklung und die
weltweiten Verstrickungen der Mafia heute.

- Wo ist die Mafia entstanden?
- Wie viele Mafiosi gibt es auf Sizilien?
- Wie mordet die Cosa Nostra?
- Welche Einstellung haben die Mafiosi zur Homosexualität?
- Sind die Mafiosi religiös?
- Wie hoch ist das Schutzgeld für einen Ladenbesitzer und was passiert, wenn er nicht bezahlt?
- Wer ist heute der oberste Boss der Mafia?
- Schützt die Mafia die Politik oder umgekehrt die Politik die Mafia?
- Wovor hat die Mafia wirklich Angst?
- Was passiert mit den Journalisten, die »zu viel« über die Mafia schreiben?
- Ist Berlusconi ein Freund der Mafia?

u. v. a. mehr

Inhaltsverzeichnis
Ausführliches  Inhaltsverzeichnis    7
Vorwort zur deutschen Ausgabe 15
I    Was ist die Mafia ? 19
II    Die Geschichte der Mafia 67
III    Der erste große Schlag gegen die Mafia: der    Maxi-Prozess 117
IV    Antimafia 135
V    Das Bild der Mafia in den Medien 151
VI    Mafien 175
VII    Das Rätsel aller ungelösten Rätsel 187
Personenverzeichnis 209

Leseprobe
I Was ist die Mafia?

1. Was heißt »Mafia«?
Mafia ist das vielleicht weltweit bekannteste italienische Wort. Es findet sich in den Wörterbüchern und Lexika aller Länder, von Lateinamerika bis Australien und vom Maghreb bis Japan. Mit ziemlicher Sicherheit hat es seinen Ursprung im arabischen maha fat, das soviel wie Schutz, Immunität bedeutet.
Das Wort »Mafia« hatte vor hundert Jahren eine andere Bedeutung als in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts oder nach der Ermordung der Untersuchungsrichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Jede Epoche hatte ihre eigene Mafia.

2. Was ist die Mafia?
Sie ist eine Geheimorganisation mit ihren Regeln und ihren Bossen, ihren Territorien und ihrem Heer von Mördern, die sich als Ehrenmänner bezeichnen.
Die Kriminalität der Mafia ist anders als die gewöhnliche Kriminalität. Die gewöhnliche Kriminalität war immer ein Randphänomen der Gesellschaft und wurde vom Staat stets bekämpft. Die Kriminalität der Mafia dagegen war stets Teil der Gesellschaft und wurde vom Staat geschützt.

3. Seit wann gibt es die Mafia?
Seit dem 25. April 1865. An jenem Tag tauchte das Wort »Mafia« zum ersten Mal in einem Bericht auf, den der Präfekt von Palermo, Filippo Antonio Gualterio, an den Innenminister schickte. Über die Mafia redet – und schwafelt – man seit 150 Jahren.
Auch wenn 1865 das offizielle Entstehungsdatum ist, so begann die »Inkubationszeit« der Mafia doch mindestens hundert Jahre früher: unter den Bourbonen, im Königreich beider Sizilien. Damals munkelte man von Sekten, Bünden und Bruderschaften unter dem Kommando eines Anführers, der ein Landbesitzer, eine prominente Persönlichkeit oder gar ein Priester sein konnte.
Zwei Jahre vor Gualterios Bericht wurde in Palermo ein Theaterstück in sizilianischem Dialekt aufgeführt, das den Titel trug: I mafiusi della Vicaria (Vicaria war das alte Gefängnis der Stadt). Doch in dieser volkstümlichen Komödie, die Gaspare Mosca geschrieben und Giuseppe Rizzotto 1863 erfolgreich inszeniert hatte, kam »Mafiosi« nur im Titel vor.

4. Wo ist die Mafia entstanden?
In den Latifundien der Provinzen im Inselinnern, in Palermo und vor allem in den ländlichen Gebieten rund um die Stadt: in den Zitronen- und Orangengärten der Ebene von Palermo, die einst Conca d’Oro, Goldenes Becken, genannt wurde, aber auch im gesamten Küstenstreifen von Cefalù bis zur Westspitze Siziliens. Dort war die Mafia, wie die Präfekten in ihren Berichten Ende des 19. Jahrhunderts schrieben, »in den Sitten und Gebräuchen verwurzelt und wurde mit dem Blut vererbt«.
Ihre Ursprünge liegen also vor allem im Großraum Palermo und in den Latifundien, von denen sich im Lauf der Jahrzehnte die Barone, Grafen und »Ritter« zurückzogen. An ihrer Stelle schwangen sich die campieri (Feldhüter) und soprastanti (Aufseher) zu Herren auf. Sie standen zwischen den Landbesitzern und den Halbpächtern (mezzadri) und wurden dafür bezahlt, dass sie die Interessen der Aristokraten gegen die Bauern verteidigten, die das Land für sich beanspruchten.
»Von Polizzello aus wird ganz Sizilien verteidigt.« Dieser Schlachtruf erscholl noch Mitte des vorigen Jahrhunderts über die ganze Insel. Polizzello war ein Latifundium an der Grenze zwischen den Provinzen Palermo, Agrigent und Caltanissetta. Mit der großen Landreform von 1950 waren die Feldhüter von Mittelsmännern zu Landbesitzern aufgestiegen. Etwa 500 000 Hektar sizilianischen Bodens waren in die Hand der Familien Genco Russo und Vizzini im Inselinnern, Di Carlo in der Provinz Agrigent und Licari in der Provinz Trapani gelangt. Die Caruana und die Cuntrera aus Siculiana waren die Feldhüter des Barons Agnello und Francesco Messina Denaro Feldhüter der D’Alì aus Trapani gewesen. Die Familie des Bosses Michele Greco betreute die Ländereien der Adelsfamilie Tagliavia und eignete sich dann ihren Grundbesitz einschließlich des Guts Verbumcaudo an: 130 Hektar, die vom Madonien-Gebirge bis zum Fluss Imera hinunterreichten. Auch Luciano Liggio war Feldhüter gewesen und hatte das Gut Strasatto bei Corleone verwaltet.
Die Adligen waren inzwischen alle in die Stadt gezogen und verprassten dort ihr Vermögen. In Palermo hatten sie Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre damit begonnen, ihre Ländereien mit herrlichen Villen aus dem 18. Jahrhundert zu verscherbeln – Bauland für aufstrebende Mafiosi im Tausch gegen Bargeld, das die mittlerweile völlig verarmten Barone so dringend benötigten. Hier entstanden dann die Mietskasernen der Mafia.

5. Was ist ein Ehrenmann?
Der Ehrenmann ist wie eine Spinne. Das ganze Leben lang spinnt er, knüpft er Netze von Freundschaften, Gefälligkeiten, Erpressungen und Bekanntschaften. Die Ehrenmänner betrachten sich als Repräsentanten einer kriminellen Elite und fühlen sich gewöhnlichen Kriminellen überlegen: Ihnen ist klar, dass sie die allerschlimmsten sind. Sie leben in einer geschlossenen Welt mit festen Regeln, die sie strikt einhalten müssen. Wer in die Cosa Nostra eintritt, kommt nicht mehr heraus. Die Cosa Nostra verlässt man nur als Toter.

6. Wie wird man ein Ehrenmann?
Einige werden erwählt, anderen ist es vorbestimmt. Einige werden in die Cosa Nostra aufgenommen, weil sie die Eigenschaften unter Beweis stellen, die für eine Mitgliedschaft in der Geheimorganisation erforderlich sind, andere folgen mit ihrem Beitritt einer Familientradition. Leonardo Messina, einem Ehrenmann aus der Provinz Caltanissetta, war es vorherbestimmt. »Ich vertrete die siebte Generation, die der Cosa Nostra angehört. Es war mir vom Schicksal vorherbestimmt, in meinem Heimatort San Cataldo eine wichtige Persönlichkeit zu werden. Und in gewisser Weise bin ich es ja auch geworden«, erzählte Messina im Sommer 1992, als er sich von der Mafia lossagte.
Die Ehrenmänner sind umgeben von ihren Leuten: einer Schar von Helfern und Unterstützern, die der Cosa Nostra von außen dienen. Sie sind die avvicinati, die Angesprochenen, all jene, die früher oder später in die Organisation eintreten könnten.
Über einen langen Zeitraum hinweg, der je nach Person zwei, zehn oder auch fünfzehn Jahre dauern kann, wird der avvicina­ to begleitet, beobachtet und unterwiesen, nach allen Regeln der Kunst. Die Mafiosi erziehen ihn, studieren ihn und bringen ihm das Schießen und Töten bei. Sie stellen ihn auf die Probe. Wenn sie meinen, er sei so weit, geben sie ihm zu verstehen, dass er bald in die Organisation eintreten kann. Das entscheidende Moment für diesen mafiosen Werdegang ist der Initiationsritus.
Früher hatte diese Zeremonie Ähnlichkeit mit einem Fest. Der Neuling wurde von seinem Paten allen anderen Mitgliedern der Familie vorgestellt, er wurde in die ersten Geheimnisse der Cosa Nostra eingeweiht, und zwar unmittelbar nach der punciuta (bei der die Kuppe des Zeigefingers der rechten Hand – der Schießhand – mit einer Nadel angestochen wird) und nach dem Treueschwur auf ein Heiligenbildchen, das in seinen Händen verbrannt wird. Damit war der »Angesprochene« eingebunden (combinato). Die Palermitaner benutzten für die punciuta den Dorn einer bitteren Orange. Man sagt, die Familie Di Cristina aus Riesi habe eine goldene Anstecknadel benutzt.

7. Wie viele Mafiosi gibt es in Sizilien?
Über fünftausend. Die letzte Zählung der Ermittler ergab exakt 5113 Mafiosi, verteilt auf 181 Familien im Westen Siziliens und in deutlich geringerem Umfang im Osten. Die einzige Provinz der Insel, in der es keine Familie der Cosa Nostra gibt, ist Ragusa. Die meisten Mafiosi gibt es in Palermo: 3201 Mitglieder und 89 Familien. Viele von ihnen landeten nach den Attentaten im Sommer 1992 im Gefängnis, wo sie, teilweise zu mehrfacher lebenslanger Haft verurteilt, kaum noch eine Chance auf ein Leben in Freiheit haben.
Ihre Mitglieder nennen die Mafia nicht Mafia, sondern Cosa Nostra, »unsere Sache«. Sich selbst bezeichnen sie als »Ehrenmänner« oder »Soldaten«, nicht als Mafiosi. Die allgemein Cupola, Kuppel, genannte Regierung der Cosa Nostra heißt bei den Ehrenmännern »Kommission«.

8. Warum gibt es in Ragusa keine Cosa Nostra? Gibt es andere Dörfer oder Städte in Sizilien ohne Ehrenmänner?
Im südlichsten Streifen der Insel, der geographisch ein paar Dutzend Kilometer südlich von Tunis liegt, wurden bereits im späten 16. Jahrhundert (als Ragusa zur Grafschaft Modica gehörte, dem wichtigsten Feudalstaat Siziliens) Abertausende Hektar Land an die Bauern verteilt. Damit wurde Jahrhunderte früher als in anderen Gegenden Siziliens das Latifundiensystem aufgebrochen, das die Grundlage für die Entstehung der Mafia bildete – und damit ergab sich auch für den Landadel und das entstehende Bürgertum eine andere Entwicklung.
In den letzten vierzig Jahren versuchte die Mafia auch in Ragusa Fuß zu fassen, auch aufgrund der räumlichen Nähe zu kleineren Zentren der Cosa Nostra wie Riesi und Mazzarino, Niscemi und in jüngerer Zeit Gela. Jedenfalls verfügte die Cosa Nostra in Ragusa nie über eine eigene Familie, sondern lediglich über örtliche kriminelle Banden als Bezugspunkt.
Auch an einigen Orten im Osten der Insel hat die Cosa Nostra keine Vertreter. Die Sizilianer sagten früher selbst, dass es auf dieser Seite keine Mafia gibt. Daher nannten sie Messina città babba, die dumme, arglose Stadt: eine Stadt ohne Mafia. In Wahrheit ist die Cosa Nostra zwar in den westlichen Provinzen Siziliens entstanden, hat sich aber in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auch auf die andere Seite ausgebreitet. Die erste Familie der Cosa Nostra entstand 1925 in Catania. Anfang der fünfziger Jahre zogen die Conti aus Palma di Montechiaro in der Provinz Agrigent nach Ramacca und baten die Familie von Catania um die Erlaubnis, dort eine weitere Mafiafamilie zu gründen. Städte wie Messina oder Syrakus wurden im Laufe der Zeit immer weniger »arglos« und immer mafialastiger.

9. Wie ist die Cosa Nostra aufgebaut?
Wie eine Pyramide. Ihre Basis bilden die Ehrenmänner, ihr Kern ist die »Familie«, die territorial organisiert ist und einen Ort oder ein Stadtviertel kontrolliert. Je nach Größe der Familie bilden die Ehrenmänner Gruppen aus zehn, zwanzig, manchmal auch dreißig Mitgliedern, die sogenannten decine (von de­ cina, etwa zehn), mit einem capodecina (Zehnerführer) an der Spitze. Jede Familie hat einen Boss, der »Repräsentant« genannt wird. Der Boss hat einen Stellvertreter sowie einen oder mehrere Berater (consiglieri).
Mehrere Familien, in der Regel zwei oder drei, bilden einen Bezirk (mandamento). Die capimandamento (Bezirkschefs) wählen aus ihren Reihen den Chef der Provinzkommission, die das höchste Entscheidungsgremium auf territorialer Ebene darstellt. Wenn eine Familie keinen Boss hat, weil er im Gefängnis sitzt oder ermordet wurde, ernennt die Kommission einen Statthalter (reggente), bis ein neuer Boss bestimmt ist. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts richteten die Bosse auch ein provinzübergreifendes Gremium ein, um die Geschäfte und Interessen der Cosa Nostra in den verschiedenen Territorien der Insel zu regeln.
Vor dreißig Jahren verfügte die Cosa Nostra auch über eine Regionalkommission mit Giuseppe Calderone an der Spitze, einem Mafioso aus Catania, der aber nur ein Ehrenamt bekleidete. Ein paar Mafiaaussteiger, die als Kronzeugen mit der Justiz zusammenarbeiteten, sprachen darüber hinaus von einer »Weltkommission«, die jedoch in den Augen der Ermittler eher Phantasie als Realität ist.

10. Ist die Mafia auch heute noch so aufgebaut?
Diese Struktur hatte Bestand, bis Totò Riina die Organisation immer stärker zentralisierte. Er erweiterte die Bezirke willkürlich und zu seinem eigenen Vorteil und krempelte die geographischen Machtverhältnisse innerhalb der Mafia vollkommen um. Er allein legte die Grenzen eines Bezirks fest und bestimmte, welche Familien darin zusammengefasst wurden. Totò Riina entschied, dass die Cosa Nostra keine Geheimgesellschaft mehr sein sollte, in der es in gewisser Weise sogar »demokratisch« zuging, wie es der Mafioso Leonardo Messina beschrieben hatte: In manchen Familien (etwa des Viertels Santa Maria del Gesù in Palermo) wurde der »Repräsentant« nach einer internen Debatte gewählt. Riina, der Boss von Corleone, setzte dieser Tradition ein Ende, die fast eineinhalb Jahrhunderte lang befolgt worden war. Er bemächtigte sich der Cosa Nostra durch einen Putsch, der ihn zum Diktator machte und es ihm erlaubte, mindestens zwanzig Jahre lang die Spitze der Pyramide zu besetzen. Cosa Nostra (»unsere Sache«) wurde zu Cosa Sua (»seine Sache«).

11. Welche Regeln haben die Ehrenmänner?
Die erste Regel ist das Schweigen. Der Ehrenmann darf sich den anderen nicht zu erkennen geben, er darf nicht sagen, dass er zur Mafia gehört. Er weiß jederzeit genau, wie er sich zu verhalten hat. In einer auf dem Geheimnis beruhenden Gesellschaft kommt es einzig und allein darauf an, was man sagt und was man nicht sagt. Was gesagt wird, kann über Leben und Tod entscheiden.
Der Ehrenmann spricht wenig und hört viel zu. Einem anderen Ehrenmann gegenüber jedoch ist er verpflichtet, stets die Wahrheit zu sagen: Das ist eine weitere Regel der Cosa Nostra, die der internen Kommunikation dient. Die ist ohnehin gering, und gerade deshalb muss gewährleistet sein, dass die innerhalb der Organisation kursierenden Nachrichten stimmen.
Doch Regeln sind dazu da, dass man sie bricht, auch in Mafiakreisen. Die Ehrenmänner sagen nicht die Wahrheit, wenn sie einander befehden; sie sagen nicht die Wahrheit, wenn sie falsche Spuren legen wollen; sie sagen nicht die Wahrheit, wenn die Bosse ihren Gefolgsleuten gewisse heikle Angelegenheiten vorenthalten wollen.
Wenn der Ehrenmann etwas tut, was als ein schwerwiegendes Vergehen betrachtet wird, wenn er »krumm« ist, storto, wie sie es nennen, muss er sterben. Bei einem geringfügigeren Vergehen wird er entweder ins Aus gestellt (im Mafiajargon posato, »weggestellt«) oder »aus der Vertraulichkeit entlassen« (messo fuori confidenza). Der Ausgestoßene weiß nicht, warum er plötzlich außerhalb der Familie steht. Wer aus der Vertraulichkeit entlassen wurde, wird von seinem capodecina darüber informiert.
Auch wichtige Mafiabosse wurden kaltgestellt, zum Beispiel Tommaso Buscetta, der später zum Kronzeugen der Justiz wurde. Sein turbulentes Liebesleben mit drei Frauen und mehreren Geliebten war ein Lebensstil, der der Cosa Nostra nicht gefiel. Kaltgestellt wurde sogar Gaetano Badalamenti, der damals an der Spitze der Kommission von Palermo stand. Aber niemand hat je erfahren – und weder Buscetta noch sonst jemand hat es erzählt –, aus welchem Grund die anderen Bosse der Organisation diese Entscheidung trafen.

12. Wozu ist ein Ehrenmann verpflichtet, was ist ihm verboten?
Da gibt es vieles, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung. Die Gebote und Verbote gelten heute noch wie vor hundert Jahren. Ende 2007 wurde im Versteck des palermitanischen Bosses Salvatore Lo Piccolo, der siebenundzwanzig Jahre lang untergetaucht war, ein Heft mit den Regeln der Cosa Nostra gefunden, eine Art Fibel für die avvicinati, denen früher oder später die Ehre zuteil werden sollte, der Organisation beizutreten. Es handelt sich um einen Auszug dessen, was man als die »Verfassung« der Cosa Nostra bezeichnen könnte. Diese Regeln galten in den 1930er Jahren, als Melchiorre Allegra sie enthüllte, ein Arzt aus Gibellina, der den Carabinieri seine Mitgliedschaft in der Mafia gestand. Sie galten zur Zeit Tommaso Buscettas, und sie gelten noch heute, bei der Cosa Nostra der letzten Jahre.
Ehrenmännern ist es kategorisch verboten, sich an die Justiz zu wenden: jemanden anzuzeigen oder zu beschuldigen oder eine Zeugenaussage zu leisten. Ein Ehrenmann darf sich zur Lösung eines Problems niemals an den Staat wenden. Eine Ausnahme allerdings gibt es: wenn ihm sein Auto gestohlen wird. In diesem Fall darf der Mafioso bei der Polizei Anzeige erstatten. So ist er auf der sicheren Seite, falls der Dieb eine Straftat begeht.
Ein anderes Verbot der Cosa Nostra geht in die späten 1970er Jahre zurück, als die Kommission den Entschluss fasste, in Sizilien keine Entführungen mehr durchzuführen. Die Corleoneser hatten ohne Wissen der anderen Familien gerade Luciano Cassina entführt, den Sohn des größten Unternehmers von Palermo. Damals organisierte bereits seit ein paar Jahren Luciano Liggio, der gleichfalls zu den Corleonesern gehörte, Entführungen in Mailand und in der Lombardei. Nun beschloss die Kommission von Palermo, künftig auf Entführungen zu verzichten, die nur Angst und soziale Spannungen schürten und die Cosa Nostra dem Druck polizeilicher Ermittlungen aussetzten. Vor allem aber, so die Argumentation der Mafiosi, lehne »die Bevölkerung derartige Aktionen vehement ab; und wir sind mit den Leuten und nicht gegen sie«.
Ein weiteres Verbot betrifft die Zuhälterei. Mit Sex Geld zu verdienen war für die sizilianischen Ehrenmänner schon immer unehrenhaft, im Unterschied zur amerikanischen Cosa Nostra, die sich seit jeher an den »Mädchen« bereichert hat. Dasselbe gilt für Glücksspiel und Wucher.
In den letzten Jahren allerdings verlangt die Cosa Nostra auch von den Betreibern von Spielhöllen und von den Wucherern in Palermo Schutzgeld (den pizzo). Die Mafiosi führen zwar selbst keine Spielhöllen und verleihen kein Geld gegen Wucherzinsen, holen sich aber trotzdem so oder so den Zaster, die pic­ cioli, die bei Glücksspiel und Wucher anfallen.
»Kompakt und flüssig geschriebener Einführungskurs in die Geschichte des Netzwerkverbrechens.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2012
Klett-Cotta Aus dem Italienischen von Rita Seuß und Walter Kögler (Orig.: FAQ (Freqently Asked Questions) MAFIA)
1. Aufl. 2012, 216 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-94734-2
autor_portrait
Federico Maria Giammusso

Attilio Bolzoni

Attilio Bolzoni, geboren am 20. September 1955, ist Reporter für »La Repubblica«. Etliche Publikationen über die Mafia: »Words of Honor« (Bur Rizzoli)...



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