J. R. R. Tolkien: Die Legende von Sigurd und Gudrún - Erläuterungen von Tom Shippey
Tom Shippey: Tolkien überwagnert Wagner
Von Tolkiens posthumen Veröffentlichungen ist seine dichterische Antwort auf die Lücke in der Nibelungensage die größte Überraschung
Vor vielen Jahren erklärte William Morris, die Sage von Sigurd und Gudrún, den Wölsungen und den Nibelungen verdiene es, das homerische Epos des Nordens zu werden, und er hatte recht. Sie hat alles: den Drachen Fáfnir und die Walküre Brynhild, Werwölfe und Zwerge, übernatürliche Interventionen eines einäugigen Gottes, ein zerbrochenes und neugeschmiedetes Schwert, einen sagenumwobenen Schatz und vor allen Dingen einen magischen Ring, auf dem ein Fluch lastet. Sie enthält außerdem – und vielleicht hat sie gerade deswegen nicht den verdienten Anklang gefunden, wenigstens nicht in Morris‘ langer Versnacherzählung von 1876 – viele hintergründige Schändlichkeiten: Inzest, Kindsmord, Menschenopfer, einen zeremoniellen weiblichen Selbstmord, der stark an die indische Witwenverbrennung erinnert. Doch noch verlockender und provozierender als alles, was die Sage enthält, ist das, was sie vielleicht einmal enthalten hat.
Die Beziehung zwischen den verschiedenen Fassungen der Nibelungensage wurde im neunzehnten Jahrhundert als das »Königsproblem« der Germanistik erkannt, und es hat nie eine Lösung gefunden. Wir besitzen heute vier hauptsächliche alte Quellen, zwei nordische (die Völsunga Saga und eine stark geraffte Darstellung in Snorri Sturlusons Prosa-Edda), eine auf Deutsch (das Nibelungenlied) und eine norwegische Sagensammlung (die Thidrekssaga), die aber aus deutschen Geschichten schöpft. Hinzu kommt noch eine fünfte, denn die Sage regte mehr als die Hälfte der Lieder (fünfzehn von neunundzwanzig) im Codex Regius an, der wichtigsten Handschrift überlieferter eddischer Dichtung. Einige dieser Lieder jedoch drehen sich um spätere Zusätze zum Zyklus, mehrere behandeln lediglich die nachträglichen Klagen Gudrúns, und wo das Herzstück der Geschichte sein sollte, klafft eine Lücke. Bevor die Handschrift in Island wiederentdeckt wurde, riss irgendein mittelalterlicher Wandale die acht Blätter heraus, die sich (wahrscheinlich) mit dem Kern der Tragödie befassten. Sowohl Snorri als auch der Verfasser der Völsunga Saga scheinen das verloren gegangene Gedicht (oder die Gedichte) gekannt zu haben, doch in wesentlichen Punkten stimmen ihre Darstellungen nicht überein. Keine der uns vorliegenden alten Quellen erzählt eine völlig plausible Geschichte.
Die Lücke hat von jeher sowohl einen Reiz auf Dichter wie Morris und Wagner ausgeübt als auch Philologen vor ein Rätsel gestellt, das Theodore Andersson in The Legend of Brynhild (1980) hervorragend auf den Begriff bringt. Philologen der älteren Generation hatten zudem keine Skrupel, verlorene Werke zu rekonstruieren. Axel Olrik schrieb seine lange dänische Version der verschollenen altnordischen Bjarkamál auf der Grundlage zweier erhaltener Strophen und einer freien lateinischen Wiedergabe durch Saxo Grammaticus, und nicht viel später folgte J.R.R. Tolkien seinem Beispiel und schrieb wohl Anfang der dreißiger Jahre (wie sein Sohn Christopher glaubt) die beiden Gedichte in dem hier besprochenen Buch, zwar auf Englisch, aber im originalen altnordischen Versmaß. Eine breitere Leserschaft, als Morris sie je fand, ist ihnen sicher. Können sie sich mit Wagner messen – den Tolkien, das sei kurz erwähnt, bestenfalls als einen begabten Amateur ansah und dessen Libretti, wie Christopher Tolkien nachdrücklich erklärt, »nach Geist und Bestimmung wenig gemein haben« mit den Gedichten seines Vaters?
Welches Ziel verfolgte Tolkien? Mit seinen eigenen Worten nahm er sich vor, »die Lieder über die Wölsungen aus der Älteren Edda zu vereinigen ... den Eddastoff, der sich mit Sigurd und Gudrún befasst, neu zu ordnen.« Das dürfte untertrieben sein. In einer Vorlesung über eddische Dichtung, die er in Oxford hielt und die im Buch abgedruckt ist, erklärt Tolkien, die Lieder hätten auch »Freunde neuer literarischer Sensationen« angezogen und die Hauptursache dieser Anziehung sei eine beinahe »dämonische[n] Kraft und Wucht«. Wenn auch die Eddalieder oft dasselbe Versmaß haben wie altenglische Gedichte, sind diese doch relativ bedächtig und weitschweifig. Dagegen hält Tolkien fest: »Den Hörer umzuhauen war der erklärte Vorsatz des nordischen Dichters«, und genau das war auch sein Ziel.
Somit kam es entscheidend auf Metrum und Sprache an. Tolkien war der Ansicht, das altnordische Fornyr ð islag, jenes »Versmaß der alten Sagen«, das mit dem altenglischen Metrum weitgehend identisch war, sei heutigen englischen Ohren immer noch gut eingängig, aber darüber kann man geteilter Meinung sein. Wegen des Verlusts der grammatischen Endungen benutzt das moderne Englisch viel mehr Füllworte, Artikel und Präpositionen und Hilfsverben. Das alte Versmaß beruht nicht auf Silbenzählung und kann daher eine ganze Anzahl unbetonter Silben umfassen, aber es schließt doch viele Möglichkeiten aus, die dem Englischen heute selbstverständlich sind. Das Grundprinzip ist leicht nachzuahmen: ein Vers, geteilt in Anvers und Abvers, in jedem Halbvers zwei betonte Silben, von denen die dritte stets mit den beiden ersten oder einer davon alliteriert, die vierte dagegen niemals (sonst wäre der Abvers metrisch identisch mit dem Anvers und das Ganze würde Sinn und Gestalt verlieren). In seinen Imitationen des Altenglischen schrieb Tolkien viele solche Verse, etwa in Éomers Nachruf auf Théoden im Herrn der Ringe: »Mourn not overmuch! Mighty was the fallen« (deutsch: »Kurz sei die Klage: im Kampfe fiel er.«), aber das Altnordische ist schwerer zu imitieren.Wo es im Nordischen kracht, fließt es im Englischen eher. Selbst Tolkiens Freund W.H. Auden hatte Schwierigkeiten in seinen brillanten Übersetzungen der Eddalieder, die vom Rezensenten vor vielen Jahren im Times Literary Supplement besprochen wurden (25. Februar 1982). Dennoch wollte Tolkienum der »dämonischen Kraft« willen das Versmaß erhalten.
Dafür nahm er viele Archaismen in Kauf: etwa die Verbendung -eth im Wechsel mit -s, wie es das Metrum verlangt; die Negation »not« wie in »the king came not« statt »the king never came«; am häufigsten Umstellungen der Wortfolge, die den immer starrer werdenden Bau des modernen Englisch aufbrechen. Manche Leser werden dem nur schwer folgen können: man braucht einen Moment, um zu begreifen, was Sigurd dem sterbenden Drachen als Antwort auf dessen Drohung sagt, sein Schatz bringe den Tod: »Life each must leave / on his latest day, / yet gold gladly / will grasp living« (»living«, elliptisch für »jeder Lebende«, ist das Subjekt des Satzes und »gold« das Objekt; auf Deutsch: »Sein Leben muss lassen / am letzten Tag jeder, / doch greift nur zu gern / nach Gold, wer lebt!«). Unklarheit ist der Preis, den Tolkien, genau wie seine nordischen Vorgänger, um der Wucht willen gerne zahlt.
Diese Wucht kommt zum großen Teil von einer ins Extrem getriebenen Knappheit. Parataxe und Asyndeton sind normal, ebenso sehr kurze Sätze und Satzteile, die manchmal wiederholt und abgewandelt werden, manchmal Verbindungen ungesagt lassen. Von Sigrlinn, Sigurds Mutter, schreibt Tolkien: »Seven sons of kings / sued the maiden: / Sigmund took her; /sails were hoisted.« (Deutsch: »Sieben Königssöhne / kamen um das Mädchen: / Sigmund bekam sie, / sie segelten fort.«) Ein unausgesprochenes »Aber« steht zwischen dem zweiten und dem dritten Halbvers, vor dem vierten ist vielleicht »darauf« mitzudenken. Das Ergebnis ist manchmal schwer zu verstehen. Brynhild zermartert sich den Kopf über ihre Lage, als sie erfährt, dass nicht Gunnar, sondern der jetzt mit Gudrún verheiratete Sigurd sie gewonnen hat, und klagt einsam: »Mine own must I have / or anguish suffer, / or suffer anguish / Sigurd losing.« (Deutsch: »Was mein ist muss mein sein, / sonst mordet das Leid mich, / das Leid mordet mich, / verliere ich Sigurd.«) Der Chiasmus ist ein geläufiges Stilmittel in der eddischen Dichtung, doch so geläufig die Figur ist, bleibt mir doch verborgen, worin Brynhilds Dilemma genau besteht.
Auch ohne stilistische Extravaganzen gibt es häufig vorsätzlich abrupte Wechsel. Warum bittet Sign ý ihren Mann, ihre zehn Brüder langsam zu töten? Tolkien verrät es uns nicht, aber der Grund ist, dass sie ihrem Zwilling Sigmund die Gelegenheit zu entkommen geben will. Und wie entkommt er? Ihre Diener finden »Nine brothers‘ bones / under night gleaming«, und daneben »she-wolf lying / torn and tongueless / by the tree riven«. (Deutsch: »Gebein von neun Brüdern / entbarg die Nacht, / doch zerrissen das Raubtier, / beraubt der Zunge / vom geborstenen Baum«.) In der Saga hat Sign ý ihrem Zwilling Honig ins Gesicht geschmiert, und als ihre werwölfische Schwiegermutter kommt, um ihn zu töten, leckt sie den Honig ab, worauf Sigmund ihr in die Zunge beißt und ihr heftiges Zurückfahren den Baumblock zerbricht, in dem er sitzt, und dieser wiederum sie zerreißt. Das muss man sich selbst dazudenken beziehungsweise in Christopher Tolkiens außerordentlich sachkundigem wissenschaftlichen Kommentar nachlesen. Aber wer alles ausgeführt haben muss, für den ist die eddische Dichtung nichts und die isländischen Sagas genauso wenig. Er sollte lieber Trollope lesen. Man muss auch auf kleine, aber bedeutsame Veränderungen in den Wortwiederholungen achten, die manchmal gerade durch die Kleinheit der Veränderung an Bedeutung gewinnen.
Kurzum, Dunkelheit gehört zum Medium wie zur Message, doch sie rührt zum Teil auch von Zufällen in der langen Überlieferungskette her. Mit diesen verfährt Tolkien gelegentlich so, dass er verwirrende und ablenkende Fährten löscht, die vom Verfasser der Völsunga Saga gelegt wurden, von dem er keine hohe Meinung hatte. Anfechtbarer ist vielleicht, dass er das, was er übrig lässt, in eine Ódinsche Rahmenhandlung einbettet. Das Kernstück der Sage jedoch bilden Sigurds Verbindungen zu Brynhild, Gunnar und Gudrún, und genau dort klafft heute die achtseitige Lücke im Codex Regius. Vor der Lücke erleben wir, wie Sigurd den Drachen tötet, den Schatz an sich nimmt, die Walküre weckt. Danach kommt das Ende eines Liedes – das die Philologen in seiner nicht vorliegenden vollständigen Form »Das alte Sigurdlied« nennen – und ein anderes, vollständiges Lied, »Das kurze Sigurdlied«. In beiden bedrängt Brynhild ihren Gatten Gunnar, sich für den an ihm und ihr verübten Verrat an Sigurd zu rächen. Was geschah in der Zwischenzeit? Das muss in dem fehlenden und hypothetischen »Großen Sigurdlied« erzählt worden sein, das die Philologen aus den widersprüchlichen Darstellungen ihrer anderen vier alten Quellen zu rekonstruieren versucht haben. Tolkien macht seine Absicht kenntlich, indem er seinem ersten und längeren Gedicht den Titel »Das neue Wölsungenlied« gibt (denn es soll darin auch um Sigurds Vater und seine Familie gehen) und den Untertitel »Das längste Sigurdlied«, Sigur ð arkvi ð a en mesta (denn es soll die Lücke füllen und noch anderes leisten).
Was aber geschah in der verschollenen vollständigen Originalversion? Die Geschichte hat alte und neue Bearbeiter gleichermaßen vor Rätsel gestellt. Kurz gesagt, herrscht Einigkeit darüber, dass König Gunnar seinen Freund Sigurd bat, ihm die Walküre Brynhild hinter ihrem Feuerring zu gewinnen, und dies tat er, indem er Gunnars Gestalt annahm. Warum, wenn er sie bereits geweckt und sich mit ihr verlobt hatte? Von Gunnars zauberkundiger Mutter erhielt er einen Vergessenstrank, und ihm wurde die Hand von Gunnars Schwester Gudrún versprochen. Wie gewann er Brynhild? Indem er einfach den Feuerring durchquerte, oder war noch etwas im Spiel? Man versteht durchaus, warum Brynhild sich verraten fühlt, als sie die Täuschung entdeckt, aber worüber kann sich Gunnar beschweren? Und der entscheidende Punkt: Wie kommt Brynhild dahinter? Wieder herrscht allgemeine Einigkeit darüber, dass Gudrún, provoziert durch Vorrangstreitigkeiten, ihr das Geheimnis verrät und es mit einem Ring beweist. Aber mit welchem? Handelt es sich um den fatalen Ring Andwaranaut, den die Götter dem Zwerg Andwari abnahmen und der dann samt einem daran haftenden Fluch von Göttern an Riese an Drache an Held überging? Wenn ja, wer trägt ihn, Brynhild oder Gudrún, und was um alles in der Welt soll er beweisen? Die alten Quellen stimmen darin nicht überein – und besonders ratlos wirkt der Verfasser des Nibelungenlieds und nach ihm Wagner.
Das Peinliche daran ist, dass es eine Antwort gibt, die niemand zugeben möchte. Die Völsunga Saga erklärt, der Ring sei Andwaranaut und in Gudrúns Besitz: Sigurd habe ihn als Gunnar getarnt Brynhild abgenommen, und dass Gudrún ihn habe, enthülle die Täuschung. Snorri sagt, der Ring sei Andwaranaut und in Brynhilds Besitz: Sigurd habe ihn ihr als»Morgengabe« geschenkt, die in der altnordischen und altenglischen Gesellschaft die Braut traditionell am Morgen nach der Hochzeit im Austausch für ihre Jungfräulichkeit erhält. Und genau hier liegt der Hund begraben, was im Nibelungenlied durch das alte Wort »Kebse« verdeutlicht wird, das schlicht eine Konkubine bezeichnet, und in der Thidrekssaga durch das Wort frumverr, »erster Mann«. Vielleicht durchquerte Sigurd nicht nur den Feuerwall für Gunnar und bewog durch seine Tarnung Brynhild, Gunnar zum Mann zu nehmen, sondern er vollzog auch die Ehe und nahm Brynhild die Jungfräulichkeit – und damit zugleich anscheinend auch die übernatürliche Körperkraft, die in der Fassung des Nibelungenlieds zur Folge hatte, dass kein gewöhnlicher Mann (wie Gunnar) sich ihrer bemächtigen konnte. Und vielleicht schenkte Sigurd ihr deswegen den kostbaren Ring Andwaranaut als »Morgengabe«, weil es die einzige gebührende Gegengabe war, die er machen konnte.
Dies alles passt zusammen, aber wie erscheint dabei Sigurd? Als ein viehischer Vergewaltiger, der überdies seinen Freund und Blutsbruder verrät. Damit erweist sich die hübsche Lösung als inakzeptabel, aber alle Versuche, das Malheur zu beheben, haben die Sache stets nur verschlimmert. Die Herausforderung für Tolkien bestand darin, zum Kern der Geschichte vorzudringen und die Vorgänge ohne Einbuße an tragischer Wucht psychologisch plausibel zu machen.
Genau dies hat er geleistet. Ich möchte mich zwar in einer knappen Zusammenfassung nicht in den Einzelheiten verlieren, aber doch anmerken, dass der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte metrisch markiert ist. Christopher Tolkien erwähnt, dass sein Vater sehr beeindruckt war von der markigen chiastischen Stelle im fragmentarischen »Alten Sigurdlied«, wo Gunnar sagt: »Mér hefir Sigur ð r / selda ei ð a, / ei ð a selda, /alla logna«, in diesem Fall von Tolkienganz ähnlich wiedergegeben mit »Evil wrought Sigurd, / oathshe swore me, / oaths he swore me, / all belied them« (deutsch: »Übel tat Sigurd: / Eide schwor er mir, / schwor mir Eide, / alle brach er.«). Sigurd und der Erzählerbeteuern indessen beide mit leichter Abwandlung: »Oaths swore Sigurd, / all fulfilled them.« (Deutsch: »Eide schwor Sigurd, / alle hielt er.«) Es gibt aber einen Eid, den er unter dem Einfluss des Vergessenstranks gebrochen hat, nämlich den, den er Brynhild geleistet hat. Als sie an den Hof ihres Gatten kommt und dort Sigurd erblickt, mit Gudrún verheiratet, erbleicht sie, und von Sigurd weicht der Schatten des Vergessens: »oaths were remembered / all unfulfilled.« (Deutsch: »Eide erinnerte er, / alle ungehalten.«) Die letzten beiden Wörter verstoßen gegen das Versmaß. Die Betonung muss auf »all« und »un-« fallen, die beide mit Vokalen anlauten und folglich mit »oaths« im Anvers alliterieren. Doch die zweite betonte Silbe in einem Abvers (in diesem Falle »un-«) darf niemals alliterieren. Nur fein auf das Metrum geeichte Ohren werden es hören, aber zum Schock der Erkenntnis kommt ein schriller Missklang. Um diese Dichtung zu verstehen, muss man genau hinhören – eine Fähigkeit, der in der modernen literarischen Bildung kein hoher Stellenwert eingeräumt wird.
Tolkiens erstes und längeres Gedicht endet mit dem Tod Sigurds und Brynhilds, sein zweites mit dem Tod der Nibelungenbrüder und ihrer Schwester Gudrún am Hofe Attilas. Tolkien strich die Fortsetzung der Geschichte am Hof des Gotenkönigs Ermanarich. Dabei büßte er eines der größten Eddalieder ein, »Das alte Hamdirlied«, stellte dafür aber die geschichtlichen Tatsachen richtig. Wie Christopher Tolkien im Anhang feststellt, beruht die Nibelungengeschichte bemerkenswerterweise auf der historisch verbürgten Zerstörung des Burgunderreichs am Rhein durch die Hunnen im Jahre 437, und dieses Ereignis hallt im Gebrauch der Bezeichnung vin Borgunda, »Herr der Burgunder«, oder seiner Entsprechung in der altenglischen wie auch der altnordischen Sage nach. Den Tod Ermanarichs danach anzusetzen, wie es der Codex Regius tut, geht jedoch um mehrere Generationen fehl, denn die Hunnen zerstörten Ermanarichs Gotenreich sechzig Jahre vorher.
Den Gotenkönig Theoderich an Attilas Hof zu versetzen, ist allerdings in der anderen Richtung eine Generation daneben. Trotzdem wollte Tolkien nicht ganz auf die Goten verzichten, denn Gotisch war eine seiner Lieblingssprachen, und es ist sicher (darauf wies sein Sohn schon 1960 in seiner Ausgabe der Heidrekssaga hin), dass Reste des Gotischen noch Jahrhunderte später in der altnordischen Dichtung als Ortsnamen fortlebten. Daher benutzt und verbindet Tolkien die beiden eddischen Attila-Lieder, die erzählen, wie die Nibelungen an den Hunnenhof gelockt werden, bezieht dann aber die gotischen Hilfstruppen in Attilas Diensten in das Schlachtgeschehen ein und lässt diese die Seiten wechseln und gegen ihren Befehlshaber aufbegehren. Tolkiens »Neues Gudrúnlied« greift an vielen Stellen auf Material aus nichteddischen Heldengedichten zurück: ein Weckruf zum Kampf ist von dem altenglischen Finnsburg-Fragment inspiriert, aus dem Nibelungenlied ist das Niederbrennen einer Halle geschöpft, und auch der Beowulf und die Eddica Minora klingen hier und da an.
Als Kernproblem jedoch bleibt die eigenartige Charakterisierung der Personen bestehen. Warum sollte Gudrún die Brüder schützen wollen, die ihren Mann ermordet haben? Nur weil Verwandtschaftsbande stärker als Liebesbande sind? Warum nehmen die Brüder Attilas offensichtlich heimtückische Einladung an? Nur weil sie gewarnt worden sind und sich damit nicht mehr um die Herausforderung drücken können? Warum will Gunnar, als sie dann gefangen sind, solange nicht sprechen, bis er das Herz seines Bruders Högni gesehen hat?
Selbst die Hunnen erkennen, dass daran etwas merkwürdig ist,und versuchen ihn zu überlisten, indem sie ihm stattdessen das Herz des feigen Kochs Hjalli bringen. Das Lied Atlamál, angeblich in Grönland verfasst und in Ton und Niveau ausgesprochen rustikal, macht daraus eine grausige Komödie, worauf Tolkien verzichtet. An Gunnars Reaktion in der Atlakvi ð a auf erst das falsche und dann das richtige Herz erweist sich dagegen die echte heroische Gesinnung: stolz, bissig, verächtlich und schließlich verstummend. Als er das Herz seines Bruders sieht, sagt er (in der Übersetzung von Arnulf Krause): »Hier hab ich das Herz Högnis des Kühnen, ungleich dem Herzen Hjallis des Feigen, es zittert wenig, da‘s auf der Schüssel liegt; zitterte noch weniger, als es in der Brust lag.« Bei Tolkien heißt es: »Unshaken it lies, / so shook it seldom / beating in boldest / breast of princes.« (Deutsch: »Es zitterte wenig / und wankte nicht, /als es in furchtlos‘ster / Fürstenbrust schlug.«) Genau wie vorher im Fall Sign ý s, die um einen langsamen Tod für ihre Brüder bat, liegt die Erklärung für Gunnars merkwürdige Forderung auf der Hand. Er liebt seinen Bruder, aber traut ihm nicht. Er traut nur sich selbst. Solange zwei Männer das Versteck von Fáfnirs Hort kannten, war es kein Geheimnis: jetzt ist es eines, und Gunnar weiß, dass man ihn nicht zum Reden bringen wird.
Was die Aufnahme der beiden jetzt erstmals veröffentlichten Gedichte bei der Leserschaft betrifft, so werden Tolkien-Fans nicht von ihrem Wert überzeugt werden müssen. Philologen werden sie aufmerksam studieren, um zu erfahren, was sich ein origineller Kopf wie Tolkien zum alten Königsproblem hat einfallen lassen. Die Normalleser?
Viele werden über die Archaismen stolpern, denn die Gedichte sind mindestens siebzig Jahre alt und stammen von einem Mann, der William Morris zeitlich und geistig näher stand als uns Heutigen. Wer dranbleibt, wird viel über die eddische Dichtung und die große Sage des Nordens erfahren und etwas von der »dämonischen Kraft« spüren, die von diesen Gedichten ausgeht, und von der »neuen literarischen Sensation«, die ihre Wiederentdeckung auslöste. Dies ist von Tolkiens vielen posthumen Veröffentlichungen die größte Überraschung; der »Kommentar« seines Sohnes ist vorbildlich in seiner sachkundigen Allgemeinverständlichkeit; die Gedichte halten den Vergleich mit ihren eddischen Vorbildern aus, und die Dichtung der Welt hat wenig zu bieten, was diesen vergleichbar wäre.
© Tom Shippey, Klett-Cotta
Weitere Informationen zu »Die Legende von Sigurd und Gudrún«
Zu Tom Shippey
Wie kaum ein anderer ist Tom Shippey dazu prädestiniert, über Tolkien (und ganz in seinem Sinne) zu schreiben: hat er doch selbst in Oxford gelehrt, teilweise noch während Tolkiens eigener Lehrtätigkeit, und Tolkiens eigene Fächer. Shippey hatte den Lehrstuhl für Mediävistik an der Universität von Leeds inne, denselben, den Tolkien früher bekleidet hatte. 2001 wurde er mit dem »World Fantasy Award« ausgezeichnet. Shippey lehrt zur Zeit an der Universität von St. Louis, USA.
Bücher von Tom Shippey
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Shippey, TomDer Weg nach Mittelerde. Wie J. R. R. Tolkien »Der Herr der Ringe« schufTom Shippey, Professor für Mediävistik und Tolkien-Experte, führt uns zu den wahren Quellen von Tolkiens Inspiration. zum Buch |
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Shippey, TomJ.R.R. Tolkien - Autor des Jahrhunderts
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