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Roman 2. Aufl. 1981, englische Broschur
Seiten: 236
ISBN: 978-3-12-904501-5
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Brigitte Kronauer
Frau Mühlenbeck im Gehäus
Frau Mühlenbeck führt mit ihrer Lebenserzählung, ihren bunt-markanten
Alltagsepisoden der Ich-Erzählerin vor, wie unsere Wahrnehmungen zu lenken
sind, wie Darstellungsformen sich zielen lassen auf Einschnitt, Ereignis, Endpunkt.
Wir sehen zu, wie nun auch die Ich-Person, gleichsam im Schlepptau der Erzählkunst
Frau Mühlenbecks, Realitätspartikel, Empfindungen zu einer Anordnung
zu fügen beginnt, zu einer Zuspitzung der Lage.
Frau Mühlenbeck ist eine Meisterin im Erzählen ihrer Lebensgeschichte.
Was sie auch erlebt, was immer ihr in Vergangenheit und Gegenwart begegnet ist:
rund, schlüssig, pointiert, bedeutungsvoll weiß sie es zu erzählen.
Virtuos beherrscht sie das Metier der Verknüpfung, der kunstvollen Verzögerung,
der dramatischen Akzentsetzung. Und was sie zu erzählen hat, ist in der
Tat eindrucksvoll, ist spannend, komisch oder bewegend; es stellt sich darin
ein Leben dar.
Die Ich-Person des Romans dagegen, eine junge Lehrerin, ist extrem unbegabt
in dieser Lebenskunst der allseits prägnanten Selbstdeutung. Gebannt lauscht
sie der alltäglichen Magie von Frau Mühlenbecks Erzählungen.
Ihr eigenes Leben erscheint ihr diffus und unordentlich. Ist ihre Rolle in der
Schule nicht haltlos? Was macht Abgrenzung und Gemeinsamkeit so schwer in ihrem
Verhältnis zum Freund? Warum bleibt ihr Verlangen nach einem elementareren
Umgang mit der Natur unstillbar? Falsche Fragen? Ihr gelingt es nicht, das alles
zu Herausforderungen an Charakter und Haltung zu erklären. Mit dieser Konstellation
setzt die Autorin vor unseren Augen einen spannenden Prozeß in Gang. Die
eine Figur, Frau Mühlenbeck, führt mit ihrer Lebenserzählung,
ihren bunt-markanten Alltagsepisoden der anderen vor, wie unsere Wahrnehmungen
zu lenken sind, wie Darstellungsformen sich zielen lassen auf Einschnitt, Ereignis,
Endpunkt. Wir sehen zu, wie nun auch die Ich-Person, gleichsam im Schlepptau
der Erzählkunst Frau Mühlenbecks, Realitätspartikel, Empfindungen
zu einer Anordnung zu fügen beginnt, zu einer Zuspitzung ihrer Lage. In
der gleichen Bewegung, aber gegenläufig, fixiert die Ich-Person die Frau
Mühlenbeck in ihrer alltäglich-häuslichen Gegenwart, sieht sie
im Netz ihrer festgewordenen Lebensstrukturen, ihrer Geschichten, die sie aus
sich rausspinnt und in denen sie dann unantastbar, auch starr und eingeengt
sitzt.
Hier der autobiographische Selbstentwurf der Frau Mühlenbeck, dort der
ordnende Auflösungsprozeß, der die Ich-Person in die Krise treibt:
- Wie weiß die Autorin bei dieser skeptischen Erzählanordnung, dieser
Austreibung aller naiven Romanpsychologie und Stimmungsunschuld, unsere genuine
Gier nach Geschichten zu befriedigen! Wie versteht sie es, aus dem Beängstigenden
und Beklemmenden in der kühlen und doch nicht ironischen Draufsicht ästhetisch-sinnliches
Vergnügen zu ziehen.
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