Interview mit Merlin Donald zu seinem neuen Buch »Triumph des Bewusstseins. Die Evolution des menschlichen Geistes«
Donald, Merlin: Triumph des Bewusstseins. Die Evolution des menschlichen Geistes
Die Überlegenheit des sozialen Gehirns
Merlin Donalds brillantes Buch widerlegt die vorherrschenden Theorien derjenigen Naturwissenschaftler und Philosophen, die das menschliche Bewusstsein als Abfallprodukt der Evolution abtun. Für ihn sind es die Kultur und das neuronale System, die das menschliche Bewusstsein zu dem gemacht haben, was es ist. Genau dieser hybride Geist macht den evolutionären Vorsprung des Menschen aus.
Das Interview
1. Es gibt eine große Anzahl an Veröffentlichungen zu den Themen Denken, Gehirn und Bewusstsein. Was macht Ihr Buch in diesem Zusammenhang zu etwas Außergewöhnlichem?
Die meisten Bewusstseinstheorien stellen die menschliche Bewusstheit nicht in den Kontext der Evolution. Ich versuche sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die enormen Unterschiede zwischen dem Bewusstsein der Menschen und dem Bewusstsein der Tiere zu erklären. Das geschieht durch eine mehrstufige Darstellung der evolutionären Entwicklung des heutigen menschlichen Bewusstseins.
Jedenfalls kenne ich keine andere Theorie zum Bewusstsein, die dem Prozess der Enkulturation, also dem Hineinwachsen in die eigene Kultur, eine solch wichtige Rolle zuschreibt. Grundlegend vertrete ich den Standpunkt, dass das menschliche Gehirn viel eingeschränkter ist, als wir glauben und dass wir sein Bewusstseins-Potential nicht losgelöst vom Einfluss der Kultur betrachten können. Außerdem bin ich überzeugt, dass die Kultur das Bewusstsein mit wirkungsvollen Werkzeugen - zum Beispiel der Sprache und anderen symbolischen Mitteln - ausrüstet, die eine qualitative Veränderung in der Natur subjektiver Bewusstheit bewirken.
2. Aus genetischer Sicht gibt es keinen großen Unterschied zwischen dem Gehirn eines Menschen und dem Gehirn eines Menschenaffen. Warum ist das menschliche Denken trotzdem so viel weiter entwickelt als das Denken anderer Arten?
Das ist abhängig von unserem Blickwinkel auf das Genom. Es gibt tatsächlich eine bedeutende Überschneidung zwischen dem menschlichen Genom und dem der Maus, dem eines Fisches oder sogar dem eines Schwamms! Aber es gibt gleichzeitig einige große genetische Unterschiede. Tatsächlich ist jedes einzelne Gen eines menschlichen Genoms verschieden von jedem Gen eines anderen Primaten. Es gibt also viele genetische Unterschiede zwischen uns und den Menschenaffen.
Ich führe die kognitiven Differenzen zwischen Menschen und Menschenaffen auf verschiedene entscheidende Anpassungsschritte zurück, die während der letzten zweieinhalb Millionen Jahre stattgefunden haben. Diese werden detailliert in meinem Buch untersucht und auch in meinem früheren Buch "Origins of the Modern Mind" (Harvard, 1991).
3. Was genau meinen Sie mit Bewusstsein?
Den Zustand der Bewusstheit, also das, was wir erfahren, wenn wir uns nicht im Tiefschlaf oder in einem Koma befinden. Träumen ist eine Art von verändertem Bewusstsein. Tiefschlaf ist die Abwesenheit von Bewusstsein. Ausgehend von dieser grundlegenden Definition der Bewusstheit, können wir dann versuchen, die qualitativen Unterschiede des Bewusstseins sowohl zwischen verschiedenen Arten als auch in verschiedenen Stadien der menschlichen Evolution genauer voneinander abzugrenzen.
4. Sie beschreiben das menschliche Gehirn als ein Hybrid-Produkt. Was meinen Sie damit?
Es ist ein Gemisch aus Biologie und Kultur. Diese besondere Mischung macht den menschlichen Verstand einmalig in der irdischen Biosphäre. Kultur ist so etwas wie ein externer Speicher unserer kollektiven Erinnerung. Gleichzeitig ist sie die Quelle des "epigenetischen Programms", also für aufeinander folgende Neubildungen in der Entwicklung des kindlichen Gehirns. Ohne Kultur entwickeln wir weder Sprache noch irgendeine andere Form symbolischen Denkens, weil das Gehirn von sich aus nicht symbolisch funktioniert. Die Sprache entwickelt sich nicht von selbst in einem menschlichen Gehirn, das isoliert ist von Kultur - das Gehirn bleibt dann gefangen in einem unklaren "episodischen" Geisteszustand.
5. Warum ist die menschliche Kultur so wichtig für unser Denken? Was genau meinen Sie mit Kultur?
Ein wichtiges Merkmal, das die menschliche Kultur ausmacht, ist, dass sie nicht nur sozial ist, sondern von Natur aus auch kognitiv. Wir handeln mit Ideen und beeinflussen unser Denken gegenseitig. Die menschliche Kultur ist ein Gesamtprotokoll des kollektiven Wissens unserer Art. Tatsächlich ist sie eine vielschichtige Ansammlung von Wissensnetzwerken. Wir alle tragen irgendein Bruchstück dieser kollektiven Erfahrung mit uns herum. Außerdem hat die menschliche Kultur einen immensen Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns bei Kindern. Wir haben seit vielen Jahren stichhaltige Beweise für diese Schlussfolgerung, aber bis jetzt ist die Idee in großen Teilen der Sozial- und Geisteswissenschaften noch nicht akzeptiert worden. Trotzdem gab es in der letzten Zeit eine große Entwicklung bei bildgebenden Verfahren zur Darstellung des Gehirns, also zum Beispiel im Bereich der Kernspin-Tomographie. Die neuen Erkenntnisse unterstützen die These des prägenden Einflusses der Kultur auf die Hirnentwicklung. Kultur bewirkt viel mehr, als uns mit besonderen Erfahrungen zu versehen - sie richtet den Geist mit vielen der Werkzeuge ein, die notwendig sind, um klar zu denken.
Aus diesem Grund kann sie auch sehr gefährlich sein. Die Technologie hat die invasive Bedeutung der Kultur zu einer möglicherweise sehr mächtigen Waffe gemacht. Wir müssen genauer darauf achten, wie Technologie und Massenmedien eingesetzt werden.
6. Hat die Fähigkeit des Menschen zu Schreiben und Bücher zu drucken einen großen Beitrag geleistet zur Entwicklung seines Denkens?
Ja, diese Fähigkeit hat viel beigetragen zur Entwicklung unseres Denkens und die Art und Weise verändert, in der wir unsere gemeinsamen kognitiven Aufgaben bewältigen. Geschriebene Dokumente haben ein neuartiges Erinnerungsmedium mit revolutionären Eigenschaften begründet. Sie erlauben nämlich eine Überlegenheit über Raum und Zeit, die Denker und ihre Gedanken aus der Gegenwart erhebt und sie in einen weiten historischen Rahmen stellt, der über das, was im Hier und Jetzt gegeben ist, hinausgeht.
7. Was ist der Unterschied zwischen Ihrer Position und der Position von Wissenschaftlern, die eher im Sinne von biologischer und wissenschaftlicher Forschung argumentieren?
Ich habe in allererster Linie einen Hintergrund als kognitiver Neurowissenschaftler. Mein Buch enthält viel Material aus den Bereichen der Neurobiologie, des komparativen Behaviorismus und der experimentellen Psychologie. Der größte Unterschied zwischen mir und den meisten Spezialisten auf diesen Gebieten ist, dass ich darüber hinaus auch sehr empfänglich für das bin, was in den Bereichen Archäologie, Anthropologie, Psycholinguistik und Sozialwissenschaft passiert. Ich habe versucht, das alles zusammenzufügen. Vielleicht ist das ein sehr ambitioniertes Projekt, aber irgendjemand in jeder Generation sollte es versuchen!
8. Wird sich der menschliche Geist in Zukunft, möglicherweise auf Grund von neuen Kommunikationsmitteln, noch weiter entwickeln?
Das ist möglich und ich schreibe gerade ein Buch über dieses Thema.
9. Ist der heutige Mensch intelligenter als jemand der - sagen wir mal - vor zwei- oder dreitausend Jahren gelebt hat?
Nein. Ganz und gar nicht, wenn man die Sache im Hinblick auf biologisches Potential betrachtet. Wir haben dafür keine Beweise. Trotzdem ist unsere kollektive Intelligenz heute auf erschreckende Weise ausgeprägter, da wir ein massives öffentliches Bezugssystem des Denkens konstruiert haben - Computerwissenschaftler würden von einem erweiterten Netzwerk sprechen -, welches das menschliche Gehirn mit verschiedenen starken symbolischen Techniken zusammenschweißt. Das hat die Art und Weise in der wir Denken, Planen, Entscheidungen treffen und sogar die Realität wahrnehmen revolutioniert.
Das Interview führten Heinz Beyer und Katharina Wilts vom Verlag Klett-Cotta.
Das Buch von Merlin Donald
Donald, Merlin: Triumph des Bewusstseins. Die Evolution des menschlichen Geistes
Die Überlegenheit des sozialen Gehirns
Merlin Donalds brillantes Buch widerlegt die vorherrschenden Theorien derjenigen Naturwissenschaftler und Philosophen, die das menschliche Bewusstsein als Abfallprodukt der Evolution abtun. Für ihn sind es die Kultur und das neuronale System, die das menschliche Bewusstsein zu dem gemacht haben, was es ist. Genau dieser hybride Geist macht den evolutionären Vorsprung des Menschen aus.






